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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Kündigung: Verhaltensbedingt
   
Gericht: Thüringer Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 3 Sa 22/07
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 11.06.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Suhl, Urteil vom 13.12.2004, 5 Ca 1808/04
   

Ak­ten­zei­chen: 3 Sa 22/07
5 Ca 1808/04
Ar­beits­ge­richt Suhl

Verkündet am 11.06.2009
gez. Spöck als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt

IM NA­MEN DES VOL­KES

 


In dem Rechts­streit


…/…,
…,
…,
…  

- Be­klag­ter und
Be­ru­fungskläger -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter:


ge­gen

…/…,

- Kläger und
Be­ru­fungs­be­klag­ter -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter:

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hat das Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 05.02.2009 durch Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt En­gel als Vor­sit­zen­de und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frau Schell­knecht-Soban­ski und Herr Har­nisch als Bei­sit­zer für Recht er­kannt:

Auf die Be­ru­fung des be­klag­ten Frei­staats wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Suhl vom 13.12.2004 – 5 Ca 1808/04 – ab­geändert und wie folgt neu ge­fasst:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis nicht durch die Kündi­gung des be­klag­ten Frei­staa­tes vom 02.07.2004 zum 31.07.2004 be­en­det wur­de.

2. Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

3. Der Kläger hat die Kos­ten des Ver­fah­rens zu 4/7, der be­klag­te Frei­staat zu 3/7 zu tra­gen, wo­bei der be­klag­te Frei­staat die Kos­ten des Nicht­zu­las­sungs­ver­fah­rens (3 AZN 918/06) vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richts al­lei­ne zu tra­gen hat.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten im we­sent­li­chen über die Wirk­sam­keit ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung, ei­ner gleich­falls aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che Kündi­gung, für die später zu­dem per­so­nen­be­ding­te Kündi­gungs­gründe nach­ge­scho­ben wur­den und über den An­trag des Be­klag­ten, das Ar­beits­verhält­nis ge­richt­lich auf­zulösen.

Der am 28.09.1953 ge­bo­re­ne Kläger ab­sol­vier­te ein Stu­di­um zum Di­plom­psy­cho­lo­gen. Er stu­dier­te Rechts­wis­sen­schaf­ten und schloss die­ses Stu­di­um mit der ers­ten ju­ris­ti­schen Staats­prüfung ab. Er ist mit ei­ner Rich­te­rin in M…… ver­hei­ra­tet und hat ein Kind. Die Fa­mi­lie hat ih­ren Haupt­wohn­sitz in M………..

Der Kläger wur­de zum 15.04.1991 beim Be­klag­ten als Sach­be­ar­bei­ter an­ge­stellt. Er wur­de zunächst als Re­fe­rent im Lan­des­amt für of­fe­ne Vermögens­fra­gen und ab dem 01.01.1999 im Flur­neu­ord­nungs­amt in M…….., dort zu­letzt Sach­ge­biets­lei­ter zu 4.100,00 Eu­ro brut­to

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beschäftigt. Es fin­den die Vor­schrif­ten des BAT-O und die ihn ergänzen­den Vor­schrif­ten An­wen­dung. Der Kläger un­ter­hielt bzw. un­terhält Zweit­woh­nun­gen in M…….. und in E……..
Der Kläger ver­stieß seit Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­gen sei­ne Ar­beits­zei­ten. In der ers­ten Dienst­stel­le wur­de er in der Zeit vom 30.06.1997 bis zum 31.12.1997 wie­der­holt er­mahnt, sei­ne Ar­beits­zeit und Ter­mi­ne ein­zu­hal­ten. Mit Schrei­ben vom 22.12.1997 er­hielt er ei­ne Ab­mah­nung, weil er in den vor­an­ge­gan­ge­nen drei Mo­na­ten 18-mal die Kern­zeit miss­ach­tet hat­te (Bl. 31 d.A.).

1995 ver­ein­bar­te der Amts­lei­ter des Flur­neu­ord­nungs­am­tes mit dem ört­li­chen Per­so­nal­rat ei­ne grundsätz­lich für al­le Mit­ar­bei­ter gel­ten­de Dienst­zeit­ver­ein­ba­rung mit ei­ner ver­bind­li­chen Kern­zeit je­weils ab 8:30 Uhr (Bl. 27-30 d.A.). Der Kläger kann­te seit sei­ner Ver­set­zung de­ren Re­ge­lun­gen. Er ver­wies auf sei­nen Le­bens­mit­tel­punkt in M…….. und be­an­spruch­te Aus­nah­men von der Dienst­zeit so­wie sei­ne Über­nah­me ins Be­am­ten­verhält­nis, da dies sei­ne Mo­ti­va­ti­on für ei­nen Um­zug nach T……… stärken würde. Bei­de Anträge wur­den ab­ge­lehnt (vgl. Bl. 176-178 d.A.).

Der Kläger er­schien vom 15.11.2001 bis zum 28.02.2002 25-mal zu spät zum Dienst und er­hielt die Ab­mah­nung vom 14.03.2002 (Bl. 32 d.A.). Mit Schrei­ben vom 19.05.2003 wur­de der Kläger er­neut ab­ge­mahnt, weil er vom 01.04.2002 bis zum 31.03.2003 75-mal zu spät ge­kom­men sei (Bl. 33 d.A.). Der Kläger be­stritt 2003 die kor­rek­te Zeit­er­fas­sung durch die Stech­uhr. Nach­dem er sich hierüber wie­der­holt mit den Mit­ar­bei­tern in der Pfor­te aus­ein­an­der­ge­setzt und die­se sich be­schwert hat­ten, wur­de in der Pfor­te ne­ben der Stech­uhr ei­ne Funk­uhr auf­gehängt. So­dann be­stritt der Kläger auch die kor­rek­te Zeit­mes­sung durch die Funk­uhr. Mit Schrei­ben vom 10.06.2003 wand­te sich der ört­li­che Per­so­nal­rat an den Be­klag­ten. Er wies dar­auf hin, dass der Kläger fort­ge­setzt und nicht nur ge­ringfügig ge­gen die gel­ten­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung ver­s­toße und die mit der Zeit­er­fas­sung be­trau­ten Mit­ar­bei­ter ver­bal at­ta­ckie­re. Er ver­wies auf die Er­folg­lo­sig­keit bzw. Ta­ten­lo­sig­keit der vor­ge­setz­ten Stel­len. Dies ha­be zu ei­ner nach­hal­ti­gen Störung des Frie­dens in der Dienst­stel­le geführt. Die an­de­ren Be­diens­te­ten for­der­ten ei­ne „Gleich­be­hand­lung“ und stell­ten zu­neh­mend die Dienst­zeit­re­ge­lung in Fra­ge. Im In­ter­es­se ei­nes ord­nungs­gemäßen Dienst­be­trie­bes und des Be­triebs­frie­dens for­der­te der Per­so­nal­rat die Ver­set­zung bzw. Ent­las­sung des Klägers (Bl. 141-142 d.A.). Am 23.06.2003 wur­de ei­ne neue Stech­uhr an­ge­schafft, die nun auch aus Sicht des Klägers die Uhr­zeit kor­rekt an­zeig­te. Er kam am 26.01.2004 um 3,5 St­un­den, am 26.02.2004 um 4,5 St­un­den so­wie am 23.03.2004 um 3,5 St­un­den zu spät und wur­de hierfür mit Schrei­ben vom 25.03.2004 ab­ge­mahnt (Bl. 34 d.A.). Der Kläger kam er­neut 7-mal (29.03.2004, 30.03.2004: je 1 min; 31.03.2004: 2 min; 17.05.2004: 6 min; 18.05.2004: 6 min; 19.05.2004: 8 min) und am 21.06.2004 um drei St­un­den und 13 Mi­nu­ten zu spät zum Dienst. Er ent­schul­dig­te sich nicht. An­ge­spro­chen auf die letz­te Ver­spätung erklärte er, sich we­gen der Wit­te­rungs- und Ver­kehrs­verhält­nis­se ver­spätet zu ha­ben. Hin­sicht­lich sei­ner Ent­schul­di­gun­gen zu den Ver­spätun­gen von 2001 bis 2003 wird auf das Schrei­ben des Amts­lei­ters vom 18.04.2005 und sei­ne An­la­ge ver­wie­sen (Bl. 208-213 d.A.). Der Amts­lei­ter führt

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aus, dass der Kläger sein Ver­hal­ten u.a. da­mit erklärte, dass er „früh schwer in die Gänge kom­me“ und sein „Bio­rhyth­mus nicht stim­me“. Die Be­leg­schaft ha­be aus dem Ver­hal­ten den Schluss ge­zo­gen, dass ei­ne Norm oh­ne Sank­tio­nen un­ter­lau­fen wer­den könne. Es sei im­mer wie­der in Grup­pen­be­spre­chun­gen al­ler Fach­be­rei­che Dis­kus­si­ons­the­ma ge­we­sen. Be­diens­te­te hätten sich an den Per­so­nal­rat ge­wandt, da der Kläger das Dienst­gebäude we­gen dem mor­gend­li­chen Zu­spätkom­men abends nicht pünkt­lich ver­las­se. So könn­ten auch sie nicht nach Hau­se ge­hen. Der Kläger ha­be in ei­ner Per­so­nal­ver­samm­lung am 20.06.2003 die man­geln­de Ge­nau­ig­keit der Zeit­er­fas­sung gerügt, wor­auf meh­re­re Be­diens­te­te ih­ren Un­mut zum Aus­druck ge­bracht hätten, dass der Kläger ständig zu spät kom­me und es dann noch auf die Un­ge­nau­ig­keit der Zeit­er­fas­sung schie­be.

An­ge­sichts der ab­ge­mahn­ten und er­neu­ten Kern­zeit­ver­let­zun­gen be­ab­sich­tig­te der Be­klag­te nun, dem Kläger we­gen be­harr­li­cher Ar­beits­ver­wei­ge­rung außer­or­dent­lich zu kündi­gen. Er un­ter­rich­te­te den Haupt­per­so­nal­rat hierüber mit Schrei­ben vom 28.06.2004 (Bl. 35-37 d.A.), der das Schrei­ben am 28.06.2004 er­hielt und am 01.07.2006 da­hin be­ant­wor­te­te, dass er sich zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung nicht äußern wer­de. Der Be­klag­te kündigt dem Kläger mit Schrei­ben vom 02.07.2004, das am 03.07.2004 zu­ging, mit ei­ner Aus­lauf­frist zum 31.07.2004. Mit Schrei­ben vom 05.08.2004 in­for­mier­te der Be­klag­te den Haupt­per­so­nal­rat, dass er be­ab­sich­ti­ge, dem Kläger ver­hal­tens­be­dingt auch hilfs­wei­se or­dent­lich zum 31.03.2005 zu kündi­gen (Bl. 69-72 d.A.). Der Haupt­per­so­nal­rat reich­te das am 09.08.2004 zu­ge­gan­ge­ne Schrei­ben mit dem Ver­merk zurück, dass er kei­ne Einwände ha­be. Der Be­klag­te kündig­te dem Kläger mit Schrei­ben vom 14.09.2004, zu­ge­gan­gen am 23.09.2004, hilfs­wei­se or­dent­lich zum 31.03.2005.

Nach­dem der Kläger am 26.07.2004 ge­gen die außer­or­dent­li­che Kündi­gung und am 01.10.2004 ge­gen die or­dent­li­che Kündi­gung Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Suhl er­ho­ben und der Be­klag­te sie mit den be­harr­li­chen Ar­beits­zeit­verstößen be­gründet hat­te, be­rief sich der Kläger mit Schrift­satz vom 12.11.2004 auf ein frühkind­li­ches Psy­cho­t­rau­ma, das ihn dar­an hin­de­re, sein Ver­hal­ten bei der Ein­hal­tung der Ar­beits­zeit zu steu­ern. Er leg­te fol­gen­de ärzt­li­che Bestäti­gun­gen vor:

Am 15.07.2004 bestätig­te Fach­arzt für Psych­ia­trie und psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Me­di­zin Dr. K……., dass sich der Kläger von 1977 bis 1980 in psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Be­hand­lung be­fun­den und un­ter ei­ner neu­ro­ti­schen Sym­pto­ma­tik, v.a. un­ter Kon­taktstörun­gen ge­lit­ten ha­be, die sich auch auf das Zeit­gefühl er­streckt hätten. Die­se Störun­gen hätten sich da­mals we­sent­lich ge­bes­sert (Bl. 63 d.A.). Der Kläger brach die Be­hand­lung ab, weil sich die po­si­ti­ven Kräfte auf­ge­braucht hat­ten und er mein­te, dass ihm ei­ne an­de­re The­ra­pie bes­ser hel­fen könne.

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Am 20.08.2004 bestätig­te Dipl. Psych. Frau Dr. M……., dass sich der Kläger von 1986 bis 1990 in psy­cho­ana­ly­ti­scher Be­hand­lung be­fun­den ha­be. Er ha­be un­ter ei­ner auf­fal­len­den Störung des Zeit­gefühls ge­lit­ten, die sich u.a. in ei­ner all­ge­mei­nen Ten­denz zur Unpünkt­lich­keit geäußert ha­be. Die von sei­nem Ar­beit­ge­ber be­klag­te fort­ge­setz­te Ver­spätungs­ten­denz sei als un­be­wuss­tes Zau­dern zu be­grei­fen, re­sul­tie­rend aus sei­ner Angst, dass er den Be­zugs­per­so­nen am Ar­beits­platz mögli­cher­wei­se nicht will­kom­men sei. Die­se krank­heits­wer­ti­ge Angst als ein ex­trem psy­chi­scher Span­nungs­zu­stand ha­be sich als hoch the­ra­pie­re­sis­tent er­wie­sen (Bl. 65-66 d.A.) ver­wie­sen. Der Kläger brach die The­ra­pie ab, weil sie auch aus sei­ner Sicht kei­ne Er­fol­ge er­ziel­te. Er hat­te 1990 kei­ne An­stel­lung. Ihm schien die Fortführung der The­ra­pie nicht vor­dring­lich. Er such­te da­nach kei­nen The­ra­peu­ten mehr auf, weil er sich das Pro­blem „nicht so rich­tig vor Au­gen geführt“ und „mögli­cher­wei­se auch ei­ne Ba­ga­tel­li­sie­rungs­ten­denz be­stan­den“ hat. Er war op­ti­mis­tisch, das Pro­blem selbst lösen zu können. Be­fragt über die Grund­la­ge der op­ti­mis­ti­schen Einsschätzung nach Er­halt der Ab­mah­nung et­wa vom 19.05.2003, ver­wies er auf die da­ma­li­ge Fehl­funk­ti­on der Stech­uhr, das über­wie­gend nur „Mi­ni­mal­ab­wei­chun­gen von bis zu 10 Mi­nu­ten“ vor­ge­le­gen hätten und er auf Aus­nah­men hin­sicht­lich des Ar­beits­be­ginns ge­hofft ha­be. Er ha­be sich we­gen ei­ner „Mob­bing­ten­denz“ nicht rich­tig gefördert gefühlt. Hin­sicht­lich der Ein­zel­hei­ten sei­ner Selbst­einschätzung wird auf das Pro­to­koll der Ver­hand­lung vom 14.03.2006 (Bl. 163-171 d.A.) und sei­ne „Stel­lung­nah­me“ vom 20.11.2003 ver­wie­sen, die er an den Be­klag­ten und an den EuGH und den EGMR ver­sand­te, bei de­nen er sich im Jah­re 2003 über die Nicht­an­nah­me sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim BVerfG be­schwert hat­te, mit der er ei­ne Un­gleich­be­hand­lung bei der An­er­ken­nung ju­ris­ti­scher Staats­ex­ami­na gerügt hat­te (Bl. 173-190 d.A.). Hin­sicht­lich zwei­er wei­te­rer ärzt­li­cher Be­schei­ni­gun­gen wird auf Bl. 62 u. 64 d.A. ver­wie­sen.

Nach Er­halt des Schrift­sat­zes des Klägers vom 12.11.2004 in­for­mier­te der Be­klag­te den Haupt­per­so­nal­rat mit Schrei­ben vom 10.12.2004, dass er an­ge­sichts der neu­en Ar­gu­men­ta­ti­on be­ab­sich­ti­ge, zur or­dent­li­chen Kündi­gung vom 14.09.2004 nun auch per­so­nen­be­ding­te Kündi­gungs­gründe nach­zu­schie­ben (Bl. 274-276 d.A.). Nach Zu­gang des Schrei­bens am 20.12.2004 be­schloss der Haupt­per­so­nal­rat am 27.12.2004, hier­ge­gen kei­ne Einwände zu er­he­ben.

Die Par­tei­en strei­ten vor dem Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt un­ter dem Ak­ten­zei­chen 7 Sa 3/06 über die Wirk­sam­keit ei­ner wei­te­ren or­dent­li­chen Kündi­gung zum 30.06.2005.

Der Kläger be­gehr­te vor dem Ar­beits­ge­richt die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gun­gen, den Fort­be­stand sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses und sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung. Ein Kündi­gungs­grund ha­be nicht vor­ge­le­gen. So ha­be er sei­ne Ar­beits­zeit schon seit 1991 nicht stets ein­ge­hal­ten, was ge­dul­det wor­den sei. Die Ab­mah­nun­gen sei­en oh­ne Be­lang. Dem Schrei­ben

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vom 19.05.2003 feh­le der Warn­hin­weis. We­gen ih­rer Häufung hätten sie ih­re Warn­funk­ti­on ver­lo­ren. Ei­ne er­neu­te Ab­mah­nung hätte aber, wie schon die letz­ten zu ei­ner deut­li­chen Bes­se­rung geführt. Er ha­be oh­ne­hin nie vor­werf­bar ge­han­delt, da die Ver­spätun­gen aus­weis­lich der ärzt­li­chen Bestäti­gun­gen auf ei­nem kli­nisch re­le­van­ten Psy­cho­t­rau­ma be­ruh­ten. Ein Um­zug nach T…….. sei aus kin­der­psy­cho­lo­gi­scher Sicht nicht rat­sam, zu­mal sei­ne Frau in M…… ei­ne An­stel­lung ha­be. Sch­ließlich könne der Amts­lei­ter doch ihm mit ei­nem Son­der­sta­tus bei der Ein­hal­tung der Kern­zeit ent­ge­gen­kom­men. Er ha­be sich ge­mobbt und stiefmütter­lich be­han­delt gefühlt. So sei er, nach­dem er sich 2003 we­gen ei­nes ge­gen ihn er­wirk­ten Kos­ten­ti­tels öffent­lich pres­se­wirk­sam ha­be ver­haf­ten las­sen, um auf ei­ne Ge­set­zeslücke zwi­schen FGG und ZPO hin­zu­wei­sen, aus dem öffent­li­chen Be­reich der Rechts­ab­tei­lung ver­setzt wor­den. Auch wei­ge­re sich der Amts­lei­ter, mit ihm oh­ne Pro­to­kollführer un­ter vier Au­gen zu re­den. Die Kol­le­gen hätten sei­ne fa­mi­liäre Si­tua­ti­on ge­kannt und sein Ver­hal­ten ak­zep­tiert. Er rüge die Be­tei­li­gung des Per­so­nal­ra­tes.

Der Be­klag­te be­an­trag­te die Ab­wei­sung der Kla­ge. Der Kläger ha­be nach­hal­tig und hartnäckig sei­ne Ar­beits­zeit ver­letzt. Dies sei nie ge­dul­det, son­dern mehr­fach ab­ge­mahnt wor­den. Er ha­be sei­ne Fahr­zei­ten ge­kannt und sich auf Ver­kehrs- und Wit­te­rungs­be­din­gun­gen ein­stel­len oder um­zie­hen können. Die Rüge, dass er die Ab­mah­nun­gen we­gen ih­rer Häufung nicht mehr ha­be ernst neh­men müssen, aber ei­ne wei­te­re Ab­mah­nung zu ei­ner Ver­hal­tens­bes­se­rung geführt hätte, sei wi­dersprüchlich. Dies auch vor der Be­haup­tung, we­gen ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung sein Ver­hal­ten gar nicht steu­ern zu können. Die Re­le­vanz ei­nes frühkind­li­chen Psy­cho­t­rau­mas sei eben­so wie ver­meint­li­ches Mob­bing ei­ne rei­ne Schutz­be­haup­tung. Er hal­te es nur nicht für not­wen­dig, die Kern­zei­ten ein­zu­hal­ten. Sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung sei un­zu­mut­bar ge­wor­den. Dies se­he selbst der Per­so­nal­rat we­gen sei­ner nach­hal­ti­gen Störung des Be­triebs­frie­dens und der Be­triebs­dis­zi­plin so. Der Haupt­per­so­nal­rat sei ord­nungs­gemäß be­tei­ligt wor­den.

Das Ar­beits­ge­richt erklärte mit sei­nem am 13.12.2004 verkünde­ten Ur­teil bei­de Kündi­gun­gen für un­wirk­sam und ver­ur­teil­te den Be­klag­ten zur Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers. Zwar ha­be er ob­jek­tiv sei­ne Pflich­ten er­heb­lich ver­letzt, da sein Vor­trag zu wit­te­rungs­be­ding­ten Ver­spätun­gen und Mob­bing un­sub­stan­ti­iert sei. Dies gel­te aber nicht für den durch die At­tes­te be­leg­ten Recht­fer­ti­gungs­grund des Psy­cho­t­rau­mas. Der Be­klag­te tra­ge die Dar­le­gungs­last. Sein Be­strei­ten sei zu pau­schal. Der Hin­weis in der münd­li­chen Ver­hand­lung, dass er krank­heits­be­ding­te Kündi­gungs­gründe nach­ge­scho­ben ha­be, nur das Ver­fah­ren zur Be­tei­li­gung des Per­so­nal­rats noch nicht ab­ge­schlos­sen sei, könne für die­se In­stanz nun eben nicht mehr berück­sich­tigt wer­den.

Der Be­klag­te beschäftig­te den Kläger in G…… wei­ter. Am ers­ten Ar­beits­tag kam er ei­ne St­un­de zu spät. Er erklärte, die Fahrt­zeit falsch ein­geschätzt zu ha­ben. Ei­ne Ver­spätung am 23.01.2006,

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am 30.01.2006, am 13.02.2006, am 20.02.2006 und am 01.03.2006 um 38, 58,11, 21 bzw. ei­ne St­un­de und 49 Mi­nu­ten be­gründe­te er mit ei­nem de­fek­ten We­cker, dem Überhören des We­ckers, dass er sein Au­to ha­be be­pa­cken müssen, mit win­ter­li­chen Ver­kehrs­verhält­nis­sen und der Un­kennt­nis sei­ner Ar­beits­zeit. Am 06.03.2006 ver­späte­te er sich um 29 Mi­nu­ten, weil ihn sein Um­zug nach G…… psy­chisch stark be­las­tet ha­be. Er er­hielt die Ab­mah­nung vom 27.03.2006 (Bl. 206-207 d.A.). Der Be­klag­te er­laubt sei­nen Mit­ar­bei­tern nur in drin­gen­den Fällen pri­va­te Te­le­fo­na­te während der Ar­beits­zeit. Er er­mahn­te den Kläger, weil er in acht Wo­chen 29 St­un­den und acht Mi­nu­ten während der Ar­beits­zeit pri­vat te­le­fo­niert hat­te.

Der Kläger erklärte in der Ver­hand­lung am 14.03.2006, dass er „psy­chisch (...) schlecht or­ga­ni­siert sei, ein Rest von Cha­os (...); wenn äußere Stress­si­tua­tio­nen, wie das Pa­cken, da­zu kom­men“, könne die durch die The­ra­pie er­reich­te psy­chi­sche Sta­bi­lität „auch wie­der la­bil wer­den (...). Das Pa­cken und Sor­tie­ren (....), das Pa­cken sind Din­ge, die mich dann auch an Gren­zen führen“ (Bl. 167 d.A.). Er ist seit Ju­ni 2006 er­neut in psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Be­hand­lung. Am 01.08.2006 bestätig­te ihm Dipl.-Psych. Frau Z……, dass den Ver­spätun­gen „ei­ne er­heb­li­che Verstärkung der psy­chi­schen Span­nung, ver­bun­den mit dem Gefühl des in­ne­ren Cha­os“ vor­aus­ge­gan­gen sei­en und er „beim Pa­cken und Ord­nen sei­ner Sa­chen“ nicht zu ei­nem En­de kom­me (Bl. 242 ff d.A.).

Der Kläger such­te oh­ne Er­folg Stütz­stim­men für sei­ne Kan­di­da­tur zur Wahl des Per­so­nal­ra­tes und be­gründe­te dies mit der Ab­sicht, Son­derkündi­gungs­schutz zu er­lan­gen. Er be­an­trag­te 2008 die Fest­stel­lung sei­ner Schwer­be­hin­de­rung. Mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 29.01.2009 wur­de ein GdB von 50 fest­ge­stellt. Un­ter Be­tei­li­gung ei­nes me­di­zi­ni­schen Sach­verständi­gen und Her­an­zie­hung des Be­rich­tes von Dipl.-Psych. Z…. sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die fest­ge­stell­ten Lei­den, u.a. ei­ne „psy­chi­sche Be­hin­de­rung, Zwangs­neu­ro­se mit An­pas­sungsstörun­gen und So­ma­ti­sie­rung (...)“ in der jetzt fest­ge­stell­ten Schwe­re ab dem 01.10.2003 vor­ge­le­gen ha­ben (Bl. 278-279 d.A.). Der Kläger teil­te dies dem Be­klag­ten erst­mals mit Schrift­satz vom 04.02.2009 mit.

Der Be­klag­te leg­te ge­gen das ihm am 06.04.2006 zu­ge­stell­te Ur­teil am 04.05.2005 Be­ru­fung beim Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt ein und be­gründe­te sie nach ei­ner am 02.06.2005 be­an­trag­ten und bis zum 06.07.2005 verlänger­ten Be­ru­fungs­be­gründungs­frist am 28.06.2005. Die feh­len­de Steue­rungsfähig­keit sei nicht schlüssi­ge dar­ge­legt. Der Kläger ha­be das Trau­ma nie erwähnt und sich sei­ner erst nach den Kündi­gun­gen wie­der be­son­nen. Als Di­plom­psy­cho­lo­ge hätte er sonst sei­ne Be­hand­lungs­bedürf­tig­keit er­kannt. Tatsächlich ha­be ihm Dr. K……. aber ei­ne Bes­se­rung be­schei­nigt. Der Be­fund von Dr. M…… be­tref­fe ein Staats­ex­amen als Ex­trem­si­tua­ti­on und nicht la­pi­da­re tägli­che Ar­beits­zei­ten. Sonst sei die or­dent­li­che Kündi­gung per­so­nen­be­dingt wirk­sam. Die seit 1977 be­ste­hen­de the­ra­pie­re­sis­ten­te Störung recht­fer­ti­ge ei­ne

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ne­ga­ti­ve Ge­sund­heits­pro­gno­se. Es kom­me trotz neu­er The­ra­pie un­verändert zu Ver­spätun­gen. Das ständi­ge Miss­ach­ten von Ar­beits­zei­ten und Ter­mi­nen führe, schuld­haft oder nicht, zu er­heb­li­chen Störun­gen in den Be­triebs­abläufen und des Be­triebs­frie­dens. Hilfs­wei­se sei das Ar­beits­verhält­nis ge­richt­lich auf­zulösen. Der Kläger zei­ge sei­ne la­xe Ein­stel­lung zu Pflich­ten auch in G….. Er über­zie­he nun auch die Mit­tags­pau­sen und te­le­fo­nie­re wei­ter umfäng­lich pri­vat. Am 16.02.2006 ha­be er in ei­ner Ver­samm­lung ge­prahlt, dass sei­ne Ent­las­sung aus­sichts­los sei und sinn­los Steu­er­gel­der ver­schwen­de. Das Ver­hal­ten sei bei den Kol­le­gen auf Ab­leh­nung ges­toßen. Zu­dem he­ge er mas­si­ve Vor­ur­tei­le, v.a. ge­genüber „im Os­ten“ aus­ge­bil­de­te Kol­le­gen.


Der Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Suhl vom 13.12.2004 – 5 Ca 1808/04 – ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Hilfs­wei­se das Ar­beits­verhält­nis gemäß §§ 9, 10 KSchG ge­gen Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung, die in das Er­mes­sen des Ge­rich­tes ge­stellt wird, auf­zulösen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung des Be­klag­ten und des­sen Auflösungs­an­trag zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt das Ur­teil. Aus­weis­lich der ärzt­li­chen Bestäti­gun­gen tra­ge er an den Ver­spätun­gen kei­ne Schuld. So­weit er sie bis­lang an­der­wei­tig erklärt ha­be, be­ru­he auch dies auf sei­ner kran­ken Psy­che. Selbst der Be­klag­te ge­he wohl hier­von aus, da er die or­dent­li­che Kündi­gung nun auf krank­heits­be­ding­te Gründe stütze. War­um es dem Be­klag­ten nicht zu­zu­mu­ten sei, ihn wei­ter­zu­beschäfti­gen könne er nicht er­ken­nen. Er störe we­der die Be­triebs­abläufe noch den Be­triebs­frie­den. Das Nach­schie­ben neu­er Kündi­gungs­gründe ver­letz­te sei­nen An­spruch auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz. Der Be­klag­te ha­be sein Kind­heits­trau­ma stets ge­kannt. Die frühe­ren Ar­beits­zeit­verstöße sei­en zu­dem un­er­heb­lich, weil er nun in der Dienst­stel­le in G…… end­lich zwei­mal pro Mo­nat ei­nen ent­spre­chen­den Zeit­aus­gleich und da­mit ei­nen späte­ren Dienst­an­tritt in An­spruch neh­men könne. Im Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 2006 sei er zwar er­neut wie­der­holt zu spät ge­kom­men. Dies ha­be aber al­lein an der be­son­de­ren psy­chi­schen Be­las­tung sei­nes Um­zugs von M…….. nach G……. ge­le­gen. Er ha­be schließlich bis spät in die Nacht sei­nen Haus­rat sor­tiert und we­gen des kürze­ren Schla­fes schlicht ver­schla­fen. Dies könne man ihm doch nicht zum Vor­wurf ma­chen. Nun sei er in ärzt­li­cher Be­hand­lung und ernst­haft um künf­ti­ge Sta­bi­li­sie­rung bemüht.

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Durch Teil­ur­teil vom 17.08.2006 wies die 5. Kam­mer des Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richts die Be­ru­fung des Be­klag­ten zurück und erklärte die Kündi­gung vom 02.07.2004 we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen § 78 ThürPers­VG für un­wirk­sam. Auf die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Be­klag­ten hob das Bun­des­ar­beits­ge­richt das Teil­ur­teil mit Be­schluss vom 21.08-2007 auf und ver­wies den Rechts­streit an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück.

We­gen des sons­ti­gen Vor­brin­gens der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf ih­re Schriftsätze Be­zug ge­nom­men.


Ent­schei­dungs­gründe

A. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ist zulässig. Sie ist teil­wei­se be­gründet. So­weit das Ar­beits­ge­richt die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 02.07.2004 für un­wirk­sam erklärt hat, ist die Be­ru­fung nicht be­gründet. Die­se Kündi­gung ist un­wirk­sam. Sie hat das Ar­beits­verhält­nis nicht mit Ab­lauf der Aus­lauf­frist zum 31.07.2004 be­en­det. Sie kann nicht in ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung um-ge­deu­tet wer­den und als außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht als An­knüpfungs­punkt für die vom Be­klag­ten be­an­trag­te Auflösung ge­nom­men wer­den. Das Ar­beits­verhält­nis wur­de aber durch die or­dent­li­che Kündi­gung vom 14.09.2004 zum 31.03.2005 be­en­det. Die­se Kündi­gung ist wirk­sam. In­so­weit ist das Ur­teil ab­zuändern. Der An­trag auf Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der or­dent­li­chen Kündi­gung, der all­ge­mei­ne Fest­stel­lungs- und der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag des Klägers sind als un­be­gründet ab­zu­wei­sen. Der sei­ner Rechts­na­tur nur für den Fall der Wirk­sam­keit der or­dent­li­chen Kündi­gung ge­stell­te Auflösungs­an­trag fiel nicht zur Ent­schei­dung an.

I. Die Kündi­gung vom 02.07.2004 hat das Ar­beits­verhält­nis nicht be­en­det. Sie ist zwar nicht nach § 85 SGB IX un­wirk­sam. Sie erfüllt je­doch un­ter Abwägung al­ler bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen nicht die An­for­de­run­gen des § 626 BGB. Ei­ne ord­nungs­gemäße Anhörung des Haupt­per­so­nal­ra­tes kann da­her un­ge­prüft blei­ben. Sie ist auch nicht in ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung um­zu­deu­ten.

1. Die Kündi­gung ist nicht be­reits nach § 85 SGB IX un­wirk­sam, ob­wohl der Be­klag­te vor ih­rem Aus­spruch trotz der Schwer­be­hin­de­rung des Klägers kei­ne Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes ein­ge­holt hat­te. Nach der zum 01.05.2004 in Kraft ge­tre­te­nen Vor­schrift des § 90 Abs. 2a SGB IX fin­det § 85 SGB IX kei­ne An­wen­dung, wenn zum Zeit­punkt der Kündi­gung die Ei­gen­schaft des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers als schwer­be­hin­der­ter Mensch nicht nach­ge­wie­sen ist oder das Ver­sor­gungs­amt nach Ab­lauf der Frist des § 69 Abs. 1 Satz 2 SGB IX ei­ne

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Fest­stel­lung we­gen feh­len­der Mit­wir­kung nicht tref­fen konn­te. Zwar muss dem Ar­beit­ge­ber zum Zeit­punkt der Kündi­gung der ent­spre­chen­de Be­scheid grundsätz­lich nicht vor­ge­le­gen ha­ben. Es ist je­doch er­for­der­lich aber auch aus­rei­chend, wenn der Be­scheid zum Zeit­punkt der Kündi­gung ob­jek­tiv exis­tiert (BAG 11.12.2008 – 2 AZR 395/07 – Ju­ris). Hier­zu muss der An­trag min­des­tens drei Wo­chen vor der Kündi­gung ge­stellt sein und das Feh­len des Nach­wei­ses nicht auf der feh­len­den Mit­wir­kung des Ar­beit­neh­mers be­ru­hen (BAG 06.09.2007 – 2 AZR 324/06 – ju­ris). Ist das An­er­kennt­nis­ver­fah­ren zum Kündi­gungs­zeit­punkt im übri­gen aber schlicht noch nicht ab­ge­schlos­sen oder wie vor­lie­gend erst vie­le Jah­re nach der Kündi­gung ein­ge­lei­tet wor­den, schei­det der Son­derkündi­gungs­schutz auch dann aus, wenn die Fest­stel­lung der Ei­gen­schaft als schwer­be­hin­der­ter Mensch später mit Rück­wir­kung er­folgt (BAG 29.11.2007 – 2 AZR 613/06 – Ju­ris).

2. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist je­doch nach § 626 Abs. 1 BGB un­wirk­sam.

a. Der Kläger hat bin­nen drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung vom 02.07.2004 Kla­ge auf Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung er­ho­ben. Er ist da­mit nicht be­reits nach §§ 4, 13 KSchG mit der Rüge des Feh­lens ei­nes wich­ti­gen Grun­des präklu­diert.

b. Nach § 626 Abs. 1 BGB kann ein Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf Grund de­rer es dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Die Prüfung die­ser Vor­aus­set­zun­gen er­folgt in zwei Stu­fen. Bei ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ist zunächst fest­zu­stel­len, ob der Kläger ob­jek­tiv und rechts­wid­rig sei­ne Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag ver­letzt hat und das Ver­hal­ten an sich ge­eig­net ist, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. Auf der zwei­ten Stu­fe ist zu prüfen, ob es dem Be­klag­ten bei Abwägung al­ler vernünf­ti­ger­wei­se in Be­tracht kom­men­den Umstände un­zu­mut­bar ist, das Ar­beits­verhält­nis bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist fort­zu­set­zen.

Im Rah­men der hier­bei vor­zu­neh­men­den In­ter­es­sen­abwägung bil­det der Grad des Ver­schul­dens ein wich­ti­ges Abwägungs­kri­te­ri­um. Vor­lie­gend hat der Kläger be­strit­ten, an dem kündi­gungs­re­le­van­ten Ver­hal­ten ei­ne Schuld zu tra­gen, da er we­gen ei­nes „kli­nisch re­le­van­ten (Kind­heits-) Psy­cho­t­rau­mas“ zwar stets bes­tens Wil­lens ge­we­sen sei, sei­nen Dienst pünkt­lich an­zu­tre­ten, we­gen sei­ner tief grei­fen­den psy­chi­schen Störun­gen die Um­set­zung die­ses Vor­ha­bens aber nicht ha­be steu­ern können, al­so un­ver­schul­det zu spät ge­kom­men sei. So­weit er in der Ver­gan­gen­heit stets an­de­re Gründe vor­ge­scho­ben ha­be, sei dies Teil des

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Krank­heits­bil­des. Der Be­klag­te hat die Re­le­vanz des frühkind­li­chen Trau­mas für ei­ne heu­ti­ge Ver­hal­tens­steue­rung als Schutz­be­haup­tung be­strit­ten. Die­ser Streit kann bei der Prüfung der Wirk­sam­keit der Kündi­gung vom 02.07.2004 da­hin ste­hen. Das ob­jek­ti­ve Ver­hal­ten des Klägers ist zwar an sich ge­eig­net, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. Aber auch bei ei­ner un­ter­stell­ten Steue­rungsfähig­keit ist es dem Be­klag­ten un­ter Abwägung al­ler für und ge­gen die außer­or­dent­li­che Be­en­di­gung spre­chen­den Umstände im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall zu­zu­mu­ten, den Kläger bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist wei­ter zu beschäfti­gen.

aa. Das Ver­hal­ten des Klägers ist ob­jek­tiv ge­eig­net, ei­nen wich­ti­gen Grund dar­zu­stel­len.

Er­scheint ein Ar­beit­neh­mer nicht oder ver­spätet zur Ar­beit, er­bringt er die von ihm ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung teil­wei­se nicht. Holt er sie nach, er­bringt er sie den­noch nicht zur rech­ten Zeit. Da­mit verstößt er ge­gen sei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ver­pflich­tung, die Ar­beit mit Be­ginn der maßge­ben­den dienst­li­chen Ar­beits­zeit auf­zu­neh­men und sie im Rah­men der ver­bind­li­chen Dienst­zei­ten zu er­brin­gen (BAG 17.03.1988 – 2 AZR 576/87 – Ju­ris, mwN). Wird die versäum­te Ar­beits­zeit nach­ar­bei­tet, macht dies den Ver­trags­ver­s­toß nicht un­ge­sche­hen. Es ist für ei­nen Ar­beit­neh­mer ge­ra­de kenn­zeich­nend, der zeit­li­chen Fi­xie­rung der Ar­beits­pflicht durch sei­nen Ar­beits­ge­ber un­ter­wor­fen zu sein. Ist er gleich­wohl wie­der­holt wei­sungs­wid­rig unpünkt­lich, kann dies an sich ge­eig­net sein, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen, wenn sie den Grad und die Aus­wir­kung ei­ner be­harr­li­chen Ver­wei­ge­rung der Ar­beits­pflicht er­reicht ha­ben (BAG 25.01.1990 – 2 AZR 89/89 – Ju­ris; 17.03.1988 – 2 AZR 576/87 – Ju­ris).

Der Kläger kam 1997 in sei­ner ers­ten Dienst­stel­le un­strei­tig bin­nen drei Mo­na­te 18-mal zu spät zum Dienst und wur­de hierfür ab­ge­mahnt. Nach sei­ner Ver­set­zung nach M…….. mahn­te der Be­klag­te für den Zeit­raum von No­vem­ber 2001 bis Ju­ni 2004 wei­te­re 110 Ar­beits­zeit­verstöße ab. Der Kläger hat­te auch dort sei­ne Ar­beits­zei­ten in den vor­ge­nann­ten Fällen nicht ein­ge­hal­ten und ge­gen die Dienst­zeit­ver­ein­ba­rung ver­s­toßen, von de­ren persönli­chen Gel­tungs­be­reich (§ 1) er un­strei­tig auch er­fasst wird. Der Kläger hat sei­ne Nor­mun­ter­wor­fen­heit nicht be­strit­ten, nur ei­ne Son­der­be­hand­lung ver­langt. Un­strei­tig wur­den in wei­te­ren Per­so­nal­gesprächen münd­lich darüber hin­aus Ver­spätun­gen be­an­stan­det. Mit Aus­nah­me der mit Schrei­ben vom 19.05.2003 ab­ge­mahn­ten Kern­zeit­ver­let­zun­gen blie­ben die ab­ge­mahn­ten Ver­spätun­gen un­be­strit­ten. Sein teil­wei­se Be­strei­ten be­gründe­te der Kläger da­mit, dass „die Stech­uhr nicht funk­tio­niert“, „es sich über­wie­gend nur um Mi­ni­mal­ab­wei­chun­gen von bis zu 10 Mi­nu­ten“ ge­han­delt ha­be, er auf ei­ne Aus­nah­me von der Ar­beits­zeit ge­hofft und sich we­gen ei­ner „Mob­bing­ten­denz“ nicht rich­tig gefördert gefühlt ha­be. In sei­ner Stel­lung­nah­me vom 20.11.2003 erläutert er hier­zu (S. 4; Bl. 176 d.A.), dass abzüglich der Fälle, in de­nen die Stech­uhr sein Kom­men feh­ler­haft als ver­spätet fest­ge­stellt ha­be, 45 Zeitüber­schrei­tun­gen in 16 Mo­na­ten ver­blei­ben würden, von de­nen 26 Verstöße im „Be­reich von et­wa 10 Mi­nu­ten“ und wei­te­ren „rd. 19 „größeren“ Zeitüber­schrei­tun­gen

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vor­ge­fal­len sei­en. Da­mit ge­steht er je­den­falls 26 ver­meint­lich „klei­ne“ und rund 19 umfäng­li­che Ver­spätun­gen zu. Auch die zur Kündi­gung führen­den Ver­spätun­gen vom 29.03.2004 bis zum 21.06.2004 blie­ben un­be­strit­ten. So­weit der Kläger hin­sicht­lich der Ver­spätung am 21.06.2004 auf „wid­ri­ge Wit­te­rungs- und Ver­kehrs­be­din­gun­gen“ ver­weist, be­strei­tet er nicht das Zu­spätkom­men, son­dern nur das Ver­schul­den hier­an. Zusätz­lich ver­weist der Kläger selbst dar­auf, auch in der Zeit von 1991 bis 1997 und ins­be­son­de­re von 1998 bis 2001 noch sehr viel mehr Ar­beits­zeit­verstöße be­gan­gen zu ha­ben. Der Kläger hat al­so langjährig und in ei­nem so er­heb­li­chen Um­fang im­mer wie­der ge­gen sei­ne Pflicht ver­s­toßen, pünkt­lich zum Dienst zu er­schei­nen, dass die­ses Ver­hal­ten ob­jek­tiv ge­eig­net ist, an sich ei­nen wich­ti­gen Grund dar­zu­stel­len.

bb. Un­ter Abwägung al­ler vernünf­ti­ger­wei­se in Be­tracht kom­men­den Umstände ist es dem Be­klag­ten aber gleich­wohl nicht un­zu­mut­bar ge­we­sen, das Ar­beits­verhält­nis bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist fort­zu­set­zen. Selbst wenn die Kam­mer zu Guns­ten des Be­klag­ten un­ter­stellt, dass die Ausführun­gen des Klägers zu sei­nem psy­chi­schen Ge­sund­heits­zu­stand Schutz­be­haup­tun­gen sind und er den Zeit­punkt sei­nes Er­schei­nens in der Dienst­stel­le sehr wohl steu­ern konn­te, über­wie­gen auf­grund der Be­son­der­hei­ten des vor­lie­gen­den Ein­zel­falls nicht die In­ter­es­sen des Be­klag­ten an ei­ner vor­fris­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses.

Für die Un­zu­mut­bar­keit der Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers spricht zunächst, dass er mit sei­nem Ver­hal­ten nicht nur ge­gen sei­nen Ar­beits­ver­trag und § 18 BAT-O ver­s­toßen hat. Er hat zu­gleich ge­gen die Dienst­zeit­ver­ein­ba­run­gen ver­s­toßen. Dies ist ge­eig­net, die be­trieb­li­che Ver­bun­den­heit emp­find­lich zu stören, die we­sent­lich mit den Be­grif­fen der Be­triebs­ord­nung und des Be­triebs­frie­dens re­präsen­tiert sind. Die Be­triebs­ord­nung wird nicht nur durch ei­nen Ver­s­toß ge­gen die Dienst­zeit­re­ge­lung tan­giert, son­dern auch durch ei­ne da­mit ein­her­ge­hen­de Störung der mit­ein­an­der ver­floch­te­nen Be­triebs­abläufe (BAG 17.03.1988 – 2 AZR 576/87 – aaO). Be­ginnt die Kern­zeit ei­ner Dienst­stel­le und da­mit die Ar­beits­zeit, zu der al­le Be­diens­te­ten spätes­tens an­we­send sein müssen, können sich al­le Mit­ar­bei­ter, An­ru­fer und Behörden­be­su­cher auf die An­we­sen­heit ge­eig­ne­ter Gesprächs­part­ner in­ner­halb des fest­ge­leg­ten Zeit­fens­ters ein­stel­len. Ins­be­son­de­re wenn Ar­beits­abläufe in­ner­halb ei­nes be­stimm­ten Sach­ge­bie­tes in den Händen des Sach­ge­biets­lei­ters gebündelt und ko­or­di­niert wer­den, ist sein pünkt­li­ches Er­schei­nen in der Dienst­stel­le un­ver­zicht­bar, da­mit al­le wei­te­ren Ar­beits­abläufe im nach­ge­ord­ne­ten Be­reich rei­bungs­los funk­tio­nie­ren. Als Re­präsen­tant sei­nes Sach­ge­bie­tes ist der Sach­ge­biets­lei­ter zu­gleich An­sprech­part­ner für ne­ben- oder über­ge­ord­ne­te Stel­len, die sich ih­rer­seits auf sei­ne ter­min­ge­rech­te Er­reich­bar­keit ver­las­sen können müssen. Ne­ben den be­rech­tig­ten In­ter­es­sen ei­nes Ar­beit­ge­bers an funk­tio­nie­ren­den Be­triebs­abläufen sind auch sei­ne be­rech­tig­ten In­ter­es­sen an der Wah­rung des Be­triebs­frie­dens zu berück­sich­ti­gen. Ein Ar­beit­neh­mer, der hartnäckig zu spät kommt, ver­letzt die Re­geln des men­sch­li­chen Zu­sam­men­le­bens al­ler Mit­ar­bei­ter des

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Be­trie­bes, die dem Be­triebs­in­ha­ber und der Be­leg­schaft ein ge­deih­li­ches Zu­sam­men­le­ben und Zu­sam­men­wir­ken er­leich­tern sol­len. Wer­den die für al­le ver­bind­li­chen Spiel­re­geln wie­der­holt igno­riert, kann die­se aus ob­jek­ti­ver Sicht als pro­vo­ka­tiv emp­fun­de­ne Miss­ach­tung den Be­triebs­frie­den und da­mit das be­trieb­li­che Zu­sam­men­le­ben mas­siv stören (BAG 17.03.1988 – 2 AZR 576/87 – aaO).
Vor­lie­gend kam es durch das Ver­hal­ten des Klägers nicht nur zu ei­ner abs­trak­ten Störung der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit. Es führ­te zu ei­ner kon­kret mas­si­ven und nach­hal­ti­gen Störung der Be­triebs­abläufe und der Be­zie­hun­gen der Mit­ar­bei­ter der Dienst­stel­le. Der Amts­lei­ter hat in sei­ner Stel­lung­nah­me (Bl. 208-209 d.A.) aus­geführt, dass die Be­leg­schaft aus dem Ver­hal­ten des Klägers die Schluss­fol­ge­rung ge­zo­gen hätten, dass ver­bind­lich fest­ge­leg­te Spiel­re­geln der Dienst­stel­le er­sicht­lich oh­ne Sank­tio­nen un­ter­lau­fen wer­den könn­ten. Der Kläger stel­le ei­ne Störung des Be­triebs­frie­dens dar. Der Kläger hat­te hier­zu ein­ge­wandt, dass die Kol­le­gen sei­ne fa­mi­liäre Si­tua­ti­on je­doch ge­kannt und sein Ver­hal­ten ak­zep­tiert hätten. Selbst wenn dies der Fall ge­we­sen sein soll­te, wi­der­spricht dies nicht der Si­tua­ti­ons­schil­de­rung des Amts­lei­ters, dass die Be­leg­schaft nach dem „Vor­bild“ des Klägers zwi­schen­zeit­lich im glei­chen Maße die Frei­heit zur wunsch­gemäßen Ge­stal­tung ih­rer Ar­beits­pflich­ten je nach persönli­cher Be­find­lich­keit in An­spruch neh­men woll­ten und dies zu ständi­gen Dis­kus­sio­nen geführt ha­be. Würden aber al­le Mit­ar­bei­ter die be­trieb­lich gel­ten­den Spiel­re­geln miss­ach­ten, et­wa kom­men und ge­hen, wann sie es aus wel­chen Gründen auch im­mer für an­ge­nehm er­ach­ten, kann ein Be­trieb mit in­ein­an­der grei­fen­den Ar­beits­abläufen nicht funk­tio­nie­ren. Ge­gen ei­ne ver­meint­li­che all­sei­ti­ge Ak­zep­tanz spre­chen zu­dem die ei­ge­nen Schil­de­run­gen des Klägers in sei­ner Stel­lung­nah­me vom 20.11.2003. Auf Sei­te 10 und 11 schil­dert er Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Ein­hal­tung sei­ner Ar­beits­zeit. Er nimmt Be­zug auf ei­ne Anhörung im Ju­ni 2003 durch den Amts­lei­ter, der in­so­weit „wie­der­um den An­schul­di­gun­gen zwei­er ‚Ost’- Be­diens­te­ten blind­lings Glau­ben ge­schenkt“ ha­be. Er wirft dem Amts­lei­ter vor, dass er sich ge­wei­gert ha­be, die Fehl­funk­ti­on der Funk­uhr der Zeit­er­fas­sung end­lich an­hand der Arm­band­uhr des Klägers an­zu­er­ken­nen. An­lass des Per­so­nal­gespräches sei sei­ner Auf­fas­sung nach ei­gent­lich „die kon­kre­te Be­schwer­de der (Ost-) Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin C…… W……“ ge­we­sen, weil er sie „anläss­lich ei­nes Gespräches mit ei­ner an­de­ren Mit­ar­bei­te­rin ‚be­lei­digt’ ha­be“ und es bei die­sem Gespräch zu „wech­sel­sei­ti­gen Be­lei­di­gun­gen“ ge­kom­men sei. Un­ter Hin­weis auf vor­he­ri­ge Ausführun­gen (“zu oben 3., Spie­gel­stri­che 2, 6, 7, und 10“) erklärt er, we­gen des Strei­tes um die Ein­hal­tung sei­ner Ar­beits­zeit wie­der­holt zu Per­so­nal­gesprächen zi­tiert wor­den zu sein, je­weils „mit dem Hin­weis auf Anträge und Be­schwer­den ‚aus dem Kreis der Be­diens­te­ten’ – bei de­nen es sich stets um ‚Ost’- Be­diens­te­te“ ge­han­delt ha­be. Er ha­be „das re­spekt­lo­se Ver­hal­ten von Be­diens­te­ten wie et­wa das Nicht-Grüßen oder die of­fe­ne Ab­leh­nung von dienst­li­chen An­wei­sun­gen als ge­ge­ben hin­neh­men“ müssen und sich ei­nem „ei­gen­ar­ti­gen Sys­tem prak­ti­scher Kon­trol­len durch un­ter­ge­ord­ne­te Mit­ar­bei­ter aus­ge­lie­fert ge­se­hen, was „von der pein­li­chen Über­prüfung und Übe­r­ar­bei­tung der Stech­kar­ten­ein­träge über das sorgfälti­ge Stu­die­ren mei­ner

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‚pri­va­ten’ Te­le­fon­ab­rech­nun­gen bis zur Un­ter­wer­fung un­ter die ‚Schlüssel­ge­walt’ des Herrn Haus­meis­ters W…….. reich­te“. Er be­klagt sich, abends in der Behörde ein­ge­schlos­sen wor­den zu sein, wenn er das Dienst­gebäude nicht pünkt­lich ver­las­sen ha­be, was ihn zu „lau­fen­den Recht­fer­ti­gungs­dis­kus­sio­nen mit sol­chen Mit­ar­bei­tern“ ge­zwun­gen ha­be. Der Kläger erwähnt ei­ne wei­te­re Be­schwer­de, die des „Haus­meis­ter/Pfört­ners W…….“ im Zu­sam­men­hang mit ei­ner abend­li­chen Zeit­er­fas­sung. Er schil­dert, dass sich der Pfört­ner wie­der­holt be­schwert hat­te („im Hin­blick auf sei­ne ei­ge­nen wie­der­hol­ten Be­schwer­den, falls ich ein­mal ‚nach sechs Uhr’ er­schie­nen bin“) und dass der Pfört­ner die Zeit ent­spre­chend der Behörden­f­unk­uhr und nicht nach der Arm­band­uhr er­fasst ha­be. Da es nach sei­ner Arm­band­uhr aber be­reits 18:02 Uhr ge­we­sen sei, ha­be er zum Pfört­ner ge­sagt, dass er we­gen der fal­schen Zeit­er­fas­sung „wohl nicht al­le Tas­sen im Schrank ha­be“. Als der Pfört­ner dar­auf ver­wie­sen ha­be, dass er sich dies nicht ge­fal­len las­sen müsse, ha­be er un­ter Be­zug­nah­me die „Wahr­neh­mung be­rech­tig­ter In­ter­es­sen“ nach § 193 StGB ent­geg­ne­te, „im­mer­hin ei­ni­ge Stu­fen über“ ei­nem Pfört­ner zu ste­hen. Auch der Amts­lei­ter bestätigt in sei­ner Stel­lung­nah­me die­se aus sei­ner Unpünkt­lich­keit er­wach­se­nen fortwähren­den Kon­flik­te. In ei­ner Per­so­nal­ver­samm­lung ha­be der Kläger mal wie­der die man­geln­de Ge­nau­ig­keit des Zeit­er­fas­sungs­gerätes gerügt, wor­auf meh­re­re Be­diens­te­te ih­ren Un­mut zum Aus­druck ge­bracht hätten, dass der Kläger ständig zu spät kom­me und dies dann noch auf die Un­ge­nau­ig­keit der Zeit­er­fas­sung schie­be. Auch das Schrei­ben des ört­li­chen Per­so­nal­ra­tes vom 10.06.2003 bestätigt die Schil­de­run­gen des Klägers. Die­ser ver­weist auf Mit­ar­bei­ter­be­schwer­den. Das Ver­hal­ten des Klägers ha­be ei­ne er­heb­li­che Störung so­wohl des Be­triebs­frie­dens als auch der Be­triebs­abläufe her­vor­ge­ru­fen. Er at­ta­ckie­re die mit der Zeit­er­fas­sung be­trau­ten Mit­ar­bei­ter ver­bal. Die fort­ge­setz­ten und nicht nur ge­ringfügi­gen Verstöße ge­gen die gel­ten­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung und die Er­folg- bzw. Ta­ten­lo­sig­keit der vor­ge­setz­ten Stel­len hätten zu ei­ner nach­hal­ti­gen Störung des Frie­dens in der Dienst­stel­le geführt. Nun for­der­ten auch die an­de­ren Be­diens­te­ten ei­ne „Gleich­be­hand­lung“ und stell­ten zu­neh­mend die Dienst­zeit­re­ge­lung in Fra­ge. Der Per­so­nal­rat ver­lang­te die Ver­set­zung oder Ent­las­sung des Klägers. Auch der Amts­lei­ter bestätigt, dass sich Mit­ar­bei­ter be­klagt hätten, dass der Kläger durch sein mor­gend­li­ches Zu­spätkom­men das Dienst­gebäude am Abend nicht pünkt­lich ver­las­se, wo­durch auch sie nicht nach Hau­se ge­hen könn­ten. Das Ver­hal­ten des Klägers sei im­mer wie­der in Grup­pen­be­spre­chun­gen al­ler Fach­be­rei­che The­ma von Dis­kus­sio­nen ge­we­sen. Das stets Zu­spätkom­men des Klägers stell­te da­her nicht nur ei­nen abs­trak­ten Ver­s­toß ge­gen die Dienst­zeit­re­ge­lun­gen dar. Der Kläger störte viel­mehr auf ganz mas­si­ve Wei­se kon­kret die be­trieb­li­che Ver­bun­den­heit der Dienst­stel­le.

Ge­gen die Be­en­di­gungs­in­ter­es­sen des Be­klag­ten kann der Kläger nicht ein­wen­den, dass er schon seit 1991 zu spät zur Ar­beit ge­kom­men und dies ge­dul­det wor­den sei. Es mag sein, dass es zu Be­ginn sei­ner An­stel­lung noch kei­ne Dienst­zeit­ver­ein­ba­rung ge­ge­ben hat. Mag sein, dass An­fang der 90 er Jah­re ab­ge­ord­ne­ten Mit­ar­bei­tern aus an­de­ren Bun­desländern zeit­li­che

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Zu­geständ­nis­se ge­macht wor­den sind, an de­nen neu an­ge­stell­te Mit­ar­bei­ter aus an­de­ren Bun­desländern zeit­wei­se par­ti­zi­pie­ren konn­ten. Spätes­tens mit der Einführung ver­bind­li­cher Ar­beits­zei­ten, mit der Ab­leh­nung sei­nes An­tra­ges auf Son­der­be­hand­lung und je­den­falls nach den zahl­rei­chen Per­so­nal­gesprächen, Er- und Ab­mah­nun­gen wuss­te der Kläger, dass er sei­ne Ar­beits­zei­ten ein­hal­ten muss und auf Verstöße ar­beits­recht­li­che Sank­tio­nen fol­gen.

Der Kläger kann nicht ein­wen­den, dass der Be­klag­te ihn noch mal hätte ab­mah­nen müssen. Er wur­de mit Schrei­ben vom 22.12.1997, vom 14.03.2002, vom 19.05.2003 und vom 25.03.2004 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er sei­ne Ar­beits­zeit ent­spre­chend der Dienst­ver­ein­ba­rung ein­hal­ten muss. Ihm wur­de vor Au­gen ge­hal­ten, dass wei­te­re Verstöße ge­gen die ver­bind­li­che Ar­beits­zeit den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses gefähr­den. Ins­be­son­de­re mit der Ab­mah­nung vom 14.03.2002 wur­de ihm oh­ne sprach­li­chen Zwei­fel an­gekündigt, dass sein Ver­hal­ten ei­ne or­dent­li­che oder auch ei­ne frist­lo­se Kündi­gung nach sich zie­hen könne. Mag das Schrei­ben vom 19.05.2003 die­se Deut­lich­keit ver­mis­sen las­sen, war der Kläger mit der fol­gen­den Ab­mah­nung vom 25.03.2004 je­der Il­lu­si­on über ei­ne mögli­che Fol­gen­lo­sig­keit sei­nes Ver­hal­tens be­raubt.

Er kann auch nicht ein­wen­den, dass er we­gen der Häufung der Ab­mah­nun­gen ha­be an­neh­men dürfen, sein Ver­hal­ten blei­be auch künf­tig fol­gen­los. Zwar kann die Warn­funk­ti­on ei­ner Ab­mah­nung ab­ge­schwächt wer­den, wenn der Ar­beit­ge­ber bei ständig neu­en Pflicht­ver­let­zun­gen stets nur mit ei­ner Kündi­gung droht, oh­ne aber je ar­beits­recht­li­che Kon­se­quen­zen fol­gen zu las­sen. Je nach den Umständen des Ein­zel­falls kann dies v.a. bei Ab­mah­nun­gen we­gen gleich­ar­ti­ger Pflicht­ver­let­zun­gen da­zu führen, dass der Ar­beit­neh­mer die Dro­hung in der Ab­mah­nung nicht mehr ernst neh­men muss. Es gibt aber kei­nen Re­gel­satz, wo­nach et­wa stets nach der drit­ten Ab­mah­nung die Kündi­gungs­an­droh­nung nicht mehr ernst ge­nom­men wer­den müsse. In der Pra­xis des Ar­beits­le­bens ist es ver­brei­tet, bei leich­ter emp­fun­de­nen Pflicht­verstößen meh­re­re Ab­mah­nun­gen vor­an­ge­hen zu las­sen. Es liegt in der Na­tur der Sa­che, dass Dro­hun­gen nicht im­mer und so­fort wahr ge­macht wer­den (BAG 16.09.2004 – 2 AZR 406/03 – Ju­ris). Vor­lie­gend war nach der Ab­mah­nung vom 22.12.1997 ei­ni­ge Zeit ver­gan­gen. Nach­voll­zieh­bar wur­den die Ver­spätun­gen nach der Ver­set­zung des Klägers von der neu­en Dienst­stel­len­lei­tung zunächst im Jah­re 2002 zum An­lass für die Er­neue­rung der zurück­lie­gen­den War­nung ge­nom­men. Ins­ge­samt wur­den so­dann die in der Pra­xis für üblich und er­for­der­lich ge­hal­te­nen drei Ab­mah­nun­gen er­teilt.

Da­mit konn­te der Kläger ei­ner­seits nicht da­von aus­ge­hen, dass sein beständi­ges Zu­spätkom­men ge­dul­det und auch künf­tig fol­gen­los hin­ge­nom­men wird. An­de­rer­seits ver­stieß der Kläger be­reits seit Be­ginn sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses im Jah­re 1991 im­mer mal wie­der ge­gen die gel­ten­de Ar­beits­zeit. Es folg­te ei­ne un­gewöhn­lich lan­ge Bio­gra­fie an Pflicht­verstößen, hier­auf ab­ge­hal­te­ner Per­so­nal­gespräche so­wie die Er- und vier Ab­mah­nun­gen. Un­ter Berück­sich­ti­gung

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der Be­son­der­hei­ten des vor­lie­gen­den Ein­zel­falls spricht dies ge­gen die Über­le­gung, dass nun nach dem Vor­fall am 21.06.2004 ein der­art unüber­wind­ba­res In­ter­es­se des Be­klag­ten an ei­ner so­for­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­stan­den war, dass die In­ter­es­sen des Klägers an ei­ner frist­gemäßen Be­en­di­gung zwin­gend zurück­tre­ten muss­ten. Der zum Kündi­gungs­ent­schluss führen­de Vor­fall am 21.06.2004 war ge­ra­de im Ver­gleich zu vor­an­ge­gan­ge­nen Ar­beits­zeitüber­schrei­tun­gen auch nicht so außer­gewöhn­lich, dass nun­mehr ei­ne Beschäfti­gung von wei­te­ren sechs Mo­na­ten un­zu­mut­bar ge­wor­den war. Die Kam­mer ver­kennt nicht, dass ent­spre­chend der ein­gangs klar­ge­stell­ten Ar­beits­hy­po­the­se ei­ner be­ste­hen­den Steue­rungsfähig­keit des Klägers, des­sen Ver­hal­ten ge­ra­de auch in sei­ner Ku­mu­la­ti­on ge­ra­de den Tat­be­stand der Hartnäckig­keit und Nach­hal­tig­keit erfüllt und so ei­nen schwer wie­gen­den Ge­sichts­punkt für ei­ne außer­or­dent­li­che Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses dar­stellt. An­ge­sichts der Be­son­der­hei­ten des vor­lie­gen­den Sach­ver­hal­tes und der bis­he­ri­gen Bio­gra­fie des Ar­beits­verhält­nis­ses in der Ver­gan­gen­heit war es dem Be­klag­ten aber gleich­wohl zu­zu­mu­ten ge­we­sen, das Ar­beits­verhält­nis für den im Verhält­nis zu der über 13 Jah­re währen­den Vor­ge­schich­te ver­gleichs­wei­se über­schau­ba­ren Zeit­raum von sechs Mo­na­ten bis zum be­tref­fen­den Quar­tals­en­de fort­zuführen. Berück­sich­tigt man im wei­te­ren die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen des Klägers an der Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist, sei­ne Un­ter­halts­pflich­ten, sei­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit seit 1991 und sein Le­bens­al­ter war es dem Be­klag­ten zu­zu­mu­ten, den Kläger bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist wei­ter zu beschäfti­gen.


3. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung kann man­gels er­kenn­ba­ren hy­po­the­ti­schen Wil­len des Be­klag­ten nicht nach § 140 BGB in ei­ne wirk­sa­me or­dent­li­che Kündi­gung um­ge­deu­tet wer­den.

Im Rah­men der von Amts we­gen an­zu­stel­len­den Prüfung hin­rei­chend vor­lie­gen­der Tat­sa­chen für ei­ne Um­deu­tung nach § 140 BGB muss zunächst der hy­po­the­ti­sche Wil­len des Kündi­gen­den er­mit­telt wer­den können, dass sei­ne Erklärung im Fal­le der Un­wirk­sam­keit als außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu­min­dest als or­dent­li­che Kündi­gung Wir­kung er­lan­gen sol­le. Ob ein sol­cher Wil­le tatsächlich an­ge­nom­men wer­den kann, ist an­hand der kon­kre­ten Umstände des je­wei­li­gen Ein­zel­falls fest­zu­stel­len. Die­se recht­fer­ti­gen vor­lie­gend nicht die An­nah­me ei­nes mut­maßli­chen Wil­lens des Be­klag­ten zur Um­deu­tung der Kündi­gung vom 02.07.2004 in ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung. Der Be­klag­te teil­te dem Haupt­per­so­nal­rat mit Schrei­ben vom 28.06.2004 mit, dass er be­ab­sich­ti­ge das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich mit ei­ner Aus­lauf­frist und zu­gleich hilfs­wei­se or­dent­lich kündi­gen zu wol­len. Hier­zu muss­te er zwei, vor al­lem in zeit­li­cher Hin­sicht un­ter­schied­li­che Ver­fah­ren zur Be­tei­li­gung des Haupt­per­so­nal­ra­tes durchführen. Fol­ge­rich­tig ver­wies er im Anhörungs­schrei­ben auf die dreitägi­ge Anhörungs­frist nach § 78 Abs. 3 ThürPers­VG für die außer­or­dent­li­che Kündi­gung und hin­sicht­lich der be­ab­sich­tig­ten hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gung auf das zeit­lich umfäng­li­che­re Mit­wir­kungs­ver­fah­ren nach §§ 78 Abs. 1,

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69 Abs. 2 ThürPers­VG. Nach­dem der Haupt­per­so­nal­rat am letz­ten Tag der Anhörungs­frist am 01.07.2004 sich aus­drück­lich nur zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung erklärte, kündig­te der Be­klag­te mit Schrei­ben vom 02.07.2004 un­ter aus­drück­li­cher Be­zug­nah­me auf die er­folg­te Anhörung des Per­so­nal­ra­tes nach § 78 Abs. 3 ThürPers­VG und vor­lie­gen­der Kündi­gungs­gründe nach § 626 BGB außer­or­dent­lich. Er kündig­te später aus den sel­ben Gründen aus­drück­lich noch­mals hilfs­wei­se or­dent­lich, nach­dem er das ent­spre­chen­de Mit­wir­kungs­ver­fah­ren nach § 78 Abs. 1 ThürPers­VG ab­ge­schlos­sen hat­te. Der Kläger konn­te da­her vor­lie­gend da­von aus­ge­hen, dass der Be­klag­te mit der Kündi­gungs­erklärung vom 02.07.2004 das Ar­beits­verhält­nis al­lein außer­or­dent­lich be­en­den will.

II. Das Ar­beits­verhält­nis kann auch nicht auf An­trag des Be­klag­ten durch ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung nach §§ 9, 10 KSchG zum 03.07.2004, dem Tag des Zu­gangs der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung auf­gelöst wer­den. § 13 Abs. 1 KSchG sieht ein ent­spre­chen­des An­trags­recht im Fall ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung nur für den Ar­beit­neh­mer, nicht für den Ar­beit­ge­ber vor.

III. Das Ar­beits­verhält­nis wur­de je­doch durch die Kündi­gung vom 14.09.2004 zum 31.03.2005 be­en­det. Die Kündi­gung ist so­zi­al ge­recht­fer­tigt und auch nicht aus sons­ti­gen Gründen un­wirk­sam.

1. Die or­dent­li­che Kündi­gung vom 14.09.2004 ist nicht gem. § 85 SGB IX un­wirk­sam. In­so­weit kann auf die auch in­so­weit zu­tref­fen­den Ausführun­gen un­ter Punkt I.1. ver­wie­sen wer­den.

2. Die Kündi­gung ist nach § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Der Streit, ob dem Kläger die wie­der­hol­ten Ar­beits­zeit­verstöße vor­ge­wor­fen wer­den können oder nicht, kann auch in­so­weit da­hin ge­stellt blei­ben. Un­ter­stellt die Kam­mer, dass der Kläger sein Ver­hal­ten sehr wohl steu­ern kann, nur nicht will, dann ist dem Be­klag­ten ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen un­zu­mut­bar. Un­ter­stellt die Kam­mer, dass der Kläger sein Ver­hal­ten nicht steu­ern kann, so wiegt die­ses Ver­hal­ten so schwer, dass die Be­en­di­gungs­in­ter­es­sen des Be­klag­ten un­ter Berück­sich­ti­gung der weit­rei­chen­den und schwer­wie­gen­den Störun­gen der Be­triebs­abläufe und des Be­triebs­frie­dens auch oh­ne Ver­schul­den des Klägers im Er­geb­nis der In­ter­es­sen­abwägung über­wie­gen und ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen. Aber selbst wenn die Kam­mer un­ter­stellt, dass we­gen des Psy­cho­t­rau­mas und der hier­auf zurück­zuführen­den feh­len­den Steue­rungsfähig­keit nicht das Ver­hal­ten, son­dern die Er­kran­kung des Klägers vor­ran­gig zu berück­sich­ti­gen wäre, liegt ei­ne so weit­rei­chen­de per­so­nen­be­ding­te Störung des ge­gen­sei­ti­gen

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Aus­tausch­verhält­nis­ses vor, dass wie­der­um die Be­en­di­gungs­in­ter­es­sen des Be­klag­ten über­wie­gen.

a. Der Kläger ist je­den­falls nicht be­reits nach §§ 4,7 KSchG mit der Rüge des Feh­lens ei­nes so­zi­al recht­fer­ti­gen­den Grun­des präklu­diert. Er hat ge­gen die ihm am 23.09.2004 zu­ge­stell­te Kündi­gung bin­nen der Drei­wo­chen­frist Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt er­ho­ben. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­den un­strei­tig die Vor­schrif­ten des KSchG An­wen­dung.

b. Un­ter­stellt die Kam­mer, dass der Kläger sein Ver­hal­ten steu­ern kann, nur nicht will, dann ist dem Be­klag­ten ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen un­zu­mut­bar.

Ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung ist nach § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al ge­recht­fer­tigt, wenn sie u.a. durch ei­nen im Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den Grund be­dingt ist. Zum Vor­lie­gen ei­nes an sich ge­eig­ne­ten ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gungs­grun­des wird zunächst auf die Ausführun­gen un­ter Zif­fer I.2.b.aa. ver­wie­sen. Das ob­jek­tiv pflicht­wid­ri­ge Ver­hal­ten ist an sich ge­eig­net, auch ei­nen ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gungs­grund im Sin­ne des § 1 Abs. 2 KSchG zu recht­fer­ti­gen.

Auch im Rah­men ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung ist un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände des kon­kre­ten Ein­zel­falls durch ei­ne um­fas­sen­de Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu prüfen, ob nach dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit nicht ge­ge­be­nen­falls ein mil­de­res Mit­tel genügt hätte, um den be­ein­träch­tig­ten In­ter­es­sen des Be­klag­ten ge­recht zu wer­den. In­so­weit kann zunächst auf die Ausführun­gen un­ter Punkt I.2.bb. ver­wie­sen wer­den, wo­nach das Ver­hal­ten des Klägers nicht nur den Be­triebs­frie­den und die Be­triebs­abläufe sei­ner Dienst­stel­le gefähr­de­te, son­dern die­se kon­kret nach­hal­tig be­ein­träch­tig­te. Der Be­klag­te durf­te an­ge­sichts der dar­ge­leg­ten Umstände zu­tref­fend die ne­ga­ti­ve Pro­gno­se an­stel­len, dass der Kläger durch zu­mut­ba­re mil­de­re Mit­tel nicht zu ei­ner be­an­stan­dungs­frei­en Ver­trags­erfüllung an­ge­hal­ten wer­den kann.

Er muss dem Kläger auch kei­ne Aus­nah­me von der Dienst­zeit­ver­ein­ba­rung einräum­en. Nach § 106 Ge­wO be­stimmt der Ar­beit­ge­ber die Ar­beits­zeit sei­ner Ar­beit­neh­mer nach bil­li­gem Er­mes­sen, so­weit die­se nicht durch an­de­re Be­stim­mun­gen fest­ge­legt sind, et­wa in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung. Das ist hier der Fall. Die frag­li­chen Kern­zei­ten wur­den in der Dienst­zeit­ver­ein­ba­rung mit dem Per­so­nal­rat ver­trag­lich fest­ge­legt. Sie gel­ten nor­ma­tiv nicht nur für die nor­mun­ter­wor­fe­nen Mit­ar­bei­ter, son­dern auch für den Be­klag­ten. Sie ste­hen nicht zu sei­ner al­lei­ni­gen Dis­po­si­ti­on. Er ist viel­mehr per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­lich ver­pflich­tet, für de­ren Ein­hal­tung zu sor­gen.
Der Kläger kann nicht dar­auf ver­wei­sen, dass sei­ne Fa­mi­lie in M…… woh­ne und dies je­den­falls hin­sicht­lich der Ver­spätun­gen an An­rei­se­ta­gen berück­sich­tigt wer­den müsse. Er ver­pflich­te­te sich 1991, sei­ne Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag be­an­stan­dungs­frei zu erfüllen. Das glei­che

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er­war­te­te er vom Be­klag­ten. Kann er sein Ver­spre­chen auch 13 Jah­re nach Ver­trags­ab­schluss we­gen der an­der­wei­ti­gen Le­bens­pla­nung sei­ner Fa­mi­lie nicht erfüllen, muss dies der Be­klag­te nicht klag­los hin­neh­men. Dies gilt al­le­mal un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­lan­ge der an­de­ren Mit­ar­bei­ter, de­nen ih­rer­seits nicht zu­zu­mu­ten ist, ih­re Ar­beits­zei­ten durch die nach hin­ten ver­scho­be­nen An­we­sen­heits­zei­ten des Klägers in der Dienst­stel­le über­ob­li­ga­to­risch zu verlängern.

Der Be­klag­te muss­te den Kläger zur Ver­mei­dung der Kündi­gung nicht in ei­ne an­de­re Behörde ver­set­zen, nach­dem er be­reits in zwei Dienstsstel­len ge­zeigt hat­te, dass er sei­ne Dienst­zeit nicht einhält. Er kam nicht nur an An­rei­se­ta­gen zu spät, son­dern auch während der Ar­beits­wo­che, so von Mon­tag bis Mitt­woch, den 29.03.2004 bis 31.03.2004 und den 17.05.2004 bis 19.05.2004. Da­mit ließe ei­ne ver­kehrsgüns­ti­ger ge­le­ge­ne Dienst­stel­le, selbst wenn sie in München lie­gen soll­te, nicht die Hoff­nung zu, der Kläger würde hier stets pünkt­lich zum Dienst er­schei­nen.

Der Be­klag­te muss­te nicht erst er­neut ab­mah­nen. In­so­weit wird auf die Ausführun­gen un­ter Punkt I.2.b.bb. ver­wie­sen. Der Kläger wur­de 1997 und zeit­nah vor der Kündi­gung er­neut drei­mal auf sei­ne Ar­beits­zeit, sein Fehl­ver­hal­ten und auf die Not­wen­dig­keit ei­ner Ver­hal­tensände­rung hin­ge­wie­sen. Es hiel­ten ihn auch die War­nun­gen mit der an­de­ren­falls dro­hen­den Kündi­gung nicht da­von ab, er­neut mehr­fach unpünkt­lich zu sein. Die­ses Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit recht­fer­tigt die ne­ga­ti­ve Pro­gno­se, dass der Kläger auch in Zu­kunft sein Ver­hal­ten nicht ändern wer­den. Er kann auch nicht ein­wen­den, sich nach der letz­ten Ab­mah­nung zu­min­dest ge­bes­sert zu ha­ben. An­ge­sichts der zur Kündi­gung führen­den Ver­spätung von drei St­un­den und 13 Mi­nu­ten ist nur schwer ei­ne ernst­haft zu dis­ku­tie­ren­de Grund­la­ge für die An­nah­me ei­ner sol­chen Bes­se­rung zu er­ken­nen.

Auch die vom Kläger vor­pro­zes­su­al an­geführ­ten Erklärun­gen und Ent­schul­di­gun­gen für sein Zu­spätkom­men führen in der Ge­samt­abwägung nicht da­zu, dass dem Be­klag­ten ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung über den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist hin­aus zu­zu­mu­ten wäre. Für die Prüfung des Ver­schul­den­sum­fangs als ein we­sent­li­ches Kri­te­ri­um der In­ter­es­sen­abwägung ist es nicht er­for­der­lich, dass der Kläger sei­ne Ar­beits­zei­ten vorsätz­lich nicht ein­ge­hal­ten hat. Es genügt, dass der Kläger gemäß § 276 BGB sei­ne Ar­beits­pflich­ten fahrlässig nicht erfüllt hat, d.h. die im Ver­kehr er­for­der­li­chen Sorg­falts­pflich­ten außer Acht ge­las­sen hat. Ent­spre­chend der vor­lie­gen­den Ar­beits­hy­po­the­se, dass der Kläger den Zeit­punkt sei­nes Er­schei­nens in der Dienst­stel­le sehr wohl mit sei­nem frei­en Wil­len steu­ern konn­te, müssen die von ihm vor­pro­zes­su­al und teil­wei­se selbst noch in den Pro­zess ein­geführ­ten „Erklärun­gen“ gewürdigt wer­den. Auch sie recht­fer­ti­gen kei­ne po­si­ti­ve Zu­kunfts­pro­gno­se. In­so­weit hat der Be­klag­te auf die zu den Ak­ten ge­reich­te Stel­lung­nah­me des Amts­lei­ters vom 18.04.2005 und die in den An­la­gen an­gefügte Auf­lis­tung der „Be­gründung für die Ver­spätung“ ver­wie­sen (Bl. 208-213 d.A.).

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Dass er die­se Erklärun­gen ab­ge­ge­ben hat, wur­de vom Kläger nicht in Ab­re­de ge­stellt. Er hat dies viel­mehr als Aus­fluss sei­ner psy­chi­schen Störung bestätigt. So­weit er an­ge­ge­ben hat­ten, dass er „früh schwer in Gang“ kom­me und sein „Bio­rhyth­mus nicht stim­me“, schmälert dies nicht den Grad des Ver­schul­dens des Klägers. Die­se Umstände hätten den Kläger da­zu her­aus­for­dern müssen, hin­rei­chen­de Vor­sor­ge zu tref­fen, um gleich­wohl pünkt­lich zum Dienst zu er­schei­nen. Glei­ches gilt für die Erklärun­gen „mor­gend­li­ches Eis­krat­zen“, „Ver­schla­fen“, wie­der­holt „überfüll­ter Park­platz“ und „An­rei­se“ etc. Dies al­les sind Umstände, mit de­nen je­der Ar­beit­neh­mer rech­nen muss und auf die er sich recht­zei­tig ein­stel­len muss. So­weit der Kläger ex­pli­zit für den letzt­li­chen Kündi­gungs­sach­ver­halt am 21.06.2004 trotz des all­ge­mei­nen Ein­wan­des ei­ner feh­len­den Steue­rungsfähig­keit hier bei „wid­ri­gen Wit­te­rungs- und Ver­kehrs­be­din­gen“ ver­blieb, wur­de er be­reits vom Ar­beits­ge­richt dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ei­ne so pau­scha­le Be­haup­tung nicht genügt. Oh­ne kon­kre­te Schil­de­rung der spe­zi­el­len Wit­te­rung am 21.06.2004, al­so ob es et­wa zu warm oder zu kalt, zu tro­cken oder zu nass war, um pünkt­lich zur Ar­beit zu kom­men und oh­ne Schil­de­rung, war­um er sich hier­auf nicht ha­be recht­zei­tig ein­stel­len können und wel­che Ver­kehrs­be­din­gun­gen sich hier­durch wann ge­nau er­ge­ben ha­ben, kann sich der Be­klag­te auf die­se Erklärung nicht ein­las­sen. So­weit er „Kind krank“, „ge­sund­heit­li­che Be­ein­träch­ti­gun­gen, „Un­wohl­sein“ „Vi­rus­in­fek­ti­on“ und „Arzt­be­such“ an­ge­ge­ben hat, hätte er zu­min­dest die Pflicht ge­habt, sein ab­seh­bar ver­späte­tes Ein­tref­fen nach §§ 1 ff Ent­gelt­fort­zah­lungsG recht­zei­tig vor­her an­zu­zei­gen. So­weit der Kläger im wei­te­ren sein Zu­spätkom­men mit ver­meint­lich vor­ran­gi­gen Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten, wie „1/2 Tag Ge­burts­tag“, „drin­gen­den Be­sor­gun­gen“, „drin­gen­de Ter­min­sa­chen“ und „Hand­wer­ker im Haus“ erklärt, ist ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se au­genfällig, wenn man berück­sich­tigt, dass der Kläger zum je­wei­li­gen Zeit­punkt der vor­ge­nann­ten Erklärun­gen be­reits mehr­fach ein­schlägig ab­ge­mahnt wor­den war. Ein ju­ris­tisch weit we­ni­ger ver­sier­ter Mit­ar­bei­ter hätte für die Wahr­neh­mung pri­va­ter Be­lan­ge während der Ar­beits­zeit oh­ne je­des wei­te­re Nach­den­ken vor­her um Er­laub­nis ge­fragt oder Ur­laub be­an­tragt. Ge­ra­de die ju­ris­ti­sche Aus­bil­dung des Klägers lässt den Grad des Ver­schul­dens hier be­son­ders groß er­schei­nen. Zu berück­sich­ti­gen ist auch, dass der Kläger ei­ne ver­gleichs­wei­se ho­he Vergütung be­zieht und ei­ne Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on ausübt. Er schul­det sei­nem Dienst­herrn da­mit ei­ne erhöhte Loya­lität. Als Vor­ge­setz­ter und Re­präsen­tant des Be­klag­ten muss er sei­ner Funk­ti­on als Vor­bild für die un­ter­ge­be­nen Mit­ar­bei­ter im be­son­de­ren Maße ge­recht zu wer­den. Da­her war ab­seh­bar, dass sich die er­heb­li­chen Störun­gen der Be­triebs­abläufe und des Be­triebs­frie­dens künf­tig oh­ne die nicht zu er­war­ten­de Ver­hal­tens­bes­se­rung fort­set­zen wer­den. An­ge­sichts der dar­ge­leg­ten Ge­samt­umstände vermögen auch die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen des Klägers am Fort­be­stand sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses, sei­ne Un­ter­halts­pflich­ten, sei­ne lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit und sein Le­bens­al­ter die Be­en­di­gungs­in­ter­es­sen des Be­klag­ten nicht über­wie­gen. Dem steht auch nicht ent­ge­gen, dass der Kläger nach Aus­spruch der Kündi­gung als schwer­be­hin­der­ter Mensch an­er­kannt wur­de. Bei der Be­ur­tei­lung ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung geht es um die Pro­gno­se, ob ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit ab ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt zu­mut­bar ist oder

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nicht. Für die Pro­gno­se ist maßge­bend auf den bei Zu­gang der Kündi­gung vor­lie­gen­den Sach­ver­halts ab­zu­stel­len (BAG 13.04.2000 – 2 AZR 259/99 – Ju­ris).

c. Un­ter­stellt die Kam­mer zu­guns­ten des Klägers, dass er sein Ver­hal­ten nicht steu­ern kann, so wiegt die­ses Ver­hal­ten so schwer, dass die Be­en­di­gungs­in­ter­es­sen des Be­klag­ten un­ter Berück­sich­ti­gung der weit­rei­chen­den und schwer­wie­gen­den Störun­gen der Be­triebs­abläufe und des Be­triebs­frie­dens auch oh­ne Ver­schul­den des Klägers im Er­geb­nis der In­ter­es­sen­abwägung über­wie­gen und ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen.

Wie be­reits aus­geführt, kommt im Fall ei­nes ob­jek­tiv pflicht­wid­ri­gen Ver­hal­tens, das an sich ge­eig­net ist, ei­nen Grund für die Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses dar­zu­stel­len, dem Grad des Ver­schul­dens des Ar­beits­neh­mers bei der In­ter­es­sen­abwägung ein großes Ge­wicht zu. Da­her können ver­hal­tens­be­ding­te Gründe ei­ne Kündi­gung in der Re­gel nur recht­fer­ti­gen, wenn der Gekündig­te nicht nur ob­jek­tiv und rechts­wid­rig, son­dern auch schuld­haft sei­ne Pflich­ten aus dem Ver­trag ver­letzt hat. Es liegt je­doch ein Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis vor, nach dem auch ein schuld­lo­ses Ver­hal­ten des Ar­beits­neh­mers un­ter be­son­de­ren Umständen den Ar­beit­ge­ber zur ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung be­rech­ti­gen kann (BAG 21.01.1999 – 2 AZR 665/98 – Ju­ris, mwN). Zwar wird das Ver­schul­den re­gelmäßig als Kri­te­ri­um her­an­ge­zo­gen, um ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung von ei­ner per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung ab­zu­gren­zen, wo­bei un­ter­schie­den wird, ob ein Ar­beit­neh­mer sich an­ders ver­hal­ten kann, aber nicht will bzw. sich an­ders ver­hal­ten woll­te, aber nicht kann. Es gibt aber auch Fälle, in de­nen das Feh­len ei­ner Eig­nung als per­so­nen­be­ding­ter Kündi­gungs­grund durch­aus persönlich vor­werf­bar ist. An­de­rer­seits gibt es Fälle, in de­nen das Fehl­ver­hal­ten ei­nes Ar­beit­neh­mers die be­trieb­li­che Ver­bun­den­heit der­art nach­hal­tig stört, dass dem Ar­beit­ge­ber die Auf­recht­er­hal­tung die­ses Zu­stan­des selbst dann nicht zu­mut­bar ist, wenn dem Ar­beit­neh­mer sein Ver­hal­ten nicht vor­ge­wor­fen wer­den kann (BAG 21.01.1999 – 2 AZR 665/98 – aaO). Bei ei­ner sehr schwer­wie­gen­den Störung muss der Ar­beit­ge­ber hin­rei­chen­de Maßnah­men er­grei­fen, um ein wei­te­res Fehl­ver­hal­ten zu un­ter­bin­den. Hier liegt das Schwer­ge­wicht der Ver­tragsstörung nicht bei der ggf. frag­li­chen feh­len­den Eig­nung, son­dern auf dem Ver­hal­ten, das - ver­schul­det oder un­ver­schul­det – die schwer­wie­gen­den Störun­gen der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit zur Fol­ge hat und da­mit ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung un­zu­mut­bar macht (BAG 21.01.1999 – 2 AZR 655/98 – aaO).

Ein sol­cher Fall liegt hier vor. Wie be­reits aus­geführt, stellt das Ver­hal­ten des Klägers auf­grund der großen Zahl an Dienst­zeit­verstößen über ei­nen lan­gen Zeit­raum hin­weg ei­ne ob­jek­ti­ve und rechts­wid­ri­ge Ver­let­zung des Ar­beits­ver­trags und der Dienst­zei­t­ord­nung dar, die an sich ge­eig­net ge­we­sen wäre, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung nach § 626 Abs. 1 BGB zu recht­fer­ti­gen. Der

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Schwer­punkt der Ver­tragsstörung lag hier auch im Fall ei­ner feh­len­den Steue­rungsfähig­keit nicht auf der da­mit re­sul­tie­ren­den feh­len­den Eig­nung, sei­ne ver­trag­lich ein­ge­gan­ge­nen Ver­pflich­tun­gen zu erfüllen. Der Schwer­punkt lag viel­mehr in der nicht al­lein abs­trak­ten, son­dern ganz kon­kre­ten und mas­si­ven Störung der Be­triebs­ord­nung und des Be­triebs­frie­dens. In­so­weit wird auf die obi­gen Ausführun­gen ver­wie­sen. Wie un­ter Punkt I.2.b.bb. dar­ge­legt, kam es im Zu­sam­men­hang mit den nach­hal­ti­gen Verstößen ge­gen die Ar­beits­zeit zu ei­ner umfäng­li­chen Störung des Be­triebs­frie­dens. Da der Kläger nach der Ar­beits­hy­po­the­se aber nicht nur an ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung lei­det, die ihn da­von abhält, den Zeit­punkt sei­nes Er­schei­nens in der Dienst­stel­le zu steu­ern, son­dern die­se ihn nach sei­nen Ausführun­gen auch da­von ab­ge­hal­ten hat, die wah­ren Hin­ter­gründe sei­ner Ver­spätun­gen zu of­fen­ba­ren und er zu­dem ei­ne Ba­ga­tel­li­sie­rungs­ten­denz an sich ver­zeich­net, konn­ten und durf­ten die Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten sein Ver­hal­ten als nach­hal­ti­ge und hartnäcki­ge Pro­vo­ka­ti­on des Klägers be­trach­ten. Dies gilt ins­be­son­de­re an­ge­sichts der von ihm im ein­zel­nen ab­ge­ge­be­nen Erklärun­gen, wo­nach er et­wa wich­ti­ge­re pri­va­te Ter­mi­ne und An­ge­le­gen­hei­ten zu er­le­di­gen hat­te, als pünkt­lich zur Ar­beit zu kom­men und sich an­de­re Mit­ar­bei­ter abends je­doch nach dem Kläger rich­ten muss­ten, bis er sei­ne Ver­spätung nach­ge­ar­bei­tet und das Dienst­gebäude ver­las­sen hat. Durch das als pro­vo­ka­ti­ves Igno­rie­ren der für al­le an­de­ren ver­bind­li­chen Dienst­zeit­re­ge­lung emp­fun­de­ne ob­jek­ti­ve Ver­hal­ten kam es nach sei­nen ei­ge­nen Schil­de­run­gen zu unzähli­gen Be­schwer­den, wech­sel­sei­ti­gen Be­lei­di­gun­gen und ein­sei­ti­gen ver­ba­len At­ta­cken ge­genüber dem Haus­meis­ter. Er selbst be­klagt in die­sem Zu­sam­men­hang, dass man ihn nicht mehr ge­grüßt ha­be und auch sonst nicht mehr mit Re­spekt be­geg­net sei. Er ha­be die of­fe­ne Ab­leh­nung sei­ner dienst­li­chen An­wei­sun­gen hin­neh­men müssen. So­wohl die ge­schil­der­te zu­neh­men­de Es­ka­la­ti­on, als auch der vom Kläger selbst be­klag­te Ach­tungs- und Au­to­ritäts­ver­lust, so­wie die dar­ge­leg­ten Störun­gen in den Be­triebs­abläufen, mach­ten ei­ne zeit­na­he Re­ak­ti­on des Be­klag­ten not­wen­dig. Er war auch zum Schutz der an­de­ren Mit­ar­bei­ter ge­hal­ten, zu re­agie­ren, et­wa zum Schutz des Haus­meis­ters, der länger blei­ben und Be­lei­di­gun­gen aus­hal­ten muss­te, die mit der Zeit­er­fas­sung beschäftig­ten und wie­der­holt ver­bal at­ta­ckier­ten Mit­ar­bei­ter, die sich zu­dem ständig mit sei­nen Vorwürfen und „Erklärun­gen“ aus­ein­an­der­set­zen muss­ten, ob­wohl die­se nach der Ein­las­sung des Klägers je­den­falls zum Teil durch sei­ne Krank­heit be­dingt nur vor­ge­scho­ben wa­ren. In die­ser Si­tua­ti­on muss­te der Be­klag­te an­ge­mes­sen re­agie­ren, oh­ne dass es letzt­lich ent­schei­dend war, ob der Kläger schuld­haft oder schuld­los ge­han­delt hat (BAG 21.01.1999 – 2 AZR 655/98 – aaO).

Hin­sicht­lich der wei­te­ren Über­le­gun­gen zur Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen wird auf die Ausführun­gen un­ter Punkt III. 2. B. ver­wie­sen, die auch in­so­weit gel­ten und ein über­wie­gen­des In­ter­es­se des Be­klag­ten an der frist­gemäßen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses recht­fer­ti­gen.

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d. Woll­te man dem­ge­genüber an­neh­men, dass der Kläger - wie­der­um als Ar­beits­hy­po­the­se un­ter­stellt - un­ter dem von ihm be­haup­te­ten „kli­nisch re­le­van­ten Psy­cho­t­rau­ma“ lei­det, der Schwer­punkt der Störung aber nicht im Ver­hal­ten des Klägers ge­se­hen wer­den kann, son­dern in sei­nen persönli­chen Ei­gen­schaf­ten, wäre die Kündi­gung vom 14.09.2004 gleich­wohl als per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung nach § 1 Abs. 2 KSchG ge­recht­fer­tigt.

Als so­zi­al recht­fer­ti­gen­de per­so­nen­be­ding­te Gründe sind sol­che Umstände an­zu­er­ken­nen, die auf ei­ner in den persönli­chen Verhält­nis­sen oder Ei­gen­schaf­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den “Störquel­le” be­ru­hen. Ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung kann so­zi­al ge­recht­fer­tigt sein, wenn der Ar­beit­neh­mer aus Gründen, die in sei­ner Sphäre lie­gen, je­doch nicht von ihm ver­schul­det sein müssen, nicht in der La­ge ist, sei­ne ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ar­beits­leis­tung ganz oder teil­wei­se zu er­brin­gen (BAG 19.04.2007 – 2 AZR 239/06 – Ju­ris). Ist ein Ar­beit­neh­mer et­wa krank­heits­be­dingt nicht in der La­ge, sei­ne Ar­beit ver­trags­gemäß zu er­brin­gen, liegt hier­in in der Re­gel ei­ne schwe­re und dau­er­haf­te Störung des Aus­tausch­verhält­nis­ses, oh­ne dass dem Ar­beit­neh­mer ei­ne schuld­haf­te Ver­trags­ver­let­zung vor­zu­hal­ten wäre. Die Par­tei­en ei­nes ge­gen­sei­ti­gen Ver­tra­ges ge­hen ty­pi­scher Wei­se da­von aus, dass die ver­trags­gemäße Leis­tung des an­de­ren Teils der ei­ge­nen min­des­tens gleich­wer­tig ist. Wei­chen die tatsächli­chen Verhält­nis­se schwer­wie­gend ab, so kann die in ih­rer Er­war­tung ei­nes aus­ge­wo­ge­nen Verhält­nis­ses zwi­schen der ei­ge­nen Leis­tung und er­war­te­ten ver­trags­gemäßen Ge­gen­leis­tung enttäusch­te Par­tei das Ar­beits­verhält­nis durch Kündi­gung be­en­den (BAG 11.12.2003 – 2 AZR 667/02 – Ju­ris, mwN). Maßge­bend ist, ob die be­rech­tig­te Er­war­tung des Ar­beit­ge­bers in ei­nem Maße un­ter­schrei­tet, dass ihm das Fest­hal­ten am Ar­beits­ver­trag un­zu­mut­bar wird. Zu­dem muss auch für die Zu­kunft nicht mit ei­ner Wie­der­her­stel­lung des Gleich­ge­wichts ver­trags­gemäßer Leis­tung und Ge­gen­leis­tung zu rech­nen sein und kein mil­de­res Mit­tel zur Verfügung ste­hen (BAG 12.04.2002 – 2 AZR 148/01 – Ju­ris).

Vor­lie­gend war zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se hin­sicht­lich der künf­ti­gen persönli­chen Eig­nung des Klägers, be­dingt durch sei­nen psy­chi­schen Ge­sund­heits­zu­stand, ge­recht­fer­tigt. Es la­gen ob­jek­ti­ve Tat­sa­chen vor, wel­che die Be­sorg­nis recht­fer­tig­ten, dass der Kläger auf­grund der weit in die Ver­gan­gen­heit zurück­rei­chen­den psy­chi­schen Er­kran­kung auch künf­tig nicht in der La­ge sein wird, sei­ne ar­beits­ver­trag­lich über­nom­me­nen Ver­pflich­tun­gen im vol­lem Um­fang ver­trags­gemäß zu erfüllen. Der Kläger hat sich selbst auf sei­nen nach­hal­tig schlech­ten psy­chi­schen Zu­stand be­ru­fen und sei­ne Störung mit zahl­rei­chen zu den Ge­richts­ak­ten ge­reich­ten ärzt­li­chen Be­schei­ni­gun­gen be­gründet. Der Be­klag­te hat sie als Gefällig­keits­be­schei­ni­gun­gen qua­li­fi­ziert. Liegt die be­haup­te­te krank­haf­te Störung der Psy­che des Klägers vor, liegt gleich­wohl so­zi­al recht­fer­ti­gen­der Kündi­gungs­grund vor. Da­her kann die Rich­tig­keit der Be­schei­ni­gun­gen zu Guns­ten des Klägers un­ter­stellt wer­den. Der Fach­arzt für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Me­di­zin Dr. K……. hat hier­nach auf der

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Grund­la­ge der Be­hand­lung des Klägers vom 21.02.1977 bis zum 13.06.1980 erst­ma­lig den Krank­heits­wert des nun zur Be­gründung der feh­len­den Steue­rungsfähig­keit bei der Ein­hal­tung der Ar­beits­zeit an­geführ­ten Psy­cho­t­rau­mas fachärzt­lich be­wer­tet. In sei­ner Be­schei­ni­gung vom 15.07.2004 stellt er fest, dass der Kläger da­mals un­ter ei­ner neu­ro­ti­schen Sym­pto­ma­tik, ins­be­son­de­re un­ter Kon­taktstörun­gen ge­lit­ten hat, die sich auch auf das Zeit­gefühl er­streck­ten. Die­se Störun­gen ha­ben sich im da­ma­li­gen Zeit­raum we­sent­lich ge­bes­sert. Nach­dem der Kläger die­sen schon we­sent­lich ge­bes­ser­ten Zu­stand er­reicht hat­te, brach er die The­ra­pie ab. Der Kläger, der nicht nur Ju­rist, son­dern auch Di­plom­psy­cho­lo­ge ist, sah die po­si­ti­ven Kräfte der The­ra­pie auf­ge­braucht. Ei­ne an­de­re The­ra­pie soll­te mehr brin­gen. Die er­ken­nen­de Kam­mer konn­te sich auf­grund der umfäng­li­chen Erläute­run­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 05.02.2009 von den Fähig­kei­ten des Klägers zu ei­ner dif­fe­ren­zier­ten und fach­kun­dig fun­dier­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem psy­chi­schen Zu­stand über­zeu­gen. Ent­spre­chend sei­ner Einschätzung wand­te er sich an die Di­plom-Psy­cho­lo­gin Frau Dr. M……... Nach ih­rer Be­schei­ni­gung vom 20.08.2004 litt er un­ter ei­ner auf­fal­len­den Störung des Zeit­gefühls, die sich im Rah­men sei­ner da­ma­li­gen Vor­be­rei­tung zum ers­ten ju­ris­ti­schen Staats­ex­amen u.a. in ei­ner all­ge­mei­nen Ten­denz zur Unpünkt­lich­keit äußer­te. Er hat­te in­fol­ge ei­ner frühkind­li­chen Trau­ma­ti­sie­rung ei­ne de­fi­zitäre Ich-und-Übe­rich-Ent­wick­lung durch­lau­fen. Selbst wenn der Kläger durch große Ein­sicht und Über­le­bens­kraft die­se De­fi­zi­te über­win­den konn­te, blieb doch ei­ne deut­li­che La­bi­li­sie­rung be­ste­hen. Die vom Be­klag­ten gerügte fort­ge­setz­te Ver­spätungs­ten­denz ist als ein un­be­wuss­tes Zau­dern zu be­grei­fen, die aus sei­ner Angst re­sul­tiert, dass er den Be­zugs­per­so­nen am Ar­beits­platz mögli­cher­wei­se nicht will­kom­men ist. Sie be­wer­tet die­se Angst als krank­heits­wer­tig, als ei­nen ex­tre­men psy­chi­schen Span­nungs­zu­stand, der nach wie vor das Er­geb­nis ei­nes un­gelösten in­ne­ren Kon­flik­tes auf der Grund­la­ge des vor­ge­rann­ten un­bewältig­ten Kind­heits­trau­mas ist. Frau Dr. M…….. erklärt, dass sich die­se krank­heits­wer­ti­ge Angst als „hoch the­ra­pie­re­sis­tent“ er­wie­sen hat. Zu­dem ergänzt sie, dass ihr der Kläger „Mob­bing-Er­fah­run­gen“ ge­schil­dert hat, die zu ei­ner Wie­der­be­le­bung des Kind­heits­trau­mas geführt ha­ben. Dies wie­der­um hat nach ih­rer Einschätzung zu so­gar noch ei­ne Verstärkung der Ver­spätungs­ten­den­zen aus­gelöst. Zwar hat der Kläger we­der den Hin­weis im erst­in­stanz­li­chen Ur­teil noch die Hin­wei­se der vor­mals zuständi­gen 5. Kam­mer des Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richts zum An­lass ge­nom­men, die un­schlüssi­ge Be­haup­tung tatsächlich er­lit­te­nen Mob­bings hin­rei­chend zu be­gründen. Die er­ken­nen­de Kam­mer ist je­doch auf­grund des in der münd­li­chen Ver­hand­lung ge­won­ne­nen Ein­drucks vom Kläger und sei­ner Ausführun­gen in der Stel­lung­nah­me vom 20.11.2003 da­von über­zeugt, dass die­ser et­wa die Ab­leh­nung sei­nes An­tra­ges auf Ver­be­am­tung und Son­der­be­hand­lung bei der Durchführung der Dienst­zeit­ver­ein­ba­rung oder die übli­che Über­prüfung sei­ner Ar­beits­zei­ten und Pri­vat­te­le­fo­na­te als „ei­gen­ar­ti­ges Sys­tem prak­ti­scher Kon­trol­len“ und „pein­li­che Über­prüfung“ tatsächlich sub­jek­tiv be­reits als „Mob­bing“ emp­fun­den hat. Dass sich der bis 1990 als hoch the­ra­pie­re­sis­tent er­wie­se psy­chi­sche Angst- und Span­nungs­zu­stand mit sei­nen hier­durch be­ding­ten

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Ver­spätungs­ten­den­zen we­gen des als Zurück­wei­sung emp­fun­de­nen Ver­hal­tens sei­ner Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten noch ver­schlim­mert hat, ent­spricht auch der Selbst­einschätzung des Klägers. Er hat­te schon in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 14.03.2006, al­so lan­ge vor der im Au­gust 2004 ein­ge­hol­ten Be­schei­ni­gung von Frau Dr. M……., mit ei­ner er­staun­li­chen fach­li­chen Übe­rein­stim­mung von der Er­folg­lo­sig­keit auch die­ser The­ra­pie und von der Re­le­vanz der „Mob­bing­ten­den­zen“ ge­spro­chen. Auch er er­war­te­te kei­ne Fort­schrit­te mehr und be­en­de­te auch die­se The­ra­pie. Sei­ne Hausärz­tin Frau Dr. G……. und der Fach­arzt für All-ge­mein­me­di­zin Dr. F…… be­schei­ni­gen ihm für das Jahr 2001 psy­cho­so­ma­ti­sche Störun­gen bzw. für April 2004 psy­cho­ve­ge­ta­ti­ve Be­schwer­den, oh­ne kon­kret Ver­wert­ba­res aus­zuführen. Al­ler­dings führt der Kläger selbst noch zu Pro­to­koll der Ver­hand­lung am 14.03.2006 aus, dass er „psy­chisch (...) schlecht or­ga­ni­siert sei, ein Rest von Cha­os (...), wenn äußere Stress­si­tua­tio­nen, wie z.B. das Pa­cken, da­zu kom­men, kann die psy­chi­sche Sta­bi­lität, die ich durch die The­ra­pie er­reicht ha­be, auch wie­der la­bil wer­den (...); das Ord­nen und Sor­tie­ren (....), das Pa­cken sind Din­ge, die mich dann auch an Gren­zen führen“. Mit wie­der­um be­mer­kens­wer­ter fach­li­cher Treff­si­cher­heit ent­spricht dies ge­nau der Dia­gno­se sei­ner heu­ti­gen The­ra­peu­tin, wo­nach den Ver­spätun­gen „ei­ne er­heb­li­che Verstärkung der psy­chi­schen Span­nung, ver­bun­den mit dem Gefühl des in­ne­ren Cha­os“ vor­aus­ge­gan­gen sei­en und „dass er z.B. beim Pa­cken und Ord­nen sei­ner Sa­chen“ nicht zu ei­nem En­de kom­me. Dass sich der Kläger nach Aus­spruch der Kündi­gung am 13.06.2006 er­neut in psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Be­hand­lung bei Frau Dipl.-Psych. Z…. be­ge­ben hat, ist als ein nach dem Zu­gang der Kündi­gung ein­tre­ten­der Um­stand zwar grundsätz­lich für die Wirk­sam­keit der Kündi­gung un­er­heb­lich. Re­le­vant ist die von ihr un­ter dem 01.08.2006 er­stell­te Be­schei­ni­gung je­doch in­so­weit, als sie ei­ne ärzt­li­che Einschätzung auch über den psy­chi­schen Zu­stand des Klägers vor dem Zeit­punkt der Kündi­gung trifft. Sie legt ih­rer Einschätzung die Be­schei­ni­gun­gen von Dr. K….., Frau Dr. M……. und die Selbst­einschätzung des Klägers im Pro­to­koll vom 14.03.2006 zu­grun­de. Sie schließt sich der ein­ge­schränkt po­si­ti­ven Einschätzung von Dr. K……. hin­sicht­lich ei­ner zunächst er­ar­bei­te­ten Sta­bi­li­sie­rung und der ne­ga­ti­ven Einschätzung von Dr. M…… hin­sicht­lich ei­ner so­dann ein­ge­tre­te­nen De­sta­bi­li­sie­rung an, für die sie v.a. nar­ziss­ti­sche Kränkun­gen des Klägers ver­ant­wort­lich macht. Er sieht sich nicht genügend gewürdigt. Des­we­gen kommt es zu den Ver­spätun­gen, die natürlich bei den Kol­le­gen eher zu ne­ga­ti­ven Re­ak­tio­nen führen, was wie­der­um das Gefühl des Ab­ge­lehnt­wer­dens beim Kläger bestätigt. Zu der Fra­ge, ob in Ab­wei­chung zur fachärzt­li­chen Einschätzung von Frau Dr. M…….. zum Zeit­punkt der Kündi­gung ei­ne po­si­ti­ve Pro­gno­se an­ge­stellt wer­den konn­te, dass der Kläger künf­tig sei­ne Ar­beits­zei­ten ein­hal­ten wird, äußert sich Frau Z….. nicht. Sie spricht viel­mehr zwei Jah­re nach der Kündi­gung da­von, dass man nun be­gin­nen müsse, Stra­te­gi­en für ei­nen bes­se­ren Um­gang mit den psy­chi­schen Span­nun­gen, Kränkun­gen und Kon­flik­ten zu ent­wi­ckeln. So­weit Frau Z…. zwei Jah­re nach der Kündi­gung von mögli­chen künf­ti­gen The­ra­pie­er­fol­gen spricht, weil sich der Kläger in sei­ner Dienst­stel­le gut auf­ge­ho­ben fühle, ist dies für die Pro­gno­se­be­ur­tei­lung zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung un­er­heb­lich. Dies gilt al­ler­dings auch für den

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Um­stand, dass der Kläger auch in der neu­en Dienst­stel­le wie­der­holt zu spät zum Dienst er­schie­nen ist und nun „we­gen sei­nes krank­haf­ten Zu­stan­des der Ni­ko­tin­abhängig­keit“ psy­chisch auch nicht in der La­ge ist, sei­ne Mit­tags­pau­se frist­ge­recht zu be­en­den. Zu berück­sich­ti­gen ist hin­ge­gen der Be­scheid über die Fest­stel­lung der Schwer­be­hin­de­rung des Klägers, so­weit hier das Lan­des­ver­wal­tungs­amt un­ter Be­tei­li­gung ei­nes me­di­zi­ni­schen Sach­verständi­gen und un­ter Berück­sich­ti­gung des Be­funds­be­rich­tes von Frau Dipl. Psych. Z…… da­von aus­geht, dass die be­schei­nig­te psy­chi­sche Be­hin­de­rung so­wie Zwangs­neu­ro­se mit An­pas­sungsstörun­gen und So­ma­ti­sie­rung be­reits seit dem 01.10.2003 vor­ge­le­gen hat. Da­mit wird der vom Kläger be­haup­te­te krank­haf­te psy­chi­sche Zu­stand, der die Fest­stel­lung ei­nes Grad der Be­hin­de­rung von 50 recht­fer­tigt, zwar erst im Jah­re 2009, aber rück­wir­kend ab Ok­to­ber 2003 fest­ge­stellt.

Dem­nach muss die Kam­mer da­von aus­ge­hen, dass der Kläger zum Zeit­punkt der Kündi­gung an ei­ner hoch­gra­dig the­ra­pie­re­sis­ten­ten psy­chi­schen Er­kran­kung litt, die ver­ant­wort­lich für sei­ne nach­hal­ti­gen Ver­spätun­gen war und auch für künf­ti­ge Ver­spätun­gen ver­ant­wort­lich sein wird. Nach der Einschätzung sei­ner Ärz­te musst nämlich da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass bei ei­ner Ge­sund­heits­pro­gno­se bei Aus­spruch der Kündi­gung im Sep­tem­ber 2004 die als the­ra­pie­re­sis­tent dia­gnos­ti­zier­te psy­chi­sche Er­kran­kung auch auf un­ab­seh­ba­re Zu­kunft be­ste­hen und auf das Ver­hal­ten des Klägers ein­wir­ken wird. An­halts­punk­te, dass sich der krank­haf­te Zu­stand des Klägers in ab­seh­ba­rer Zeit we­sent­lich bes­sern würde, be­stan­den bei Aus­spruch der Kündi­gung nicht und wur­den auch vom Kläger nicht be­haup­tet.

Die­ser Krank­heits­zu­stand führ­te da­zu, dass der Kläger nicht mehr in der La­ge war, sei­ne Ar­beits­leis­tun­gen ver­ein­ba­rungs­gemäß zu er­brin­gen. Hier­bei kann er nicht ein­wen­den, dass er sei­ne Ar­beits­leis­tun­gen in qua­li­ta­tiv und quan­ti­ta­tiv nicht zu be­an­stan­den­der Wei­se er­brach­te. Er hat sich ar­beits­ver­trag­lich auch da­zu ver­pflich­tet, ent­spre­chend des We­sens­merk­mals ei­nes Ar­beit­neh­mers sie ent­spre­chend der be­ste­hen­den ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Wei­sun­gen, der be­ste­hen­den Dienst­ver­ein­ba­run­gen und ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen zu er­brin­gen. Hier­zu ist er nicht in der La­ge. Über die un­mit­tel­ba­ren Haupt­leis­tungs­pflich­ten hin­aus ist der Kläger ver­pflich­tet, im Rah­men der ge­gen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me­pflich­ten auch die Spiel­re­geln der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit zu be­ach­ten. Auch hier­zu ist der Kläger krank­heits­be­dingt nicht in der La­ge. Sei­ne dau­er­haf­te psy­chi­sche Störung führ­te zu den er­heb­li­chen Störun­gen in den Be­triebs­abläufen und im Be­triebs­frie­den. In­so­weit wird wie­der­um auf die obi­gen Ausführun­gen hier­zu ver­wie­sen. Der Be­klag­te muss auch im Er­geb­nis der In­ter­es­sen­abwägung im Rah­men der vor­lie­gend erörter­ten per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung die­se ganz mas­si­ven und nach­hal­ti­gen Störun­gen durch die psy­chi­sche Er­kran­kung des Klägers nicht hin­neh­men. Sie stellt ei­ne schwer­wie­gen­de Störung des Adäquanz­verhält­nis­ses dar. Er durf­te ihm da­her aus über­wie­gen­den be­trieb­li­chen In­ter­es­se und hier­bei auch aus Gründen der Fürsor­ge­pflich­ten zu­guns­ten an­de­rer Mit­ar­bei­ter dem Kläger trotz sei­ner Er­kran­kung kündi­gen. Auch in­so­weit gilt, dass mil­de­re Mit­tel in Form ei­ner

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Ver­set­zung kei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich der über­wie­gen­den be­trieb­li­chen In­ter­es­sen des Be­klag­ten dar­ge­stellt hätte. Es wird in­so­weit auf die obi­gen Ausführun­gen ver­wie­sen. Auch ei­ne Ver­tragsände­rung, et­wa ei­ne Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit zur Er­leich­te­rung der montägli­chen An­rei­se muss als mil­de­res Mit­tel aus­schei­den, da der Kläger nicht nur an An­rei­se­ta­gen sei­ne Ar­beits­zeit miss­ach­te­te und auch bei ei­ner verkürz­ten Ar­beits­zeit aus dem Gefühl des nicht an­ge­nom­men seins die verkürz­ten Ar­beits­zei­ten krank­heits­be­dingt nicht hätte ein­hal­ten können. Der Kläger kann auch nicht dar­auf ver­wei­sen, dass die In­ter­es­sen des Be­klag­ten und die der an­de­ren Mit­ar­bei­ter zurück­tre­ten müss­ten, weil er ge­mobbt wor­den sei. Die ärzt­li­chen Be­schei­ni­gun­gen neh­men hier nur auf Schil­de­run­gen des Klägers und sei­ne sub­jek­ti­ve Be­wer­tung Be­zug. Ergänzend wird auf die obi­gen Ausführun­gen zur Schlüssig­keit sei­ner Be­haup­tung ver­wie­sen. Hin­sicht­lich der Berück­sich­ti­gung sei­ner Schwer­be­hin­de­rung, die erst 2009 rück­wir­kend fest­ge­stellt wur­de und im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung im Jah­re 2004 noch nicht in die Abwägung ein­ge­stellt wer­den konn­te, wird gleich­falls auf die obi­gen Ausführun­gen ver­wie­sen. Auch die sons­ti­gen zu­guns­ten des Klägers spre­chen­den so­zia­len Ge­sichts­punk­te, wie sei­ne Beschäfti­gungs­zeit, sein Le­bens­al­ter und sei­ne Un­ter­halts­ver­pflich­tung las­sen sei­ne In­ter­es­sen im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung nicht über­wie­gen.

3. Die or­dent­li­che Kündi­gung ist auch nicht nach § 78 ThürPers­VG un­wirk­sam. Der für die auf Mi­nis­te­ri­um­s­ebe­ne ge­trof­fe­ne Kündi­gungs­ent­schei­dung zuständi­ge Haupt­per­so­nal­rat wur­de nach Maßga­be des § 78 ThürPers­VG be­tei­ligt. Er wur­de zunächst mit Schrei­ben 05.08.2004 über die be­ab­sich­tig­te hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen un­ter­rich­tet. Er hat­te hier­nach Kennt­nis von den we­sent­li­chen So­zi­al­da­ten des Klägers, sei­nen be­ruf­li­chen und dienst­li­chen Wer­de­gang, der ein­zu­hal­ten­den Kündi­gungs­frist und den vor­aus­sicht­li­chen Kündi­gungs­ter­min. Ihm wur­de der Kündi­gungs­an­lass vom 21.06.2004 und die vor­an­ge­gan­ge­nen noch nicht ab­ge­mahn­ten Ver­spätun­gen ge­schil­dert. Der vom Kläger an­geführ­te Grund für die Ver­spätung wur­de ge­nannt und auf die vor­he­ri­gen ab­ge­mahn­ten Vorfälle Be­zug ge­nom­men. Von et­wai­gen sons­ti­gen Gründen, ins­be­son­de­re krank­heits­be­ding­ter Art hat­te der Be­klag­te kei­ne Kennt­nis und konn­te und muss­te sie da­her nach dem Grund­satz der sub­jek­ti­ven De­ter­mi­na­ti­on auch nicht mit­tei­len. Im Wei­te­ren nahm der Be­klag­te Be­zug auf sei­ne Un­ter­rich­tung zur aus­ge­spro­che­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gung. Ins­be­son­de­re in die­sem Schrei­ben vom 28.06.2004 erläutert der Be­klag­te zu­dem die be­reits ein­ge­tre­te­nen er­heb­li­chen Störun­gen in der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit. Es wird auf die be­son­de­re Si­tua­ti­on hin­ge­wie­sen, dass der Kläger Mit­ar­bei­ter des höhe­ren Diens­tes mit ei­ner Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on sei. Er würdigt et­wai­ge mil­de­re Mit­tel, ein­sch­ließlich ei­ner Ver­set­zung in ei­ne an­de­re Dienst­stel­le und die bis­he­ri­ge Er­folg­lo­sig­keit der er­teil­ten Ab­mah­nun­gen. Die­ser Un­ter­rich­tung la­gen u.a. al­le Ab­mah­nun­gen, das Schrei­ben des ört­li­chen Per­so­nal­ra­tes und Ver­mer­ke zu den Anhörun­gen

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des Klägers zu den ge­gen ihn er­ho­be­nen Vorwürfen bei. Der Kläger hat­te in­so­weit nur erst­in­stanz­lich gerügt, dass er nicht wis­se, ob der Per­so­nal­rat be­tei­ligt wor­den sei und ihm hier­bei Gründe für die vor­ge­nom­me­ne In­ter­es­sen­abwägung mit­ge­teilt wor­den sei­en. Dies ist an­hand der dar­ge­stell­ten In­for­ma­tio­nen der Fall. Auch das wei­te­re Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren ist nicht zu be­an­stan­den. Nach­dem der Haupt­per­so­nal­rat aus­drück­lich kei­ne Einwände er­ho­ben hat­te, wur­de nach Ab­lauf der Mit­wir­kungs­frist die Kündi­gung aus­ge­spro­chen. Der Be­klag­te hat den Haupt­per­so­nal­rat auch hin­sicht­lich der Kündi­gungs­umstände un­ter­rich­tet, die ihm zwar zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung vom 14.09.2004 selbst sub­jek­tiv noch nicht be­kannt wa­ren, die aber zu die­sem Zeit­punkt ob­jek­tiv be­reits exis­tier­ten, nämlich die psy­chi­sche Er­kran­kung des Klägers und sei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Fähig­keit sei­ne Ar­beits­zei­ten ein­zu­hal­ten. Der Kläger hat zwar be­haup­tet, dass der Be­klag­te von sei­nem Psy­cho­t­rau­ma be­reits „im­mer schon“ Kennt­nis ge­habt ha­be. Er hat auf das Be­strei­ten des Be­klag­ten aber nicht mit­ge­teilt, wann der dies wem kon­kret mit­ge­teilt hat, zu­mal er selbst be­haup­tet hat, dass der sei­ne Ver­spätun­gen stets mit den sons­ti­gen Erklärun­gen be­gründet ha­be, was ge­ra­de Teil sei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung sei. Der Haupt­per­so­nal­rat wur­de mit Schrei­ben vom 14.12.2004 nicht nur auf den neu­en Ein­wand des Klägers und die von ihm mit­ge­teil­ten Hin­ter­gründe un­ter­rich­tet, son­dern er­neut auch auf die Aus­wir­kun­gen auf die be­trieb­li­che Ver­bun­den­heit hin­ge­wie­sen. Das Nach­schie­ben ist auch nicht we­gen ei­ner Verkürzung des ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes un­zulässig. Bei­den Par­tei­en stan­den mit der Be­ru­fungs­in­stanz ei­ne voll­wer­ti­ge Tat­sa­chen­in­stanz und hin­rei­chend Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zur Verfügung.

IV. Da das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en be­reits mit der so­zi­al ge­recht­fer­tig­ten or­dent­li­chen Kündi­gung vom 14.09.2004 mit Ab­lauf der Kündi­gungs­frist zum 31.03.2005 be­en­det wur­de, fällt der für den Fall der so­zia­len Rechts­wid­rig­keit die­ser Kündi­gung ge­stell­te An­trag des Be­klag­ten auf ge­richt­li­che Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zur Ent­schei­dung an.

C. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf dem Verhält­nis zwi­schen dem Ob­sie­gen und Un­ter­lie­gen bei­der Par­tei­en in den ver­schie­de­nen In­stan­zen (§§ 92, 97 ZPO). Gründe für ei­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on sind nicht er­sicht­lich. 

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Rechts­be­helfs­be­leh­rung

Ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on können die Par­tei­en im Um­fang ih­res Un­ter­lie­gens Be­schwer­de bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt,
Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt

ein­le­gen. Die Be­schwer­de muss in­ner­halb ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat nach der Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich, per Fax oder durch Ein­rei­chen ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments nach § 46b ArbGG bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Sie ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich, per Fax oder durch Ein­rei­chen ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments nach § 46b ArbGG zu be­gründen.

Die Be­schwer­de­schrift und die Be­schwer­de­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te kom­men in Be­tracht:

1. ein/e bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­ne/r Rechts­an­walt/Rechts­anwältin oder

2. ei­ne der nach­fol­gend ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, wenn sie durch ei­ne Per­son mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­delt:

  • Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
  • ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im Ei­gen­tum ei­ner der vor­ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn sie aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

 

Die Be­schwer­de kann nur dar­auf gestützt wer­den, dass

1. ei­ne Rechts­fra­ge grundsätz­li­che Be­deu­tung hat und die­se ent­schei­dungs­er­heb­lich ist oder
2. die­ses Ur­teil von ei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, von ei­ner Ent­schei­dung des Ge­mein­sa­men Se­nats der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des, von ei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts oder, so­lan­ge ei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts in der Rechts­fra­ge nicht er­gan­gen ist, von ei­ner Ent­schei­dung ei­ner an­de­ren Kam­mer die­ses Lan­des­ar­beits­ge­richts oder ei­nes an­de­ren Lan­des­ar­beits­ge­richts ab­weicht und die Ent­schei­dung auf die­ser Ab­wei­chung be­ruht oder
3. ein ab­so­lu­ter Re­vi­si­ons­grund gemäß § 547 Nr. 1 bis 5 ZPO oder ei­ne Ver­let­zung des An­spruchs auf recht­li­ches Gehör vor­liegt und die­se Ver­let­zung ent­schei­dungs­er­heb­lich ist.

 

gez. En­gel  

Vor­sit­zen­de

 

gez. Schell­knecht-Soban­ski  

eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin 

 

gez. En­gel

für den we­gen Ur­laub an der Un­ter­schrift ver­hin­der­ten eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Har­nisch

 

Hin­weis der Geschäfts­stel­le

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bit­tet, sämt­li­che Schriftsätze in sie­ben­fa­cher Aus­fer­ti­gung bei ihm ein­zu­rei­chen.

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