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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Arbeitnehmerüberlassung, Arbeitszeitverringerung, Leiharbeit, Zeitarbeit
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 17 Sa 641/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 31.01.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 02.03.2010, 10 Ca 8611/09
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 13.11.2012, 9 AZR 259/11
   

Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt

 

Verkündet am:

31. Ja­nu­ar 2011

Ak­ten­zei­chen: 17 Sa 641/10
(Ar­beits­ge­richt B: 10 Ca 8611/09)

Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Be­ru­fungs­ver­fah­ren

Be­klag­te und
Be­ru­fungskläge­rin

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

ge­gen

Kläger und
Be­ru­fungs­be­klag­ter

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 17,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 31. Ja­nu­ar 2011

durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­den
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin

für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 02. März 2010, Az.: 10 Ca 8611/09, ab­geändert.

Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits trägt der Kläger.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten auch im Be­ru­fungs­rechts­zug um Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung. We­gen der Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­lich un­strei­ti­gen Sach­ver­halts, des Vor­trags der Par­tei­en im ers­ten Rechts­zug und der dort zu­letzt ge­stell­ten Anträge wird auf den Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils (Bl. 76 bis 80 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main hat der Kla­ge durch am 02. März 2010 verkünde­tes Ur­teil, 10 Ca 8611/09, statt­ge­ge­ben. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, dem Teil­zeit­be­geh­ren des Klägers stünden kei­ne be­trieb­li­chen Gründe ent­ge­gen. Das von der Be­klag­ten an­geführ­te Verhält­nis von In­for­ma­ti­ons- und Schu­lungs­auf­wand zum Ar­beits­ein­satz führe zu kei­ner we­sent­li­chen Be­ein­träch­ti­gung von Or­ga­ni­sa­ti­on, Ar­beits­ab­lauf oder Si­cher­heit. Eben­so würden kei­ne un­verhält­nismäßigen Kos­ten ver­ur­sacht. Die von der Be­klag­ten an­geführ­ten Schu­lungs- und Brie­fing­zeiträume würden kei­ne we­sent­li­che Kos­ten­be­las­tung dar­stel­len. Die von der Be­klag­ten dar­ge­stell­ten fes­ten Schu­lungs­zeiträume hätten in der Ver­gan­gen­heit ei­nen Zeit­an­teil von 0,65% aus­ge­macht, der in­fol­ge der be­ab­sich­tig­ten Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung auf 1,17% stei­gen würde. Wel­che pro­zen­tua­le Stei­ge­rung der Brie­fing­zeiträume ein­tre­ten wer­de, hänge im We­sent­li­chen da­von ab, wie die Be­klag­te den Kläger künf­tig ein­set­zen wer­de, wo­bei es noch nicht ein­mal zu Verände­run­gen kom­men müsse. An­ge­sichts ei­ner le­dig­lich im Um­fang von 0,52% als ge­si­chert an­zu­neh­men­der Kos­ten­stei­ge­rung könne von un­verhält­nismäßigen Kos­ten kei­ne Re­de sein. Die Be­klag­te könne sich auch nicht dar­auf be­ru­fen, im Fall ei­ner Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung sei zu er­war­ten, dass die A als Ent­lei­he­rin ei­nen Aus­tausch des Klägers ver­lan­gen wer­de. Im Hin­blick auf die Pro­gno­se ent­ge­gen­ste­hen­der be­trieb­li­cher Gründe sei auf den Zeit­punkt der ab­leh­nen­den Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers ab­zu­stel­len. Am 12. Au­gust 2009 als dem Zeit­punkt der Ab­leh­nung durch die Be­klag­te sei die Ergänzungs­ver­ein­ba­rung zwi­schen der Be­klag­ten und der A noch nicht ab­ge­schlos­sen ge­we­sen, sei le­dig­lich ei­ne For­de­rung der A nach ei­ner ergänzen­den Re­ge­lung des Aus­tausch­rechts be­kannt ge­we­sen, wo­bei nicht dar­ge­legt sei, aus wel­chen Gründen be­reits ab­seh­bar ge­we­sen sei, dass die später ge­trof­fe­ne Re­ge­lung würde ver­ein­bart wer­den, und wo­bei die Aus­nah­me­re­ge­lung mögli­cher­wei­se oh­ne­hin da­hin aus­zu­le­gen sei, dass sie auch sol­che Ar­beits­verhält­nis­se er­fas­se, für die ei­ne künf­ti­ge Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung ver­ein­bart sei. Auch ha­be die Be­klag­te nicht dar­ge­legt, über­haupt beim Ent­lei­her nach­ge­fragt zu ha­ben, ob die­ser sein Ge­stal­tungs­recht be­zo­gen auf den Kläger würde ausüben wol­len. Außer­dem ha­be die Be­klag­te auch nicht dar­ge­legt, dass der be­gehr­ten Teil­zeit­beschäfti­gung für al­le vom Kläger

 

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ge­schul­de­ten Tätig­kei­ten be­trieb­li­che Gründe ent­ge­genstünden. Bei dem An­spruch auf Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung sei nicht al­lein auf den ge­ra­de in­ne­ge­hal­te­nen Ar­beits­platz des Ar­beit­neh­mers ab­zu­stel­len, son­dern auch dar­auf, wel­che Tätig­kei­ten ver­ein­bart sei­en und wel­che Ver­set­zungsmöglich­kei­ten im Rah­men des Di­rek­ti­ons­rechts bestünden. Auf die­sen In­halt be­zo­gen könne Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung be­gehrt wer­den. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils (Bl. 80 bis 87 d.A.) ver­wie­sen.

Ge­gen die­ses ihr am 22. April 2010 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Be­klag­te am 28. April 2010 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach auf­grund An­trags vom 01. Ju­ni 2010 er­folg­ter Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis 27. Ju­li 2010 am 27. Ju­li 2010 be­gründet.

Sie führt aus, das Ar­beits­ge­richt ha­be ih­ren Vor­trag nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt, wo­nach das Aus­tausch­recht be­reits am 20. Sep­tem­ber 2009 mit der A ver­ein­bart und nur die schrift­li­che Fi­xie­rung zu­sam­men mit wei­te­ren Ergänzungs­ab­re­den am 20. No­vem­ber 2009 er­folgt sei und wo­nach die A ei­ne Min­dest­ar­beits­zeit­klau­sel be­reits seit April 2009 ve­he­ment ge­for­dert ha­be und seit­dem hierüber ver­han­delt wor­den sei. Die Be­klag­te trägt – in­so­weit vom Kläger nicht be­strit­ten – vor, die A ha­be ihr ge­genüber erst­mals im Jahr 2008 und verstärkt seit April 2009 zum Aus­druck ge­bracht, dass der Ein­satz von Leih­ar­beit­neh­mern im Um­fang von min­des­tens 18 Wo­chen­stun­den Vor­aus­set­zung für den wei­te­ren wirt­schaft­lich sinn­vol­len Ein­satz von Ar­beit­neh­mern der Be­klag­ten sei und man künf­tig den Ein­satz von Ar­beit­neh­mern der Be­klag­ten mit ei­nem dar­un­ter lie­gen­den durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit­vo­lu­men ab­leh­nen wer­de. Die Be­klag­te meint, bei Ab­leh­nung des Teil­zeit­be­geh­rens ha­be sie die Pro­gno­se auf­stel­len können, im Fall der be­gehr­ten Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung sei ein Ein­satz des Klägers bei der A nicht möglich, so dass dem An­trag be­trieb­li­che Gründe ent­ge­genstünden.

Die Be­klag­te trägt – auch in­so­weit un­be­strit­ten – vor, die durch­schnitt­li­chen Fix­kos­ten ei­nes Mit­ar­bei­ters im Be­treu­ungs­dienst lägen bei 3.647,75 € jähr­lich, was 14,32% des jähr­li­chen Brut­to­ge­halts ei­nes Voll­zeit­mit­ar­bei­ters, 17,9% des jähr­li­chen Brut­to­ge­halts ei­nes Mit­ar­bei­ters mit ei­ner durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit von 30 St­un­den, 26,85% des jähr­li­chen Brut­to­ge­halts ei­nes Mit­ar­bei­ters mit ei­ner durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit von 20 St­un­den und 53,7% des jähr­li­chen Brut­to­ge­halts ei­nes Mit­ar­bei­ters mit wie vom Kläger be­an­tragt 10 Wo­chen­ar­beits­stun­den entspräche. Im Ar­beits­be­reich des Klägers be­ste­he fer­ner ein Zeit­auf­wand pro Mit­ar­bei­ter im Um­fang von 68 St­un­den jähr­lich für Tätig­kei­ten, die nicht in der ei­gent­li­chen Be­treu­ung der

 

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Fluggäste lie­ge. Die­ser Zeit­auf­wand be­tra­ge im Verhält­nis zur Ar­beits­zeit ei­ne Voll­zeit­mit­ar­bei­ters im Be­treu­ungs­be­reich 1,02%, im Verhält­nis zur Ar­beits­zeit ei­nes Mit­ar­bei­ters mit ei­ner durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit von 30 St­un­den 1,28%, im Verhält­nis zur Ar­beits­zeit ei­nes Mit­ar­bei­ters mit ei­ner durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit von 20 St­un­den 1,92% und im Verhält­nis zur vom Kläger be­an­trag­ten durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit von 10 St­un­den 3,84%. Dies be­le­ge, dass das Verhält­nis der pro­duk­ti­ven Net­to­ar­beits­zeit in Form der Flug­gast­be­treu­ung zum Zeit­auf­wand für an­der­wei­ti­ge Tätig­kei­ten eben­so wie die re­la­ti­ven Fix­kos­ten stei­ge, je we­ni­ger der Mit­ar­bei­ter im Jahr ar­bei­te. Auch die­ses Miss­verhält­nis sei ein Grund dafür ge­we­sen, dass die A ge­genüber der Be­klag­ten die Ergänzungs­ab­re­de zum Ver­trag zur Ar­beit­neh­merüber­las­sung ver­langt ha­be, wo­bei die Be­klag­te die ge­nann­ten Per­so­nal­ne­ben­kos­ten 1:1 an die A wei­ter ge­be, die Fi­nan­zie­rung der Per­so­nal- und Per­so­nal­ne­ben­kos­ten der Flug­gast­be­treu­ung für mo­bi­litätsein­ge­schränk­te Gäste gemäß Ver­ord­nung (EG) Nr. 1107/2006 nach ei­nem Um­la­ge­ver­fah­ren er­fol­ge, die Kos­ten von den B an­flie­gen­den Luft­fahrt­un­ter­neh­men als Bei­trags­zah­ler fi­nan­ziert würden, Mehr­kos­ten ggf. durch ei­ne Erhöhung der Um­la­ge auf­ge­fan­gen wer­den müss­ten, die­se Erhöhung durch ein Gre­mi­um zu be­sch­ließen sei, dem die B an­flie­gen­den Luft­fahrt­un­ter­neh­men an­gehörten, und ei­ne Erhöhung der Um­la­ge mit dem Ar­gu­ment, die Fix­kos­ten sei­en auf­grund von Mit­ar­bei­tern mit ei­ner Wo­chen­ar­beits­zeit von un­ter 10 St­un­den (ge­meint wohl: 18 St­un­den) ge­stie­gen, nicht zu ver­mit­teln sei. Die Be­klag­te führt aus, sie sei sich die­ser Pro­ble­ma­tik schon al­lein we­gen der früher ei­ge­nen Durchführung des Be­treu­ungs­diens­tes be­wusst ge­we­sen, ha­be des­halb die For­de­rung der A nach ei­ner Ergänzungs­ab­re­de nach­voll­zie­hen können und ha­be es da­her auch nicht als an­ge­zeigt an­ge­se­hen, als Min­der­heits­ge­sell­schaf­te­rin der A die lang­fris­ti­gen ver­trag­li­chen Be­zie­hun­gen und das Verhält­nis der Ge­sell­schaf­ter un­ter­ein­an­der zu gefähr­den, wo­bei es ihr aber ge­lun­gen sei, die ursprüng­li­che For­de­rung der A mit ei­ner Gren­ze von 20 St­un­den auf 18 St­un­den ab­zu­schwächen.

Die Be­klag­te ver­tritt die Auf­fas­sung, ent­ge­gen der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung be­zie­he sich der An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung und da­mit auch die Pro­gno­se hin­sicht­lich ent­ge­gen­ste­hen­der be­trieb­li­cher Gründe nur auf den im Zeit­punkt der An­trag­stel­lung in­ne­ge­hal­te­nen Ar­beits­platz und nicht auf sämt­li­che sons­ti­gen Tätig­kei­ten, die dem Ar­beit­neh­mer kraft Di­rek­ti­ons­recht über­tra­gen wer­den könn­ten. Je­den­falls sei ein an­de­rer frei­er und für den Kläger ge­eig­ne­ter Ar­beits­platz nicht vor­han­den.

 

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Die Be­klag­te meint, das an­ge­foch­te­ne Ur­teil sei auch in­so­weit feh­ler­haft, als zur Zu­stim­mung zu ei­ner so vom Kläger ge­genüber der Be­klag­ten über­haupt nicht be­an­trag­ten Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung ver­ur­teilt wor­den sei.

Sie be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 02. März 2010, 10 Ca 8611/09, ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Er meint, es sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Be­klag­te an der A nicht un­we­sent­lich be­tei­ligt und ihr seit 2007 be­kannt sei, dass der Kläger sei­ne Ar­beits­zeit re­du­zie­ren wol­le. Der Be­klag­ten sei auch be­kannt, dass ei­ne größere An­zahl von Ar­beit­neh­mern im Be­treu­ungs­dienst we­ni­ger als 18 St­un­den wöchent­lich ar­bei­te­ten. Aus die­sem Grund ent­hal­te auch die Ver­ein­ba­rung vom 20. No­vem­ber 2009 ei­nen ent­spre­chen­den Vor­be­halt. Hätte die Be­klag­te be­reits den An­trag des Klägers vom 29. April 2007 bzw. den vom 04. Au­gust 2009 nach den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben ent­schie­den, wäre das Pro­blem nicht ent­stan­den. Der Kläger meint, die Be­klag­te ver­su­che, durch die Ver­ein­ba­rung vom 20. No­vem­ber 2009 das Tz­B­fG aus­zu­he­beln. We­gen der Teil­zeit­beschäfti­gung des Klägers wer­de der Or­ga­ni­sa­ti­ons­plan der Be­klag­ten nicht be­ein­träch­tigt. Es sei auch kaum zu befürch­ten, dass vie­le Beschäftig­te glei­che Anträge stel­len würden, da die meis­ten auf ih­re Ein­nah­men aus Voll­zeittätig­keit bei der Be­klag­ten an­ge­wie­sen sei­en. Wenn die A nur Ar­beit­neh­mer mit min­des­tens 18 Wo­chen­ar­beits­stun­den beschäfti­gen wol­le, hätte die Be­klag­te den Kläger erst gar nicht ent­lei­hen dürfen, da ihr auf­grund des An­trags aus dem Jahr 2007 be­kannt ge­we­sen sei, dass der Kläger sei­ne Ar­beits­zeit ha­be re­du­zie­ren wol­len.

Zur Ergänzung des Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze und de­ren An­la­gen so­wie die im Ver­hand­lungs­ter­min vom 08. No­vem­ber 2010 pro­to­kol­lier­ten Erklärun­gen (Bl. 157, 157 R d.A.) ver­wie­sen.

 

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Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts B vom 02. März 2010, 10 Ca 8611/09, ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 lit. b ArbGG statt­haft und auch im Übri­gen zulässig, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG, 519, 520 Abs. 1 und 3 ZPO.

Sie ist be­gründet. Die Kla­ge ist un­be­gründet. Die Be­klag­te ist nicht ver­pflich­tet, das An­ge­bot des Klägers auf Re­du­zie­rung der Jah­res­ar­beits­zeit auf 520 St­un­den an­zu­neh­men. Dem Ver­rin­ge­rungs­be­geh­ren ste­hen be­trieb­li­che Gründe i.S.d. § 8 Abs. 4 Tz­B­fG ent­ge­gen.

Das Ar­beits­ge­richt hat zunächst zu­tref­fend er­kannt, dass die all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen ei­nes An­spruchs auf Zu­stim­mung zur Ver­tragsände­rung im Zeit­punkt des Ände­rungs­ver­lan­gens erfüllt wa­ren. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en be­stand länger als sechs Mo­na­te (§ 8 Abs. 1 Tz­B­fG) und die Be­klag­te beschäftigt mehr als 15 Ar­beit­neh­mer (§ 8 Abs. 7 Tz­B­fG). Die drei­mo­na­ti­ge Min­destankündi­gungs­frist (§ 8 Abs. 2 Satz 1 Tz­B­fG) ist ge­wahrt. Ei­ne Sperr­frist (§ 8 Abs. 6 Tz­B­fG) be­steht nicht, nach­dem die im Jahr 2007 er­folg­te Ab­leh­nung des An­trags vom 29. April 2007 je­den­falls vor dem 01. Au­gust 2007 er­folg­te.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten wi­der­spre­chen sich auch Re­du­zie­rungs­wunsch des Klägers vom 04. Au­gust 2009 und Kla­ge­an­trag nicht. Der Kläger ist ver­trags­gemäß mit ka­pa­zitätsori­en­tier­ter va­ria­bler Ar­beits­zeit mit ei­nem Ar­beits­zeit­vo­lu­men von 936 St­un­den Jah­res­ar­beits­zeit beschäftigt, was nach dem Verständ­nis der Par­tei­en ei­ner durch­schnitt­li­chen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 18 St­un­den ent­spricht. Dies folgt aus dem Ar­beits­ver­trag vom 02. Au­gust 1995. Zu­vor war er mit ei­ner Ar­beits­zeit­vo­lu­men von 1.040 St­un­den Jah­res­ar­beits­zeit beschäftigt, was nach dem Verständ­nis der Par­tei­en ei­ner durch­schnitt­li­chen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 20 St­un­den ent­sprach. Dies folgt aus dem frühe­ren Ver­trag vom 08. Ju­ni 1994. Die An­ga­be ei­ner durch­schnitt­li­chen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit dient da­mit der Kenn­zeich­nung und Be­stim­mung des Jah­res­ar­beits­zeit­vo­lu­mens, wo­bei die tatsächli­che wöchent­li­che Ar­beits­zeit eben va­ria­bel ist und dem Ar­beits­an­fall an­ge­passt wird. Ei­ne durch­schnitt­li­che Wo­chen­ar­beits­zeit von 10 St­un­den, wie im An­trag des Klägers vom 04. Au­gust 2009 auf­geführt, ent­spricht so­mit nach dem Verständ­nis auch der Be­klag­ten ei­nem Jah­res­ar­beits­zeit­vo­lu­men von 520 St­un­den, wie im letz­ten Kla­ge­an­trag des Klägers auf­geführt. Dass dies auch dem Verständ­nis der Be­klag­ten ent­spricht, zei­gen nicht nur die Verträge vom 08. Ju­ni 1994 und 02. Au­gust 1995, son­dern auch die von der Be­klag­ten ge­stell­ten An­trags­for­mu­la­re, die auch bei ka­pa­zitätsori­en­tier­ter va­ria­bler

 

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Ar­beits­zeit mit fes­ter Jah­res­ar­beits­zeit die Kenn­zeich­nung der gewünsch­ten re­du­zier­ten Ar­beits­zeit durch die An­ga­be der durch­schnitt­li­chen Wo­chen­ar­beits­zeit vor­se­hen. Wenn der Kläger da­mit am 04. Au­gust 2009 Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit auf ei­ne durch­schnitt­li­che Wo­chen­ar­beits­zeit von 10 St­un­den be­an­trag­te, war der Be­klag­ten auf­grund des ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit­mo­dells und der bis­he­ri­gen Verträge er­kenn­bar, dass da­mit ei­ne Re­du­zie­rung der Jah­res­ar­beits­zeit auf 520 St­un­den ge­meint ist.

Dem Ver­rin­ge­rungs­wunsch des Klägers ste­hen be­trieb­li­che Gründe ent­ge­gen.

Nach § 8 Abs. 4 Satz 1 und 2 Tz­B­fG hat der Ar­beit­ge­ber der Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit zu­zu­stim­men, falls be­trieb­li­che Gründe nicht ent­ge­gen­ste­hen. Ein ent­ge­gen­ste­hen­der be­trieb­li­cher Grund liegt ins­be­son­de­re vor, wenn die Um­set­zung des Ar­beits­zeit­ver­lan­gens die Or­ga­ni­sa­ti­on, den Ar­beits­ab­lauf oder die Si­cher­heit im Be­trieb we­sent­lich be­ein­träch­tigt oder un­verhält­nismäßige Kos­ten ver­ur­sacht. In­so­weit genügt es, wenn der Ar­beit­ge­ber hin­rei­chend ge­wich­ti­ge ra­tio­nal nach­voll­zieh­ba­re Gründe hat. Nach ge­fes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat die Prüfung der Gründe des Ar­beit­ge­bers re­gelmäßig in drei Stu­fen zu er­fol­gen. Zunächst ist fest­zu­stel­len, ob der vom Ar­beit­ge­ber als er­for­der­lich an­ge­se­he­nen Ar­beits­zeit­re­ge­lung über­haupt ein be­trieb­li­ches Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept zu Grun­de liegt und – wenn dies zu­trifft – um wel­ches Kon­zept es sich han­delt (ers­te Stu­fe). In der Fol­ge ist zu un­ter­su­chen, in­wie­weit die aus dem Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept fol­gen­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung dem Ar­beits­zeit­ver­lan­gen tatsächlich ent­ge­gen­steht (zwei­te Stu­fe). Sch­ließlich ist in ei­ner drit­ten Stu­fe das Ge­wicht der ent­ge­gen­ste­hen­den Gründe zu prüfen. Da­bei ist die Fra­ge zu klären, ob das be­trieb­li­che Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept oder die zu­grun­de lie­gen­de un­ter­neh­me­ri­sche Auf­ga­ben­stel­lung durch die vom Ar­beit­neh­mer gewünsch­te Ab­wei­chung we­sent­lich be­ein­träch­tigt wird, wo­bei maßge­bend der Zeit­punkt der Ab­leh­nung des Ar­beits­zeit­wunschs durch den Ar­beit­ge­ber ist (BAG 15. Au­gust 2006 – 9 AZR 30/06 – AP Tz­B­fG § 8 Nr. 16; BAG 16. Ok­to­ber 2007 – 9 AZR 239/07 – AP Tz­B­fG § 8 Nr. 23; BAG 13. No­vem­ber 2007 – 9 AZR 36/07 – AP Tz­B­fG § 8 Nr. 25; BAG 24. Ju­ni 2008 – 9 AZR 313/07 – AP Be­trVG 1972 § 117 Nr. 8; BAG 13. Ok­to­ber 2009 – 9 AZR 910/08 – AP Tz­B­fG § 8 Nr. 29).

Ab­zu­stel­len ist zunächst auf den vom Kläger in­ne­ge­hal­te­nen Ar­beits­platz und nicht auf an­de­re Ar­beitsplätze, die die Be­klag­te dem Kläger durch Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts zu­wei­sen könn­te. Die Kam­mer teilt in die­ser um­strit­te­nen Fra­ge nicht die Auf­fas­sung der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung. § 8 Abs. 1 Tz­B­fG gewährt ei­nen An­spruch auf Ver­rin­ge­rung der ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit, nicht je­doch auch auf

 

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Ände­rung an­de­rer Ver­trags­in­hal­te, dem­ent­spre­chend auch nicht auf Zu­wei­sung ei­nes an­de­ren Ar­beits­plat­zes. Dies kann in der Tat auch aus dem Um­kehr­schluss aus § 9 Tz­B­fG ab­ge­lei­tet wer­den, der ge­ra­de an ei­nen frei­en Ar­beits­platz an­knüpft (eben­so LAG Düssel­dorf 19. April 2002 – 9 (12) Sa 11/02 – ju­ris; ErfK/Preis, 11. Aufl., Tz­B­fG § 8 Rd­nr. 4; An­nuß/Thüsing/Men­gel, Tz­B­fG, 2. Aufl., § 8 Rd­nr. 3; Mei­nel/Heym/Herms, Tz­B­fG, 3. Aufl., § 8 Rd­nr. 31; Ha­nau, Of­fe­ne Fra­gen zum Teil­zeit­ge­setz, NZA 2001, 1168, [1169]); aA ArbG Stutt­gart 05. Ju­li 2001 – 21 Ca 2762/01 – NZA 2001, 968; KDZ/Zwan­zi­ger, 7. Aufl., Tz­B­fG, § 8 Rd­nr. 14). So hat auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt, wenn auch im Zu­sam­men­hang mit der Kon­zep­ti­on des § 9 Tz­B­fG, aus­geführt, die von § 9 Tz­B­fG er­fass­ten Ab­leh­nungs­gründe würden sich nicht nur im Ge­wicht von de­nen des § 8 Tz­B­fG un­ter­schei­den. Die in § 8 Tz­B­fG ge­nann­ten be­trieb­li­chen Gründe würden sich im Kern stets dar­auf be­zie­hen, dass der vom Ar­beit­neh­mer ein­ge­nom­me­ne Ar­beits­platz kei­ne ver­rin­ger­te Ar­beits­zeit zu­las­se, während § 9 Tz­B­fG die per­so­nel­le Aus­wahl und nicht den zeit­li­chen Zu­schnitt des Ar­beits­plat­zes be­tref­fe (BAG 15. Au­gust 2006 – 9 AZR 8/06 – AP Tz­B­fG § 9 Nr. 1). Auch dies be­legt, dass § 8 Abs. 1 Tz­B­fG kon­zep­tio­nell dar­auf ab­stellt, ob der in­ne­ge­hal­te­ne Ar­beits­platz des Ar­beit­neh­mers ei­ne – ggf. wei­te­re – Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung er­laubt und nicht dar­auf, ob im Be­trieb ggf. un­ter Ausübung ei­ner per­so­nel­len Aus­wah­l­ent­schei­dung und Vor­nah­me ei­nes Ring­tauschs für den Ar­beit­neh­mer ein an­de­rer Teil­zeit­ar­beits­platz vor­han­den ist oder ge­schaf­fen wer­den kann. Ent­schei­dend ist da­her al­lein, ob bei dem Ein­satz im Be­treu­ungs­dienst im Rah­men der Ar­beit­neh­merüber­las­sung an die C ei­ner Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung auf durch­schnitt­lich zehn Wo­chen­ar­beits­stun­den bzw. 520 Jah­res­ar­beits­stun­den be­trieb­li­che Gründe ent­ge­gen­ste­hen.

Die Kam­mer räumt ein, dass un­ter Zu­grun­de­le­gung des vom Bun­des­ar­beits­ge­richts ent­wi­ckel­ten drei­stu­fi­gen Prüfungs­sche­mas be­trieb­li­che Gründe im Sin­ne von un­verhält­nismäßigen Kos­ten oder we­sent­li­cher Be­ein­träch­ti­gung von Or­ga­ni­sa­ti­on, Ar­beits­ab­lauf oder Si­cher­heit wohl erst­in­stanz­lich nicht hin­rei­chend dar­ge­legt wa­ren und auch bis­her nicht hin­rei­chend dar­ge­legt sind. Hin­zu kommt, dass die Be­klag­te im Hin­blick auf die­se Punk­te oh­ne­hin nicht mit ei­ge­nen be­trieb­li­chen Gründen ar­gu­men­tie­ren kann, son­dern al­len­falls mit sol­chen der A. Die von der Be­klag­ten be­haup­te­ten Mehr­kos­ten fal­len je­den­falls nicht bei ihr an, son­dern wer­den 1:1 an die A wei­ter ge­ge­ben. Et­wai­ge Be­ein­träch­ti­gun­gen von Or­ga­ni­sa­ti­on und Ar­beits­ab­lauf fal­len eben­falls nicht bei der Be­klag­ten an, denn nicht sie, son­dern die A un­terhält, be­treibt und or­ga­ni­siert den Be­treu­ungs­dienst. Si­cher­heits­be­lan­ge der Be­klag­ten sind oh­ne­hin nicht berührt. Dies zeigt aber auch, dass das nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts für den Re­gel­fall an­zu­wen­den­de drei­stu­fi­ge Prüfungs­sche­ma

 

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dann nicht un­verändert über­nom­men und an­ge­wandt wer­den kann, wenn der Ar­beit­ge­ber über­haupt kein ei­ge­nes be­trieb­li­ches Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept für ei­ne Ar­beits­zeit­re­ge­lung hat und ha­ben muss, bei­spiels­wei­se bei dritt­be­zo­ge­nem Per­so­nal­ein­satz in Form von Ar­beit­neh­merüber­las­sung an ei­nen Drit­ten. Ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept im Sin­ne ei­nes tatsächlich durch­geführ­ten Kon­zepts, mit dem die un­ter­neh­me­ri­sche Auf­ga­ben­stel­lung im Be­trieb ver­wirk­licht wer­den soll (BAG 08. Mai 2007 – 9 AZR 1112/06 – AP Tz­B­fG § 8 Nr. 21), muss sich bei Ar­beit­neh­merüber­las­sung an ei­nen Drit­ten nicht zwangsläufig auf ei­ne Ar­beits­zeit­re­ge­lung be­zie­hen.

Die Kam­mer kann of­fen las­sen, ob in der­ar­ti­gen Si­tua­tio­nen der Ver­trags­ar­beit­ge­ber mit dem Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept des Drit­ten ar­gu­men­tie­ren und die­ses als be­trieb­li­chen Grund i.S.d. § 8 Abs. 4 Tz­B­fG ei­nem Ver­rin­ge­rungs­be­geh­ren ent­ge­gen­hal­ten kann. Je­den­falls kann er an­de­re ei­ge­ne be­trieb­li­che Gründe ent­ge­gen­hal­ten, auch wenn die­se nicht un­mit­tel­bar Or­ga­ni­sa­ti­on, Ar­beits­ab­lauf oder Si­cher­heit im Be­trieb oder Kos­ten be­tref­fen. Die Aufzählung in § 8 Abs. 4 Satz 2 Tz­B­fG ist nicht ab­sch­ließend, son­dern bei­spiel­haft (BAG 13. Ok­to­ber 2009 – 9 AZR 910/08 – aaO).

Bei dritt­be­zo­ge­nem Per­so­nal­ein­satz in Form von Ar­beit­neh­merüber­las­sung oh­ne ei­ge­nes be­trieb­li­ches ar­beits­zeit­be­zo­ge­nes Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept können nach Dafürhal­ten der Kam­mer der­ar­ti­ge be­trieb­li­che Gründe i.S.d. § 8 Abs. 4 Tz­B­fG in der ver­trag­li­chen Be­zie­hung zum Ent­lei­her be­gründet sein. Dies gilt je­den­falls dann, wenn die­se ver­trag­li­chen Be­zie­hun­gen da­zu führen, dass der in­ne­ge­hal­te­ne Ar­beits­platz des Klägers nicht (wei­ter) teil­bar ist. Ein An­spruch auf Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung be­steht auch dann nicht, wenn der Ar­beits­platz nicht teil­bar ist (ErfK/Preis, 11. Aufl., Tz­B­fG, § 8 Rd­nr. 34). Die Un­teil­bar­keit des Ar­beits­plat­zes mag wie­der­um mit or­ga­ni­sa­to­ri­schen Gründen be­gründet wer­den können, es kom­men je­doch auch an­de­re Gründe für Un­teil­bar­keit in Be­tracht.

Der vom Kläger in­ne­ge­hal­te­ne Ar­beits­platz ist nicht wei­ter teil­bar. Dies folgt aus § 10 des zwi­schen der Be­klag­ten und der A ge­schlos­se­nen Ver­tra­ges zur Ar­beit­neh­merüber­las­sung und der Ver­trags­ergänzung vom 20. No­vem­ber 2009. Hier­nach ist die Be­klag­te ver­pflich­tet, der A aus­sch­ließlich Ar­beit­neh­mer mit ei­ner Wo­chen­ar­beits­zeit von min­des­tens 18 St­un­den zu über­las­sen, so­fern sie nicht be­reits zu­vor mit ei­ner dar­un­ter lie­gen­den Wo­chen­ar­beits­zeit ver­lie­hen wa­ren, und ist die A be­rech­tigt, den Aus­tausch von Mit­ar­bei­tern zu ver­lan­gen, de­ren Ar­beits­zeit sich so ändert, dass die ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen nicht mehr erfüllt sind. Nach der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung ist die Be­klag­te recht­lich ge­hin­dert, der A Ar­beit­neh­mer mit

 

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ei­nem ge­rin­ge­ren Ar­beits­zeit­vo­lu­men als durch­schnitt­lich 18 Wo­chen­ar­beits­stun­den zu über­las­sen.

Die­se Klau­sel ist un­strei­tig auf Be­trei­ben der A nachträglich in den Ver­trag auf­ge­nom­men wor­den. Dies recht­fer­tigt die Pro­gno­se, dass die A sich auch auf die Ein­hal­tung der Klau­sel be­ru­fen und ggf. von dem ihr ein­geräum­ten Aus­tausch­recht Ge­brauch ma­chen wird. Die­se Pro­gno­se war auch be­reits im Zeit­punkt der ab­leh­nen­den Ent­schei­dung der Be­klag­ten, dies ist der 12. Au­gust 2009 und ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten nicht der 17. Sep­tem­ber 2009 be­rech­tigt. Hier­bei kommt es nicht ent­schei­dend dar­auf an, dass die ent­spre­chen­de ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Be­klag­ten und der A erst später zu­stan­de kam, gleichgültig ob man auf die am 20. No­vem­ber 2009 ge­schlos­se­ne schrift­li­che Ver­ein­ba­rung ab­stellt oder trotz Schrift­form­klau­sel (§ 13 des Ver­tra­ges zur Ar­beit­neh­merüber­las­sung) auf die nach un­wi­der­spro­che­nem Vor­trag der Be­klag­ten be­reits am 20. Sep­tem­ber 2009 ge­trof­fe­ne münd­li­che Ver­ein­ba­rung. Bei der Pro­gno­se­ent­schei­dung kann wie im Kündi­gungs­recht auch auf die künf­ti­ge Ent­wick­lung der be­trieb­li­chen Verhält­nis­se ab­ge­stellt wer­den, wenn die be­trieb­li­chen Umstände be­reits greif­ba­re For­men an­ge­nom­men ha­ben; ab­zu­stel­len ist dann dar­auf, ob im Zeit­punkt der ab­leh­nen­den Ent­schei­dung Umstände vor­la­gen, auf­grund de­rer bei vernünf­ti­ger, be­triebs­wirt­schaft­li­cher Be­trach­tungs­wei­se mit ei­ni­ger Si­cher­heit da­von aus­zu­ge­hen war, dass ei­ne Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit zum gewünsch­ten Be­ginn nicht möglich sei (Mei­nel/Heyn/Herms, Tz­B­fG, 3.Aufl., § 8 Rd­nr. 57). Die­se Vor­aus­set­zung ist erfüllt. Nach un­be­strit­ten ge­blie­be­nen Vor­trag der Be­klag­ten hat­te die A be­reits seit 2008 ei­ne ent­spre­chen­de ergänzen­de Ver­trags­klau­sel ge­for­dert, wur­de hierüber be­reits seit April 2009 ver­han­delt, sah die Be­klag­te für sich kei­nen An­lass, sich ei­ner ent­spre­chen­den For­de­rung der A nach­hal­tig zu wi­der­set­zen, und kündig­te die A be­reits vor Ab­schluss der ergänzen­den Ver­ein­ba­rung an, den Ein­satz von Leih­ar­beit­neh­mern mit ei­nem un­ter durch­schnitt­lich 18 Wo­chen­ar­beits­stun­den lie­gen­den Ar­beits­zeit­vo­lu­men künf­tig ab­zu­leh­nen. Da­mit war für die Be­klag­te im Zeit­punkt der Ab­leh­nung hin­rei­chend si­cher pro­gnos­ti­zier­bar, dass der Kläger bei ei­ner Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung auf durch­schnitt­lich 10 Wo­chen­ar­beits­stun­den ab 01. De­zem­ber 2009 nicht mehr bei der A im Be­treu­ungs­dienst ein­ge­setzt wer­den würde, der A nicht mehr im Rah­men der ver­ein­bar­ten Ar­beit­neh­merüber­las­sen über­las­sen wer­den und da­mit nicht mehr auf sei­nem bis­her in­ne­ge­hal­te­nen Ar­beits­platz ein­ge­setzt wer­den könn­te.

Nach Auf­fas­sung der Kam­mer liegt kein Rechts­miss­brauch vor. Die Kam­mer folgt in die­sem Zu­sam­men­hang der Auf­fas­sung, dass je näher der in An­spruch ge­nom­me­ne

 

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be­trieb­li­che Grund an die Ent­schei­dung her­anrückt, kei­ne Teil­zeit­beschäfti­gung zu­zu­las­sen, um­so höhe­re An­for­de­run­gen an die Dar­le­gung des be­trieb­li­chen Grun­des zu stel­len sind. Hin­zu kommt, dass vor­lie­gend nicht ein­fach nur ein Ver­trag mit ei­nem Ent­lei­her exis­tiert, nach des­sen In­halt ein Ein­satz von Teil­zeit­beschäftig­ten mit ei­nem Ar­beits­zeit­vo­lu­men von un­ter durch­schnitt­lich 18 Wo­chen­ar­beits­stun­den nicht er­fol­gen soll, son­dern die Be­klag­te darüber hin­aus, wenn auch nicht mehr­heit­lich, an der A be­tei­ligt ist und wie auch die Mehr­heits­ge­sell­schaf­te­rin (D) auf die Wil­lens­bil­dung des Ver­trags­part­ners und da­mit auch auf die For­de­rung nach in­halt­li­cher Ergänzung des Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ver­tra­ges Ein­fluss neh­men kann. Die Kam­mer folgt der Auf­fas­sung, wo­nach auch im Rah­men des § 8 Tz­B­fG zur Ab­gren­zung der frei­en Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung von der bloßen Ent­schei­dung, kei­ne Teil­zeit­beschäfti­gung zu­las­sen zu wol­len, auf Par­al­le­len in der Recht­spre­chung zur Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung im Kündi­gungs­recht zurück­ge­grif­fen wer­den kann. Auch hier muss der Ar­beit­ge­ber, je näher die ei­gent­li­che Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dung an den Kündi­gungs­ent­schluss rückt, um­so mehr durch Tat­sa­chen­vor­trag ver­deut­li­chen, dass ein Beschäfti­gungs­bedürf­nis ent­fal­len ist. Auf den Be­reich des § 8 Abs. 4 Tz­B­fG über­tra­gen be­deu­tet dies, dass ei­ne Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers, be­stimm­te Ar­beitsplätze nur mit Voll­zeit­kräften – oder wie hier: nur mit Ar­beits­kräften mit ei­nem Min­dest­ar­beits­zeit­vo­lu­men von durch­schnitt­lich 18 Wo­chen­ar­beits­stun­den – zu be­set­zen, de­ckungs­gleich mit der Ab­leh­nung des Teil­zeit­wun­sches ist, so dass es in die­sem Fall zusätz­li­cher Erläute­run­gen des Ar­beit­ge­bers be­darf, war­um die Ent­schei­dung nicht un­sach­lich, un­vernünf­tig oder willkürlich ist und wel­che stim­mi­ge, plau­si­ble und nach­voll­zieh­ba­re Be­gründung ihr zu­grun­de liegt (vgl. LAG Köln 03. Fe­bru­ar 2006 – 11 (13) Sa 1246/05 – NZA-RR 200, 343).

Vor die­sem Hin­ter­grund kann nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Ergänzung vom 20. No­vem­ber 2009 zum mit der A ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ver­trag von der Be­klag­ten rechts­miss­bräuch­lich ge­schlos­sen wur­de, um ih­rer­seits Teil­zeit­anträge auf Teil­zeit­beschäfti­gung mit we­ni­ger als 18 Wo­chen­ar­beits­stun­den zu un­ter­bin­den.

Die Initia­ti­ve zur Ver­tragsände­rung ging nicht von der Be­klag­ten aus, son­dern von der A. Dies ist un­strei­tig.

Dass die Be­klag­te als Min­der­heits­ge­sell­schaf­te­rin der A in ir­gend­ei­ner Form auf de­ren Ent­schei­dung Ein­fluss ge­nom­men hätte, ei­ne ent­spre­chen­de Ergänzung des Ver­trags zu for­dern, ist nicht er­sicht­lich und vom Kläger nicht vor­ge­tra­gen. Aus dem

 

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un­be­strit­te­nen Vor­trag der Be­klag­ten folgt viel­mehr, dass es ihr ge­lun­gen ist, die ursprüng­li­che For­de­rung der A et­was ab­zu­schwächen. Da­mit liegt kein An­halts­punkt für die An­nah­me vor, die Be­klag­te ha­be ih­re Po­si­ti­on als Ge­sell­schaf­te­rin der A be­nutzt, um für die­se ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen zu for­dern, die bei ihr als Ab­leh­nungs­grund ei­nem Teil­zeit­be­geh­ren ent­ge­gen­ge­setzt wer­den könn­ten. Die Kam­mer ver­tritt nicht die Auf­fas­sung, der Be­klag­ten sei im vor­lie­gen­den Rechts­streit ent­ge­gen­zu­hal­ten, sie hätte sich dem Ver­lan­gen der A auf Ände­rung bzw. Ergänzung der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen auch ver­wei­gern und ei­ne Ei­ni­gung auch ab­leh­nen können. Ins­be­son­de­re kann der Be­klag­ten nicht vor­ge­hal­ten wer­den, sie hätte sich auf die For­de­rung der A nur dann ein­las­sen dürfen, wenn die A ih­re For­de­rung ih­rer­seits mit ei­nem ei­ner Prüfung nach § 8 Abs. 4 Tz­B­fG stand­hal­ten­den Kon­zept be­gründet hätte. Der Ver­lei­her hat grundsätz­lich kei­nen Ein­fluss auf das beim Ent­lei­her be­ste­hen­de Kon­zept und hat die­ses viel­mehr im Rah­men der Ver­trags­ge­stal­tung hin­zu­neh­men. Dafür, dass dies vor­lie­gend an­ge­sichts der Min­der­heits­be­tei­li­gung der Be­klag­ten an der A an­ders sein könn­te, sind kei­ne An­halts­punk­te er­sicht­lich. Von da­her ist es nicht er­for­der­lich, dass der Ent­lei­her sei­ne For­de­rung hin­ei­chend gemäß § 8 Abs. 4 Tz­B­fG be­gründen könn­te, son­dern reicht es aus, wenn die Be­klag­te als Ver­lei­he­rin sich aus hin­rei­chend ge­wich­ti­gen ra­tio­nal nach­voll­zieh­ba­ren Gründen auf die For­de­rung der A ein­ließ. Dies ent­spricht dem Er­for­der­nis des be­trieb­li­chen Grun­des i.S.d. § 8 Abs. 4 Tz­B­fG. Es reicht da­mit, wenn die Ent­schei­dung der Be­klag­ten, ei­ner Ver­trags­ergänzung zu­zu­stim­men, von plau­si­blen wirt­schaft­li­chen oder un­ter­neh­mens­po­li­ti­schen Gründen ge­tra­gen war (vgl. ErfK/Preis, 11. Aufl., Tz­B­fG, § 8 Rd­nr. 26). Dies ist der Fall. Sie trägt un­wi­der­spro­chen vor, die For­de­rung der A für sich sach­lich nach­voll­zo­gen zu ha­ben und es nicht als an­ge­zeigt an­ge­se­hen zu ha­ben, die ge­sell­schafts­recht­li­chen Be­zie­hun­gen un­ter­ein­an­der des­we­gen zu be­las­ten, zu­mal sie kei­ne Chan­ce ge­se­hen ha­be, ei­ne ab­wei­chen­de Po­si­ti­on lang­fris­tig durch­zu­set­zen. Rechts­miss­brauch liegt noch nicht al­lein und schon des­halb vor, weil die For­de­rung der A, wäre sie als Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept ei­nem An­trag auf Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung ent­ge­gen­ge­hal­ten wor­den, ei­ner Prüfung nicht stand­ge­hal­ten hätte. Denn der dem Teil­zeit­be­geh­ren ent­ge­gen­ste­hen­de be­trieb­li­che Grund ist nicht ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept der A, son­dern der Um­stand, dass die­se ver­trag­lich be­rech­tigt wäre, den Ein­satz des Klägers ab­zu­leh­nen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 ZPO.

 

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Gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG ist die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen, wo­bei die Kam­mer grundsätz­li­che Be­deu­tung so­wohl im Hin­blick auf den Prüfungs­maßstab bei dritt­be­zo­ge­nem Per­so­nal­ein­satz als auch auf den bei Miss­brauchs­kon­trol­le be­jaht. 

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