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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Lohnwucher, Hartz IV
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Akten­zeichen: 6 Sa 1148/14
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 07.11.2014
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Cottbus - 13 Ca 10477/13
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg

Verkündet

am 7. No­vem­ber 2014

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)
6 Sa 1148/14

13 Ca 10477/13
Ar­beits­ge­richt Cott­bus
(Kam­mern Senf­ten­berg)  


Ge­richts­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

In Sa­chen

Pp


hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Kam­mer 6,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 7. No­vem­ber 2014
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt N. als Vor­sit­zen­de
so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter K. und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin L.

für Recht er­kannt:

I. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Cott­bus (Kam­mern Senf­ten­berg) vom 9. April 2014 - 13 Ca 10477/13 – un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen teil­wei­se ab­geändert.

Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt an die Kläge­rin

1.920,00 EUR (ein­tau­send­neun­hun­dert­zwan­zig 00/100)

nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 3. Au­gust 2013 zu zah­len.

II. Die Kos­ten des Rechts­streits ha­ben die Kläge­rin zu 20% und der Be­klag­te zu 80% zu tra­gen.

III. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

N.  

K.  

L.

 

 

 

 

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Fra­ge, ob die Kläge­rin vom Be­klag­ten Ansprüche aus über­ge­gan­ge­nem Recht we­gen sit­ten­wid­ri­ger Vergütungs­ver­ein­ba­rung gel­tend ma­chen kann.

Die Kläge­rin ist die ge­mein­sa­me Ein­rich­tung der Agen­tur für A. Cott­bus und des Land­krei­ses Ober­spree­wald Lau­sitz, fir­mie­rend als J. OSL mit Sitz in Senf­ten­berg/Bran­den­burg, wel­che im Rah­men ih­rer Leis­tungs­ver­wal­tung an hil­fe­bedürf­ti­ge Men­schen Leis­tun­gen nach dem SGB II er­bringt.

Der Be­klag­te führt als selbstständi­ger Rechts­an­walt ei­ne Rechts­an­walts­kanz­lei mit Sitz in Lübben­au und ei­ner Zweig­nie­der­las­sung in Großräschen. In sei­nen Kanz­lei­stand­or­ten in Lübben­au und Großräschen beschäftigt der Be­klag­te ins­ge­samt sechs Voll­zeit­mit­ar­bei­ter, dar­un­ter aus­ge­bil­de­te Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te und ei­ne Aus­zu­bil­den­de. Im Jahr 2012 mach­te der Be­klag­te im Rah­men sei­ner an­walt­li­chen Tätig­keit 5.859 Ver­fah­ren und im Jahr 2013 5.334 Ver­fah­ren beim So­zi­al­ge­richt Cott­bus anhängig.

Im Mai 2012 führ­te der Be­klag­te mit den er­werbs­lo­sen Leis­tungs­empfängern, Frau N. L. und Herrn M. M., wel­che über kei­ne ab­ge­schlos­se­ne Aus­bil­dung verfügten und auf­grund ei­ner körper­li­chen Be­hin­de­rung in der Be­rufs­wahl stark ein­ge­schränkt wa­ren, ein Prak­ti­kum durch, das im Rah­men ei­ner geförder­ten Wei­ter­bil­dungs­maßnah­me er­folg­te.

Nach Be­en­di­gung des Prak­ti­kums ver­ein­bar­te der Be­klag­te mit bei­den Per­so­nen, wel­che fort­lau­fend Leis­tun­gen nach dem SGB II be­zo­gen, zunächst münd­lich ein Ar­beits­verhält­nis, wo­nach die­se ge­gen ein Ent­gelt von 100,00 Eu­ro im Mo­nat Büro­hilfstätig­kei­ten für den Be­klag­ten ausüben soll­ten. Die von Frau L. aus­geübten Hilfstätig­kei­ten um­fass­ten u.a. das Her­aus­su­chen von Hand­ak­ten für die an­ste­hen­den Ge­richts­ver­hand­lun­gen. Frau L. sor­tier­te auch ein­ge­hen­de Schrei­ben in die Ak­ten ein, nahm Post ent­ge­gen und quit­tier­te den Emp­fang von Sen­dun­gen. Un­ter dem 30. Au­gust 2012 gab Frau L. ge­genüber dem J. ei­ne schrift­li­che Erklärung (Bl. 3 d.A.) ab, wo­nach sie seit Ju­ni 2012 von Mon­tag bis Frei­tag je­weils von 8.00 Uhr bis 11.00 Uhr „je nach Be­darf auch nach­mit­tags, dafür vor­mit­tags nicht“ all­ge­mei­ne Bürotätig­kei­ten für den Be­klag­ten ausübe.

Mit Schrei­ben vom 25. Ju­ni 2013 er­hob die Kläge­rin ge­genüber dem Be­klag­ten Ansprüche auf Ar­beits­vergütung aus über­ge­gan­ge­nem Recht un­ter Hin­weis dar­auf, dass die zwi­schen dem Be­klag­ten und Frau L. ver­ein­bar­te Vergütungs­ab­re­de sit­ten­wid­rig und da­her nich­tig sei und der Be­klag­te in­fol­ge­des­sen die übli­che Vergütung schul­de.

 

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Mit der am 26. Ju­li 2013 beim Ar­beits­ge­richt Cott­bus – Kam­mern Senf­ten­berg – ein­ge­gan­ge­nen und dem Be­klag­ten am 3. Au­gust 2013 zu­ge­stell­ten Leis­tungs­kla­ge hat die Kläge­rin ihr Zah­lungs­be­geh­ren aus über­ge­gan­ge­nem Recht nach § 115 SGB X für den Zeit­raum vom 1. Ju­li 2012 bis zum 30. Ju­ni 2013 wei­ter ver­folgt, wo­bei sie von ei­nem übli­chen St­un­den­lohn von 5,00 Eu­ro brut­to pro St­un­de und ei­ner ge­schul­de­ten bzw. er­brach­ten Ar­beits­zeit der Leis­tungs­be­zie­he­rin von 60 St­un­den im Mo­nat aus­ge­gan­gen ist.

Nach Zu­stel­lung der Kla­ge hat der Be­klag­te ei­nen nachträglich schrift­lich nie­der­ge­leg­ten Ar­beits­ver­trag zwi­schen ihm und der Leis­tungs­be­zie­he­rin vom 4. No­vem­ber 2013 ein­ge­reicht, wel­cher kei­ne fes­te Ar­beits­zeit vor­sieht und ei­ne Aus­schluss­frist von drei Mo­na­ten für die ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung der ge­gen­sei­ti­gen For­de­run­gen enthält, wel­che rück­wir­kend ab dem 1. Ju­ni 2012 gel­ten soll. We­gen des In­halts des schrift­li­chen Ar­beits­ver­tra­ges wird auf die ein­ge­reich­te Ab­lich­tung (Bl. 177 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die im Ar­beits­verhält­nis zwi­schen Frau L. und dem Be­klag­ten ge­trof­fe­ne Vergütungs­ab­re­de nich­tig sei und so­mit an de­ren Stel­le ein An­spruch der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­me­rin auf die übli­che Vergütung für ei­ne Büro­hil­fe tre­te. Die ortsübli­che Vergütung be­tra­ge in Er­man­ge­lung ei­nes ein­schlägi­gen Ta­rif­ver­trags im Land Bran­den­burg min­des­tens 5,00 Eu­ro brut­to pro St­un­de.

Die Kläge­rin hat be­haup­tet, dass Frau L. für den Be­klag­ten ent­spre­chend ih­rer Erklärung 15 St­un­den in der Wo­che tätig ge­we­sen sei. Im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum ha­be sie ge­genüber Frau L. Leis­tun­gen nach dem SGB II in Höhe von mo­nat­lich 685,42 Eu­ro im Jahr 2012 und in Höhe von mo­nat­lich 693,42 Eu­ro im Jahr 2013 er­bracht. Der mo­nat­li­che Vergütungs­an­spruch der Frau L. sei da­her im Um­fang der Dif­fe­renz zwi­schen der ortsübli­chen Vergütung in Höhe von 300,00 Eu­ro brut­to und der ge­zahl­ten Vergütung von 100,00 Eu­ro auf sie über­ge­gan­gen. Da die übli­che Vergütung um mehr als 50% un­ter­schrit­ten wor­den sei, wer­de die ver­werf­li­che Ge­sin­nung des Be­klag­ten in­di­ziert. Der Be­klag­te ha­be sich die Zwangs­la­ge der Ar­beit­neh­me­rin zu Nut­ze ge­macht, ihr für ein viel zu nied­ri­ges Ar­beits­ent­gelt Ar­beits­leis­tun­gen ab­zu­ver­lan­gen.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an sie, die Kläge­rin, ei­nen Be­trag in Höhe von 2.400,-- Eu­ro zu zah­len.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

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Der Be­klag­te hat be­haup­tet, er ha­be le­dig­lich dem Wunsch der Ar­beit­neh­me­rin ent­spro­chen, wel­cher es dar­um ge­gan­gen sei, nicht mehr als 100 Eu­ro zu ver­die­nen, weil der Mehr­ver­dienst oh­ne­hin auf de­ren ALG II – Ansprüche an­ge­rech­net wor­den wäre. Die von der Mit­ar­bei­te­rin er­brach­te Ar­beits­leis­tung ha­be für ihn nur ei­nen ge­rin­gen wirt­schaft­li­chen Wert ge­habt.

Die der Ar­beit­neh­me­rin über­tra­ge­nen Auf­ga­ben hätten sich auf Tätig­kei­ten be­schränkt, wel­che von den fest­an­ge­stell­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen je­der­zeit hätten mitüber­nom­men wer­den können, oh­ne dass de­ren Ar­beits­auf­ga­ben merk­lich be­las­tet wor­den wären. Ei­ne fes­te Ar­beits­zeit sei mit Frau L. nicht ver­ein­bart wor­den, was sich auch aus dem nachträglich schrift­lich fi­xier­ten Ar­beits­ver­trag er­ge­be, so dass der zeit­li­che Um­fang der Ar­beits­leis­tung be­strit­ten wer­de. Frau L. ha­be während des streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raums auch ein Prak­ti­kum bei ei­nem an­de­ren Un­ter­neh­men ab­sol­viert und sei während die­ser Zeit nicht bei ihm tätig ge­we­sen. Fer­ner ha­be Frau L. ihm bestätigt, dass sie un­ter An­dro­hung von Leis­tungskürzun­gen von den Mit­ar­bei­tern der Kläge­rin genötigt wor­den sei, ei­ne ent­spre­chen­de Erklärung über die wöchent­li­che Ar­beits­zeit zu un­ter­schrei­ben. Die wirt­schaft­li­che und persönli­che Exis­tenz der Ar­beit­neh­me­rin sei durch öffent­li­che Leis­tun­gen si­cher­ge­stellt ge­we­sen. Je­den­falls sei­en et­wai­ge Ansprüche aus über­ge­gan­ge­nem Recht auf­grund der mit Frau L. ver­ein­bar­ten Aus­schluss­frist, wel­che in An­se­hung des anhängi­gen Recht­streits in den schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag auf­ge­nom­men wor­den sei, er­lo­schen. Im Übri­gen sei­en die Ansprüche be­reits der Höhe nach nicht ge­ge­ben, weil die Kläge­rin den wei­te­ren Frei­be­trag nach § 11b Abs. 3 Nr. 1 SGB II nicht berück­sich­tigt ha­be.

We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en in ers­ter In­stanz wird auf den In­halt der zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen, so­wie auf den Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils (Bl. 180 – 183 d. A.) und auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 9. April 2014 (Bl. 175f d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Das Ar­beits­ge­richt Cott­bus – Kam­mern Senf­ten­berg – hat mit Ur­teil vom 9. April 2014 die Kla­ge ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt:

Der Be­klag­te ha­be den Vergütungs­an­spruch der Frau L. von 100,-- Eu­ro für die Zeit vom 1. Ju­li 2012 bis zum 30. Ju­ni 2013 erfüllt. Ein wei­te­rer Vergütungs­an­spruch ha­be der Ar­beit­neh­me­rin nicht zu­ge­stan­den, wes­halb auch kein ent­spre­chen­der An­spruch auf die Kläge­rin über­ge­gan­gen sei. Die Vergütungs­ver­ein­ba­rung sei nicht sit­ten­wid­rig ge­we­sen. Zwar be­we­ge sich ein St­un­den­lohn un­ter­halb von 2 Eu­ro auf ei­nem Ni­veau, das außer­halb ei­nes je­den Verhält­nis­ses von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ste­he, wo­bei da­von aus­zu­ge­hen sei, dass die Ar­beit­neh­me­rin in dem von ihr an­ge­zeig­ten Um­fang Ar­beits­leis­tun­gen tatsäch­li­cher Art für den Be­klag­ten er­bracht ha­be. Die da­durch be­gründe­te Ver­mu­tung der ver­werf­li­chen Ge­sin­nung sei vor­lie­gend je­doch wi­der­legt, da der Be­klag­te der um ei­ne Hin­zu­ver­dienstmöglich­keit nach­su­chen­den Ar­beit­neh­me­rin ei­nen Ge­fal­len ge­tan ha­be und nicht ih­re Zwangs­la­ge aus­ge­beu­tet ha­be. Der Be­klag­te ha­be sich kei­nen

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zusätz­li­chen Vermögens­vor­teil ver­schafft, son­dern be­trieb­li­che Kos­ten ver­an­lasst, wel­che sei­nen Ge­winn ge­schmälert hätten.

We­gen der wei­te­ren Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils (Bl. 183 – 188 d.A.) ver­wie­sen.

Ge­gen das ihr am 27. Mai 2014 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 6. Ju­ni 2014 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­reich­te und mit dem am 18. Ju­li 2014 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründe­te Be­ru­fung der Kläge­rin.

Die Kläge­rin meint, das Ar­beits­ge­richt ha­be zu Un­recht an­ge­nom­men, dass der Be­klag­te die Ver­mu­tung der ver­werf­li­chen Ge­sin­nung, die we­gen des Un­ter­schrei­tens der 50%.-Gren­ze für die Kläge­rin spre­che, wi­der­legt ha­be. Viel­mehr sei­en dem Be­klag­ten die ob­jek­ti­ven Umstände, wel­che das be­son­ders kras­se Miss­verhält­nis zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung be­gründen, be­kannt ge­we­sen. Auch die nachträglich fest­ge­leg­ten Ar­beits­be­din­gun­gen sprächen für ei­ne ver­werf­li­che Ge­sin­nung des Be­klag­ten. So ha­be die nachträglich auf­ge­nom­me­ne Klau­sel zur Ar­beits­zeit das auffälli­ge Verhält­nis zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ka­schie­ren sol­len und die Aus­schluss­klau­sel die Ansprüche noch nachträglich ab­schnei­den sol­len. So­weit der Be­klag­te sein ei­ge­nes Ver­hal­ten an den An­rech­nungs­vor­schrif­ten beim Be­zug von Hil­fe zum Le­bens­un­ter­halt aus­ge­rich­tet ha­be, un­ter­strei­che dies nur des­sen ver­werf­li­che Ge­sin­nung. Hin­zu kom­me, dass dem Be­klag­ten auf­grund der Be­stim­mung in § 26 Abs. 2 der Be­rufs­ord­nung für Rechts­anwälte, wo­nach sons­ti­ge Mit­ar­bei­ter nicht zu un­an­ge­mes­se­nen Be­din­gun­gen beschäftigt wer­den dürfen, die Sit­ten­wid­rig­keit der Vergütungs­ab­re­de be­kannt sei. Aus die­sem Grun­de sei die Vergütungs­ver­ein­ba­rung be­reits nach § 134 BGB i.V.m. § 26 Abs. 2 BO­RA nich­tig. Das Vor­brin­gen des Be­klag­ten zur Ar­beits­zeit sei un­glaubwürdig. Be­reits an­hand der vom Be­klag­ten vor den So­zi­al­ge­rich­ten geführ­ten Ver­fah­ren be­ste­he ei­ne ho­he Ar­beits­be­las­tung in den Kanz­lei­en des Be­klag­ten, so dass of­fen­sicht­lich sei, dass die an­de­ren Mit­ar­bei­ter nicht die Auf­ga­ben der Frau L. hätten über­neh­men können.

Die Kläge­rin führt un­ter Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Sach­vor­trags zur Höhe der ortsübli­chen Vergütung wei­ter aus:

Das durch­schnitt­li­che Brut­to­ar­beits­ent­gelt im Land Bran­den­burg in der Be­rufs­gat­tung „Büro- und Se­kre­ta­ri­ats­kräfte oh­ne Spe­zia­li­sie­rung – Hel­fer“ ha­be nach den sta­tis­ti­schen Aus­wer­tun­gen der Bun­des­agen­tur für Ar­beit, wel­che die­se nach Maßga­be des § 281 SGB III er­ho­ben ha­be, bei ei­ner Voll­zeit­stel­le 1.495,-- Eu­ro oh­ne Be­schränkung auf den Wirt­schafts­zweig be­tra­gen, wo­bei der Bun­des­agen­tur An­ga­ben zu 1.468 Ar­beits­verhält­nis­sen zur Verfügung ge­stan­den hätten. Es sei­en auch nur Ar­beits­verhält­nis­se von Ar­beit­neh­mern in die Sta­tis­tik ein­ge­flos­sen, die über kei­ne ein­schlägi­ge Be­rufs­aus­bil­dung verfügten. Be­reits da­nach ha­be sich ein St­un­den­ent­gelt von 8,63 Eu­ro brut­to er­ge­ben. Im Jahr 2013 ha­be das so er­mit­tel­te Durch­schnitts­ent­gelt für ei­ne Voll­zeit­stel­le so­gar 1.636,-- Eu­ro be­tra­gen. Auf die An­rech­nung wei­te­rer Frei­beträge könne sich der

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Be­klag­te nicht be­ru­fen, da er der Ar­beit­neh­me­rin kein höhe­res Ent­gelt ge­zahlt ha­be. Hilfs­wei­se ma­che sie ei­nen An­spruch auf 1.920,-- Eu­ro für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum gel­tend. Hin­sicht­lich der Höhe der an Frau Lan­ge ge­zahl­ten Leis­tun­gen ver­weist die Kläge­rin auf die je­wei­li­gen Be­wil­li­gungs­be­schei­de, wel­che in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­le­gen ha­ben. In­so­weit wird auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 7. No­vem­ber 2014 (Bl. 258f d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Die Kläge­rin be­an­tragt,


un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Cott­bus – Kam­mern Senf­ten­berg – vom 9.04.2014 zum Ak­ten­zei­chen 13 Ca 10477/13 wird der Be­klag­te ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 2.400,-- Eu­ro nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Kla­ge­zu­stel­lung zu zah­len.

Der Be­klag­te be­an­tragt,
 

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Er ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und führt ergänzend aus, der Ar­beit­neh­me­rin sei frei­ge­stellt ge­we­sen, wel­chen Ar­beits­um­fang sie er­brin­ge. Er ha­be auch nicht in ver­werf­li­cher Ge­sin­nung, son­dern voll­kom­men un­ei­gennützig ge­han­delt, weil er nur das An­ge­bot der Ar­beit­neh­me­rin an­ge­nom­men ha­be und ihr et­was Geld zu­kom­men las­sen woll­te und zwar so, dass es nicht dem Job­cen­ter, son­dern der Ar­beit­neh­me­rin zu­gu­te kom­me. Im Übri­gen ge­he der Ge­setz­ge­ber selbst da­von aus, dass es Hartz-IV-Be­zie­hern zu­ge­mu­tet wer­den könne, im öffent­li­chen Sek­tor für ei­ne Auf­wands­entschädi­gung von nur ei­nem Eu­ro zu ar­bei­ten. Auch sei­ne Tätig­keit ste­he im öffent­li­chen In­ter­es­se, so dass die Vergütung nicht sit­ten­wid­rig sei. Der For­de­rung der Kläge­rin ste­he wei­ter­hin die ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist ent­ge­gen. In­so­weit sei nach Zu­stel­lung der Kla­ge das be­reits vor­her münd­lich Ver­ein­bar­te schrift­lich nie­der­ge­legt wor­den.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Par­tei­en in zwei­ter In­stanz wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 7. No­vem­ber 2014 (Bl. 258f d.A.) Be­zug ge­nom­men.
 

 

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Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die Be­ru­fung ist zulässig. Die gem. §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 und 2 lit. b ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Kläge­rin ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 519, 520 Abs. 1 und 3 ZPO, § 66 Abs. 1 Satz 1 und 2 ArbGG).

II.

Die Be­ru­fung ist über­wie­gend be­gründet.

1. Die Kläge­rin hat nach § 611 Ab­satz 1, § 612 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 115 Ab­satz 1 des Zehn­ten Bu­ches des So­zi­al­ge­setz­buchs (SGB X) ei­nen An­spruch ge­gen den Be­klag­ten auf Zah­lung wei­te­ren Ar­beits­ent­gelts in Höhe von ins­ge­samt 1.920,-- Eu­ro aus über­ge­gan­ge­nem Recht nebst Pro­zess­zin­sen.

Der beim Be­klag­ten beschäftig­ten Ar­beit­neh­me­rin, Frau N. L., wel­che fort­lau­fend Leis­tun­gen nach dem SGB II von der Kläge­rin be­zo­gen hat, stand aus ih­rer seit dem 1. Ju­ni 2012 be­gründe­ten Beschäfti­gung als Büro­hil­fe ein mo­nat­li­cher, im je­wei­li­gen Fol­ge­mo­nat fälli­ger Vergütungs­an­spruch von 300,-- Eu­ro zu, wel­chen der Be­klag­te nur in Höhe von 100,-- Eu­ro mo­nat­lich durch Zah­lung an die Ar­beit­neh­me­rin erfüllt hat. Die im Zeit­raum vom 1. Ju­li 2012 bis zum 30. Ju­ni 2013 fällig ge­wor­de­ne Vergütung ist nach Ab­zug der Frei­beträge nach § 11b Abs. 2 u.3 S. 2 Nr. 1 SGB II in Höhe von 160,-- Eu­ro mo­nat­lich nach § 115 SGB X auf die Klägern über­ge­gan­gen, weil die­se im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum Leis­tun­gen nach dem SGB II in ei­ner das Ar­beits­ent­gelt über­stei­gen­den Höhe an die hil­fe­bedürf­ti­ge Ar­beit­neh­me­rin er­bracht hat.

a) Für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum hat­te der Be­klag­te gemäß §§ 611, 612 Abs. 2 BGB an die teil­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin, Frau L., ei­ne mo­nat­li­che Vergütung i.H.v. 300,-- Eu­ro zu zah­len. Die­se Vergütungs­ansprüche hat der Be­klag­te nicht vollständig durch Zah­lung des nach § 11b Abs. 2 SGB II an­rech­nungs­frei­en Be­tra­ges in Höhe von 100,-- Eu­ro an die Ar­beit­neh­me­rin erfüllt. Die Ent­gel­tab­re­de im nachträglich schrift­lich fi­xier­ten Ar­beits­ver­trag vom 4. No­vem­ber 2013 ist gemäß § 138 Abs. 1 BGB nich­tig. Es liegt ein Fall ei­nes wu­cherähn­li­chen Geschäfts im Sin­ne von

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§ 138 Ab­satz 1 BGB vor, oh­ne dass es auf die nach § 138 Abs. 2 BGB ge­for­der­te Aus­nut­zung ei­ner Zwangs­la­ge an­kommt.

Nach § 138 Ab­satz 1 BGB ist ein Rechts­geschäft, das ge­gen die gu­ten Sit­ten verstößt, nich­tig. Nich­tig ist nach § 138 Abs. 2 BGB ins­be­son­de­re ein Rechts­geschäft, durch das je­mand un­ter Aus­beu­tung der Zwangs­la­ge, der Un­er­fah­ren­heit, des Man­gels an Ur­teils­vermögen oder der er­heb­li­chen Wil­lens­schwäche ei­nes an­de­ren sich für ei­ne Leis­tung Vermögens­vor­tei­le ver­spre­chen lässt, die in ei­nem auffälli­gen Miss­verhält­nis zu der Leis­tung ste­hen.

Sind dem­ge­genüber die be­son­de­ren Vor­aus­set­zun­gen des § 138 Ab­satz 2 BGB – ins­be­son­de­re die dort ge­for­der­te Aus­nut­zung ei­ner Zwangs­la­ge – nicht ge­ge­ben, so kann das Rechts­geschäft gleich­wohl als wu­cherähn­li­ches Rechts­geschäft auch nach § 138 Ab­satz 1 BGB sit­ten­wid­rig sein.

Ein wu­cherähn­li­ches Geschäft liegt vor, wenn Leis­tung und Ge­gen­leis­tung in ei­nem auffälli­gen Miss­verhält­nis zu­ein­an­der ste­hen und wei­te­re sit­ten­wid­ri­ge Umstände, wie bei­spiels­wei­se ei­ne ver­werf­li­che Ge­sin­nung des durch den Ver­trag ob­jek­tiv Begüns­tig­ten, hin­zu­tre­ten (BAG, Ur­teil vom 22. April 2009 - 5 AZR 436/08 - Rn. 9 mwN, BA­GE 130, 338).

aa) Ob­jek­tiv ist hier ein wu­cherähn­li­ches Geschäft ge­ge­ben.

Das auffälli­ge Miss­verhält­nis be­stimmt sich nach dem ob­jek­ti­ven Wert der Leis­tung des Ar­beit­neh­mers. Aus­gangs­punkt der Wert­be­stim­mung sind re­gelmäßig die Ta­ri­fent­gel­te des je­wei­li­gen Wirt­schafts­zweigs oder - wenn die ver­kehrsübli­che Vergütung ge­rin­ger ist oder ein Ta­rif­ver­trag nicht exis­tiert - das all­ge­mei­ne Ent­gelt­ni­veau im Wirt­schafts­ge­biet. Das Miss­verhält­nis ist auffällig, wenn es ei­nem Kun­di­gen, ge­ge­be­nen­falls nach Aufklärung des Sach­ver­halts, oh­ne Wei­te­res „ins Au­ge springt“ (BAG 17. Ok­to­ber 2012 - 5 AZR 792/11 - Rn. 19 mwN, BA­GE 143, 212).

Dies ist vor­lie­gend der Fall, da die Ar­beit­neh­me­rin ge­gen ei­ne Vergütung von 100,-- Eu­ro im Mo­nat zur Ar­beits­leis­tung im an­ge­ge­be­nen Um­fang von 15 St­un­den in der Wo­che ver­pflich­tet sein soll­te, wo­durch sich bei ei­ner Ar­beits­zeit von durch­schnitt­lich 65 St­un­den im Mo­nat ein St­un­den­lohn von 1,54 Eu­ro und bei 60 St­un­den im Mo­nat ein St­un­den­lohn von 1,67 Eu­ro er­gibt. Bei dem von der Kläge­rin an­ge­ge­be­nen ortsübli­chen St­un­den­lohn im Wirt­schafts­ge­biet von 5,00 Eu­ro stellt dies ei­ne Un­ter­schrei­tung von über 50% des ortsübli­chen Loh­nes dar, wel­che un­zwei­fel­haft ob­jek­tiv als sit­ten­wid­rig ein­zu­stu­fen ist.

(1) Die Er­mitt­lung der ortsübli­chen Vergütung durch die Kläge­rin be­geg­net kei­nen Be­den­ken. Die Kläge­rin hat sich da­bei auf die sta­tis­ti­schen Er­he­bun­gen der Bun­des­agen­tur für Ar­beit, wel­che die­se nach § 281 SGB III vor­ge­nom­men hat, be­ru­fen. Zwar hat sich der Be­klag­te ge­gen die Aus­sa­ge­kraft die­ser sta­tis­ti­schen Er­he­bun­gen ge­wandt, er ist je­doch der Be­haup­tung ei­ner ortsübli­chen St­un­den­vergütung von 5,00 Eu­ro nicht mit ei­ge­nem Sach­vor­trag ent­ge­gen­ge­tre­ten. Der Be­klag­te

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hat selbst nicht be­haup­tet, dass die ortsübli­che Vergütung für ver­gleich­ba­re Hilfstätig­kei­ten in ei­ner An­walts­kanz­lei im Wirt­schafts­ge­biet un­ter 5,00 Eu­ro pro St­un­de liegt.

Für die Er­mitt­lung des übli­chen Loh­nes des Wirt­schafts­zwei­ges können die Da­ten des sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes her­an­ge­zo­gen wer­den. In­so­weit hat be­reits das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den, dass die vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt her­aus­ge­ge­be­ne Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge im Ein­klang mit Uni­ons­recht ein ge­eig­ne­ter und rechts­si­cher hand­hab­ba­rer An­knüpfungs­punkt für die Be­stim­mung des maßgeb­li­chen Wirt­schafts­zweigs als Grund­la­ge für die Er­mitt­lung des ob­jek­ti­ven Werts ei­ner Ar­beits­leis­tung ist (BAG, Ur­teil vom 18. April 2012 – 5 AZR 630/10 – Rn. 12, BA­GE 141, 137-144).

Nach den Er­he­bun­gen des sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes für das Jahr 2012, wel­che in der Fach­se­rie 16 Rei­he 2.3 veröffent­licht sind, be­trug der durch­schnitt­li­che Brut­to­ver­dienst der voll­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer in den neu­en Bun­desländern in der nied­rigs­ten Leis­tungs­grup­pe 5 (Ab­schnitt 4.1.3) oh­ne ein­schlägi­ge Be­rufs­aus­bil­dung auf dem Sek­tor der rechts­be­ra­ten­den Be­ru­fe (Un­ter­ab­schnitt M 691) bei Frau­en 7,02 Eu­ro und bei Männern 7,31 Eu­ro oh­ne Son­der­zah­lun­gen, was auch dem in der Fach­se­rie für das Jahr 2013 an­ge­ge­be­nen Wert ent­spricht.
An­ge­sichts des Um­stan­des, dass die Kläge­rin hier be­reits ei­nen er­heb­li­chen Ab­schlag von 42% ge­genüber der von ihr selbst nach den sta­tis­ti­schen An­ga­ben der Bun­des­agen­tur für Ar­beit er­mit­tel­ten St­un­den­vergütung von 8,63 Eu­ro brut­to für Büro­hilfs­kräfte in Bran­den­burg im Jahr 2012 vor­ge­nom­men hat, be­geg­net die an­ge­setz­te St­un­den­vergütung von 5,00 Eu­ro auch in An­se­hung der Da­ten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts kei­nen Be­den­ken.

Da­bei sind auch die Da­ten für voll­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer zu berück­sich­ti­gen, die nach dem Grund­satz des § 4 Abs. 1 S. 2 Tz­B­fG ent­spre­chend auf teil­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer her­un­ter­ge­bro­chen wer­den können, denn ei­nem teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ist gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Tz­B­fG Ar­beits­ent­gelt oder ei­ne an­de­re teil­ba­re geld­wer­te Leis­tung min­des­tens in dem Um­fang zu gewähren, der dem An­teil sei­ner Ar­beits­zeit an der Ar­beits­zeit ei­nes ver­gleich­ba­ren voll­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mers ent­spricht.

(2) Auch hin­sicht­lich der ge­schul­de­ten und er­brach­ten Ar­beits­zeit ist der schlüssi­ge Vor­trag der Kläge­rin zu­grun­de zu le­gen.

Die Kläge­rin hat schlüssig vor­ge­tra­gen, dass Frau L. nach ih­ren An­ga­ben in der von die­ser selbst ab­ge­ge­be­nen Erklärung vom 30. Au­gust 2012 mon­tags bis frei­tags von 8.00 Uhr bis 11.00 Uhr bzw. „nach Be­darf auch nach­mit­tags, dafür vor­mit­tags nicht“ bei dem Be­klag­ten Büro­hilfstätig­kei­ten aus­geführt hat. Auf die­sen schlüssi­gen Vor­trag hat sich der Be­klag­te nicht vollständig nach § 138 Abs. 2 ZPO mit ei­ge­nem Sach­vor­trag erklärt. Sein Be­strei­ten bleibt da­her un­be­acht­lich. Er hat selbst nicht an­ge­ge­ben, in wel­chem Um­fang die Ar­beit­neh­me­rin statt­des­sen Ar­beits­leis­tun­gen er­bracht hat oder zu wel­chen Zei­ten sie der Ar­beit fern­ge­blie­ben ist. Da­bei konn­te sich der Be­klag­te auch nicht

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auf ein ein­fa­ches Be­strei­ten des Ar­beits­um­fangs be­schränken, da er selbst die Ar­beits­leis­tun­gen ent­ge­gen­ge­nom­men hat, wel­che un­ter sei­nen Au­gen er­bracht wor­den sind. Der bloße Hin­weis dar­auf, die ‚Ar­beit­neh­me­rin ha­be die Erklärung nur auf­grund der An­dro­hung von Leis­tungskürzun­gen ab­ge­ge­ben, be­sagt noch nicht, dass die Erklärung der Frau L. in­halt­lich falsch war. Je­den­falls ver­mag die­se Be­haup­tung kei­nen er­for­der­li­chen ei­ge­nen Sach­vor­trag zum Um­fang der ent­ge­gen­ge­nom­me­nen Ar­beits­leis­tung zu er­set­zen.

Hier­bei ist ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen, dass sich An­ga­ben des Be­klag­ten zur ent­ge­gen­ge­nom­me­nen Ar­beits­zeit auch dann nicht erübri­gen, wenn zu sei­nen Guns­ten von kei­ner ver­ein­bar­ten fes­ten Ar­beits­zeit aus­zu­ge­hen wäre, denn auch in die­sem Fall be­ur­teilt sich das Verhält­nis von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung nach der tatsächlich ent­ge­gen­ge­nom­me­nen Ar­beits­leis­tung, wel­che nach dem schlüssi­gen Vor­trag der Kläge­rin 15 St­un­den in der Wo­che be­tra­gen hat. .

Zwar ist maßgeb­li­cher Zeit­punkt für die Be­ur­tei­lung der Sit­ten­wid­rig­keit grundsätz­lich der Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses (BAG, Ur­teil vom 10. Ok­to­ber 1990 - 5 AZR 404/89 - AP BGB § 138 Nr. 47 zu III der Gründe; BGH, Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 2003 - XI ZR 121/02 - BGHZ 156, 302, 306, zu II 1 der Gründe). Bei ar­beits­ver­trag­li­chen Vergütungs­ab­re­den ist je­doch auf den je­weils streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum ab­zu­stel­len. Ei­ne Ent­gelt­ver­ein­ba­rung kann zum Zeit­punkt ih­res Ab­schlus­ses noch wirk­sam sein, je­doch im Lau­fe der Zeit, wenn sie nicht an die all­ge­mei­ne Lohn- und Ge­halts­ent­wick­lung an­ge­passt wird, ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­s­toßen (BAG, Ur­teil vom 26. April 2006 – 5 AZR 549/05 – Rn. 17, BA­GE 118, 66-75). Vor­lie­gend ist in Er­man­ge­lung ei­nes ab­wei­chen­den kon­kre­ten Sach­vor­trags des Be­klag­ten da­von aus­zu­ge­hen, dass die Ar­beits­zeit ent­spre­chend den An­ga­ben der Ar­beit­neh­me­rin in ih­rer Erklärung vom 30. Au­gust 2012 durchgängig im Um­fang von 15 St­un­den in der Wo­che ge­leis­tet wur­de.

bb) Das not­wen­di­ge sub­jek­ti­ve Ele­ment ei­nes wu­cherähn­li­chen und so­mit sit­ten­wid­ri­gen Rechts­geschäfts nach § 138 Abs. 1 BGB ist eben­falls ge­ge­ben. Kann ein be­son­ders gro­bes Miss­verhält­nis zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung fest­ge­stellt wer­den, ge­stat­tet dies den tatsächli­chen Schluss auf ei­ne ver­werf­li­che Ge­sin­nung des Begüns­tig­ten (vgl. BAG, Ur­teil vom 22. April 2009 - 5 AZR 436/08 - Rn. 27 mwN, BA­GE 130, 338). Dann be­darf es zwar noch der Be­haup­tung der ver­werf­li­chen Ge­sin­nung, doch sind an die­sen Vor­trag kei­ne ho­hen An­for­de­run­gen zu stel­len. Es genügt, dass die be­nach­tei­lig­te Ver­trags­par­tei sich wie hier auf die tatsächli­che Ver­mu­tung ei­ner ver­werf­li­chen Ge­sin­nung der an­de­ren Ver­trags­par­tei be­ruft (BAG, Ur­teil vom 18. März 2014 – 9 AZR 694/12 – ju­ris; Ur­teil vom 16. Mai 2012 - 5 AZR 268/11 - Rn. 36, BA­GE 141, 348; BGH, Ur­teil vom 9. Ok­to­ber 2009 - V ZR 178/08 - Rn. 19).

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cc) Der Be­klag­te hat die Ver­mu­tung der von der Kläge­rin be­haup­te­ten ver­werf­li­chen Ge­sin­nung nicht wi­der­legt. Die tatsächli­che Ver­mu­tung der ver­werf­li­chen Ge­sin­nung des begüns­tig­ten Ver­trags­teils kann zwar im Ein­zel­fall durch be­son­de­re Umstände erschüttert wer­den. In­so­weit trägt die begüns­tig­te Ver­trags­par­tei die Dar­le­gungs- und Be­weis­last (vgl. BAG, Ur­teil vom 16. Mai 2012 - 5 AZR 268/11 - Rn. 37, BA­GE 141, 348). Der­ar­ti­ge Umstände hat der Be­klag­te je­doch nicht vor­ge­tra­gen. Auch das wu­cherähn­li­che Rechts­geschäft setzt in sub­jek­ti­ver Hin­sicht vor­aus, dass der begüns­tig­te Ver­trags­teil Kennt­nis vom Miss­verhält­nis der bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen hat. Sei­ne ver­werf­li­che Ge­sin­nung ist nicht nur dann zu be­ja­hen, wenn er als der wirt­schaft­lich oder in­tel­lek­tu­ell Über­le­ge­ne die schwäche­re La­ge des an­de­ren Teils be­wusst zu sei­nem Vor­teil aus­nutzt, son­dern auch dann, wenn er sich leicht­fer­tig der Ein­sicht ver­sch­ließt, dass sich der an­de­re nur we­gen sei­ner schwäche­ren La­ge oder un­ter dem Zwang der Verhält­nis­se auf den ungüns­ti­gen Ver­trag einlässt (BAG, Ur­teil vom 22. April 2009 – 5 AZR 436/08 – Rn: 27, BA­GE 130, 338-346; Ur­teil vom 22. März 1989 - 5 AZR 151/88 - zu IV 2 der Gründe; vom 30. Ju­li 1985 - 3 AZR 401/83 - zu III 3 der Gründe, AP BGB § 138 Nr. 39; BGH, Ur­teil vom 13. Ju­ni 2001 - XII ZR 49/99 - zu 4 b der Gründe mwN, NJW 2002, 55, 56).

Vor­lie­gend wird die ver­werf­li­che Ge­sin­nung nicht be­reits durch den Um­stand wi­der­legt, dass das Ver­trags­an­ge­bot – mögli­cher­wei­se – von der Ar­beit­neh­me­rin aus­ging. Be­reits nach dem Wort­laut des § 138 Abs. 2 BGB reicht es aus, dass der Begüns­tig­te sich vom an­de­ren Ver­trags­teil Vor­tei­le ver­spre­chen lässt. Ein Geschäft ver­liert sei­nen wu­cherähn­li­chen Cha­rak­ter nicht da­durch, dass das An­er­bie­ten vom Be­nach­tei­lig­ten aus­geht (BGH, Ur­teil vom 31. Ok­to­ber 2001 – XII ZR 159/99 – ju­ris; BGH, Ur­teil vom 24. Mai 1985 - V ZR 47/84 - WM 1985, 1269, 1270).

Die ver­werf­li­che Ge­sin­nung des Be­klag­ten ist auch nicht durch des­sen Be­haup­tung wi­der­legt, er ha­be der Ar­beit­neh­me­rin ei­nen Ge­fal­len tun wol­len, in­dem er ihr ei­nen an­rech­nungs­frei­en Hin­zu­ver­dienst ermöglicht ha­be. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on über­sieht, dass der Be­klag­te ei­ne Ge­gen­leis­tung ent­ge­gen­ge­nom­men hat, wel­che den Wert des Hin­zu­ver­diens­tes deut­lich über­schrit­ten hat. Hätte er die Ar­beit­neh­me­rin begüns­ti­gen wol­len, hätte er auch Ar­beits­leis­tung in ei­nem Um­fang ent­ge­gen­neh­men können, der dem Wert des Hin­zu­ver­diens­tes ent­spro­chen hätte. Die Ent­ge­gen­nah­me ei­ner Ar­beits­leis­tung im Um­fang von 15 St­un­den in der Wo­che steht da­mit außer Verhält­nis zur ge­zahl­ten Vergütung und lässt sich mit ei­nem bloßen Ge­fal­len nicht mehr be­gründen.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts ist auch nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass die Ar­beits­leis­tung der Frau L. für den Be­klag­ten kei­nen ob­jek­ti­ven Wert ge­habt ha­be. Es han­del­te sich bei den Hilfstätig­kei­ten um Ar­bei­ten, die re­gelmäßig in ei­ner Kanz­lei an­fal­len und die an­ge­sichts der Viel­zahl der vom Be­klag­ten anhängig ge­mach­ten Ver­fah­ren vor den So­zi­al­ge­rich­ten er­for­der­lich wa­ren. Durch die Ar­beits­kraft der Frau L. hat der Be­klag­te den Auf­wand an ei­ge­ner Ar­beits­leis­tung oder an der Ar­beits­leis­tung sei­ner fest­an­ge­stell­ten Mit­ar­bei­ter er­spart, auch wenn die­se

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mögli­cher­wei­se noch über frei­es Ar­beits­vo­lu­men verfügt ha­ben. Über ein et­wai­ges frei ge­wor­de­nes Ar­beits­vo­lu­men sei­ner fest an­ge­stell­ten Mit­ar­bei­ter konn­te der Be­klag­te in­so­weit an­der­wei­tig verfügen.

Der Be­klag­te kann sich auch nicht auf den Um­stand zurück­zie­hen, dass die Ar­beit­neh­me­rin be­reits durch öffent­li­che Leis­tun­gen fi­nan­zi­ell ab­ge­si­chert sei. Zum ei­nen hätte die Ar­beit­neh­me­rin bei ei­ner höhe­ren Vergütung auch über ei­nen höhe­ren Frei­be­trag nach § 11b Abs. 3 Nr. 1 SGB II verfügen können, zum an­de­ren können die ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen des Leis­tungs­rechts nicht da­zu die­nen, dass sich der pri­va­te Ar­beit­ge­ber – wie hier - auf Kos­ten der All­ge­mein­heit be­rei­chert. Die Be­stim­mun­gen des SGB II sol­len hilfs­bedürf­ti­ge Men­schen fi­nan­zi­ell ab­si­chern, wel­che nicht in der La­ge sind, ih­re Ar­beits­kraft auf dem Ar­beits­markt an­ge­mes­sen zu ver­wer­ten. Nach der Be­gründung des Ge­set­zes­ent­wurfs (BT-Drucks. 15/1516 S. 2 Ab­schnitt B.) soll die Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de die Ei­gen­in­itia­ti­ve von er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen durch schnel­le und pass­ge­naue Ein­glie­de­rung in Ar­beit un­terstützen. So­weit die Ein­glie­de­rung nicht möglich ist, wird der Le­bens­un­ter­halt der er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen und der mit ih­nen in ei­ner Be­darfs­ge­mein­schaft le­ben­den Per­so­nen durch pau­scha­lier­te be­darfs­de­cken­de Leis­tun­gen und die Ein­be­zie­hung in die So­zi­al­ver­si­che­rung ge­si­chert.

Die­sem Ge­set­zes­zweck lie­fe es er­kenn­bar zu­wi­der, würde ge­ra­de die­ser Um­stand im Ein­zel­fall vom pri­va­ten Ar­beit­ge­ber aus­ge­nutzt, um ei­ne an­ge­mes­se­ne Vergütung im Hin­blick auf die An­rech­nungs­vor­schrif­ten nicht mehr zah­len zu müssen. Es han­del­te sich auch nicht um ein durch die öffent­li­che Hand sub­ven­tio­nier­tes Ar­beits­verhält­nis. Wäre es dem Be­klag­ten um die Wie­der­ein­glie­de­rung der hil­fe­bedürf­ti­gen Leis­tungs­empfänge­rin in das Ar­beits­le­ben ge­gan­gen, hätte er sich um ei­nen ent­spre­chen­den Ein­glie­de­rungs­zu­schuss nach den §§ 112ff SGB III bemühen können.

Je­den­falls ist die Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­klag­ten nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht ge­eig­net, das sub­jek­ti­ve Ele­ment des wu­cherähn­li­chen Rechts­geschäfts hier zu wi­der­le­gen. Im Übri­gen wa­ren dem Be­klag­ten die übli­chen Ent­gelt­be­din­gun­gen be­kannt, da er selbst be­haup­tet hat, sei­ne fest­an­ge­stell­ten Mit­ar­bei­ter ortsüblich zu ent­loh­nen. In die­sem Zu­sam­men­hang kann auch auf die von der Kläge­rin an­geführ­te Norm aus der Be­rufs­ord­nung für Rechts­anwälte nach § 26 Abs. 2 BO­RA an­geführt wer­den, wo­nach Rechts­anwälte an­ge­hal­ten sind, Mit­ar­bei­ter nicht zu un­an­ge­mes­se­nen Be­din­gun­gen zu beschäfti­gen.

An­ge­sichts des Um­stan­des, dass der Be­klag­te ganz be­wusst im Hin­blick auf die An­rech­nungs­vor­schrif­ten nach dem SGB II und in Kennt­nis der Be­hin­de­rung und der feh­len­den Aus­bil­dung der Frau L. ei­ne der­ar­tig nied­ri­ge Vergütung ge­zahlt hat, wa­ren ihm auch die Umstände, die das struk­tu­rel­le Un­gleich­ge­wicht zwi­schen den bei­den Ver­trags­part­nern be­stimmt ha­ben, be­kannt.

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dd) Die nun­mehr feh­len­de Vergütungs­ver­ein­ba­rung wird nach § 612 Abs. 2 BGB durch die An­set­zung der übli­chen Vergütung er­setzt (BAG Ur­teil vom 22. April 2009 – 5 AZR 436/08 – AP Nr. 64 zu § 138 BGB). Das ist hier - wie oben be­reits aus­geführt – die von der Kläge­rin zu­tref­fend er­mit­tel­te ortsübli­che Vergütung im Wirt­schafts­ge­biet, so dass sich zunächst – wie von der Kläge­rin auf der Ba­sis von 60 St­un­den im Mo­nat er­rech­net - ein An­spruch der Ar­beit­neh­me­rin, Frau L., auf wei­te­re 200,-- Eu­ro im Mo­nat er­gibt. Der An­spruch auf die übli­che Vergütung be­steht für die ge­sam­te Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses (BAG, Ur­teil vom 18. März 2014 – 9 AZR 694/12 – ju­ris; BAG, Ur­teil vom 21. No­vem­ber 2001 - 5 AZR 87/00 - zu II 1 b cc der Gründe, BA­GE 100, 1).

b) Die Ansprüche sind nicht durch die nachträglich schrift­lich nie­der­ge­leg­te Aus­schluss­frist ent­fal­len. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob ei­ne nachträglich ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist über­haupt wirk­sam ist, da ei­ne nach Ent­ste­hung und Fällig­keit be­rech­tig­ter Lohn­ansprüche ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist ei­ne Ver­zichts­erklärung dar­stellt, wel­che im Hin­blick auf die Sit­ten­wid­rig­keit der Vergütungs­ab­re­de hier be­son­de­ren Be­den­ken be­geg­net. Es be­darf je­doch an die­ser Stel­le kei­ner Über­prüfung der Wirk­sam­keit der zwi­schen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber nachträglich schrift­lich nie­der­ge­leg­ten Aus­schluss­frist, denn ei­ne Ver­zichts­ver­ein­ba­rung kann der Kläge­rin nach An­spruchsüber­gang be­reits nach den §§ 404, 407 Abs. 1, 412 BGB nicht mehr ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den.

Da­bei stellt das Be­ru­fen des Be­klag­ten auf die Aus­schluss­frist ei­ne Ein­wen­dung ge­gen den über­ge­gan­ge­nen Lohn­an­spruch dar. Nach §§ 404, 407 Abs. 1 BGB können dem neu­en Gläubi­ger je­doch nur sol­che Ein­wen­dun­gen ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, die zur Zeit der Ab­tre­tung ge­gen den bis­he­ri­gen Gläubi­ger be­gründet wa­ren.

aa) Vor­lie­gend trat der An­spruchsüber­gang für den je­wei­li­gen Vergütungs­an­spruch des Vor­mo­nats mit der Zah­lung der Leis­tung nach dem SGB II im Fol­ge­mo­nat ein. Zum Zeit­punkt der Kla­ge­zu­stel­lung wa­ren da­mit die streit­ge­genständ­li­chen Ansprüche be­reits über­ge­gan­gen. Ein nachträglich ver­ein­bar­ter For­de­rungs­ver­zicht in Ge­stalt ei­ner nachträgli­chen Aus­schluss­frist kann den Ansprüchen da­her nicht mehr ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Der Ar­beit­neh­me­rin war es zu die­sem Zeit­punkt be­reits ver­wehrt, über den Teil der über­ge­gan­ge­nen For­de­rung zu verfügen.

bb) So­weit der Be­klag­te erst­mals im Be­ru­fungs­ver­fah­ren be­haup­tet, die schrift­lich nie­der­ge­leg­te Aus­schluss­frist sei be­reits zu­vor münd­lich ver­ein­bart wor­den, ist die­ser Vor­trag nicht nur in höchs­tem Maße un­glaubwürdig, es fehlt auch an jeg­li­chem nähe­ren Vor­trag, wann der Be­klag­te mit der Ar­beit­neh­me­rin ei­ne Frist für die ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen im Ein­zel­nen aus­ge­han­delt ha­ben will. In­so­weit kann auch da­hin­ste­hen, ob die schrift­lich fi­xier­te Re­ge­lung

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über­haupt ei­ner In­halts­kon­trol­le nach § 307 BGB genügt, was be­reits im Hin­blick auf das Er­for­der­nis der so­for­ti­gen ge­richt­li­chen Gel­tend­ma­chung der For­de­rung zwei­fel­haft ist.

2. Der ent­stan­de­ne Vergütungs­an­spruch der Frau L. ist hin­ge­gen nur in Höhe von 160,-- Eu­ro im Mo­nat, mit­hin im Um­fang von ins­ge­samt 1.920,-- Eu­ro auf die Kläge­rin nach § 115 SGB X über­ge­gan­gen. In Höhe des der Ar­beit­neh­me­rin zu­ste­hen­den Frei­be­trags nach § 11b Abs. 3 S. 2 Nr. 1 SGB II ist die Kläge­rin nicht An­spruchs­in­ha­be­rin ge­wor­den, so dass die Be­ru­fung in­so­weit zurück­zu­wei­sen war.

a) Mit dem in § 115 SGB X text­lich ver­an­ker­ten Kau­sa­litätser­for­der­nis "... und des­halb ... So­zi­al­leis­tun­gen er­bracht hat" soll si­cher­ge­stellt wer­den, dass letzt­lich die Per­son die Kos­ten der So­zi­al­leis­tung zu tra­gen hat, die nach zi­vil­recht­li­chen Maßstäben ei­gent­lich zur Zah­lung ver­pflich­tet ge­we­sen wäre. Zahlt das J. an ei­nen An­trag­stel­ler Leis­tun­gen nach dem So­zi­al­ge­setz­buch II, weil der Ar­beit­ge­ber sei­ner Pflicht zur Lohn­zah­lung nicht vollständig nach­kommt, geht der nicht erfüll­te Lohn­an­spruch des hilfs­bedürf­ti­gen Leis­tungs­empfängers auf das Job­cen­ter über. Zweck der Vor­schrift ist es, dem So­zi­al­leis­tungs­träger die Leis­tun­gen zurück­zu­er­stat­ten, die nicht an­ge­fal­len wären, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ner Leis­tungs­pflicht recht­zei­tig nach­ge­kom­men wäre (BAG, Ur­teil vom 26. Mai 1993 - 5 AZR 405/92 - BA­GE 73, 186; Ur­teil vom 21. März 2012 – 5 AZR 61/11 – Rn. 20, BA­GE 141, 95-100; Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 02. No­vem­ber 2010 – 5 Sa 91/10 – ju­ris).

Die­ses Kau­sa­litätser­for­der­nis ist vor­lie­gend erfüllt, denn der Be­klag­te hat die im Zeit­raum vom 1. Ju­li 2012 bis zum 30. Ju­ni 2013 fälli­gen Lohn­ansprüche nicht vollständig erfüllt, wes­halb die Kläge­rin im Um­fang der nicht erfüll­ten Lohn­ansprüche und darüber hin­aus Leis­tun­gen nach dem SGB II im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum an die Ar­beit­neh­me­rin er­bracht hat. Die Höhe der er­brach­ten Leis­tun­gen hat die Kläge­rin in der münd­li­chen Be­ru­fungs­ver­hand­lung durch Vor­la­ge der Be­wil­li­gungs­be­schei­de noch ein­mal erläutert. In­so­weit wird auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 7. No­vem­ber 2014 (Bl. 263f d.A.) ver­wie­sen. Der Be­klag­te ist dem nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten.

b) Der An­spruchsüber­gang un­ter­liegt al­ler­dings ei­ner dop­pel­ten Be­gren­zung. Zum ei­nen kann er oh­ne­hin nur bis zur Höhe der gewähr­ten So­zi­al­leis­tung über­ge­hen. Zum an­de­ren geht er nur in­so­weit über, als die Gewährung der So­zi­al­leis­tung auf dem Ver­sa­gen des Ar­beit­ge­bers be­ruht. Im Um­kehr­schluss heißt dies al­ler­dings, dass ein An­spruchsüber­gang auf den So­zi­al­leis­tungs­träger nicht statt­fin­det, so­weit So­zi­al­leis­tun­gen auch hätten er­bracht wer­den müssen, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ner Vergütungs­pflicht ord­nungs­gemäß nach­ge­kom­men wäre.

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Die Höhe des An­spruchsüber­gangs hängt des­halb zunächst da­von ab, in wel­chem Um­fang Ein­kom­men des Ar­beit­neh­mers nicht auf die gewähr­ten So­zi­al­leis­tun­gen an­zu­rech­nen ist. Kau­sal für den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld II und da­mit über­g­angs­be­gründend kann nur sol­ches Ar­beits­ein­kom­men sein, das im Fal­le pünkt­li­cher Zah­lung auf die SGB II-Leis­tun­gen An­rech­nung ge­fun­den hätte. Beträge, die auch bei recht­zei­ti­ger Leis­tung des Ar­beit­ge­bers vom Ein­kom­men des Ar­beit­neh­mers hätten ab­ge­setzt wer­den müssen, ste­hen ei­nem An­spruchsüber­gang in die­ser Höhe ent­ge­gen. Die Ab­set­zungs­beträge nach § 11b SGB II - ins­be­son­de­re die Ar­beit­neh­mer-Frei­beträge - ver­rin­gern des­halb den auf den Leis­tungs­träger über­ge­hen­den Ent­gelt­teil (BAG, Ur­teil vom 21. März 2012 – 5 AZR 61/11 – BA­GE 141, 95-100; LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 2. No­vem­ber 2010 - 5 Sa 91/10 - Maul-Sar­t­ori BB 2010, 3021, 3024).

Nach der zi­tier­ten Recht­spre­chung, der sich die hie­si­ge Kam­mer voll­umfäng­lich an­sch­ließt, steht der nach § 11b Abs. 3 SGB II ab­zu­set­zen­de Frei­be­trag ei­nem An­spruchsüber­gang in die­ser Höhe auch dann ent­ge­gen, wenn der Ar­beit­ge­ber das Ent­gelt nicht in vol­ler Höhe ge­zahlt hat. An­dern­falls würde nicht nur der mit dem Ar­beit­neh­mer­frei­be­trag be­zweck­te Er­werbs­an­reiz (vgl. BT-Drucks.15/1516 S. 59) un­ter­lau­fen. Auch könn­te der Lohn­an­spruch in Höhe des an­rech­nungs­frei­en Be­tra­ges nicht mehr von der Ar­beit­neh­me­rin als An­spruchs­in­ha­be­rin gel­tend ge­macht wer­den.

Für den hier zu ent­schei­den­den Fall be­deu­tet dies, dass die vom Be­klag­ten nicht erfüll­ten Ent­gelt­ansprüche der Ar­beit­neh­me­rin ver­blei­ben, so­weit die­se das dann er­ziel­te Ein­kom­men oh­ne An­rech­nung auf die gewähr­ten So­zi­al­leis­tun­gen für sich hätte be­hal­ten dürfen (eben­so Maul-Sar­t­ori, Über­gang von Ar­beits­ent­gelt­ansprüchen in­fol­ge Ar­beits­lo­sen­geld II-Zah­lun­gen, BB 2010, 3021, 3024). Da­bei geht es zum ei­nen um den pau­scha­lier­ten An­satz von Wer­bungs­kos­ten nach § 11 Ab­satz 2 SGB II in Höhe von 100,00 EUR, um den das er­ziel­te Ein­kom­men vor ei­ner An­rech­nung zu kürzen ist, was hier auch er­folgt ist.

Zum an­de­ren geht es je­doch auch um die An­reiz­funk­ti­on aus § 11 Ab­satz 3 Satz 2 Nr. 1 SGB II, nach der bis zu ei­nem Mo­nats­ein­kom­men von 1000,00 EUR 20 Pro­zent des 100,00 EUR über­stei­gen­den Be­tra­ges eben­falls an­rech­nungs­frei blei­ben.

c) Auf die Kläge­rin ist für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum da­her ein Vergütungs­an­spruch von 160,-- Eu­ro im Mo­nat, ins­ge­samt da­her von 1.920,-- Eu­ro über­ge­gan­gen.

d) Auf die­se For­de­rung kann die Kläge­rin Pro­zess­zin­sen in gel­tend ge­mach­ter Höhe nach §§ 291, 288 Abs. 1 S. 2 BGB ab Rechtshängig­keit ver­lan­gen.

 

- 16 -


III.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 92 Abs. 1 ZPO.

IV.

Die Re­vi­si­on war nicht zu­zu­las­sen, weil die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nach § 72 Abs. 2 ArbGG nicht ge­ge­ben sind.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­se Ent­schei­dung ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Auf die Möglich­keit der Ein­le­gung ei­ner Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nach § 72a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.

N.  

K.  

L.

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