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Kein Mit­be­stim­mungs­recht bei Ab­mah­nun­gen

Der Be­triebs­rat hat oh­ne kon­kre­ten An­lass kei­nen An­spruch auf Aus­kunft über Ab­mah­nun­gen, die der Ar­beit­ge­ber in der Ver­gan­gen­heit er­teilt hat: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 17.09.2013, 1 ABR 26/12

23.02.2014. Der Ar­beit­ge­ber muss den Be­triebs­rat "zur Durch­füh­rung sei­ner Auf­ga­ben" nach dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) recht­zei­tig und um­fas­send un­ter­rich­ten.

Die­ser Aus­kunfts­an­spruch (§ 80 Abs.2 Be­trVG) be­inhal­tet auch, dass dem Be­triebs­rat die er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len sind.

Aber geht die­ser An­spruch so weit, dass der Be­triebs­rat die Vor­la­ge sämt­li­cher Ab­mah­nun­gen ver­lan­gen kann, die der Ar­beit­ge­ber in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein­mal er­teilt hat?

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) meint nein: BAG, Be­schluss vom 17.09.2013, 1 ABR 26/12.

Umfasst der Auskunftsanspruch des Betriebsrats gemäß § 80 Abs.2 BetrVG auch die Vorlage von Abmahnungen?

Gemäß § 80 Abs.1 Nr.1 Be­trVG hat der Be­triebs­rat darüber zu wa­chen, dass die zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer des Be­triebs gel­ten­den Ge­set­ze, Ver­ord­nun­gen, Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträge und Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen durch­geführt wer­den. Das geht nicht oh­ne Un­ter­la­gen, z.B. Lis­ten über Brut­tolöhne bzw. Brut­to­gehälter, in die der Be­triebs­rat über sei­nen Be­triebs­aus­schuss da­her Ein­sicht neh­men kann (§ 80 Abs.2 Satz 2 Be­trVG).

Vor die­sem Hin­ter­grund ist nach­voll­zieh­bar, dass en­ga­gier­te Be­triebsräte ger­ne kon­kret wüss­ten, wel­che an­geb­li­chen Pflicht­verstöße der Ar­beit­neh­mer der Ar­beit­ge­ber ei­gent­lich so ab­mahnt. Viel­leicht übt der Ar­beit­ge­ber ja, oh­ne dass der Be­triebs­rat das weiß, Druck auf die Ar­beit­neh­mer aus, um sie zur Leis­tung von Über­stun­den zu ver­an­las­sen, oder viel­leicht hat der Ar­beit­ge­ber ja merkwürdi­ge Vor­stel­lun­gen über die von den Ar­beit­neh­mern ein­zu­hal­ten­de be­trieb­li­che Ord­nung, bei der der Be­triebs­rat gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG ein Wört­chen mit­zu­re­den hat.

An­de­rer­seits ist ei­ne Ab­mah­nung als sol­che erst ein­mal ei­ne in­di­vi­du­al­recht­li­che Re­ak­ti­on auf Pflicht­verstöße, die der Ar­beit­neh­mer aus Sicht des Ar­beit­ge­bers be­gan­gen ha­ben soll, und da­her "nur" ei­ne Vor­stu­fe für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung. Und beim The­ma Kündi­gung sieht das Ge­setz vor, dass der Be­triebs­rat erst dann zu be­tei­li­gen ist, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne kon­kre­te Kündi­gung plant, d.h. erst dann muss er den Be­triebs­rat zu der Kündi­gung anhören (§ 102 Be­trVG).

Die­se Son­der­re­ge­lun­gen zur Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten bzw. bei Kündi­gun­gen spre­chen da­ge­gen, dass der Be­triebs­rat gleich­sam "flächen­de­ckend" über al­le Ab­mah­nun­gen zu in­for­mie­ren ist.

Der Streitfall: Betriebsrat eines metallverarbeitenden Betriebs verlangt vom Arbeitgeber Auskunft über erteilte Abmahnungen

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ver­lang­te der Be­triebs­rat ei­nes me­tall­ver­ar­bei­ten­den Be­triebs vom Ar­beit­ge­ber Aus­kunft über sämt­li­che Ab­mah­nun­gen, die der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mern er­teilt hat­te, die ab dem 01.09.2010 bei ihm beschäftigt wa­ren. Die lei­ten­den An­ge­stell­ten nahm der Be­triebs­rat da­bei aus, und er woll­te die Aus­kunft nur in an­ony­mi­sier­ter Form.

Aus sei­ner Sicht brauch­te er die Ab­mah­nun­gen, um vor Aus­spruch von Kündi­gun­gen re­gu­lie­rend ein­grei­fen und auf den Ar­beit­ge­ber ein­wir­ken zu können.

Außer­dem sei die Kennt­nis der Ab­mah­nun­gen, so der Be­triebs­rat, er­for­der­lich, um sei­ne Mit­be­stim­mungs­rech­te aus § 87 Be­trVG ausüben zu können. Denn ei­ni­gen ihm be­kann­ten Ab­mah­nun­gen sei zu ent­neh­men, dass der Ar­beit­ge­ber sie we­gen der Wei­ge­rung, Über­stun­den zu leis­ten, aus­ge­spro­chen hätte.

Auch die An­wei­sung, nur be­stimm­te Toi­let­tenräume auf­zu­su­chen, Verstöße ge­gen Rauch­ver­bo­te und das Ver­bot des Ra­diohörens im Be­trieb sei vom Ar­beit­ge­ber ab­ge­mahnt wor­den, und da­bei ge­he es ja schließlich um mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Fra­gen der Ord­nung des Be­triebs im Sin­ne von § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG.

Das Ar­beits­ge­richt Sie­gen (Be­schluss vom 13.04.2011, 1 BV 30/10) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm (Be­schluss vom 17.02.2012, 10 TaBV 63/11) ließen sich von die­sen Ar­gu­men­ten be­ein­dru­cken und ver­pflich­te­ten den Ar­beit­ge­ber zur Er­tei­lung der be­gehr­ten Aus­kunft.

BAG: Kein allgemeiner Anspruch des Betriebsrats auf Auskunft über erteilte Abmahnungen

Das BAG hob die Ent­schei­dun­gen des Ar­beits­ge­richts und des LAG Hamm und ent­schied, dass der Be­triebs­rat kei­nen all­ge­mei­nen An­spruch auf Aus­kunft über Ab­mah­nun­gen hat, die der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mern des Be­triebs er­teilt hat.

Denn außer­halb des Mit­wir­kungs­ver­fah­rens bei Kündi­gung nach § 102 Be­trVG ist der Be­triebs­rat bei der Er­tei­lung von Ab­mah­nun­gen nicht zu be­tei­li­gen, so das BAG. Erst dann, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne kon­kre­te (ver­hal­tens­be­ding­te) Kündi­gung plant und den Be­triebs­rat darüber vor­ab in­for­miert, muss er ihm auch die Ab­mah­nun­gen auf den Tisch le­gen, die er im Vor­feld der Kündi­gung aus­ge­spro­chen hat. Der Aus­spruch von Ab­mah­nun­gen als sol­cher un­ter­liegt aber nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats, so die Er­fur­ter Rich­ter un­ter Ver­weis auf ei­ne älte­re Ent­schei­dung (BAG, Be­schluss vom 17.10.1989, 1 ABR 100/88).

Auch das Ar­gu­ment des Be­triebs­rats, er wol­le mit der Aus­kunft über die er­teil­ten Ab­mah­nun­gen sein Mit­be­stim­mungs­recht in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten ab­si­chern, zog vor dem BAG nicht. Denn schließlich be­trifft nicht je­de Ab­mah­nung Sach­ver­hal­te, in de­nen auch ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats be­steht. Mahnt der Ar­beit­ge­ber z.B. Tätlich­kei­ten oder Be­lei­di­gun­gen ab oder Schlecht­leis­tun­gen, hat der Be­triebs­rat of­fen­sicht­lich kein Mit­be­stim­mungs­recht aus § 87 Abs.1 Be­trVG.

Fa­zit: Hat der Be­triebs­rat auf­grund ihm vor­lie­gen­der Ab­mah­nun­gen kon­kre­te An­halts­punk­te dafür, dass die Ab­mah­nun­gen mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Sach­ver­hal­te be­tref­fen, kann er ent­spre­chen­de ar­beits­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ein­lei­ten. Ein all­ge­mei­nes "Durch­ras­tern" von Ab­mah­nun­gen mit dem Ziel, mögli­che mit­be­stim­mungs­wid­ri­ge Al­leingänge des Ar­beit­ge­bers auf­zu­de­cken, ist da­ge­gen nicht möglich. Und auch im Vor­feld ei­ner vom Ar­beit­ge­ber ge­plan­ten Ab­mah­nung ist der Be­triebs­rat nicht an­zuhören, da § 102 Be­trVG nur für in Aus­sicht ge­nom­me­ne Kündi­gun­gen gilt.

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Letzte Überarbeitung: 1. Februar 2016

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