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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Arbeitsvertrag
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein
Akten­zeichen: 3 Sa 489/06
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 24.01.2007
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Lübeck
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein

Ak­ten­zei­chen: 3 Sa 489/06
6 Ca 1118/06 ArbG Lübeck (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)

 

Verkündet am 24.01.2007

gez. ...
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Ur­teil

Im Na­men des Vol­kes

In dem Rechts­streit pp.

hat die 3. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Schles­wig-Hol­stein auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 24.01.2007 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt ... als Vor­sit­zen­de und d. eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin ... als Bei­sit­ze­rin und d. eh­ren­amt­li­chen Rich­ter ... als Bei­sit­zer

für Recht er­kannt:

1. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 12.09.2006 – 6 Ca 1118/06 – wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann durch Ein­rei­chung ei­ner Re­vi­si­ons­schrift bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt in 99084 Er­furt, Hu­go-Preuß-Platz 1, Te­le­fax: (0361) 26 36 - 20 00 Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss

 

- 2 -

bin­nen ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat

beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen sein.

Der Re­vi­si­onskläger muss die Re­vi­si­on be­gründen. Die Re­vi­si­ons­be­gründung ist, so­fern sie nicht be­reits in der Re­vi­si­ons­schrift ent­hal­ten ist, in ei­nem Schrift­satz bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­zu­rei­chen. Die Frist für die Re­vi­si­ons­be­gründung beträgt

zwei Mo­na­te.

Die Fris­ten für die Ein­le­gung und die Be­gründung der Re­vi­si­on be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss das Ur­teil be­zeich­nen, ge­gen das die Re­vi­si­on ge­rich­tet wird, und die Erklärung ent­hal­ten, dass ge­gen die­ses Ur­teil Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­de.

Der Re­vi­si­ons­schrift soll ei­ne Aus­fer­ti­gung oder be­glau­big­te Ab­schrift des an­ge­foch­te­nen Ur­teils bei­gefügt wer­den.

Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

Der Schrift­form wird auch durch Ein­rei­chung ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments genügt, wenn es für die Be­ar­bei­tung durch das Ge­richt ge­eig­net ist. Schriftsätze können da­zu über ei­ne ge­si­cher­te Ver­bin­dung in den elek­tro­ni­schen Ge­richts­brief­kas­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein­ge­legt wer­den. Die er­for­der­li­che Zu­gangs- und Über­tra­gungs­soft­ware kann li­zenz­kos­ten­frei über die In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts (www.bun­des­ar­beits­ge­richt.de) her­un­ter­ge­la­den wer­den. Das Do­ku­ment ist mit ei­ner qua­li­fi­zier­ten Si­gna­tur nach dem Si­gna­tur­ge­setz zu ver­se­hen. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts (s.o.) so­wie un­ter www.egvp.de.

(Rechts­mit­tel­schrif­ten, Rechts­mit­tel­be­gründungs­schrif­ten und wech­sel­sei­ti­ge Schriftsätze im Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt sind in sie­ben­fa­cher - für je­den wei­te­ren Be­tei­lig­ten ei­ne wei­te­re - Aus­fer­ti­gung ein­zu­rei­chen.)

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner Be­fris­tung in ei­nem For­mu­lar­ar­beits­ver­trag.

 

- 3 -

Die Kläge­rin nahm am 01.11.2005 bei der Be­klag­ten auf Ba­sis ei­nes schrift­li­chen Ar­beits­ver­tra­ges ei­ne auf längs­tens ein Jahr be­fris­te­te Tätig­keit als Verkäufe­r­in auf. Die mo­nat­li­che Vergütung wur­de mit 1.000,00 EUR brut­to fest­ge­legt.

Der Tätig­keit lag der schrift­li­che, im Ein­zel­han­dels­be­reich bun­des­weit kur­sie­ren­de und auch von der Be­klag­ten for­mu­larmäßig ver­wen­de­te Ar­beits­ver­trag vom 31.10.2005 zu­grun­de (An­la­ge K1 – Bl. 7 ff. d. A.). Der Ver­trag enthält ei­ne dop­pel­te Be­fris­tungs­re­ge­lung. Er hat­te, so­weit von Be­deu­tung, fol­gen­den In­halt und fol­gen­de Ge­stal­tung:

„Zeit­be­fris­te­ter Ar­beits­ver­trag
nach dem Ge­setz
über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge *

...

wird fol­gen­der Zeit­ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen:

§ 1 An­stel­lung und Pro­be­zeit

Der/die Ar­beit­neh­mer/-in wird vom 1. No­vem­ber 2005 bis 31. Ok­to­ber 2006**

als Verkäufe­r­in
in (Ar­beits­ort) ...

zeit­lich be­fris­tet nach § 14 Abs. 2 des Ge­set­zes über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge ein­ge­stellt.

Es han­delt sich um ei­ne Neu­ein­stel­lung. Der/die Ar­beit­neh­mer/-in ver­si­chert, dass er/sie bis­her zu­vor bei dem Ar­beit­neh­mer noch nicht beschäftigt war.
Die ers­ten sechs Mo­na­te gel­ten als Pro­be­zeit. Das Ar­beits­verhält­nis en­det mit Ab­lauf die­ser Pro­be­zeit, oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf. Während der Pro­be­zeit kann das Ar­beits­verhält­nis bei­der­seits mit ei­ner Frist von zwei Wo­chen gekündigt wer­den.

§ 2 All­ge­mei­ne Pflich­ten

...
...

§ 10 Kündi­gung

Das Ar­beits­verhält­nis kann bei­der­seits nach Ab­lauf der Pro­be­zeit mit ei­ner Frist

von ei­nem Mo­nat zum Mo­nats­en­de

gekündigt wer­den.

...“ (Bl. 7, 9 d. A.).

 

- 4 -

Die Be­klag­te woll­te das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf der Pro­be­zeit zum 30.04.2006 aus­lau­fen las­sen. Sie teil­te die­ses der Kläge­rin mit Schrei­ben vom 19.04.2006 mit (An­la­ge B 1 – Bl. 21 d. A.). Ge­gen die­se Be­en­di­gung zum 30.04.2006 wen­det sich die Kläge­rin mit ih­rer Kla­ge vom 02.05.2006. Sie hat vor­ge­tra­gen, die im Klein­ge­druck­ten fest­ge­leg­te Be­fris­tung für die Dau­er der Pro­be­zeit ver­s­toße ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot gemäß § 307 Abs. 1 S. 2 BGB und un­ter­lie­ge darüber hin­aus dem Über­ra­schungs­schutz i. S. d. § 305 c Abs. 1 BGB. Die Re­ge­lung sei un­wirk­sam, so dass das Ar­beits­verhält­nis erst mit Ab­lauf der Be­fris­tung am 31.10.2006 be­en­det wor­den sei.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis nicht auf­grund der in § 1 Abs. 3 S. 2 des Ar­beits­ver­trags vom 31.10.2005 ge­re­gel­ten Be­fris­tung mit Ab­lauf des 30.04.2006 ge­en­det hat.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat vor­ge­tra­gen, die for­mu­larmäßige Ver­ein­ba­rung sei auch un­ter Berück­sich­ti­gung der §§ 305c Abs.1 und 307 Abs. 1 Satz 2 BGB wirk­sam.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das ge­schah im We­sent­li­chen mit der Be­gründung, die im be­fris­te­ten Ver­trag ent­hal­te­ne Ver­ein­ba­rung der Pro­be­zeit­be­fris­tung sei in­fol­ge des äußeren Er­schei­nungs­bil­des des Ver­tra­ges ge­ra­de auch an­ge­sichts der druck­tech­ni­schen Her­vor­he­bung der einjähri­gen Ver­trags­lauf­zeit so über­ra­schend, dass ein Ver­trags­part­ner nicht mit ihr ha­be rech­nen müssen. Ge­ra­de die Her­vor­he­bung der „großen Be­fris­tung“ im Kon­text zur ver­steck­ten Dar­stel­lung der „klei­nen Be­fris­tung“ ver­ur­sa­che das Über­ra­schungs­mo­ment im Sin­ne des § 305 c Abs. 1 BGB. Hin­sicht­lich der Ein­zel­hei­ten wird auf die erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dungs­gründe ver­wie­sen.

 

- 5 -

Ge­gen die­ses der Be­klag­ten am 13.10.2006 zu­ge­stell­te Ur­teil leg­te sie am 07.11.2006 Be­ru­fung ein, die so­gleich be­gründet wur­de. Sie ergänzt und ver­tieft im We­sent­li­chen ihr erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen. Ih­res Er­ach­tens liegt kei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung i. S. d. § 307 Abs. 1 S. 2 BGB vor, da die Re­ge­lung in sich klar und verständ­lich sei. Die Kläge­rin ha­be den Ver­trag nur durch­le­sen müssen, um die Pro­be­zeit­be­fris­tung fest­zu­stel­len. Sie könne sich nicht dar­auf be­schränken, nur ei­nen Teil des Ver­tra­ges, nämlich den druck­tech­nisch her­vor­ge­ho­be­nen, zur Kennt­nis neh­men zu müssen. Im Übri­gen sei zu be­ach­ten, dass es sich bei Über­ra­schungs­klau­seln um ob­jek­tiv un­gewöhn­li­che Klau­seln han­deln müsse, mit der der Ver­trags­part­ner nicht zu rech­nen brau­che. Be­fris­tungs­re­ge­lun­gen sei­en im Ar­beits­le­ben aber üblich im Sin­ne des § 310 Abs. 4 S. 2 BGB. Das gel­te auch für Be­fris­tun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Ver­ein­ba­rung ei­ner Pro­be­zeit. Die­se im Ar­beits­recht übli­chen Be­son­der­hei­ten ha­be das Ar­beits­ge­richt nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 12.09.2006, Geschäfts­zei­chen 6 Ca 1118/06 – wird die Kla­ge a bge­wie­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil so­wohl in tatsäch­li­cher, als auch in recht­li­cher Hin­sicht für zu­tref­fend. Durch die druck­tech­ni­sche Her­vor­he­bung des Ge­samt­be­fris­tungs­zeit­raums sei der Ein­druck er­weckt wor­den, das be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis daue­re ein Jahr. Nie­mand müsse bei die­ser Ge­stal­tung da­mit rech­nen, dass im Fließtext noch­mals oh­ne op­ti­sche Her­vor­he­bung ei­ne wei­te­re, zeit­lich kürze­re Be­fris­tung ver­steckt sei.

 

- 6 -

Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens wird auf den münd­lich vor­ge­tra­ge­nen In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe:

I.
Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und in­ner­halb der Be­gründungs­frist auch be­gründet wor­den.

II.
In der Sa­che konn­te die Be­ru­fung je­doch kei­nen Er­folg ha­ben.

Mit ausführ­li­cher, über­zeu­gen­der Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis nicht be­reits durch Frist­ab­lauf am En­de der Pro­be­zeit mit Ab­lauf des 30.04.2006 ge­en­det hat, weil die­se Re­ge­lung ge­gen § 305c Abs. 1 BGB ver­s­toße. Dem folgt das Be­ru­fungs­ge­richt. Zur Ver­mei­dung überflüssi­ger Wie­der­ho­lun­gen wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wie­sen (§ 69 Abs. 2 ArbGG). Le­dig­lich ergänzend wird fol­gen­des aus­geführt:

1.
Bei den am 31.10.2005 ge­trof­fe­nen ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen han­delt es sich zwei­fels­frei um all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen i. S. d. §§ 305 ff BGB. Die Be­klag­te ver­wen­det die­ses Ver­trags­for­mu­lar re­gelmäßig bei Ab­schluss zeit­be­fris­te­ter Ar­beits­verträge nach dem Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG). Die­ses Ver­trags­for­mu­lar wird im Übri­gen im Ein­zel­han­dels­be­reich im gan­zen Bun­des­ge­biet ver­wen­det. Auch das äußere Er­schei­nungs­bild des Ver­tra­ges, der der Kläge­rin von der Be­klag­ten vor­ge­legt wur­de und zahl­rei­che in­di­vi­du­el­le Ein­tra­gun­gen enthält, ent­spricht dem äußeren Er­schei­nungs­bild von all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen.

2.
Ei­ne Ver­let­zung des Trans­pa­renz­ge­bo­tes im Sin­ne des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB ist nicht fest­zu­stel­len. Die Be­stim­mung an sich ist klar und verständ­lich. Für den Ver­wen­der ent­ste­hen kei­ne un­ge­recht­fer­tig­ten Be­ur­tei­lungs­spielräu-

 

- 7 -

me. Der Ver­trags­part­ner kann oh­ne frem­de Hil­fe klar und ein­fach sei­ne Rech­te und et­wai­ge Hand­lungs­schrit­te fest­stel­len.

3.
§ 1 Abs. 3 S. 2 des Ar­beits­ver­tra­ges ist gemäß § 305c Abs. 1 BGB nicht Ver­trags­in­halt ge­wor­den. Es han­delt sich um ei­ne über­ra­schen­de Klau­sel.

a)
Nach § 305c Abs. 1 BGB wer­den Be­stim­mun­gen in all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen, die nach den Umständen, ins­be­son­de­re nach dem äußeren Er­schei­nungs­bild des Ver­trags, so un­gewöhn­lich sind, dass der Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders mit ih­nen nicht zu rech­nen braucht, nicht Ver­trags­be­stand­teil. Es muss ih­nen ein „Über­rum­pe­lungs- und Übertölpe­lungs­ef­fekt“ in­ne­woh­nen. Zwi­schen den durch die Umstände bei Ver­trags­schluss be­gründe­ten Er­war­tun­gen und dem tatsächli­chen Ver­trags­in­halt muss ein deut­li­cher Wi­der­spruch be­ste­hen. Da­bei sind al­le Umstände zu berück­sich­ti­gen, ins­be­son­de­re das äußere Er­schei­nungs­bild des Ver­trags (BGHZ 101, 29, 33). Auch das Un­ter­brin­gen ei­ner Klau­sel an ei­ner un­er­war­te­ten Stel­le im Text kann sie als Über­ra­schungs­klau­sel er­schei­nen las­sen (BAG vom 29. No­vem­ber 1995, 5 AZR 447/94, Rd.-Ziff. 22 –m. w. N.; BAG vom 31.08.2005 – 5 AZR 545/04, Rd.-Ziff. 24 –; vgl. auch BAG vom 23.02.2005 – 4 AZR 139/04, Rd.-Ziff. 59 – je­weils zi­tiert nach JURIS;). Das Über­ra­schungs­mo­ment ist um­so eher zu be­ja­hen, je be­las­ten­der die Be­stim­mung ist. Im Ein­zel­fall muss der Ver­wen­der dar­auf be­son­ders hin­wei­sen oder die Klau­sel druck­tech­nisch her­vor­he­ben (BAG a. a. O.).

b)
Ge­mes­sen an die­sen An­for­de­run­gen ist die in § 1 Abs. 3 S. 2 des Ar­beits­ver­tra­ges ent­hal­te­ne Pro­be­zeit­be­fris­tung nicht Ver­trags­be­stand­teil ge­wor­den. Maßge­bend sind vor­lie­gend der äußere Zu­schnitt der Klau­sel und ih­re Un­ter­brin­gung an ei­ner un­er­war­te­ten Stel­le.

aa.) Das Er­schei­nungs­bild des Ar­beits­ver­tra­ges muss­te die Er­war­tung der Kläge­rin her­vor­ru­fen, sie ha­be ei­nen auf 12 Mo­na­te be­fris­te­ten, künd­ba­ren

 

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Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen. Bei­de Be­fris­tun­gen be­fin­den sich un­ter ei­ner ein­heit­li­chen Über­schrift in § 1 „An­stel­lung und Pro­be­zeit“. Nur ei­ne Be­fris­tung ist op­tisch her­vor­ge­ho­ben. Die Pro­be­zeit­be­fris­tung be­fin­det sich im Fließtext des Klein­ge­druck­ten. Ge­ra­de durch die op­ti­sche Her­vor­he­bung des zwölf­mo­na­ti­gen Be­fris­tungs­zeit­raums nach dem Tz­B­fG di­rekt un­ter der all­ge­mei­nen Über­schrift „An­stel­lung und Pro­be­zeit“ wird beim Ver­trags­part­ner die Er­war­tung ge­weckt, die­ser und kein an­de­rer Zeit­raum führe zur au­to­ma­ti­schen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Bei ei­nem der­ar­ti­gen äußeren Zu­schnitt des § „An­stel­lung und Pro­be­zeit“ braucht der Ver­trags­part­ner nicht da­mit zu rech­nen, dass ne­ben der druck­tech­nisch her­vor­ge­ho­be­nen „großen Be­fris­tung“ noch oh­ne ge­stal­te­ri­sche Her­vor­he­bung ei­ne we­sent­lich kürze­re Pro­be­zeit­be­fris­tung in der glei­chen Ver­trags­be­stim­mung ver­steckt ge­re­gelt ist. Im Hin­blick auf die druck­tech­ni­sche Her­vor­he­bung der einjähri­gen Lauf­zeit des Ver­tra­ges war die klein ge­druck­te Re­ge­lung, wo­nach das Ar­beits­ver­trags­verhält­nis trotz die­ser Aus­wei­sung der einjähri­gen Lauf­zeit schon nach ei­nem hal­ben Jahr mit Ab­lauf der Pro­be­zeit en­det, ei­ne ver­steck­te Klau­sel.

bb.) Die­se Er­war­tungs­hal­tung ist darüber hin­aus auch durch die sons­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung bestärkt wor­den. Die ver­steck­te Be­fris­tungs­klau­sel ist un­ter miss­verständ­li­cher Über­schrift ein­ge­ord­net wor­den. Un­ter der Über­schrift „Pro­be­zeit“ wird vor­ran­gig er­war­tet, dass während der Dau­er der Pro­be­zeit kürze­re Kündi­gungs­fris­ten be­ste­hen, als nach Ab­lauf der Pro­be­zeit, aber nicht un­be­dingt er­war­tet wird, dass das Ar­beits­verhält­nis ei­ne auf die Pro­be­zeit be­schränk­te Be­fris­tung enthält. Die­ser Ein­druck wird wei­ter verstärkt durch die Re­ge­lung des § 10, die so­wohl hin­sicht­lich der Über­schrift „Kündi­gung“ so­wie hin­sicht­lich der Dau­er der Kündi­gungs­frist wie­der­um op­tisch her­vor­ge­ho­be­ne Aus­sa­gen enthält. Ins­ge­samt han­delt es sich um ei­nen de­tail­lier­ten, je­weils mit Pa­ra­gra­phenüber­schrif­ten ver­se­he­nen Ar­beits­ver­trag. Das Au­ge des Le­sers wird durch die op­ti­schen Her­vor­he­bun­gen in dem von der Be­klag­ten ver­wen­de­ten For­mu­lar­ver­trag wie ein Leit­fa­den ziel­ge­rich­tet auf die we­sent­li­chen Re­ge­lungs­aus­sa­gen des Ver­tra­ges ge­lenkt. Die op­ti­sche Her­vor­he­bung der ei­nen Be­fris­tungs­dau­er oh­ne gleich­zei­ti­ge op­ti­sche Her­vor­he­bung der zwei­ten Be­fris­tung lenkt bei die­ser Ge­stal­tungs­kon­zep­ti­on die Er­war­tungs­hal­tung des le­sen­den Ver­trags­part­ners weg von der Pro­be­zeit­be­fris­tung und aus­sch­ließ-

 

- 9 -

lich hin zur ge­re­gel­ten all­ge­mei­nen Ver­trags­dau­er nach dem Tz­B­fG. Durch die Ver­bin­dung von „An­stel­lung“ und Pro­be­zeit“ in der Über­schrift des § 1 des Ar­beits­ver­tra­ges wird die­ses noch wei­ter ver­fes­tigt.

cc.) Für das Vor­lie­gen ei­nes for­ma­len Über­rum­pe­lungs­ef­fek­tes spricht auch, wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend fest­ge­stellt hat, die Rei­hen­fol­ge der Be­fris­tungs­re­ge­lun­gen in­ner­halb des § 1 des Ar­beits­ver­tra­ges. Ein verständi­ger Ar­beit­neh­mer muss bei ei­nem so de­tail­lier­ten und auch op­tisch aus­ge­stal­te­ten Ver­trag nicht da­mit rech­nen, dass zu­erst und noch da­zu her­vor­ge­ho­ben, die länge­re Be­fris­tungs­dau­er auf­geführt wird, und da­nach, op­tisch völlig un­schein­bar, noch ei­ne zeit­lich kürze­re Ver­trags­lauf­zeit mit­tels Be­fris­tung ge­re­gelt wird.

c)
Ei­ne an­de­re Be­trach­tungs­wei­se er­gibt sich auch nicht un­ter an­ge­mes­se­ner Berück­sich­ti­gung der in § 310 Abs. 4 S. 2 BGB erwähn­ten ar­beits­recht­li­chen Be­son­der­hei­ten. Der Be­klag­ten ist zu­zu­ge­ste­hen, dass es sich bei der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung der Be­fris­tung für die Dau­er der Pro­be­zeit um ei­ne Re­ge­lung han­delt, die in Ar­beits­verträgen nicht ge­ne­rell unüblich ist. Gleich­wohl können auch sol­che Klau­seln im Ein­zel­fall über­ra­schend sein, wenn der Ar­beit­neh­mer auf­grund der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Ver­tra­ges so­wie der den Ver­trags­ab­schluss be­glei­ten­den Umstände mit ih­nen ge­ra­de nicht zu rech­nen braucht (An­nuß, Grund­struk­tu­ren der AGB-Kon­trol­le von Ar­beits­verträgen, BB 2006, 1333 (1336 m. w. N.)). So liegt es – wie be­reits dar­ge­legt - hier.

d)
Be­son­de­re, den Ver­trags­schluss be­glei­ten­de Umstände, die ge­eig­net wären, der Ver­trags­ge­stal­tung den Über­ra­schungs­cha­rak­ter zu neh­men exis­tie­ren im vor­lie­gen­den Fall nicht. Der Kläge­rin ist schlicht ein be­fris­te­ter Ver­trag oh­ne wei­ter­ge­hen­de Erläute­run­gen über­mit­telt wor­den. Dar­auf­hin er­folg­te ih­rer­seits die Un­ter­schrifts­leis­tung.

 

- 10 -

4.
Da­mit ist die Pro­be­zeit­be­fris­tung als über­ra­schen­de Klau­sel im Sin­ne des § 305c Abs. 1 BGB nicht Ver­trags­be­stand­teil ge­wor­den. Das berührt den Wei­ter­be­stand des Ver­tra­ges im Übri­gen je­doch nicht. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te da­her nicht durch Frist­ab­lauf am En­de der Pro­be­zeit, das ist der 30.04.2006. Der Kla­ge ist da­her zu Recht statt­ge­ge­ben wur­de. Die Be­ru­fung war des­halb zurück­zu­wei­sen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO.

Die Re­vi­si­on war gemäß § 72 Abs. 2 Ziff. 1 ArbGG zu­zu­las­sen.

 

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