Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Kün­di­gung we­gen Ex­tre­mis­mus: Wenn die "Frei­zeit" den Job kos­tet

Rechts­ex­tre­mis­mus im öf­fent­li­chen Dienst: Stadt kann Er­zie­her frist­los kün­di­gen: Ar­beits­ge­richt Mann­heim, Ur­teil vom 19.05.2015, 7 Ca 254/14

05.08.2015. Na­tür­lich dür­fen auch Ar­beit­neh­mer im öf­fent­li­chen Dienst in ih­rer Frei­zeit grund­sätz­lich ma­chen was sie wol­len. Da­zu ge­hört, dass sie sich po­li­tisch be­tä­ti­gen und ih­re Mei­nungs­frei­heit (Art.5 Abs.1 Grund­ge­setz - GG) aus­üben kön­nen.

Von der Mei­nungs­frei­heit wer­den im An­satz auch rechts­ra­di­ka­le Äu­ße­run­gen und Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten ge­schützt. Das be­deu­tet wie­der­um, dass der Dienst­herr den Ar­beit­neh­mer we­gen rechts­ra­di­ka­len "Frei­zeit­ver­hal­tens" nicht oh­ne wei­te­res kün­di­gen darf.

Denn für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung müss­te der Ar­beit­neh­mer sei­ne Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag ver­let­zen. Dies ist erst dann der Fall, wenn durch das rechts­ra­di­ka­le "Frei­zeit­ver­hal­ten" be­trieb­li­che Stö­run­gen ver­ur­sacht wer­den. Und auch ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kün­di­gung we­gen feh­len­der Eig­nung ist nur schwer vor Ge­richt zu recht­fer­ti­gen, wenn der Ge­kün­dig­te kei­ne re­prä­sen­tie­ren­den oder mei­nungs­bil­den­den Auf­ga­ben hat wie z.B. ein Leh­rer oder gar ein Schul­di­rek­tor.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Ar­beits­ge­richt Mann­heim die frist­lo­se au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung ei­nes rechts­ex­tre­men Er­zie­hers ab­ge­seg­net, der in ei­nem Hort der Stadt Mann­heim ar­bei­te­te: Ar­beits­ge­richt Mann­heim, Ur­teil vom 19.05.2015, 7 Ca 254/14.

Wann kann ein öffentlicher Arbeitgeber einen rechtsextremen Arbeitnehmer kündigen?

Rechts­ra­di­ka­le Ak­ti­vitäten in der Frei­zeit können Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes ih­ren Job kos­ten. Der Dienst­herr kann aber nicht ein­fach "we­gen Rechts­ra­di­ka­lis­mus" kündi­gen, son­dern braucht ei­nen ju­ris­tisch an­er­kann­ten Grund für die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses.

In Aus­nah­mefällen kann ein sol­cher Grund die An­fech­tung des Ar­beits­ver­trags we­gen „arg­lis­ti­ger Täuschung“ gemäß § 123 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) dar­stel­len, wenn der rechts­ra­di­ka­le Ar­beit­neh­mer bei der Ein­stel­lung Fra­gen zu ver­fas­sungs­feind­li­chen Ak­ti­vitäten be­wusst falsch be­ant­wor­tet hat.

Im Nor­mal­fall spricht der Ar­beit­ge­ber da­ge­gen kei­ne An­fech­tung, son­dern ei­ne Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus.

Ei­ne sol­che Kündi­gung kann ers­tens auf­grund ver­hal­tens­be­ding­ter Gründe er­fol­gen. Dies setzt vor­aus, dass der gekündig­te Ar­beit­neh­mer durch sei­ne rechts­ex­tre­men Äußerun­gen und/oder Ak­ti­vitäten kon­kre­te Störun­gen im Be­trieb ver­ur­sacht hat, z.B. Un­zu­frie­den­heit von „Kun­den“ oder ei­nen Streit un­ter Kol­le­gen. Die­ser Kündi­gungs­grund schei­det da­her aus, wenn sich die rechts­ra­di­ka­len Ak­ti­vitäten al­lein in der Frei­zeit ab­spie­len und des­halb kei­ne Aus­wir­kun­gen auf das Ar­beits­verhält­nis ha­ben.

In Be­tracht kommt zwei­tens ei­ne Kündi­gung aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen, wenn der Rechts­ra­di­ka­le we­gen sei­ner rechts­ex­tre­men Ein­stel­lun­gen und/oder Ak­ti­vitäten für sei­ne Ar­beit nicht mehr persönlich ge­eig­net ist. Die Wirk­sam­keit sol­cher Kündi­gun­gen ist je­doch da­von abhängig, wel­che staat­li­chen Auf­ga­ben der Gekündig­te wahr­nimmt. An Schul­di­rek­to­ren und Leh­rer sind bei­spiels­wei­se höhe­re An­for­de­run­gen in Be­zug auf ih­re po­li­ti­sche Loya­lität zu stel­len als an An­ge­stell­te, die tech­ni­sche Abläufe kon­trol­lie­ren. 

Doch darf ei­ne Stadt auch ei­nem Er­zie­her frist­los kündi­gen, weil er rechts­ra­di­kal ist?

Der Streitfall: Anzeichen für rechte Gesinnung des Erziehers häuften sich und führten schließlich zur fristlosen Kündigung

Der kla­gen­de Er­zie­her war in ei­nem Kin­der­hort der Stadt Mann­heim beschäftigt, in dem er Kin­der im Al­ter von 6 bis 14 Jah­ren be­treu­te. Auf das Ar­beits­verhält­nis wa­ren Ta­rif­re­ge­lun­gen des öffent­li­chen Diens­tes an­wend­bar.

In sei­ner Frei­zeit betätig­te sich der Mann­hei­mer Er­zie­her of­fen rechts­ra­di­kal: Er nahm an NPD-Ver­an­stal­tun­gen teil und trug Klei­dung der Mar­ke Thor St­ei­ner, die als Er­ken­nungs­zei­chen der rechts­ex­tre­men und neo­na­zis­ti­schen Sze­ne gilt.

Darüber hin­aus mach­te der Er­zie­her aus sei­ner Ge­sin­nung auch bei sei­ner Tätig­keit im Hort kein Ge­heim­nis: So stell­te er auf sei­ner Face­book-Sei­te Ge­walt­sze­nen mit Kin­der­spiel­zeug aus dem Kin­der­haus nach und be­wahr­te in sei­nem Spind ei­nen Base­ball­schläger aus der Hoo­li­gan­sze­ne auf. Ein­mal äußer­te er sich so­gar ge­genüber ei­ner Ar­beits­kol­le­gin über ei­nen Jun­gen im Hort :"Wenn es mein Sohn wäre, dann würde er Sprin­ger­stie­fel tra­gen und ei­ne ro­te Bin­de am Arm."

Die Stadt Mann­heim kündig­te dem Er­zie­her dar­auf­hin außer­or­dent­lich und frist­los aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen zum 23.05.2014, da die­ser auf­grund sei­ner rechts­ra­di­ka­len Ein­stel­lung und Ak­ti­vitäten nicht für die Be­treu­ung von Kin­dern ge­eig­net sei. Der rechts­ra­di­ka­le Er­zie­her er­hob dar­auf­hin Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

Arbeitsgericht Mannheim: Stadt war nicht zumutbar, den Erzieher noch einen Tag länger einzusetzen

Das Ar­beits­ge­richt Mann­heim hat sich der Mei­nung der Stadt Mann­heim an­ge­schlos­sen und die Kla­ge des Er­zie­hers ge­gen die Kündi­gung ab­ge­wie­sen. In der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des Ge­richts heißt es zur Be­gründung:

Der Stadt Mann­heim war es auf­grund der feh­len­den Eig­nung des Klägers für die Tätig­keit ei­nes Hor­ter­zie­hers nicht zu­mut­bar, den Kläger auch nur ei­nen Tag länger in der Kin­der­be­treu­ung ein­zu­set­zen. Da­her war die frist­lo­se Kündi­gung aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen ge­recht­fer­tigt, so das Ge­richt.

Denn im öffent­li­chen Dienst kann sich ein Eig­nungs­man­gel für die ge­schul­de­te Tätig­keit aus be­gründe­ten Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­treue er­ge­ben, wenn durch den Loya­litäts­ver­s­toß ei­ne kon­kre­te Störung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein­ge­tre­ten ist.

Das Ge­richt ging zu­dem auf­grund der Tätig­keit des Ar­beit­neh­mers als Er­zie­her von ei­ner ge­stei­ger­ten Loya­litäts­pflicht ge­genüber dem Staat aus. Denn der Er­zie­her be­treu­te in dem Kin­der­hort zahl­rei­che Kin­der im Al­ter von 6 bis 14 Jah­ren und war da­her in ei­nem be­son­ders sen­si­blen Be­reich tätig.

Ge­ra­de in so ei­nem sen­si­blen Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes kann von den Ar­beit­neh­mern ei­ne ge­stei­ger­te Treue zu den Grundsätzen der frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Ord­nung er­war­tet wer­den, die sich so­wohl auf den dienst­li­chen als auch auf den außer­dienst­li­chen Be­reich er­streckt. Durch sei­nen Ar­beits­ver­trag hat der Er­zie­her die ge­stei­ger­te Treue­pflicht ak­zep­tiert.

Fa­zit: Kin­der­er­zie­hung stellt ei­ne sehr sen­si­ble Be­rufs­spar­te dar. Ar­beit­neh­mer mit of­fen­kun­dig rechts­ex­tre­mer Ge­sin­nung müssen da­her mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung rech­nen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­lich. Das vollständi­ge Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

Bewertung: Kün­di­gung we­gen Ex­tre­mis­mus: Wenn die "Frei­zeit" den Job kos­tet 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880