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Min­dest­lohn wie­der auf dem Vor­marsch?

Zum Ge­set­zes­be­schluss des Bun­des­rats vom 01.03.2013 über ei­nen deutsch­land­wei­ten Min­dest­lohn von 8,50 EUR

05.03.2013. Mit­te Fe­bru­ar 2013 brach­ten sie­ben SPD-re­gier­te Bun­des­län­der ei­nen Ge­setz­ent­wurf zum Min­dest­lohn in den Bun­des­rat ein. Dem Ent­wurf zu­fol­ge soll es ei­nen deutsch­land­weit ein­heit­li­chen ge­setz­li­chen Min­dest­lohn von 8,50 EUR brut­to pro St­un­de ge­ben, der für al­le Wirt­schafts­zwei­ge ver­bind­lich ist.

Am Frei­tag letz­ter Wo­che stimm­te die Mehr­heit der SPD-re­gier­ten Län­der im Bun­des­rat dem Ge­setz­ent­wurf er­war­tungs­ge­mäß zu (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/049 Neue Mehr­heit im Bun­des­rat - 8,50 Eu­ro Min­dest­lohn be­schlos­sen).

Im fol­gen­den fin­den Sie ei­ne kur­ze Be­wer­tung des Ge­setz­ent­wurfs vor dem Hin­ter­grund der der­zeit be­reits gel­ten­den Min­dest­löh­ne: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes über die Fest­set­zung des Min­dest­lohns (Min­dest­l­ohn­ge­setz - Min­L­ohnG).

Mindestlöhne in Deutschland: Weniger wäre mehr

An Min­destlöhnen gibt es in Deutsch­land mitt­ler­wei­le kei­nen Man­gel. Al­ler­dings gel­ten die­se nur je­weils für ei­ne be­stimm­te Bran­che, und auch in räum­li­cher Hin­sicht ist der Gel­tungs­be­reich die­ser Lohn­un­ter­gren­zen je­weils auf ein oder meh­re­re Bun­desländer be­schränkt. Denn in den meis­ten Fällen be­ru­hen die­se Min­destlöhne auf Min­dest­lohn-Ta­rif­verträgen, die Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber aus­ge­han­delt ha­ben und de­ren Gel­tung der Staat so­dann auf der Grund­la­ge des Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­set­zes (AEntG) auf al­le Ar­beit­neh­mer der je­wei­li­gen Bran­che er­streckt hat.

Sol­che bran­chen­weit ver­bind­li­chen Min­dest­lohn-Ta­rif­verträge gel­ten für die acht Bran­chen des § 4 AEntG, al­so z.B. für die Bau­bran­che, das Be­wa­chungs­ge­wer­be oder Brief­dienst­leis­tun­gen. Für zwei wei­te­re Bran­chen, nämlich für die Pfle­ge­bran­che und die Ar­beit­neh­merüber­las­sung, gel­ten mitt­ler­wei­le Rechts­ver­ord­nun­gen, nämlich die Ver­ord­nung über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für die Pfle­ge­bran­che, die auf der Grund­la­ge von § 11 AEntG er­las­sen wur­de, und die Ers­te Ver­ord­nung über ei­ne Lohn­un­ter­gren­ze in der Ar­beit­neh­merüber­las­sung, de­ren ge­setz­li­che Grund­la­ge § 3a Ar­beit­neh­mer-Über­las­sungs­ge­setz (AÜG) ist.

Ab­ge­se­hen von die­sen ins­ge­samt zehn Bran­chen, für die der Staat je­weils spe­zi­el­le Min­destlöhne ge­schaf­fen hat, gel­ten in Deutsch­land kei­ne all­ge­mei­nen Lohn­un­ter­gren­zen. Zwar ent­hal­ten Ta­rif­verträge sol­che Gren­zen, doch können Ar­beit­neh­mer dar­aus nur Rech­te her­lei­ten, wenn für sie auch ein Ta­rif­ver­trag gilt. Und das ist in vie­len, meist klei­ne­ren Be­trie­ben nicht der Fall, da de­ren In­ha­ber meist nicht ta­rif­ge­bun­den ist und weil der Ar­beits­ver­trag auch kei­nen Ver­weis auf ei­nen Ta­rif­ver­trag enthält. Aber auch dann, wenn Ar­beit­neh­mer „nach Ta­rif“ be­zahlt wer­den, hilft das ge­ring qua­li­fi­zier­ten Ar­beit­neh­mern manch­mal nicht wirk­lich, wenn der Ta­rif­ver­trag St­un­denlöhne von 5,00 EUR oder 6,00 EUR vor­sieht.

Vor die­sem Hin­ter­grund set­zen sich SPD, Grüne und DIE LIN­KE seit Jah­ren für die Einführung ei­nes bun­des­weit gel­ten­den ein­heit­li­chen staat­li­chen Min­dest­lohns ein. An­ge­sichts der schwarz-gel­ben Re­gie­rungs­mehr­heit im Bun­des­tag konn­ten sich sol­che po­li­ti­schen For­de­run­gen aber bis­lang nicht durch­set­zen, denn CDU/CSU so­wie FDP sind bis­lang mehr­heit­lich ge­gen ei­nen sol­chen ein­heit­li­chen Min­dest­lohn, wo­bei die Front der Geg­ner bröckelt.

Der Gesetzentwurf vom 21.02.2013

Mitt­ler­wei­le ist die Min­dest­lohn­de­bat­te da­bei, zum The­ma für den Bun­des­tags­wahl­kampf zu wer­den. Am 21.02.2013 brach­ten sie­ben SPD-re­gier­te Bun­desländer ei­nen Ge­setz­ent­wurf zum Min­dest­lohn in den Bun­des­rat ein. Die Länder Ba­den-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Bre­men, Ham­burg, Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz und Schles­wig-Hol­stein stell­ten dort am Frei­tag letz­ter Wo­che den Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes über die Fest­set­zung des Min­dest­lohns (Min­dest­l­ohn­ge­setz - Min­L­ohnG) zur Ab­stim­mung.

Er­war­tungs­gemäß hat der Bun­des­rat auf­grund der der­zei­ti­gen Mehr­heit der SPD-re­gier­ten Länder am Frei­tag letz­ter Wo­che dem Ge­setz­ent­wurf zu­ge­stimmt. Trotz­dem wird der Ent­wurf in die­ser Form vor­aus­sicht­lich nicht Ge­setz wer­den, weil da­zu der Bun­des­tag zu­stim­men müss­te, und da sind CDU/CSU und FDP in der Mehr­heit.

Der Ge­setz­ent­wurf sieht ei­ne vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les er­rich­te­te Min­dest­lohn­kom­mis­si­on mit neun Mit­glie­dern vor. Drei von ih­nen wer­den den Ge­werk­schaf­ten und drei von den Ar­beit­ge­ber­verbänden be­nannt; drei wei­te­re Mit­glie­der, un­ter ih­nen der Vor­sit­zen­de der Kom­mis­si­on, sind sach­verständi­ge Wis­sen­schaft­ler.

Die Min­dest­lohn­kom­mis­si­on soll je­weils zum 31. Au­gust ei­nes Jah­res ei­nen neu­en Min­dest­lohn be­sch­ließen, der dann vom Ar­beits­mi­nis­te­ri­um zu prüfen ist. Stimmt das Mi­nis­te­ri­um dem Be­schluss der Kom­mis­si­on zu, setzt es den Min­dest­lohn durch ei­ne Rechts­ver­ord­nung fest.

Um hier gleich zu An­fang ei­ne kla­re Po­si­ti­on zu mar­kie­ren, sieht der Ge­setz­ent­wurf ei­ne Un­ter­gren­ze für al­le künf­ti­gen Min­destlöhne vor, nämlich 8,50 EUR brut­to pro St­un­de. Was für ei­nen Min­dest­lohn von 8,50 EUR spricht, wird in der Ge­set­zes­be­gründung nicht ge­sagt. Klar ist al­ler­dings, dass ei­ne sol­che Lohn­un­ter­gren­ze deut­lich über vie­len der­zeit gel­ten­den Min­destlöhnen liegt. So gel­ten z.B. 2013 für das Si­cher­heits­ge­wer­be in vie­len Bun­desländern Min­destlöhne von 7,50 EUR, und das ist auch der ak­tu­el­le Min­dest­lohn für die Zeit­ar­beit in den neu­en Ländern und Ber­lin.

Ist das Ge­setz ein­mal in Gel­tung, sind Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, ih­ren Ar­beit­neh­mern den Min­dest­lohn von 8,50 EUR brut­to pro St­un­de zu zah­len. Ab­wei­chen­de ar­beits­ver­trag­li­che oder ta­rif­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen und auch an­de­re ge­setz­li­che (Min­dest­lohn-)Fest­set­zun­gen sind nur zulässig, wenn sie ei­nen höhe­ren St­un­den­lohn als 8,50 EUR vor­se­hen (§ 2 Abs.1 des Ent­wurfs).

Um Schlupflöcher zu schließen, ist ein Ver­zicht auf Min­dest­lohn­ansprüche ist un­zulässig. Auch ih­re Ver­wir­kung ist aus­ge­schlos­sen und Aus­schluss­fris­ten können Min­dest­lohn­ansprüche nicht be­sei­ti­gen (§ 2 Abs.3 des Ent­wurfs). Sch­ließlich wird die für zi­vil­recht­li­che Ansprüche im All­ge­mei­nen gel­ten­de ge­setz­li­che Verjährung von drei Jah­ren deut­lich verlängert: Ansprüche auf Min­dest­lohn verjähren erst in zehn (!) Jah­ren.

Bußgeld­vor­schrif­ten run­den das Ge­setz ab. Ar­beit­ge­ber, die vorsätz­lich oder fahrlässig den Min­dest­lohn nicht oder nicht recht­zei­tig zah­len, ris­kie­ren ei­ne Geld­buße von bis zu 500.000,00 EUR. Ei­ne eben­so ho­he Geld­buße ris­kiert, wer als Ar­beit­ge­ber ein an­de­res Un­ter­neh­men be­auf­tragt, von dem er weiß oder fahrlässig nicht weiß, dass die­ses bei der Erfüllung des Auf­trags die Min­destlöhne un­terläuft.

Fazit: Wahlkampf oder ernstgemeinte Arbeitsmarktpolitik?

Für den Ge­setz­ent­wurf spricht, dass ein deutsch­land­weit ein­heit­li­cher staat­li­cher Min­dest­lohn für Klar­heit sor­gen würde, da dann das der­zei­ti­ge Wirr­warr von ver­schie­de­nen Min­destlöhnen be­sei­tigt würde.

Außer­dem würde ein Min­dest­lohn von 8,50 EUR theo­re­tisch zu ei­ner deut­li­chen Loh­nerhöhung für vie­le Ar­beit­neh­mer führen, die der­zeit mit Bil­liglöhnen zu­recht­kom­men müssen. Käme es in­fol­ge ei­nes sol­chen Min­dest­lohns nicht zu Ent­las­sun­gen, d.h. zu „ne­ga­ti­ven Beschäfti­gungs­ef­fek­ten“, würden die Er­werbs­ein­kom­men der pri­va­ten Haus­hal­te um ca. 14,5 Mil­li­ar­den EUR stei­gen, so je­den­falls die Ge­set­zes­be­gründung. Das wie­der­um würde nach den Be­rech­nun­gen der Ent­wurf­ver­fas­sung das Steu­er­auf­kom­men um knapp 7,1 Mil­li­ar­den EUR erhöhen und auch der So­zi­al­ver­si­che­rung Mehr­ein­nah­men be­sche­ren. Sch­ließlich könn­te sich, so die Ge­set­zes­be­gründung, auch das Kon­sum­ver­hal­ten zu­guns­ten ei­ner Wirt­schafts­be­le­bung ändern, so dass ei­gent­lich al­le froh sein könn­ten.

Vor­aus­set­zung für sol­che po­si­ti­ven Ef­fek­te ist al­ler­dings, dass es eben nicht zu ne­ga­ti­ven Beschäfti­gungs­ef­fek­ten, d.h. zu Ent­las­sun­gen in klei­nen und kleins­ten Be­trie­ben kommt, weil sich de­ren In­ha­ber ei­nen Lohn von 8,50 EUR eben nicht leis­ten können. Hier ver­weist die Ge­set­zes­be­gründung auf die po­si­ti­ven Er­fah­run­gen, die man mit der Aus­wei­tung der Min­destlöhne seit 2009 ge­macht hat, d.h. seit der letz­ten großen Re­form des AEntG, die auf ei­nen Schlag ei­ne Rei­he zusätz­li­cher Bran­chen in die Min­dest­lohn­re­gu­lie­rung ein­be­zo­gen hat.

An die­ser Stel­le fragt sich aber, ob sich die bei der Ar­beit­neh­merüber­las­sung, in der Pfle­ge­bran­che oder im Be­wa­chungs­ge­wer­be ge­mach­ten Er­fah­run­gen auf klei­ne und kleins­te Be­trie­be über­tra­gen las­sen. Hier sind Zwei­fel an­ge­bracht, d.h. man kann da­von aus­ge­hen, dass ein Min­dest­lohn von 8,50 EUR in ge­wis­sem Um­fang zu ei­nem Weg­bre­chen von Beschäfti­gung führen wird.

Auch wenn der der­zei­ti­ge Ent­wurf erst ein­mal nicht Ge­setz wer­den wird, hat die Op­po­si­ti­on mit ihm den­noch ein deut­li­ches Wahl­ver­spre­chen ge­ge­ben. Wenn es bei der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber zu ei­ner Ablösung der CDU-geführ­ten Bun­des­re­gie­rung kom­men soll­te, ist die Um­set­zung des jetzt vor­lie­gen­den Ent­wurfs ziem­lich wahr­schein­lich.

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Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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