Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Bagatellkündigung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Akten­zeichen: 16 Sa 260/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 02.09.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Siegen, Urteil vom 14.01.2010, 1 Ca 1070/09
   

16 Sa 260/10

1 Ca 1070/09 ArbG Sie­gen

 

Verkündet am 02.09.2010

Brügge­mann, Re­gie­rungs­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Ver­fah­ren

hat die 16. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 02.09.2010
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt Hack­mann
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wil­lers und Pra­del

f ü r Recht er­kannt :

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Sie­gen vom 14.01.2010 – 1 Ca 1070/09 – wird un­ter Ein­be­zie­hung des Auflösungs­an­trags der Be­klag­ten kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

 

- 2 - 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen, hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch die Be­klag­te, über ei­nen vom Kläger ver­folg­ten Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag so­wie über ei­nen von der Be­klag­ten im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­stell­ten Auflösungs­an­trag.

Der am 01.02.1969 ge­bo­re­ne Kläger war seit dem 01.08.1990 bei der Be­klag­ten, bei der er sei­ne Aus­bil­dung zum In­dus­trie­kauf­mann ab­sol­viert hat­te, beschäftigt und zu­letzt als Netz­werkad­mi­nis­tra­tor in der EDV-Ab­tei­lung ein­ge­setzt. Er er­ziel­te ein mo­nat­li­ches Ge­halt von 3.372,97 € brut­to oh­ne vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen. Der Kläger ist ver­hei­ra­tet und Va­ter ei­nes un­ter­halts­be­rech­tig­ten Kin­des.

Die Be­klag­te beschäftigt ca. 1.400 Ar­beit­neh­mer. Bei ihr ist ein Be­triebs­rat ge­bil­det.

Im Mai 2009 hat­te sich der Kläger für ei­ni­ge Ta­ge ei­nen Elek­trorol­ler („Seg­way") ge­mie­tet. Am Frei­tag, dem 15.05.2009, fuhr der Kläger mit die­sem Elek­trorol­ler zu sei­ner et­wa zwei Ki­lo­me­ter ent­fernt lie­gen­den Woh­nung zum Be­trieb der Be­klag­ten zur Ar­beit. Er schloss die­sen Elek­trorol­ler in der Zeit zwi­schen ca. 9.30 Uhr und 9.45 Uhr im Vor­raum zum Re­chen­zen­trum der Be­klag­ten an ei­ne Steck­do­se an, um den Ak­ku auf­zu­la­den. Ob der Kläger da­bei ein von ihm mit­ge­brach­tes oder ein im Vor­raum zum Re­chen­zen­trum der Be­klag­ten lie­gen­des La­de­ka­bel be­nutz­te, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Zu­gang zu dem Vor­raum ha­ben nur au­to­ri­sier­te Per­so­nen. Hier­bei han­delt es sich je­den­falls um 12 Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten.

Ge­gen 10.00 Uhr be­merk­te der Vor­ge­setz­te des Klägers, der Zeu­ge B2, dass der im Vor­raum ab­ge­stell­te elek­tri­sche Mo­tor­rol­ler zum Auf­la­den an ei­ne herkömmli­che 220 Volt-Steck­do­se an­ge­schlos­sen war. Er sprach den Kläger hier­auf an und for­der­te ihn auf, den Mo­tor­rol­ler zu ent­fer­nen. Zu die­sem Zeit­punkt be­fand sich der Kläger in ei­nem so­ge­nann­ten „Hot­line"-Te­le­fo­nat mit ei­nem Außen­dienst­mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten. Die­ses Te­le­fo­nat setz­te der Kläger fort. Erst nach­dem er in der Zeit zwi­schen ca. 11.00 Uhr und 11.15 Uhr er­neut auf­ge­for­dert wor­den war, den

 

- 3 - 

Elek­trorol­ler vom Strom­netz zu neh­men, be­en­de­te der Kläger das Te­le­fo­nat und kam die­ser Auf­for­de­rung nach. Wird ein La­de­vor­gang von ei­ner Dau­er von 1,5 St­un­den zu­grun­de ge­legt, so be­tru­gen die Strom­kos­ten für die Auf­la­dung des Elek­trorol­lers ca. 1,8 Cent.

In ei­nem Gespräch am 18. oder 19.05.2009 wur­de dem Kläger vom Per­so­nal­lei­ter vor­ge­hal­ten, auf Kos­ten der Be­klag­ten sei­nen pri­va­ten Elek­trorol­ler auf­ge­la­den zu ha­ben. Im An­schluss an die­ses Gespräch wur­de er von der Er­brin­gung sei­ner Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt. Mit Schrei­ben vom 20.05.2009 teil­te die Be­klag­te dem bei ihr gewähl­ten Be­triebs­rat mit, dass sie be­ab­sich­ti­ge, das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger außer­or­dent­lich, hilfs­wei­se or­dent­lich zu kündi­gen. Zum In­halt des Anhörungs­schrei­bens im Ein­zel­nen wird auf Bl. 45 – 46 d.A. Be­zug ge­nom­men. Un­ter dem 25.05.2009 wi­der­sprach der Be­triebs­rat in ge­trenn­ten Stel­lung­nah­men der be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen wie auch der be­ab­sich­tig­ten or­dent­li­chen Kündi­gung. Mit Schrei­ben vom 27.05.2009 erklärte die Be­klag­te die außer­or­dent­li­che frist­lo­se, hilfs­wei­se or­dent­li­che frist­ge­rech­te Kündi­gung zum 30.11.2009. Hier­ge­gen wehrt sich der Kläger mit sei­ner am 10.06.2009 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

Durch Ur­teil vom 14.01.2010, auf des­sen Tat­be­stand hin­sicht­lich der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stands gemäß § 69 ArbGG Be­zug ge­nom­men wird, hat das Ar­beits­ge­richt der Kündi­gungs­schutz­kla­ge in vol­lem Um­fang statt­ge­ge­ben und die Be­klag­te zur vorläufi­gen Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers ver­ur­teilt. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, zwar läge ein an sich wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vor, denn der Kläger ha­be, in­dem er un­be­rech­tigt den Ak­ku sei­nes Elek­trorol­lers an der Steck­do­se der Be­klag­ten auf­ge­la­den ha­be, den Tat­be­stand des § 248 c StGB (Ent­zie­hung elek­tri­scher En­er­gie) und da­mit ein Vermögens­de­likt zum Nach­teil der Be­klag­ten ver­wirk­licht. Bei ei­ner um­fas­sen­den In­ter­es­sen­abwägung überwöge je­doch das Be­stands­in­ter­es­se des Klägers das Be­en­di­gungs­in­ter­es­se der Be­klag­ten, dies ins­be­son­de­re we­gen der na­he­zu 19jähri­gen be­an­stan­dungs­frei­en Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses. Auch wenn dem Fa­mi­li­en­stand und den Un­ter­halts­pflich­ten des Klägers kei­ne größere Be­deu­tung zu­kom­me und auch da­von aus­zu­ge­hen sei, dass der Kläger zeit­nah ei­ne neue Beschäfti­gung fin­den könne, so sei doch zu berück­sich­ti­gen, dass sich die

 

- 4 - 

Höhe des bei der Be­klag­ten ein­ge­tre­te­nen Scha­dens hart an der Gren­ze des Mess­ba­ren be­we­ge und ein ge­rin­ge­rer Scha­den kaum denk­bar sei. Darüber hin­aus dürf­te ei­ne Ge­fahr für die Wie­der­ho­lung ei­nes ent­spre­chen­den Ver­hal­tens tatsächlich nicht be­ste­hen, da der Kläger den Elek­trorol­ler le­dig­lich ge­mie­tet und wie­der zurück­ge­ge­ben ha­be. Der Be­wer­tung der Be­klag­ten, dass der Kläger heim­lich und mit ho­her kri­mi­nel­ler En­er­gie vor­ge­gan­gen sei, hat sich das Ar­beits­ge­richt nicht an­sch­ließen können. Auch wenn der Kläger als Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor ei­ne Ver­trau­ens­stel­lung in­ne­ha­be, so sei der ein­ge­tre­te­ne Ver­trau­ens­ver­lust ob­jek­tiv zu be­wer­ten und müss­te für ei­nen Drit­ten un­ter Berück­sich­ti­gung der Ein­zel­fal­l­umstände nach­voll­zieh­bar sein. Die bloße Be­haup­tung ei­nes Ver­trau­ens­ver­lus­tes könne die­se Be­wer­tung nicht er­set­zen. Aus­maß und Schwe­re der dem Kläger vor­zu­wer­fen­den Ver­feh­lung sei im Hin­blick auf den Cha­rak­ter des Vermögens­de­likts am un­ters­ten Rand an­zu­set­zen. Auch im Hin­blick auf die or­dent­li­che Kündi­gung sei das Fort­be­stands­in­ter­es­se des Klägers höher zu be­wer­ten als das Be­en­di­gungs­in­ter­es­se der Be­klag­ten. Da die Kündi­gungs­schutz­kla­ge be­gründet sei, sei die Be­klag­te zur vorläufi­gen Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers zu ver­ur­tei­len.

Ge­gen die­ses, ihr am 08.02.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Be­klag­te am 19.02.2010 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 10.05.2010 frist­ge­recht be­gründet.

Sie hält die durch das Ar­beits­ge­richt vor­ge­nom­me­ne In­ter­es­sen­abwägung für falsch. Durch die Heim­lich­keit sei­nes Vor­ge­hens do­ku­men­tie­re der Kläger, dass er sich über sein straf­recht­lich re­le­van­tes Ver­hal­ten voll­kom­men im Kla­ren ge­we­sen sei. Der Kläger sei mit kri­mi­nel­ler En­er­gie vor­ge­gan­gen. Das sys­te­ma­ti­sche Vor­ge­hen des Klägers ber­ge ei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr in sich. Dem ste­he nicht ent­ge­gen, dass er den Rol­ler im Mai 2009 nur für ei­ni­ge Ta­ge aus­ge­lie­hen ha­be. Er könne sich er­neut ein sol­ches Fahr­zeug aus­lei­hen bzw. es käuf­lich er­wer­ben. Hin­zu kom­me, dass der Kläger in ei­nem si­cher­heits­re­le­van­ten Ar­beits­be­reich bei der Be­klag­ten ar­bei­te, nämlich in der EDV. Das hierfür er­for­der­li­che aus­ge­prägte Ver­trau­ens­verhält­nis sei auf­grund des Ver­hal­tens des Klägers nicht mehr vor­han­den.

 

- 5 - 

Den im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­stell­ten An­trag auf Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­gen Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung be­gründet die Be­klag­te wei­ter da­mit, dass der Kläger in persönli­chen Gesprächen mit ih­rem Per­so­nal­lei­ter un­ter Ver­weis auf das Me­di­en­in­ter­es­se ver­sucht ha­be, ei­ne mögli­che Ab­fin­dung be­tragsmäßig zu erhöhen. In ei­ner am 03.03.2010 an die Geschäftsführer der Be­klag­ten so­wie di­ver­se Mit­glie­der der S1-Fa­mi­lie ge­schick­ten E-Mail ha­be der Kläger sei­nen di­rek­ten Vor­ge­setz­ten, Herrn B2, de­nun­ziert und mas­si­ve Vorwürfe ge­gen ihn er­ho­ben. Die­se Be­haup­tun­gen des Klägers sei­en als emo­tio­na­ler Rund­um­schlag zu qua­li­fi­zie­ren. Sei­ne wei­te­ren Äußerun­gen bezüglich der von ihm ge­plan­ten Auf­trit­te in den Me­di­en könn­ten den Tat­be­stand der Nöti­gung erfüllen. Der letz­te Satz der E-Mail of­fen­ba­re die wah­ren Mo­ti­ve des Klägers, dem es ein­zig und al­lein dar­um ge­gan­gen sei, ei­ne möglichst ho­he Ab­fin­dung her­aus­zu­ho­len. Am 18.03.2010 sei der Kläger darüber hin­aus da­bei be­ob­ach­tet wor­den, wie er auf dem Fir­men­park­platz hin­ter dem Kan­ti­nen­gebäude Zet­tel un­ter die Wind­schutz­schei­be der Mit­ar­bei­ter-Pkw ge­klemmt ha­be, in de­nen er auf ei­ne Fern­seh­sen­dung hin­ge­wie­sen ha­be, in der es um sei­ne Ent­las­sung gin­ge. Fer­ner ha­be der Kläger meh­re­re Mit­ar­bei­ter aus dem Außen­dienst per SMS mit der glei­chen Mit­tei­lung kon­tak­tiert. In der Sen­dung sei dann vom Kläger be­haup­tet wor­den, er ha­be sich während sei­ner ge­sam­ten Beschäfti­gungs­zeit nichts zu Schul­den kom­men las­sen. Die­se Aus­sa­ge ha­be er wi­der bes­se­ren Wis­sens ge­macht, da er am 18.03.2002 ei­ne Ab­mah­nung auf­grund ei­ner Ar­beits­ver­wei­ge­rung so­wie ei­ner da­zu gehöri­gen Aus­sa­ge er­hal­ten ha­be. Mit sei­nen reißeri­schen Auf­trit­ten (Kündi­gung we­gen 1,8 Cent) in den öffent­li­chen Me­di­en und sei­ner verkürz­ten so­wie teil­wei­se fal­schen Dar­stel­lung des Kündi­gungs­sach­ver­hal­tes ha­be der Kläger dem An­se­hen des Un­ter­neh­mens in der Öffent­lich­keit mas­siv ge­scha­det und sich nicht mehr im Rah­men sei­ner Mei­nungsäußerungs­frei­heit be­wegt.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Sie­gen vom 14.01.2010, 1 Ca 1070/09, ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen,

hilfs­wei­se, das Ar­beits­verhält­nis ge­gen Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt

 

- 6 - 

wird, die aber 21.100,-- € brut­to nicht über­schrei­ten soll­te, zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist, dem 30.11.2009, auf­zulösen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung und den Auflösungs­an­trag zurück­zu­wei­sen.

Er ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und ver­weist dar­auf, dass ei­ne Ab­mah­nung aus­rei­chend ge­we­sen wäre, dies auch vor dem Hin­ter­grund, dass die Be­klag­te das Mit­brin­gen an das Strom­netz an­zu­sch­ließen­der pri­va­ter Elek­tro­geräte dul­de, was so­wohl für Han­dys als auch für Ra­di­os und Kaf­fee­ma­schi­nen so­wie Mi­kro­wel­len gel­te. Rich­tig sei zwar, dass ihm un­ter dem 18.03.2002 ei­ne Ab­mah­nung er­teilt wor­den sei, we­gen des zwi­schen­zeit­lich lan­gen Zeit­ab­laufs könne man die­se je­doch nicht für die Be­gründung ei­ner Kündi­gung acht Jah­re später her­an­zie­hen. Im Übri­gen sei ihm nach er­teil­ter Ab­mah­nung im Jah­re 2002 auch in den Jah­ren 2004 bis 2007 ei­ne Son­der­prämie je­weils im De­zem­ber ei­nes Jah­res in Höhe von 3.000,-- € ge­zahlt wor­den, was im Übri­gen zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig ist. Auch ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung er­wei­se sich des­halb nicht als verhält­nismäßiges Mit­tel, um die durch ihn be­gan­ge­ne Rechts­ver­let­zung zu ahn­den.

Zum wei­te­ren Sach­vor­trag der Par­tei­en im Be­ru­fungs­ver­fah­ren wird auf die zwi­schen ih­nen ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Be­ru­fung der Be­klag­ten ist un­be­gründet.

Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist durch die Kündi­gung vom 27.05.2009 we­der außer­or­dent­lich noch or­dent­lich mit Ab­lauf der Kündi­gungs­frist am 30.11.2009 be­en­det wor­den. Es ist auf den Hilfs­an­trag der Be­klag­ten auch nicht ge­gen Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung auf­zulösen. Hier­aus folgt der An­spruch des Klägers auf vorläufi­ge Wei­ter­beschäfti­gung.

 

- 7 - 

I

1) Mit dem Ar­beits­ge­richt kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Kläger ei­ne Straf­tat zu Las­ten der Be­klag­ten be­gan­gen hat. Ei­ne sol­che ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts re­gelmäßig ge­eig­net, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund zu recht­fer­ti­gen. Ein Ar­beit­neh­mer, der in Zu­sam­men­hang mit sei­ner Ar­beits­leis­tung straf­recht­lich re­le­van­te Hand­lun­gen ge­gen sei­nen Ar­beit­ge­ber be­geht, ver­letzt da­mit sei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Rück­sicht­nah­me­pflicht schwer­wie­gend und miss­braucht das in ihm ge­setz­te Ver­trau­en in er­heb­li­cher Wei­se. Da­bei kommt es auf die Höhe des durch die Straf­tat ver­ur­sach­ten Scha­dens nicht an. Selbst wenn die rechts­wid­ri­ge Ver­let­zungs­hand­lung nur Sa­chen von ge­rin­gem Wert be­trifft, ist die Ver­let­zung des Ei­gen­tums oder Vermögens des Ar­beit­ge­bers als wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung an sich ge­eig­net (st. Rspr. vgl. BAG vom 13.12.2007, 2 AZR 537/06, NZA 2008, 1008; vom 11.12.2003, 2 AZR 36/03, NZA 2004, 486; vom 03.07.2003, 2 AZR 437/02, NZA 2004, 307 so­wie zu­letzt vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09, Pres­se­mit­tei­lung).

Das Ar­beits­ge­richt hat im Ein­zel­nen be­gründet, dass das Ver­hal­ten des Klägers die ob­jek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 248 c StGB erfüllt hat. Den sorgfälti­gen und wohl be­gründe­ten Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts (S. 13 – 14 d.Ur­teils) folgt das Be­ru­fungs­ge­richt. Hier­auf wird Be­zug ge­nom­men.

2) Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt je­doch auch ent­schie­den, dass die Be­ge­hung der Straf­tat nach § 248 c StGB bei der vor­zu­neh­men In­ter­es­sen­abwägung auf­grund der Be­son­der­hei­ten des vor­lie­gen­den Fal­les nicht die außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses recht­fer­tigt. Dies gilt auch un­ter Berück­sich­ti­gung der un­strei­ti­gen Tat­sa­che, dass dem Kläger un­ter dem 18.03.2002 ei­ne Ab­mah­nung er­teilt wor­den ist, was dem Ar­beits­ge­richt nicht be­kannt war. In­so­weit ist das Ar­beits­verhält­nis über die Zeit sei­nes Be­ste­hens nicht gänz­lich be­an­stan­dungs­los ge­we­sen.

 

- 8 - 

Die bei der In­ter­es­sen­abwägung zu berück­sich­ti­gen­den Umstände las­sen sich nicht ab­sch­ließend und für al­le Fälle ein­heit­lich fest­le­gen. Geht es um die Be­ur­tei­lung rechts­wid­ri­gen schuld­haf­ten Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers, sind aber stets die be­an­stan­dungs­freie Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses, das Ge­wicht und die nach­tei­li­gen Aus­wir­kun­gen ei­ner Ver­trags­ver­let­zung, ei­ne mögli­che Wie­der­ho­lungs­ge­fahr und der Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen (st. Rspr., zu­letzt BAG vom 28.01.2010, 2 AZR 1008/08, DB 2010, 1709, hier zit. nach ju­ris m.w.N.). Hier­von ist auch das Ar­beits­ge­richt aus­ge­gan­gen.

a) Das Ar­beits­ge­richt hat der Dau­er der Beschäfti­gung des Klägers zu Recht ei­nen ho­hen Stel­len­wert bei­ge­mes­sen. Durch die Ab­mah­nung vom 18.03.2002 ist das im Ver­lauf des langjähri­gen Ar­beits­verhält­nis­ses ge­bil­de­te Ver­trau­en­s­ka­pi­tal nicht auf­ge­braucht wor­den. Dies wird ein­mal dar­an deut­lich, dass der Kläger nach er­teil­ter Ab­mah­nung auch im Jah­re 2002 ei­ne Son­der­prämie er­hal­ten hat. Mit mehr als sie­ben Jah­ren ist das Ar­beits­verhält­nis nach Er­tei­lung der Ab­mah­nung zu­dem bis zu dem die Kündi­gung auslösen­den Vor­fall am 15.05.2009 ei­ne er­heb­li­che Zeit be­an­stan­dungs­frei ge­blie­ben. So­weit sich die Be­klag­te auf die Be­ur­tei­lun­gen des Klägers im Zu­sam­men­hang mit den Ziel­ver­ein­ba­run­gen be­ru­fen hat, hat das Ar­beits­ge­richt zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die dar­in ent­hal­te­nen Be­wer­tun­gen nicht zum An­lass für ei­ne Be­an­stan­dung ge­nom­men wor­den sind. Hin­zu kommt, dass nicht die Be­klag­te, son­dern der Kläger die Ab­mah­nung in den vor­lie­gen­den Rechts­streit ein­geführt hat. Die Be­klag­te hat sich durch­aus mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt, ob das Ar­beits­verhält­nis während der ge­sam­ten Beschäfti­gungs­dau­er be­an­stan­dungs­frei war, oh­ne in die­sem Zu­sam­men­hang auf die Ab­mah­nung zu ver­wei­sen. Un­ter die­sen Umständen wird der er­folg­rei­che Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses über lan­ge Zeit durch die Ab­mah­nung vom 18.03.2002, die, wie die be­an­stan­dungs­freie Wei­terführung des Ar­beits­verhält­nis­ses über mehr als sie­ben Jah­re zeigt, sich der Kläger zur War­nung hat ge­rei­chen las­sen, nicht re­la­ti­viert.

b) Un­ter die­sen Umständen er­weist sich die außer­or­dent­li­che Kündi­gung als un­verhält­nismäßig, wie aus ei­ner ab­sch­ließen­den In­ter­es­sen­abwägung folgt. Da­bei ist im Übri­gen auf die zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts, das die

 

- 9 - 

ein­zel­nen Ge­sichts­punk­te der In­ter­es­sen­abwägung ei­ner sorgfälti­gen Prüfung un­ter­zo­gen hat, Be­zug zu neh­men. Die Ausführun­gen der Be­ru­fung recht­fer­ti­gen kei­ne an­de­re Be­wer­tung.

c) Die Be­klag­te hat so­wohl im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren als auch in der Be­ru­fung in der Heim­lich­keit des Vor­ge­hens des Klägers ei­nen Haupt­vor­wurf ge­se­hen. Hier­aus hat sie ein­mal auf ei­ne er­heb­li­che kri­mi­nel­le En­er­gie des Klägers ge­schlos­sen, zum an­dern die Be­ein­träch­ti­gung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses ab­ge­lei­tet. Wie das Ar­beits­ge­richt ver­mag auch das Be­ru­fungs­ge­richt die­se Be­wer­tung der Be­klag­ten nicht zu tei­len. Nach den von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Licht­bil­dern stand der Elek­trorol­ler gut sicht­bar im Vor­raum zum Re­chen­zen­trum. Er war nicht hin­ter ei­ner of­fen­ste­hen­den Tür, großen Kis­ten oder Re­ga­len ver­steckt. Oh­ne Wei­te­res er­kenn­bar war auch, dass der Elek­trorol­ler an ei­nem La­de­ka­bel an­ge­schlos­sen war. Nicht er­kenn­bar war le­dig­lich, wo­hin die­ses La­de­ka­bel führ­te, da es hin­ter Kis­ten zum Ste­cker ver­lief. Für die Kam­mer ist die Ein­las­sung des Klägers da­zu, er ha­be dies ge­tan, um Stol­per­fal­len zu ver­mei­den, nach­voll­zieh­bar. Der Elek­trorol­ler war in der Näher ei­ner Tür ab­ge­stellt. Wäre das Ka­bel vor den auf den Licht­bil­dern sicht­ba­ren Kis­ten zum Ste­cker geführt wor­den, so hätte durch­aus die Ge­fahr be­stan­den, dass es in den Weg ge­ra­ten wäre, da zwi­schen Kis­ten und Weg nur ein en­ger Raum ver­blieb. Die Heim­lich­keit der Vor­ge­hens­wei­se des Klägers kann auch nicht da­mit be­gründet wer­den, dass ab dem Zeit­punkt, zu dem der Kläger den Rol­ler an die Strom­ver­sor­gung an­ge­schlos­sen hat, gewöhn­lich kei­ner mehr das Re­chen­zen­trum be­tritt. Bei min­des­tens 12 au­to­ri­sier­ten Per­so­nen, die Zu­gang zu dem als La­ger ge­nutz­ten Vor­raum be­saßen, ist es nicht aus­ge­schlos­sen, dass ei­ne die­ser Per­so­nen aus von vorn­her­ein nicht er­kenn­ba­ren Gründen die­sen Raum be­tritt. Tatsächlich ist dies in der Per­son des Vor­ge­setz­ten des Klägers auch ge­sche­hen.

d) Über die vom Ar­beits­ge­richt in der In­ter­es­sen­abwägung be­wer­te­ten Ge­sichts­punk­ten hin­aus war für die Kam­mer auch von Be­deu­tung, dass der Strom­ver­brauch aus pri­va­ten Gründen bei der Be­klag­ten je­den­falls zum Zeit­punkt der Kündi­gung gängig war. Es ist un­strei­tig, dass im Be­trieb der Be­klag­ten zahl­rei­che pri­vat mit­geführ­te elek­tro­ni­sche Ge­genstände be­trie­ben wur­den, wie Kaf­fee­ma­schi­nen, Ra­di­os und Mi­kro­wel­le. Darüber hin­aus wur­den aber auch Han­dys auf­ge­la­den. Zwar mag die Dul­dung der Strom­ent­nah­me in die­sen Zu­sam­menhängen

 

- 10 - 

nicht da­zu führen, die Rechts­wid­rig­keit des Ver­hal­tens des Klägers zu ver­nei­nen, wie das Ar­beits­ge­richt auf S. 13 des Ur­teils aus­geführt hat. Im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung ist die­se Pra­xis je­doch zu­guns­ten des Klägers zu berück­sich­ti­gen. Sie lässt den Grad des Ver­schul­dens des Klägers als ge­ringfügig er­schei­nen. Es gab in­so­weit ei­ne Grau­zo­ne – der ge­naue Um­gang mit die­sen Geräten war nicht geklärt. Die Be­klag­te selbst hat vor­ge­tra­gen, dass der Per­so­nal­lei­ter der Be­klag­ten we­gen der Be­nut­zung die­ser Geräte zwei­mal pro Jahr Kon­trollgänge durchführt, um Missstände zu un­ter­bin­den. Dies be­deu­tet zu­gleich, dass un­ter­halb ei­ner Schwel­le, die als Miss­stand an­zu­se­hen ist, Strom­ver­brauch zu pri­va­ten Zwe­cken nicht von der Be­klag­ten be­an­stan­det wird. Bei Kos­ten in Höhe von 1,8 Cent dürf­te die­se Schwel­le kaum er­reicht wor­den sein. So­weit es sich bei dem Elek­trorol­ler um ei­nen Ge­gen­stand han­delt, der mit den übli­cher­wei­se ein­ge­setz­ten elek­tro­ni­schen Geräten nicht ver­gleich­bar ist, hätte ei­ne Ab­mah­nung, der ei­ne Hin­weis­funk­ti­on in­ne­wohnt, si­cher­stel­len können, dass die In­ter­es­sen der Be­klag­ten in Zu­kunft ge­wahrt wer­den.

Die Ab­mah­nung ist Aus­druck des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes. Ei­ne Kündi­gung ist nicht ge­recht­fer­tigt, wenn es an­de­re ge­eig­ne­te mil­de­re Mit­tel gibt, um die Ver­tragsstörung zukünf­tig zu be­sei­ti­gen. Die­ser As­pekt, der durch die Re­ge­lung des § 314 Abs. 2 BGB ei­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Bestäti­gung er­fah­ren hat, ist auch bei Störun­gen des Ver­trau­ens­be­reichs zu be­ach­ten. Ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ist un­ter Berück­sich­ti­gung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes nur ent­behr­lich, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft trotz Ab­mah­nung nicht er­war­tet wer­den kann oder es sich um ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, de­ren Rechts­wid­rig­keit dem Ar­beit­neh­mer oh­ne Wei­te­res er­kenn­bar ist und bei der die Hin­nah­me des Ver­hal­tens durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist. Selbst bei Störun­gen des Ver­trau­ens­be­reichs durch Ei­gen­tums- oder Vermögens­de­lik­te kann es Fälle ge­ben, in de­nen ei­ne Ab­mah­nung nicht oh­ne Wei­te­res ent­behr­lich er­scheint. Dies gilt et­wa, wenn dem Ar­beit­neh­mer zwar die Ver­bots­wid­rig­keit sei­nes Ver­hal­tens hin­rei­chend klar ist, er aber Grund zu der An­nah­me ha­ben durf­te, der Ar­beit­ge­ber würde die­ses nicht als ein so er­heb­li­ches Fehl­ver­hal­ten wer­ten, dass da­durch der Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses auf dem Spiel stünde (BAG vom 23.06.2009, 2 AZR 103/08, NZA 2009, 1198 m.w.N.).

 

- 11 - 

Das die Kündi­gung auslösen­de Fehl­ver­hal­ten des Klägers lässt aus den so­eben dar­ge­stell­ten Gründen kei­ne ein­deu­ti­ge Ne­ga­tiv­pro­gno­se zu. Die mit ei­ner Ab­mah­nung ver­bun­de­ne Klar­stel­lung, dass das in Fra­ge ste­hen­de Ver­hal­ten nicht ver­trags­ge­recht ist so­wie der Hin­weis dar­auf, dass im Wie­der­ho­lungs­fall mit ei­ner Kündi­gung zu rech­nen sei, stellt ei­ne ge­eig­ne­te und an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers dar.

3) Aus den obi­gen Ausführun­gen folgt zu­gleich, dass das Ar­beits­verhält­nis auch nicht durch die hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung zum 30.11.2009 be­en­det wor­den ist. Vor­aus­set­zung für ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen nach § 1 KSchG ist es grundsätz­lich, dass der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer mit ei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Ab­mah­nung die Ge­le­gen­heit ge­ge­ben hat, sein Ver­hal­ten zu kor­ri­gie­ren. Ge­ra­de im vor­lie­gen­den Fall stellt die Ab­mah­nung ein ge­eig­ne­tes und an­ge­mes­se­nes Mit­tel der Re­ak­ti­on auf das Fehl­ver­hal­ten des Klägers dar. Auf die obi­gen Ausführun­gen wird in­so­weit ver­wie­sen.

II

Der Auflösungs­an­trag der Be­klag­ten ist zwar zulässig, aber un­be­gründet.

1) Die Be­klag­te hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung klar­ge­stellt, dass sie die Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist be­gehrt. Ei­nem sol­chen Be­geh­ren steht § 13 Abs. 1 Satz 3 KSchG nicht ent­ge­gen. Bei außer­or­dent­li­chen Kündi­gun­gen ist da­nach nur der Auflösungs­an­trag des Ar­beit­neh­mers zulässig, nicht der des Ar­beit­ge­bers. Die Be­klag­te hat je­doch hilfs­wei­se ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung aus­ge­spro­chen und stützt ih­ren An­trag aus­drück­lich auf § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG.

2) Da­nach hat das Ge­richt auf An­trag des Ar­beit­ge­bers das Ar­beits­verhält­nis auf­zulösen und die­sen zur Zah­lung ei­ner an­ge­mes­se­nen Ab­fin­dung zu ver­ur­tei­len, wenn Gründe vor­lie­gen, die ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer nicht er­war­ten las­sen. Die­se Vor­aus­set­zung ist im Streit­fall nicht ge­ge­ben.

 

- 12 - 

a) Das Kündi­gungs­schutz­ge­setz ist sei­ner Kon­zep­ti­on nach ein Be­stands­schutz- und kein Ab­fin­dungs­ge­setz, so­dass an die Auflösungs­gründe nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts stren­ge An­for­de­run­gen zu stel­len sind. Ein Auflösungs­an­trag kommt vor al­lem dann in Be­tracht, wenn während ei­nes Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses zusätz­li­che Span­nun­gen zwi­schen den Par­tei­en auf­tre­ten, die ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses sinn­los er­schei­nen las­sen. Für die Ent­schei­dung über den Auflösungs­an­trag kommt es auf den Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz an. Der Auflösungs­an­trag ist trotz sei­ner nach § 9 Abs. 2 KSchG ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Rück­wir­kung auf den Kündi­gungs­zeit­punkt in die Zu­kunft ge­rich­tet. Das Ge­richt hat ei­ne Vor­aus­schau an­zu­stel­len. Es geht um die Würdi­gung, ob die zum Zeit­punkt der ab­sch­ließen­den Ent­schei­dung ge­ge­be­nen Umstände ei­ne künf­ti­ge ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit noch er­war­ten las­sen (st. Rspr., vgl. zu­letzt BAG vom 08.10.2009, 2 AZR 682/08, Ju­ris m.w.N.).

b) Als Auflösungs­gründe für den Ar­beit­ge­ber gemäß § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG kom­men sol­che Umstände in Be­tracht, die das persönli­che Verhält­nis zum Ar­beit­neh­mer, die Wer­tung sei­ner Persönlich­keit, sei­ner Leis­tung oder sei­ner Eig­nung für die ihm ge­stell­ten Auf­ga­ben und sein Verhält­nis zu den übri­gen Mit­ar­bei­tern be­tref­fen. Die Gründe, die ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den Ver­trags­part­nern nicht er­war­ten las­sen, müssen al­ler­dings nicht im Ver­hal­ten, ins­be­son­de­re nicht im schuld­haf­ten Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen. Viel­mehr kommt es dar­auf an, ob die ob­jek­ti­ve La­ge die Be­sorg­nis recht­fer­tigt, dass die wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ar­beit­neh­mer gefähr­det ist.

c) Zu den an­er­kann­ten Auflösungs­gründen gehören Be­lei­di­gun­gen, sons­ti­ge ehr­ver­let­zen­de Äußerun­gen oder persönli­che An­grif­fe des Ar­beit­neh­mers ge­gen den Ar­beit­ge­ber, Vor­ge­setz­te oder Kol­le­gen (vgl. BAG vom 10.07.2008, 2 AZR 1111/06, NZA 2009, 312). Auf sol­che be­ruft sich die Be­klag­te, in­dem sie sich auf die E-Mail des Klägers an die Geschäftsführer der Be­klag­ten be­zieht, in der der Kläger Vorwürfe ge­gen sei­nen di­rek­ten Vor­ge­setz­ten, Herrn B2, er­hebt und die er Herrn B2 un­ter „Cc" auch zu­glei­tet hat. Der Be­klag­ten ist dar­in zu fol­gen, dass es sich bei den

 

- 13 - 

Vorwürfen ge­genüber sei­nem Vor­ge­setz­ten B2 um mas­si­ve An­grif­fe des Klägers auf des­sen Per­son han­delt. Den­noch er­scheint ei­ne den Be­triebs­zwe­cken dien­li­che wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit des Klägers mit sei­nem Vor­ge­setz­ten nicht aus­ge­schlos­sen. Für die­se Be­wer­tung ist maßge­bend, dass der Kläger zu dem Zeit­punkt, zu dem er die E-Mail ab­fass­te, am 03.03.2010, un­ter er­heb­li­chem Druck stand, wie der E-Mail selbst zu ent­neh­men ist. Zum ei­nen hat­te die Be­klag­te ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Be­ru­fung ein­ge­legt. Zum an­de­ren be­stand ein ho­hes Me­di­en­in­ter­es­se, das durch die Ein­le­gung der Be­ru­fung er­neut ge­weckt wor­den war, im Übri­gen noch zum Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung im Be­ru­fungs­ver­fah­ren an­ge­hal­ten hat. Die Be­klag­te selbst hat die sei­nen Vor­ge­setz­ten B2 be­tref­fen­den Be­haup­tun­gen des Klägers als emo­tio­na­len Rund­um­schlag qua­li­fi­ziert. War dies für die Be­klag­te aber er­kenn­bar, so kann nach dem wei­te­ren zeit­li­chen Ab­stand von sechs Mo­na­ten an­ge­nom­men wer­den, dass die in ei­ner Aus­nah­me­si­tua­ti­on getätig­ten Äußerun­gen des Klägers ei­ner künf­ti­gen ge­deih­li­chen Zu­sam­men­ar­beit im Er­geb­nis nicht ent­ge­gen­ste­hen.

d) Durch die be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Klägers ge­deckt ist da­ge­gen der von der Be­klag­ten vor­ge­tra­ge­ne Ver­such des Klägers, mit Hin­weis auf die Me­di­en­auf­merk­sam­keit ei­ne mögli­che Ab­fin­dung be­tragsmäßig zu erhöhen. Der Kläger hat sich in­so­weit tatsächli­che Umstände zu­nut­ze ge­macht, die von ihm selbst nicht ver­an­lasst wor­den sind. Dies ist im Rah­men von Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen kein un­gewöhn­li­ches Ver­hal­ten.

e) Äußerun­gen, die wie die Be­klag­te meint, den Tat­be­stand der Nöti­gung erfüllen könn­ten, kann die Kam­mer der E-Mail da­ge­gen nicht ent­neh­men. Die Be­klag­te hat die­se Be­wer­tung des In­halts der E-Mail nicht wei­ter kon­kre­ti­siert, nach dem Verständ­nis der Kam­mer han­delt es sich hier­bei um die An­ga­ben des Klägers da­zu, worüber er während sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses si­cher­lich nicht spre­chen wer­de. Wor­in wei­ter der nöti­gen­de Cha­rak­ter die­ser Äußerung lie­gen soll, er­sch­ließt sich je­doch nicht oh­ne wei­te­re Be­gründung. Da­mit hat der Kläger zunächst nur zum Aus­druck ge­bracht, dass er Kennt­nis von Umständen hat, von de­nen er meint, dass es für die Be­klag­te zu Nach­tei­len führe, wenn die­se Umstände be­kannt würden.

 

- 14 - 

f) So­weit die Be­klag­te dem Kläger fal­sche Be­haup­tun­gen zu der Fra­ge vor­wirft, in­wie­weit pri­va­te elek­tri­sche Geräte am Strom­netz an­ge­schlos­sen sind, stellt dies kei­nen Auflösungs­grund dar. Es ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig, dass ei­ne sol­che Pra­xis je­den­falls zum Zeit­punkt der Kündi­gung im Be­trieb der Be­klag­ten be­stand. Dem­ent­spre­chend hält die Be­klag­te dem Kläger auch nur vor, dass sei­ne Aus­sa­ge nicht ganz rich­tig sei. Auch die in ei­ner Fern­seh­sen­dung getätig­te Be­haup­tung des Klägers, er ha­be sich während sei­ner ge­sam­ten Beschäfti­gungs­zeit nichts zu Schul­den kom­men las­sen, steht ei­ner wei­te­ren ge­deih­li­chen Zu­sam­men­ar­beit nicht ent­ge­gen. Im Hin­blick auf die am 18.03.2002 er­teil­te Ab­mah­nung ist die­se An­ga­be zwar nicht zu­tref­fend. Bei­de Par­tei­en ha­ben der Ab­mah­nung je­doch im Ver­lauf des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens kei­ne Be­deu­tung bei­ge­mes­sen. In­so­weit wird auf die obi­gen Ausführun­gen Be­zug ge­nom­men.

g) Nicht er­kenn­bar ist, dass der Um­stand, dass der Kläger Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten auf ei­ne an­ste­hen­de Fern­seh­sen­dung, in der sein Fall be­han­delt wor­den ist, da­durch hin­ge­wie­sen hat, dass er ei­nen Zet­tel un­ter die Wind­schutz­schei­be der Mit­ar­bei­ter-Pkw klemm­te, die künf­ti­ge Zu­sam­men­ar­beit der Par­tei­en zu be­ein­träch­ti­gen vermöch­te. Ein sol­ches Ge­wicht kommt die­sem Ver­hal­ten nicht zu. Al­les in al­lem zeigt sich, dass die von der Be­klag­ten her­an­ge­zo­ge­nen Auflösungs­gründe die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 1 KSchG nicht erfüllen.

III

Dem Kläger steht der gel­tend ge­mach­te Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch zu, weil das Ar­beits­verhält­nis nach Fest­stel­lung des er­ken­nen­den Ge­richts durch die aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung nicht be­en­det wor­den ist.

IV

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 ZPO.

 

- 15 - 

Die Re­vi­si­on war nicht zu­zu­las­sen, da die Vor­aus­set­zun­gen des § 72 Abs. 2 ArbGG nicht vor­la­gen.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­ses Ur­teil ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben.
We­gen der Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf § 72a ArbGG ver­wie­sen.

 

Hack­mann 

Wil­lers 

Pra­del
Bg.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 16 Sa 260/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880