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Mas­sen­ent­las­sung und Un­ter­rich­tung des Be­triebs­rats

Der Be­triebs­rat muss über Mas­sen­ent­las­sun­gen nach dem Ge­setz schrift­lich un­ter­rich­tet wer­den, doch kann von der Schrift­form im Aus­nah­me­fall ab­ge­wi­chen wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.09.2012, 6 AZR 155/11

21.09.2012. Spricht der Ar­beit­ge­ber im Rah­men ei­ner Kün­di­gungs­wel­le, die we­gen ih­rer Grö­ße ei­ne "Mas­sen­ent­las­sung" dar­stellt, be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus, kann er da­mit aus for­mal­ju­ris­ti­schen Grün­den auf die Na­se fal­len, d.h. die Kün­di­gun­gen kön­nen un­wirk­sam sein.

Kün­di­gun­gen im Rah­men ei­ner Mas­sen­ent­las­sun­gen sind näm­lich nur wirk­sam, wenn der Ar­beit­ge­ber zu­vor den Be­triebs­rat ge­mäß § 17 Abs.2 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) über die ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung in­for­miert hat und wenn er der Ar­beits­agen­tur ei­ne voll­stän­di­ge und kor­rek­te Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge er­stat­tet hat.

Die Un­wirk­sam­keit als "Stra­fe" für Pat­zer bei der In­for­ma­ti­on bzw. Be­ra­tung mit dem Be­triebs­rat oder bei der An­zei­ge der Mas­sen­ent­las­sung ist al­ler­dings ge­setz­lich nicht ge­re­gelt, son­dern wur­de von der Recht­spre­chung ent­wi­ckelt. Da­her ist bei ein­zel­nen Mas­sen­ent­las­sungs­feh­lern un­klar und um­strit­ten, ob sie zur Un­wirk­sam­keit der spä­ter aus­ge­spro­che­nen be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen füh­ren.

Ein sol­cher Feh­ler ist ei­ne nicht schrift­li­che In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats über die an­ste­hen­de Mas­sen­ent­las­sung. Die Schrift­form ist für die In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats zwar vor­ge­schrie­ben (§ 17 Abs.2 Satz 1 KSchG), doch kann der Be­triebs­rat un­ter be­stimm­ten Um­stän­den auch an­ders in­for­miert wer­den, wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern klar­ge­stellt hat: BAG, Ur­teil vom 20.09.2012, 6 AZR 155/11.

Was heißt schriftliche Information des Betriebsrats über geplante Massenentlassungen?

Un­ter wel­chen Umständen ei­ne Kündi­gungs­wel­le ei­ne "Mas­sen­ent­las­sung" ist, re­gelt § 17 Abs.1 KSchG sehr ge­nau un­ter An­ga­be ent­spre­chen­der Zah­len­verhält­nis­se. So liegt ei­ne Mas­sen­ent­las­sung vor, wenn bei ei­ner Be­triebs­größe zwi­schen 21 und 59 Ar­beit­neh­mern sechs Ar­beit­neh­mer oder mehr in­ner­halb von 30 Ta­gen ent­las­sen wer­den sol­len. Bei ei­ner Be­triebs­größe zwi­schen 60 und 499 Ar­beit­neh­mern ist der Schwel­len­wert er­reicht, wenn 10 Pro­zent der Ar­beit­neh­mer oder mehr als 25 Ar­beit­neh­mer ent­las­sen wer­den sol­len usw.

Bei sol­chen Pla­nun­gen muss der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat um­fas­send über die Hin­ter­gründe, Aus­wir­kun­gen usw. der ge­plan­ten Ent­las­sungs­wel­le in­for­mie­ren und mit ihm auf der Grund­la­ge die­ser In­for­ma­tio­nen er­geb­nis­of­fen ver­han­deln, d.h. er muss den Be­triebs­rat "kon­sul­tie­ren".

Das er­gibt sich nicht nur aus § 17 Abs.2 KSchG, son­dern auch aus § 111 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG), da Mas­sen­ent­las­sun­gen prak­tisch im­mer auch ei­ne Be­triebsände­rung im Sin­ne von § 111 Be­trVG dar­stel­len. Und auf der Grund­la­ge die­ser Vor­schrift kann der Be­triebs­rat ernst­haf­te Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­lan­gen.

Den Start­punkt die­ser Ver­hand­lun­gen stellt die um­fas­sen­de In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats durch den Ar­beit­ge­ber dar, und die muss gemäß § 17 Abs.2 Satz 1 KSchG nun ein­mal schrift­lich ge­sche­hen. Und "schrift­lich" heißt in die­sem Fall, dass ein Pa­pier aus­ge­fer­tigt und vom Aus­stel­ler ei­genhändig un­ter­schrie­ben wird (§ 126 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB). Ei­ne E-Mail, ein nicht un­ter­schrie­be­nes In­for­ma­ti­ons­blatt, ein Fax oder gar ei­ne Präsen­ta­ti­on auf dem Bea­mer oder Flip­chart sind al­le­samt nicht "schrift­lich" im Sin­ne die­ser Vor­schrift.

Hier kann man aber ein­ha­ken und sich fra­gen, ob der Be­triebs­rat nur dann sinn­voll mit dem Ar­beit­ge­ber über die ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung ver­han­deln kann, wenn er ein Stück Pa­pier mit der Un­ter­schrift des Chefs in der Hand hat - oder ob sol­che Ver­hand­lun­gen nicht eben­so gut auf der Grund­la­ge ei­ner In­for­ma­ti­on in Text­form geführt wer­den könn­ten.

Der Fall des BAG: Arbeitgeber vereinbart mit dem Betriebsrat einen Interessenausgleich, der alle Informationen gemäß § 17 Abs.2 KSchG enthält, aber möglicherweise hat der Betriebsrat zuerst unterschrieben

Im Streit­fall ging es um ei­ne Mas­sen­ent­las­sung, die ein In­sol­venz­ver­wal­ter durchführ­te, nach­dem ein größerer Ar­beit­ge­ber An­fang Sep­tem­ber 2009 in­sol­vent ge­wor­den und das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den war.

Der Ver­wal­ter ver­ein­bar­te ei­ni­ge Wo­chen nach sei­ner Be­stel­lung, nämlich am 15.10.2009, mit dem Ge­samt­be­triebs­rat ei­nen von bei­den Sei­ten un­ter­zeich­ne­ten In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te für drei Be­trie­be des Un­ter­neh­mens, d.h. in die­sem In­ter­es­sen­aus­gleich hat­te sich der Ge­samt­be­triebs­rat da­zu breit­schla­gen las­sen, die zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer im In­ter­es­sen­aus­gleich na­ment­lich auf­zu­lis­ten, was den Kündi­gungs­schutz für die Be­trof­fe­nen er­heb­lich ein­schränkt.

In die­sem In­ter­es­sen­aus­gleich wa­ren al­le In­for­ma­tio­nen zu der Ent­las­sungs­wel­le ent­hal­ten, die der Ver­wal­ter gemäß § 17 Abs.2 KSchG dem Be­triebs­rat an die Hand ge­ben muss­te, d.h. die Gründe für die Ent­las­sun­gen, die An­zahl der be­trof­fen Ar­beit­neh­mer usw. Da­her erklärte der Ge­samt­be­triebs­rat in dem In­ter­es­sen­aus­gleich auch "brav", er sei um­fas­send gemäß § 17 Abs.2 KSchG un­ter­rich­tet wor­den.

Das Pro­blem für den Ver­wal­ter war al­ler­dings, dass er außer die­sem In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te kei­nen wei­te­ren Be­le­ge für ei­ne schrift­li­che In­for­ma­ti­on des Ge­samt­be­triebs­rats in der Hand hat­te und es später vor Ge­richt un­klar blieb, ob nicht mögli­cher­wei­se der Ge­samt­be­triebs­rat den In­ter­es­sen­aus­gleich zu­erst un­ter­schrie­ben hat. Dann hätte der Ge­samt­be­triebs­rat kei­ne "schrift­li­che" In­for­ma­ti­on über die ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung er­hal­ten.

Im nächs­ten Schritt zeig­te der Ver­wal­ter die Mas­sen­ent­las­sung der Ar­beits­agen­tur an und fügte der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge den In­ter­es­sen­aus­gleich bei. Nach Ein­gang der An­zei­ge bei der Ar­beits­agen­tur sprach er die ge­plan­ten Kündi­gun­gen aus.

Ei­ner der gekündig­ten Ar­beit­neh­mer­in­ner er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und ar­gu­men­tier­te, die Kündi­gung sei un­wirk­sam, weil der Ge­samt­be­triebs­rat nicht schrift­form­ge­recht gemäß § 17 Abs.2 KSchG un­ter­rich­tet wor­den sei.

Da­mit hat­te die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin aber we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Pa­der­born (Ur­teil vom 02.07.2010, 4 Ca 88/10) noch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm Er­folg (LAG Hamm, Ur­teil vom 15.12.2010, 6 Sa 1344/10).

BAG: Wird der Betriebsrat nicht schriftlich unterrichtet, kann der Schriftformmangel durch eine abschließende Stellungnahme des Betriebsrats geheilt werden

Die Kläge­rin hat­te auch in der Re­vi­si­on vor dem BAG kei­nen Er­folg. Das BAG hielt die Einwände der Kläge­rin ge­gen die Art und Wei­se der In­for­ma­ti­on des Ge­samt­be­triebs­rats für un­be­gründet und die strei­ti­ge Kündi­gung dem­nach für rech­tens. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Ein "et­wai­ger Schrift­form­m­an­gel" bei der Un­ter­rich­tung ist im Er­geb­nis nicht wich­tig bzw. "ge­heilt", so das BAG, weil der Ge­samt­be­triebs­rat durch sei­ne ak­ti­ve Be­tei­li­gung am In­ter­es­sen­aus­gleich und die dor­ti­ge Bestäti­gung, kor­rekt in­for­miert wor­den zu sein, ei­ne "ab­sch­ließen­de Stel­lung­nah­me" ab­ge­ge­ben hat.

Da­bei be­ruft sich das BAG auf den Zweck des ge­setz­li­chen Pflicht zur Un­ter­rich­tung des Be­triebs­rats, mit der Art.2 Abs.3 Un­terabs.1 Buch­sta­be b der Richt­li­nie 98/59/EG um­ge­setzt wer­den soll. Die­se in der "Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie" ent­hal­te­ne Vor­schrift hat nach der Aus­le­gung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) den Zweck, dass der Be­triebs­rat in die La­ge ver­setzt wird, kon­struk­ti­ve Vor­schläge zu un­ter­brei­ten, um die ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung zu ver­hin­dern oder ein­zu­schränken.

Die­ser Zweck wird nach An­sicht des BAG aus­rei­chend si­cher­ge­stellt, wenn die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung auf­grund "schrift­lich fi­xier­ter aus­rei­chen­der An­ga­ben des Ar­beit­ge­bers" zu den ge­plan­ten Ent­las­sun­gen ei­ne ab­sch­ließen­de Stel­lung­nah­me ab­gibt.

Fa­zit: So­weit der Pres­se­mel­dung zu ent­neh­men ist, hat sich das BAG nicht zu der all­ge­mei­nen Aus­sa­ge durch­ge­run­gen, dass "schrift­lich" im Sin­ne von § 17 Abs.2 Satz 1 KSchG auch be­deu­ten kann, dass der Be­triebs­rat in Text­form un­ter­rich­tet wird. Ei­ne E-Mail genügt da­her nach wie vor nicht. Al­ler­dings genügt es wohl künf­tig, wenn die Pflicht­an­ga­ben zu der Mas­sen­ent­las­sung in ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich (mit oder oh­ne Na­mens­lis­te) ent­hal­ten sind und der Be­triebs­rats in die­sem In­ter­es­sen­aus­gleich aus­drück­lich erklärt, um­fas­send in­for­miert wor­den zu sein.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 2. Oktober 2016

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