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LAG Mün­chen: Kün­di­gung nach Be­trug mit 20 EUR Scha­den

Auch ein "klei­ner" Be­trug kann ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung nach sich zie­hen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Ur­teil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10
Mün­chen, 02.11.2011. Die au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung ei­nes Ar­beits­ver­hält­nis­ses ist rech­tens, wenn es da­für ei­nen „wich­ti­gen Grund“ im Sin­ne von § 626 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) gibt. Ein wich­ti­ger ver­hal­tens­be­ding­ter Grund ist z.B. ein Dieb­stahl, Be­trug oder ein an­de­res Ver­mö­gens­de­likt, mit dem der Ar­beit­neh­mer den Ar­beit­ge­ber schä­digt.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat al­ler­dings mit sei­nem „Em­me­ly“-Ur­teil (Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09) deut­lich ge­macht, dass ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung nicht im­mer zu­läs­sig ist, wenn der Dieb­stahl bzw. Be­trug nur ei­nen Ba­ga­tell­scha­den be­wirkt, wenn der Ar­beit­neh­mer schon lan­ge Zeit „be­an­stan­dungs­frei“ ge­ar­bei­tet hat und wenn der Dieb­stahl bzw. Be­trug ein ein­ma­li­ger un­ty­pi­scher Aus­rut­scher war. Dann muss das „Ver­trau­en­s­ka­pi­tal“ nicht un­be­dingt zer­stört sein, so dass ei­ne Ab­mah­nung an­stel­le ei­ner Kün­di­gung die an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on ist.

Das „Em­me­ly“-Ur­teil gibt alt­ge­dien­ten Ar­beit­neh­mern aber kei­nen Frei­brief für Ba­ga­tell­straf­ta­ten. Ist das Ver­hal­ten be­son­ders dreist, droht trotz­dem ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung, so das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Mün­chen in ei­nem ak­tu­el­len Fall: LAG Mün­chen, Ur­teil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10.

Fristlose Kündigung wegen Betrugs - auch bei kleinem Schaden und langer Beschäftigungsdauer?

Be­geht der Ar­beit­neh­mer ei­nen Be­trug oder ei­nen Dieb­stahl und schädigt da­durch den Ar­beit­ge­ber, hat der meist das Ver­trau­en in den Ar­beit­neh­mer ver­lo­ren. Da­her ist dem Ar­beit­ge­ber die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr zu­zu­mu­ten - noch nicht ein­mal bis zum En­de der Kündi­gungs­frist.

Dann spricht der Ar­beit­ge­ber meist ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung in Form ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung aus. Auf den Wert der ge­stoh­le­nen Sa­che oder den durch ei­nen Be­trug an­ge­rich­te­ten Scha­den kommt es da­bei im Prin­zip nicht an, d.h. auch Ba­ga­tell­de­lik­te können die Ent­las­sung nach sich zie­hen.

Al­ler­dings wer­den die­se Rechts­grundsätze seit dem „Em­me­ly“-Ur­teil des BAG vom Ju­ni 2010 nicht mehr so strikt an­ge­wandt wie zu­vor. Seit­dem be­ach­ten die Ge­rich­te (wie­der) stärker, dass auch gra­vie­ren­de Pflicht­verstöße ei­ne frist­lo­se Kündi­gung nicht im­mer recht­fer­ti­gen. Viel­mehr müssen die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen im Ein­zel­fall „er­geb­nis­of­fen“ ab­ge­wo­gen wer­den.

Die In­ter­es­sen­abwägung kann auch in Dieb­stahls- und Be­trugsfällen zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers aus­ge­hen, wenn das Ar­beits­verhält­nis lan­ge be­stan­den hat, wenn der Ar­beit­neh­mer bis­her ähn­li­che Pflicht­verstöße be­gan­gen hat und wenn der ak­tu­el­le Dieb­stahl bzw. Be­trug, der An­lass für die Kündi­gung war, ein „ein­ma­li­ger Aus­rut­scher" ist.

Ei­ne Ent­las­sung kann auch un­verhält­nismäßig sein, wenn der Ar­beit­neh­mer sei­nen Pflicht­ver­s­toß ehr­lich zu­ge­ge­ben hat. Lie­gen sol­che "mil­dern­den Umstände" aber nicht vor, wird es eng für den Ar­beit­neh­mer, wie das LAG München kürz­lich bestätigt hat (LAG München, Ur­teil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10).

LAG München: Wird ein Bagatell-Betrug sehr zielstrebig verübt, ist eine Kündigung in Ordnung

In dem vom LAG München ent­schie­de­nen Fall ging es um ei­nen schwer­be­hin­der­ten Buch­hal­ter und Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den, der seit über 22 Jah­ren im sel­ben Be­trieb in München beschäftigt war. Er hat­te die elek­tro­ni­sche Zu­gangs­kar­te zum Be­trieb ver­bum­melt und schul­de­te dem Ar­beit­ge­ber da­her für ei­ne Er­satz­kar­te 20,00 EUR.

Die zahl­te er aber nicht, son­dern nutz­te sei­nen Zu­gang zur Buch­hal­tung da­zu aus, die­se For­de­rung mit ei­nem Buch­hal­tungs­trick ver­schwin­den zu las­sen. Als der Ar­beit­ge­ber das ent­deck­te, erklärte er nach vor­he­ri­ger Zu­stim­mung des Be­triebs­rats und des In­te­gra­ti­ons­am­tes München Mit­te No­vem­ber 2009 die frist­lo­se Kündi­gung. Der Ar­beit­neh­mer wäre ein­ein­halb Mo­na­te später, nämlich zum 31.01.2010, oh­ne­hin al­ters­be­dingt aus­ge­schie­den.

Das Ar­beits­ge­richt München erklärte die Kündi­gung für un­wirk­sam (Ar­beits­ge­richt München, Ur­teil vom 28.05.2010, 31 Ca 18907/09), das LAG München da­ge­gen für wirk­sam (LAG München, Ur­teil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10). Da­bei geht das LAG München von ei­nem vorsätz­li­chen Be­trug aus, so dass ein im All­ge­mei­nen aus­rei­chen­der („wich­ti­ger“) Kündi­gungs­grund ge­ge­ben war.

Bei der In­ter­es­sen­abwägung sprach ge­gen den Ar­beit­neh­mer, dass die Pflicht­ver­let­zung den Kern­be­reich der ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten als Buch­hal­ter be­traf und dass sei­ne betrüge­ri­sches Ziel hartnäckig und heim­lich ver­folgt hat­te. Da­her kam ei­ne Ab­mah­nung als mil­de­res Mit­tel nicht in Be­tracht, so das LAG München.

Fa­zit: Dass das Ar­beits­verhält­nis auch oh­ne Kündi­gung nicht mehr lan­ge be­ste­hen würde, hat­te bei In­ter­es­sen­be­wer­tung durch das LAG München nicht das ent­schei­den­de Ge­wicht. Denn an­de­rer­seits war ja auch die Zeit der in­fol­ge der Kündi­gung ein­tre­ten­den Ar­beits­lo­sig­keit bis zum Ren­ten­ein­tritt kurz, so dass der Ar­beit­neh­mer durch die Kündi­gung kaum be­las­tet war.

Das Ur­teil des LAG München zeigt, dass auch langjährig beschäftig­te Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Ba­ga­tell­dieb­stahl bzw. ei­nen Ba­ga­tell­be­trug ei­ne frist­lo­se Kündi­gung ris­kie­ren, wenn sie be­son­ders dreist vor­ge­hen und ih­re Tat von vorn­her­ein ver­tu­schen.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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