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Kün­di­gung we­gen HIV-In­fek­ti­on wirk­sam

Kün­di­gung ei­nes phar­ma­zeu­tisch-tech­ni­schen As­sis­ten­ten in der Pro­be­zeit we­gen HIV-In­fek­ti­on wirk­sam: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 13.01.2012, 6 Sa 2159/11

13.01.2012. Wäh­rend der ers­ten sechs Mo­na­te des Ar­beits­ver­hält­nis­ses be­steht Kün­di­gungs­frei­heit, d.h. der Ar­beit­ge­ber braucht für ei­ne Kün­di­gung, die er wäh­rend die­ser Zeit aus­spricht (sog. "War­te­zeit­kün­di­gung" oder "Pro­be­zeit­kün­di­gung"), kei­nen Grund.

Aus­nahms­wei­se kann ei­ne Kün­di­gung wäh­rend der ers­ten sechs Mo­na­te des Ar­beits­ver­hält­nis­ses aber trotz­dem un­wirk­sam sein, z.B. wenn sie ge­gen "Treu und Glau­ben" ver­stöß (§ 242 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch - BGB) oder ge­gen die "gu­ten Sit­ten" (§ 138 BGB) oder wenn sie auf ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den Mo­ti­va­ti­on des Ar­beit­ge­bers be­ruht und da­her ge­gen das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­stößt.

Al­ler­dings ist es für den ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer ex­trem schwer, das Ge­richt im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess von der Un­wirk­sam­keit ei­ner War­te­zeit­kün­di­gung zu über­zeu­gen, denn hier trägt der Ar­beit­neh­mer die Be­weis­last für das Vor­lie­gen ei­nes der o.g. Un­wirk­sam­keits­grün­de, wäh­rend es nach Ab­lauf von sechs Mo­na­ten um­ge­kehrt ist:

Dann trägt der Ar­beit­ge­ber die Dar­le­gungs- und Be­weis­last da­für, dass sei­ne Kün­di­gung den An­for­de­run­gen des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) ent­spricht, denn nach sechs Mo­na­ten greift das KSchG ein (§ 1 Abs.1 KSchG), falls der Ar­beit­ge­ber mehr als zehn Ar­beit­neh­mer be­schäf­tigt.

Vor die­sem Hin­ter­grund gibt es kaum Fäl­le, in de­nen Ar­beit­neh­mer den ge­richt­li­chen Streit um die Wirk­sam­keit ei­ner Pro­be­zeit­kün­di­gung ein­mal für sich hat ent­schei­den kön­nen. Die recht­li­chen Hür­den, die hier vor Ge­richt neh­men sind, sind ein­fach zu hoch. So lag es auch in ei­nem heu­te vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­de­nen Fall.

Hier ging es um die Kün­di­gung ei­nes phar­ma­zeu­tisch-tech­ni­schen As­sis­ten­ten mit HIV-In­fek­ti­on, die wäh­rend der ers­ten sechs Mo­na­te des Ar­beits­ver­hält­nis­ses aus­ge­spro­chen wor­den war. Die Kün­di­gung hat­te der Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­chen, nach­dem er von der HIV-In­fek­ti­on des Ar­beit­neh­mers er­fah­ren hat­te. Die­ser klag­te da­ge­gen mit dem Ar­gu­ment, er sei durch die Kün­di­gung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung dis­kri­mi­niert wor­den, wes­halb die Kün­di­gung un­wirk­sam sei. Au­ßer­dem ver­lang­te er ei­ne Gel­dent­schä­di­gung von drei Mo­nats­ge­häl­tern.

Das in ers­ter In­stanz mit dem Fall be­fass­te Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat­te die Kla­ge be­reits ab­ge­wie­sen (Ur­teil vom 21.07.2011, 17 Ca 1102/11, vgl. da­zu die Pres­se­mel­dung des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 05.08.2011), weil es mein­te, die blo­ße HIV-In­fek­ti­on füh­re nicht zu ei­ner Be­ein­träch­ti­gung der Er­werbs­fä­hig­keit und sei da­her kei­ne Be­hin­de­rung im Rechts­sin­ne.

Dar­über hin­aus hat­te der Ar­beit­ge­ber, ein Arz­nei­mit­tel­pro­du­zent, sach­li­che Grün­de für die Kün­di­gung an­ge­führt. Denn er hat­te ent­spre­chend ge­setz­li­chen Vor­ga­ben all­ge­mein fest­ge­legt, dass in sei­nem Be­trieb bei der Arz­nei­mit­tel­her­stel­lung (im "Rein­be­reich") nie­mand ein­ge­setzt wird, der an ei­ner an­ste­cken­den Krank­heit lei­det oder of­fe­ne Ver­let­zun­gen an un­be­deck­ten Kör­per­tei­len auf­weist.

Die­ser Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Ber­lin hat sich das in der Be­ru­fungs­in­stanz zu­stän­di­ge LAG Ber­lin-Bran­den­burg heu­te an­ge­schlos­sen. Auch das LAG mein­te, die strei­ti­ge Kün­di­gung sei wirk­sam und die Kla­ge auf Ent­schä­di­gung we­gen ei­nes Ver­sto­ßes ge­gen das AGG un­be­grün­det.

So­weit der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des LAG vom heu­ti­gen Ta­ge zu ent­neh­men ist, stützt sich das LAG auf fol­gen­de Über­le­gun­gen: Die Kün­di­gung ist aus Sicht des LAG nicht will­kür­lich und ver­stößt des­halb nicht ge­gen den Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB). Dem Ar­beit­ge­ber kann es laut LAG nicht ver­bo­ten wer­den, für die Me­di­ka­men­ten­her­stel­lung all­ge­mein den Ein­satz er­krank­ter Ar­beit­neh­mer aus­zu­schlie­ßen.

Die Ent­schei­dung, ei­nen dau­er­haft mit dem HI-Vi­rus in­fi­zier­ten Ar­beit­neh­mer zu ent­las­sen, ist auf die­ser Grund­la­ge nicht zu be­an­stan­den, so das LAG. Da auf das Ar­beits­ver­hält­nis das KSchG kei­ne An­wen­dung fand, kam es auf die so­zia­le Recht­fer­ti­gung der Kün­di­gung auf der Grund­la­ge von § 1 KSchG nicht an, d.h. ei­ne wei­ter­ge­hen­de ("po­si­ti­ve") Be­grün­dung für die Kün­di­gung muss­te der Ar­beit­ge­ber nicht lie­fern.

Kon­se­quen­ter­wei­se hat das LAG dann auch die Kla­ge auf Gel­dent­schä­di­gung we­gen an­geb­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung ab­ge­wie­sen. Da­bei ließ das LAG of­fen, ob nun die HIV-In­fek­ti­on als sol­che schon ei­ne Be­hin­de­rung im Sin­ne des AGG dar­stellt oder nicht, und ob der phar­ma­zeu­tisch-tech­ni­sche As­sis­tent des­halb im Ver­gleich zu an­de­ren er­krank­ten Ar­beit­neh­mern we­ni­ger güns­tig be­han­delt wor­den war.

Denn auch im Fal­le ei­ner be­hin­de­rungs­be­ding­ten Schlech­ter­stel­lung des Klä­gers wä­re die­se sach­lich ge­recht­fer­tigt und da­her letzt­lich kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung, und zwar "we­gen des In­ter­es­ses des Ar­beit­ge­bers, jed­we­de Be­ein­träch­ti­gung der Me­di­ka­men­ten­her­stel­lung durch er­krank­te Ar­beit­neh­mer aus­zu­schlie­ßen".

Klei­nes Trost­pflas­ter für den Klä­ger: Das LAG hat die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de schrift­lich ab­ge­fasst und ver­öf­fent­licht. Die Ent­schei­dungs­grün­de fin­den Sie im Voll­text hier:‎

Hin­weis: En­de 2013 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den und das Ur­teil des LAG Ber­lin-Bran­den­burg auf­ge­ho­ben. In­for­ma­tio­nen zum BAG-Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 29. April 2016

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