Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Kla­ge­ver­zicht in AGB-Klau­sel des Ar­beit­ge­bers

Ein vor­for­mu­lier­ter Ver­zicht auf ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge in ei­ner Aus­gleichs­quit­tung mit der Über­schrift "Ar­beits­pa­pie­re" ist über­ra­schend und da­her un­wirk­sam: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.09.2014, 2 AZR 788/13

19.01.2015. Mit ei­ner Aus­gleichs­quit­tung be­stä­tigt der Ar­beit­neh­mer den Er­halt sei­ner Ar­beits­pa­pie­re und zu­gleich auch, dass ihm kei­ne An­sprü­che mehr ge­gen den Ar­beit­ge­ber zu­ste­hen.

Manch­mal ent­hält ei­ne Aus­gleichs­quit­tung auch den Ver­zicht des Ar­beit­neh­mers auf Er­he­bung ei­ner Kla­ge, ins­be­son­de­re auf Ein­rei­chung ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge.

Wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor kur­zem be­stä­tigt hat, ist ein vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­ter Ver­zicht auf ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge, der in ei­ne Aus­gleichs­quit­tung mit der Über­schrift "Ar­beits­pa­pie­re" hin­ein­ge­mo­gelt wur­de, ei­ne über­ra­schen­de Klau­sel und au­ßer­dem ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers, wenn die­ser für den Kla­ge­ver­zicht kei­ne Ge­gen­leis­tung be­kommt: BAG, Ur­teil vom 25.09.2014, 2 AZR 788/13.

Können Ausgleichsquittungen Klageverzichtsvereinbarungen enthalten?

Wer als Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses den Emp­fang sei­ner Ar­beits­pa­pie­re bestätigt, d.h. den Er­halt von Ar­beits­be­schei­ni­gung, so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Ab­mel­dung, Zeug­nis und/oder Ur­laubs­be­schei­ni­gung, ris­kiert da­mit nicht viel, denn ei­ne sol­che Emp­fangs­bestäti­gung ist nur ei­ne harm­lo­se Quit­tung.

Ganz an­ders sieht die Sa­che aus, wenn in ei­ner sol­chen Emp­fangs­bestäti­gung zu­gleich die Erklärung ent­hal­ten ist, dass al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis erfüllt sind, denn mit ei­ner sol­che Aus­gleichs­klau­sel ver­nich­tet der Ar­beit­neh­mer of­fe­ne Ansprüche: Soll­ten ihm noch Lohn­ansprüche, Über­stun­den­be­zah­lung oder ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung zu­ste­hen, ge­hen die­se Zah­lungs­ansprüche in­fol­ge der Aus­gleichs­klau­sel un­ter.

Das Be­son­de­re ei­ner Aus­gleichs­quit­tung be­steht dar­in, die­se bei­den Erklärun­gen (harm­lo­se Quit­tung und weit­rei­chen­de Aus­gleichs­klau­sel) mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren. Das macht die Aus­gleichs­quit­tung zu ei­nem ju­ris­ti­schen Pro­blem­kind.

Denn wenn über ei­ner vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­ten und vom Ar­beit­neh­mer ab­ge­zeich­ne­ten Erklärung "Ar­beits­pa­pie­re" oder "Emp­fangs­be­kennt­nis" oder "Quit­tung" steht, soll­te in die­ser Erklärung auch nur das ent­hal­ten sein, was der Über­schrift ent­spricht. An­dern­falls ist die in das Schriftstück hin­ein­ge­schmug­gel­te Aus­gleichs­klau­sel "über­ra­schend" im Sin­ne des Rechts der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB), und über­ra­schen­de Klau­seln wer­den nicht in den Ver­trag ein­be­zo­gen (§ 305c Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB).

In der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zu Aus­gleichs­quit­tun­gen stand al­ler­dings we­ni­ger der über­ra­schen­de Cha­rak­ter von Klau­seln im Vor­der­grund, son­dern ihr ein­sei­tig den Ar­beit­neh­mer be­las­ten­der Cha­rak­ter.

Zum Bei­spiel wur­de ent­schie­den, dass ein Kla­ge­ver­zicht des Ar­beit­neh­mers, den er nach Er­halt ei­ner Kündi­gung in ei­ner Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­rung erklärt, nur bei ei­ner Ge­gen­leis­tung des Ar­beit­ge­bers wirk­sam ist (BAG, Ur­teil vom 06.09.2007, 2 AZR 722/06, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/44 Bei Kündi­gung kein Kla­ge­ver­zicht oh­ne Ge­gen­leis­tung; Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 27.03.2014, 5 Sa 1099/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/169 Ver­zicht auf Kündi­gungs­schutz­kla­ge). Geklärt ist auch, dass ei­ne ein­sei­tig auf Ansprüche des Ar­beit­neh­mers be­zo­ge­ne Aus­gleichs­klau­sel in ei­nem Ab­wick­lungs­ver­trag ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung dar­stellt (BAG, Ur­teil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/005 Auf­he­bungs­ver­trag oh­ne Ab­fin­dung, aber mit Aus­gleichs­klau­sel?).

In dem hier be­spro­che­nen Ur­teil hat das BAG klar­ge­stellt, dass ein Kla­ge­ver­zicht, der in ei­ner mit "Ar­beits­pa­pie­re" über­schrie­be­nen Aus­gleichs­quit­tung ent­hal­ten ist, über­ra­schend ist und da­her recht­lich un­wirk­sam.

Der Fall des BAG: Ausgleichsquittung mit einseitigem Klageverzicht

In dem Fall des BAG war ein Bau­wer­ker nach länge­rer, durch ei­nen Ar­beits­un­fall be­ding­ten Krank­heit or­dent­lich gekündigt wor­den. Ei­nen Kündi­gungs­grund im Sin­ne des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) konn­te der Ar­beit­ge­ber später nicht vor­wei­sen, ob­wohl dem gekündig­ten Bau­ar­bei­ter Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG zu­stand.

Im­mer­hin hat­te sich Ar­beit­ge­ber die Mühe ge­macht, das Kündi­gungs­schrei­ben dem Bau­wer­ker durch ei­nen an­de­ren Mit­ar­bei­ter persönlich aushändi­gen zu las­sen, und zwar in der Woh­nung des Bau­wer­kers. An­geb­lich, so je­den­falls der Ar­beit­ge­ber, soll der gekündig­te Bau­wer­ker bei die­ser Ge­le­gen­heit auch ei­ne Aus­gleichs­quit­tung un­ter­schrie­ben ha­ben, was die­ser be­stritt.

Die Ver­ein­ba­rung trug die Über­schrift "Ar­beits­pa­pie­re" und hat­te fol­gen­den Wort­laut:

"Sehr ge­ehr­ter Herr,

an­bei über­rei­chen wir Ih­nen die un­ten auf­geführ­ten Ar­beits­pa­pie­re mit der Bit­te, uns den Emp­fang durch Ih­re Un­ter­schrift und Rück­ga­be die­ses Schrei­bens zu bestäti­gen.

Hier­mit bestäti­ge ich, fol­gen­de Pa­pie­re ord­nungs­gemäß von der Fir­ma F zurück­er­hal­ten zu ha­ben:

X Lohn­steu­er­kar­te + Lohn­steu­er­be­schei­ni­gung
  So­zi­al­ver­si­che­rungs­ab­mel­dung
  Lohn­zet­tel
 

Lohn­rest­zah­lung (Scheck)

  Ur­laubs­nach­weis
  Kurzaus­wer­tung Ent­fer­nungs-km

Ich (Ar­beit­neh­mer) bestäti­ge, dass ich wei­ter­ge­hen­de Ansprüche aus und in Ver­bin­dung mit dem Ar­beits­verhält­nis und sei­ner Be­en­di­gung nicht mehr ge­gen die Fir­ma F ha­be. Ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge wer­de ich nicht er­he­ben; ei­ne be­reits er­ho­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge wer­de ich un­verzüglich zurück­neh­men. 

Die vor­ste­hen­de Aus­gleichs­quit­tung ha­be ich sorgfältig ge­le­sen und zur Kennt­nis ge­nom­men.

Mag­de­burg 26.04.2011"

Nach­dem das Ar­beits­ge­richt Mag­de­burg durch Ein­ho­lung ei­nes gra­pho­lo­gi­schen Gut­ach­tens (!) zu der Über­zeu­gung ge­kom­men war, dass der Bau­wer­ker die Aus­gleichs­quit­tung un­ter­schrie­ben hat­te, wies es sei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ab (Ur­teil vom 29.11.2011, 9 Ca 1337/11).

Da­ge­gen gab das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen-An­halt dem Ar­beit­neh­mer Recht, da es die Ver­zichts­klau­sel als un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers be­wer­te­te (LAG Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 26.06.2013, 4 Sa 41/12). Es kam da­her aus Sicht des LAG gar nicht mehr dar­auf an, ob der Bau­wer­ker die Erklärung un­ter­zeich­net hat­te oder nicht.

BAG: Ein vorformulierter Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage ohne Gegenleistung in einer Ausgleichsquittung mit der Überschrift "Arbeitspapiere" ist überraschend und unangemessen benachteiligend

Das BAG schloss sich der Mei­nung des LAG Sach­sen-An­halt in al­len Punk­ten an, wo­bei es die Wirk­sam­keit des Kla­ge­ver­zichts aus zwei Gründen ver­nein­te:

Ers­tens war der Kla­ge­ver­zicht über­ra­schend im Sin­ne von § 305c Abs.1 BGB, weil er in AGB des Ar­beit­ge­bers ent­hal­ten war, die die­ser mit "Ar­beits­pa­pie­re" über­schrie­ben hat­te. An­ge­sichts der durch Fett­druck her­vor­ge­ho­be­nen Über­schrift und der (eben­falls fett­ge­druck­ten) An­kreuz-Lis­te mit aus­gehändig­ten Ar­beits­pa­pie­ren muss ein durch­schnitt­li­cher Ar­beit­neh­mer nicht mit ei­ner Kla­ge­ver­zichts­klau­sel rech­nen.

Zwei­tens war die Klau­sel aber auch in­halt­lich nicht in Ord­nung, d.h. sie stell­te ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers dar (§ 307 Abs.1 BGB). Denn, so das BAG un­ter Ver­weis auf sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung:

"Ein for­mu­larmäßiger Kla­ge­ver­zicht oh­ne je­de ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Kom­pen­sa­ti­on - et­wa in Be­zug auf den Be­en­di­gungs­zeit­punkt, die Be­en­di­gungs­art, die Zah­lung ei­ner Ent­las­sungs­entschädi­gung oder den Ver­zicht auf ei­ge­ne Er­satz­ansprüche - ist (...) idR un­zulässig."

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber soll­ten ge­ne­rell kei­ne Aus­gleichs­quit­tun­gen mehr ver­wen­den, da Ver­zichts­erklärun­gen in ei­ner Quit­tung nichts zu su­chen ha­ben. Ar­beit­neh­mer, die sich bei Überg­a­be der Ar­beits­pa­pie­re zu sol­chen Erklärun­gen ha­ben drängen las­sen und auf Ansprüche und/oder das Kla­ge­recht ver­zich­tet ha­ben, soll­ten sich da­von nicht ab­hal­ten las­sen, mit Hil­fe ei­nes An­walts vor Ge­richt zu zie­hen. Denn Aus­gleichs­quit­tun­gen von der Art der hier im Streit­fall ver­wen­de­ten sind das Pa­pier nicht wert, auf dem sie ge­schrie­ben sind.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 21. Mai 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880