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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Arbeitslosengeld, Sperrzeit
   
Gericht: Landessozialgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: L 3 AL 1308/05
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 26.07.2006
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Sozialgericht Stuttgart, Urteil vom 07.12.2004, S 12 AL 3230/02
   

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg

L 3 AL 1308/05

S 12 AL 3230/02

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

Der 3. Se­nat des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg in Stutt­gart hat oh­ne münd­li­che
Ver­hand­lung am 26.07.2006 für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Stutt­gart vom 07. De­zem­ber 2004 ab­geändert und der Sperr­zeit­be­scheid der Be­klag­ten vom 15. No­vem­ber 2001 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 06. Ju­ni 2002 auf­ge­ho­ben so­wie der Be­wil­li­gungs­be­scheid der Be­klag­ten vom 16. Mai 2002 in der Ge­stalt der Ände­rungs­be­schei­de vom 28. Ok­to­ber 2002, vom 03. Ja­nu­ar 2003 und vom 02. Ja­nu­ar 2004 ab­geändert.
Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, dem Kläger für die Zeit vom 12. Mai 2004 bis zum 31. Mai 2004 Ar­beits­lo­sen­geld in ge­setz­li­cher Höhe zu gewähren.

Im übri­gen wird die Be­ru­fung zurück­ge­wie­sen.

Die Be­klag­te hat dem Kläger die Hälf­te sei­ner außer­ge­richt­li­chen Kos­ten bei­der Rechtszüge zu er­stat­ten.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

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Tat­be­stand

Der Kläger er­strebt die Auf­he­bung von Sperr­zeit- und Ru­hens­ent­schei­dun­gen der Be­klag­ten so­wie die Gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld.

Der am 20.05.1944 ge­bo­re­ne Kläger war ab dem 06.03.1978 bei der Fir­ma R. GmbH & Co. KG beschäftigt und zu­letzt als Werk­stoff­prüfer tätig. Am 29.03.2001 kündig­te die Ar­beit­ge­be­rin das Ar­beits­verhält­nis "aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen außer­or­dent­lich mit so­zia­ler Aus­lauf­frist von sechs Mo­na­ten zum Quar­tals­en­de zum 30.09.2001". Im Kündi­gungs­schrei­ben heißt es wei­ter, die so­zia­le Aus­lauf­frist be­mes­se sich nach der or­dent­li­chen ta­rif­ver­trag­li­chen Kündi­gungs­frist. Der Ar­beits­platz fal­le auf Grund ei­ner Um­struk­tu­rie­rung dau­er­haft weg. Ein an­der­wei­ti­ger Ar­beits­platz könne nicht an­ge­bo­ten wer­den. Ei­ne So­zi­al­aus­wahl sei ge­trof­fen wor­den.

Im nach­fol­gen­den Kündi­gungs­schutz­pro­zess vor dem Ar­beits­ge­richt Stutt­gart schlos­sen der Kläger und die Ar­beit­ge­be­rin am 15.05.2001 ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich. Dar­in stell­ten sie die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Ab­lauf des 30.09.2001 auf der Grund­la­ge der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kündi­gung vom 29.03.2001 außer Streit. Darüber hin­aus ver­pflich­te­te sich die Ar­beit­ge­be­rin aus An­lass der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­ne mit der Be­en­di­gung fälli­ge Ab­fin­dung in Höhe von DM 95.000,00 net­to an den Kläger aus­zu­be­zah­len.

Am 06.09.2001 mel­de­te sich der Kläger bei der Be­klag­ten ar­beits­los und be­an­trag­te die Gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld. Er gab an, ihm sei von Sei­ten der Per­so­nal­ver­wal­tung der Ar­beit­ge­be­rin be­reits im Ju­li 2000 eröff­net wor­den, dass man sich auf Grund der schlech­ten Auf­trags­la­ge von ihm tren­nen wol­le. Da­bei sei ihm für den Fall von Wi­derständen in Aus­sicht ge­stellt wor­den, dass man ihn un­ter Druck set­zen könne. Nach­dem die mit ihm geführ­ten Gespräche im­mer mas­si­ver ge­wor­den sei­en und er mit ei­ner Mob­bing-Si­tua­ti­on ha­be rech­nen müssen, ha­be er sich ge­zwun­gen ge­se­hen, der Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zu­zu­stim­men.
Nach der vor­ge­leg­ten Ar­beits­be­schei­ni­gung der Ar­beit­ge­be­rin vom 16.10.2001 be­zog der Kläger in den letz­ten 12 Mo­na­ten des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ein Ar­beits­ent­gelt von ins­ge­samt DM 64.762,65. Die ihm ge­zahl­te Ab­fin­dung ha­be brut­to DM 144.680,00 be­tra­gen. Darüber hin­aus ste­he ihm ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung für die Zeit vom 01.10.2001 bis ein­sch­ließlich des 31.10.2001 zu. Die maßgeb­li­che Kündi­gungs­frist be­tra­ge sechs Mo­na­te zum En­de des Vier­tel­jah­res.

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Mit Be­scheid vom 15.11.2001 stell­te die Be­klag­te dar­auf­hin den Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit von zwölf Wo­chen für den Zeit­raum vom 01.10.2001 bis zum 23.12.2001 nebst Min­de­rung des An­spruchs auf Ar­beits­lo­sen­geld um 240 Ta­ge - ein Vier­tel der An­spruchs­dau­er - so­wie mit ge­son­der­tem Be­scheid vom sel­ben Ta­ge das Ru­hen des Leis­tungs­an­spruchs des Klägers bis zum 21.04.2002 we­gen der mit sei­ner Ar­beit­ge­be­rin ver­ein­bar­ten Ent­las­sungs­entschädi­gung fest. Hin­sicht­lich der vom Kläger er­hal­te­nen bzw. zu be­an­spru­chen­den Ur­laubs­ab­gel­tung wur­de von der Be­klag­ten mit wei­te­rem Be­scheid vom 15.11.2001 zunächst das Ru­hen des An­spruchs für die Zeit vom 01.10.2001 bis zum 31.10.2001 und so­dann durch Be­scheid vom 14.05.2002 ei­ne Verlänge­rung des Ru­hens­zeit­raums der Ab­fin­dung um die Ta­ge des Ur­laubs­an­spruchs bis ein­sch­ließlich des 22.05.2002 fest­ge­stellt. Für die Zeit ab dem 23.05.2002 wur­de dem Kläger durch Be­wil­li­gungs­be­scheid der Be­klag­ten vom 16.05.2002 in der Ge­stalt der Ände­rungs­be­schei­de vom 28.10.2002, vom 03.01.2003 und vom 02.01.2004 Ar­beits­lo­sen­geld mit ei­ner An­spruchs­dau­er von 720 Ta­gen be­wil­ligt. Ent­spre­chen­de Leis­tun­gen be­zog er bis zur Erschöpfung des An­spruchs mit Ab­lauf des 11.05.2004. Seit dem 01.06.2004 be­zieht er Al­ters­ren­te we­gen Ar­beits­lo­sig­keit.

Die vom Kläger ge­gen den Sperr­zeit­be­scheid so­wie die Ent­schei­dun­gen der Be­klag­ten über das Ru­hen des Leis­tungs­an­spruchs we­gen ver­ein­bar­ter Ent­las­sungs­entschädi­gung vom 15.11.2001 und vom 14.05.2002 er­ho­be­nen Wi­dersprüche wies die Be­klag­te mit ge­son­der­ten Wi­der­spruchs­be­schei­den vom 06.06.2002 zurück. Die­se Ent­schei­dun­gen wur­den dem nun­mehr Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers am 12.06.2002 zu­ge­stellt.

Am 11.07.2002 hat der Kläger beim So­zi­al­ge­richt Stutt­gart Kla­ge er­ho­ben.

Das So­zi­al­ge­richt hat ei­ne schrift­li­che Aus­kunft der R. GmbH & Co. KG vom 17.12.2003 ein­ge­holt und in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 07.12.2004 den Lei­ter der Per­so­nal­ab­tei­lung die­ser Fir­ma, L., als Zeu­gen ver­nom­men. We­gen des Er­geb­nis­ses der Er­mitt­lun­gen wird auf die Ak­ten des So­zi­al­ge­richts ver­wie­sen.

Zur Be­gründung sei­ner Kla­ge hat der Kläger im we­sent­li­chen vor­ge­tra­gen, ei­ne Sperr­zeit sei nicht ge­recht­fer­tigt, da er sein Beschäfti­gungs­verhält­nis nicht gelöst und mit­hin auch die Ar­beits­lo­sig­keit nicht vor­werf­bar her­bei­geführt ha­be. Zum ei­nen sei er nicht ver­pflich­tet ge­we­sen, die be­reits aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung durch Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge an­zu­grei­fen. Zum an­de­ren sei die Kündi­gung nicht of­fen­sicht­lich rechts­wid­rig ge­we­sen, da sein

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Ar­beits­verhält­nis nach dem Man­tel­ta­rif­ver­trag der Me­tall­in­dus­trie Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den zwar nicht or­dent­lich, je­doch aus wich­ti­gem Grund ha­be gekündigt wer­den können. Da­bei sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Kündi­gung auf Grund an­hal­ten­den Auf­trags­man­gels der Ar­beit­ge­be­rin und Weg­falls sei­nes Ar­beits­plat­zes er­folgt sei. Sch­ließlich sei der im Kündi­gungs­schutz­pro­zess ab­ge­schlos­se­ne Ab­wick­lungs­ver­trag nicht als Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung an­zu­se­hen und könn­ten im Rah­men der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung kei­ne ne­ga­ti­ven Kon­se­quen­zen aus ei­ner im ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren vor­ge­se­he­nen gütli­chen Ei­ni­gung ge­zo­gen wer­den. Dies gel­te ins­be­son­de­re un­ter Berück­sich­ti­gung des zwi­schen­zeit­lich in Kraft ge­tre­te­nen § 1a Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG). Ein Ru­hen des Leis­tungs­an­spruchs bis zum 22.05.2002 sei da­nach eben­falls nicht ge­recht­fer­tigt. Ins­be­son­de­re ge­he die Be­klag­te zu Un­recht von ei­ner Kündi­gungs­frist von acht­zehn Mo­na­ten aus. Nach­dem ei­ne ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge außer­or­dent­li­che Kündi­gung möglich ge­we­sen sei, gel­te ei­ne von der Ar­beit­ge­be­rin ein­ge­hal­te­ne Kündi­gungs­frist von sechs Mo­na­ten zum Quar­tals­en­de.

Mit Ur­teil vom 07.12.2004 hat das So­zi­al­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zu Las­ten des Klägers sei ei­ne Sperr­zeit von 12 Wo­chen ein­ge­tre­ten, de­ren Be­ginn und En­de die Be­klag­te eben­so zu­tref­fend fest­ge­stellt ha­be wie die hier­aus re­sul­tie­ren­de Min­de­rung des An­spruchs auf Ar­beits­lo­sen­geld. Denn der Kläger ha­be sein Beschäfti­gungs­verhält­nis durch Ab­schluss des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich gelöst, hier­durch die Ar­beits­lo­sig­keit je­den­falls grob fahrlässig her­bei­geführt und für sein Ver­hal­ten kei­nen wich­ti­gem Grund ge­habt. Auch Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, die nach Aus­spruch ei­ner Ar­beit­ge­berkündi­gung ge­trof­fen würden und die Kündi­gung ab­si­chern soll­ten, sei­en als Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zu be­han­deln. Fer­ner ha­be der Kläger er­ken­nen müssen, dass er durch Ab­schluss des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleichs sei­ne Ar­beits­lo­sig­keit her­beiführen wer­de. Zwar kom­me ein wich­ti­ger Grund für die Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis in Be­tracht, wenn dem Ar­beit­neh­mer ei­ne ob­jek­tiv rechtmäßige be­triebs­be­ding­te Kündi­gung dro­he. Je­doch sei ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung des Klägers ta­rif­ver­trag­lich aus­ge­schlos­sen ge­we­sen und ha­be ein für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung er­for­der­li­cher wich­ti­ger Grund nicht vor­ge­le­gen. Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me sei nämlich der Ar­beits­platz des Klägers nicht zur Gänze weg­ge­fal­len. Darüber hin­aus ha­be die Möglich­keit be­stan­den, ihn nach ent­spre­chen­der Ein­ar­bei­tung bzw. Um­schu­lung in­ner­halb des Be­trie­bes auf ei­nen Büroar­beits­platz um­zu­set­zen. An­ge­sichts des­sen so­wie der vom Kläger we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­hal­te­nen Ab­fin­dung ha­be die Be­klag­te zu Recht auch ein Ru­hen des An­spruchs auf Gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld fest­ge­stellt. Der Zeit­raum des Ru­hens sei eben­falls zu­tref­fend be­rech­net. Die­se Ent­schei­dung ist dem Kläger am 01.03.2005 zu­ge­stellt wor­den.

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Am 31.03.2005 hat der Kläger Be­ru­fung ein­ge­legt.

Er trägt ergänzend vor, er wer­de we­gen des al­lein durch sein Al­ter be­ding­ten Aus­schlus­ses der or­dent­li­chen Kündi­gungsmöglich­keit des Ar­beit­ge­bers ge­genüber jünge­ren Kol­le­gen be­nach­tei­ligt. Dies ver­s­toße ge­gen eu­ro­pa­recht­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te.

Der Kläger be­an­tragt sinn­gemäß,

das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Stutt­gart vom 07. De­zem­ber 2004 und den Sperr­zeit- so­wie den Ru­hens­be­scheid der Be­klag­ten vom 15. No­vem­ber 2001, letz­te­ren in der Fas­sung des Ände­rungs­be­schei­des vom 14. Mai 2002, in der Ge­stalt, die sie durch die Wi­der­spruchs­be­schei­de vom 06. Ju­ni 2002 ge­fun­den ha­ben, auf­zu­he­ben so­wie den Be­wil­li­gungs­be­scheid der Be­klag­ten vom 16. Mai 2002 in der Ge­stalt der Ände­rungs­be­schei­de vom 28. Ok­to­ber 2002, vom 03. Ja­nu­ar 2003 und vom 02. Ja­nu­ar 2004 ab­zuändern und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm für die Zeit vom 01. No­vem­ber 2001 bis zum 22. Mai 2002 und vom 12. Mai 2004 bis zum 31. Mai 2004 Ar­beits­lo­sen­geld in ge­setz­li­cher Höhe zu gewähren.

Die Be­klag­te be­an­tragt un­ter Be­zug­nah­me auf die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung des So­zi­al­ge­richts,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Be­richt­er­stat­ter hat die Sach- und Rechts­la­ge in der nichtöffent­li­chen Sit­zung vom 21.06.2006 mit den Be­tei­lig­ten erörtert.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach­ver­halts und des Vor­brin­gens der Be­tei­lig­ten wird auf die Pro­zess­ak­ten so­wie die vom Se­nat bei­ge­zo­ge­nen Leis­tungs­ak­ten der Be­klag­ten und die gleich­falls bei­ge­zo­ge­nen Ak­ten des So­zi­al­ge­richts Stutt­gart (je ein Band) ver­wie­sen.

Ent­schei­dungs­gründe

Der Se­nat ent­schei­det im erklärten Ein­verständ­nis der Be­tei­lig­ten so­wie in An­wen­dung des ihm da­nach ge­setz­lich ein­geräum­ten Er­mes­sens oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung (§ 124 Abs. 2 So­zi­al­ge­richts­ge­setz - SGG -).

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Mit sei­nem An­fech­tungs­an­trag wen­det sich der Kläger zunächst ge­gen die den Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit so­wie die das Ru­hen des Leis­tungs­an­spruchs we­gen ver­ein­bar­ter Ent­las­sungs­entschädi­gung nebst Verlänge­rung die­ses Ru­hens­zeit­raums bis zum 22.05.2002 be­tref­fen­den Ent­schei­dun­gen der Be­klag­ten. Das von der Be­klag­ten mit Be­scheid vom 15.11.2001 fest­ge­stell­te Ru­hen des An­spruchs für die Zeit vom 01.10.2001 bis zum 31.10.2001 we­gen er­hal­te­ner bzw. zu be­an­spru­chen­der Ur­laubs­ab­gel­tung hat er - nach An­ga­be sei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten in der nichtöffent­li­chen Sit­zung vom 21.06.2006 be­wusst - nicht an­ge­grif­fen und dem­ent­spre­chend auch sei­nen Leis­tungs­an­trag be­reits im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren auf die Zeit ab dem 01.11.2001 be­schränkt. Die­ser Leis­tungs­an­trag um­fasst bei sach­dien­li­cher Aus­le­gung sei­nes Be­geh­rens (§ 123 SGG), wie es auch in der nichtöffent­li­chen Sit­zung vom 21.06.2006 zum Aus­druck ge­kom­men ist, die Gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld nicht nur für die Zeit vom 01.11.2001 bis zum 22.05.2002 son­dern, ent­spre­chend der von ihm er­streb­ten voll­umfäng­li­chen Auf­he­bung der Sperr­zei­tent­schei­dung der Be­klag­ten, auch be­zo­gen auf den - durch die im Sperr­zeit­be­scheid fest­ge­stell­te An­spruchs­min­de­rung vom Leis­tungs­be­zug aus­ge­schlos­se­nen und durch den Be­ginn der Ren­ten­zah­lung be­grenz­ten - Zeit­raum vom 12.05.2004 bis zum 31.05.2004. Ge­gen­stand des so­zi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens sind da­mit auch der Be­wil­li­gungs­be­scheid der Be­klag­ten vom 16.05.2002 in der Ge­stalt der Ände­rungs­be­schei­de vom 28.10.2002, vom 03.01.2003 und vom 02.01.2004, die ge­mein­sam mit den kor­re­spon­die­ren­den Sperr­zeit- und Ru­hens­ent­schei­dun­gen der Be­klag­ten ei­ne ein­heit­li­che recht­li­che Re­ge­lung dar­stel­len (vgl. BSG, Ur­teil vom 09.02.2006 - B 7a/7 AL 48/04 R -, zit. nach ju­ris).

Mit die­sem - kei­ne Kla­geände­rung (§153 Abs. 1, i. V. mit § 99 SGG) be­inhal­ten­den - Be­geh­ren ist die Be­ru­fung zulässig und zum Teil be­gründet. Zu Un­recht hat das So­zi­al­ge­richt die Kla­ge in vol­lem Um­fang ab­ge­wie­sen. Zwar sind die das Ru­hen des Leis­tungs­an­spruchs we­gen ver­ein­bar­ter Ent­las­sungs­entschädi­gung nebst Verlänge­rung die­ses Ru­hens­zeit­raums bis zum 22.05.2002 be­tref­fen­den Ent­schei­dun­gen der Be­klag­ten vom 15.11.2001 und vom 14.05.2002 in der Ge­stalt, die sie durch den Wi­der­spruchs­be­scheid vom 06.06.2002 ge­fun­den ha­ben, nicht zu be­an­stan­den (1.). Je­doch sind der Sperr­zeit­be­scheid der Be­klag­ten vom 15.11.2001 so­wie der in­so­weit er­gan­ge­ne Wi­der­spruchs­be­scheid vom 06.06.2002 zu Las­ten des Klägers rechts­wid­rig und ist ihm da­her un­ter Auf­he­bung die­ser Ent­schei­dun­gen so­wie un­ter Abände­rung des - man­gels zeit­li­cher Min­de­rung des Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruchs mit Blick auf die be­wil­lig­te An­spruchs­dau­er gleich­falls rechts­wid­ri­gen - Be­wil­li­gungs­be­schei­des vom 16.05.2002 in der Ge­stalt der Ände­rungs­be­schei­de vom 28.10.2002, vom 03.01.2003 und vom 02.01.2004

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Ar­beits­lo­sen­geld für die Zeit bis zum Ren­ten­ein­tritt zu gewähren (2.).

1.

Was die das Ru­hen des Leis­tungs­an­spruchs we­gen ver­ein­bar­ter Ent­las­sungs­entschädi­gung nebst Verlänge­rung die­ses Ru­hens­zeit­raums bis zum 22.05.2002 be­tref­fen­den Behörden­ent­schei­dun­gen be­trifft, ver­weist der Se­nat auf die ausführ­li­chen und zu­tref­fen­den Ausführun­gen des So­zi­al­ge­richts im Ur­teil vom 07.12.2004 (§ 153 Abs. 2 SGG). Ins­be­son­de­re ist im Fal­le des Klägers an­ge­sichts der in den Ent­schei­dungs­gründen des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils zu­tref­fend dar­ge­leg­ten un­be­fris­te­ten Aus­schlus­ses der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen or­dent­li­chen Kündi­gung gemäß § 143a Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB III ei­ne Kündi­gungs­frist von 18 Mo­na­ten in An­satz zu brin­gen. Die Verlänge­rung des auf die­ser Grund­la­ge von der Be­klag­ten rechts­feh­ler­frei er­mit­tel­ten Ru­hens­zeit­raums bis zum 22.05.2002 er­gibt sich da­bei - an­ge­sichts des zusätz­li­chen Ru­hens des An­spruchs we­gen er­hal­te­ner bzw. zu be­an­spru­chen­der Ur­laubs­ab­gel­tung - aus § 143a Abs. 1 Satz 5 i. V. m. § 143 Abs. 2 SGB III. Ergänzend ist mit Blick auf das Vor­brin­gen des Klägers fol­gen­des aus­zuführen:

Zunächst verstößt die An­wen­dung der Ru­hens­vor­schrift des § 143a SGB III vor­lie­gend nicht ge­gen Art. 3 Abs. 1 Grund­ge­setz (GG).

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ge­bie­tet, al­le Men­schen vor dem Ge­setz gleich zu be­han­deln. Es ver­letzt das Grund­recht, wenn ei­ne Grup­pe von Nor­madres­sa­ten im Ver­gleich zu an­de­ren Nor­madres­sa­ten an­ders be­han­delt wird, ob­wohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Un­ter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Ge­wicht be­ste­hen, dass sie die un­glei­che Be­hand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten. Da­bei kann es den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz auch ver­let­zen, wenn ei­ne Un­gleich­be­hand­lung von Per­so­nen­grup­pen le­dig­lich mit­tel­bar da­durch be­wirkt wird, dass Sach­ver­hal­te ver­schie­den be­han­delt wer­den, ob­wohl es dafür kei­nen recht­fer­ti­gen­den Grund gibt. Für die Be­ur­tei­lung, ob in ei­ner ge­setz­li­chen Re­ge­lung ein Gleich­heits­ver­s­toß zu se­hen ist, kommt es maßgeb­lich auf die Ei­gen­art des zu re­geln­den Sach­ver­halts an (vgl. BVerfG 1. Se­nat 1. Kam­mer, Be­schluss vom 26.01.2000 - 1 BvR 1918/99 - , zit. nach ju­ris, m. w. N.).

Da­nach liegt ei­ne vor Art. 3 Abs. 1 Grund­ge­setz (GG) zu be­an­stan­den­de Schlech­ter­stel­lung des Klägers im Ver­gleich zu Fall­ge­stal­tun­gen des § 1a KSchG nicht vor. Dies gilt un­abhängig von der Fra­ge, ob ei­ne in An­wen­dung der ge­nann­ten Re­ge­lung des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes er­hal­te­ne oder zu be­an­spru­chen­de Ab­fin­dung als Ent­las­sungs­entschädi­gung i. S. des § 143a SGB

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III an­zu­se­hen ist oder - wie der Kläger of­fen­bar meint - ein Ru­hen des An­spruchs auf Ar­beits­lo­sen­geld nicht aus­zulösen ver­mag. Denn § 1a KSchG schei­det schon in zeit­li­cher Hin­sicht als hier be­acht­li­che Ver­gleichs­re­ge­lung aus, da die Vor­schrift erst am 01.01.2004 und mit­hin nicht nur nach Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers son­dern auch nach - be­reits im Jah­re 2002 er­folg­tem - Ab­lauf des in Re­de ste­hen­den Ru­hens­zeit­raums in Kraft ge­tre­ten ist (vgl. Art. 1 Nr. 2 i. V. m. Art. 5 des Ge­set­zes zu Re­for­men am Ar­beits­markt vom 24.12.2003, BGBl I, 3002).

Darüber hin­aus ver­mag sich der Kläger auch nicht mit Er­folg auf ei­ne nach Art. 3 Abs. 1 GG gleich­heits­wid­ri­ge al­ters­be­ding­te Be­nach­tei­li­gung zu be­ru­fen.

Zwar war die Dau­er des Ru­hens sei­nes An­spruchs auf Ar­beits­lo­sen­geld zu Las­ten des Klägers gemäß § 143a Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB III fik­tiv (zunächst) des­halb nach der ma­xi­ma­len Kündi­gungs­frist von 18 Mo­na­ten zu be­mes­sen, weil die ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge or­dent­li­che Kündi­gung u. a. we­gen sei­nes Al­ters un­be­grenzt aus­ge­schlos­sen war. In­des han­delt es sich bei der in Re­de ste­hen­den Dif­fe­ren­zie­rung nach dem sach­ver­halts­be­zo­ge­nen Merk­mal der Unkünd­bar­keit le­dig­lich um ei­ne mit­tel­ba­re und darüber hin­aus auch nicht al­lein an das Al­ter, son­dern glei­cher­maßen an die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit an­knüpfen­de (vgl. § 4.4 des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für Beschäftig­te der Me­tall­in­dus­trie in Nordwürt­tem­berg/Nord­ba­den) Schlech­ter­stel­lung von älte­ren ge­genüber jünge­ren Ar­beit­neh­mern. Hin­zu kommt, dass die­se Schlech­ter­stel­lung durch die Be­schränkung des Ru­hens­zeit­raums auf längs­tens ein Jahr (§ 143a Abs. 2 Satz 1 SGB III) so­wie die nach Al­ter und nach Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit ge­staf­fel­te Ver­min­de­rung des zu berück­sich­ti­gen­den An­teils der Ent­las­sungs­entschädi­gung (§ 143a Abs. 2 Satz 3 SGB III) er­heb­lich ver­rin­gert wird, so dass die Aus­wir­kun­gen der Un­gleich­be­hand­lung nicht als un­an­ge­mes­sen (vgl. zu die­sem Ge­sichts­punkt BVerfG Kam­mer­be­schluss vom 26.01.2000, a. a. O.) an­zu­se­hen sind.

Die da­nach durch § 143a Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB III be­wirk­te Dif­fe­ren­zie­rung ist an­ge­sichts des Re­ge­lungs­ziels des § 143a SGB III, in ty­pi­sie­ren­der Wei­se Dop­pel­leis­tun­gen zu ver­mei­den (vgl. Nie­sel, SGB III, 3. Aufl. 2005, Rd­nr. 4 zu § 143a, Rd­nr. 2 zu § 143), sach­lich ge­recht­fer­tigt (vgl. zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Un­be­denk­lich­keit der in der Vorgänger­re­ge­lung des § 117 Abs. 2 Satz 3 Ar­beitsförde­rungs­ge­setz [AFG] i. d. F. des Vier­ten Ände­rungs­ge­set­zes vom 12.12.1977 [BGBl I, 2557] für den Fall des zeit­lich un­be­grenz­ten Aus­schlus­ses der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen or­dent­li­chen Kündi­gung nor­mier­ten fik­ti­ven Kündi­gungs­frist von ei­nem Jahr, BVerfG, Be­schluss des Drei­er­aus­schus­ses vom 14.12.1988 - 1 BvR 1011/81 - SozR 4100 § 117 AFG Nr.

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8). Denn bei vor­zei­ti­ger Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ist ty­pi­sie­rend oh­ne wei­te­res da­von aus­zu­ge­hen, dass die vom Ar­beit­neh­mer we­gen des Ver­lusts sei­nes Ar­beits­plat­zes er­hal­te­ne oder zu be­an­spru­chen­de Ent­las­sungs­entschädi­gung (auch) ei­nen Aus­gleich für den Weg­fall der durch Kündi­gungs­schutz ge­si­cher­ten zukünf­ti­gen Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt um­fasst (vgl. auch hier­zu, BVerfG, Be­schluss des Drei­er­aus­schus­ses vom 14.12.1988, a. a. O.). Nach­dem die ge­nann­te Si­che­rung der zukünf­ti­gen Ar­beits­ent­gelt­ansprüche durch Kündi­gungs­schutz re­gelmäßig mit Ab­lauf der Kündi­gungs­fris­ten en­det, ist da­her der Ru­hens­zeit­raum des § 143a SGB III auf die­ser Zeiträume be­schränkt. Ist aber die Si­che­rung der zukünf­ti­gen Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt - wie hier - in­fol­ge des un­be­fris­te­ten Aus­schlus­ses der or­dent­li­chen Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber und des Nicht­vor­lie­gens der Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne frist­ge­bun­de­ne Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund (§ 143a Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 2. Alt. SGB III) zeit­lich nicht be­schränkt, so ist es sach­ge­recht, der Be­rech­nung des Ru­hens­zeit­raums ei­nen durch die Ent­las­sungs­entschädi­gung ab­ge­gol­te­nen fik­ti­ven zukünf­ti­gen Ent­gelt­zeit­raum zu Grun­de zu le­gen, der die ge­nann­ten Kündi­gungs­fris­ten über­schrei­tet. Im Ge­gen­teil wäre an­ge­sichts der oben an­geführ­ten Be­schränkung des Ru­hens­zeit­raums auf längs­tens ein Jahr so­wie der nach Al­ter und nach Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit ge­staf­fel­ten Ver­min­de­rung des zu berück­sich­ti­gen­den An­teils der Ent­las­sungs­entschädi­gung ei­ne Gleich­be­hand­lung or­dent­lich künd­ba­rer und or­dent­lich nicht (mehr) künd­ba­rer Ar­beit­neh­mer hin­sicht­lich der für die Be­rech­nung des Ru­hens­zeit­raums (zunächst) maßgeb­li­chen Kündi­gungs­fris­ten aus Sach­gründen nicht zu recht­fer­ti­gen.

Die vom Kläger gerügte al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung verstößt schließlich auch nicht ge­gen Eu­ro­pa­recht. Da­bei kommt es nicht dar­auf an, ob und ge­ge­be­nen­falls in­wie­weit die bis­lang nicht in na­tio­na­les Recht um­ge­setz­ten EU-Gleich­be­hand­lungs­richt­li­ni­en 2000/43/EG des Ra­tes vom 29.06.2000, 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000, 2002/73/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23.09.2002 und 2004/113/EG des Ra­tes vom 13.12.2004 be­reits der­zeit zu be­ach­ten sind. Denn der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt un­terfällt nicht dem An­wen­dungs­be­reich der an­geführ­ten Re­ge­lun­gen des se­kundären Eu­ro­pa­rechts

Die EU-Richt­li­nie 2000/43/EG des Ra­tes vom 29.06.2000 zur An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes oh­ne Un­ter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft (ABl. EG Nr. L 180 S. 22 [An­ti­ras­sis­mus­richt­li­nie]) be­trifft nach ih­rem Art. 1 die Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft, nicht hin­ge­gen ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung auf­grund des Al­ters.

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Die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. EG Nr. L 303 S. 16 [Rah­men­richt­li­nie Beschäfti­gung]) dient zwar nach Art. 1 der Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf; sie gilt aber nach Art. 3 Abs. 3 aus­drück­lich nicht für Leis­tun­gen je­der Art sei­tens der staat­li­chen Sys­te­me oder der da­mit gleich­ge­stell­ten Sys­te­me ein­sch­ließlich der staat­li­chen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit oder des so­zia­len Schut­zes.

Die EU-Richt­li­nie 2002/73/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23.09.2002 zur Ände­rung der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Beschäfti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen (ABl. EG Nr. L 269 S. 15 [Gen­der­richt­li­nie]) und die Richt­li­nie 2004/113/EG des Ra­tes vom 13.12.2004 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en beim Zu­gang zu und bei der Ver­sor­gung mit Gütern und Dienst­leis­tun­gen (ABl. EG Nr. L 373 S. 37 [Gleich­be­hand­lungs­richt­li­nie we­gen des Ge­schlechts außer­halb der Ar­beits­welt]) be­zie­hen sich nach ih­ren Art. 1 auf die Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en; ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung auf­grund des Al­ters be­tref­fen sie nicht.

In An­se­hung des­sen schei­det auch ei­ne Vor­la­ge an den Eu­ropäischen Ge­richts­hof im Er­geb­nis aus. Denn ei­ne Vor­la­ge­pflicht gemäß Art. 234 EGV be­steht dann nicht, wenn die rich­ti­ge An­wen­dung des Ge­mein­schafts­rechts der­art of­fen­kun­dig ist, dass für ei­nen vernünf­ti­gen Zwei­fel kein Raum bleibt (vgl. EUGH, 6. Kam­mer, Ur­teil vom 17.05.2001 - C-340/99 - Eu­GHE I 2001, 4109-4166; BVerfG Kam­mer­be­schluß vom 14.10.1998 - 2 BvR 588/98 - NVwZ 1999, 293, jew. M. w. N.). Dies ist nach den oben ge­mach­ten Ausführun­gen hier der Fall, so dass der Se­nat da­von ab­sieht, dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof die vom Kläger auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge zur Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts vor­zu­le­gen.

2.

An­ders verhält es sich hin­ge­gen mit Blick auf den Sperr­zeit­be­scheid der Be­klag­ten vom 15.11.2001, den in­so­weit er­gan­ge­nen Wi­der­spruchs­be­scheid vom 06.06.2002 so­wie den Be­wil­li­gungs­be­scheid vom 16.05.2002 in der Ge­stalt der Ände­rungs­be­schei­de vom 28.10.2002, vom 03.01.2003 und vom 02.01.2004.

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Zwar schei­det nach den un­ter Ziff. 1. ge­mach­ten Ausführun­gen die be­gehr­te Gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld für die Zeit vom 01.11.2001 bis zum 22.05.2002 be­reits in An­wen­dung der §§ 143a, 143 Abs. 2 SGB III aus, so dass es auf die al­len­falls die Zeit bis zum 23.12.2001 be­tref­fen­den un­mit­tel­ba­ren Ru­hens­wir­kun­gen der von der Be­klag­ten auf der Grund­la­ge des § 144 SGB III fest­ge­stell­ten Sperr­zeit nicht an­kommt. In­des hat der - in den Sperr­zei­tent­schei­dun­gen der Be­klag­ten vom 15.11.2001 und vom 06.06.2002 fest­ge­stell­te - Ein­tritt ei­ner zwölfwöchi­gen Sperr­zeit nicht nur ein Ru­hen, son­dern nach § 128 Abs. 1 Nr. 4 SGB III auch ei­ne Min­de­rung des An­spruchs auf Ar­beits­lo­sen­geld um ein Vier­tel der An­spruchs­dau­er zur Fol­ge. Die­se von der Be­klag­ten in den Sperr­zeit­be­schei­den eben­falls fest­ge­stell­te An­spruchs­min­de­rung (hier um 240 Ta­ge) be­las­tet den Kläger durch den Aus­schluss vom Leis­tungs­be­zug in der Zeit vom 12.05.2004 bis zum 31.05.2004 (dem Tag vor sei­nem am 01.06.2004 er­folg­ten Ren­ten­ein­tritt).

In An­se­hung des­sen sind die in Re­de ste­hen­den Sperr­zeit- und Be­wil­li­gungs­ent­schei­dun­gen der Be­klag­ten in dem aus dem Te­nor er­sicht­li­chen Um­fang auf­zu­he­ben bzw. ab­zuändern. Zu­gleich ist die Be­klag­te zur Wei­ter­gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld für die - man­gels Min­de­rung der An­spruchs­dau­er - vor Erschöpfung des An­spruchs lie­gen­de Zeit vom 12.05.2004 bis zum 31.05.2004 zu ver­ur­tei­len. Denn die vor­lie­gend al­lein in Be­tracht kom­men­den Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Sperr­zeit nach § 144 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 1. Alt. SGB III sind nicht erfüllt, da der Kläger sein Beschäfti­gungs­verhält­nis mit der Fir­ma R. GmbH & Co. KG nicht im Sin­ne die­ser Vor­schrift gelöst hat.

Dies gilt selbst dann, wenn man der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (vgl. hier­zu das Ur­teil vom 18.12.2003 - B 11 AL 35/03 R -, BS­GE 92, 74 ff. = SozR 4-4300 § 144 Nr. 6 = NZA 2004, 661 ff. = Breith. 2004, 792 ff. = NZS 2004, 608 ff. = SGb 2004, 755 ff.) folgt, nach Aus­spruch ei­ner Ar­beit­ge­berkündi­gung zum Zwe­cke der Ab­si­che­rung der Kündi­gung ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer sei­en grundsätz­lich als Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zu be­han­deln.

Denn im Fal­le des Klägers liegt ei­ne Aus­nah­me von dem an­geführ­ten Grund­satz vor, nach­dem die zwi­schen ihm und sei­ner Ar­beit­ge­be­rin ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung über die Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses im Rah­men des von ihm ein­ge­lei­te­ten Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens durch ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich ge­schlos­sen wor­den ist. Geht nämlich der Ar­beit­neh­mer, den kei­ne Ob­lie­gen­heit des Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rungs­rechts zur Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge trifft, durch die Kla­ge­er­he­bung gleich­sam über­ob­li­ga­to­risch ge­gen die

- 12 -

Kündi­gung vor, so ver­mag ihm die Mit­wir­kung am un­strei­ti­gen Ab­schluss des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens durch Ver­gleich je­den­falls dann nicht zum Nach­teil zu ge­rei­chen, wenn die hier­durch be­wirk­te Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses - wie hier - oh­ne vor­he­ri­ge Ab­spra­che und zu­dem - wie von sei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten in der nichtöffent­li­chen Sit­zung vom 21.06.2006 un­wi­der­spro­chen vor­ge­tra­gen - auf Vor­schlag des Ar­beits­ge­richts er­folgt ist (wohl eben­so, aber oh­ne ab­sch­ließen­de Ent­schei­dung, BSG, Ur­teil vom 18.12.2003, a. a. O.; vgl. auch Bau­er/Krie­ger: "Das En­de der außer­ge­richt­li­chen Ei­ni­gung von Kündi­gungs­strei­tig­kei­ten?", NZA 2004, 640; Schuldt: "Sperr­zeit bei be­trieb­lich ver­an­lass­ter ein­ver­nehm­li­cher Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses", NZA 2005, 861; Seel: "Sperr­zeit für Ge­set­zes­treue?", NZS 2006, 184,185 m. w. N.).

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 193 So­zi­al­ge­richts­ge­setz (SGG).

Die Re­vi­si­on ist gem. § 160 Abs. 2 Nr. 1 SGG zu­zu­las­sen, da ins­be­son­de­re der Fra­ge grundsätz­li­che Be­deu­tung zu­kommt, ob und ge­ge­be­nen­falls un­ter wel­chen wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen ei­ne zwi­schen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber durch ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung über die Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses aus­nahms­wei­se kei­ne sperr­zeit­be­gründen­de Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses dar­stellt.

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