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Sechs Mo­na­te Min­dest­lohn - Was er än­dert und was nicht

Der Min­dest­lohn wer­de Tau­sen­de Ar­beits­plät­ze ver­nich­ten, mein­ten die ei­nen. Der Min­dest­lohn wird das Lohn­dum­ping be­en­den, glaub­ten die an­de­ren: Doch was hat sei­ne Ein­füh­rung bis­her wirk­lich be­wirkt?

26.06.2015. (dpa) - Wer nach der Ar­beit mit knur­ren­dem Ma­gen zum Bä­cker flitzt, hat un­ter Um­stän­den schlech­te Kar­ten.

Der La­den macht ei­ne St­un­de eher zu als frü­her.

Wer auf dem Lan­de oh­ne Vor­be­stel­lung in der Wo­che abends mit dem Ta­xi fah­ren will, bleibt viel­leicht zu Hau­se.

War­um? "Weil es sich der Ta­xi­un­ter­neh­mer nicht mehr leis­ten kann, sei­ne Fah­rer auf Ab­ruf zu be­schäf­ti­gen", schil­dert Frank Tem­pel vom Lan­des­ver­band der Ta­xi- und Miet­wa­gen­un­ter­neh­men.

Das sind nur zwei Bei­spie­le für prak­ti­sche Ver­än­de­run­gen seit Ein­füh­rung des Min­dest­lohns vor ei­nem hal­ben Jahr.

Durch den hö­he­ren Min­dest­lohn sei­en die Prei­se für ei­ne Fahrt im Schnitt um 20 bis 25 Pro­zent ge­stie­gen, fügt Ta­xi-Ver­bands­chef Tem­pel hin­zu. Mit ver­kürz­ten Öff­nungs­zei­ten, ein­ge­schränk­tem Ser­vice und hö­he­ren Prei­sen re­agie­ren et­li­che Ar­beit­ge­ber in Sach­sen-An­halt auf den Min­dest­lohn von 8,50 Eu­ro. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­me­bran­chen mit Über­gangs­re­ge­lun­gen bis zum Jahr 2018 ist die­ser St­un­den­satz seit 1. Ja­nu­ar Pflicht in Deutsch­land. Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter und SPD-Chef Sig­mar Ga­bri­el ver­tei­digt den Min­dest­lohn im­mer wie­der ge­gen Kri­tik. Sei­ner An­sicht nach ist ei­ne ver­bind­li­che Lohn­un­ter­gren­ze nicht nur öko­no­misch ge­bo­ten, son­dern auch ord­nungs­po­li­tisch not­wen­dig.

In Sach­sen-An­halt gibt es ein ge­teil­tes Echo und ge­misch­te Ge­füh­le, so­wohl bei Ar­beit­ge­bern als auch bei Ar­beit­neh­mern. Wirt­schafts­for­scher hat­ten vor dra­ma­ti­schen Fol­gen wie dem Ab­bau von Tau­sen­den Ar­beits­plät­zen ge­warnt, et­wa in der Gas­tro­no­mie oder in der Ern­te. Die Ge­werk­schaf­ten hat­ten nach dem Bei­spiel der Bau­bran­che er­bit­tert für ei­nen flä­chen­de­cken­den Min­dest­lohn ge­kämpft, um Lohn­dum­ping ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben. Ein Vier­tel der Be­schäf­tig­ten in Ost­deutsch­land, vor al­lem Frau­en, be­kam dem In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung Hal­le (IWH) zu­fol­ge vor Ein­füh­rung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns we­ni­ger als 8,50 Eu­ro.

Sach­sen-An­halts DGB-Chef Udo Geb­hardt hält die Hor­ror­sze­na­ri­en für wi­der­legt. "Ganz im Ge­gen­teil, wir sind sehr zu­frie­den", sagt er zu den ers­ten Aus­wir­kun­gen des Min­dest­lohns auf die Wirt­schaft und den Ar­beits­markt. Laut ei­ner Um­fra­ge der Wirt­schafts­aus­kunf­tei Credit­re­form in Hal­le un­ter gut 300 Un­ter­neh­men spü­ren 60 Pro­zent der Mit­tel­ständ­ler in Sach­sen-An­halt noch kei­ne ne­ga­ti­ven Fol­gen. An­ge­sichts des gro­ßen Fach­kräf­te­be­darfs im Land hiel­ten Fir­men an ih­ren Be­schäf­tig­ten fest, sagt ein Spre­cher der Re­gio­nal­di­rek­ti­on der Bun­des­agen­tur für Ar­beit.

"Wir ge­hen da­von aus, dass in Sach­sen-An­halt über 285 000 Men­schen vom Min­dest­l­ohn­ge­setz pro­fi­tie­ren kön­nen", be­tont der DGB-Chef in Mag­de­burg. "Wenn die Zahl der Mi­ni­jobs in­fol­ge des Min­dest­lohns leicht sinkt, ist das nicht zwangs­läu­fig ne­ga­tiv. Denn bei glei­chem Ar­beits­vo­lu­men kön­nen wir mit mehr re­gu­lä­ren Ar­beits­plät­zen rech­nen." Das Hand­werk be­klagt vor al­lem die zu­sätz­li­che Bü­ro­kra­tie für den ge­nau­en Nach­weis des St­un­den­lohns.

Um Miss­brauch zu ver­hin­dern, kon­trol­liert der Zoll die Ein­hal­tung der Re­geln. Gro­be Ver­stö­ße ge­gen den flä­chen­de­cken­den Min­dest­lohn sei­en im Land bis­her nicht fest­ge­stellt wor­den, kon­sta­tiert Ralf Klo­se vom Haupt­zoll­amt Mag­de­burg. Fir­men wer­de aber auch ei­ne ge­wis­se Zeit ein­ge­räumt, um sich in die Mo­da­li­tä­ten ein­zu­fuch­sen. "Wir ma­chen das ja schon seit zehn Jah­ren in ver­schie­de­nen Bran­chen, wie auf dem Bau oder in Pfle­ge­diens­ten", sagt Klo­se. "Nun sind sie al­le dran." Ab Au­gust sol­len 30 Kol­le­gen zu den bis­her 450 Mit­ar­bei­tern hin­zu­kom­men.

Die Ver­käu­fe­rin in der Bä­cke­rei, die ei­ne St­un­de eher als frü­her das Ge­schäft schließt, sagt, sie ha­be un­term Strich nicht viel mehr in ih­rer Lohn­tü­te. "Aber man kann ja heut­zu­ta­ge auch froh sein, wenn man sei­nen Job be­hält." Der Chef kön­ne auch nur so vie­le Leu­te be­schäf­ti­gen, wie er be­zah­len kann, meint die 46-Jäh­ri­ge. "Das muss man fai­rer­wei­se auch mal sa­gen."

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Letzte Überarbeitung: 30. Juni 2016

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