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Kün­di­gung we­gen be­ab­sich­tig­ter Be­triebs­schlie­ßung

Die ernst­haf­te Ab­sicht der Be­triebs­still­le­gung ist da­mit ver­ein­bar, dass die ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer wäh­rend der Kün­di­gungs­fris­ten mit Rest­ar­bei­ten be­schäf­tigt wer­den: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 12.01.2017, 5 Sa 51/16

16.03.2017. Be­triebs­schlie­ßun­gen sind mit grö­ße­ren Kün­di­gungs­wel­len ver­bun­den und zie­hen da­her meist Kün­di­gungs­schutz­kla­gen der ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer nach sich.

Sol­che Kla­gen ha­ben in den meis­ten Fäl­len nur sehr ge­rin­ge Er­folgs­aus­sich­ten, vor­aus­ge­setzt, die Ab­sicht der Be­triebs­schlie­ßung ist gut do­ku­men­tiert und wird kon­se­quent um­ge­setzt.

Wie ein ak­tu­el­les Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Rhein­land-Pfalz deut­lich macht, ist die Still­le­gungs­ab­sicht des Ar­beit­ge­bers nicht wi­der­legt, wenn die ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer wäh­rend der Kün­di­gungs­fris­ten Rest­ar­bei­ten er­le­di­gen müs­sen: LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 12.01.2017, 5 Sa 51/16.

Woran zeigt sich die ernsthafte und endgültige Absicht der Betriebsstilllegung?

Wer in ei­nem Be­trieb mit über zehn Mit­ar­bei­tern länger als sechs Mo­na­te ar­bei­tet, ge­nießt Kündi­gungs­schutz nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) und ist da­mit vor or­dent­li­chen Kündi­gun­gen re­la­tiv si­cher. Die­se Si­cher­heit hat al­ler­dings ein En­de, wenn der Ar­beit­ge­ber den Be­trieb schließt.

In die­sem Fall können nämlich al­le Ar­beit­neh­mer (or­dent­lich bzw. frist­gemäß) be­triebs­be­dingt gekündigt wer­den. Denn in­fol­ge der un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung, den Be­trieb still­zu­le­gen, entfällt dau­er­haft jeg­li­cher Ar­beits­be­darf. Dann geht das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Kündi­gung dem In­ter­es­se der Ar­beit­neh­mer an ei­ner wei­te­ren Beschäfti­gung vor. Und auch die So­zi­al­aus­wahl, an der sonst vie­le be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen schei­tern, ist hier kein The­ma, da ja al­le Ar­beit­neh­mer des Be­triebs gekündigt wer­den.

Das gilt so­gar für unkünd­ba­re Ar­beit­neh­mer, die im Fal­le ei­ner Be­triebs­sch­ließung außer­or­dent­lich gekündigt wer­den können, wo­bei der Ar­beit­ge­ber ei­ne Aus­lauf­frist ent­spre­chend der längst-mögli­chen Kündi­gungs­frist gewähren muss.

Er­he­ben gekündig­te Ar­beit­neh­mer in sol­chen Fällen Kündi­gungs­schutz­kla­ge, ha­ben Sie meist schlech­te Kar­ten. Zwei­fel an der Wirk­sam­keit der Kündi­gun­gen können sich aber dar­aus er­ge­ben, dass der Ar­beit­ge­ber die Ar­beit­neh­mer nach Aus­spruch der Kündi­gun­gen Rest­ar­bei­ten ver­rich­ten lässt wie z.B. die Ab­wick­lung of­fe­ner Auf­träge, die De­mon­ta­ge von Ma­schi­nen oder Buch­hal­tungs­ar­bei­ten. Denn sol­che Ar­bei­ten sind den re­gulären be­trieb­li­chen Ar­bei­ten oft sehr ähn­lich. Dann ver­su­chen Ar­beit­neh­mer und ih­re Anwälte, das Ar­beits­ge­richt da­von zu über­zeu­gen, dass der Be­trieb gar nicht still­ge­legt, son­dern in Wahr­heit fort­geführt wer­den soll.

Dann muss der Ar­beit­ge­ber da­ge­gen­hal­ten und dem Ge­richt Nach­wei­se dafür präsen­tie­ren, dass er zur Zeit des Aus­spruchs der Kündi­gun­gen die „ernst­haf­te und endgülti­ge“ Ab­sicht hat­te, den Be­trieb still­zu­le­gen, wenn auch viel­leicht erst in sechs oder neun Mo­na­ten. Doch wie über­zeugt man das Ar­beits­ge­richt ei­ner sol­chen Still­le­gungs­ab­sicht?

Fenster- und Türenhersteller macht 2014 dicht und entlässt alle 62 Mitarbeiter

Im Streit­fall be­schloss ein Fens­ter- und Türen­her­stel­ler im April 2014, sei­nen Be­trieb per En­de 2014 still­zu­le­gen. Hin­ter­grund der Sch­ließung wa­ren schlech­te wirt­schaft­li­che Zah­len so­wie die Tat­sa­che, dass der al­lei­ni­ge Be­triebs­in­ha­ber 72 Jah­re alt war und in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kei­nen Nach­fol­ger ge­fun­den hat­te.

Nach­dem der Be­triebs­in­ha­ber am 22.04.2014 sei­nen Still­le­gungs­ab­sicht do­ku­men­tier­te, er­stat­te­te er am nächs­ten Tag bei der Ar­beits­agen­tur ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge und in­for­mier­te am 25.04.2014 die Be­leg­schaft so­wie auf der In­ter­net­sei­te Kun­den und Lie­fe­ran­ten. Am 29. und 30.04.2014 be­ka­men die Ar­beit­neh­mer dann ih­re frist­gemäßen Kündi­gun­gen. Da kein Be­triebs­rat be­stand, gab es kei­nen So­zi­al­plan und dem­ent­spre­chend auch kei­ne Ab­fin­dungs­ansprüche.

Bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­fris­ten wur­den die Ar­beit­neh­mer noch mit Rest­ar­bei­ten beschäftigt, ins­be­son­de­re mit der Be­ar­bei­tung von vor­han­de­nen Be­stel­lun­gen so­wie von Ga­ran­tiefällen.

Ein 54-jähri­ger Mon­ta­ge­hel­fer er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit in der ers­ten In­stanz kei­nen Er­folg (Ar­beits­ge­richt Ko­blenz, Ur­teil vom 03.12.2015 (5 Ca 1896/14).

LAG Rheinland-Pfalz: Die ernsthafte und endgültige Stilllegungsabsicht wird nicht dadurch widerlegt, dass die Arbeitnehmer während der Kündigungsfristen Restarbeiten erledigen müssen

Auch vor dem LAG Rhein­land-Pfalz hat­te der Mon­ta­ge­hel­fer we­der mit sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge Er­folg noch mit sei­nem hilfs­wei­se ge­stell­ten An­trag, den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung zu ver­ur­tei­len.

Denn nach An­sicht des LAG be­stan­den an der ernst­haf­ten und endgülti­gen Still­le­gungs­ab­sicht des 72-jähri­gen Be­triebs­in­ha­bers zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gun­gen kei­ne Zwei­fel. Wer auf ei­ner Web­sei­te öffent­lich ankündigt, sei­nen Be­trieb zu schließen, meint es da­mit in der Re­gel ernst. Denn wer sei­nen Be­trieb fortführen will, be­kommt ernst­haf­te geschäft­li­che Schwie­rig­kei­ten, wenn er sei­ne Sch­ließungs­ab­sich­ten ge­genüber Kun­den, Lie­fe­ran­ten und Ban­ken öffent­lich be­kannt gibt. Mit die­ser öffent­li­chen Ankündi­gung so­wie mit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge hat­ten die Pla­nun­gen des Ar­beit­ge­bers „greif­ba­re For­men“ an­ge­nom­men.

Dar­an änder­te auch die Tat­sa­che nichts, dass der Ar­beit­ge­ber die Be­leg­schaft während des Laufs der Kündi­gungs­fris­ten wei­ter mit Rest­ar­bei­ten beschäftig­te. Denn da­mit erfüll­te der Ar­beit­ge­ber nur den An­spruch der Ar­beit­neh­mer auf ver­trags­ge­rech­te Beschäfti­gung.

Sch­ließlich hat­te der Ar­beit­neh­mer auch mit sei­ner hilfs­wei­se (für den Fall der Ab­wei­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge) er­ho­be­nen Kla­ge auf Ab­fin­dung kei­nen Er­folg. Denn da es kei­nen Be­triebs­rat und in­fol­ge­des­sen auch kei­nen So­zi­al­plan gab, be­stand kein An­spruch auf Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung.

Fa­zit: Der vor­lie­gen­de Fall macht deut­lich, wie wich­tig die recht­zei­ti­ge Wahl ei­nes Be­triebs­rats im Fal­le ei­ner Be­triebs­still­le­gung für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ist. Zwar kann auch ein Be­triebs­rat die Be­triebs­sch­ließung letzt­lich nicht ver­hin­dern, aber er kann zu Guns­ten sei­ner Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ein So­zi­al­plan durch­set­zen. Gibt der Ar­beit­ge­ber die ge­plan­te Be­triebs­sch­ließung erst ein­mal be­kannt, ist es für die Er­rich­tung ei­nes Be­triebs­rats in al­ler Re­gel zu spät.


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Letzte Überarbeitung: 5. August 2017

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