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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Alkohol, Krankheitsbedingte Kündigung, Kündigung: Krankheitsbedingt, Kündigung: Alkohol
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Akten­zeichen: 5 Sa 1072/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 17.05.2010
   
Leit­sätze: Ei­ne krank­heits­be­ding­te Kündi­gung we­gen Al­ko­hol­sucht kommt in Be­tracht, wenn die Pro­gno­se an­ge­sichts mehr­fa­cher er­folg­lo­ser The­ra­pie­ver­su­che ne­ga­tiv ist.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 11.05.2009, 15 Ca 9650/08
   

5 Sa 1072/09

15 Ca 9650/08

Ar­beits­ge­richt Köln

Verkündet am 17. Mai 2010

Dal­le­ma­gne,

Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT KÖLN

 

IM NA­MEN DES VOL­KES

 

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

hat die 5. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 25.01.2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Dr. Grie­se als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Scharf und Göbel

für R e c h t er­kannt:

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 11.05.2009 teil­wei­se ab­geändert:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die von der Be­klag­ten un­ter dem 10.02.2009 aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung nicht frist­los auf­gelöst wur­de.

2. Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

3. Hin­sicht­lich der Kos­ten des Rechts­streits ver­bleibt es hin­sicht­lich der I. In­stanz bei der erst­in­stanz­li­chen Kos­ten­ent­schei­dung; die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens tra­gen die Par­tei­en je zur Hälf­te.

4. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.


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T a t b e s t a n d

Die Par­tei­en strei­ten um die Rechtmäßig­keit ei­ner frist­ge­rech­ten und ei­ner nach­fol­gen­den frist­lo­sen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch die Be­klag­te we­gen ei­ner Al­ko­ho­lerkran­kung des Klägers.

Der Kläger ist am 03.08.1965 ge­bo­ren, ver­hei­ra­tet und ei­nem Kind zum Un­ter­halt ver­pflich­tet.

Seit dem 01.09.1982 ist er bei der Be­klag­ten, ei­ner großen Mo­to­ren­fa­brik, als Ma­schi­nen­be­die­ner beschäftigt. Sein Brut­to­mo­nats­ent­gelt be­trug zu­letzt 3.300,-- EUR.

Im Be­trieb der Be­klag­ten gilt ein Al­ko­hol­ver­bot. In der Ar­beits­ord­nung heißt es hier­zu un­ter Zif­fer 8.9 (Bl. 111 d. A.):

„Trun­ken­heit oder sons­ti­ge Rausch­zustände während der Ar­beits­zeit gel­ten als gro­ber Ver­s­toß ge­gen die be­trieb­li­che Si­cher­heit und ih­re ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten und wer­den als sol­che ge­ahn­det. Das Mit­brin­gen und der Ge­nuss von Al­ko­hol oder sons­ti­gen Rausch­mit­teln ist im Be­trieb nicht ge­stat­tet, so­fern es kei­ne be­triebs­spe­zi­fi­sche Re­ge­lung gibt. Zu be­son­de­ren Anlässen kann Al­ko­hol­ge­nuss in ge­rin­gem Um­fang von dafür ver­ant­wort­li­chen Vor­ge­setz­ten ge­stat­tet wer­den.“

Am 11.12.2003 wur­de mit dem Kläger ein Per­so­nal­gespräch geführt, des­sen In­halt in ei­ner Ak­ten­no­tiz vom 07.01.2004 (Bl. 109 d. A.) fest­ge­hal­ten wor­den ist. Da­bei wur­de un­ter Punkt 1. Fol­gen­des the­ma­ti­siert und aus­geführt:


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„Herr E wur­de in der Ver­gan­gen­heit von mir mehr­mals bei Dienst­an­tritt in stark al­ko­ho­li­sier­tem Zu­stand an­ge­trof­fen. Er wur­de darüber be­lehrt, dass er zukünf­tig in nüchter­nem Zu­stand den Dienst an­zu­tre­ten hat. Herr E hat mei­ne Aus­sa­ge, dass er al­ko­ho­li­siert die Ar­beit auf­nimmt, nicht als falsch zurück­ge­wie­sen. Nach Aus­sa­ge von Herrn E würde er sein Al­ko­hol­pro­blem kurz­fris­tig in den Griff be­kom­men. „

Mit Da­tum vom 24.10.2005 (Bl. 110 d. A.) er­stell­te der be­han­deln­de Arzt Dr. K ei­ne ner­venärzt­li­che Be­schei­ni­gung zur Vor­la­ge beim Ar­beit­ge­ber, in der es über den Kläger hieß (Bl. 110 d. A.):

„Er stell­te sich hier am 21.10.2005 erst­mals in der Sprech­stun­de vor und be­rich­te­te die schon länger be­ste­hen­de Al­ko­hol­pro­ble­ma­tik so­wie den vor 4 Wo­chen aus ei­ge­nem An­trieb durch­geführ­ten Ent­zug. Die ers­ten Ta­ge sei­en schwer ge­we­sen, jetzt kom­me er aber gut zu Recht. Von Ih­rer Sei­te aus sei er zur Kon­sul­ta­ti­on ei­nes Ner­ven­arz­tes ver­pflich­tet wor­den.

Die ver­schie­de­nen Be­hand­lungs­op­tio­nen wur­den mit dem Pa­ti­en­ten be­spro­chen. Die er­folg­reichs­te Stra­te­gie be­steht in der lang­fris­ti­gen An­bin­dung an ei­ne Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on. Dies will er in den nächs­ten 2 Wo­chen vor­neh­men und dann hier zum Rap­port er­schei­nen.“

In ei­ner E-Mail vom 04.08.2007 hielt der Vor­ge­setz­te und Meis­ter, Herr M C in ei­nem Ver­merk den Vor­fall vom 03.08.2007 fest, wo­nach er dem Kläger die An­wei­sung ge­ge­ben ha­be, die Ar­beit ru­hen zu las­sen, weil die­ser stark un­ter Al­ko­hol­ein­fluss ge­stan­den ha­be und da­mit sich selbst und Kol­le­gen


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gefähr­det ha­be. Die her­bei­ge­ru­fe­nen Mit­ar­bei­ter der Werks­si­cher­heit hätten bestätigt, dass der Kläger stark al­ko­ho­li­siert ge­we­sen sei. Er ha­be dem Kläger dann die An­wei­sung ge­ge­ben, sich ab­ho­len zu las­sen. Der Kläger ha­be je­doch das Werks­gelände mit sei­nem Pkw ver­las­sen (E-Mail vom 04.08.2007 und Mel­dung - Bl. 116 und 117 d. A.).

In ei­ner E-Mail von Herrn M vom 06.08.2007 (Bl. 119 d. A.) hieß es, dass der Kläger trotz des Vor­gangs vom Frei­tag (den 03.08.2007) heu­te (am 06.08.2007) er­neut nach En­de sei­ner Nacht­schicht vom Meis­ter mit ei­ner deut­li­chen Al­ko­hol­fah­ne an­ge­trof­fen wor­den sei.

Die Be­klag­te er­teil­te dem Kläger dar­auf­hin un­ter dem Da­tum 10.08.2007 (Bl. 120 d. A.) ei­ne Ab­mah­nung, in der dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, dass er be­reits am Frei­tag, den 03.08.2007 auf­grund sei­nes al­ko­ho­li­sier­ten Zu­stan­des und der da­mit ver­bun­de­nen Un­fall­ge­fahr von der Ar­beit mit so­for­ti­ger Wir­kung frei­ge­stellt wor­den sei und trotz die­ses Vor­falls nach En­de der Nacht­schicht vom 05. auf den 06.08.2007 ge­gen 6.00 Uhr wie­der al­ko­ho­li­siert an­ge­trof­fen wor­den sei.

Mit Schrei­ben vom 27.08.2007 (Bl. 121 f. d. A.) reich­te der Kläger ei­ne Ge­gen­dar­stel­lung zu die­ser Ab­mah­nung zur Per­so­nal­ak­te (Bl. 121 f. d. A.). Dar­in be­stritt der Kläger, am 03.08. und in der Nacht­schicht vom 05.08. auf den 06.08.2007 un­ter Al­ko­hol­ein­fluss ge­stan­den zu ha­ben. Selbst wenn ei­ne Al­ko­hol­fah­ne fest­ge­stellt wor­den wäre, be­gründe dies nicht die An­nah­me ei­nes ar­beits­ver­trags­wid­ri­gen Fehl­ver­hal­tens, denn ver­schie­dens­te Me­di­ka­men­te, wie z. B. Hus­ten­saft oder Süssig­kei­ten, et­wa Pra­li­nen, ent­hiel­ten Al­ko­hol und könn­ten eben­falls ei­ne Al­ko­hol­fah­ne ver­ur­sa­chen.

We­ni­ge Ta­ge zu­vor, nämlich ab dem 21.08.2007 hat­te sich der Kläger in ei­ne sta­ti­onäre Ent­zugs­be­hand­lung be­ge­ben. Die­se dau­er­te et­wa 8 Mo­na­te an bis zum 20.04.2008.

Ge­gen En­de der sta­ti­onären Be­hand­lung un­ter­zeich­ne­te der Kläger ei­ne The­ra­pie­ver­ein­ba­rung vom 27.03.2008 (Bl. 132 - 134 d. A.), in der er sich


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ver­pflich­te­te, für die Dau­er der ge­sam­ten Be­hand­lung auf Al­ko­hol in jeg­li­cher Form zu ver­zich­ten. In der Ver­ein­ba­rung hieß es fer­ner, dass bei meh­re­ren Rückfällen bzw. bei ei­nem ver­schwie­ge­nen Rück­fall die Maßnah­me vor­zei­tig be­en­det wer­de.

In ei­ner E-Mail vom 11.06.2008 (Bl. 135 f. d. A.) hieß es, dass der Vor­ge­setz­te und Meis­ter am 11.06.2008 um 6.15 Uhr darüber in­for­miert ha­be, dass der Kläger ei­ne star­ke Al­ko­hol­fah­ne ge­habt ha­be. Den Vor­schlag, ei­nen Al­ko­hol­test durchführen zu las­sen, ha­be der Kläger ab­ge­lehnt. Er ha­be nach dem Gespräch um 6.25 Uhr sei­ne lau­fen­de Ma­schi­ne ver­las­sen und ha­be das Werks­gelände ver­las­sen mit der Be­gründung, dass er bei der Po­li­zei ei­nen Al­ko­hol­test ma­chen wol­le. Nach­dem der Kläger ei­ne Bestäti­gung des von ihm an­gekündig­ten Al­ko­hol­tests bei der Po­li­zei nicht vor­ge­legt hat­te, mahn­te die Be­klag­te den Kläger mit Schrei­ben vom 20.06.2008 (Bl. 137 d. A.) ab. Hier­ge­gen reich­te der Kläger ei­ne Ge­gen­dar­stel­lung vom 05.07.2008 (Bl. 138 f. d. A.) ein.

Am 14.07.2008 be­merk­te der Vor­ge­setz­te des Klägers während der Ar­beits­zeit ei­ne er­heb­li­che Al­ko­hol­fah­ne des Klägers. Der Kläger leug­ne­te so­wohl Al­ko­hol­ge­nuss wie auch Al­ko­hol­fah­ne, erklärte sich je­doch zu ei­nem werksärzt­li­chen Al­ko­hol­test be­reit. Die Werksärz­tin stell­te dem Kläger für die­sen Tag ei­ne Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung aus.

In ei­nem späte­ren da­zu durch­geführ­ten Gespräch (Pro­to­koll Bl. 141 d. A.) erklärte der Kläger am 12.08.2008 u. a., dass er zur­zeit an ei­ner Selbst­hil­fe­grup­pe teil­neh­me. Am 17.10.2008 wur­de der Kläger er­neut we­gen ei­ner Al­ko­hol­fah­ne während der Ar­beits­zeit an­ge­wie­sen, die Ar­beit ab­zu­bre­chen und die Ar­beitsfähig­keit durch den werksärzt­li­chen Dienst über­prüfen zu las­sen. Nach ei­ner Un­ter­su­chung durch die Be­triebsärz­tin hat die­se dem Kläger für die­sen Tag ei­ne Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung aus­ge­stellt.

In der Fol­ge­zeit reich­te der Kläger Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gun­gen für den Zeit­raum bis ein­sch­ließlich 22.10.2008 ein. Mit Schrei­ben vom


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27.10.2008 wies die Be­klag­te den Kläger dar­auf hin, dass er seit dem 23.10.2008 un­ent­schul­digt feh­le und for­der­te ihn auf, sich un­verzüglich mit dem Un­ter­neh­men in Ver­bin­dung zu set­zen.

Am 05.11.2008 ging bei der Be­klag­ten ei­ne wei­te­re Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung der R K B ein, in der ei­ne Ar­beits­unfähig­keit des Klägers ab dem 27.10.2008 at­tes­tiert wur­de.

Die Be­klag­te hörte dar­auf­hin den bei ihr be­ste­hen­den Be­triebs­rat zu ei­ner ge­plan­ten ver­hal­tens- und per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung mit Schrei­ben vom 05.11.2008 an (Bl. 112 – 115 d. A.).

Am 13.11.2008 teil­te der Be­triebs­rat mit, dass er die be­ab­sich­tig­te Kündi­gung zur Kennt­nis neh­me und ihr nicht wi­der­spre­che.

Mit Schrei­ben vom 17.11.2008 (Bl. 4 d. A.) kündig­te die Be­klag­te dar­auf­hin das Ar­beits­verhält­nis zum 31.05.2009. Hier­ge­gen hat der Kläger frist­ge­recht Kla­ge er­he­ben las­sen.

Mit Schrei­ben vom 12.01.2009 er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger ei­ne wei­te­re Ab­mah­nung, weil er am 05.01.2009 und am 07.01.2009 von sei­nen Vor­ge­setz­ten un­ter Al­ko­hol­ein­fluss am Ar­beits­platz während der Ar­beits­zeit an­ge­trof­fen wor­den sei. Die Be­klag­te hörte den Be­triebs­rat am 05.02.2009 (Bl. 125 f. d. A.) zu ei­ner ge­plan­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung an, weil der Kläger trotz der Ab­mah­nung vom 05.01.2009 auch am 13.01. und 21.01.2009 von sei­nen Vor­ge­setz­ten we­gen sei­nes stark al­ko­ho­li­sier­ten Zu­stan­des zum Werks­arzt ha­be ge­schickt wer­den müssen.

Nach Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes sprach die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 10.02.2009 ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus (Bl. 12 d. A.), die der Kläger mit sei­ner Kla­ge­er­wei­te­rung frist­ge­recht an­ge­grif­fen hat.

Durch Ur­teil vom 11.05.2009 hat das Ar­beits­ge­richt der Kla­ge statt­ge­ge­ben. We­der die or­dent­li­che noch die frist­lo­se Kündi­gung hätten das


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Ar­beits­verhält­nis be­en­det. Die frist­lo­se Kündi­gung sei rechts­un­wirk­sam, weil es an ei­nem wich­ti­gen Grund feh­le. Denn un­strei­tig sei der Kläger al­ko­hol­krank. Die Al­ko­ho­li­sie­rung um Ar­beits­platz könne ihm da­her nicht zum Vor­wurf im Sin­ne ei­nes wich­ti­gen Grun­des ge­macht wer­den. Die Be­klag­te ha­be die frist­lo­se Kündi­gung nicht auf per­so­nen­be­ding­te Gründe gestützt, son­dern auf ver­hal­tens­be­ding­te Gründe. Sie ha­be mit die­ser Be­gründung auch den Be­triebs­rat an­gehört, so dass es ihr ver­wehrt sei, sich auf die Al­ko­hol­krank­heit als wich­ti­gen Grund zu be­ru­fen.

Die or­dent­li­che Kündi­gung ha­be das Ar­beits­verhält­nis eben­falls nicht be­en­det. Die Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zun­gen für ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung sei­en nicht vor­ge­tra­gen. Es feh­le an ei­ne Dar­le­gung für ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se, zu­dem sei zu be­trieb­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen und zur In­ter­es­sen­abwägung nichts Aus­rei­chen­des vor­ge­tra­gen.

Ge­gen die­ses Ur­teil hat die Be­klag­te form- und frist­ge­recht Be­ru­fung ein­le­gen und be­gründen las­sen.

Die frist­ge­rech­te Kündi­gung vom 17.11.2008 sei so­wohl als ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung wie auch als per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung ge­recht­fer­tigt. Der Kläger ha­be in vielfälti­ger Wei­se und fort­ge­setzt trotz meh­re­rer Ab­mah­nun­gen ge­gen das be­trieb­li­che Al­ko­hol­ver­bot ver­s­toßen. An­ge­sichts der Vor­ge­schich­te müsse da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass er sei­ne er­neu­te Al­ko­hol­abhängig­keit schuld­haft her­bei­geführt ha­be. Un­abhängig da­von sei die frist­ge­rech­te Kündi­gung auch als per­so­nen­be­ding­te ge­recht­fer­tigt. Denn ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se lie­ge an­ge­sichts des fort­ge­setz­ten und nicht gelösten Al­ko­hol­pro­blems des Klägers vor. Dar­aus re­sul­tie­re auch ei­ne er­heb­li­che be­trieb­li­che Be­las­tung bei der Be­klag­ten. Denn auf­grund der Tat­sa­che, dass der Kläger als Ma­schi­nen­be­die­ner in ei­ner ver­ket­te­ten Pro­duk­ti­on ein­ge­bun­den ge­we­sen sei und im­mer wie­der kurz­fris­tig nach Dienst­an­tritt oder vor Dienst­schluss auf­grund dann fest­ge­stell­ter Ar­beits­unfähig­keit vom Ar­beits­platz ha­be ver­wie­sen wer­den müssen, sei­en bei der Be­klag­ten er­heb­li­che Be­triebs­be­ein­träch­ti­gun­gen im Be­triebs­ab­lauf ent­stan­den. Der Vor­ge­setz­te des Klägers sei im­mer wie­der ge­zwun­gen


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ge­we­sen, kurz­fris­tig auf­grund der dann auf­tre­ten­den Ar­beits­unfähig­keit des Klägers schon nach Dienst­an­tritt die Ar­beit an die­sem Tag ent­spre­chend an­ders zu or­ga­ni­sie­ren. Dies stel­le sich auch des­halb als schwie­ri­ger dar, weil an­ders als bei Fällen von Ar­beits­unfähig­keit, die ei­nen ent­spre­chen­den Vor­lauf hätten, weil das Feh­len des Ar­beit­neh­mers spätes­tens bei Ar­beits­be­ginn fest­ste­he, es in Fällen der vor­lie­gen­den Art, bei ei­ner Fest­stel­lung der Ar­beits­unfähig­keit im lau­fen­den Pro­duk­ti­ons­pro­zess, we­sent­lich schwie­ri­ger sei, so kurz­fris­tig ei­ne Um­or­ga­ni­sa­ti­on vor­zu­neh­men. Sch­ließlich müsse die In­ter­es­sen­abwägung zu Las­ten des Klägers aus­fal­len. Die Be­klag­te ha­be in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vielfältigs­te An­stren­gun­gen un­ter­nom­men, um dem Kläger bei der Lösung sei­nes Al­ko­hol­pro­blems zu hel­fen. Nach­dem dies nicht zum Er­folg geführt ha­be, sei es für die Be­klag­te nicht mehr zu­mut­bar, die nicht plan­ba­ren Einsätze des Klägers auf­grund der im­mer wie­der auf­tre­ten­den Ar­beits­unfähig­keit hin­zu­neh­men. Die Be­klag­te ha­be den Be­triebs­rat dies­bezüglich auch um­fas­send in­for­miert. Aus den In­for­ma­tio­nen er­ge­be sich so­wohl die ne­ga­ti­ve Pro­gno­se wie auch die Be­triebs­ab­laufstörun­gen. Zu­dem sei in der Be­triebs­rats­anhörung zum Aus­druck ge­kom­men, dass man in der Ver­gan­gen­heit zahl­rei­che Ver­su­che un­ter­nom­men ha­be, den Kläger zu ei­ner Lösung sei­nes Al­ko­hol­pro­blems zu mo­ti­vie­ren. Dies ha­be je­doch nicht zum Er­folg geführt und bil­de die Ba­sis der In­ter­es­sen­abwägung. Der Be­triebs­rat sei auch über die Umstände des Kündi­gungs­fal­les so­wie sei­ne His­to­rie auch auf­grund zahl­rei­cher vor­an­ge­gan­ge­ner Gespräche um­fas­send in­for­miert ge­we­sen.

Be­gründet sei auch die frist­lo­se Kündi­gung. Durch die nach Aus­spruch der or­dent­li­chen Kündi­gung auf­ge­tre­te­nen Vor­komm­nis­se sei noch­mals deut­lich ge­wor­den, dass der Kläger trotz der be­reits er­hal­te­nen Kündi­gung und noch­ma­li­ger Ab­mah­nung nicht be­reit ge­we­sen sei, sich an die ver­trag­li­chen Pflich­ten und die be­trieb­li­chen Ord­nung zu hal­ten. Es han­de­le sich um ei­ne be­son­ders be­harr­li­che Form der Ver­trags­ver­let­zung. Des­halb sei die Be­klag­te be­rech­tigt ge­we­sen, nicht mehr bis zum Aus­lau­fen der re­gulären Kündi­gungs­frist zu war­ten, son­dern das Ar­beits­verhält­nis vor­zei­tig frist­los zu lösen.


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Die Be­klag­te be­an­tragt, un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 11.05.2009 – 15 Ca 9650/08

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung der Be­klag­ten kos­ten­pflich­tig zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. We­der ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung noch ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung sei ge­recht­fer­tigt. Da­bei könne außer Streit ge­stellt wer­den, dass der Kläger an ei­ner Sucht­sym­pto­ma­tik lei­de und seit ge­rau­mer Zeit da­mit be­fasst sei, die­se Pro­ble­ma­tik in den Griff zu be­kom­men. Der Kläger ha­be während sei­nes Auf­ent­halts an der Ar­beits­stel­le kei­nen Al­ko­hol kon­su­miert. Wenn man ihm vor­wer­fe, er sei mit ei­ner Al­ko­hol­fah­ne er­schie­nen, sei dies nicht gleich­be­deu­tend mit ei­ner er­heb­li­chen, die Leis­tungs- und Ko­or­di­na­ti­onsfähig­keit be­ein­träch­ti­gen­den Al­ko­ho­li­sie­rung. Die Be­klag­te könne sich auch nicht auf Vorgänge be­ru­fen, die zwi­schen­zeit­lich 4 bzw. 6 Jah­re zurücklägen. Die Be­klag­te könne dem Kläger kei­nen Ver­s­toß ge­gen die Be­triebs­ord­nung vor­hal­ten, denn sie könne dem Kläger nicht vor­wer­fen, dass die­ser be­rauscht ge­we­sen sei oder Al­ko­hol während der Ar­beits­zeit auf dem Be­triebs­gelände der Be­klag­ten zu sich ge­nom­men ha­be. Zu bei­den Kündi­gun­gen sei zu­dem der Be­triebs­rat nicht aus­rei­chend an­gehört wor­den. Hin­sicht­lich der or­dent­li­chen Kündi­gung ha­be die Be­klag­te den Be­triebs­rat nicht

aus­rei­chend in­for­miert, ins­be­son­de­re nicht über kon­kre­te Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten und den Gang von The­ra­pie und Wie­der­ein­glie­de­rungs­maßnah­men. Sie ha­be ge­genüber dem Be­triebs­rat auch nicht auf Be­triebs­ab­laufstörun­gen hin­ge­wie­sen oder die­se näher kon­kre­ti­siert und kei­ne Erläute­run­gen zur In­ter­es­sen­abwägung ge­ge­ben.


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We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf den Ak­ten­in­halt Be­zug ge­nom­men.

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e

Die zulässi­ge Be­ru­fung ist teil­wei­se be­gründet. Das Ar­beits­verhält­nis ist zwar nicht durch die frist­lo­se Kündi­gung vom 10.02.2009 auf­gelöst wor­den, wohl aber durch die frist­ge­rech­te Kündi­gung vom 17.11.2008 zum 31.05.2009.

I. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 10.02.2009 ist – wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend fest­ge­stellt hat – nicht ge­recht­fer­tigt. Ein Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung gemäß § 626 Abs. 1 BGB liegt im vor­lie­gen­den Fall be­reits an sich nicht vor.

Denn es lie­gen kei­ne Tat­sa­chen vor, auf­grund de­rer dem Ar­beit­ge­ber un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des bis­he­ri­gen Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist der be­reits zu­vor aus­ge­spro­che­nen or­dent­li­chen Kündi­gung am 31.05.2009 un­zu­mut­bar ma­chen würde.

§ 626 Abs. 1 BGB setzt vor­aus, dass Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Dienst­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist oder bis zu der ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Dienst­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Da­bei ist die Prüfung, ob ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB vor­liegt, nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung in zwei Stu­fen vor­zu­neh­men. Zum ei­nen muss ein Grund vor­lie­gen, der an sich ge­eig­net ist, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen (sie­he BAG Ur­teil vom 11.12.2003 – 2 AZR 36/06 – AP Nr. 179 zu § 626 BGB m. w. N.;


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Ascheid/Preis/Schmidt, Kündi­gungs­recht, 3. Auf­la­ge, § 626 BGB, Rand­zif­fer 29).

Des wei­te­ren muss die­ser Kündi­gungs­grund im Rah­men ei­ner In­ter­es­sen­abwägung zu ei­nem Über­wie­gen der In­ter­es­sen des Kündi­gen­den führen (sie­he BAG Ur­teil vom 29.01.1997 – 2 AZR 292/96 – AP Nr. 131 zu § 626 BGB; Ascheid/Preis/Schmidt, Kündi­gungs­recht, 3. Auf­la­ge, § 626 BGB, Rand­zif­fer 30).

Un­strei­tig ist der Kläger al­ko­hol­krank. Al­ko­ho­lis­mus ist der zur Trunk­sucht ge­stei­ger­te Al­ko­hol­kon­sum. Die­ser ist als Krank­heit an­zu­se­hen und un­ter­liegt grundsätz­lich den Grundsätzen der krank­heits­be­ding­ten, al­so per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung (s. BAG, Ur­teil vom 07.12.1989 – 2 AZR 134/89 - ; Hens­s­ler/Wil­lem­sen/Kalb, Ar­beits­recht­kom­men­tar 3. Auf­la­ge, § 626 BGB, Rd­nr. 304).

Die Al­ko­ho­lerkran­kung des Klägers ist im vor­lie­gen­den Fall un­strei­tig. Der Kläger hat die­se in der Be­ru­fungs­er­wi­de­rung ein­geräumt und auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt am 25.01.2010 aus­drück­lich bestätigt, dass er al­ko­hol­krank sei. Dies er­gibt sich im Übri­gen auch aus der do­ku­men­tier­ten Kran­ken­ge­schich­te, be­gin­nend mit dem ärzt­li­chen At­test vom 24.10.2005 (Bl. 110 d. A.) über den acht­mo­na­ti­gen sta­ti­onären Ent­zie­hungs­auf­ent­halt in den Jah­ren 2007/2008 bis hin zu der im März 2008 ge­schlos­se­nen The­ra­pie­ver­ein­ba­rung (Bl. 132 ff. d. A.).

Die dar­aus er­sicht­li­che schwe­re Al­ko­hol­abhängig­keit des Klägers äußert sich in sei­nem fort­ge­setz­ten Al­ko­hol­kon­sum. So hat­te be­reits das Ar­beits­ge­richt anläss­lich der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt, dass der Kläger an je­nem Ver­hand­lungs­tag mit ei­ner in­ten­si­ven Al­ko­hol­fah­ne im Ge­richt er­schie­nen war. Die Al­ko­hol­abhängig­keit des Klägers trat auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt am 25.01.2010 an­ge­sichts der wahr­nehm­ba­ren Al­ko­hol­fah­ne und der Erklärung des Klägers zu Ta­ge, er ha­be noch ei­nen Tag vor dem Ver­hand­lungs­tag Al­ko­hol ge­trun­ken und sei nicht „ganz tro­cken.“ An­ge­sichts des­sen muss fest­ge­stellt wer­den, dass der Kläger von der ihn krank­haft be­herr­schen­den Al­ko­hol­sucht nicht los­ge­kom­men


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ist. Hier­aus erklären sich auch die ihm von der Be­klag­ten vor­ge­wor­fe­nen Ver­feh­lun­gen ab Ja­nu­ar 2009, die die Be­klag­te zum An­lass der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ge­nom­men hat. Bei al­ko­hol­be­ding­tem Fehl­ver­hal­ten bei ei­nem auf Al­ko­ho­lis­mus be­ru­hen­den Fehl­ver­hal­ten kommt ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung, zu­mal ei­ne außer­or­dent­li­che, nur aus­nahms­wei­se in Be­tracht, wo­von das Ar­beits­ge­richt zu Recht aus­ge­gan­gen ist. Grundsätz­lich ist die krank­heits­be­ding­te Kündi­gung als per­so­nen­be­ding­te or­dent­li­che Kündi­gung die an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on auf ei­ne nicht er­folg­reich the­ra­pier­te Al­ko­ho­lerkran­kung (s. BAG, Ur­teil vom 07.12.1989 – 2 AZR 134/89 - ; BAG, Ur­teil vom 16.09.1999 – 2 AZR 123/99 - , NZA 2000, Sei­te 141 ff.).

Vor dem Hin­ter­grund der krank­heits­be­ding­ten Ur­sa­che des Fehl­ver­hal­tens des Klägers kommt da­her ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund auf der Ba­sis ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung auf­grund vor­werf­ba­ren Ver­hal­tens nicht in Be­tracht. Zu­dem man­gel­te es auch an­ge­sichts der oh­ne­hin be­reits aus­ge­spro­che­nen frist­ge­rech­ten, krank­heits­be­ding­ten Kündi­gung an ei­ner Un­zu­mut­bar­keit der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Be­en­di­gungs­ter­min des 31.05.2009, der durch die vor­her­ge­hen­de frist­ge­rech­te Kündi­gung be­reits ge­setzt war.

II. Das Ar­beits­verhält­nis ist je­doch durch die or­dent­li­che krank­heits­be­ding­te und da­mit per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung vom 17.11.2008 zum 31.05.2009 auf­gelöst wor­den.

1. Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne krank­heits­be­ding­te Kündi­gung gemäß § 1 Abs. 2 KSchG lie­gen vor. Die rich­ter­li­che Prüfung ei­ner krank­heits­be­ding­ten Kündi­gung er­folgt in 3 Stu­fen: Er­for­der­lich ist zunächst ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se hin­sicht­lich des vor­aus­sicht­li­chen Ge­sund­heits­zu­stan­des. Fer­ner müssen die bis­he­ri­gen und nach der Pro­gno­se zu er­war­ten­den Aus­wir­kun­gen des Ge­sund­heits­zu­stan­des des Ar­beit­neh­mers zu ei­ner er­heb­li­chen Be­ein­träch­ti­gung der be­trieb­li­chen In­ter­es­sen führen. Sch­ließlich muss in der 3. Stu­fe, bei der In­ter­es­sen­abwägung ge­prüft wer­den, ob die er­heb­li­chen be­trieb­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen zu ei­ner bil­li­ger­wei­se nicht hin­zu­neh­men­den Be­las­tung des Ar­beit­ge­bers führen (s. BAG, Ur­teil vom 24.11.2005 – 2 AZR
 


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514/04 - , NZA 2006, Sei­te 665; BAG, Ur­teil vom 12.04.2002 – 2 AZR 148/01 - , NZA 2002, Sei­te 1081; Ascheid/Preis/Schmidt Großkom­men­tar zum Kündi­gungs­recht 3. Auf­la­ge 2007, § 1 KSchG Rand­zif­fer 138 ff; Hens­s­ler/Wil­lem­sen/Kalb, Ar­beits­recht Kom­men­tar, 2. Auf­la­ge 2006, § 1 KSchG Rz 136 ff; KR/Grie­be­ling, 8. Auf­la­ge 2007, § 1 KSchG Rz 323.).

Im vor­lie­gen­den Fall sind al­le drei Vor­aus­set­zun­gen ei­ner krank­heits­be­ding­ten Kündi­gung erfüllt.

a. Ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se liegt vor. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass an ei­ne Zu­kunfts­pro­gno­se bei ei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit we­ni­ger stren­ge An­for­de­run­gen zu stel­len sind als bei sons­ti­gen Er­kran­kun­gen (sie­he BAG, Ur­teil vom 09.04.1987 – 2 AZR 210/86 – AP Nr. 18 zu § 1 KSchG 1969 Krank­heit; BAG, Ur­teil vom 17.06.1999 – 2 AZR 639/98 - , NJW 2000, Sei­te 2762 ff.).

Im vor­lie­gen­den Fall ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Al­ko­ho­lerkran­kung des Klägers be­reits anläss­lich ei­nes Per­so­nal­gesprächs im Jah­re 2003 auffällig ge­wor­den ist, in wel­chem der Kläger selbst an­gekündigt hat, er wer­de sein Al­ko­hol­pro­blem kurz­fris­tig in den Griff be­kom­men. Das ärzt­li­che At­test vom 24.10.2005 zur Vor­la­ge beim Ar­beit­ge­ber (Bl. 110 d. A.) un­ter­streicht, dass die be­ste­hen­de Al­ko­hol­pro­ble­ma­tik auch fast 2 Jah­re später noch be­stand. Zu berück­sich­ti­gen ist, dass der Kläger auch da­nach rückfällig und be­hand­lungs­bedürf­tig wur­de, was sich ins­be­son­de­re in der et­wa acht­mo­na­ti­gen sta­ti­onären Ent­zie­hungs­be­hand­lung von Au­gust 2007 bis April 2008 zeigt.
Letzt­lich muss fest­ge­stellt wer­den, dass die­se sta­ti­onäre Ent­zie­hungs­be­hand­lung und auch die The­ra­pie­ver­ein­ba­rung vom 27.03.2008 oh­ne Er­folg ge­blie­ben sind. Denn der Kläger ist auch da­nach rückfällig ge­wor­den und hat Al­ko­hol kon­su­miert. Dies wird auch deut­lich an den Äußerun­gen des Klägers in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt am 25.01.2010, in der der Kläger geäußert hat, er sei al­ko­hol­krank und nur ein biss­chen tro­cken und ha­be noch am Tag vor der münd­li­chen Ver­hand­lung Al­ko­hol kon­su­miert.


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An­ge­sichts des­sen muss fest­ge­hal­ten wer­den, dass der Kläger nach wie vor al­ko­hol­abhängig ist und mehr­fa­che, sich über Jah­re er­stre­cken­de The­ra­pie­ver­su­che kei­nen Er­folg ge­bracht ha­ben. Al­le Ver­su­che, sich von der Al­ko­hol­abhängig­keit zu lösen, müssen als ge­schei­tert be­trach­tet wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Ge­sund­heits­pro­gno­se ne­ga­tiv. Es sind kei­ner­lei An­halts­punk­te oder Hoff­nungs­zei­chen dafür er­sicht­lich, dass es dem Kläger ge­lin­gen könn­te, sich von sei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit zu be­frei­en. In­so­fern ist die Ge­sund­heits­pro­gno­se ne­ga­tiv. Da­bei kommt es auch nicht dar­auf an, wie der Kläger hat vor­tra­gen las­sen, ob er bei ver­schie­de­nen ihm vor­ge­hal­te­nen Vorfällen tatsächlich im Be­trieb Al­ko­hol kon­su­miert hat. Ent­schei­dend ist, dass die Al­ko­ho­lerkran­kung fort­be­steht und trotz mehr­fa­cher The­ra­pie­ver­su­che kei­ne An­zei­chen für ei­ne Hei­lung be­ste­hen.

b. Un­zu­mut­ba­re be­trieb­li­che Be­las­tun­gen sind ge­ge­ben. Die­se be­ste­hen zum ei­nen dar­in, dass der Kläger an ei­ner Viel­zahl von Ta­gen aus dem lau­fen­den Ar­beits­pro­zess her­aus­ge­nom­men und zum Werks­arzt ge­schickt wer­den muss­te, der je­weils ei­ne Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung aus­stell­te. Dies­bezüglich kann der Be­klag­ten ge­folgt wer­den, wenn sie dar­legt, dass das Her­aus­neh­men aus dem lau­fen­den Ar­beits­pro­zess aus krank­heits­be­ding­ten Gründen ei­ne be­son­de­re Be­las­tung dar­stellt, weil dies­bezüglich ei­ne Um­or­ga­ni­sa­ti­on des lau­fen­den Ar­beits­pro­zes­ses be­son­ders schwie­rig ist. Denn an­ders als bei zu Be­ginn der Ar­beits­zeit fest­ste­hen­den Ab­we­sen­hei­ten we­gen Ar­beits­unfähig­keit be­deu­tet es in Fällen der vor­lie­gen­den Art ei­ne be­son­de­re Schwie­rig­keit, den Ar­beits­ab­lauf bei ei­ner ver­ket­te­ten Pro­duk­ti­on – wie von der Be­klag­ten­sei­te gel­tend ge­macht – auf­recht zu er­hal­ten. Die be­son­de­re be­trieb­li­che Be­las­tung be­steht zu­dem dar­in, dass die Be­klag­te auf­grund der fort­be­ste­hen­den Al­ko­ho­lerkran­kung des Klägers im­mer wie­der und un­vor­her­ge­se­hen mit ent­spre­chen­den Ausfällen des Klägers rech­nen muss. Die un­zu­mut­ba­re be­trieb­li­che Be­las­tung er­gibt sich un­abhängig vom Vor­her­ge­sag­ten auch aus der Un­fall­ge­fahr. Hier­auf wur­de so­wohl in der Ab­mah­nung vom 10.08.2007 wie auch in der Ab­mah­nung vom 20.06.2008 hin­ge­wie­sen. Sie er­sch­ließt sich auch dar­aus, dass der Kläger in der Pro­duk­ti­ons­ket­te als Ma­schi­nen­be­die­ner beschäftigt ist und die Be­klag­te zur Un­fall­vor­beu­gung ver­pflich­tet ist.

 

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c. Sch­ließlich muss die In­ter­es­sen­abwägung zu Las­ten des Klägers aus­fal­len. Zwar ist sei­ne langjähri­ge über 20 Jah­re dau­ern­de Be­triebs­zu­gehörig­keit zu berück­sich­ti­gen, eben­so die Tat­sa­che, dass er sei­ner Ehe­frau und sei­nem Kind un­ter­halts­pflich­tig ist. Auf der an­de­ren Sei­te über­wiegt der Um­stand, dass die Be­klag­te al­le An­stren­gun­gen un­ter­nom­men hat, um dem Kläger die Hei­lung sei­ner Such­ter­kran­kung zu ermögli­chen. Ins­be­son­de­re hat die Be­klag­te zu­guns­ten des Klägers des­sen acht­mo­na­ti­gen Aus­fall anläss­lich der sta­ti­onären Ent­zie­hungs­be­hand­lung über­brückt. An­ge­sichts des Miss­er­folgs die­ser Be­hand­lung, aber auch der vor­an­ge­gan­gen und nach­fol­gen­den The­ra­pie­maßnah­men ist nicht er­sicht­lich, wel­che wei­te­ren An­stren­gun­gen die Be­klag­te noch hätte un­ter­neh­men können, um den Kläger von sei­ner Al­ko­ho­lerkran­kung zu hei­len. Es muss viel­mehr fest­ge­stellt wer­den, dass trotz langjähri­ger The­ra­pie- und Ent­zugs­bemühun­gen ei­ne Hei­lung des Klägers nicht er­reich­bar scheint. Vor die­sem Hin­ter­grund muss­te die In­ter­es­sen­abwägung zu­guns­ten der Be­klag­ten aus­fal­len.

2. Die Kündi­gung schei­tert auch nicht an ei­ner un­zu­rei­chen­den Anhörung des Be­triebs­rats. Der Be­triebs­rat ist ent­spre­chend § 102 Be­trVG ord­nungs­gemäß und aus­rei­chend über die Kündi­gungs­gründe in­for­miert wor­den. Da­bei hat die Be­klag­te be­reits zu Be­ginn ih­res schrift­li­chen Anhörungs­schrei­bens (Bl. 112 – 115 d. A.) deut­lich ge­macht, dass sie ei­ne Kündi­gung auch aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen be­ab­sich­tigt. Hin­sicht­lich der ne­ga­ti­ven Pro­gno­se ist die Kran­ken­ge­schich­te des Klägers im Ein­zel­nen dar­ge­legt wor­den, ins­be­son­de­re ist die sta­ti­onäre acht­mo­na­ti­ge Ent­zie­hungs­be­hand­lung mit kor­rek­ten Da­ten auf­geführt, fer­ner auch die The­ra­pie­ver­ein­ba­rung vom 27.03.2008 be­nannt und dem Anhörungs­schrei­ben bei­gefügt wor­den. Aus dem Anhörungs­schrei­ben er­gibt sich wei­ter, dass es in der Fol­ge­zeit zu wei­te­ren al­ko­hol­be­ding­ten Vorfällen kam. Auch die Ab­mah­nun­gen sind aus­weis­lich des Anhörungs­schrei­bens bei­gefügt wor­den. Da­mit sind die Fak­ten, die aus Sicht des Ar­beit­ge­bers den Miss­er­folg der The­ra­pie­maßnah­men und die fort­be­ste­hen­de Al­ko­hol­abhängig­keit be­le­gen, im Ein­zel­nen dar­ge­stellt. Auch hin­sicht­lich der be­trieb­li­chen Be­las­tung sind dem Be­triebs­rat schon im Anhörungs­schrei­ben selbst we­sent­li­che Umstände


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mit­ge­teilt wor­den, ins­be­son­de­re der Ver­weis auf die Un­fall­ge­fahr. Im Anhörungs­schrei­ben selbst wird auf die Vor­ge­setz­ten ver­wie­sen, die Herrn E zur Ver­mei­dung ei­ner Selbst­gefähr­dung oder Gefähr­dung von Kol­le­gen ver­an­lasst hätten, den Kläger an­zu­wei­sen, das Werk zu ver­las­sen. Zu­dem wur­den dem Be­triebs­rat als An­la­ge zum Anhörungs­schrei­ben die Ab­mah­nun­gen über­reicht, die aus­drück­lich die Un­fall­ge­fahr her­vor­he­ben. Un­be­strit­ten hat die Be­klag­te zu­dem vor­ge­tra­gen, dass der Be­triebs­rat über die Umstände des Kündi­gungs­fal­les so­wie sei­ne His­to­rie auch auf­grund zahl­rei­cher vor­an­ge­gan­ge­ner Gespräche um­fas­send in­for­miert ge­we­sen sei. Sch­ließlich ist der Be­triebs­rat auch über die we­sent­li­chen Fak­ten, die der In­ter­es­sen­abwägung zu­grun­de la­gen in­for­miert wor­den. Da­bei er­gibt sich das Er­geb­nis der In­ter­es­sen­abwägung aus der Kündi­gungs­ab­sicht des Ar­beit­ge­bers und muss nicht be­son­ders ge­nannt wer­den. Die da­zu zu­grun­de­lie­gen­den Fak­ten sind dem Be­triebs­rat ge­nannt wor­den, ins­be­son­de­re die Beschäfti­gungs­dau­er des Klägers und sei­ne fa­mi­liäre Si­tua­ti­on ei­ner­seits und das Schei­tern jeg­li­cher The­ra­pie­bemühun­gen an­de­rer­seits. An­ge­sichts des­sen kann die Be­triebs­rats­anhörung nicht be­an­stan­det wer­den.

Un­ter Ein­hal­tung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­frist des § 622 BGB en­de­te das Ar­beits­verhält­nis da­her am 31.05.2009.

III. Hin­sicht­lich der or­dent­li­chen Kündi­gung vom 17.11.2008 hat­te die Be­ru­fung der Be­klag­ten­sei­te da­her Er­folg, im Übri­gen blieb sie er­folg­los.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 92 Abs. 1 ZPO.

Die Re­vi­si­on konn­te nicht zu­ge­las­sen wer­den, da kein Fall von Di­ver­genz und auch kein Fall von rechts­grundsätz­li­cher Be­deu­tung vor­lag.

R e c h t s m i t t e l b e l e h r u n g

 

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Ge­gen die­ses Ur­teil ist kein wei­te­res Rechts­mit­tel ge­ge­ben. Hin­sicht­lich ei­ner mögli­chen Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf die in § 72 a ArbGG ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen ver­wie­sen.

 

Dr. Grie­se

Scharf

Göbel

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