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Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und Hin­weis­pflicht des Ar­beits­ge­richts ge­mäß § 6 Satz 2 KSchG

Text­bau­stein mit Ge­set­zes­wort­laut ge­nügt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.01.2012, 6 AZR 407/10

19.01.2012. Wer ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben möch­te, muss sich be­ei­len, d.h. sei­ne Kla­ge spä­tes­tens drei Wo­chen nach der Kün­di­gung bei Ge­richt ein­rei­chen.

Da­mit hört der Stress aber noch nicht auf, denn im Lau­fe des Kla­ge­ver­fah­rens in der ers­ten In­stanz, d.h. vor dem Ar­beits­ge­richt, muss der ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer Far­be be­ken­nen und die Grün­de an­ge­ben, aus de­nen sei­ner Mei­nung nach die Un­wirk­sam­keit der Kün­di­gung fol­gen soll.

Grün­de, die der Ar­beit­neh­mer in der ers­ten In­stanz nicht an­ge­führt hat, kann er näm­lich in der zwei­ten In­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) nicht mehr vor­brin­gen. Da­mit das nicht pas­siert, ver­pflich­tet das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) das Ar­beits­ge­richt da­zu, den kla­gen­den Ar­beit­neh­mer auf die­se pro­zes­sua­le Ge­fahr hin­zu­wei­sen.

Wie ein sol­cher Hin­weis aus­se­hen kann, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern ge­klärt: BAG, Ur­teil vom 18.01.2012, 6 AZR 407/10.

Was muss der gekündigte Arbeitnehmer im Kündigungsschutzprozess vortragen und wann muss er das tun?

Ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge kann man gemäß § 4 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) nur bin­nen drei Wo­chen nach Er­halt der schrift­li­chen Kündi­gung er­he­ben. Das heißt er­he­ben kann man sie auch noch später, nur wird sie dann eben als un­be­gründet ab­ge­wie­sen, weil auf­grund ei­ner un­wi­der­leg­li­chen ge­setz­li­chen Ver­mu­tung fest­steht, dass die strei­ti­ge Kündi­gung wirk­sam war (§ 7 KSchG).

Für ei­ne frist­gemäße Kündi­gungs­schutz­kla­ge muss man al­ler­dings nicht al­le Gründe für die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung schon mit Kla­ge­ein­rei­chung vor­brin­gen, d.h. man muss sein gan­zes Pul­ver nicht so­fort ver­schießen.

Viel­mehr genügt es, dass man in­ner­halb der Drei­wo­chen­frist über­haupt ei­ne Kla­ge bei ei­nem Ar­beits­ge­richt ein­reicht, in der die an­ge­grif­fe­ne Kündi­gung kon­kret be­nannt wird und der An­trag an­gekündigt wird, das Ge­richt möge die Un­wirk­sam­keit die­ser Kündi­gung fest­stel­len. Aus wel­chen Gründen die Kündi­gung un­wirk­sam sein soll, d.h. das Ar­beits­verhält­nis nicht auf­gelöst ha­ben soll, das kann man noch später vor­tra­gen.

Al­ler­dings gibt es auch hier ei­ne Gren­ze, nämlich den Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der ers­ten In­stanz. Das folgt aus § 6 KSchG. Die­se Vor­schrift lau­tet:

"Hat ein Ar­beit­neh­mer in­ner­halb von drei Wo­chen nach Zu­gang der schrift­li­chen Kündi­gung im Kla­ge­we­ge gel­tend ge­macht, dass ei­ne rechts­wirk­sa­me Kündi­gung nicht vor­lie­ge, so kann er sich in die­sem Ver­fah­ren bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter In­stanz zur Be­gründung der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung auch auf in­ner­halb der Kla­ge­frist nicht gel­tend ge­mach­te Gründe be­ru­fen. Das Ar­beits­ge­richt soll ihn hier­auf hin­wei­sen."

Prak­tisch heißt das: Wenn man als Ar­beit­neh­mer im Kündi­gungs­schutz­pro­zess in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt ei­ni­ge in Be­tracht kom­men­den Gründe für die Un­wirk­sam­keit der strei­ti­gen Kündi­gung nicht erwähnt wie z.B. die man­gel­haf­te Anhörung des Be­triebs­rats vor Aus­spruch der Kündi­gung (§ 102 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG), kann man sich auf die­se Gründe im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens, d.h. in der Be­ru­fungs­in­stanz nicht mehr be­ru­fen.

Die­se "Präklu­si­on" kann den Ar­beit­neh­mer ziem­lich hart tref­fen, wenn sei­ne Kla­ge dar­an schei­tert, denn in ei­nem sol­chen Fall ver­liert er ei­nen Pro­zess, den er ge­won­nen hätte, aus rein for­mal­ju­ris­ti­schen Gründen, weil er nämlich den ent­schei­den­den Un­wirk­sam­keits­grund nicht schon in der ers­ten In­stanz vor­ge­bracht hat.

Um den Ar­beit­neh­mer hier nicht un­vor­be­rei­tet ins Mes­ser lau­fen zu las­sen, schreibt § 6 Satz 2 KSchG vor, dass das Ar­beits­ge­richt den Ar­beit­neh­mer auf die­se Ge­fahr hin­wei­sen soll.

Nach­dem die­se Vor­schrift in Kraft ge­tre­ten ist, d.h. seit dem 01.01.2004, ha­ben die Ar­beits­ge­rich­te ih­re Text­bau­stei­ne geändert, mit de­nen sie zur Vor­be­rei­tung des Güte­ter­mins und/oder des Kam­mer­ter­mins die Par­tei­en auf die sie tref­fen­den Dar­le­gungs­las­ten hin­wei­sen.

Meis­tens wird der Ge­set­zes­wort­laut ein­fach in die rich­ter­li­chen Schrei­ben hin­ein­ko­piert, d.h. die kla­gen­de Par­tei wird mit der La­dung zum Güte­ter­min und/oder zum Kam­mer­ter­min dar­auf hin­ge­wie­sen, dass „nur bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der 1. In­stanz auch wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe gel­tend ge­macht wer­den können (§ 6 KSchG)“.

Der Streitfall: Gekündigte Arbeitnehmerin beruft sich erstmals in der zweiten Instanz vor dem LAG auf eine angeblich nicht korrekte Betriebsratsanhörung

Ei­nen sol­chen rich­ter­li­chen Hin­weis er­hielt auch ei­ne be­triebs­be­dingt we­gen ei­ner Be­triebs­sch­ließung gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin, die da­ge­gen vor dem Ar­beits­ge­richt Bran­den­burg an der Ha­vel 2009 ge­klagt hat­te.

Ih­re Kla­ge wur­de ab­ge­wie­sen (Ur­teil vom 03.12.2009, 2 Ca 834/09) und hat­te auch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg kei­nen Er­folg, ob­wohl sich die Kläge­rin hier erst­mals auch dar­auf be­ru­fen hat­te, dass die Kündi­gung man­gels ord­nungs­gemäßer Be­triebs­rats­anhörung un­wirk­sam sei.

Denn die­sen Un­wirk­sam­keits­grund hätte die Kläge­rin schon vor dem Ar­beits­ge­richt Bran­den­burg an der Ha­vel vor­brin­gen müssen (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 03.06.2010, 26 Sa 263/10).

BAG: Ein allgemeiner richterlicher Hinweis auf die Regelung des § 6 Satz 2 KSchG genügt

Die­se Ent­schei­dung hat das Bun­dess­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern bestätigt (BAG, Ur­teil vom 18.01.2012, 6 AZR 407/10).

Der vom Ar­beits­ge­richt Bran­den­burg an der Ha­vel ge­ge­be­ne Hin­weis, der nicht über den Ge­set­zes­wort­laut bzw. über § 6 Satz 2 KSchG hin­aus­ging, war laut BAG aus­rei­chend. Das Ar­beits­ge­richt hat durch Wie­der­ga­be des Ge­set­zes­wort­lau­tes des § 6 Satz 1 KSchG sei­ner Hin­weis­pflicht auf die verlänger­te An­ru­fungs­frist genügt, so das BAG:

Fa­zit: Ein all­ge­mein ge­fass­ter Text­bau­stein mit dem Ge­set­zes­wort­laut genügt, da­mit das Ar­beits­ge­richt sei­ne ge­setz­li­che Pflicht erfüllt, den kla­gen­den Ar­beit­neh­mer da­zu an­zu­hal­ten, al­le nach La­ge des Fal­les in Be­tracht kom­men­den Gründe für die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung be­reits in der ers­ten In­stanz vor­zu­tra­gen, da ein späte­rer Vor­trag an­sons­ten aus­ge­schlos­sen ist.

Ob­wohl das BAG die­se Fra­ge da­mit höchst­rich­ter­lich geklärt hat, kann man fra­gen, ob das rich­tig ist. Denn wenn sich das Ar­beits­ge­richt nicht mehr Mühe mit sei­nen Hin­wei­sen gibt, d.h. wenn es die­se Hin­wei­se nicht an die kon­kre­te Pro­zess­la­ge an­passt und die kon­kret in Be­tracht kom­men­den mögli­chen Un­wirk­sam­keits­gründe an­spricht, wird das Ziel ei­ner möglichst um­fas­sen­den recht­li­chen Klärung in der ers­ten In­stanz nicht er­reicht.

Ar­beit­neh­mer und ih­re Anwälte soll­ten sich "revan­gie­ren" und in je­de Kündi­gungs­schutz­kla­ge text­bau­steinmäßig ei­ne möglichst lan­ge Lis­te al­ler er­denk­li­cher Un­wirk­sam­keits­gründe auf­neh­men.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 31. Mai 2014

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