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Raus aus der Müh­le: Down­s­hif­ter su­chen nach mehr Sinn bei der Ar­beit

Jetzt ist ge­nug! Ob­wohl es im Job schein­bar gut läuft, stei­gen man­che ir­gend­wann aus: Down­s­hif­ter ha­ben die Na­se voll da­von, dass ihr Le­ben vor al­lem um den Job kreist. Sie ge­hen auf der Kar­rie­re­lei­ter frei­wil­lig ei­nen Schritt zu­rück

18.05.2015. (dpa) - Tan­ja Keß­ler hat im Be­rufs­le­ben im­mer gut funk­tio­niert.

Nach dem Abi hat sie Groß- und Au­ßen­han­dels­kauf­frau bei ei­nem gro­ßen Au­to­mo­bil­her­stel­ler ge­lernt.

Sie wur­de in der Wer­be­ab­tei­lung über­nom­men und ar­bei­te­te dort zehn Jah­re lang.

Ir­gend­wann war der Wunsch da, krea­ti­ver zu wer­den und mehr zu schrei­ben.

Sie wech­sel­te in ei­ne Wer­be­agen­tur als Tex­te­rin und blieb dort eben­falls zehn Jah­re.

Als sie An­fang 40 war, kam sie in die Sinn­kri­se: "Ich bin nicht da an­ge­kom­men, wo ich hin­will", dach­te sie.

Sie woll­te schrei­ben, doch die Kun­den der Wer­be­agen­tur mach­ten so en­ge Vor­ga­ben, dass für Krea­ti­vi­tät kaum Platz blieb. Gleich­zei­tig war die Ar­beits­be­las­tung hoch: Stan­den wich­ti­ge Pro­jek­te an, saß sie am Wo­chen­en­de vor dem Com­pu­ter. Die bei­den Söh­ne ver­brach­ten viel Zeit statt mit ihr mit dem Au-Pair-Mäd­chen. Keß­ler war un­zu­frie­den und fing an, über Al­ter­na­ti­ven nach­zu­den­ken. So wur­de sie zur Down­s­hif­te­rin.

Down­s­hif­ter sind Men­schen, die frei­wil­lig ei­nen Schritt auf der Kar­rie­re­lei­ter zu­rück­ge­hen. Wört­lich über­setzt be­deu­tet es et­wa: ei­nen Gang zu­rück­schal­ten. Sie ge­ben ei­ne Füh­rungs­po­si­ti­on auf, um mehr Zeit für sich zu ha­ben, sie wech­seln auf Teil­zeit oder sie hö­ren ganz auf. Die Grün­de da­für sind un­ter­schied­lich, sagt Wieb­ke Spo­na­gel. Sie ist Coach in Frank­furt am Main und be­rät Be­rufs­tä­ti­ge, die her­un­ter­schal­ten wol­len. Man­che kom­men in die Mid­life-Cri­sis und fra­gen nach dem Sinn ih­rer Tä­tig­keit. An­de­re grün­den ei­ne Fa­mi­lie und ord­nen ih­re Prio­ri­tä­ten neu. Wie­der an­de­re ste­hen kurz vor ei­nem Burn-out und stel­len ih­ren Le­bens­stil in­fra­ge.

Der Be­griff Down­s­hif­ting stammt aus dem an­gel­säch­si­schen Raum. Das Phä­no­men an sich ist nicht neu. Schon im­mer gab es Men­schen, die frei­wil­lig im Be­rufs­le­ben ei­nen Gang zu­rück­ge­schal­tet ha­ben, wenn sie es sich leis­ten konn­ten. "Neu ist, dass die Fra­ge nach Down­s­hif­ting im­mer frü­her ge­stellt wird", sagt Spo­na­gel. Vor zehn Jah­ren ka­men vor al­lem Män­ner zwi­schen 40 und 50 Jah­ren zu ihr, die im Be­ruf viel er­reicht hat­ten. Sie stan­den fi­nan­zi­ell gut da und stell­ten sich nun die Sinn­fra­ge. Was soll von ih­rem Le­ben üb­rig blei­ben? Mitt­ler­wei­le kä­men auch Be­rufs­an­fän­ger.

Das be­stä­tigt auch Coach Arnd Corts. Auch er be­rät Men­schen, die im Job ei­nen Gang her­un­ter­schal­ten wol­len. "Heu­te ha­be ich die ers­ten, die down­s­hif­ten wol­len, be­vor sie Voll­gas ge­ge­ben ha­ben", er­zählt er. Den jun­gen Men­schen ge­he es we­ni­ger um An­er­ken­nung im Be­ruf oder um Pres­ti­ge durch ein ho­hes Ge­halt. Sie ar­bei­te­ten lie­ber we­ni­ger und ge­win­nen an frei ver­füg­ba­rer Zeit.

Bei Keß­ler ka­men meh­re­re Grün­de zu­sam­men: Sie fand ih­re Tä­tig­keit nicht mehr sinn­voll und woll­te mehr Zeit mit der Fa­mi­lie ver­brin­gen. Des­halb häng­te sie im Som­mer 2011 den Be­ruf in der Wer­bagen­tur an den Na­gel und mach­te sich mit dem Glücks­gar­ten selbst­stän­dig. Der Glücks­gar­ten ist ein Zen­trum für na­tur­na­hes Le­ben. Par­al­lel zur Ar­beit in der Wer­be­agen­tur hat­te sie ge­gen En­de ei­ne Aus­bil­dung zur Na­tur­päd­ago­gin ab­sol­viert. Das sind Men­schen, die an­de­ren die Na­tur na­he­brin­gen. Sie be­treibt ihn auf dem Bau­ern­hof, auf dem sie mit ih­rem Mann und den Söh­nen wohnt. Sie bie­tet dort Koch­kur­se an so­wie Ein­füh­run­gen in die Her­stel­lung von Kä­se, Brot und Na­tur­kos­me­tik. Sie macht Kräu­ter­wan­de­run­gen und ver­mie­tet Ver­an­stal­tungs­räu­me. "We­ni­ger ar­bei­te ich ei­gent­lich nicht", er­zählt sie. Aber sie sei zu­frie­de­ner.

Bis sie den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit ging, war es ein lan­ger Pro­zess. Ihr Mann ist Ver­triebs­in­ge­nieur. Dass die Fa­mi­lie ein zwei­tes Ein­kom­men und Rück­la­gen ge­bil­det hat­te, gab ihr fi­nan­zi­el­le Si­cher­heit. "Trotz­dem gibt es na­tür­lich im­mer wie­der Ent­täu­schun­gen, Rück­schlä­ge und Exis­tenz­ängs­te", sagt sie.

Wer down­s­hif­ten will, soll­te sich den Schritt gut über­le­gen, sagt Coach Spo­na­gel. Kei­ne gu­te Idee ist, so ei­ne Ent­schei­dung zu tref­fen, wenn Mit­ar­bei­ter bei der Ar­beit ge­ra­de stark über­las­tet sind. Man­cher neigt dann da­zu, al­les hin­wer­fen zu wol­len. Möch­te je­mand die­sen Schritt ge­hen, soll­te er im Ge­gen­teil erst ein­mal zwei oder drei Wo­chen frei­neh­men und ver­su­chen zur Ru­he zu kom­men. "Men­schen un­ter Stress tref­fen fal­sche Ent­schei­dun­gen."

Dann geht es dar­um, ei­ni­ge grund­le­gen­de Fra­gen zu klä­ren. Wie­viel möch­te ich bei der Ar­beit zu­rück­fah­ren? Ha­be ich aus­rei­chend fi­nan­zi­el­le Res­sour­cen, um das zu stem­men? Wie wer­den der Part­ner und die Freun­de dar­auf re­agie­ren? Die­ses zu klä­ren, braucht Zeit, be­stä­tigt Coach Corts.

Am En­de ist aber im bes­ten Fall sehr viel zu ge­win­nen. Tan­ja Keß­ler ge­fällt an ih­rer neu­en Tä­tig­keit, dass sie ihr ei­ge­ner Chef ist und selbst be­stim­men kann, wann sie ar­bei­tet. Wenn sie spon­tan mit den Kin­dern ei­ne St­un­de spie­len möch­te, kann sie sich die Zeit da­für jetzt neh­men. Au­ßer­dem ler­ne sie durch die Ar­beit im Glücks­gar­ten vie­le neue Men­schen ken­nen. Und sie hat das Ge­fühl, sich per­sön­lich stän­dig wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Für sich hat sie den Sinn bei der Ar­beit ge­fun­den: "Wenn ich mal alt bin, bin ich ei­ne ganz wei­se Frau."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 12. April 2016

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