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Kün­di­gung ei­nes Chef­arz­tes we­gen Ver­schwei­gens ei­ner Straf­tat

Frist­lo­se Kün­di­gung ei­nes Chef­arz­tes, der sei­nem Ar­beit­ge­ber ein Straf­ver­fah­ren ver­heim­licht hat: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 05.12.2011, 7 Sa 524/11
29.03.2012. Ein Chef­arzt lei­tet ei­ne Fach­ab­tei­lung in ei­nem Kran­ken­haus und trägt für sie die al­lei­ni­ge me­di­zi­ni­sche Letzt­ver­ant­wor­tung. Un­ter­stellt ist ein Chef­arzt nur der Kli­nik­lei­tung und das auch nur in nicht-ärzt­li­chen Fra­gen. Da­her ist der gu­te Ruf des Chef­arz­tes eng ver­knüpft mit dem gu­ten Ruf „sei­ner“ Ab­tei­lung und „sei­nes“ Kran­ken­hau­ses.

Chef­arzt­ver­trä­ge ent­hal­ten da­her oft die Ver­pflich­tung des Chef­arz­tes, die Kli­nik­lei­tung früh­zei­tig über Un­ter­su­chun­gen der Po­li­zei oder der Staats­an­walt­schaft, über Miss­stän­de und po­ten­ti­el­le Haf­tungs­fäl­le zu in­for­mie­ren, da­mit sich die Kli­nik­lei­tung auf die da­mit ver­bun­de­ne Ge­fahr ei­ner schlech­ten Pres­se ein­stel­len und dar­auf re­agie­ren kann. Ver­letzt ein Chef­arzt die­se Pflicht, kann dies ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung zur Fol­ge ha­ben: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 05.12.2011, 7 Sa 524/11.

Muss ein Chefarzt der Krankenhausleitung über ein Strafverfahren wegen eines Kunstfehlers informieren?

Wel­che In­for­ma­tio­nen der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer über des­sen "Pri­vat­le­ben" ver­lan­gen darf und was den Ar­beit­ge­ber nichts an­geht, spielt meist nur ei­ne Rol­le im Zu­sam­men­hang mit der Ein­stel­lung. Denn hier sind Ar­beit­ge­ber oft be­son­ders neu­gie­rig, und da­her zie­hen die Ar­beits­ge­rich­te Gren­zen für das Fra­ge­recht beim Ein­stel­lungs­gespräch. So ist es z.B. ver­bo­ten, den Ar­beit­neh­mer oh­ne sach­li­che Ein­schränkun­gen nach (al­len mögli­chen) Vor­stra­fen oder lau­fen­den straf­recht­li­chen Er­mitt­lun­gen zu fra­gen, da nicht al­le Ver­ur­tei­lun­gen oder Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ei­nen Be­zug zu den künf­ti­gen Ar­beits­auf­ga­ben des Stel­len­be­wer­bers ha­ben.

Ei­ne an­de­re Fra­ge ist, ob der Ar­beit­ge­ber darüber hin­aus auch in ei­nem be­reits be­gründe­ten Ar­beits­verhält­nis vom Ar­beit­neh­mer durch ei­ne ent­spre­chen­de Ar­beits­ver­trags­klau­sel ver­lan­gen kann, dass er Aus­kunft über sämt­li­che ge­gen ihn ein­ge­lei­te­te Straf­ver­fah­ren gibt. Da Straf­ver­fah­ren für den Be­trof­fe­nen auch "gut aus­ge­hen" können und da sie erst ein­mal zur Pri­vat­sphäre des Ar­beit­neh­mers gehören, kommt ei­ne so weit­ge­hen­de Of­fen­ba­rungs­pflicht nur bei Ar­beit­neh­mern in Be­tracht, die ei­ne ganz her­aus­ra­gen­de Stel­lung im Be­trieb ha­ben und die­sem da­her in der Öffent­lich­keit "ein Ge­sicht ge­ben".

Ei­ne sol­che Stel­lung hat si­cher­lich ein Chef­arzt, der die von ihm ge­lei­te­te Kran­ken­haus­ab­tei­lung nicht nur lei­tet, son­dern mit sei­nem gu­ten (oder recht­lich an­ge­kratz­ten) Ruf re­präsen­tiert. Aber auch wenn ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Pflicht zur In­for­ma­ti­on der Kli­nik­lei­tung über al­le (mögli­chen) Straf­ver­fah­ren rech­tens wäre: Reicht dann schon ein ein­ma­li­ger Ver­s­toß ge­gen ei­ne sol­che In­for­ma­ti­ons­pflicht für ei­ne außer­or­dent­li­che, frist­lo­se Kündi­gung des Chef­arz­tes aus, auch oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung? Das Hes­si­sches LAG meint ja.

LAG Frankfurt: Verschweigen eines Strafurteils trotz Mitteilungspflicht rechtfertigt die fristlose Kündigung

Ein gynäko­lo­gi­scher Chef­arzt hat­te sich in ei­ner „Erklärung zu Stra­fen und Dis­zi­pli­nar­maßnah­men so­wie zu lau­fen­den Ver­fah­ren“ da­zu ver­pflich­tet, der Kli­nik­lei­tung "von je­dem ge­gen mich ein­ge­lei­te­ten Straf- oder Er­mitt­lungs­ver­fah­ren und je­der ge­richt­li­chen Ver­ur­tei­lung Mit­tei­lung zu ma­chen". Be­reits zum Zeit­punkt der Un­ter­zeich­nung die­ser Erklärung lie­fen ein straf- und ein zi­vil­recht­li­ches Ver­fah­ren we­gen fahrlässi­ger Tötung ei­nes Kin­des während der Ge­burt, da der Chef­arzt zu spät ent­schie­den hat­te, ei­nen Kai­ser­schnitt vor­zu­neh­men.

Im Mai 2010 wur­de er we­gen die­ses Kunst­feh­lers zu ei­ner Schmer­zens­geld­zah­lung von ins­ge­samt 15.000,00 an die El­tern des ver­stor­be­nen Kin­des ver­ur­teilt und im Au­gust straf­ge­richt­lich zu ei­ner Geld­stra­fe von 90 Ta­gessätzen we­gen fahrlässi­ger Tötung. Da­von er­fuhr die Kli­nik­lei­tung erst­mals aus der Zei­tung und kündig­te da­her das Ar­beits­verhält­nis frist­los.

Die Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Chef­arz­tes hat­te vor dem Ar­beits­ge­richt Darm­stadt Er­folg (Ur­teil vom 10.03.2011, 6 Ca 4/10), wur­de dann aber in der Be­ru­fung vom LAG ab­ge­wie­sen. Dem Chef­arzt hätte we­gen der von ihm un­ter­zeich­ne­ten Erklärun­gen klar sein müssen, dass sein Ar­beit­ge­ber bei ei­ner Ver­let­zung der ver­ein­bar­te In­for­ma­ti­ons­pflicht das Ar­beits­verhält­nis so­fort be­en­den würde, so das Ge­richt. Und das ging auch im Streit­fall für das LAG in Ord­nung, weil ein Chef­arzt ei­ne "her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung für die Ent­wick­lung und den Ruf" der von ihm ge­lei­te­ten Kli­nik hat.

Fa­zit: Das Ur­teil ist im Er­geb­nis wohl rich­tig, über­zeugt aber nicht so recht in sei­ner Be­gründung. Denn die strei­ti­ge Ver­pflich­tung war zu weit ge­fasst und da­her als Allgmei­ne Geschäfts­be­din­gung (AGB) des Ar­beit­ge­bers un­wirk­sam. An­de­rer­seits kam es auf die ver­trag­li­che Ver­pflich­tung zur Of­fen­le­gung lau­fen­der Straf­ver­fah­ren recht­lich gar nicht an, denn auch oh­ne ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung ist ein Chef­arzt zur In­for­ma­ti­on sei­nes Ar­beit­ge­bers über lau­fen­de Straf­ver­fah­ren je­den­falls dann ver­pflich­tet, wenn sie Kunst­feh­ler be­tref­fen. Denn sol­che Ver­fah­ren gefähr­den nicht nur den Ruf des Chef­arz­tes, son­dern zu­gleich und un­mit­tel­bar auch den der von ihm ge­lei­te­ten Kli­nik.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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