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Mit­be­stim­mung bei Streik­bruch­ar­beit?

Kei­ne Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats bei Ver­set­zung ar­beits­wil­li­ger Ar­beit­neh­mer in be­streik­ten Nach­bar­be­trieb: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 13.12.2011, 1 ABR 2/10
14.12.2011. Ge­mäß § 74 Abs. 2 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) sind Maß­nah­men des Ar­beits­kamp­fes zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat un­zu­läs­sig. We­der der Be­triebs­rat als Gre­mi­um bzw. Or­gan noch ein­zel­ne Be­triebs­rats­mit­glie­der in ih­rer Ei­gen­schaft als Mit­glie­der des Be­triebs­rats dür­fen Streiks or­ga­ni­sie­ren. Das ist der Ge­werk­schaft vor­be­hal­ten. Vor ei­ner Be­tei­li­gung am Streik müs­sen Be­trieb­sä­te da­her erst ein­mal „den Hut des Be­triebs­rats“ vom Kopf neh­men.

Wird ein Be­trieb be­streikt, ver­sucht der be­streik­te Ar­beit­ge­ber oft, ar­beits­wil­li­ge Ar­beit­neh­mer in be­streik­te Ab­tei­lun­gen zu ver­set­zen. Bei sol­chen Streik­bruch­ar­bei­ten steht das Ar­beits­kampf­recht über der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten: Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ist der Be­triebs­rat hier aus­nahms­wei­se nicht ge­mäß § 99 Be­trVG an­zu­hö­ren und um Zu­stim­mung zur Ver­set­zung zu bit­ten.

Aber hat der Be­triebs­rat auch dann kein Mit­be­stim­mungs­recht, wenn ar­beits­wil­li­ge Ar­beit­neh­mer in ei­nen an­de­ren Be­trieb ver­setzt wer­den sol­len, um dort Streik­bruch­ar­bei­ten zu ver­rich­ten? Ja, so das BAG in ei­ner Ent­schei­dung vom gest­ri­gen Ta­ge (BAG, Be­schluss vom 13.12.2011, 1 ABR 2/10).

Mitbestimmung bei Versetzungen während eines Arbeitskampfs?

Da sich der Be­triebs­rat aus Streiks her­aus­hal­ten soll, d.h. neu­tral sein soll, bleibt er auch während ei­nes Streiks im Amt und kann da­her im Prin­zip al­le sei­ne Rech­te wei­ter ausüben. An­de­rer­seits ver­tritt der Be­triebs­rat die Be­leg­schaft und de­ren In­ter­es­sen, und ge­nau um die­se geht es ja bei ei­nem Streik.

Die Vor­stel­lung, der Be­triebs­rat könn­te sich neu­tral ver­hal­ten, wenn der Ar­beit­ge­ber ihn gemäß § 99 Be­trVG um Zu­stim­mung zu ei­ner Ver­set­zung von Strei­bre­chern in ei­ne be­streik­te Ab­tei­lung bit­tet, ist da­her le­bens­fremd. Außer­dem wäre es ei­ne Zu­mu­tung für den Ar­beit­ge­ber, wenn er für ei­ne Ar­beits­kampf­maßnah­me (Or­ga­ni­sa­ti­on von Strei­k­ab­wehr) die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats bräuch­te. Nach der Recht­spre­chung des BAG ist der Ar­beit­ge­ber da­her beim Ein­satz von Streik­bre­chern in ei­nem be­streik­ten Be­trieb nicht auf die Zu­stim­mung des für die­sen Be­trieb zuständi­gen Be­triebs­rats an­ge­wie­sen.

Aber gilt das auch, wenn Ar­beit­neh­mer aus ei­nem nicht be­streik­ten Be­trieb in ei­nen be­streik­ten Be­trieb ver­setzt wer­den sol­len, um dort Streik­bruch­ar­beit zu leis­ten, d.h. ist auch das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats in dem nicht be­streik­ten Be­trieb ein­ge­schränkt? Im­mer­hin sind die­ser Be­trieb und sein Be­triebs­rat "weit weg" von dem be­streik­ten Be­trieb und dem dor­ti­gen Ar­beits­kampf.

BAG: Der Betriebsrat eines nicht bestreikten Betriebs, dessen Arbeitnehmer in einen bestreikten Betrieb zu Streikbrucharbeiten versetzt werden sollen, hat kein Mitbestimmungsrecht nach § 99 BetrVG

Der Le­bens­mit­tel­großhänd­ler Lek­ker­land un­terhält in Fre­chen bei Köln zwei Be­trie­be, nämlich sei­ne Zen­tra­le und ein Lo­gis­tik­zen­trum. Im Som­mer 2007 wur­de das Lo­gis­tik­zen­trum be­streikt. Da­bei ging es zunächst um ei­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trag, der auch den Mit­ar­bei­tern der Zen­tra­le zu­gu­te ge­kom­men wäre, und später um ei­nen nur für das Lo­gis­tik­zen­trum gel­ten­den Haus­ta­rif­ver­trag. Lek­ker­land ver­setz­te während bei­der Streiks Ar­beit­neh­mer von der Zen­tra­le ins Lo­gis­tik­zen­trum, um sie dort Streik­bruch­ar­bei­ten ver­rich­ten zu las­sen. Den Be­triebs­rat der Zen­tra­le be­tei­lig­te Lek­ker­land da­bei nicht.

Das Ar­beits­ge­richt Köln mein­te, dafür wäre die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats der Zen­tra­le nötig ge­we­sen (Be­schluss vom 07.10.2008, 14 BV 113/07). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln war der An­sicht, ei­ne Zu­stim­mung des Zen­tra­len­be­triebs­rats wäre je­den­falls während des Streiks um den Ver­bands­ta­rif er­for­der­lich ge­we­sen, denn von die­sem hätten ja auch die Ar­beit­neh­mer der Zen­tra­le pro­fi­tiert, so dass de­ren Be­triebs­rat hier nicht neu­tral sein könne (LAG Köln, Be­schluss vom 13.08.2009, 7 TaBV 116/08).

Stimmt al­les nicht, so das BAG: Der Be­triebs­rat in der Zen­tra­le hat­te un­ter kei­nen Umständen mit­zu­be­stim­men. Ei­ne Ver­set­zung ar­beits­wil­li­ger Ar­beit­neh­mer von ei­nem Be­trieb des Ar­beit­ge­bers in ei­nen ihm gehören­den be­streik­ten Be­trieb zwecks Streik­bruch­ar­beit un­ter­liegt ge­ne­rell nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats des ab­ge­ben­den Be­triebs. Da­bei ist es un­er­heb­lich, ob der umkämpf­te Ta­rif­ver­trag auch den Ar­beit­neh­mern des ab­ge­ben­den Be­triebs zu­gu­te kom­men soll oder nicht. Das BAG be­gründet dies mit dem Ar­gu­ment, dass an­dern­falls die Ar­beits­kampfmöglich­kei­ten des be­streik­ten Ar­beit­ge­bers zu sehr be­schränkt würden.

Fa­zit: Der Be­triebs­rat hat, so das BAG, ge­ne­rell kein Mit­be­stim­mungs­recht bei Ver­set­zun­gen während ei­nes Streiks zum Zwe­cke von Streik­bruch­ar­bei­ten. Im­mer­hin ist der Ar­beit­ge­ber nach An­sicht des BAG auf der Grund­la­ge von § 80 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG da­zu ver­pflich­tet, dem Be­triebs­rat recht­zei­tig vor Durchführung der per­so­nel­len Maßnah­me mit­zu­tei­len, wel­che Ar­beit­neh­mer er vorüber­ge­hend zur Strei­k­ab­wehr ein­set­zen will. Nimmt der Ar­beit­ge­ber die­se Pflicht ernst, kann sich der Be­triebs­rat des ab­ge­ben­den Be­triebs freu­en, da er dem Ar­beit­ge­ber vor­ab in die Kar­ten schau­en kann, d.h. die vom Ar­beit­ge­ber ge­plan­ten Strei­k­ab­wehr­maßnah­men sind dem Be­triebs­rat vor­ab kon­kret dar­zu­le­gen.

Da­mit hat die Ar­beit­ge­ber­sei­te im Er­geb­nis durch die ak­tu­el­le BAG-Ent­schei­dung we­nig ge­won­nen. Denn auch dann, wenn der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat des ab­ge­ben­den Be­triebs ganz nor­mal gemäß § 99 Be­trVG be­tei­li­gen müss­te, könn­te er Streik­bruch­ar­bei­ten als vorläufi­ge per­so­nel­le Maßnah­men an­ord­nen und dann vor Ge­richt zie­hen mit dem An­trag auf Er­set­zung der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats. Letzt­lich ist Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten so oder so kein wirk­li­ches Hin­der­nis für den Ar­beit­ge­ber bei der Or­ga­ni­sa­ti­on von Strei­k­ab­wehr.

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Letzte Überarbeitung: 7. Mai 2014

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