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Mit­be­stim­mung beim Ar­beits­schutz

Der Be­triebs­rat hat bei der Or­ga­ni­sa­ti­on des be­trieb­li­chen Ar­beits­schut­zes mit­zu­be­stim­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 18.03.2014, 1 ABR 73/12

24.03.2014. Die Mit­be­stim­mung in Fra­gen des Ar­beits­schut­zes ge­hört tra­di­tio­nell nicht ge­ra­de zu den Top-The­men der Be­triebs­rats­ar­beit.

Denn hier gibt es vie­le de­tail­lier­te Un­fall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, so dass der Spiel­raum für be­trieb­li­che Re­ge­lun­gen von vorn­her­ein be­grenzt ist. Dem­ent­spre­chend eng sind die Spiel­räu­me für krea­ti­ve Be­triebs­rats­ar­beit im Rah­men des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes (Be­trVG) auf die­sem Ge­biet.

Trotz­dem kön­nen Maß­nah­men des Ar­beits­schut­zes aus­nahms­wei­se ein­mal der Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten un­ter­lie­gen, wie ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) zeigt: BAG, Be­schluss vom 18.03.2014, 1 ABR 73/12.

Unterliegt die Übertragung von Unternehmerpflichten nach dem Arbeitsschutzgesetz auf eine Arbeitnehmergruppe der Mitbestimmung gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 BetrVG?

Gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG hat der Be­triebs­rat mit­zu­be­stim­men bei "Re­ge­lun­gen über die Verhütung von Ar­beits­unfällen und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie über den Ge­sund­heits­schutz im Rah­men der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten oder der Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten".

Wie die­se ge­setz­li­che Re­ge­lung durch die Ein­schränkung "im Rah­men der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten oder der Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten" deut­lich macht, kann der Be­triebs­rat nur dann mit­be­stim­men, wenn die be­reits vor­han­de­nen ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen oder Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten Spielräume für be­trieb­li­che Re­ge­lun­gen las­sen.

Frag­lich ist, ob die­ses Mit­be­stim­mungs­recht auch be­steht, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ne Un­ter­neh­mer­pflich­ten nach dem Ar­beits­schutz­ge­setz (Ar­bSchG) auf be­stimm­te Führungs­kräfte oder Grup­pen von Führungs­kräften überträgt. Das Ar­bSchG sieht ei­ne sol­che Über­tra­gungsmöglich­keit aus­drück­lich vor, nämlich in § 13 Abs.2 Ar­bSchG, sagt aber nichts über ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats. Die­se Vor­schrift lau­tet:

"Der Ar­beit­ge­ber kann zu­verlässi­ge und fach­kun­di­ge Per­so­nen schrift­lich da­mit be­auf­tra­gen, ihm ob­lie­gen­de Auf­ga­ben nach die­sem Ge­setz in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung wahr­zu­neh­men."

Darüber hin­aus enthält das Ar­bSchG ei­ne sehr all­ge­mein ge­hal­te­ne Auf­fang­vor­schrift, d.h. ei­ne sog. Ge­ne­ral­klau­sel, nämlich § 3 Abs.1 Ar­bSchG. Die­se Vor­schrift lau­tet:

"Der Ar­beit­ge­ber ist ver­pflich­tet, die er­for­der­li­chen Maßnah­men des Ar­beits­schut­zes un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände zu tref­fen, die Si­cher­heit und Ge­sund­heit der Beschäftig­ten bei der Ar­beit be­ein­flus­sen. Er hat die Maßnah­men auf ih­re Wirk­sam­keit zu über­prüfen und er­for­der­li­chen­falls sich ändern­den Ge­ge­ben­hei­ten an­zu­pas­sen. Da­bei hat er ei­ne Ver­bes­se­rung von Si­cher­heit und Ge­sund­heits­schutz der Beschäftig­ten an­zu­stre­ben."

Und in § 3 Abs.2 Nr.1 die­ser Vor­schrift heißt es ergänzend, der Ar­beit­ge­ber ha­be "zur Pla­nung und Durchführung der Maßnah­men nach Ab­satz 1" so­wie "un­ter Berück­sich­ti­gung der Art der Tätig­kei­ten und der Zahl der Beschäftig­ten" außer­dem

"für ei­ne ge­eig­ne­te Or­ga­ni­sa­ti­on zu sor­gen und die er­for­der­li­chen Mit­tel be­reit­zu­stel­len".

Vor dem Hin­ter­grund die­ser Re­ge­lun­gen des Ar­bSchG ist nicht ganz klar, ob die Über­tra­gung von Un­ter­neh­mer­pflich­ten an ei­ne gan­ze Grup­pe von Führungs­kräften ei­ne Ein­zel­maßnah­me auf der Grund­la­ge von § 13 Abs.2 Ar­bSchG oder ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­ons­maßnah­me gemäß § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG.

Während ei­ne Ein­zelüber­tra­gung wohl nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­liegt, ist das bei or­ga­ni­sa­to­ri­schen Maßnah­men gemäß § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG schon eher der Fall. Mögli­cher­wei­se un­ter­lie­gen aber auch bei­de Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers der Mit­be­stim­mung.

Der Streitfall: Hamburger Aufzugbauer überträgt Arbeitssicherheitsaufgaben sechs angestellten Meistern

Im Streit­fall hat­te ein Ham­bur­ger Un­ter­neh­men, das Aufzüge in­stal­liert und war­tet, im Sep­tem­ber 2010 schrift­lich den bei ihm beschäftig­ten sechs Meis­tern mit­ge­teilt, dass man ih­nen die Un­ter­neh­mer­pflich­ten des Ar­beits- und Um­welt­schut­zes über­tra­ge. Kon­kret wur­den da­bei die Auf­ga­ben nach §§ 3 bis 14 Ar­bSchG ge­nannt. Der Be­triebs­rat wur­de da­bei nicht be­tei­ligt.

Dar­auf­hin zog der Be­triebs­rat vor das Ar­beits­ge­richt Ham­burg und be­an­trag­te die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass die Über­tra­gung von Un­ter­neh­mer­pflich­ten gemäß den §§ 3 bis 14 Ar­bSchG auf die Ar­beit­neh­mer­grup­pe der Meis­ter der Mit­be­stim­mung gemäß § 87 Abs.1 Nr. 7 Be­trVG un­ter­liegt. Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg wies den An­trag zurück (Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Be­schluss vom 24.02.2011, 29 BV 26/10).

Der Be­triebs­rat leg­te Be­schwer­de beim Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ein und hat­te dort Er­folg. Denn das LAG mein­te, hier bestünde ein Mit­be­stim­mungs­recht (LAG Ham­burg, Be­schluss vom 11.09.2012, 1 TaBV 5/12). Ar­gu­ment des LAG:

Die von § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG ge­for­der­te Or­ga­ni­sa­ti­ons­maßnah­me be­zieht sich auf all­ge­mei­ne be­trieb­li­che Abläufe und Zuständig­kei­ten und da­mit auf ei­nen "kol­lek­ti­ven Tat­be­stand", so das LAG. Mit un­ko­or­di­nier­ten Ein­zelüber­tra­gun­gen auf der Grund­la­ge von § 13 Abs.2 Ar­bSchG ist ei­ne sol­che Or­ga­ni­sa­ti­on nach An­sicht des LAG nicht zu er­rei­chen.

Dem ent­spricht die hier strei­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se des Ar­beit­ge­bers, der die ge­sam­te Grup­pe der Meis­ter in die Ver­ant­wor­tung für den Ar­beits­schutz ge­nom­men hat. Da die­se Art der Or­ga­ni­sa­ti­on nicht kon­kret vom Ge­setz vor­ge­se­hen ist, hat der Be­triebs­rat gemäß § 87 Abs.1 Nr. 7 Be­trVG mit­zu­be­stim­men, so die Ham­bur­ger Rich­ter.

BAG: Die Organisation des Arbeitsschutzes und die Übertragung von Aufgaben des Arbeitsschutzes an bestimmte Arbeitnehmer ist mitbestimmungspflichtig

Das BAG seg­ne­te die Ent­schei­dung des LAG Ham­burg ab und ent­schied da­mit eben­falls für den Be­triebs­rat. So­weit der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG zu ent­neh­men ist, stützen sich die Er­fur­ter Rich­ter auf fol­gen­de Über­le­gun­gen:

Das Mit­be­stim­mungs­recht gemäß § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG be­steht bei be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen über den Ge­sund­heits­schutz,

  • wenn der Ar­beit­ge­ber die­se auf­grund ei­ner öffent­lich-recht­li­chen Rah­men­vor­schrift zu tref­fen hat und
  • ihm bei der Ge­stal­tung Hand­lungs­spielräume ver­blei­ben.

Bei­de Vor­aus­set­zun­gen la­gen nach An­sicht des BAG hier im Streit­fall vor.

Denn mit dem Schrei­ben vom 16. Sep­tem­ber 2010 hat der Ar­beit­ge­ber ei­ne zur Durchführung des be­trieb­li­chen Ar­beits­schut­zes ge­eig­ne­te Or­ga­ni­sa­ti­on mit näher be­zeich­ne­ten Auf­ga­ben und Ver­ant­wort­lich­kei­ten ge­schaf­fen, wo­zu er gemäß § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG ver­pflich­tet war.

An­de­rer­seits schreibt das Ar­bSchG dem Ar­beit­ge­ber aber kein be­stimm­tes Mo­dell vor, wie er sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­ons­pflicht gemäß § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG erfüllen will. Es be­stimmt le­dig­lich ei­nen Rah­men für die Ent­wick­lung ei­ner an den be­trieb­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten aus­ge­rich­te­ten Or­ga­ni­sa­ti­on, so das BAG.

Fa­zit: Während die Über­tra­gung von Auf­ga­ben an be­triebs­ex­ter­ne Per­so­nen gemäß § 13 Abs.2 Ar­bSchG nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des BAG ei­ne mit­be­stim­mungs­freie Ein­zel­maßnah­me ist, ist die Be­auf­tra­gung von be­triebs­an­gehöri­gen Per­so­nen bzw. Ar­beit­neh­mern als Or­ga­ni­sa­ti­ons­maßnah­me gemäß § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG an­zu­se­hen und un­ter­liegt da­mit der Mit­be­stim­mung.

Denn § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG schreibt den Ar­beit­ge­bern ei­ner­seits vor, für ei­ne ge­eig­ne­te Or­ga­ni­sa­ti­on des Ar­beits­schut­zes zu sor­gen, lässt aber gleich­zei­tig of­fen, wie ei­ne sol­che Or­ga­ni­sa­ti­on aus­zu­se­hen hat. Da­mit be­ste­hen be­trieb­li­che Ge­stal­tungsmöglich­kei­ten, und die wie­der­um un­ter­lie­gen der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats.

Dass der Be­triebs­rat an die­ser Stel­le auch ein Initia­tiv­recht hat, brauch­te das BAG nicht klar­zu­stel­len, da der Be­triebs­rat hier im Streit­fall nur re­agiert hat, d.h. sich ge­gen ei­ne ein­sei­ti­ge Maßnah­me des Ar­beit­ge­bers zur Wehr ge­setzt hat. Ein sol­ches Initia­tiv­recht be­steht al­ler­dings nach all­ge­mei­ner Mei­nung im Rah­men von § 87 Abs.1 Nr.7 Be­trVG in vol­lem Um­fang.

Be­triebsräte können da­her künf­tig von sich aus auf den Ar­beit­ge­ber zu­ge­hen und von ihm ver­lan­gen, dass er Or­ga­ni­sa­ti­ons­maßnah­men zum Zwe­cke des Ar­beits­schut­zes auf der Grund­la­ge von § 3 Abs.2 Nr.1 Ar­bSchG trifft. Spielt der Ar­beit­ge­ber nicht mit, ent­schei­det die Ei­ni­gungs­stel­le.

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Letzte Überarbeitung: 20. September 2016

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