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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Abmahnung
   
Gericht: Arbeitsgericht Suhl
Akten­zeichen: 5 Ca 885/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 26.02.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen:
   

Ar­beits­ge­richt Suhl
Ak­ten­zei­chen (bit­te stets an­ge­ben)
5 Ca 885108

Verkündet
am 26.02.2009

gez
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

UR­TEIL

 

In dem Rechts­streit

- Kläger -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te:

ge­gen

- Be­klag­te -

hat das Ar­beits­ge­richt Suhl, 5. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26.02.2009,
durch Rich­ter am Ar­beits­ge­richt K als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frau und Frau für Recht er­kannt:

1. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, die Ab­mah­nung vom 03.04.2008 aus den Per­so­nal­un­ter­la­gen des Klägers zu ent­fer­nen.

2.. Die Kos­ten des Rechts­streits trägt die Be­klag­te. 

3. Der Streit­wert wird auf 2.700,00 € brut­to fest­ge­setzt.

- 2 -

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um den An­spruch des Klägers auf Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung aus den Per­so­nal­un­ter­la­gen.

Der Kläger , der bei der Be­klag­ten seit dem 01. Ja­nu­ar 1985 als Kran­ken­pfle­ger und Sta­ti­ons­lei­ter der Sta­ti­on C 1 tätig ist, ver­dient 2.700,00 € brut­to im Mo­nat.

Mit Schrei­ben vom 03. April 2008 er­hielt der Kläger ei­ne Ab­mah­nung. Das Ab­mah­nungs­schrei­ben hat fol­gen­den Wort­laut:

Ab­mah­nung

Sehr ge­ehr­ter Herr Mak
wir er­tei­len Ih­nen, aus den nach­fol­gend ge­nann­ten Gründen ei­ne Ab­mah­nung.
Während der Sta­ti­ons­lei­tungs­be­spre­chung am 02.04.08 teil­te Ihr Ver­tre­ter, Herr R auf An­fra­ge der zuständi­gen Ab­tei­lungs­lei­te­rin Pfle­ge, Frau W mit, dass Sie er­krankt sind.
So­wohl im Man­tel­ta­rif­ver­trag (§ 6 Nr. 3) so­wie auch im Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz (§ 5) ist ge­re­gelt, dass Sie Ih­re Ar­beits­unfähig­keit und de­ren vor­aus­sicht­li­che Dau­er un­verzüglich an­zu­zei­gen ha­ben.
Am 02.04.2008 hat­ten Sie laut Dienst­pla­nung Frühdienst. Ei­ne ent­spre­chen­de un­verzügli­che An­zei­ge Ih­rer Ar­beits­unfähig­keit ist so­mit nicht er­folgt.
Berück­sich­ti­gen Sie bit­te künf­tig, dass die­se An­zei­ge ent­spre­chend der ge­setz­li­chen bzw. der ta­rif­recht­li­chen Be­stim­mun­gen zu er­fol­gen hat.
Wir sind nicht ge­willt die­ses Ver­hal­ten wei­ter hin­zu­neh­men und for­dern Sie auf, sich in Zu­kunft pflicht­gemäß zu ver­hal­ten.
Im Wie­der­ho­lungs­fall ha­ben Sie mit ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen zu rech­nen bis hin zur Kündi­gung Ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses.
Sie ha­ben die Möglich­keit, sich schrift­lich bis zum 18.04.2008 zum oben ge­nann­ten Sach­ver­halt zu äußern.

C

Geschäftsführe­rin"

Mit der beim Ar­beits­ge­richt er­ho­be­nen Kla­ge vom 19. Mai 2008 ver­langt der Kläger die Ent­fer­nung die­ser Ab­mah­nung aus sei­nen Per­so­nal­un­ter­la­gen.

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Nach­dem er am 01. April 2008 um 17.00 Uhr ar­beits­unfähig krank ge­schrie­ben wor­den sei, ha­be er ge­gen 17.30 Uhr darüber die Sta­ti­ons­mit­ar­bei­ter Frau J, Frau Z und Herr L in­for­miert und die­se Mit­ar­bei­ter be­auf­tragt, die In­for­ma­ti­on über sei­ne Er­kran­kung an sei­ne Vor­ge­setz­ten und die Per­so­nal­ab­tei­lung zu über­mit­teln. Die­se Hand­ha­bung sei bei der Be­klag­ten auch be­triebsüblich ge­we­sen. Ei­ne Mit­tei­lung an Vor­ge­setz­te sei am 01.04. 2008, 17.30 Uhr nicht möglich ge­we­sen, da sich die­se seit 13.00 Uhr nicht mehr im Dienst be­fin­den würden.
Darüber hin­aus ha­be er mit die­sen Mit­ar­bei­tern in dem Te­le­fon­gespräch die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Abläufe ge­plant und be­spro­chen. Sei­nes Wis­sens hätten die von ihm auf die­se Wei­se in Kennt­nis ge­setz­ten Mit­ar­bei­ter die In­for­ma­ti­on über sein krank­heits­be­ding­tes Feh­len am nächs­ten Ar­beits­tag an die Kol­le­gen der Nacht­schicht wei­ter­ge­ge­ben. Von die­sen Mit­ar­bei­tern sei die ab 6 Uhr tätig wer­den­de Frühschicht in­for­miert wor­den, die auch der Kläger oh­ne die be­se­hen­de Ar­beits­unfähig­keit hätte an­tre­ten müssen. Auf Grund die­ser Ver­fah­rens­wei­se sei der Schicht­lei­ter der Frühschicht vom 02.04. 2008, der stellv. Sta­ti­ons­lei­ter Herr R über die Ar­beits­unfähig­keit des Klägers in­for­miert ge­we­sen. Die „Wei­ter­ga­be die­ser In­for­ma­ti­on durch die­sen Kol­le­gen an die Pfle­ge­dienst­lei­tung könne in der Re­gel aber nicht vor 08.00 Uhr er­fol­gen, weil erst zu die­sem Zeit­punkt die re­guläre Dienst­zeit der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin be­gin­ne. Aus die­sem Um­stand fol­ge im Übri­gen auch, dass es dem Kläger vor dem Be­ginn der Frühschicht am 02.04. 2008 um 06.00 Uhr nicht möglich ge­we­sen wäre, der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin persönlich sei­ne Ar­beits­unfähig­keit an­zu­zei­gen.
An dem 02. April 2008 sei es die Ab­sicht des stellv. Sta­ti­ons­lei­ters ge­we­sen, die krank­heits­be­ding­te Ab­we­sen­heit des Klägers in dem re­gelmäßig täglich ge­gen 09.30 Uhr statt­fin­den­den Gespräch mit der Pfle­ge­dienst­lei­tung zu über­mit­teln. An die­sem Tag sei die Sta­ti­on je­doch ent­ge­gen der sonst übli­chen Ge­pflo­gen­heit nicht von Pfle­ge­dienst­lei­tung auf­ge­sucht wor­den. Aus die­sem Grund ha­be Herr R erst auf der um 13.00 Uhr statt­fin­den­den Sta­ti­ons­lei­ter­sit­zung über die Ar­beits­unfähig­keit des Klägers in­for­miert (Be­weis: Zeu­ge R). Ha­be er da­mit al­les un­ter­nom­men, um ei­nen rei­bungs­lo­sen und voll funk­tio­nie­ren­den Sta­ti­ons­ab­lauf zu si­chern, sei der Ab­mah­nungs­vor­wurf un­be­rech­tigt, was den Kla­ge­an­trag recht­fer­ti­ge.
Für das Vor­brin­gen des Klägers wird im Übri­gen Be­zug ge­nom­men auf den zum Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung ge­mach­ten In­halt der Kla­ge­schrift (BI. 1-3 d.A.) und des Schrift­sat­zes vom 29.07. 2008 (BI. 34-36 d.A.) nebst An­la­ge (BI. 37 d.A.).

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Der Kläger be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die dem Kläger mit Schrei­ben vom 03.04. 2008 er­teil­te Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.

Dem­ge­genüber be­an­tragt die Be­klag­te,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te sieht die Ab­mah­nung als ge­recht­fer­tigt an. Der Kläger ha­be ge­gen § 5 Abs. 1 Satz 1 EFZG iVm § 6 Abs. 3 des an­wend­ba­ren Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges ver­s­toßen. Nach bei­den Vor­schrif­ten sei der Kläger ver­pflich­tet, ei­ne fest­ge­stell­te Ar­beits­unfähig­keit un­verzüglich bei Ar­beit­ge­ber an­zu­zei­gen. Im Hin­blick auf die am 01. April 2008 ge­gen 17.00 Uhr fest­ge­stell­ten Ar­beits­unfähig­keit ab dem 02. April 2008 ha­be der Kläger ge­gen die­se An­zei­ge­pflicht ver­s­toßen.
In­fol­ge des­sen sei der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin, Frau W am 02. April 2008 nicht be­kannt ge­we­sen, dass der Kläger an die­sem Tag sei­ne Ar­beit nicht an­tre­ten wird. Erst auf Nach­fra­ge der Geschäftsführe­rin in der Sta­ti­ons­lei­ter­sit­zung sei­en Nach­for­schun­gen über den Ver­bleib des KI. an­ge­stellt wor­den (Be­weis: Zeu­gin W). Die ärzt­li­che Be­schei­ni­gung über die Ar­beits­unfähig­keit des Klägers sei der Be­klag­ten am 03. April 2008 zur Kennt­nis ge­langt. Auch die Kennt­nis des stell­ver­tre­ten­den Sta­ti­ons­lei­ters R ände­re nichts dar­an, dass der Kläger bis zum Be­ginn der re­gulären Ar­beits­zeit am 02. April 2008 um 07.30 Uhr we­der der Geschäftsführe­rin noch sei­ner Vor­ge­setz­ten die Ar­beits­unfähig­keit ge­mel­det ha­be. So­weit Herr Rom» die Ar­beits­unfähig­keit erst in der Sta­ti­ons­lei­ter­sit­zung und da­mit ver­spätet ge­mel­det ha­be, müsse sich der Kläger die­ses Ver­hal­ten zu­rech­nen las­sen. Dass Herr R tatsächlich Kennt­nis von der Ar­beits­unfähig­keit des Klägers hat­te, wer­de be­strit­ten. Im Übri­gen ände­re auch die Kennt­nis des Herrn R von der Ar­beits­unfähig­keit nichts an der Tat­sa­che, dass der Kläger die er­for­der­li­che An­zei­ge da­durch zu Be­ginn der re­gulären Ar­beits­zeit nicht ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber ab­ge­ge­ben ha­be. Letzt­lich könne auch nicht un­berück­sich­tigt blei­ben, dass der Kläger be­reits we­gen Ver­las­sens sei­nes Ar­beits­plat­zes, oh­ne sich ab­zu­mel­den, am 23. Ju­ni 2006 ab­ge­mahnt wor­den sei. Für das Vor­brin­gen der Be­klag­ten wird im Übri­gen Be­zug ge­nom­men auf die zum Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung ge­mach­ten In­halt der Schriftsätze vom 15.07. 2008 (BI. 18-24 d.A.) nebst An­la­gen (BI. 25-28 d.A.), vom 21.07. 2008 (BI. 32,33 d.A.) und vom 03.12. 2008 (BI. 40-42 d.A.).

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Die Kam­mer hat Be­weis er­ho­ben durch die un­eid­li­che Ver­neh­mung des Zeu­gen P We­gen der Durchführung und des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf das Pro­to­koll der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 26.02. 2009 (BI. 52,53 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Kla­ge ist be­gründet. Im Ein­zel­nen gilt Fol­gen­des:

I.

a)
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann der Kläger die Be­sei­ti­gung ei­ner un­ge­recht­fer­tig­ten Ab­mah­nung ver­lan­gen (BAG v. 13.4. 1988, 5 AZR 537/86 NZA 1988, 654-655). So­weit sich die­se in der Per­so­nal­ak­te be­fin­det, ist die Ab­mah­nung dar­aus zu ent­fer­nen und ver­liert da­durch ih­re Wir­kung (BAG v. 5.8.1992, 5 AZR 531/91, NZA 1993, 838-839).

b)
Die­ser An­spruch folgt aus der all­ge­mei­nen Fürsor­ge­pflicht der Be­klag­ten und dem aus § 1004 BGB her­ge­lei­te­ten Rechts­ge­dan­ken, nach dem je­der­mann die Ver­pflich­tung hat, Störun­gen der Rechts­stel­lung Drit­ter zu un­ter­las­sen (BAG 15.1.1986, 5 AZR 70/84, BA­GE 50, 362-370).

II.

Die Ab­mah­nung vom 03. April 2008 ist un­ge­recht­fer­tigt. Die Be­klag­te ist ver­pflich­tet die­se Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te des Klägers zu ent­fer­nen.

1.

Der Kläger hat der Be­klag­ten die am 01. April 2008 fest­ge­stell­te Ar­beits­unfähig­keit und de­ren vor­aus­sicht­li­che Dau­er nicht un­verzüglich mit­ge­teilt.

a)
Die Vor­schrift des § 5 Abs. 1 Satz 1 EFZG so­wie die dem Wort­laut nach iden­ti­sche Re­ge­lung in § 6 Abs. 3 des auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den­den Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges ver­pflich­ten den Kläger, die Ar­beits­unfähig­keit und de­ren vor­aus­sicht­li­che Dau­er dem Ar­beit­ge­ber un­verzüglich mit­zu­tei­len.

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b)
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts genügt ein Ar­beit­neh­mer die­ser ge­setz­li­chen Ver­pflich­tung, wenn er am ers­ten Tag der Ar­beits­unfähig­keit während der ers­ten Be­triebs­stun­den sei­nen Ar­beit­ge­ber in­for­miert (BAG v. 31.08.1989, 2 AZR 13/89, NZA 1990, 433-434).

c)
Die Mit­tei­lung ist an den Ar­beit­ge­ber zu rich­ten. Nach herr­schen­der Mei­nung gel­ten Ar­beits­kol­le­gen oder Mit­ar­bei­ter mit un­ter­ge­ord­ne­ter Funk­ti­on nicht als rich­ti­ge Adres­sa­ten die­ser Mit­tei­lung. Ei­ne sol­che Per­son ist da­nach als Erklärungs­bo­te ein­zu­ord­nen, so dass der Ar­beit­neh­mer das Ri­si­ko trägt, dass der Bo­te die Mit­tei­lung nicht oder nicht recht­zei­tig Lei­ter­gibt (vgl. BAG v. 18.2.1965, DB 1965, 824; Sch­mitt EFZG § 5 Rn 37; VVorz­al­la/Süll­wald EFZG § 5 Rn 7; Zim­mer­mann, in Rein­hardt EFZG § 5 Rn 18; Kunz­NVe­d­de EFZG § 5 Rn 23).

d)
Im zu ent­schei­den­den Fall ist dem Ar­beit­ge­ber des Klägers in Per­son der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin bzw. der Geschäftsführe­rin die An­zei­ge über die Ar­beits­unfähig­keit des Klägers frühes­tens 7 St­un­den nach Ar­beits­be­ginn durch ei­nen Erklärungs­bo­ten an­ge­zeigt wor­den. Selbst wenn das Vor­brin­gen des Klägers zum Dienst­be­ginn der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin zu sei­nen Guns­ten als wahr un­ter­stellt wird, sind auch für die Kam­mer kei­ne Gründe er­sicht­lich, die den Kläger dar­an ge­hin­dert ha­ben, sei­ne Ar­beits­unfähig­keit in den Vor­mit­tags­stun­den ge­genüber der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin un­ter Nut­zung ei­nes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tels an­zu­zei­gen. Die Kam­mer sieht dar­in, eben­so wie die Be­klag­te, ei­nen ob­jek­ti­ven Ver­s­toß des Klägers ge­gen die An­zei­ge­ver­pflich­tung.

2.

Die Ab­mah­nung ist we­gen ge­rin­gem Ver­schul­dens des Klägers un­verhält­nismäßig und ver­letzt den Kläger in sei­nen Rech­ten.

a)
Aus der Le­gal­de­fi­ni­ti­on in § 121 BGB, die „un­verzüglich" mit ei­nem Han­deln oh­ne schuld­haf­tes Zögern be­schreibt, folgt, dass dem Kläger an der Ver­let­zung der An­zei­ge­pflicht ein Ver­schul­den tref­fen muss, um ei­ne Ver­let­zung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten an­neh­men zu können. In­so­weit ist der Rechts­satz in der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 07.09. 1988 (BAG 5 AZR 625/87, NZA 1989, 272), nach der es für die Fra­ge, ob ei­ne Ab­mah­nung zu Recht er­folgt ist, al­lein dar­auf an­kommt, ob der er­ho­be­ne Vor­wurf ob­jek­tiv ge­recht­fer­tigt ist, nicht aber, ob das be­an­stan­de­te Ver­hal­ten dem

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Ar­beit­neh­mer auch sub­jek­tiv vor­ge­wor­fen wer­den kann, in dem hier zu ent­schei­den­den Fall nicht ein­schlägig. Un­abhängig da­von wird auch in der Li­te­ra­tur ver­tre­ten, dass ei­ne Ab­mah­nung grundsätz­lich schuld­haf­tes Ver­hal­ten vor­aus­setzt, weil ei­ne Ab­mah­nung die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung vor­be­rei­tet (Kütt­ner, Ei­se­mann, Per­so­nal­buch 2008, Ab­mah­nung, Rz 4). Dies muss erst recht gel­ten, wenn die Ver­let­zung ei­ner Rechts­norm ab­ge­mahnt wird, die ih­rem Tat­be­stand nach nur ver­letzt sein kann, wenn der Kläger ver­schul­det ge­han­delt hat.

b)
Zwar ist es grundsätz­lich Sa­che der Be­klag­ten die Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung des Klägers und da­mit auch sei­nes Ver­schul­dens ei­ner Be­ur­tei­lung zu un­ter­zie­hen und im Er­geb­nis die­ser Be­wer­tung zu ent­schei­den, ob ei­ne Ab­mah­nung not­wen­dig ist oder nicht. Da­bei ist die­ser Be­ur­tei­lungs­spiel­raum al­ler­dings nicht schran­ken­los, son­dern un­ter­liegt, wie je­der Be­las­tungs­akt, der ge­richt­li­chen Kon­trol­le nach den Prin­zi­pi­en des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes (Kütt­ner, Ei­se­mann, Per­so­nal­buch 2008, Ab­mah­nung, Rz 28).

c)
Nach die­sem Grund­satz ist ei­ne Ab­mah­nung dann verhält­nismäßig, wenn sie vor dem Hin­ter­grund des von ihr ver­folg­ten Zwecks, dass dafür ge­eig­ne­te Mit­tel ist und das Ziel nicht auch mit ei­nem mil­de­ren Mit­tel er­reicht wer­den kann, die Ab­mah­nung al­so er­for­der­lich ist (BAG v. 19.01.1999, 1 AZR 499/98, NZA 1999, 546-550). Ist dies zu be­ja­hen, stellt sich die Fra­ge, ob von der Ab­mah­nung den­noch ab­ge­se­hen wer­den muss, weil der mit der Zweck­ver­fol­gung er­streb­te Nut­zen ge­mes­sen an dem durch ihn beim Be­trof­fe­nen be­wirk­ten Scha­den nicht mehr hin­nehm­bar er­scheint (s.g. Über­maßkon­trol­le; BVerfG v. 09.03.19942, BvL 43/92, NJW 1994, 1577-1590).

d)
Zweck der zu be­ur­tei­len­den Ab­mah­nung ist es, den Kläger zur Ein­hal­tung der Vor­schrift des § 5 Abs. 1 Satz 1 EFZG und der wort­glei­chen Be­stim­mung des § 6 Abs. 3 des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges an­zu­hal­ten. Bei die­sem An­lie­gen der Be­klag­ten han­delt es sich zwei­fel­los um ein recht­lich zu bil­li­gen­des Ziel. Auch an der Eig­nung der Ab­mah­nung für ei­nen sol­chen Zweck kann kein Zwei­fel be­ste­hen.

e)
Al­ler­dings hei­ligt im zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall der ver­folg­te Zweck nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht je­des ge­eig­ne­te Mit­tel, sprich die strei­ti­ge Ab­mah­nung.

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f)

Die Ab­mah­nung ist nicht schon we­gen der Re­ge­lung des § 314 Abs. 2 BGB er­for­der­lich nach herr­schen­der Auf­fas­sung rich­tet sich die Pflicht zur Ab­mah­nung auch nach Einführung fie­ser Be­stim­mung aus­sch­ließlich nach ar­beits­recht­li­chen Grundsätzen. Die Recht­spre­chung zur Ab­mah­nung im Ar­beits­verhält­nis bleibt un­berührt. (Kütt­ner, Ei­se­mann, Per­so­nal­buch 2008, Ab­mah­nung, Rz 9 mwN).

g)

Die Be­weis­auf­nah­me hat er­ge­ben, dass der Kläger nach sei­ner Krank­schrei­bung un­verzüglich al­les ge­tan hat, um den rei­bungs­lo­sen Ab­lauf auf der Sta­ti­on ab dem 02. April 4008 zu gewähr­leis­ten, in­dem er dafür Sor­ge ge­tra­gen hat, das der stell­ver­tre­ten­de Sta­ti­ons­pfle­ger von sei­ner Ar­beits­unfähig­keit ab die­sem Tag zu Be­ginn der Frühschicht Kennt­nis hat­te. Die­ser war da­durch in die La­ge ver­setzt, wie üblich, ab 06.00 Uhr auf die krank­heits­be­ding­te Ab­we­sen­heit des Klägers re­agie­ren zu können und ei­gen­ver­ant­wort­lich über den Per­so­nal­ein­satz zu ent­schei­den. Tatsächlich ist es zu kei­ner­lei Störun­gen im Sta­ti­ons­be­trieb ge­kom­men. Die hier­zu von dem Zeu­gen ge­mach­te Aus­sa­ge ist glaub­haft, der Zeu­ge glaubwürdig. Der Zeu­ge war er­kenn­bar bemüht, sich an das in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Ge­sche­hen zu er­in­nern. Er war da­bei durch­aus be­reit, sich in Ein­zel­hei­ten zu kor­ri­gie­ren. In sei­nem Aus­sa­ge­ver­hal­ten wirk­te der Zeu­ge si­cher und im Kern sei­ner Aus­sa­ge gab es kei­ne Wi­dersprüche.

h)

Im Er­geb­nis hat der Kläger durch sein Ver­hal­ten, auch für die Be­klag­te er­kenn­bar, so ge­han­delt, dass mögli­che ne­ga­ti­ve Fol­gen für den Be­triebs­ab­lauf, wie sie § 5 Abs. 1 Satz 1 EFZG nach sei­nem Re­ge­lungs­zweck ge­ra­de ver­hin­dern will, nicht ein­ge­tre­ten sind. Im Übri­gen war die­se Ver­fah­rens­wei­se bis­her auch üblich.

i)
Es bleibt letzt­end­lich der Vor­wurf, dass der Erklärungs­bo­te ent­ge­gen der Er­war­tung des Klägers die Krank­mel­dung nicht am ers­ten Tag der Ar­beits­unfähig­keit während der ers­ten Ar­beits­stun­den dem maßgeb­li­chen Vor­ge­setz­ten mit­ge­teilt hat, son­dern erst ge­gen 13.00 Uhr.

j)
In die­sen Kon­text ge­stellt er­zwingt das ge­rin­ge Maß an Ver­schul­den des Klägers und das dar­aus re­sul­tie­ren­de Ge­wicht die­ses Pflicht­ver­s­toßes nach Auf­fas­sung der Kam­mer kein so­for­ti­ges "Durch­grei­fen" der Be­klag­ten in Form ei­ner Ab­mah­nung. In dem tatsächli­chen Ver­hal­ten des Klägers kommt nämlich zum Aus­druck, dass er sich im Fal­le ei­ner Ar­beits­unfähig­keit sei­ner Pflicht zur un­verzügli­chen In­for­ma­ti­on sei­nes Ar­beit­ge­bers be­wusst

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war und auch da­nach ge­han­delt hat. So­weit die Be­klag­te den ver­späte­ten Ein­gang der Krank­mel­dung bei der Vor­ge­setz­ten des Klägers be­an­stan­det, hätte der bloße Hin­weis auf die­sen Um­stand, ver­bun­den mit der Bit­te, in der Zu­kunft für ei­ne persönli­che In­kennt­nis­set­zung der Vor­ge­setz­ten zum Dienst­be­ginn Sor­ge zu tra­gen, dem in­so­weit be­rech­tig­ten In­ter­es­se der Be­klag­ten nach Auf­fas­sung der Kam­mer an­ge­mes­sen Rech­nung ge­tra­gen. Zu wel­chem Zeit­punkt ge­nau dies die Be­klag­te wünscht und vor al­lem wel­cher Per­son ge­genüber dies vor Dienst­be­ginn um 06.00 Uhr bei Ab­we­sen­heit der Pfle­ge­dienst­lei­te­rin und der Geschäftsführe­rin er­fol­gen soll, hat sei dem Kläger im Übri­gen mit der Ab­mah­nung noch nicht ein­mal mit­ge­teilt. Bei der gewähl­ten For­mu­lie­rung „ dass die An­zei­ge ent­spre­chend der ge­setz­li­chen bzw. der ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen zu er­fol­gen hat" bleibt of­fen, ob da­mit der Dienst­be­ginn des Klägers ge­meint ist oder der der 'Pfle­ge­dienst­lei­te­rin.

k)
Erst wenn ein der­ar­ti­ger ko­ope­ra­ti­ver Ein­wir­kungs­ver­such ge­schei­tert oder vor­her­seh­bar aus­sichts­los ge­we­sen ist, kann in ei­nem sol­chen Fall wie dem vor­lie­gen­den der Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung als er­for­der­lich an­ge­se­hen wer­den.

l)
Ei­ne sol­che ne­ga­ti­ve Pro­gno­se lässt sich aus der Ab­mah­nung vom 23. Ju­ni 2006 nicht oh­ne wei­te­res schluss­fol­gern. Die dort ab­ge­mahn­te Pflicht­ver­let­zung kann dann als auf ei­ner Li­nie mit der Pflicht­ver­let­zung an­ge­se­hen wer­den, wie sie in der hier in Re­de ste­hen­den Ab­mah­nung dem Kläger vor­ge­wor­fen wird, wenn dar­in ei­ne spe­zi­fi­sche Un­zu­verlässig­keit des Klägers be­zo­gen auf sei­ne Ver­ant­wor­tung für sei­nen Auf­ga­ben­be­reich ge­se­hen wer­den müss­te (vgl. BAG v. 16.09.2004, 2 AZR 406/03, NZA 2005, 459-464). Das ist im Hin­blick auf die hier strei­ti­ge Ab­mah­nung aus den in Zif­fer II. h)-j) der Ur­teils­gründe dar­ge­leg­ten Gründen nicht der Fall.

m)
Der Aus­spruch ei­ner Ab­mah­nung, die das Ar­beits­verhält­nis in die Nähe ei­ner Kündi­gung rückt, hält die Kam­mer aus die­sen Gründen für un­verhält­nismäßig. Die Be­klag­te hat hier mit Ka­no­nen auf Spat­zen ge­schos­sen.

III.

a)
Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 ZPO i.V.m. § 46 Abs. 2 ArbGG. Da­nach hat die Be­klag­te als un­ter­le­ge­ne Par­tei die Kos­ten zu tra­gen.

- 10 -

b)
Jen Wert des Streit­ge­gen­stands hat das Ar­beits­ge­richt im Ur­teil fest­zu­set­zen (§ 61 Abs. 1 rbGG). Der Kla­ge­an­trag ist in Höhe ei­nes mo­nat­li­chen Brut­to­ver­diens­tes be­wer­tet wor­den.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann die Be­klag­te nach Maßga­be des § 64 Abs. 1, 2 Buchst. b ArbGG Be­ru­fung ein­le­gen. Die Be­ru­fung muss von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt oder ei­nem Ver­tre­ter ei­ner Ge­werk­schaft bzw. ei­ner Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gung oder ei­nes Zu­sam­men­schlus­ses sol­cher Verbände ein­ge­reicht wer­den.

Die Be­ru­fung muss bin­nen ei­nes Mo­nats nach der Zu­stel­lung des Ur­teils beim

Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt
Jus­tiz­zen­trum Er­furt
Ru­dolf­s­traße 46
99092 Er­furt
Te­le­fon 036113776010
Te­le­fax 0361/3776300

ein­ge­gan­gen sein.

Die Be­ru­fung ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach der Zu­stel­lung des Ur­teils schrift­lich zu be­gründen.

 

K

Vor­sit­zen­der 5. Kam­mer

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