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Lohn­an­sprü­che bei In­sol­venz - BAG be­grenzt In­sol­venz­an­fech­tung

Ar­beit­neh­mer oh­ne kauf­män­ni­sches In­si­der­wis­sen müs­sen Lohn­zah­lun­gen, die sie vor der In­sol­venz er­hal­ten ha­ben, nicht an den In­sol­venz­ver­wal­ter er­stat­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 06.10.2011, 6 AZR 262/10

07.10.2011. Wird der Ar­beit­ge­ber in­sol­vent und kommt es zu ei­nem In­sol­venz­ver­fah­ren, ha­ben die Ar­beit­neh­mer meist er­heb­li­che Nach­tei­le. Oft ver­lie­ren sie den Ar­beits­platz, da ih­nen der in­sol­ven­te Ar­beit­ge­ber oder kur­ze Zeit spä­ter der In­sol­venz­ver­wal­ter kün­digt.

Das al­les ist schon schlimm ge­nug - aber kann der vom in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­ber vor In­sol­ven­zer­öff­nung ge­zahl­te Lohn spä­ter vom In­sol­venz­ver­wal­ter wie­der zu­rück­ge­for­dert wer­den?

Die In­sol­venz­ord­nung (In­sO) gibt dem Ver­wal­ter tat­säch­lich ei­ne sol­che recht­li­che Mög­lich­keit an die Hand, doch hat der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) be­reits An­fang 2009 die­se Vor­schrift (§ 130 Abs.1 Satz 1 In­so) er­heb­lich zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer ein­ge­schränkt (BGH, Ur­teil vom 19.02.2009, IX ZR 62/08 - wir be­rich­te­ten dar­über in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/070 An­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen in der In­sol­venz bleibt die Aus­nah­me).

Ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die­se Recht­spre­chung be­stä­tigt und so­gar noch zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer aus­ge­baut: BAG, Ur­teil vom 06.10.2011, 6 AZR 262/10.

Lohnzahlungen vor der Insolvenz - wann kann der Insolvenzverwalter Rückzahlung verlangen ("Insolvenzanfechtung")?

Wird der Ar­beit­ge­ber zah­lungs­unfähig, kommt es früher oder später zum An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens. Nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über­nimmt der In­sol­venz­ver­wal­ter das Ru­der: Er ver­sil­bert das noch vor­han­de­ne Vermögen des in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­bers, und ver­teilt die In­sol­venz­mas­se an die Gläubi­ger. Da­bei soll kein Gläubi­ger be­vor­zugt oder be­nach­tei­ligt wer­den.

Um das Ziel der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit zu er­rei­chen, kann der In­sol­venz­ver­wal­ter Gel­der her­aus­ver­lan­gen, die der In­sol­venz­schuld­ner kurz vor Tores­schluss noch an ein­zel­ne Gläubi­ger ge­zahlt hat. Die­se sog. In­sol­venz­an­fech­tung be­trifft gemäß § 130 Abs.1 Satz 1 In­sO

  1. Lohn­zah­lun­gen, die in den letz­ten drei Mo­na­ten vor dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vor­ge­nom­men wor­den sind, wenn zur Zeit der Zah­lung der Ar­beit­ge­ber be­reits zah­lungs­unfähig war und wenn der Zah­lungs­empfänger (d.h. der Ar­beit­neh­mer) zu die­ser Zeit die Zah­lungs­unfähig­keit sei­nes Ar­beit­ge­bers kann­te, oder
  2. Lohn­zah­lun­gen, die nach dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vor­ge­nom­men wor­den sind, wenn der Zah­lungs­empfänger (d.h. der Ar­beit­neh­mer) zur Zeit der Zah­lung die Zah­lungs­unfähig­keit oder den Eröff­nungs­an­trag kann­te.

Aber was heißt "ken­nen"? Hat der Ar­beit­neh­mer be­reits dann Kennt­nis von der Zah­lungs­unfähig­keit sei­nes Ar­beit­ge­bers im Sin­ne von § 130 Abs.1 Satz 1 In­sO , wenn er sei­ne ei­ge­nen - mehr­mo­na­ti­gen - Ge­haltsrückstände kennt und außer­dem weiß, dass der Ar­beit­ge­ber vie­len an­de­ren Ar­beit­neh­mern eben­falls seit meh­re­ren Mo­na­ten den Lohn nicht mehr ge­zahlt hat bzw. mit die­sen Lohn­for­de­run­gen in Ver­zug ge­ra­ten ist?

Die­se prak­tisch wich­ti­ge Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer in­sol­ven­ter Un­ter­neh­men geklärt (BAG, Ur­teil vom 06.10.2011, 6 AZR 262/10).

Der Streitfall: Nach monatelangem Zahlungsverzug zahlt der Arbeitgeber rückständige Löhne und stellt kurz darauf Insolvenzantrag

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall hat­te der Ar­beit­neh­mer seit An­fang 2007 kei­nen Lohn mehr er­hal­ten. An­fang Mai 2007 gab es dann zwei Ab­schlags­zah­lun­gen auf das of­fen­ste­hen­de Ja­nu­ar­ge­halt. We­ni­ge Ta­ge später zahl­te der Ar­beit­ge­ber so­gar noch den Lohn für Fe­bru­ar und März 2007.

Zwei Mo­na­te später (Ju­li 2007) wur­de In­sol­venz­an­trag ge­stellt, und im Sep­tem­ber 2007 wur­de das Ver­fah­ren eröff­net.

Der Ver­wal­ter ver­lang­te die Lohn­zah­lun­gen her­aus, im­mer­hin 5.863,20 Eu­ro net­to. Der Ar­beit­neh­mer klag­te dar­auf­hin auf ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass er nicht zur Lohnrück­zah­lung ver­pflich­tet sei. Das Ar­beits­ge­richt Bay­reuth (Ur­teil vom 14.07.2009, 1 Ca 488/08) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg ga­ben dem Ar­beit­neh­mer recht (Ur­teil vom 31.03.2010, 3 Sa 379/09).

Bundesarbeitsgericht: Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit nur bei kaufmännischem Insiderwissen

Ges­tern ent­schied auch das BAG zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers.

In der Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung, dass die An­fang Mai er­folg­ten Zah­lun­gen auf den Fe­bru­ar- und März­lohn von vorn­her­ein recht­lich ge­si­chert wa­ren, da der Ar­beit­ge­ber da­mit Löhne für die vor­aus­ge­hen­den drei Mo­na­ten be­gli­chen.

Das aber sei, so das BAG, als Bar­geschäft im Sin­ne von § 142 In­sO an­zu­se­hen.

Nach die­ser Vor­schrift können Gläubi­ger des In­sol­venz­schuld­ners vor Ver­fah­ren­seröff­nung ge­leis­te­te Zah­lun­gen in al­ler Re­gel endgültig be­hal­ten, wenn Leis­tung und Ge­gen­leis­tung zeit­lich "un­mit­tel­bar" auf­ein­an­der fol­gen. 

Dass das BAG ei­ne sol­che "un­mit­tel­ba­re" zeit­li­che Nähe von Ar­beits­leis­tung und Lohn­zah­lung selbst dann (noch) an­nimmt, wenn der Ar­beit­ge­ber be­reits drei Mo­na­te (!) lang of­fen­ste­hen­de Ge­halts­ansprüche be­gleicht, ist aus Ar­beit­neh­mer­sicht ei­ne gu­te Nach­richt, mit der der Bar­geschäfts­pa­ra­graph zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer sehr weit aus­ge­dehnt wird.

Die im Mai vor­ge­nom­me­nen Zah­lun­gen auf das Ja­nu­ar­ge­halt wa­ren da­ge­gen kein sol­ches Bar­geschäft mehr, da mit die­ser Zah­lung nicht mehr die "in den vor­aus­ge­hen­den drei Mo­na­ten er­brach­ten Ar­beits­leis­tun­gen" be­zahlt wur­den. Hier aber kam es dem Ar­beit­neh­mer zu­gu­te, dass er kei­nen Ein­blick in die Fi­nanz­buch­hal­tung sei­nes Ar­beit­ge­bers hat­te und auch kei­ne Lei­tungs­auf­ga­ben im kaufmänni­schen Be­reich wahr­ge­nom­men hat­te. Da­her, so das BAG, hat­te er kei­ne Kennt­nis von der Zah­lungs­unfähig­keit sei­nes Ar­beit­ge­bers.

Fa­zit: Lohn­zah­lun­gen vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens sind prak­tisch im­mer "an­fech­tungs­fest", d.h. der In­sol­venz­ver­wal­ter hat prak­tisch nie ei­ne Chan­ce, sie im Nach­hin­ein im We­ge der In­sol­venz­an­fech­tung her­aus­zu­ver­lan­gen. Denn al­le Zah­lun­gen, mit de­nen die Ar­beit der ver­gan­ge­nen drei Mo­na­te be­gli­chen wer­den, sind als Bar­geschäfte gemäß § 142 In­sO von vorn­her­ein recht­lich ab­ge­si­chert.

Und auch dann, wenn länger zurück­lie­gen­de Ar­beits­leis­tun­gen be­zahlt wer­den, ha­ben Ar­beit­neh­mer vom Ver­wal­ter meist nichts zu befürch­ten, da sie Lohn­zah­lun­gen nur dann her­ausrücken müssen, wenn ih­nen die In­sol­venz ih­res Ar­beit­ge­bers zur Zeit der Lohn­zah­lung auf­grund kaufmänni­schen In­si­der­wis­sens be­kannt war. 

An die­sen vom BAG auf­ge­stell­ten Re­geln wer­den sich die Ver­wal­ter künf­tig auch ori­en­tie­ren, da der Ge­mein­sa­me Se­nat der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des im Sep­tem­ber 2010 ent­schie­den hat, dass Kla­gen von In­sol­venz­ver­wal­tern ge­gen Ar­beit­neh­mer auf Rück­gewähr vor­insol­venz­li­cher Lohn­zah­lun­gen von den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen zu ent­schei­den sind (Ge­mein­sa­mer Se­nat der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des, Be­schluss vom 27.09.2010, GmS-OGB 1/09).

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 26. November 2015

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