Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Altersbefristung, Diskriminierung: Alter
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 17 Sa 1323/06
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 15.01.2007
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt
   

Hes­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ak­ten­zei­chen:
17 Sa 1323/06
19 Ca 3239/05 Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main 

 

Verkündet laut Pro­to­koll am 15. Ja­nu­ar 2007

An­ge­stell­te
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes !

Ur­teil

 

In dem Be­ru­fungs­ver­fah­ren

Be­ru­fungskläge­rin und Kläge­rin
Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

Geschäfts­zei­chen

ge­gen

Be­ru­fungs­be­klag­te und Be­klag­te
Pro­zess­be­vollmäch­tigt.: 

Geschäfts­zei­chen

hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 17, in Frank­furt am Main

auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 15. Ja­nu­ar 2007

durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­den

und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter

als Bei­sit­zer

für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 23. März 2006, Az.: 19 Ca 3239/05, ab­geändert.

Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin mit der Be­klag­ten nicht am 30. April 2005 sein En­de ge­fun­den hat.

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, der Kläge­rin als Flug­be­glei­te­rin in der Beschäfti­gungs­grup­pe der Flug­be­glei­ter­stu­fe 17 des Vergütungs­ta­rif­ver­trags der B so­wie den sons­ti­gen Ar­beits­be­din­gun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges vom 23. Ja­nu­ar 2004 wei­ter zu beschäfti­gen.

Die Kos­ten des Rechts­streits trägt die Be­klag­te.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

- 2 -

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten auch im Be­ru­fungs­rechts­zug über den un­be­fris­te­ten Fort­be­stand ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses über das 60. Le­bens­jahr der Kläge­rin hin­aus und um Wei­ter­beschäfti­gung.

Die am 12. April 1945 ge­bo­re­ne Kläge­rin wird seit dem 01. Mai 1991 von der Be­klag­ten auf der Grund­la­ge des hier­mit in Be­zug ge­nom­me­nen Ar­beits­ver­tra­ges vom 15. März 1991 (Bl. 7 f d.A.) als Flug­be­glei­te­rin beschäftigt. Die Kläge­rin war zu­vor seit dem 15. März 1971 bei der Pan Ame­ri­can A als Flug­be­glei­te­rin beschäftigt. Das Ar­beits­verhält­nis wur­de von der Be­klag­ten über­nom­men, wo­bei Ein­zel­hei­ten der Über­nah­me in ei­nem ta­rif­li­chen So­zi­al­plan zur In­te­gra­ti­on der Mit­ar­bei­ter der A und zwei Ergänzungs­ta­rif­verträgen vom 13. Ok­to­ber 1990 (Bl. 12 f der Ak­te 17 Sa 1322/06) ge­re­gelt sind.

Zif­fer 2 des Ar­beits­ver­tra­ges der Par­tei­en vom 15. März 1991

lau­tet: 2. Rech­te und Pflich­ten

Die ge­gen­sei­ti­gen Rech­te und Pflich­ten er­ge­ben sich aus dem Ge­setz, den Ta­rif­verträgen, Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen und Dienst­vor­schrif­ten der B in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung, aus den Be­stim­mun­gen des ta­rif­li­chen So­zi­al­pla­nes zur In­te­gra­ti­on der Mit­ar­bei­ter der A vom 13.10.1990 und aus den Be­stim­mun­gen die­ses Ver­tra­ges.

Der für die Be­klag­te ge­schlos­se­ne Man­tel­ta­rif­ver­trag Nr. 1 für das Ka­bi­nen­per­so­nal (MTV Nr. 1 Ka­bi­ne) lau­tet aus­zugs­wei­se:

§ 19 Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses we­gen Er­rei­chens der Al­ters­gren­ze

(1) Das Ar­beits­verhält­nis en­det – oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf – mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem das 55. Le­bens­jahr voll­endet wird.

(2) Das Ar­beits­verhält­nis des Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ters kann bei körper­li­cher und be­ruf­li­cher Eig­nung in bei­der­sei­ti­gem Ein­ver­neh­men über das 55. Le­bens­jahr hin­aus verlängert wer­den.
Wird das Ar­beits­verhält­nis des Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ters verlängert, so en­det es – oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf – mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem der Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ter ein wei­te­res Le­bens­jahr voll­endet hat. Ei­ne wie­der­hol­te Verlänge­rung ist zulässig. In je­dem Fall en­det das Ar­beits­verhält­nis – oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf – mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem der Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ter das 60. Le­bens­jahr voll­endet hat.

(3) Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ter können nach Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze, wenn und so­lan­ge sie noch voll leis­tungsfähig sind, in ei­ner an­de­ren Tätig­keit in­ner­halb der Ge­sell­schaft wei­ter­beschäftigt wer­den, so­fern ei­ne flie­ge­ri­sche Tätig­keit nicht mehr in Be­tracht kommt. In die­sem Fall kann je­doch aus der vor­an­ge­gan­ge­nen Tätig­keit als Bord­mit­ar­bei­ter kein An­spruch auf Fort­zah­lung der bis da­hin ge­zahl­ten Bezüge ab­ge­lei­tet wer­den. Ei­ne Ver­pflich­tung zur Wei­ter­beschäfti­gung be­steht we­der auf Sei­ten der B noch auf Sei­ten des Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ters.

Die Kläge­rin voll­ende­te ihr 55. Le­bens­jahr am 12. April 2000. Die Par­tei­en schlos­sen in der Fol­ge­zeit die hier­mit in Be­zug ge­nom­me­nen „Be­fris­te­ten Teil­zeit-Ar­beits­verträge“ vom 09. Fe­bru­ar 2000, 09. Mai 2001, 14. Fe­bru­ar 2002 und 20. Ja­nu­ar 2003 (Bl. 9 f d.A.).

- 3 -

Am 23. Ja­nu­ar 2004 schlos­sen die Par­tei­en ei­ne wei­te­re als „Be­fris­te­ter Teil­zeit-Ar­beits­ver­trag“ be­zeich­ne­te Ver­ein­ba­rung (Bl. 21 f d.A), die aus­zugs­wei­se wie folgt lau­tet:

Die ... und ... schließen im bei­der­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men gemäß § 19 (2) MTV Nr. 1 für das Ka­bi­nen­per­so­nal nach­ste­hen­den wei­te­ren (5) be­fris­te­ten Teil­zeit-Ar­beits­ver­trag:

1. Be­ginn, Art und Ort der Beschäfti­gung

(1)
Frau X wird ab dem 01.05.2004 als Flug­be­glei­te­rin in Frank­furt beschäftigt. Das Ar­beits­verhält­nis en­det, oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf in je­dem Fal­le am 30.04.2005.

(2)
...
Ei­ne Um­wand­lung des (neu) be­gründe­ten Teil­zeit­beschäfti­gungs­verhält­nis­ses in ei­ne Voll­zeit­beschäfti­gung so­wie ein Wech­sel des Teil­zeit-Mo­dells ist aus­ge­schlos­sen. ...

2. Rech­te und Pflich­ten

(1)
Die ge­gen­sei­ti­gen Rech­te und Pflich­ten er­ge­ben sich aus dem Ge­setz, den Ta­rif­verträgen und Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen der B in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung, so­wie aus den Dienst­vor­schrif­ten der B und aus den Be­stim­mun­gen die­ses Ver­tra­ges.
...

Das Ver­trags­for­mu­lar wur­de der Kläge­rin mit ei­nem An­schrei­ben vom 21. Ja­nu­ar 2004 (Bl. 121 d.A.) mit der Über­schrift „Ver­trags­verlänge­rung“ über­sandt, das aus­zugs­wei­se wie folgt lau­tet:

... über­sen­den wir Ih­nen die Ver­trags­verlänge­rung, mit der Bit­te die un­ter­schrie­be­ne Zweit­schrift an ... zurück­zu­sen­den.

Mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 25. No­vem­ber 2004 (Bl. 24 f d.A.) ver­lang­te die Kläge­rin er­folg­los Wei­ter­beschäfti­gung über den 30. April 2005 hin­aus.

Mit ih­rer am 13. April 2005 beim Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main ein­ge­gan­ge­nen und der Be­klag­ten am 26. April 2005 zu­ge­stell­ten Kla­ge hat sie den un­be­fris­te­ten Fort­be­stand ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses über den 30. April 2005 hin­aus gel­tend ge­macht

Sie hat die Be­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 30. April 2005 aus meh­re­ren Gründen für rechts­un­wirk­sam ge­hal­ten. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung sei un­zulässig, da die Par­tei­en durch die Be­zug­nah­me auf § 19 Abs. 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne die An­wen­dung des § 14 Abs. 3 Tz­B­fG kon­klu­dent aus­ge­schlos­sen hätten. Sie hat ge­meint, zwi­schen der Be­fris­tung vom 03. Ju­ni 2004 wie den vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­res­be­fris­tun­gen be­ste­he ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang i.S.d. § 14 Abs. 3 Satz 2 zum ursprüng­li­chen Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en; woll­te man die­sen als bis zur Voll­endung des 55. Le­bens­jah­res be­fris­tet an­se­hen, grei­fe je­den­falls § 14 Abs. 2 Tz­B­fG, so dass auch dann ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung un­zulässig sei. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, § 14 Abs. 3 sei in­so­weit ge­mein­schafts­wid­rig und dürfe nicht mehr an­ge­wen­det wer­den, als die sach­grund­lo­se Be­fris­tung al­lein auf­grund des Al­ters des Ar­beit­neh­mers ermöglicht wer­de. Sie hat be­haup­tet, für die Al­ters­gren­ze des § 19 Abs. 2 MTV Nr.

- 4 -

1 Ka­bi­ne be­ste­he kein recht­fer­ti­gen­der Sach­grund. Die Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren für das Ka­bi­nen­per­so­nal sei we­der aus si­cher­heits­tech­ni­schen noch aus an­de­ren Gründen sach­lich ge­recht­fer­tigt. Die Kläge­rin hat be­haup­tet, die Ge­fahr der Be­ein­träch­ti­gung der Leis­tungsfähig­keit wer­de mit zu­neh­men­dem Le­bens­al­ter nicht größer, es sei­en in der Re­gel die jünge­ren Mit­ar­bei­ter, die in Not­si­tua­tio­nen auf­grund ih­rer Un­er­fah­ren­heit aus­fie­len und nicht zu adäqua­ten Re­ak­tio­nen in der La­ge sei­en. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, nach Voll­endung ih­res 55. Le­bens­jah­res sei­en zwi­schen den Par­tei­en kei­ne ein­zel­be­fris­te­ten Ar­beits­verträge ge­schlos­sen, son­dern Verlänge­run­gen des ursprüng­li­chen Ar­beits­ver­tra­ges ver­ein­bart wor­den.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin mit der Be­klag­ten nicht auf­grund der Be­fris­tung zum 30. April 2005 ge­en­det hat, son­dern als un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis über den 30. April 2005 hin­aus fort­be­steht;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Kläge­rin wei­ter als Flug­be­glei­te­rin in der Beschäfti­gungs­grup­pe der Flug­be­glei­ter­stu­fe 17 des Vergütungs­ta­rif­ver­tra­ges der B so­wie den sons­ti­gen Ar­beits­be­din­gun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges vom 23. Ja­nu­ar 2004 wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die mit Ver­trag vom 23. Ja­nu­ar 2004 ver­ein­bar­te Be­fris­tung bedürfe gemäß § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG oh­ne­hin kei­nes Sach­grun­des. Die Vor­schrift sei an­wend­bar. Es be­ste­he auch kein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit ihr, da al­le Ar­beits­verträge der Par­tei­en be­fris­tet ge­we­sen sei­en. Die Be­klag­te hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, für die Al­ters­gren­ze des § 19 Abs. 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne be­ste­he im Übri­gen auch ein recht­fer­ti­gen­der Sach­grund. Die Al­ters­gren­ze die­ne dem Schutz von Le­ben und Ge­sund­heit der Be­sat­zungs­mit­glie­der und der Pas­sa­gie­re. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en hätten bei der Norm­set­zung im Rah­men der ih­nen zu­ste­hen­den Einschätzungs­präro­ga­ti­ve die Prämis­se zu­grun­de ge­legt, dass die Ge­fahr ei­ner Be­ein­träch­ti­gung der Leis­tungsfähig­keit ge­ne­rell mit zu­neh­men­dem Al­ter größer wer­de. Das In­ter­es­se des ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers an der Er­hal­tung sei­nes Ar­beits­plat­zes müsse ge­genüber den be­son­de­ren In­ter­es­sen an der Gewährung der Si­cher­heit des Luft­ver­kehrs zurück­tre­ten. Auf­grund der bei der Be­klag­ten ta­rif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Über­g­angs­ver­sor­gung in Form der al­lein von ihr fi­nan­zier­ten Fir­men­ren­te und der an­sch­ließen­den Al­ters­ver­sor­gung sei das ta­rif­lich ver­an­lass­te En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses für das Ka­bi­nen­per­so­nal fi­nan­zi­ell ab­ge­si­chert.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main hat die Kla­ge durch am 23. März 2006 verkünde­tes Ur­teil, Az. 19 Ca 3239/05, ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, die mit Ver­trag vom 23. Ja­nu­ar 2004 ver­ein­bar­te Be­fris­tung sei gemäß § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG sach­grund­los zulässig. Al­lein durch ei­nen im Ver­trag er­folg­ten Hin­weis auf ei­nen Sach­grund sei §

- 5 -

14 Abs. 3 Tz­B­fG nicht kon­klu­dent ein­zel­ver­trag­lich aus­ge­schlos­sen. § 14 Abs. 3 Satz 2 Tz­B­fG fin­de kei­ne An­wen­dung, da dem be­fris­te­ten Ver­trag vom 23. Ja­nu­ar 2004 ein eben­falls be­fris­te­ter Ver­trag vor­an­ge­gan­gen sei. § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG fin­de auch un­ein­ge­schränkt An­wen­dung. Es könne da­hin­ste­hen, ob die Be­fris­tungsmöglich­keit nach § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG eu­ro­pa­rechts­wid­rig sei. Selbst wenn auf­grund des Ur­teils des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 von Un­an­wend­bar­keit des § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG aus­zu­ge­hen sei, sei im Hin­blick auf vor Be­kannt­wer­den die­ser Ent­schei­dung ab­ge­schlos­se­ne al­ters­be­fris­te­te Ar­beits­verträge Ver­trau­ens­schutz zu gewähren. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils (Bl. 153 bis 157 d.A.) ver­wie­sen.

Ge­gen die­ses ihr am 28. Ju­li 2006 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Kläge­rin am 11. Au­gust 2006 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se am 28. Sep­tem­ber 2006 be­gründet.

Sie wie­der­holt und ver­tieft ih­ren Vor­trag, hält an ih­rer Auf­fas­sung fest, § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG sei ge­mein­schaft­wid­rig und nicht an­zu­wen­den. Sie meint, in­so­weit be­ste­he auch kein Ver­trau­ens­schutz für vor Be­kannt­wer­den der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 ge­trof­fe­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen. Sie be­haup­tet, für ei­ne Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren gemäß § 19 Abs. 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne be­ste­he kein sach­li­cher Grund. Ei­ne re­le­van­te Zu­nah­me des Ri­si­kos al­ters­be­ding­ter Aus­fall­er­schei­nun­gen be­ste­he nicht. Im Übri­gen sei­en Fälle, in de­nen der al­ters­be­ding­te Aus­fall ei­nes Mit­glieds des Ka­bi­nen­per­so­nals die Pas­sa­gie­re oder an­de­re Per­so­nen in erns­te Ge­fahr brin­gen könne, der­art theo­re­tisch und un­wahr­schein­lich, dass sie nicht ge­eig­net sei­en, ei­ne ge­ne­rel­le Al­ters­gren­ze zu recht­fer­ti­gen. So­weit sich die Be­klag­te bei ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on zu ei­nem al­ters­be­dingt erhöhten Ri­si­ko plötz­lich auf­tre­ten­der Fehl­re­ak­tio­nen und al­ters­be­ding­ter Aus­fall­er­schei­nun­gen auf ein in an­de­ren Rechts­strei­ten (Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, 8 Sa 998/03, 8 Sa 721/03, 8 Sa 715/03, 8 Sa 1077/03) ein­ge­hol­tes Gut­ach­ten des C vom 08. De­zem­ber 2004 (Bl. 241 f d.A.) be­zie­he, könne die­ses nicht zur Be­gründung ei­nes erhöhten Si­cher­heits­ri­si­kos her­an­ge­zo­gen wer­den, nach­dem sei­ne Grund­la­ge Un­ter­su­chun­gen an Flug­ka­pitänen und Aus­wer­tung von Un­ter­su­chun­gen an Männern im re­le­van­ten Al­ter wa­ren. Die Kläge­rin meint, die Be­klag­te könne sich zur Be­gründung der Al­ters­gren­ze von Ka­bi­nen­mit­ar­bei­tern nicht auf die Si­cher­heits­stan­dards bei der Beschäfti­gung von Flug­zeugführern zurück­zie­hen und ver­weist dar­auf, im Ge­gen­satz zur Beschäfti­gung von Pi­lo­ten ge­be es für die Beschäfti­gung des Ka­bi­nen­per­so­nals im in­ter­na­tio­na­len Luft­ver­kehr ge­ra­de kei­ne Ab­kom­men, Richt­li­ni­en und in­ter­na­tio­na­le Vor­ga­ben über Al­ters­be­gren­zun­gen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 23. März 2006, Az. 19 Ca 3239/05, ab­zuändern und

1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin mit der Be­klag­ten nicht am 30. April 2005 sein En­de ge­fun­den hat;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Kläge­rin als Flug­be­glei­te­rin in der

- 6 -

der B so­wie den sons­ti­gen Ar­beits­be­din­gun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges vom 23. Ja­nu­ar 2004 wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung un­ter Ver­tie­fung und Wie­der­ho­lung ih­res Vor­trags und be­haup­tet, für die Al­ters­gren­zen­re­ge­lung in § 19 Abs. 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne be­ste­he ein recht­fer­ti­gen­der Sach­grund. Auch das Ka­bi­nen­per­so­nal sei in ei­nem Not­fall über­durch­schnitt­li­chen phy­si­schen und psy­chi­schen Be­las­tun­gen aus­ge­setzt. Die ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­ze tra­ge me­di­zi­ni­schen Er­fah­rungs­wer­ten Rech­nung, wo­nach das Ri­si­ko al­ters­be­ding­ter Aus­fall­er­schei­nun­gen und un­er­war­te­ter Fehl­re­ak­tio­nen zu­neh­me. Die­ses Ri­si­ko sei auch nicht durch die ta­rif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen re­gelmäßigen Ge­sund­heitsüber­prüfun­gen aus­zu­sch­ließen. Die Not­wen­dig­keit, im Fal­le ei­ner Noträum­ung bis zu 50 Fluggäste zu eva­ku­ie­ren, be­din­ge ei­ne erhöhte körper­li­che und geis­ti­ge Leis­tungsfähig­keit. Leis­tungsfähig­keit und Re­ak­ti­onsfähig­keit ließen mit höhe­rem Al­ter nach. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en hätten bei der Ver­ein­ba­rung der Al­ters­gren­ze die An­nah­me zu­grun­de ge­legt, dass bei der ge­werbsmäßigen Beförde­rung im Luft­ver­kehr über die Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res hin­aus al­ters­be­dingt zusätz­li­che Ge­fah­ren für den Flug­ver­kehr ein­tre­ten. Die­se An­nah­me wer­de durch das Gut­ach­ten des Prof. Dr. Bach­mann vom 08. De­zem­ber 2004 bestätigt. Auch wenn ei­ne Not­lan­dung ei­nes Flug­zeugs oder an­de­re Notfälle die Aus­nah­me dar­stel­le, müsse das Ka­bi­nen­per­so­nal über die ent­spre­chen­den Fähig­kei­ten verfügen, um ge­ge­be­nen­falls rasch die ge­eig­ne­ten Maßnah­men zu tref­fen.

Zur Ergänzung des Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze und de­ren An­la­gen ver­wie­sen.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 23. März 2006, Az. 19 Ca 3239/05, ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 lit. b und c ArbGG statt­haft und auch im Übri­gen zulässig, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG, 519, 520 Abs. 1 und 3 ZPO.

Sie ist auch be­gründet. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te nicht durch Be­fris­tung zum 30. April 2005. Dem­ent­spre­chend ist die Be­klag­te ver­pflich­tet, die Kläge­rin bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Rechts­streits zu un­veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te nicht am 30. April 2005, denn die im Ar­beits­ver­trag vom 23. Ja­nu­ar 2004 ver­ein­bar­te Be­fris­tung ist un­wirk­sam, der Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en gilt da­mit als auf un­be­stimm­te Zeit ge­schlos­sen, § 16 Satz 1 Tz­B­fG.

- 7 -

Die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges ist un­wirk­sam, weil sie durch kei­nen sach­li­chen Grund ge­recht­fer­tigt ist, § 14 Abs. 1 Satz 1 Tz­B­fG, und ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung nicht nach § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG zulässig ist.

Die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges be­durf­te nach § 14 Abs. 1 Satz 1 Tz­B­fG ei­nes sie recht­fer­ti­gen­den sach­li­chen Grun­des.

§ 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG, wo­nach die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges kei­nes sach­li­chen Grun­des be­darf, wenn der Ar­beit­neh­mer das 58. Le­bens­jahr voll­endet hat, ist mit Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf nicht ver­ein­bar und nicht an­zu­wen­den.

Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG lässt zwar zu, dass die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen können, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. Nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, C-144/04 - Man­gold; NZA 2005, 1345) ge­hen aber na­tio­na­le Vor­schrif­ten, so­weit sie das Al­ter des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers als ein­zi­ges Kri­te­ri­um für die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges fest­le­gen, oh­ne dass nach­ge­wie­sen wäre, dass die Fest­le­gung ei­ner Al­ters­gren­ze als sol­che un­abhängig von an­de­ren Erwägun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­markts und der persönli­chen Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen zur Er­rei­chung des Zie­les der be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer ob­jek­tiv er­for­der­lich ist, über das hin­aus, was zur Er­rei­chung des ver­folg­ten Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist. Nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs ist hier­bei das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters als all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts an­zu­se­hen und ob­liegt es dem na­tio­na­len Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters anhängig ist, im Rah­men sei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Ge­mein­schafts­recht er­gibt, und die vol­le Wirk­sam­keit des all­ge­mei­nen Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu gewähr­leis­ten, in­dem es je­de ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (Ur­teil vom 26. April 2006, 7 AZR 500/04, NZA 2006, 1162), der die Kam­mer folgt, hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof mit der Ent­schei­dung vom 22. No­vem­ber 2005 die ihm über­tra­ge­nen Kom­pe­ten­zen nicht über­schrit­ten und sind die na­tio­na­len Ge­rich­te an den Un­an­wend­bar­keits­aus­spruch des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs ge­bun­den, so­weit er die Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG mit ei­ner mit all­ge­mei­nen Grundsätzen des Ge­mein­schafts­rechts nicht zu ver­ein­ba­ren­den Un­gleich­be­hand­lung im Hin­blick auf das Al­ter be­gründet. Der Ver­s­toß von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ge­gen die Vor­schrif­ten des Ge­mein­schafts­rechts führt hier­nach da­zu, dass die Vor­schrift nicht an­zu­wen­den ist, wo­bei auf­grund der un­mit­tel­ba­ren Gel­tung des ge­mein­schafts­recht­li­chen Primärrechts in den Mit­glied­staa­ten der An­wen­dungs­vor­rang des Ge­mein­schafts­rechts da­zu führt, dass die na­tio­na­len

- 8 -

Ge­rich­te bei der Ent­schei­dung der bei ih­nen anhängi­gen Ver­fah­ren ent­ge­gen­ste­hen­des in­ner­staat­li­ches Recht aus ei­ge­ner Ent­schei­dungs­be­fug­nis un­an­ge­wen­det zu las­sen ha­ben, oh­ne dass sie des­sen Auf­he­bung durch den Ge­setz­ge­ber oder durch ein Ver­fas­sungs­ge­richt ab­zu­war­ten hätten und oh­ne dass ei­ne Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 1 GG über­haupt möglich wäre. Hier­nach ist § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG schließlich auch nicht aus Gründen ge­mein­schafts­recht­li­chen oder na­tio­na­len Ver­trau­ens­schut­zes auf vor Be­kannt­wer­den der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs ver­ein­bar­te Be­fris­tun­gen an­zu­wen­den.

Es wird nicht ver­kannt, dass der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs wie auch der des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 26. April 2006 je­weils ein nach § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG sach­grund­los be­fris­te­ter Ar­beits­ver­trag ei­nes bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses noch nicht 58-jähri­gen Ar­beit­neh­mers zu­grun­de lag. Dem­ent­spre­chend be­fasst sich auch die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts aus­drück­lich aus­sch­ließlich mit der Un­ver­ein­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG mit Ge­mein­schafts­recht. Die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs enthält ei­ne der­ar­ti­ge aus­drück­li­che Be­zug­nah­me auf Satz 4 des § 14 Abs. 3 Tz­B­fG zwar nicht, gibt sie aber un­ter Rd­nr. 69, 70 und ins­be­son­de­re 73 zu er­ken­nen. Höchst­rich­ter­lich ent­schie­den ist da­mit bis­her le­dig­lich die Un­zulässig­keit der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung mit bei Ver­trags­be­ginn 52 bis 57 Jah­re al­ten Ar­beit­neh­mern auf der Grund­la­ge der bis 31. De­zem­ber 2006 ge­re­gel­ten Ab­sen­kung der Al­ters­gren­ze.

Die Kläge­rin hat­te da­ge­gen bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges vom 23. Ja­nu­ar 2004 das 58. Le­bens­jahr be­reits voll­endet. Nach § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG wäre da­mit un­abhängig von der durch § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG er­folg­ten be­fris­te­ten Ab­sen­kung der Al­ters­gren­ze ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung zulässig.

Kon­se­quenz der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 ist nicht nur die Un­zulässig­keit sach­grund­lo­ser Be­fris­tun­gen mit 52- bis 57-jähri­gen Ar­beit­neh­mern gemäß § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG, son­dern auch die Un­zulässig­keit sach­grund­lo­ser auf § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG gestütz­ter Be­fris­tun­gen mit Ar­beit­neh­mern, die bei Be­ginn der Be­fris­tung das 58. Le­bens­jahr be­reits voll­endet ha­ben (a.A. Bau­er/Ar­nold, NJW 2006, 6, 11; vgl. aber auch Preis, NZA 2006, 402, 410).

Die Erwägun­gen der Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 und des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 26. April 2006 tref­fen auch auf nach § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG un­ge­ach­tet der zeit­lich be­fris­te­ten Her­ab­set­zung der Al­ters­gren­ze gemäß § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ge­trof­fe­ne Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen zu. § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG, der sach­grund­lo­se Be­fris­tun­gen mit Ar­beit­neh­mern ab Voll­endung des 58. Le­bens­jah­res zulässt, verstößt aus den­sel­ben Gründen ge­gen Ge­mein­schafts­recht und ist da­mit un­an­wend­bar wie die später in Kraft ge­tre­te­ne Vor­schrift des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG (eben­so Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 30. März 2006, 81 Ca 1543/06). Die­sel­ben Erwägun­gen führen auch da­zu, dass we­der ge­mein­schafts­recht­li­cher noch Ver­trau­ens­schutz nach na­tio­na­lem Recht be­steht.

Nach der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 be­ruht die

- 9 -

das Al­ter des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers als ein­zi­ges Kri­te­ri­um für die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges fest­ge­legt wird, oh­ne dass nach­ge­wie­sen wäre, dass die Fest­le­gung ei­ner Al­ters­gren­ze als sol­che un­abhängig von an­de­ren Erwägun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­markts und der persönli­chen Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen zur Er­rei­chung des Ziels der be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer ob­jek­tiv er­for­der­lich ist. Auch da­mit ver­bleibt ei­ne große und aus­sch­ließlich nach dem Le­bens­al­ter de­fi­nier­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern, die da­mit während ei­nes er­heb­li­chen Teils ih­res Be­rufs­le­bens Ge­fahr läuft, von fes­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen aus­ge­schlos­sen zu sein. Der von § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG be­trof­fe­ne Per­so­nen­kreis ist zwar na­tur­gemäß klei­ner als der von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG be­trof­fe­ne Per­so­nen­kreis. Eben­so ist der Teil des Be­rufs­le­bens, bei dem die Ge­fahr des Aus­schlus­ses von fes­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen aus­ge­schlos­sen zu wer­den, na­tur­gemäß ge­rin­ger als bei bei­spiels­wei­se 52-jähri­gen Ar­beit­neh­mern. Dies be­ruht aber zunächst auf dem Al­ter und da­mit auf ei­nem un­zulässi­gen Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­um. Das Al­ter al­lein gibt aber wie­der­um al­lein un­abhängig von der persönli­chen Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen (Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., un­ter Rd­nr. 65) kei­nen An­halts­punkt dafür, dass die Eröff­nung sach­grund­lo­ser Be­fris­tungsmöglich­keit zur Er­rei­chung des Ziels der be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer ob­jek­tiv an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist. Wie der vor­lie­gen­de Rechts­streit zeigt, eröff­net § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG auch die sach­grund­lo­se Be­fris­tungs­ab­re­de mit nicht ar­beits­lo­sen älte­ren Ar­beit­neh­mern, bei­spiels­wei­se dann, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des § 14 Abs. 3 Satz 2 Tz­B­fG nicht vor­lie­gen.

Die Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Tz­B­fG be­ruht nach der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 nicht auf ho­ri­zon­ta­ler Di­rekt­wir­kung der Richt­li­nie 2000/78/EG zwi­schen Pri­va­ten, son­dern auf der An­wen­dung un­abhängig vom Ab­lauf der Um­set­zungs­frist für die Richt­li­nie gel­ten­den ge­mein­schafs­recht­li­chen Primärrechts, nämlich des Ver­bots ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters als all­ge­mei­nem Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts. Die­se Erwägun­gen gel­ten dann auch hin­sicht­lich § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG. Die Norm un­ter­liegt dem Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, denn das Tz­B­fG dient nach der amt­li­chen An­mer­kung der Um­set­zung der Richt­li­nie 97/81/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über Teil­zeit­ar­beit (RV) und der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 26. April 2006, a.a.O.) in­ter­pre­tiert die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 22. No­vem­ber 2005 zur Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 (Satz 4) Tz­B­fG als auf ei­ner Dop­pel­be­gründung be­ru­hend, nämlich auch auf dem Grund­satz der Ver­trags­treue der Mit­glied­staa­ten, hier­aus ab­ge­lei­te­ter Vor­wir­kung von Richt­li­ni­en und aus dem Grund­satz der Ver­trags­treue eben­falls ab­ge­lei­te­ter Un­an­wend­bar­keit na­tio­na­len Rechts. So­weit der Eu­ropäische Ge­richts­hof in die­sem Zu­sam­men­hang aus­geführt hat, die Mit­glied­staa­ten dürf­ten während der Frist für die Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen, die ge­eig­net sei­en, die Er­rei­chung des in die­ser Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Ziels ernst­lich in Fra­ge zu stel­len, gilt aber auch dies dann für § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG glei­cher­maßen wie für § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG. Auch § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG ist nach der Richt­li­nie 2000/78/EG in Kraft ge­tre­ten, nämlich am 01. Ja­nu­ar 2001, da­mit zu ei­nem Zeit­punkt, in dem für den na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber die

- 10 -

Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie be­reits lief und während de­rer er im Sin­ne die­ser Dop­pel­be­gründung dann auch kei­ne dem Ziel der Richt­li­nie zu­wi­der­lau­fen­de oder es in Fra­ge stel­len­de Vor­schrift er­las­sen durf­te. Dass das Tz­B­fG selbst nicht der Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78/EG dient, ist in die­sem Zu­sam­men­hang un­er­heb­lich (Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rd­nr. 68)

§ 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG verstößt da­mit un­ter Zu­grun­de­le­gung der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs und An­er­ken­nung sei­ner Zuständig­keit für Ent­schei­dun­gen über die nach sei­ner Auf­fas­sung exis­tie­ren­den un­ge­schrie­be­nen Nor­men des Ge­mein­schafts­rechts, die als primäres Ge­mein­schafts­recht Gel­tung ent­fal­ten, glei­cher­maßen wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ge­gen ge­mein­schafts­recht­li­ches Primärrecht, nämlich ge­gen den aus völker­recht­li­chen Verträgen und ge­mein­sa­mer Ver­fas­sungs­tra­di­ti­on der Mit­glied­staa­ten ab­ge­lei­te­ten Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Da­mit hat das na­tio­na­le Ge­richt in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts fal­len­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lun­gen un­an­ge­wen­det zu las­sen, da­mit auch § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG. Der Un­an­wend­bar­keits­aus­spruch des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs be­zieht sich ge­ra­de auch auf § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG, denn die­ser und nicht § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG re­gelt die sach­grund­lo­se Be­fris­tungsmöglich­keit. Ei­ne Ab­sen­kung der Al­ters­gren­ze als sol­che und iso­liert be­trach­tet verstößt nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs noch nicht ge­gen Ge­mein­schafts­recht und die Schutz­ni­veau­klau­sel des § 8 RV.

§ 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG ist dann auch we­der aus Gründen des ge­mein­schafts­recht­li­chen oder des na­tio­na­len Ver­trau­ens­schut­zes auf ei­ne vor dem 22. No­vem­ber 2005 ge­trof­fe­ne Be­fris­tungs­ab­re­de an­zu­wen­den (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26. April 2006, a.a.O.).

Ge­mein­schafts­recht­li­cher Ver­trau­ens­schutz be­steht nicht. Die Ent­schei­dung über die Reich­wei­te des ge­mein­schafts­recht­li­chen Ver­trau­ens­schut­zes ist dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof vor­be­hal­ten. Ei­ne Ein­schränkung der zeit­li­chen Wir­kun­gen sei­ner Ent­schei­dung durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof ist nicht er­folgt. Ver­trau­ens­schutz nach na­tio­na­lem Recht be­steht eben­falls nicht. Die Be­klag­te konn­te nicht auf die Wirk­sam­keit sach­grund­lo­ser Al­ters­be­fris­tun­gen ver­trau­en, nach­dem von An­fang an kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de, ob § 14 Abs. 3 Satz 1 Tz­B­fG ge­mein­schafts­recht­li­chen An­for­de­run­gen genügt, bis zum Ab­schluss des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges auch kei­ne höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung über die Zulässig­keit ei­ner al­lein auf das Le­bens­al­ter des Ar­beit­neh­mers gestütz­ten sach­grund­lo­sen Be­fris­tung er­gan­gen war und an­ders als bei­spiels­wei­se bei der Aus­le­gung von § 17 KSchG auch kei­ne als ge­si­chert gel­ten­de Ver­wal­tungs­pra­xis ei­nen Ver­trau­en­stat­be­stand ver­mit­teln konn­te (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26. April 2006, a.a.O.).

Be­fris­tungs­ver­ein­ba­rung vom 23. Ja­nu­ar 2004 und die in § 19 Abs. 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne vor­ge­se­he­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res sind un­wirk­sam, da der er­for­der­li­che Sach­grund i.S.d. § 14 Abs. 1 Satz 1 Tz­B­fG nicht vor­liegt. Ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen über die Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen und da­mit auch ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­zen sind zulässig, un­ter­lie­gen aber eben­falls der ar­beits­ge­richt­li­chen Be­fris­tungs­kon­trol­le und bedürfen da­mit zu ih­rer Wirk­sam­keit eben­falls ei­nes sie recht­fer­ti­gen­den Sach­grun­des, wo­bei den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en al­ler­dings ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve in Be­zug

- 11 -

auf die tatsächli­chen Ge­ge­ben­hei­ten zu­steht. Das Er­for­der­nis ei­nes die Be­fris­tung recht­fer­ti­gen­den Sach­grun­des entfällt hier­durch al­ler­dings nicht, wo­bei bis zum In­kraft­tre­ten des Tz­B­fG (jetzt § 22 Abs. 1 Tz­B­fG) die Über­prüfung ta­rif­ver­trag­li­cher Al­ters­gren­zen an­hand der eben­falls nicht ta­rif­dis­po­si­ti­ven von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grundsätze zur Be­fris­tungs­kon­trol­le zu er­fol­gen hat­te. Es wird nicht ver­kannt, dass auf die­ser Grund­la­ge nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­ra­de auch für den Be­reich von Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­me­nen ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­zen für das Cock­pit­per­so­nal als zulässig an­ge­se­hen wer­den. Hier­nach ge­hen die­se Al­ters­gren­zen­re­ge­lun­gen auf me­di­zi­ni­sche Er­fah­rungs­wer­te zurück, nach de­nen das Cock­pit­per­so­nal über­durch­schnitt­li­chen psy­chi­schen und phy­si­schen Be­las­tun­gen aus­ge­setzt ist, in de­ren Fol­ge das Ri­si­ko al­ters­be­ding­ter Aus­fall­er­schei­nun­gen und un­er­war­te­ter Fehl­re­ak­tio­nen zu­nimmt. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat hier­zu wie­der­holt aus­geführt, die Al­ters­gren­ze si­che­re die ord­nungs­gemäße Erfüllung der Be­rufstätig­keit und die­ne darüber hin­aus dem Schutz von Le­ben und Ge­sund­heit der Be­sat­zungs­mit­glie­der und Pas­sa­gie­re. Zwar hänge das zur Min­de­rung der Leis­tungsfähig­keit führen­de Al­tern nicht al­lein vom Le­bens­al­ter ab, son­dern sei ein schlei­chen­der Pro­zess, der in­di­vi­du­ell ver­schie­den schnell vor sich ge­he. Mit höhe­rem Le­bens­al­ter wer­de je­doch ein Al­tern mit den da­mit ver­bun­de­nen Fol­gen wahr­schein­li­cher, es ent­spre­che der all­ge­mei­nen Le­bens­er­fah­rung, dass die Ge­fahr ei­ner Be­ein­träch­ti­gung der Leis­tungsfähig­keit ge­ne­rell auch heu­te noch mit zu­neh­men­den Al­ter größer wer­de (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27. No­vem­ber 2002, 7 AZR 655/01, AP Nr. 2 zu § 620 BGB Al­ters­gren­ze; Ur­teil vom 21. Ju­li 2004, 7 AZR 589/03, EzA § 620 BGB 2002 Al­ters­gren­ze Nr. 5; je­weils m.w.N.).

Die­se Grundsätze las­sen sich je­doch nicht auf das Ka­bi­nen­per­so­nal über­tra­gen. Während zum Bei­spiel das Ver­sa­gen ei­nes Flug­zeugführers Le­ben und Ge­sund­heit der Flug­pas­sa­gie­re, des Flug­per­so­nals so­wie der Men­schen in den über­flo­ge­nen Ge­bie­ten in äußers­te Ge­fahr brin­gen kann, ist beim Ka­bi­nen­per­so­nal ein der­ar­ti­ges Si­cher­heits­ri­si­ko in nicht annähernd glei­cher Wei­se ge­ge­ben. Aus die­sem Grund hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 31. Ju­li 2002, 7 AZR 140/01, AP Nr. 14 zu § 1 TVG Ta­rif­verträge: Luft­fahrt) be­reits ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­ze von 55 Jah­ren für Ka­bi­nen­per­so­nal als un­wirk­sam an­ge­se­hen, da Fälle, in de­nen der al­ters­be­ding­te Aus­fall ei­nes Mit­glieds des Ka­bi­nen­per­so­nals die Flug­pas­sa­gie­re, das Flug­per­so­nal oder gar Men­schen in über­flo­ge­nen Ge­bie­ten in erns­te Ge­fahr brin­gen könn­te, der­art theo­re­tisch und un­wahr­schein­lich sind, dass sie nicht ge­eig­net sei­en, der Recht­fer­ti­gung ei­ner ge­ne­rel­len Al­ters­gren­ze von 55 Jah­ren für die­se Per­so­nen­grup­pe zu die­nen. Falls ein Mit­glied des Ka­bi­nen­per­so­nals während ei­nes Flugs ein­mal al­ters­be­dingt aus­fal­len soll­te, wer­den da­durch Leib und Le­ben der Flug­pas­sa­gie­re und des Flug­per­so­nals oder sons­ti­ge wich­ti­ge Rechtsgüter nicht gefähr­det. Al­lein mit ex­tre­men Aus­nah­mefällen wie ei­ner Not­lan­dung lässt sich nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts die Al­ters­gren­ze ge­ra­de nicht recht­fer­ti­gen.

Es wird nicht ver­kannt, dass die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­ze für Ka­bi­nen­per­so­nal von 55 Jah­ren be­traf, während vor­lie­gend nach § 19 Abs. 1 und 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne ei­ne fle­xi­ble Al­ters­gren­ze ver­ein­bart ist, die erst bei Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res zwin­gend das Aus­schei­den aus dem flie­ge­ri­schen Ar­beits­verhält­nis vor­sieht. Dies ändert aber nichts an den der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 31. Ju­li 2002 zu­grun­de lie­gen­den Erwägun­gen. Un­abhängig vom Le­bens­al­ter des Ka­bi­nen­per­so­nals führt plötz­li­cher Aus­fall während ei­nes Flu­ges nicht zu Si­cher­heits­ri­si­ken für Le­ben und Ge­sund­heit.

- 12 -

Un­abhängig vom Le­bens­al­ter des Ka­bi­nen­per­so­nals bleibt es da­bei, dass die Ar­gu­men­ta­ti­on der Be­klag­ten zu Not­fall­si­tua­tio­nen aus­sch­ließlich ei­ne ex­tre­me Aus­nah­me­si­tua­ti­on be­trifft, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­ra­de nicht die ge­ne­rel­le Al­ters­gren­ze recht­fer­tigt. Es wird fer­ner nicht ver­kannt, dass in dem der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 31. Ju­li 2002 zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt un­ter­schied­li­che ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­zen für Cock­pit- und Ka­bi­nen­per­so­nal be­stan­den, während § 19 des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges Nr. 5a für das Cock­pit­per­so­nal der Be­klag­ten je­den­falls in ähn­li­cher Wei­se wie § 19 Abs. 1 und 2 MTV Nr. 1 Ka­bi­ne ein fle­xi­bles Aus­schei­den zwi­schen Voll­endung des 55. und des 60. Le­bens­jah­res re­gelt. Dies ist un­er­heb­lich, da das Bun­des­ar­beits­ge­richt in der Ent­schei­dung vom 31. Ju­li 2002 die Un­wirk­sam­keit der ta­rif­ver­trag­li­chen Al­ters­gren­ze für Ka­bi­nen­per­so­nal ge­ra­de nicht mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz be­gründet hat. Gleich­be­hand­lungs­grundsätze kom­men vor­lie­gend auch schon des­we­gen nicht zum Tra­gen, weil wie dar­ge­legt die Ri­si­ko­si­tua­ti­on bei Flug­zeugführern ge­ra­de nicht der beim Ka­bi­nen­per­so­nal ent­spricht und die Man­tel­ta­rif­verträge Nr. 1 für das Ka­bi­nen­per­so­nal und Nr. 5a für das Cock­pit­per­so­nal oh­ne­hin von un­ter­schied­li­chen Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ab­ge­schlos­sen wur­den. So­weit die Be­klag­te sich schließlich in ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on auf das Gut­ach­ten des C vom 08. De­zem­ber 2004 be­zieht, ist die­ses für die Ent­schei­dung des vor­lie­gen­den Rechts­streits oh­ne Be­deu­tung. Das Gut­ach­ten be­fasst sich mit dem Ri­si­ko al­ters­be­ding­ter Aus­fall­er­schei­nun­gen und Fehl­re­ak­tio­nen von Flug­zeugführern nach Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res und da­mit, ob bei ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung von Flug­zeugführern über das 60. Le­bens­jahr hin­aus Ge­fah­ren für den Flug­ver­kehr aus­ge­hen. Es hat so­mit kei­ne Aus­sa­ge­kraft darüber, ob bei Ka­bi­nen­per­so­nal ein ver­gleich­ba­res Ri­si­ko al­ters­be­ding­ter Aus­fall­er­schei­nun­gen und Fehl­re­ak­tio­nen be­steht. Vor al­lem aber führt selbst bei An­nah­me ei­nes ver­gleich­ba­ren Ri­si­kos der plötz­li­che al­ters­be­ding­te Aus­fall ei­nes Mit­glieds des Ka­bi­nen­per­so­nals während des Flu­ges ge­ra­de nicht zu ei­ner kon­kre­ten Gefähr­dungs­si­tua­ti­on, wie dies beim Cock­pit­per­so­nal der Fall ist. Der Um­stand, dass der Kläge­rin we­gen al­ters­be­ding­ten Aus­schei­dens aus dem Ar­beits­verhält­nis ein ta­rif­ver­trag­li­cher An­spruch auf Zah­lung ei­ner Über­g­angs­ver­sor­gung zu­steht, er­setzt den feh­len­den Sach­grund nicht und wäre le­dig­lich ge­eig­net, ei­ne an sich ge­recht­fer­tig­te Al­ters­gren­ze als „noch eher zu­mut­bar“ er­schei­nen zu las­sen (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31. Ju­li 2002, a.a.O.).

Da die ver­ein­bar­te Be­fris­tung un­wirk­sam ist und das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht auf­grund ta­rif­ver­trag­li­cher Al­ters­gren­ze en­de­te und auch kei­ne über­wie­gen­den ent­ge­gen­ste­hen­den Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­sen dar­ge­legt sind, steht der Kläge­rin in ent­spre­chen­der An­wen­dung der von der Recht­spre­chung (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 27. Fe­bru­ar 1985, GS 1/84, AP Nr. 14 zu § 611 BGB Beschäfti­gungs­pflicht) ent­wi­ckel­ten Grundsätze auch ihr ar­beits­ver­trag­li­cher Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Rechts­streits zu.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 ZPO.

Gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG ist die Re­vi­si­on zu­zu­las­sen.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 17 Sa 1323/06  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880