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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Mitbestimmung in personellen Angelegenheiten, Ein-Euro-Job
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 1 ABR 60/06
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 02.10.2007
   
Leit­sätze: Der Be­triebs­rat hat bei der Beschäfti­gung von er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen iSv. § 16 Abs 3 Satz 2 SGB II gemäß § 99 Abs 1 Be­trVG mit­zu­be­stim­men.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt am Main, Beschluss vom 02.11.2005, 7 BV 568/05
Hessisches Landesarbeitsgericht, Beschluss vom 13.06.2006, 4 TaBV 9/06
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


1 ABR 60/06
4 TaBV 9/06

Hes­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

2. Ok­to­ber 2007

BESCHLUSS

Klapp, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In dem Be­schluss­ver­fah­ren

mit den Be­tei­lig­ten

1.

An­trag­stel­ler,

2.

Be­schwer­deführer und Rechts­be­schwer­deführer,

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der Anhörung vom 2. Ok­to­ber 2007 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft und Lin­sen­mai­er, den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Gentz und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Lei­sing für Recht er­kannt:
 


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Die Rechts­be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers ge­gen den Be­schluss des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 13. Ju­ni 2006 - 4 TaBV 9/06 - wird zurück­ge­wie­sen.


Von Rechts we­gen!

Gründe

A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten darüber, ob der Be­triebs­rat bei der Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger iSv. § 16 Abs. 3 SGB II gemäß § 99 Abs. 1 Be­trVG mit­zu­be­stim­men hat.


Der Ar­beit­ge­ber be­treibt ei­ne Pfle­ge­ein­rich­tung für al­te und be­hin­der­te Men­schen. Er beschäftigt et­wa 1000 Ar­beit­neh­mer. Mit Be­scheid vom 21. Fe­bru­ar 2005 be­wil­lig­te ihm die als Ar­beits­ge­mein­schaft nach § 44b SGB II für die Agen­tur für Ar­beit han­deln­de R GmbH 35 Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten mit Mehr­auf­wands­entschädi­gung gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II. Seit­dem macht der Ar­beit­ge­ber von der Möglich­keit zur Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger - sog. Ein-Eu­ro-Job­ber - Ge­brauch. Die zusätz­li­chen Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten be­tref­fen den Fahr- und Pfor­ten­dienst, die mo­bi­len Bi­blio­the­ken, die Ca­fe­te­ria, die Zu­satz­be­treu­ung, die Haus­tech­nik und die of­fe­nen Se­nio­ren­diens­te. Für die­se schlägt die Agen­tur für Ar­beit als Leis­tungs­träger dem Ar­beit­ge­ber als Maßnah­meträger schrift­lich er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge vor. Nach der Vor­stel­lung des er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen und vor des­sen Ar­beits­an­tritt schließt der Ar­beit­ge­ber mit ihm ei­ne schrift­li­che Ver­ein­ba­rung über die Beschäfti­gung. Lehnt der Ar­beit­ge­ber ei­nen Be­wer­ber ab, hat er der Agen­tur für Ar­beit auf ei­nem ent­spre­chen­den Vor­druck mit­zu­tei­len, wel­che Gründe ge­gen ei­ne Beschäfti­gung spre­chen.


Der Ar­beit­ge­ber hat in der Ver­gan­gen­heit den Be­triebs­rat vor dem Ar­beits­an­tritt der er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen in­for­miert, ihn je­doch nicht nach § 99 Be­trVG be­tei­ligt. Dem­ge­genüber hat der Be­triebs­rat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger iSv. § 16 Abs. 3 SGB II sei ei­ne Ein­stel­lung iSv. § 99 Abs. 1 Be­trVG. Er hat, so­weit für das Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren noch von Be­deu­tung, be­an­tragt
 


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fest­zu­stel­len, dass die Beschäfti­gung von sog. Ein-Eu­ro-Job­bern nach den Re­ge­lun­gen des SGB II ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Ein­stel­lung gemäß § 99 Be­trVG ist.


Der Ar­beit­ge­ber hat be­an­tragt, den An­trag ab­zu­wei­sen. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Beschäfti­gung der Ein-Eu­ro-Job­ber sei kei­ne Ein­stel­lung iSv. § 99 Abs. 1 Be­trVG, da er kei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung tref­fe, an wel­cher der Be­triebs­rat be­tei­ligt wer­den könn­te.


Die Vor­in­stan­zen ha­ben dem An­trag des Be­triebs­rats statt­ge­ge­ben. Mit der Rechts­be­schwer­de be­gehrt der Ar­beit­ge­ber wei­ter­hin des­sen Ab­wei­sung. Der Be­triebs­rat be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Rechts­be­schwer­de.

B. Die zulässi­ge Rechts­be­schwer­de ist un­be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben dem An­trag des Be­triebs­rats zu Recht ent­spro­chen. Die Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger iSv. § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II ist ei­ne Ein­stel­lung iSv. § 99 Abs. 1 Be­trVG. An die­ser ist der Be­triebs­rat zu be­tei­li­gen.


I. Ne­ben dem Be­triebs­rat als An­trag­stel­ler und dem Ar­beit­ge­ber sind gemäß § 83 Abs. 3 ArbGG in dem Ver­fah­ren kei­ne wei­te­ren Per­so­nen oder Stel­len zu hören.

II. Der vom Be­triebs­rat ge­stell­te An­trag ist zulässig. 


1. Die ge­bo­te­ne Aus­le­gung des An­trags er­gibt, dass er der Sa­che nach auf die Fest­stel­lung ei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts nach § 99 Abs. 1 Be­trVG bei der Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger auf ei­ner Ar­beits­ge­le­gen­heit gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II ge­rich­tet ist.

2. Der so ver­stan­de­ne An­trag ist hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 10 ZPO. Da­nach muss der Ver­fah­rens­ge­gen­stand so ge­nau be­zeich­net sein, dass die ei­gent­li­che Streit­fra­ge zwi­schen den Be­tei­lig­ten mit Rechts­kraft­wir­kung ent­schie­den wer­den kann (BAG 30. Mai 2006 - 1 ABR 17/05 - AP Be­trVG 1972 § 118 Nr. 80 = EzA Be­trVG 2001 § 98 Nr. 2, zu B I 2 a der Gründe). Bei ei­nem Streit über Mit­be­stim­mungs­rech­te muss klar sein, an wel­chen Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers der Be­triebs­rat be­tei­ligt wer­den will. Die­sen An­for­de­run­gen genügt der An­trag. Der Be­triebs­rat re­kla­miert ein Mit­be­stim­mungs­recht für die Fälle, in de­nen mit Wis­sen und Wol­len des Ar­beit­ge­bers Ein-Eu­ro-Job­ber im Be­trieb beschäftigt wer­den. Er will fest­ge­stellt wis­sen, dass die Auf­nah­me der Tätig­keit ei­nes er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen im Be­trieb sei­ner Zu­stim­mung be­darf. Da­bei ist nicht der ge­naue Zeit­punkt

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der Be­tei­li­gung, son­dern al­lein die Fra­ge im Streit, ob bei der Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II über­haupt ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 99 Abs. 1 Be­trVG be­steht.


3. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 256 Abs. 1 ZPO sind erfüllt. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Se­nats kann der Streit der Be­triebs­par­tei­en über Be­stand, In­halt und Um­fang ei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts Ge­gen­stand ei­nes Fest­stel­lungs­be­geh­rens iSv. § 256 Abs. 1 ZPO sein (vgl. et­wa 29. Fe­bru­ar 2000 - 1 ABR 5/99 - AP Be­trVG 1972 § 95 Nr. 36 = EzA Be­trVG 1972 § 95 Nr. 31, zu B II 1 der Gründe mwN). Das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats nach § 99 Abs. 1 Be­trVG bei der Beschäfti­gung sog. Ein-Eu­ro-Job­ber ist ein Rechts­verhält­nis, des­sen Be­ste­hen oder Nicht­be­ste­hen der ge­richt­li­chen Fest­stel­lung zugäng­lich ist. Da der Ar­beit­ge­ber das Mit­be­stim­mungs­recht be­strei­tet und wei­ter­hin er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II im Be­trieb beschäftigt, hat der Be­triebs­rat ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an der be­gehr­ten als­bal­di­gen Fest­stel­lung.

III. Der An­trag ist be­gründet. Der Be­triebs­rat hat bei der Beschäfti­gung sog. Ein-Eu­ro-Job­ber mit­zu­be­stim­men. Die Beschäfti­gung ei­nes er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen auf ei­ner Ar­beits­ge­le­gen­heit gemäß § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II durch den Ar­beit­ge­ber ist ei­ne Ein­stel­lung iSv. § 99 Abs. 1 Be­trVG.


1. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts liegt ei­ne Ein­stel­lung nach § 99 Abs. 1 Be­trVG vor, wenn Per­so­nen in den Be­trieb ein­ge­glie­dert wer­den, um zu­sam­men mit den dort schon beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern des­sen ar­beits­tech­ni­schen Zweck durch wei­sungs­ge­bun­de­ne Tätig­keit zu ver­wirk­li­chen. Auf das Rechts­verhält­nis, in dem die­se Per­so­nen zum Be­triebs­in­ha­ber ste­hen, kommt es nicht an. Maßge­bend ist, ob die zu ver­rich­ten­den Tätig­kei­ten ih­rer Art nach wei­sungs-ge­bun­den und da­zu be­stimmt sind, der Ver­wirk­li­chung des ar­beits­tech­ni­schen Zwecks des Be­triebs zu die­nen, so dass sie vom Be­triebs­in­ha­ber or­ga­ni­siert wer­den müssen. Ob den be­tref­fen­den Per­so­nen tatsächlich Wei­sun­gen hin­sicht­lich die­ser Tätig­kei­ten ge­ge­ben wer­den - und ggf. von wem - ist un­er­heb­lich. Die Per­so­nen müssen der­art in die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on des Be­triebs ein­ge­glie­dert wer­den, dass der Be­triebs­in­ha­ber die für ei­ne wei­sungs­abhängi­ge Tätig­keit ty­pi­schen Ent­schei­dun­gen auch über Zeit und Ort der Tätig­keit zu tref­fen hat. Er muss in die­sem Sin­ne Per­so­nal­ho­heit be­sit­zen und da­mit we­nigs­tens ei­nen Teil der Ar­beit­ge­ber­stel­lung ge­genüber den be­tref­fen­den Per­so­nen wahr­neh­men (BAG 13. De­zem­ber 2005 - 1 ABR 51/04 - AP Be­trVG 1972


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§ 99 Ein­stel­lung Nr. 50 = EzA Be­trVG 2001 § 99 Ein­stel­lung Nr. 4, zu B I 1 der Gründe mwN).

2. Hier­nach ist die Beschäfti­gung von Ein-Eu­ro-Job­bern ei­ne nach § 99 Abs. 1 Be­trVG mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Ein­stel­lung (eben­so für das Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht BVerwG 21. März 2007 - 6 P 4/06 - PersR 2007, 301; 21. März 2007 - 6 P 8/06 - PersR 2007, 309).


a) Der An­nah­me ei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts des Be­triebs­rats gemäß § 99 Abs. 1 Be­trVG steht nicht ent­ge­gen, dass zwi­schen dem Ar­beit­ge­ber und den auf den Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten ein­ge­setz­ten er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen, wie § 16 Abs. 3 Satz 2 2. Halbs. SGB II aus­drück­lich be­stimmt, kein Ar­beits­verhält­nis be­gründet wird (st. Rspr. BAG, vgl. et­wa 17. Ja­nu­ar 2007 - 5 AZB 43/06 - AP ArbGG 1979 § 64 Nr. 40 = EzA ArbGG 1979 § 78 Nr. 8, zu III 2 der Gründe). Ei­ne Ein­stel­lung setzt nicht not­wen­dig die Be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus.


b) Die er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen wer­den in den Be­trieb des Ar­beit­ge­bers ein­ge­glie­dert. Sie sind an Wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers hin­sicht­lich Art, Ort, Zeit und Ausführung der Tätig­keit ge­bun­den. Dies gilt auch dann, wenn ei­ne zwi­schen dem zuständi­gen Leis­tungs­träger und dem er­werbsfähi­gen Hil­fedürf­ti­gen gemäß § 15 Abs. 1 SGB II ge­schlos­se­ne Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung be­reits Re­ge­lun­gen über Art, Um­fang, Zeit­punkt und Ort der zu leis­ten­den Ar­beit enthält. Auch dann ver­bleibt - eben­so wie bei Vor­lie­gen ei­nes Ar­beits­ver­trags - ein er­heb­li­cher Raum für Wei­sungs­rech­te des Ar­beit­ge­bers. Die­se übt nicht der Leis­tungs­träger, son­dern der Ar­beit­ge­ber im Be­trieb aus (eben­so im Er­geb­nis BVerwG 21. März 2007 - 6 P 4/06 - PersR 2007, 301, zu 2 d der Gründe, das ein Wei­sungs­recht kraft Ge­set­zes an­nimmt).


c) Die Tätig­kei­ten der er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen die­nen je­den­falls auch der Ver­wirk­li­chung des ar­beits­tech­ni­schen Zwecks des Be­triebs des Ar­beit­ge­bers. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Ar­beits­ge­le­gen­heit iSd. § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II im öffent­li­chen In­ter­es­se lie­gen­de, zusätz­li­che Ar­bei­ten be­tref­fen muss. Zusätz­li­che Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten sind ge­ge­ben, wenn sie oh­ne die Förde­rung nicht, nicht in die­sem Um­fang oder erst zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt ein­ge­rich­tet würden (Voelz­ke in Hauck/Noftz SGB II Stand Ju­li 2007 K § 16 Rn. 402, 407). De­ren Ver­rich­tung trägt den­noch zur Ver­wirk­li­chung des Be­triebs­zwecks bei. An­dern­falls hätte ein Ar­beit­ge­ber re­gelmäßig kei­nen An­lass, er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge zu beschäfti­gen. Auch die vor­lie­gend von dem Ar­beit­ge­ber an­ge­bo­te­nen Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten im Fahr- und

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Pfor­ten­dienst, in mo­bi­len Bi­blio­the­ken, der Ca­fe­te­ria, der Zu­satz­be­treu­ung, der Haus­tech­nik und den of­fe­nen Se­nio­ren­diens­ten die­nen er­sicht­lich der Ver­wirk­li­chung des Be­triebs­zwecks der Pfle­ge­ein­rich­tung.


d) Die Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats bei der Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger ent­spricht auch Sinn und Zweck des § 99 Abs. 1 Be­trVG.


aa) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts dient das Mit­be­stim­mungs­recht bei Ein­stel­lun­gen gemäß § 99 Be­trVG vor­ran­gig der Wah­rung der In­ter­es­sen der vom Be­triebs­rat ver­tre­te­nen Be­leg­schaft (12. No­vem­ber 2002 - 1 ABR 60/01 - BA­GE 103, 329, zu B II 2 a aa der Gründe; 19. Ju­ni 2001 - 1 ABR 25/00 - BA­GE 98, 70, zu B II 2 der Gründe). Das ver­deut­li­chen die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­gründe des § 99 Abs. 2 Nr. 3, 5 und 6 Be­trVG. Die In­ter­es­sen der im Be­trieb be­reits Beschäftig­ten können auch durch die be­trieb­li­che Ein­glie­de­rung von Per­so­nen berührt wer­den, die auf Wei­sung des Ar­beit­ge­bers ge­mein­sam mit den Ar­beit­neh­mern zur Ver­wirk­li­chung der Be­triebs­zwe­cke tätig wer­den. Für die das Mit­be­stim­mungs­recht nach § 99 Be­trVG auslösen­de tatsächli­che Be­trof­fen­heit der Be­leg­schaft ist es in ei­nem sol­chen Fall un­er­heb­lich, wel­chen recht­li­chen Sta­tus die auf­zu­neh­men­de Per­son hat (BAG 12. No­vem­ber 2002 - 1 ABR 60/01 - aaO).

bb) Die In­ter­es­sen der Be­leg­schaft sind berührt, wenn er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge im Be­trieb beschäftigt wer­den. In Be­tracht kom­men ins­be­son­de­re die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­gründe des § 99 Abs. 2 Nr. 3 und 6 Be­trVG. Wenn die den er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen zu­ge­wie­se­nen Tätig­kei­ten kei­ne zusätz­li­chen Ar­bei­ten iSv. § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II sind, er­scheint auch ei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung nach § 99 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG nicht aus­ge­schlos­sen (vgl. zu § 77 Abs. 2 Nr. 1 bis 3 BPers­VG BVerwG 21. März 2007 - 6 P 4/06 - PersR 2007, 301, zu 4 a bis c der Gründe).

e) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beit­ge­bers ist das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats nicht auf Grund öffent­lich-recht­li­cher Vor­ga­ben aus­ge­schlos­sen. Der Ar­beit­ge­ber trifft trotz der im Verhält­nis zwi­schen Leis­tungs­träger und er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen ggf. ver­bind­li­chen Zu­wei­sung ei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung, die der Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats un­ter­liegt.
 


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aa) Nach der Recht­spre­chung des Se­nats schließt der Um­stand, dass die Ein­glie­de­rung ei­ner im Be­trieb beschäftig­ten Per­son auf ei­nem an die­se ge­rich­te­ten Ver­wal­tungs­akt be­ruht, das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats bei Ein­stel­lun­gen gemäß § 99 Be­trVG nicht von vor­ne­her­ein aus (vgl. 19. Ju­ni 2001 - 1 ABR 25/00 - BA­GE 98, 70, zu B II 2 der Gründe). Zwar hat der Be­triebs­rat beim Han­deln ei­ner Behörde nicht mit­zu­be­stim­men. Folgt je­doch das behörd­li­che Han­deln der tatsächli­chen Aus­wah­l­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers, wird die mit­zu­be­stim­men­de Ar­beit­ge­ber­ent­schei­dung vor und im Hin­blick auf die Zu­wei­sung durch die Behörde ge­trof­fen (vgl. 19. Ju­ni 2001 - 1 ABR 25/00 - BA­GE 98, 70). Das genügt für den Mit-be­stim­mungs­tat­be­stand des § 99 Be­trVG.

bb) Auch bei der Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger nach § 16 Abs. 3 Satz 2 SGB II steht es dem Ar­beit­ge­ber frei, ei­nen ihm vom Leis­tungs­träger vor-ge­schla­ge­nen Be­wer­ber ab­zu­leh­nen. Wird der er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge auf Grund ei­ner Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung, durch Ver­wal­tungs­akt oder sons­ti­ges Ver­wal­tungs-han­deln ei­nem Ar­beit­ge­ber als Maßnah­meträger zu­ge­wie­sen, so bin­det dies den Maßnah­meträger nicht (BVerwG 21. März 2007 - 6 P 4/06 - PersR 2007, 301, zu 3 a der Gründe). Die Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung wird nach § 15 Abs. 1 Satz 1 SGB II zwi­schen dem Leis­tungs­träger und dem er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen ge­schlos­sen. Der Maßnah­meträger wird da­durch nicht ver­pflich­tet. Adres­sat des er­satz­wei­se er­ge­hen­den Ver­wal­tungs­akts nach § 15 Abs. 1 Satz 6 SGB II ist eben­falls nur der er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge. Die Re­ge­lun­gen in § 15 Abs. 1, § 16 Abs. 3 SGB II ent­hal­ten kei­ne Rechts­grund­la­ge, nach wel­cher der Leis­tungs­träger be­fugt wäre, dem Maßnah­meträger ge­gen sei­nen Wil­len ei­nen er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen zu­zu­wei­sen (BVerwG 21. März 2007 - 6 P 4/06 - aaO; 21. März 2007 - 6 P 8/06 - PersR 2007, 309, zu II 3 a der Gründe). Et­was an­de­res er­gibt sich auch nicht aus den Ar­beits­hil­fen der Bun­des­agen­tur für Ar­beit. Die­se könn­ten als in­ter­ne Be­ar­bei­tungs­richt­li­ni­en oh­ne­hin ei­ne ent­spre­chen­de Ver­pflich­tung ei­nes Ar­beit­ge­bers nicht be­gründen.

cc) Oh­ne Er­folg be­ruft sich der Ar­beit­ge­ber dar­auf, er ha­be sich als ver­pflich­tet an­ge­se­hen, zu­ge­wie­se­ne Hil­fe­bedürf­ti­ge ein­zu­stel­len. So­weit er die Rechts­la­ge in­so­weit un­zu­tref­fend be­ur­teilt ha­ben soll­te, hat dies kei­nen Ein­fluss auf das Mit-be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats. Eben­so un­er­heb­lich ist sein Ein­wand, er ha­be nicht die Möglich­keit zwi­schen meh­re­ren Be­wer­bern aus­zuwählen. Das Mit-be­stim­mungs­recht nach § 99 Be­trVG be­steht nicht erst dann, wenn der Ar­beit­ge­ber

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ei­ne Aus­wahl zwi­schen zwei oder meh­re­ren Be­wer­bern trifft. Ei­ne der­ar­ti­ge Be­schränkung lässt sich § 99 Be­trVG nicht ent­neh­men. Die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­gründe des § 99 Abs. 2 Be­trVG ma­chen auch dann Sinn, wenn le­dig­lich ein Ar­beit­neh­mer für ei­ne Ein­stel­lung in Be­tracht kommt.


Schmidt 

Kreft 

Lin­sen­mai­er

Gentz 

Lei­sing

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