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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Urlaub, Kurzarbeit
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Akten­zeichen: C-229/11
C-230/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 08.11.2012
   
Leit­sätze: Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on und Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten – wie et­wa ei­nem von ei­nem Un­ter­neh­men und sei­nem Be­triebs­rat ver­ein­bar­ten So­zi­al­plan –, nach de­nen der An­spruch ei­nes Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub pro ra­ta tem­po­ris be­rech­net wird, nicht ent­ge­gen­ste­hen.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Passau, Beschluss vom 13.04.2011, 1 Ca 62/11 und 1 Ca 63/11
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Fünf­te Kam­mer)

8. No­vem­ber 2012(*)

„So­zi­al­po­li­tik – Richt­li­nie 2003/88/EG – Ar­beits­zeit­verkürzung (‚Kurz­ar­beit‘) – Kürzung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Maßga­be der Ar­beits­zeit­verkürzung – Fi­nan­zi­el­le Vergütung

In den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen C-229/11 und C-230/11

be­tref­fend Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Ar­beits­ge­richt Pas­sau (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 13. April 2011, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 16. Mai 2011, in den Ver­fah­ren

Alex­an­der Hei­mann (C-229/11), Kon­stan­tin Tolt­schin (C-230/11)

ge­gen

Kai­ser GmbH

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Fünf­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Rich­ters M. Ilešiè in Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben des Präsi­den­ten der Fünf­ten Kam­mer so­wie der Rich­ter E. Le­vits (Be­richt­er­stat­ter) und M. Saf­jan,

Ge­ne­ral­anwältin: V. Trs­ten­jak,

Kanz­ler: A. Ca­lot Es­co­bar,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– von Herrn Hei­mann, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt R. Zu­le­ger,

– von Herrn Tolt­schin, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt R. Zu­le­ger,

– der Kai­ser GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt C. Ol­schar,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze, N. Graf Vitzt­hum und K. Pe­ter­sen als Be­vollmäch­tig­te,

– der pol­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Sz­pu­nar als Be­vollmäch­tig­ten,

– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek und V. Kreu­schitz als Be­vollmäch­tig­te,

auf­grund des nach Anhörung der Ge­ne­ral­anwältin er­gan­ge­nen Be­schlus­ses, oh­ne Schluss­anträge über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den,

fol­gen­des

Ur­teil

1 Die Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­tref­fen die Aus­le­gung von Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta) und von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. L 299, S. 9, im Fol­gen­den: Richt­li­nie).
2

Sie er­ge­hen im Rah­men zwei­er Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Herrn Hei­mann und Herrn Tolt­schin auf der ei­nen und ih­rem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber, der Kai­ser GmbH (im Fol­gen­den: Kai­ser), auf der an­de­ren Sei­te über den An­spruch der Be­trof­fe­nen auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub aus den Jah­ren 2009 und 2010.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3

Art. 31 der Char­ta be­stimmt:

„Ge­rech­te und an­ge­mes­se­ne Ar­beits­be­din­gun­gen

(1) Je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­der Ar­beit­neh­mer hat das Recht auf ge­sun­de, si­che­re und würdi­ge Ar­beits­be­din­gun­gen.

(2) Je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­der Ar­beit­neh­mer hat das Recht auf ei­ne Be­gren­zung der Höchst­ar­beits­zeit, auf tägli­che und wöchent­li­che Ru­he­zei­ten so­wie auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub.“

4

In Art. 1 („Ge­gen­stand und An­wen­dungs­be­reich“) der Richt­li­nie 2003/88 heißt es:

„(1) Die­se Richt­li­nie enthält Min­dest­vor­schrif­ten für Si­cher­heit und Ge­sund­heits­schutz bei der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung.

(2) Ge­gen­stand die­ser Richt­li­nie sind

a) … der Min­dest­jah­res­ur­laub …

…“

5

Art. 7 („Jah­res­ur­laub“) die­ser Richt­li­nie lau­tet:

„(1) Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen nach Maßga­be der Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung erhält, die in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder nach den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind.

(2) Der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub darf außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den.“

6

Nach Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ser Richt­li­nie ab­wei­chen. Ei­ne Ab­wei­chung von Art. 7 der Richt­li­nie ist nicht zulässig.

Deut­sches Recht

7 Das Bun­des­ur­laubs­ge­setz vom 8. Ja­nu­ar 1963 (BGBl. I S. 2) in sei­ner geänder­ten Fas­sung vom 7. Mai 2002 (BGBl. I S. 1529, im Fol­gen­den: BUrlG) sieht in sei­nen §§ 1 und 3 ei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub von min­des­tens 24 Ta­gen vor. 
8

§ 7 Abs. 4 BUrlG be­stimmt:

„Kann der Ur­laub we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den, so ist er ab­zu­gel­ten.“ 

9

Nach § 11 Abs. 1 Satz 3 BUrlG blei­ben Ver­dienstkürzun­gen, die im Be­rech­nungs­zeit­raum in­fol­ge von Kurz­ar­beit, Ar­beits­ausfällen oder un­ver­schul­de­ter Ar­beits­versäum­nis ein­tre­ten, für die Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts außer Be­tracht.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

10 Die Her­ren Hei­mann und Tolt­schin wa­ren seit 2003 bzw. 1998 bei Kai­ser beschäftigt, ei­nem Un­ter­neh­men der Au­to­mo­bil­zu­lie­fer­in­dus­trie mit meh­re­ren hun­dert Ar­beit­neh­mern. 
11 Im Lauf des Jah­res 2009 ent­schloss sich Kai­ser auf­grund wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­ten zum Per­so­nal­ab­bau. Den Her­ren Hei­mann und Tolt­schin wur­de da­her zum 30. Ju­ni 2009 bzw. 31. Au­gust 2009 gekündigt. 
12 Im Mai 2009 ver­ein­bar­ten Kai­ser und der Be­triebs­rat ei­nen So­zi­al­plan
13 Die­ser So­zi­al­plan sah vor, die Ar­beits­verträge der ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer ab dem Zeit­punkt des Ab­laufs der je­wei­li­gen Kündi­gungs­frist um ein Jahr zu verlängern, je­doch im We­ge von „Kurz­ar­beit Null“ die Ar­beits­pflicht des Ar­beit­neh­mers auf der ei­nen und die Lohn­zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers auf der an­de­ren Sei­te zu sus­pen­die­ren. 
14 Durch die­se Verlänge­rung der Ar­beits­verträge soll­te den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern die Möglich­keit ge­bo­ten wer­den, vom Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung an ein Jahr lang ei­ne fi­nan­zi­el­le Un­terstützung zu er­hal­ten. Die Bun­des­agen­tur für Ar­beit gewährt Ar­beit­neh­mern für die Zeit der „Kurz­ar­beit Null“ nämlich ein so­ge­nann­tes „Kurz­ar­bei­ter­geld“. Die­ses wird vom Ar­beit­ge­ber be­rech­net und aus­ge­zahlt und er­setzt in der Kurz­ar­beits­pe­ri­ode die Vergütung des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers
15 Als das Beschäfti­gungs­verhält­nis von Herrn Hei­mann am 30. Ju­ni 2010 en­de­te, ver­lang­te er von Kai­ser die Zah­lung von 2 284,32 Eu­ro als fi­nan­zi­el­le Vergütung für 15 bzw. 10 Ta­ge nicht ein­ge­brach­ten be­zahl­ten Jah­res­ur­laub aus den Jah­ren 2009 bzw. 2010. 
16 Herr Tolt­schin, des­sen Beschäfti­gungs­verhält­nis am 31. Au­gust 2010 en­de­te, ver­lang­te ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung in Höhe von ins­ge­samt 2 962,60 Eu­ro für 10 bzw. 30 Ta­ge nicht ein­ge­brach­ten be­zahl­ten Jah­res­ur­laub aus den Jah­ren 2009 bzw. 2010. 
17 Nach An­sicht von Kai­ser ha­ben die Kläger der Aus­gangs­ver­fah­ren während der „Kurz­ar­beit Null“ kei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­wor­ben. 
18

Das vor­le­gen­de Ge­richt be­ab­sich­tigt, den Pro-ra­ta-tem­po­ris-Grund­satz an­zu­wen­den und die Zeit der „Kurz­ar­beit Null“ ei­ner Ar­beits­zeit­verkürzung auf­grund ei­nes ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Wech­sels von ei­nem Voll­zeit‑ in ein Teil­zeit­ar­beits­verhält­nis gleich­zu­stel­len, mit der Fol­ge, dass sich der be­zahl­te Jah­res­ur­laub, auf den der Ar­beit­neh­mer während der Kurz­ar­beit An­spruch hat, ver­rin­gert.

19

Da das Ar­beits­ge­richt Pas­sau je­doch Zwei­fel hat, ob die­se Über­le­gung mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist, hat es das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Sind Art. 31 Abs. 2 der Char­ta bzw. Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach im Fal­le der Ver­rin­ge­rung der zu leis­ten­den Ar­beits­ta­ge pro Wo­che in­fol­ge rechtmäßiger An­ord­nung von Kurz­ar­beit der An­spruch des Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub pro ra­ta tem­po­ris im Verhält­nis der An­zahl der Wo­chen­ar­beits­ta­ge während der Kurz­ar­beit zu der An­zahl der Wo­chen­ar­beits­ta­ge ei­nes Voll­zeit­beschäftig­ten an­ge­passt wird und der Kurz­ar­bei­ter da­mit während der Kurz­ar­beit nur ei­nen dem­ent­spre­chend ge­rin­ge­ren Ur­laubs­an­spruch er­wirbt?

2. Falls die ers­te Vor­la­ge­fra­ge be­jaht wird:

Sind Art. 31 Abs. 2 der Char­ta bzw. Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach im Fal­le der Ver­rin­ge­rung der zu leis­ten­den Ar­beits­ta­ge pro Wo­che auf null in­fol­ge rechtmäßiger An­ord­nung von „Kurz­ar­beit Null“ der An­spruch des Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in­so­weit pro ra­ta tem­po­ris auf null an­ge­passt wird und der Kurz­ar­bei­ter da­mit während der „Kurz­ar­beit Null“ kei­nen Ur­laubs­an­spruch er­wirbt?

20

Mit Be­schluss des Präsi­den­ten des Ge­richts­hofs vom 27. Ju­ni 2011 sind die Rechts­sa­chen C‑229/11 und C‑230/11 zu ge­mein­sa­mem schrift­li­chen und münd­li­chen Ver­fah­ren und zu ge­mein­sa­mer Ent­schei­dung ver­bun­den wor­den.

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Ers­te Fra­ge

21 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 31 Abs. 2 der Char­ta bzw. Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten – wie et­wa ei­nem vom be­trof­fe­nen Un­ter­neh­men und sei­nem Be­triebs­rat ver­ein­bar­ten So­zi­al­plan –, nach de­nen der An­spruch ei­nes Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub pro ra­ta tem­po­ris be­rech­net wird, ent­ge­gen­ste­hen.
22 Hier­zu ist ers­tens dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, der je­dem Ar­beit­neh­mer gewährt wird, als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist (vgl. Ur­tei­le vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, Slg. 2009, I‑179, Rand­nr. 54, und vom 3. Mai 2012, Nei­del, C‑337/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 28). Die­ser An­spruch je­des Ar­beit­neh­mers ist als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­drück­lich ver­an­kert, der von Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­er­kannt wird (Ur­tei­le vom 22. No­vem­ber 2011, KHS, C‑214/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 37, und Nei­del, Rand­nr. 40).
23 Zwei­tens ist fest­zu­stel­len, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den darf (Ur­teil vom 21. Ju­ni 2012, AN­GED, C‑78/11, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 18).
24 So hat der Ge­richts­hof in Be­zug auf ord­nungs­gemäß krank­ge­schrie­be­ne Ar­beit­neh­mer be­reits ent­schie­den, dass ein Mit­glied­staat den nach der Richt­li­nie 2003/88 al­len Ar­beit­neh­mern zu­ste­hen­den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht von der Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen kann, dass sie während des von die­sem Staat fest­ge­leg­ten Be­zugs­zeit­raums tatsächlich ge­ar­bei­tet ha­ben (vgl. Ur­tei­le Schultz-Hoff u. a., Rand­nr. 41, und vom 24. Ja­nu­ar 2012, Domínguez, C‑282/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 20).
25 Die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge ist Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen für nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung ge­zahlt wird, wenn der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­raums und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von krank­ge­schrie­ben bzw. im Krank­heits­ur­laub war und des­halb sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ausüben konn­te. Für die Be­rech­nung der ent­spre­chen­den fi­nan­zi­el­len Vergütung ist das gewöhn­li­che Ar­beits­ent­gelt des Ar­beit­neh­mers, das während der dem be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ent­spre­chen­den Ru­he­zeit wei­ter­zu­zah­len ist, maßge­bend (Ur­teil Schultz-Hoff u. a., Rand­nr. 62).
26 Da­her ist es zwar aus­ge­schlos­sen, dass sich der vom Uni­ons­recht gewähr­leis­te­te An­spruch ei­nes Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub ver­rin­gert, wenn der Ar­beit­neh­mer sei­ner Ar­beits­pflicht we­gen ei­ner Er­kran­kung im Be­zugs­zeit­raum nicht nach­kom­men konn­te, doch kann die in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer die­ses Ur­teils an­geführ­te Recht­spre­chung auf den Fall ei­nes Kurz­ar­bei­ters – wie er den Aus­gangs­ver­fah­ren zu­grun­de liegt – nicht sinn­gemäß an­ge­wandt wer­den.
27 Wie Kai­ser in ih­ren schrift­li­chen Erklärun­gen zu Recht be­merkt, sind nämlich die Si­tua­ti­on ei­nes Ar­beit­neh­mers, der we­gen ei­ner Er­kran­kung nicht in der La­ge ist, zu ar­bei­ten, und die ei­nes Kurz­ar­bei­ters grund­le­gend ver­schie­den.
28 Ers­tens be­ruht die Kurz­ar­beit im Aus­gangs­fall auf ei­nem So­zi­al­plan, bei dem es sich um ei­ne be­son­de­re Form ei­ner be­trieb­li­chen Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Ar­beit­ge­ber und den Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tern han­delt. Die­ser So­zi­al­plan sieht vor, dass die ge­gen­sei­ti­gen Leis­tungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers und des Ar­beit­neh­mers nach Maßga­be der Ar­beits­zeit­verkürzung sus­pen­diert sind.
29 Zwei­tens kann der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer während der Kurz­ar­beit, die sich aus dem ge­nann­ten So­zi­al­plan er­gibt und für ihn folg­lich vor­her­seh­bar ist, sich ent­we­der aus­ru­hen oder Frei­zeittätig­kei­ten nach­ge­hen. Da er un­ter kei­nen durch ei­ne Er­kran­kung her­vor­ge­ru­fe­nen phy­si­schen oder psy­chi­schen Be­schwer­den lei­det, be­fin­det er sich da­her in ei­ner an­de­ren La­ge, als wenn er auf­grund sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands ar­beits­unfähig wäre.
30 Drit­tens soll die­ser So­zi­al­plan, in­dem er Kurz­ar­beit vor­sieht, ei­ne Ent­las­sung der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer aus wirt­schaft­li­chen Gründen ver­hin­dern und die Nach­tei­le, die sich für die­se Ar­beit­neh­mer aus ei­ner der­ar­ti­gen Ent­las­sung er­ge­ben, ver­rin­gern. Würde die In­an­spruch­nah­me die­ses Vor­teils, den das na­tio­na­le Recht dem Ar­beit­neh­mer einräumt, an die Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers ge­knüpft, während der Dau­er der – aus rein so­zia­len Gründen – for­mel­len Verlänge­rung des Ar­beits­ver­trags für den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub auf­zu­kom­men, könn­te dies da­zu führen, dass der Ar­beit­ge­ber der Ver­ein­ba­rung ei­nes sol­chen So­zi­al­plans ab­leh­nend ge­genüberstünde und der Ar­beit­neh­mer dar­auf­hin nicht in den Ge­nuss der po­si­ti­ven Wir­kun­gen die­ses So­zi­al­plans käme.
31 Zwar un­ter­schei­det sich so­mit die Si­tua­ti­on ei­nes Ar­beit­neh­mers wie den in den Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den, des­sen Ar­beits­zeit nach Auf­stel­lung ei­nes So­zi­al­plans verkürzt ist, von der ei­nes Ar­beit­neh­mers, der we­gen ei­ner Er­kran­kung nicht in der La­ge ist, zu ar­bei­ten, doch ist die La­ge des erst­ge­nann­ten Ar­beit­neh­mers mit der ei­nes Teil­zeit­beschäftig­ten ver­gleich­bar.
32 Da­zu ist fest­zu­stel­len, dass Kurz­ar­bei­ter, for­mell be­trach­tet, zwar ei­nen Voll­zeit­ar­beits­ver­trag ha­ben. Während der Kurz­ar­beit sind je­doch, wie in den Rand­nrn. 13 und 28 des vor­lie­gen­den Ur­teils dar­ge­legt wor­den ist, die ge­gen­sei­ti­gen Leis­tungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers und des Ar­beit­neh­mers nach Maßga­be der Ar­beits­zeit­verkürzung sus­pen­diert, wenn nicht gar völlig auf­ge­ho­ben. Dar­aus folgt, dass Kurz­ar­bei­ter, als „vorüber­ge­hend teil­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer“ an­zu­se­hen sind, da ih­re Si­tua­ti­on fak­tisch der von Teil­zeit­beschäftig­ten ver­gleich­bar ist.
33 Zum An­spruch von Teil­zeit­beschäftig­ten auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat der Ge­richts­hof kla­re Hin­wei­se ge­ge­ben.
34 Im Ur­teil vom 22. April 2010, Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols (C‑486/08, Slg. 2010, I‑3527, Rand­nr. 33), hat der Ge­richts­hof nämlich auf Pa­ra­graf 4 der am 6. Ju­ni 1997 ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit im An­hang der Richt­li­nie 97/81/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit (ABl. 1998, L 14, S. 9) in der durch die Richt­li­nie 98/23/EG des Ra­tes vom 7. April 1998 (ABl. L 131, S. 10) geänder­ten Fas­sung ver­wie­sen, wo­nach der Pro-ra­ta-tem­po­ris-Grund­satz für die Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen von Teil­zeit­beschäftig­ten gilt, wo dies an­ge­mes­sen ist. Der Ge­richts­hof hat die­sen Grund­satz auf die Gewährung des Jah­res­ur­laubs für ei­ne Zeit der Teil­zeit­beschäfti­gung an­ge­wandt, denn für die­se Zeit ist die Min­de­rung des An­spruchs auf Jah­res­ur­laub ge­genüber dem bei Voll­zeit­beschäfti­gung be­ste­hen­den An­spruch aus sach­li­chen Gründen ge­recht­fer­tigt.
35 Es ist je­doch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­ser Grund­satz – so der Ge­richts­hof – nicht nachträglich auf ei­nen An­spruch auf Jah­res­ur­laub an­ge­wandt wer­den kann, der in ei­ner Zeit der Voll­zeit­beschäfti­gung er­wor­ben wur­de. Aus den ein­schlägi­gen Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2003/88 kann da­her nicht der Schluss ge­zo­gen wer­den, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung als ei­ne der Mo­da­litäten der Ausübung des An­spruchs auf Jah­res­ur­laub den teil­wei­sen Ver­lust ei­nes be­reits in ei­nem frühe­ren Be­zugs­zeit­raum er­wor­be­nen Ur­laubs­an­spruchs vor­se­hen dürf­te (vgl. Ur­teil Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rand­nrn. 33 und 34).
36 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 31 Abs. 2 der Char­ta und Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten – wie et­wa ei­nem von ei­nem Un­ter­neh­men und sei­nem Be­triebs­rat ver­ein­bar­ten So­zi­al­plan –, nach de­nen der An­spruch ei­nes Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub pro ra­ta tem­po­ris be­rech­net wird, nicht ent­ge­gen­ste­hen.

Zur zwei­ten Fra­ge

37

In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge braucht die­se Fra­ge nicht be­ant­wor­tet zu wer­den.

Kos­ten

38 Für die Par­tei­en der Aus­gangs­ver­fah­ren ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in den bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­strei­tig­kei­ten; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Fünf­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on und Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten – wie et­wa ei­nem von ei­nem Un­ter­neh­men und sei­nem Be­triebs­rat ver­ein­bar­ten So­zi­al­plan –, nach de­nen der An­spruch ei­nes Kurz­ar­bei­ters auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub pro ra­ta tem­po­ris be­rech­net wird, nicht ent­ge­gen­ste­hen.

Un­ter­schrif­ten

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* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch. 

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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