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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung: Personenbedingt, Rechtsradikaler
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 2 AZR 372/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 06.09.2012
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg - Kammern Mannheim, Urteil vom 26.01.2011 - 19 Sa 67/10
Arbeitsgericht Karlsruhe, Urteil vom 10.03.2010 - 4 Ca 403/09
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


2 AZR 372/11
19 Sa 67/10
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
6. Sep­tem­ber 2012

UR­TEIL

Frei­tag, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

be­klag­tes, be­ru­fungs­be­klag­tes und re­vi­si­ons­be­klag­tes Land,

hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 6. Sep­tem­ber 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ber­ger und Dr. Rinck so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Grim­berg und Wolf für Recht er­kannt:
 


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Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg - Kam­mern Mann-heim - vom 26. Ja­nu­ar 2011 - 19 Sa 67/10 - wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.


Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung.

Der 1982 ge­bo­re­ne Kläger war seit Au­gust 2003 bei dem be­klag­ten Land als Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ter in der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on K (OFD) tätig. Auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me fand auf das Ar­beits­verhält­nis zu­letzt der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder vom 12. Ok­to­ber 2006 (TV-L) An­wen­dung.

Seit dem Jahr 2004 war der Kläger im Druck- und Ver­sand­zen­trum der OFD ein­ge­setzt. Dort wer­den sämt­li­che im Zuständig­keits­be­reich der OFD an­fal­len­den Be­schei­de und Schrei­ben (et­wa Steu­er- und Bei­hil­fe­be­schei­de so­wie Lohn- und Ge­halts­ab­rech­nun­gen) mit­tels elek­tro­nisch ge­steu­er­ter Abläufe aus­ge­druckt. Außer­dem be­ar­bei­tet das Zen­trum Druck­aufträge von Kun­den außer­halb der Fi­nanz­ver­wal­tung. Der Kläger war ua. zuständig für die Pla­nung, Steue­rung und Über­wa­chung der Druck­abläufe.


Im Au­gust 2007 be­rich­te­te das Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz erst­mals über „rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ak­ti­vitäten“ des Klägers. Mit Blick hier­auf mahn­te das be­klag­te Land den Kläger im Ok­to­ber 2007 ab. Nach­dem ihm zu­ge­tra­gen wor­den war, dass der Kläger im No­vem­ber 2007 an ei­ner von der NPD ab­ge­hal­te­nen Ge­denk­ver­an­stal­tung teil­ge­nom­men hat­te, kündig­te es das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Schrei­ben vom 8. Mai 2008 außer­or­dent­lich



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frist­los. Die Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Klägers war er­folg­reich (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 -).

Mit Schrei­ben vom 13. Ju­li 2009 be­rich­te­te das Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz der OFD über wei­te­re Ak­ti­vitäten des Klägers „in der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Sze­ne“. Da­bei han­delt es sich aus­nahms­los um „News­let­ter“, die die­ser in der ers­ten Hälf­te des Jah­res 2009 un­ter Ab­sen­deadres­sen des NPD-Kreis­ver­bands K oder der JN mit Zu­satz sei­nes Na­mens über das In­ter­net ver­brei­te­te. Un­ter an­de­rem wies der Kläger mit „News­let­ter“ vom 11. Ju­ni 2009 auf ei­ne ge­plan­te De­mons­tra­ti­on der JN am 17. Ju­ni 2009 in H hin. Dort heißt es aus­zugs­wei­se:


Be­treff: JN-De­mons­tra­ti­on in H ...

17. Ju­ni - Ein Volk steht auf und kämpft sich frei - Zeit ei­nen neu­en Auf­stand zu wa­gen!

Man mag es kaum wahr­neh­men oder ver­spüren, auch heu­te noch gibt es Leu­te, die sich ge­gen die Dok­trin des Staa­tes weh­ren, ge­nau wie im Frühsom­mer 1953: Im Ju­ni `53 nämlich ent­schloss sich die schaf­fen­de Bevölke­rungs­schicht, die von der ein­ge­setz­ten DDR-Re­gie­rung stets und ständig erhöhten Ar­beits­norm­for­de­run­gen nicht länger zu er­tra­gen. ...

Auch heu­te wie­der wehrt sich das Volk ge­gen Lohn- und Ar­beits­drücker­ban­den, nur sind es heu­te die des glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus, die die schaf­fen­den Men­schen aus­beu­ten und un­ter­drücken. ...

Wir weh­ren uns, vor al­lem als Deut­sche, ge­gen die Mei­nungs­dik­ta­tur über den Frei­heits­drang nach Un­abhängig­keit und Sou­veränität des Deut­schen Vol­kes. ..., auch heu­te noch gibt es mehr als ge­nug Ge­sin­nungs­schnüff­ler, in­ner­halb des Re­gimes BRD, de­ren Tätig­keit heu­te ge­nau die sel­be ist, wie zu Zei­ten der DDR: Sie sol­len im Auf­trag des Staa­tes Op­po­si­tio­nel­le und ‚Quer­den­ker’ aus­ma­chen und ver­ra­ten. Dies ge­schieht vor al­lem des­halb, weil auch die BRD, ..., Angst da­vor ha­ben könn­te, das Volk er­hebt sich ei­nes Ta­ges er­neut ge­gen den Al­les über Al­les raf­fen­den und volks­ver­ra­ten­den Staat und de­ren Hand­lan­ger. ... Die fett­ge­fres­se­nen Bon­zen ha­ben Angst da­vor, das Volk könn­te bei ei­nem er­neu­ten Volks­auf­stand er­folg­reich sein und sich das Recht auf Selbst­be­stim­mung er­neut er­obern wol­len. In die­sem Fal­le nämlich, wäre die bürger­li­che Re­vo­lu­ti­on er­folg­reich, so könn­te es gut möglich er­schei­nen, dies­mal wären To­de nicht bei den
 


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De­mons­tran­ten, son­dern viel­mehr bei der eta­blier­ten Mei­nungs­dik­ta­to­ren zu ver­zeich­nen. - Dem Volk wär’s recht, - Haupt­sa­che nur, das Volk erfährt den Wil­len des Vol­kes und nicht den der Obe­ren Zehn­tau­send. - Hoch­mut kommt eben vor dem Fall, lie­be Ge­nos­sen der Bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Po­li­tik­an­stal­ten und Mei­nungs­fa­bri­ken.

Hof­fen wir mal, die nächs­te Re­vo­lu­ti­on verläuft er­folg­rei­cher. In die­sem Sin­ne: Volk steh auf, kämpf dich frei!

Da­her: Wer­te Ka­me­ra­den und Ka­me­ra­din­nen, In­ter­es­sier­te, Geg­ner von Un­recht und Un­ter­drückung, Ver­folg­te des BRD- und DDR Re­gimes, in­ter­es­sier­te Bürger – Kommt zahl­reich, setzt ein deut­li­ches Zei­chen ge­gen Un­ter­drückung und Mei­nungs­ma­che­rei. Ge­denkt zu­gleich mit uns der To­ten des Auf­stan­des in der DDR.

...“

Dar­auf­hin kündig­te das be­klag­te Land das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Schrei­ben vom 16. Sep­tem­ber 2009 or­dent­lich zum 31. De­zem­ber 2009.


Da­ge­gen er­hob der Kläger frist­ge­recht die vor­lie­gen­de Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment recht­fer­ti­ge die neu­er­li­che Kündi­gung nicht. Er ha­be sich mehr­fach aus­drück­lich zur frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung des Grund­ge­set­zes be­kannt. Eben­so we­nig ha­be er Ak­ti­vitäten ent­fal­tet, die ge­gen den Be­stand der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ih­rer ver­fas­sungsmäßigen Ord­nung ge­rich­tet sei­en. Das gel­te auch für den „News­let­ter“ vom 11. Ju­ni 2009. Der hierüber ver­brei­te­te De­mons­tra­ti­ons­auf­ruf war­ne le­dig­lich vor der Ge­fahr sich dy­na­mi­sie­ren­der De­mons­tra­tio­nen, de­ren Fol­gen nicht mehr be­herrsch­bar sei­en. Die Erklärun­gen sei­en ins­ge­samt Aus­druck des po­li­ti­schen Mei­nungs­kampfs und un­terstünden dem Schutz der Mei­nungs­frei­heit. Über­dies ha­be er den De­mons­tra­ti­ons­auf­ruf nicht ver­fasst, son­dern le­dig­lich für des­sen „tech­ni­sche“ Ver­brei­tung ge­sorgt. Da­mit könne sein - über­dies außer­dienst­li­ches - Ver­hal­ten kein Grund für ei­ne Kündi­gung sein.
 


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Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt 


fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en

durch die Kündi­gung des be­klag­ten Lan­des vom 16. Sep­tem­ber 2009 nicht auf­gelöst wor­den ist.

Das be­klag­te Land hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Es hat gel­tend ge­macht, die Kündi­gung sei zu­min­dest aus Gründen in der Per­son des Klägers ge­recht­fer­tigt. Des­sen po­li­ti­sche Ak­ti­vitäten zeig­ten, dass er das nach § 3 Abs. 1 TV-L er­for­der­li­che Min­dest­maß an Ver­fas­sungs­treue nicht auf­brin­ge. Un­abhängig von sei­ner Mit­glied­schaft in der NPD agie­re er selbst ver­fas­sungs-feind­lich. Deut­li­cher Be­leg dafür sei sein Ver­hal­ten im Zu­sam­men­hang mit dem De­mons­tra­ti­ons­auf­ruf für den 17. Ju­ni 2009. Des­sen Ver­fas­ser be­kun­de­ten ih­re di­rek­te Sym­pa­thie für ei­nen Auf­stand des Vol­kes zur Be­sei­ti­gung des Staa­tes un­ter In­k­auf­nah­me von To­ten. Die­se Aus­sa­gen ha­be sich der Kläger zu ei­gen ge­macht, in­dem er den Auf­ruf ver­brei­tet ha­be. In An­be­tracht des­sen sei er für ei­ne Tätig­keit im Druck­zen­trum der OFD un­ge­eig­net.

Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sein Be­geh­ren wei­ter.


Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Die Kündi­gung vom 16. Sep­tem­ber 2009 ist wirk­sam. Sie hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist auf­gelöst.

I. Dem be­klag­ten Land ist es trotz der rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung im Vor­pro­zess nicht ver­wehrt, die Kündi­gung auf außer­dienst­li­che Ak­ti­vitäten des Klägers für die NPD und/oder de­ren Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on zu stützen. Das gilt auch, so­weit es sich - wie schon im Vor­pro­zess - dar­auf be­ruft, dem Kläger feh­le es an­ge­sichts sei­ner un­zu­rei­chen­den Ver­fas­sungs­treue an der für sei­ne Tätig­keit er­for­der­li­chen Eig­nung.
 


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1. Ei­ne Kündi­gung kann nicht er­folg­reich auf Gründe gestützt wer­den, die der Ar­beit­ge­ber schon zur Be­gründung ei­ner vor­her­ge­hen­den Kündi­gung vor­ge­bracht hat und die in dem ers­ten Kündi­gungs­schutz­pro­zess mit dem Er­geb­nis ma­te­ri­ell ge­prüft wor­den sind, dass sie die Kündi­gung nicht tra­gen. Mit ei­ner Wie­der­ho­lung der frühe­ren Kündi­gung ist der Ar­beit­ge­ber dann aus­ge­schlos­sen (BAG 8. No­vem­ber 2007 - 2 AZR 528/06 - Rn. 20 ff. mwN, EzA BGB 2002 § 626 Nr. 19). Ei­ne Präklu­si­ons­wir­kung in die­sem Sin­ne ent­fal­tet die Ent­schei­dung über die frühe­re Kündi­gung al­ler­dings nur bei iden­ti­schem Kündi­gungs­sach­ver­halt. Hat sich die­ser we­sent­lich geändert, darf der Ar­beit­ge­ber ein wei­te­res Mal kündi­gen (BAG 26. No­vem­ber 2009 - 2 AZR 272/08 - Rn. 19, BA­GE 132, 299). Das gilt auch, wenn es sich um ei­nen sog. Dau­er­tat­be­stand han­delt. Ein an­de­rer Kündi­gungs­sach­ver­halt liegt auch in die­sem Fall vor, wenn sich die tatsächli­chen Umstände, aus de­nen der Ar­beit­ge­ber den Kündi­gungs­grund ab­lei­tet, we­sent­lich verändert ha­ben.


2. Da­nach stellt die or­dent­li­che Kündi­gung vom 16. Sep­tem­ber 2009 kei­ne Wie­der­ho­lung der frühe­ren Kündi­gung dar. Das be­klag­te Land stützt sie maßgeb­lich auf ein Ver­hal­ten des Klägers nach der Kündi­gung vom 8. Mai 2008. So­weit es ein­zel­ne von des­sen Ak­ti­vitäten be­reits in den Vor­pro­zess ein­geführt hat­te, un­ter­la­gen sie dort mit Blick auf den maßgeb­li­chen Be­ur­tei­lungs­zeit­punkt kei­ner ma­te­ri­ell-recht­li­chen Über­prüfung (vgl. BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 65, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10). Die der OFD als kündi­gungs­be­rech­tig­ter Stel­le erst­mals durch Schrei­ben des Lan­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz vom 13. Ju­li 2009 be­kannt­ge­wor­de­ne Ver­brei­tung des „News­let­ter“ vom 11. Ju­ni 2009 war nicht Ge­gen­stand des Vor­pro­zes­ses.

II. Die Ver­brei­tung des „News­let­ter“ vom 11. Ju­ni 2009 zeigt, dass der Kläger das für sei­ne Tätig­keit im Druck- und Ver­sand­zen­trum der OFD un­ab­ding­ba­re Maß an Ver­fas­sungs­treue nicht auf­bringt. Die or­dent­li­che Kündi­gung vom 16. Sep­tem­ber 2009 ist da­mit - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt hat - je­den­falls aus Gründen in der Per­son des Klägers so­zi­al ge­recht­fer­tigt iSv. § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG.
 


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1. Nach der im Streit­fall an­wend­ba­ren Ta­rif­re­ge­lung des § 3 Abs. 1 Satz 2 TV-L (zu­vor: § 8 Abs. 1 Satz 2 BAT) sind die Beschäftig­ten des be­klag­ten Lan­des ver­pflich­tet, sich durch ihr ge­sam­tes Ver­hal­ten zur frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung des Grund­ge­set­zes zu be­ken­nen. Die Re­ge­lung nor­miert für Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes ei­ne be­son­de­re po­li­ti­sche Loya­litäts­pflicht (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 24 ff. mwN, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10). Sie kon­kre­ti­siert in­so­weit die al­len Ar­beit­neh­mern ob­lie­gen­de Pflicht aus § 241 Abs. 2 BGB, auf die be­rech­tig­ten be­trieb­li­chen In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers in zu­mut­ba­rer Wei­se Rück­sicht zu neh­men (vgl. Spo­ner/St­ein­herr TV-L Stand Ja­nu­ar 2013 § 3 Rn. 10).


2. § 3 Abs. 1 Satz 2 TV-L mit sei­nen all­ge­mein ge­hal­te­nen For­mu­lie­run­gen kann al­ler­dings nicht so ver­stan­den wer­den, dass al­le Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes ei­ner be­am­tenähn­li­chen und da­mit ge­stei­ger­ten Treue­pflicht un­terlägen (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 26 mwN, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10). Das Maß der ei­nem Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes ab­zu­ver­lan­gen­den Loya­lität ge­genüber der Ver­fas­sung be­stimmt sich viel­mehr - bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung der Ta­rif­vor­schrift - nach der Stel­lung und dem Auf­ga­ben­kreis, der dem Beschäftig­ten laut Ar­beits­ver­trag über­tra­gen ist (sog. Funk­ti­ons­theo­rie, BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 29 mwN, aaO). Die­ser schul­det le­dig­lich ein sol­ches Maß an po­li­ti­scher Loya­lität, das für die funk­ti­ons­ge­rech­te Ver­rich­tung sei­ner Tätig­keit un­ver­zicht­bar ist. Auch Ar­beit­neh­mer, die nur ei­ne „ein­fa­che“ po­li­ti­sche Treue­pflicht trifft, müssen aber ein Min­dest­maß an Ver­fas­sungs­treue in­so­weit auf­brin­gen, als sie nicht dar­auf aus­ge­hen dürfen, den Staat, die Ver­fas­sung oder de­ren Or­ga­ne zu be­sei­ti­gen, zu be­schimp­fen oder verächt­lich zu ma­chen (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 29, aaO; zur Un­zu­mut­bar­keit der Wei­ter­beschäfti­gung ei­nes Ju­gend- und Aus­zu­bil­den­den­ver­tre­ters in ei­nem sol­chen Fall: OVG Lüne­burg 12. De­zem­ber 2007 - 17 LP 4/06 - Rn. 42, PersR 2008, 324). Das gilt glei­cher­maßen für den dienst­li­chen wie den außer­dienst­li­chen Be­reich. Auch außer­halb ih­rer Ar­beits­zeit sind Beschäftig­te des öffent­li­chen Diens­tes ver­pflich­tet, sich ih­rem Ar­beit­ge­ber ge­genüber loy­al zu ver­hal­ten und auf des­sen be­rech­tig­te In­te­gritätsin­ter­es­sen in zu­mut­ba­rer Wei­se Rück­sicht zu
 


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neh­men (BAG 28. Ok­to­ber 2010 - 2 AZR 293/09 - Rn. 19, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 62 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 78).


3. Han­delt ein Ar­beit­neh­mer die­sen An­for­de­run­gen zu­wi­der, kann dies ein Grund für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te - außer­or­dent­li­che oder or­dent­li­che - Kündi­gung sein, wenn durch den Loya­litäts­ver­s­toß ei­ne kon­kre­te Störung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein­ge­tre­ten ist, sei es im Leis­tungs­be­reich, im Be­reich der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit al­ler Mit­ar­bei­ter, im per­so­na­len Ver­trau­ens­be­reich oder im behörd­li­chen Auf­ga­ben­be­reich (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 22 mwN, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10; Preis/Stof­fels RdA 1996, 210, 221). Ob ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung iSv. § 1 Abs. 2 Satz 1 Alt. 2 KSchG schon dann ge­recht­fer­tigt sein kann, wenn kon­kre­te Umstände den Ein­tritt ei­ner der­ar­ti­gen Störung im per­so­na­len Ver­trau­ens­be­reich zu­min­dest wahr­schein­lich ma­chen (zur Pro­ble­ma­tik: Pol­zer/ Po­wietz­ka NZA 2000, 970, 973; Preis/Stof­fels RdA 1996, 210, 221) und ob sich hierfür aus dem Vor­trag des be­klag­ten Lan­des hin­rei­chen­de An­halts­punk­te er­ge­ben, kann da­hin­ste­hen. Die nach der ers­ten Kündi­gung ent­fal­te­ten Ak­ti­vitäten des Klägers für die NPD und/oder de­ren Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on be­gründen - un­abhängig von ei­ner mögli­chen Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der Or­ga­ni­sa­tio­nen - er­heb­li­che und be­rech­tig­te Zwei­fel an sei­ner Ver­fas­sungs­treue. Die Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, an­ge­sichts die­ser Zwei­fel feh­le dem Kläger die für die ver­trag­lich ge­schul­de­te Tätig­keit er­for­der­li­che Eig­nung, ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den. Da­mit ist die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung je­den­falls durch Gründe in der Per­son des Klägers iSd. § 1 Abs. 2 Satz 1 Alt. 1 KSchG be­dingt.


a) Mit der Be­fug­nis zur per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung wird dem Ar­beit­ge­ber die Möglich­keit eröff­net, das Ar­beits­verhält­nis auf­zulösen, wenn der Ar­beit­neh­mer die er­for­der­li­che Eig­nung oder Fähig­keit nicht (mehr) be­sitzt, die ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung ver­trags­ge­recht zu erfüllen (BAG 10. Sep­tem­ber 2009 - 2 AZR 257/08 - Rn. 20, BA­GE 132, 72; 23. Ok­to­ber 2008 - 2 AZR 483/07 - Rn. 44, AP BGB § 626 Nr. 218). Im öffent­li­chen Dienst kann sich ein - nicht
 


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be­heb­ba­rer - Eig­nungs­man­gel aus be­gründe­ten Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­treue des Ar­beit­neh­mers er­ge­ben. § 3 Abs. 1 Satz 2 TV-L legt zwar in ers­ter Li­nie Ver­hal­ten­s­an­for­de­run­gen fest. Die Re­ge­lung be­schreibt aber zu­gleich das not­wen­di­ge Maß an Ver­fas­sungs­treue, das ein Ar­beit­neh­mer im öffent­li­chen Dienst mit­brin­gen muss, um sei­ne Ar­beits­auf­ga­ben ver­trags­ge­recht zu erfüllen; mit die­sen An­for­de­run­gen ist die Ver­fas­sungs­treue Be­stand­teil des Be­griffs „Eig­nung“ in Art. 33 Abs. 2 GG (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 23, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10; 27. Ju­li 2005 - 7 AZR 508/04 - Rn. 20, BA­GE 115, 296; sie­he auch BVerfG 8. Ju­li 1997 - 1 BvR 2111/94 ua. - zu C I 1 b der Gründe, BVerfGE 96, 171).


b) Be­gründe­te Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­treue mit der Fol­ge ei­nes Eig­nungs­man­gels sind nicht schon dann an­zu­neh­men, wenn ein Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes Anhänger ei­ner ver­fas­sungs­feind­li­chen Par­tei oder ei­ner sons­ti­gen ver­fas­sungs­feind­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on ist. Zwar können Mit­glied­schaft in und ak­ti­ves Ein­tre­ten für ei­ne sol­che Par­tei In­di­zi­en für ei­ne feh­len­de Be­reit­schaft zur Ver­fas­sungs­treue sein - un­be­scha­det des Par­tei­en­pri­vi­legs und der nach Art. 21 Abs. 2 GG al­lein dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu­kom­men­den Kom­pe­tenz, sie für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklären und zu ver­bie­ten (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 21 mwN, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10; 31. März 1976 - 5 AZR 104/74 - zu III 2 b der Gründe, BA­GE 28, 62). Der­ar­ti­ge Umstände führen aber selbst bei Ar­beit­neh­mern, die ge­stei­ger­ten Loya­litätsan­for­de­run­gen un­ter­lie­gen, nicht oh­ne Wei­te­res zur so­zia­len Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung (im Ein­zel­nen: BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 23, aaO; 28. Sep­tem­ber 1989 - 2 AZR 317/86 - zu B I 1 der Gründe, BA­GE 63, 72; 20. Ju­li 1989 - 2 AZR 114/87 - zu II 2 c der Gründe, BA­GE 62, 256).


c) Un­ter­liegt ein Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes oh­ne­hin kei­ner ge­stei­ger­ten (po­li­ti­schen) Loya­litäts­pflicht, liegt ein Eig­nungs­man­gel re­gelmäßig noch nicht dar­in, dass er ver­fas­sungs­feind­li­che Zie­le ei­ner Par­tei oder Or­ga­ni­sa­ti­on für rich­tig hält. Die „ein­fa­che“ po­li­ti­sche Loya­litäts­pflicht ver­langt von ihm le­dig­lich die Gewähr, nicht selbst ver­fas­sungs­feind­li­che Zie­le zu ver­fol­gen oder
 


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ak­tiv zu un­terstützen (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 61, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10; 5. Au­gust 1982 - 2 AZR 1136/79 - zu III 1 b der Gründe, BA­GE 40, 1). Es be­darf des­halb der ge­nau­en Prüfung, ob und ggf. mit wel­chen Mit­teln der Ar­beit­neh­mer sel­ber ver­fas­sungs­feind­li­che Be­stre­bun­gen fördern oder ver­wirk­li­chen will (vgl. BAG 12. März 1986 - 7 AZR 468/81 - zu II 2 d der Gründe). Erst wenn ent­spre­chen­de Ak­ti­vitäten deut­lich ma­chen, dass er so­gar das auch bei nur „ein­fa­cher“ Loya­litäts­pflicht er­for­der­li­che Min­dest­maß an Ver­fas­sungs­treue dau­er­haft nicht auf­zu­brin­gen be­reit oder in der La­ge ist, kann ei­ne Kündi­gung aus Gründen in sei­ner Per­son ge­recht­fer­tigt sein.


d) Von die­sen Grundsätzen ist das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­ge­gan­gen und hat sie rechts­feh­ler­frei an­ge­wen­det.


aa) Die Tätig­keit des Klägers er­for­dert nur ein ein­fa­ches Maß an Ver­fas­sungs­treue. Der Se­nat hat dies in sei­ner Ent­schei­dung vom 12. Mai 2011 (- 2 AZR 479/09 - Rn. 59, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10) im Ein­zel­nen dar­ge­legt.


bb) Da­nach steht ei­ner Eig­nung des Klägers nicht schon der Um­stand ent­ge­gen, dass er sich im An­schluss an die Kündi­gung vom 8. Mai 2008 über­haupt wei­ter­hin in der NPD und/oder de­ren Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on en­ga­giert hat; da­bei kann de­ren Ver­fas­sungs­feind­lich­keit un­ter­stellt wer­den. Auch wenn er sich von ver­fas­sungs­feind­li­chen Be­stre­bun­gen der NPD/JN und ih­rer Ver­tre­ter nicht dis­tan­ziert, die­se viel­mehr „in­ner­lich ge­bil­ligt“ und sein Zu­gehörig­keits­gefühl zu den Or­ga­ni­sa­tio­nen un­miss­verständ­lich zum Aus­druck ge­bracht ha­ben soll­te, lässt dies nicht er­ken­nen, dass der Kläger sich selbst ver­fas­sungs­feind­lich betätigt oder ver­fas­sungs­feind­li­che Be­stre­bun­gen ak­tiv gefördert hätte.

cc) In­di­ziert wird der Eig­nungs­man­gel des Klägers aber durch sein Ver­hal­ten im Zu­sam­men­hang mit dem „News­let­ter“ vom 11. Ju­ni 2009. Er hat mit die­sem im In­ter­net ei­nen Auf­ruf zur Teil­nah­me an ei­ner De­mons­tra­ti­on der JN am 17. Ju­ni 2009 ver­brei­tet und so ei­nem brei­te­ren Pu­bli­kum zugäng­lich ge­macht. Die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dar­aus ge­he her­vor, dass der Kläger



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die ver­fas­sungsmäßige Ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht nur persönlich in Fra­ge stel­le, son­dern be­reit sei, ih­rer ak­ti­ven Bekämp­fung Vor­schub zu leis­ten, ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.


(1) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, der oder die Ver­fas­ser des Auf­rufs träten für ei­ne ge­walt­sa­me Ablösung der be­ste­hen­den, von ih­nen ver­ach­te­ten po­li­ti­schen Ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein. Die Würdi­gung ent­spricht, auch so­weit das Ge­richt sich da­bei die Gründe im ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teil zu ei­gen ge­macht hat, dem ob­jek­ti­ven Aus­sa­ge­ge­halt der in dem Auf­ruf ent­hal­te­nen Äußerun­gen. Sie lässt kei­ne mögli­chen Deu­tungs­al­ter­na­ti­ven außer Acht, wie die Re­vi­si­on meint.


(a) Die zu­tref­fen­de Sinn­deu­tung der frag­li­chen, nicht an ei­nen be­stimm­ten Per­so­nen­kreis ge­rich­te­ten Erklärun­gen un­ter­liegt in vol­lem Um­fang der re­vi­si­ons­recht­li­chen Über­prüfung. Der ob­jek­ti­ve Sinn­ge­halt ist nach Maßga­be des Verständ­nis­ses ei­nes un­vor­ein­ge­nom­me­nen und verständi­gen Durch­schnitts­pu­bli­kums zu er­mit­teln (zu den Maßstäben für die Aus­le­gung von Mei­nungsäußerun­gen: BVerfG 4. Fe­bru­ar 2010 - 1 BvR 369/04 ua. - Rn. 28, NJW 2010, 2193; BAG 24. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 584/04 - Rn. 27, AP BGB § 626 Nr. 198 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 13; BGH 25. No­vem­ber 2003 - VI ZR 226/02 - NJW 2004, 598). Aus­zu­ge­hen ist vom Wort­laut der Aus­sa­gen. Darüber hin­aus sind der Kon­text, in den sie ge­stellt sind, und die Be­gleit­umstände, un­ter de­nen sie ge­fal­len sind, zu berück­sich­ti­gen, zu­min­dest so­weit die­se für ei­nen un­be­fan­ge­nen Le­ser er­kenn­bar ge­wor­den sind (vgl. BVerfG 10. Ok­to­ber 1995 - 1 BvR 1476/91 ua. - Rn. 124 ff., BVerfGE 93, 266; BGH 25. März 1997 - VI ZR 102/96 - NJW 1997, 2513). In die­sem Rah­men können auch Aus­sa­gen Be­deu­tung ge­win­nen, die im Ge­samt­zu­sam­men­hang of­fe­ner Ein­zel­aus­sa­gen „ver­steckt“ sind bzw. „zwi­schen den Zei­len“ ste­hen (vgl. BGH 25. No­vem­ber 2003 - VI ZR 226/02 - aaO). Dies setzt vor­aus, dass sich die ver­deck­te Aus­sa­ge dem an­ge­spro­che­nen Pu­bli­kum als un­ab­weis­ba­re Schluss­fol­ge­rung auf­drängt (zu den An­for­de­run­gen im Ein­zel­nen: BVerfG 10. Ok­to­ber 1995 - 1 BvR 1476/91 ua. - aaO; BGH 25. No­vem­ber 2003 - VI ZR 226/02 - aaO).
 


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(b) Dem Auf­ruf ist da­nach nicht nur ei­ne zwar schar­fe, aber hin­zu­neh­men­de Kri­tik an be­ste­hen­den Zuständen zu ent­neh­men. Die Aus­sa­gen sind viel-mehr, so­weit sie sich auf die ge­genwärti­gen po­li­ti­schen Verhält­nis­se be­zie­hen, dar­auf ge­rich­tet, die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in ei­ner Wei­se zu dif­fa­mie­ren, dass dies ge­eig­net er­scheint, den Be­stand des Staa­tes, die Funk­ti­onsfähig­keit sei­ner Ein­rich­tun­gen und/oder die Fried­fer­tig­keit der Bevölke­rung kon­kret zu gefähr­den. Zwar las­sen ein­zel­ne Äußerun­gen - et­wa die über den „Al­les über Al­les raf­fen­den (...) Staat“ und sei­ne „Hand­lan­ger“, über „fett­ge­fres­se­ne Bon­zen“ und „bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Po­li­tik­an­stal­ten“ - bei iso­lier­ter Be­trach­tung noch den Schluss zu, es ge­he den Ver­fas­sern um ei­ne - wenn auch über­spitz­te - Miss­bil­li­gung des Han­delns der Re­gie­rung, ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer staat­li­cher Funk­ti­ons­träger. Ei­ner sol­chen Deu­tung wi­der­spricht aber der Kon­text, in dem die Äußerun­gen ste­hen. Durch das Prädi­kat „volks­ver­ra­tend“ wird der Staat als der Ach­tung sei­ner Bürger unwürdig dar­ge­stellt. Durch den Text, „auch die BRD (könn­te) Angst da­vor ha­ben ... das Volk er­hebt sich ei­nes Ta­ges“ und „das Volk könn­te bei ei­nem er­neu­ten Volks­auf­stand er­folg­reich sein und sich das Recht auf Selbst­be­stim­mung er­neut er­obern wol­len“, wird dem Le­ser zu­min­dest zwi­schen den Zei­len die Ände­rung der be­ste­hen­den Ord­nung auf an­de­rem als de­mo­kra­tisch-par­la­men­ta­ri­schem Weg als erwünsch­te Ent­wick­lung vor Au­gen geführt. Durch die Ausführun­gen, es „könn­te ... gut möglich er­schei­nen, dies­mal wären To­de nicht bei den De­mons­tran­ten, son­dern viel-mehr bei der eta­blier­ten Mei­nungs­dik­ta­to­ren zu ver­zeich­nen. - Dem Volk wär´s recht“, wird da­zu der ge­walt­sa­me Um­sturz als Op­ti­on an­ge­spro­chen und er­sicht­lich ge­bil­ligt. Da­bei han­delt es sich, an­ders als die Re­vi­si­on meint, nicht um ei­ne „über­spitzt for­mu­lier­te Ge­fah­ren­ana­ly­se“. Un­ter Ein­be­zie­hung des ab­sch­ließen­den Ap­pells: „Hof­fen wir mal, die nächs­te Re­vo­lu­ti­on verläuft er­folg­rei­cher. In die­sem Sin­ne: Volk steh auf, kämpf dich frei!“ liegt dies fern. Bei zu­sam­menhängen­der Be­trach­tung können die Äußerun­gen nur als ver­brämte Auf­for­de­rung zu ei­nem ge­walt­sa­men Um­sturz ver­stan­den wer­den.
 


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(2) Zu­guns­ten des Klägers kann un­ter­stellt wer­den, dass er den De­mons­tra­ti­ons­auf­ruf nicht selbst ver­fasst son­dern sich - mit sei­nen ei­ge­nen Wor­ten ge­spro­chen - auf des­sen „tech­ni­sche“ Ver­brei­tung be­schränkt hat. Auch dann sind ihm die Aus­sa­gen zu­zu­rech­nen. Auf sei­ne pres­se­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit kommt es nicht an. Ent­schei­dend für die kündi­gungs­recht­li­che Be­ur­tei­lung ist, dass der Kläger den Auf­ruf un­ter An­ga­be ei­nes auf ihn lau­ten­den In­ter­net­absen­ders und oh­ne in­halt­li­che Dis­tan­zie­rung Drit­ten zugäng­lich ge­macht und sich da­mit nach außen hin­ter des­sen Aus­sa­gen ge­stellt hat. Sei­ne erst­mals in der Re­vi­si­on auf­ge­stell­te Be­haup­tung, er ha­be den In­halt der „in­kri­mi­nier­ten Mail“ sei­ner­zeit nicht aus­rei­chend be­ach­tet, recht­fer­tigt kein an­de­res Er­geb­nis. Zum ei­nen han­delt es sich um neu­en, zum an­de­ren um un­schlüssi­gen Sach­vor­trag. Der Kläger macht nicht deut­lich, was im Ein­zel­nen er nicht be­ach­tet ha­be.

(3) Den Zwei­feln an der zu­rei­chen­den Ver­fas­sungs­treue des Klägers steht nicht ent­ge­gen, dass die­ser mit der Ver­brei­tung des Auf­rufs die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht un­mit­tel­bar in ih­rem Be­stand an­ge­grif­fen hat oder un­mit­tel­bar zu ei­nem sol­chen An­griff an­ge­setzt hat. Das be­klag­te Land muss sich dar­auf ver­las­sen können, dass sich sei­ne Be­diens­te­ten selbst mit­tel­bar nicht ver­fas­sungs­feind­lich betäti­gen, dass sie ihr Han­deln an den Grund­prin­zi­pi­en der Ver­fas­sung aus­rich­ten und un­ter al­len Umständen das Ge­walt­mo­no­pol des Staa­tes an­er­ken­nen. Dafür bie­tet der Kläger an­ge­sichts sei­nes Ver­hal­tens nicht die er­for­der­li­che Gewähr.


(4) Auf die Straf­bar­keit des Vor­ge­hens kommt es nicht an. Der von § 3 Abs. 1 Satz 2 TV-L iVm. § 241 Abs. 2 BGB, Art. 33 Abs. 2 GG ge­for­der­ten Ver­fas­sungs­treue ste­hen nicht nur Ak­ti­vitäten ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung ent­ge­gen, die ei­nen Straf­tat­be­stand erfüllen.


e) Es liegt ein dau­er­haf­ter, nicht be­heb­ba­rer Eig­nungs­man­gel vor. Das be­klag­te Land hat dem Kläger im Zu­sam­men­hang mit der Ab­mah­nung vom 4. Ok­to­ber 2007 vor Au­gen geführt, wel­che An­for­de­run­gen sich aus § 3 TV-L für ei­ne ver­trags­ge­rech­te Durchführung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­ge­ben. Das gilt un­abhängig da­von, ob der Kläger mit dem sei­ner­zeit gerügten Ver­hal­ten sei­ne Pflich­ten aus § 3 Abs. 1 TV-L tatsächlich ver­letzt hat­te. Das ob­jek­ti­ve

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(Min­dest-)Maß der von ihm auf­zu­brin­gen­den Loya­lität ist dem Kläger über­dies in meh­re­ren, schon vor der Ver­sen­dung des „News­let­ter“ vom 11. Ju­ni 2009 er­gan­ge­nen ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen vor Au­gen geführt wor­den. Da es ihm gleich­wohl nicht ge­lun­gen ist, sich hier­auf ein­zu­stel­len, steht nicht zu er­war­ten, dass ihm dies zukünf­tig ge­lin­gen könn­te. Sei­ne im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren schriftsätz­lich erklärte Be­reit­schaft, „fürder­hin vom Ver­brei­ten jeg­li­cher News­let­ter Ab­stand zu neh­men, wenn dies für den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses nach Auf­fas­sung des Re­vi­si­ons­ge­richts er­for­der­lich“ sei, genügt dafür nicht. Dar­aus wird nicht deut­lich, dass er be­reit und in der La­ge ist, von sich aus das not­wen­di­ge Maß an Ver­fas­sungs­treue auf­zu­brin­gen, und er sich von ver­fas­sungs­feind­li­chen Be­stre­bun­gen gänz­lich fern­hal­ten wird.


f) Das Grund­recht des Klägers auf Mei­nungs­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG), das bei der Kon­kre­ti­sie­rung der ver­trag­li­chen Pflicht zur Rück­sicht­nah­me zu be­ach­ten ist (BAG 24. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 584/04 - Rn. 23, AP BGB § 626 Nr. 198 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 13), ist nicht ver­letzt. Ihm sind durch die all­ge­mei­nen Ge­set­ze Schran­ken ge­zo­gen. Zu die­sen zählt die in § 241 Abs. 2 BGB ver­an­ker­te und durch § 3 TV-L näher aus­ge­stal­te­te Ver­pflich­tung des im öffent­li­chen Dienst beschäftig­ten Ar­beit­neh­mers, be­rech­tig­te Loya­litätsin­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers zu wah­ren. Aus den Ga­ran­ti­en in Art. 10 Abs. 1 der Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (EM­RK) folgt nichts an­de­res. Es ist in der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te an­er­kannt, dass die Ver­pflich­tung zur Ver­fas­sungs­treue im öffent­li­chen Dienst der Ver­fol­gung be­rech­tig­ter Zie­le iSd. Art. 10 Abs. 2 EM­RK dient. Den in­ner­staat­li­chen Behörden und Ge­rich­ten steht ein ge­wis­ser Er­mes­sens­spiel­raum hin­sicht­lich der Fra­ge zu, ob ei­ne Maßnah­me verhält­nismäßig und in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft, wie von Art. 10 Abs. 2 EM­RK ge­for­dert, not­wen­dig ist (EGMR 22. No­vem­ber 2001 - 39799/98 [Volk­mer/ Deutsch­land] - zu 1 der Gründe, NJW 2002, 3087; 26. Sep­tem­ber 1993 - 7/1994/454/535 [Vogt/Deutsch­land] - Rn. 51, 59 ff., NJW 1996, 375).



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g) Durch die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung wird der Kläger nicht iSv. §§ 1, 2 Abs. 1, § 7 AGG be­nach­tei­ligt. Da­bei kann of­fen­blei­ben, ob po­li­ti­sches En­ga­ge­ment, so­weit dar­in be­stimm­te Grundüber­zeu­gun­gen zum Aus­druck kom­men, das Merk­mal der „Welt­an­schau­ung“ in § 1 AGG erfüllt (be­ja­hend An­nuß BB 2005, 1629, 1631; Wiss­kir­chen/Bis­sels NZA 2007, 169, 172 f.; ver­nei­nend für den Be­griff der Welt­an­schau­ung iSd. Art. 4 Abs. 1 GG: BVerwG 7. Ju­li 2004 - 6 C 17.03 - zu 3 c ee der Gründe, NJW 2005, 85). Der Kläger ist nicht ent­las­sen wor­den, weil er ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche An­schau­ung hat, son­dern weil ihm die er­for­der­li­che Ver­fas­sungs­treue für die ver­trag­lich über­nom­me­ne Tätig­keit fehlt. Auch stel­len die sich aus § 3 Abs. 1 Satz 2 TV-L er­ge­ben­den An­for­de­run­gen an die Ver­fas­sungs­treue ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung iSv. § 8 Abs. 1 AGG dar (BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 479/09 - Rn. 38, AP BGB § 123 Nr. 69 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 10). Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ver­langt kein an­de­res Verständ­nis. Das ver­mag der Se­nat selbst zu ent­schei­den.


h) Da­mit liegt ein Kündi­gungs­grund in der Per­son des Klägers iSv. § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG vor. Die Pflicht zur Ver­fas­sungs­loya­lität in § 3 Abs. 1 Satz 2 TV-L und die Gewähr ih­rer Erfüllung sind Be­stand­teil der Eig­nung iSv. Art. 33 Abs. 2 GG. Der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber muss kei­ne Ar­beit­neh­mer beschäfti­gen, die das ih­nen ab­zu­ver­lan­gen­de Maß an Ver­fas­sungs­treue nicht je­der­zeit auf­brin­gen. Da­durch wird die Funk­ti­onsfähig­keit der Ver­wal­tung ge­si­chert. Des Nach­wei­ses wei­ter­ge­hen­der Be­ein­träch­ti­gun­gen des Ar­beits­verhält­nis­ses be­darf es nicht.

i) Die ab­sch­ließen­de In­ter­es­sen­abwägung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist 3revisionsrechtlich nicht zu be­an­stan­den. Auf die vom Kläger ver­miss­te Berück­sich­ti­gung der po­si­ti­ven Be­wer­tung sei­ner Leis­tun­gen in ei­nem Zwi­schen­zeug­nis kommt es nicht an. Es steht nicht sei­ne fach­li­che Leis­tung, son­dern sei­ne Ver­fas­sungs­treue zur Be­ur­tei­lung.



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III. Der Kläger hat nach § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

Kreft zu­gleich für den we­gen Ur­laubs an ei­ner Un­ter­schrift ver­hin­der­ten eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wolf 

Rinck 

Ber­ger

Grim­berg

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