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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Befristung, Diskriminierung: Alter, Europarecht
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Akten­zeichen: 2 BvR 2661/06
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 06.07.2010
   
Leit­sätze:

1. a) Ei­ne Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kommt nur in Be­tracht, wenn ein Kom­pe­tenz­ver­s­toß der eu­ropäischen Or­ga­ne hin­rei­chend qua­li­fi­ziert ist. Das setzt vor­aus, dass das kom­pe­ten­z­wid­ri­ge Han­deln der Uni­ons­ge­walt of­fen­sicht­lich ist und der an­ge­grif­fe­ne Akt im Kom­pe­tenz­gefüge zu ei­ner struk­tu­rell be­deut­sa­men Ver­schie­bung zu­las­ten der Mit­glied­staa­ten führt.

b) Vor der An­nah­me ei­nes Ul­tra-vi­res-Akts ist dem Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on im Rah­men ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 AEUV die Ge­le­gen­heit zur Ver­trags­aus­le­gung so­wie zur Ent­schei­dung über die Gültig­keit und die Aus­le­gung der frag­li­chen Hand­lun­gen zu ge­ben, so­weit er die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen noch nicht geklärt hat.

2. Zur Si­che­rung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schut­zes ist zu erwägen, in Kon­stel­la­tio­nen der rück­wir­ken­den Nicht­an­wend­bar­keit ei­nes Ge­set­zes in­fol­ge ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on in­ner­staat­lich ei­ne Entschädi­gung dafür zu gewähren, dass ein Be­trof­fe­ner auf die ge­setz­li­che Re­ge­lung ver­traut und in die­sem Ver­trau­en Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen hat.

3. Nicht je­de Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht stellt ei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­an­stan­det die Aus­le­gung und An­wen­dung von Zuständig­keits­nor­men nur, wenn sie bei verständi­ger Würdi­gung der das Grund­ge­setz be­stim­men­den Ge­dan­ken nicht mehr verständ­lich er­schei­nen und of­fen­sicht­lich un­halt­bar sind. Die­ser Willkürmaßstab wird auch an­ge­legt, wenn ei­ne Ver­let­zung von Art. 267 Abs. 3 AEUV in Re­de steht (Bestäti­gung von BVerfGE 82, 159 <194>).

Vor­ins­tan­zen:
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT

- 2 BvR 2661/06 -


IM NA­MEN DES VOL­KES

In dem Ver­fah­ren

über

die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

der Fir­ma H... GmbH,
ge­setz­lich ver­tre­ten durch die Geschäftsführer,


- Be­vollmäch­tig­te: CMS Ha­sche Sig­le, Part­ner­schaft von Rechts­anwälten und Steu­er­be­ra­tern, Theo­dor-Heuss-Ring 19-21, 50668 Köln -

ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 26. April 2006 - 7 AZR 500/04 -

hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Zwei­ter Se­nat - un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin­nen und Rich­ter
Präsi­dent Voßkuh­le,
Broß,
Os­ter­loh,
Di Fa­bio,
Mel­ling­hoff, Lübbe-Wolff, Ger­hardt,
Land­au
am 6. Ju­li 2010 be­schlos­sen:

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wird zurück­ge­wie­sen.

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G r ü n d e:


A.

I.

Die Be­schwer­deführe­rin ist ein Un­ter­neh­men der Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rung. Sie beschäftigt in ih­rer Pro­duk­ti­onsstätte in Schles­wig-Hol­stein über 1.200 Ar­beit­neh-mer. Mit dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens schloss sie am 18. Fe­bru­ar 2003 für den Zeit­raum vom 19. Fe­bru­ar 2003 bis zum 31. März 2004 ei­nen sach­grund­los be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag. Der Kläger wur­de als Aus­hil­fe in der Pro­duk­ti­on von Brems­belägen ein­ge­setzt. Ins­ge­samt wur­den zu die­sem Zeit­punkt von der Be­schwer­deführe­rin 56 be­fris­te­te Ar­beits­verträge mit zu­vor ar­beits­lo­sen Per­so­nen ab­ge­schlos­sen, um Pro­duk­ti­ons­spit­zen ab­zu­de­cken. Von die­sen 56 neu­en Mit­ar­bei­tern hat­ten 13 Ar­beit­neh­mer - un­ter ih­nen der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens - das 52. Le­bens­jahr be­reits voll­endet. Die zusätz­li­chen Ar­beit­neh­mer wur­den nach den An­ga­ben der Be­schwer­deführe­rin be­wusst auf der Grund­la­ge des Ge­set­zes über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge (Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz - Tz­B­fG) ein­ge­stellt, um Rechts­si­cher­heit vor Ent­fris­tungs­kla­gen zu er­lan­gen. Sol­che Ent­fris­tungs­kla­gen sei­en in der Ver­gan­gen­heit ge­gen die Be­schwer­deführe­rin er­ho­ben wor­den und hätten im Er­folgs­fall zu Ver­wer­fun­gen bei der Per­so­nal­pla­nung geführt.

Der Kläger mach­te ge­genüber der Be­schwer­deführe­rin kur­ze Zeit später die Un­wirk­sam­keit der Be­fris­tung sei­nes Ar­beits­ver­trags gel­tend. Er be­rief sich auf die Un­ver­ein­bar­keit der Be­fris­tung auf der Grund­la­ge von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG mit der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge (ABl Nr. L 175/43) so­wie der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl Nr. L 303/16). Das Ar­beits­ge­richt Lübeck wies sei­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung des Fort­be­ste­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses und auf Wei­ter­beschäfti­gung mit Ur­teil vom 11. März 2004 ab. Der Kläger könne sich nicht auf ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung der Richt­li­ni­en im Verhält­nis un­ter Pri­va­ten be­ru­fen. Die Be­ru­fung des Klägers wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein mit Ur­teil vom 22. Ju­ni 2004 zurück. Ne­ben dem Hin­weis auf die Nicht­an­wend­bar­keit von Richt­li­ni­en in pri­vat­recht­li­chen Verhält­nis­sen ver­wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt

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zusätz­lich auf die un­zu­rei­chen­de in­halt­li­che Be­stimmt­heit und Un­be­dingt­heit der Richt­li­ni­en. Hier­ge­gen wand­te sich der Kläger mit der Re­vi­si­on an das Bun­des­ar­beits­ge­richt. Die Re­vi­si­on hat­te in der Sa­che Er­folg.

II.

1. § 14 Tz­B­fG lau­te­te in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung vom 21. De­zem­ber 2000 (BGBl I S. 1966) aus­zugs­wei­se:


(1) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ist zulässig, wenn sie durch ei­nen sach­li­chen Grund ge­recht­fer­tigt ist. [...]

(2) Die ka­len­dermäßige Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges oh­ne Vor-lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des ist bis zur Dau­er von zwei Jah­ren zulässig; [...] Ei­ne Be­fris­tung nach Satz 1 ist nicht zulässig, wenn mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber be­reits zu­vor ein be­fris­te­tes oder un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­stan­den hat. [...]


(3) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges be­darf kei­nes sach­li­chen Grun­des, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 58. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die Be­fris­tung ist nicht zulässig, wenn zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Ein sol­cher en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang ist ins­be­son­de­re an­zu­neh­men, wenn zwi­schen den Ar­beits­verträgen ein Zeit­raum von we­ni­ger als sechs Mo­na­ten liegt.


(4) [...]


Der Ge­setz­ge­ber er­wei­ter­te den per­so­nel­len An­wen­dungs­be­reich des § 14 Tz­B­fG im De­zem­ber 2002 (Ers­tes Ge­setz für mo­der­ne Dienst­leis­tun­gen am Ar­beits­markt vom 23. De­zem­ber 2002, BGBl I S. 4607). Für den Zeit­raum vom 1. Ja­nu­ar 2003 bis zum 31. De­zem­ber 2006 wur­de die Al­ters­gren­ze ei­ner sach-grund­lo­sen Be­fris­tungsmöglich­keit vom voll­ende­ten 58. auf das voll­ende­te 52. Le­bens­jahr ab­ge­senkt. Zu die­sem Zweck wur­de ein vier­ter Satz in § 14 Abs. 3 Tz­B­fG ein­gefügt:

Bis zum 31. De­zem­ber 2006 ist Satz 1 mit der Maßga­be an­zu­wen­den, dass an die Stel­le des 58. Le­bens­jah­res das 52. Le­bens­jahr tritt.

Mit die­ser Ände­rung, die Be­stand­teil der Ar­beits­markt­re­for­men war, ver­folg­te der Ge­setz­ge­ber das Ziel, die sta­tis­tisch deut­lich erhöhte Ar­beits­lo­sig­keit un­ter

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älte­ren Men­schen durch nied­ri­ge­re Bar­rie­ren für de­ren Wie­der­ein­tritt in das Be­rufs­le­ben zu ver­rin­gern. Die über 50-Jähri­gen sei­en nicht nur länger ar­beits­los als an­de­re Al­ters­grup­pen, son­dern sie stell­ten auch ei­nen deut­lich größeren An­teil der Lang­zeit­ar­beits­lo­sen. Der Ge­setz­ge­ber ver­wies dar­auf, dass die ge­rin­ge Ein­stel­lungs­be­reit­schaft der Ar­beit­ge­ber im We­sent­li­chen auf ei­ne „psy­cho­lo­gi­sche Ein­stel­lungs­bar­rie­re“ zurück­zuführen sei, die ih­re Ur­sa­che in der un­zu­tref­fen­den Über­zeu­gung ha­be, älte­re Ar­beit­neh­mer könn­ten bei ei­nem späte­ren Per­so­nal­ab­bau nicht mehr ent­las­sen wer­den (BT­Drucks 15/25, S. 40). Da die Er­fah­rung ge­zeigt ha­be, dass die Be­fris­tung von Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen die Ein­stel­lungs­be­reit­schaft an­he­be und die be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­se im Durch­schnitt et­wa zur Hälf­te in un­be­fris­te­te Beschäfti­gun­gen einmünde­ten, sei § 14 Abs. 3 Tz­B­fG ent­spre­chend zu er­wei­tern.


Der Ge­setz­ge­ber hielt die mit die­ser Re­ge­lung ver­bun­de­ne Un­gleich­be­hand-lung älte­rer Ar­beits­su­chen­der mit Blick auf das beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Ziel, die Chan­cen älte­rer Men­schen auf ei­nen Ar­beits­platz zu ver­bes­sern, für ge­recht­fer­tigt. Dies ent­spre­che auch ei­nem wich­ti­gen Ziel der eu­ropäischen Beschäfti­gungs­po­li­tik (BT­Drucks 15/25, S. 40). Deutsch­land sei mit Be­schluss 2001/63/EG des Ra­tes vom 19. Ja­nu­ar 2001 über die Leit­li­ni­en für beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Maßnah­men der Mit­glied­staa­ten (ABl Nr. L 22/18) aus­drück­lich auf­ge­for­dert wor­den, Hin­der­nis­se und ne­ga­ti­ve Fak­to­ren für die Er­werbs­be­tei­li­gung älte­rer Ar­beits­lo­ser zu ver­bes­sern.


2. a) Art. 19 Abs. 1 AEUV (ehe­mals Art. 13 Abs. 1 EGV)1 ermäch­tigt den Rat, im Zuständig­keits­be­reich der Uni­on Re­ge­lun­gen un­ter an­de­rem ge­gen al­ters­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­run­gen zu er­las­sen. Ein un­mit­tel­bar wir­ken­des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot enthält die Be­stim­mung nicht (vgl. St­reinz, in: St­reinz, EUV/EGV, 2003, Art. 13 EGV Rn. 17; Epi­ney, in: Cal­liess/Ruf­fert, EUV/EGV, 3. Aufl. 2007, Art. 13 EGV Rn. 1). Art. 19 Abs. 1 AEUV lau­tet:


Un­be­scha­det der sons­ti­gen Be­stim­mun­gen der Verträge kann der Rat im Rah­men der durch die Verträge auf die Uni­on über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gemäß ei­nem be­son­de­ren Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren und nach Zu­stim­mung des Eu­ropäischen Par­la­ments ein­stim­mig ge­eig­ne­te Vor­keh­run­gen tref­fen, um Dis­kri­mi­nie­run­gen aus Gründen

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1 Der Be­schluss nimmt auf die gel­ten­de Fas­sung des Uni­ons­rechts Be­zug, auch wenn dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts das Ge­mein­schafts­recht in der Fas­sung vor In­kraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon zu­grun­de­ge­le­gen hat.


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des Ge­schlechts, der Ras­se, der eth­ni­schen Her­kunft, der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung zu bekämp­fen.

Dem­ge­genüber enthält Art. 21 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropä-ischen Uni­on (Grund­rech­te­char­ta - GRCh) ein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot auf­grund des Al­ters, dem un­mit­tel­ba­re Wir­kung zu­kommt. Die Vor­schrift lau­tet in der übe­r­ar­bei­te­ten Fas­sung vom 12. De­zem­ber 2007 (ABl Nr. C 303/1; BGBl 2008 II S. 1165):

(1) Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re we­gen des Ge­schlechts, der Ras­se, der Haut­far­be, der eth­ni­schen oder so­zia­len Her­kunft, der ge­ne­ti­schen Merk­ma­le, der Spra­che, der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, der po­li­ti­schen oder sons­ti­gen An­schau­ung, der Zu­gehörig­keit zu ei­ner na­tio­na­len Min­der­heit, des Vermögens, der Ge­burt, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung sind ver­bo­ten.

(2) Un­be­scha­det be­son­de­rer Be­stim­mun­gen der Verträge ist in ih­rem An­wen­dungs­be­reich je­de Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen der Staats­an­gehörig­keit ver­bo­ten.

Die Grund­rech­te­char­ta war in dem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­raum noch nicht rechts­ver­bind­lich. Sie wur­de den Verträgen erst mit In­kraft­tre­ten des Ver-trags von Lis­sa­bon zur Ände­rung des Ver­trags über die Eu­ropäische Uni­on und des Ver­trags zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft vom 13. De­zem­ber 2007 (Ver­trag von Lis­sa­bon - ABl Nr. C 306/10; BGBl 2008 II S. 1038) recht­lich gleich­ge­stellt (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EUV).

b) Mit der Richt­li­nie 1999/70/EG soll die zwi­schen eu­ropäischen Ar­beit­ge­ber-und Ar­beit­neh­mer­verbänden ge­trof­fe­ne Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge durch­geführt wer­den (Art. 1 der Richt­li­nie 1999/70/EG). Der Ver­ein­ba­rung zu­fol­ge, die als An­hang Be­stand­teil der Richt­li­nie ist, gilt für be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer der Grund­satz der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung; der Miss­brauch durch auf­ein­an­der­fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge ist zu ver­mei­den (vgl. im Ein­zel­nen §§ 4, 5 des An­hangs der Richt­li­nie 1999/70/EG). Das Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz wur­de vom deut­schen Ge­setz­ge­ber im Jahr 2000 er­las­sen, um die­se Richt­li­nie in deut­sches Recht um­zu­set­zen.


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Die Richt­li­nie 2000/78/EG soll un­ter an­de­rem Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund des Al­ters ver­hin­dern. Art. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG legt den Zweck des Rechts­ak­tes da­hin­ge­hend fest, dass ein all­ge­mei­ner Rah­men zur Bekämp­fung von Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäfti­gung und Be­ruf, un­ter an­de­rem we­gen des Al­ters, zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten ge­schaf­fen wer­den soll. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz wird als Ver­bot be­stimm­ter un­mit­tel­ba­rer oder mit­tel­ba­rer Dis­kri­mi­nie­run­gen de­fi­niert (Art. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Der An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie er­streckt sich ins­be­son­de­re auf die Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen in ei­nem Mit­glied­staat, un­abhängig von der Exis­tenz ei­nes grenzüber­schrei­ten­den Sach­ver­halts (Art. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht fer­ner vor, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters ge­recht­fer­tigt sein kann. Die Vor­schrift lau­tet:

Ar­ti­kel 6 - Ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters

(1) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis¬kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Al­ter, die Be­rufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zu­gang zur Beschäfti­gung oder für be­stimm­te mit der Beschäfti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen ei­nes be­stimm­ten Ar­beits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand.

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[...]


Die Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie lief am 2. De­zem­ber 2003 ab (Art. 18 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Die Mit­glied­staa­ten konn­ten im Hin­blick auf Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren bis zum 2. De­zem­ber 2006 in An­spruch neh­men (Art. 18 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Die Eu­ropäische Kom­mis­si­on war von der In­an­spruch­nah­me die­ser verlänger­ten Um­set­zungs­frist in Kennt­nis zu set­zen. Ihr war zu­dem während die­ses Zeit­raums jähr­lich Be­richt über die er­grif­fe­nen Maßnah­men zur Bekämp­fung der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und über die Fort­schrit­te, die bei der Um­set­zung der Richt­li­nie er­zielt wer­den konn­ten, zu er­stat­ten. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat die­se Zu­satz­frist in An­spruch ge­nom­men. Die verlänger­te Um­set­zungs­frist en­de­te am 2. De­zem­ber 2006.

3. a) Der Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten (jetzt Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on) stell­te in sei­nem Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005 in der Rechts­sa­che Man­gold (Rs. C-144/04, Slg. 2005, S. I-9981) fest, dass Ge­mein­schafts­recht und ins­be­son­de­re Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ent­ge­genstünden. Es ob­lie­ge dem na­tio­na­len Ge­richt, die vol­le Wirk­sam­keit des all­ge­mei­nen Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu gewähr­leis­ten, in­dem es je­de ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det las­se, auch wenn die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie noch nicht ab­ge­lau­fen sei.

Zur Be­gründung führ­te der Ge­richts­hof un­ter an­de­rem aus, dass ei­ne der­ar­ti-ge Re­ge­lung zwar das le­gi­ti­me Ziel ver­fol­ge, älte­re Ar­beit­neh­mer wie­der in das Be­rufs­le­ben ein­zu­glie­dern. Sie ge­he aber über das er­for­der­li­che und an­ge­mes­se­ne Maß hin­aus, weil sie al­lein auf das Al­ters­kri­te­ri­um ab­stel­le und an­de­re Umstände wie die Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­mark­tes und die persönli­che Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen un­berück­sich­tigt las­se.

Ei­nem Ver­s­toß ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG ste­he nicht ent­ge­gen, dass de­ren Um­set­zungs­frist zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses noch nicht ab­ge­lau­fen ge­we­sen sei. Ers­tens dürfe ein Mit­glied­staat schon während der Um­set­zungs­frist kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen, die ge­eig­net sei­en, die Er­rei­chung des in ei­ner Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Ziels ernst­lich in Fra­ge zu stel­len. Im vor­lie­gen­den Fall ha­be die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land darüber hin­aus von der Möglich­keit ei­ner dreijähri­gen Frist­verlänge­rung nach Art. 18 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG

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Ge­brauch ge­macht. Die­se Vor­schrift im­pli­zie­re durch Be­richts­pflich­ten an die Kom­mis­si­on, dass ein Mit­glied­staat in die­sem Zeit­raum schritt­wei­se kon­kre­te Maßnah­men er­grei­fe, um sei­ne Rechts­ord­nung dem Richt­li­ni­en­ziel an­zunähern. Die­ser Ver­pflich­tung würde jeg­li­che prak­ti­sche Wirk­sam­keit ge­nom­men, wenn dem Mit­glied­staat ge­stat­tet wäre, während der Um­set­zungs­frist Maßnah­men zu er­las­sen, die mit de­ren Zie­len un­ver­ein­bar sei­en. Zwei­tens sei das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts an­zu­se­hen. Der Ge­richts­hof be­gründe­te die Exis­tenz die­ses neu­en Grund­sat­zes mit dem Hin­weis auf die Erwägungs­gründe der Richt­li­nie 2000/78/EG, die ih­rer­seits auf ver­schie­de­ne völker­recht­li­che Verträge und die ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten ver­wie­sen.

Die vor­lie­gen­de na­tio­na­le Re­ge­lung fal­le in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, weil § 14 Abs. 3 Tz­B­fG als Maßnah­me zur Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG er­gan­gen und im Jah­re 2002 um § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ergänzt wor­den sei.

b) Nach Ein­gang der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de die Fra­ge, ob das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters ei­ner na­tio­na­len Vor­schrift ent­ge­gen­steht, in den Rechts­sa­chen Pa­la­ci­os (Ur­teil vom 16. Ok­to­ber 2007, Rs. C-411/05, Slg. 2007, S. I-8531), Bartsch (Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2008, Rs. C-427/06, Slg. 2008, S. I-7245) und Kücükde­ve­ci (Ur­teil vom 19. Ja­nu­ar 2010, Rs. C-555/07, NJW 2010, S. 427) er­neut vor dem Ge­richts­hof auf­ge­wor­fen. In der Kücükde­ve­ci-Ent­schei­dung bestätig­te der Ge­richts­hof die Man­gold-Ent­schei­dung im Hin­blick auf den all­ge­mei­nen Grund­satz des Uni­ons­rechts, der je­de Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters ver­bie­te, und wies zur Be­gründung auf Art. 21 Abs. 1 GRCh hin.

III.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stell­te mit dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil vom 26. April 2006 fest, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht mit Ab­lauf des 31. März 2004 durch Be­fris­tung ge­en­det ha­be. Es be­gründe­te dies un­ter an­de­rem mit dem Ar­gu­ment, die Be­schwer­deführe­rin könne sich zur Recht­fer­ti­gung der Be­fris­tung nicht auf § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG be­ru­fen. Zwar lägen die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen die­ser Norm vor. Die Vor­schrift sei aber mit Ge­mein­schafts­recht nicht zu ver­ein­ba­ren und dürfe da­her von den na­tio­na­len Ge­rich­ten nicht an­ge­wen­det wer­den. Dies fol­ge aus der Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs.

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Der Se­nat sei an den Aus­spruch der Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG durch den Ge­richts­hof ge­bun­den, den die­ser mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen das Ziel der Richt­li­nie 2000/78/EG und mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen das auf all­ge­mei­nen Grundsätzen des Ge­mein­schafts­rechts be­ru­hen­de Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dop­pelt be­gründet ha­be. Die Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs be­ru­he auf der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts im Rah­men ei­nes Vor­la­ge­ver­fah­rens nach Art. 234 Abs. 1 Buch­sta­be a EGV (jetzt Art. 267 Abs. 1 Buch­sta­be a AEUV) und hal­te sich im Rah­men der dem Ge­richts­hof nach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten.

Der vom Ge­richts­hof fest­ge­stell­te Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, der ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der in Art. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­nann­ten Merk­ma­le ent­ge­gen­ste­he, sei als Un­ter­fall des all­ge­mei­nen Grund­sat­zes der Gleich­heit und Nicht­dis­kri­mi­nie­rung an­zu­se­hen, der zu den Ge­mein­schafts­grund­rech­ten gehöre. Die­ser Grund­satz, auf den sich auch ei­ne Pri­vat­per­son vor ei­nem na­tio­na­len Ge­richt be­ru­fen könne, be­gren­ze den na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber bei der Norm­set­zung, so­weit des­sen Re­ge­lung in den An­wen­dungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts fal­le. Das Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz fal­le in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, da es der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG die­ne. Zwar möge es zu­tref­fen, dass das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung bis­her we­der in ver­bind­lich gel­ten­den völker­recht­li­chen Verträgen noch in ei­ner nen­nens­wer­ten An­zahl von Ver­fas­sun­gen der Mit­glied­staa­ten aus­drück­lich ge­nannt sei. Den­noch sei ei­ne Her­lei­tung aus of­fen for­mu­lier­ten Tat­beständen und im We­ge par­ti­el­ler Rechts­fort­bil­dung nicht aus­ge­schlos­sen.

Auch so­weit der Ge­richts­hof die Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG aus der Richt­li­nie 2000/78/EG her­lei­te, ha­be er sei­ne Kom­pe­ten­zen nicht über­schrit­ten. Die Be­gründung des Ge­richts­hofs sei da­hin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass ein während der Um­set­zungs­frist ei­ner Richt­li­nie er­las­se­nes na­tio­na­les Ge­setz un­an­wend­bar sei, wenn sein In­halt im Wi­der­spruch zu dem Richt­li­ni­en­ziel ste­he und kei­ne ge­mein­schafts­kon­for­me Aus­le­gung möglich sei. Rechts­grund­la­ge für die­se An­nah­me von Vor­wir­kun­gen bil­de der Grund­satz der Ver­trags­treue der Mit­glied­staa­ten nach Art. 10 Abs. 2 und Art. 249 Abs. 3 EGV (jetzt Art. 4 Abs. 3 UAbs. 3 EUV und Art. 288 Abs. 3 AEUV).


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Die Ent­schei­dung sei je­den­falls im Er­geb­nis un­miss­verständ­lich; es bedürfe des­halb kei­ner er­neu­ten Vor­la­ge an den Ge­richts­hof zur Un­ver­ein­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG mit Ge­mein­schafts­recht.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt lehn­te es fer­ner ab, § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG aus Gründen des ge­mein­schafts­recht­li­chen oder na­tio­na­len Ver­trau­ens­schut­zes auf ei­ne vor dem 22. No­vem­ber 2005 ge­trof­fe­ne Be­fris­tungs­ab­re­de an­zu­wen­den. Zur zeit­li­chen Be­gren­zung der Un­an­wend­bar­keit ei­ner ge­gen Primärrecht der Ge­mein­schaft ver­s­toßen­den na­tio­na­len Norm sei al­lein der Ge­richts­hof zuständig. Ei­ne sol­che Be­gren­zung sei in der Man­gold-Ent­schei­dung je­doch nicht ent­hal­ten. Der Se­nat sah sich auch nicht ver­pflich­tet, dem Ge­richts­hof durch ei­ne Vor­la­ge die Ge­le­gen­heit zur nachträgli­chen Gewährung von Ver­trau­ens­schutz zu eröff­nen, weil die nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs be­ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne der­ar­ti­ge zeit­li­che Be­gren­zung von Ent­schei­dungs­wir­kun­gen nicht vorlägen. Selbst wenn der Se­nat nach ei­nem Un­an­wend­bar­keits­aus­spruch des Ge­richts­hofs be­fugt wäre, Ver­trau­ens­schutz nach na­tio­na­lem Ver­fas­sungs­recht zu gewähren und da­mit des­sen zeit­li­che Wir­kung ein­zu­schränken, be­ste­he kein Ver­trau­ens­schutz zu­guns­ten der Be­schwer­deführe­rin. Denn bis zum Ab­schluss des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags mit dem Kläger ha­be es kei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts über die Zulässig­keit ei­ner al­lein auf das Le­bens­al­ter gestütz­ten sach­grund­lo­sen Be­fris­tung ge­ge­ben; darüber hin­aus sei die­se im ar­beits­recht­li­chen Schrift­tum um­strit­ten ge­we­sen.

IV.

Die Be­schwer­deführe­rin rügt ei­ne Ver­let­zung ih­rer Rech­te aus Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 (1.) und Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG (2.).

1. Die Be­schwer­deführe­rin macht ei­ne Ver­let­zung ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG aus zwei un­ter­schied­li­chen Blick­win­keln gel­tend. Ei­ne Ver­let­zung er­ge­be sich zunächst dar­aus, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung zur Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG maßgeb­lich auf die Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs gestützt ha­be. Wenn die­se Ent­schei­dung so zu ver­ste­hen sei, wie sie das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil ver­stan­den und an­ge­wandt ha­be, lie­ge ei­ne of­fen­sicht­li­che Kom­pe­tenzüber­schrei­tung des Ge­richts­hofs vor. So­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt dar­auf ab­stel­le, dass der Ge­richts­hof sich auf

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ei­nen all­ge­mei­nen Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts stütze, sei schon zwei­fel­haft, ob die Be­nen­nung und An­wen­dung ei­nes Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung nicht in ei­nem un­trenn­ba­ren funk­tio­na­len Zu­sam­men­hang mit den Ausführun­gen zu Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ste­he. Darüber hin­aus be­sit­ze der Ge­richts­hof kei­ne Kom­pe­tenz zur Prüfung ei­ner in­ner­staat­li­chen ar­beits­recht­li­chen Ge­setz­ge­bung bezüglich der Rechts­be­zie­hung zwi­schen Pri­va­ten. Die Ver­ab­schie­dung des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG sei nicht als Durchführung von Ge­mein­schafts­recht zu qua­li­fi­zie­ren. Fer­ner be­trei­be der Ge­richts­hof durch die Pos­tu­lie­rung ei­nes un­mit­tel­bar an­wend­ba­ren all­ge­mei­nen ge­mein­schafts­recht­li­chen Grund­sat­zes des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung un­zulässi­ge Rechts­fort­bil­dung. Außer­dem führe die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zur Richt­li­nie 2000/78/EG zu ei­ner von den Verträgen nicht ge­deck­ten Vor- und Dritt­wir­kung von Richt­li­ni­en.

Ei­ne Ver­let­zung ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG folgt nach An­sicht der Be­schwer­deführe­rin des Wei­te­ren dar­aus, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­nen hin­rei­chen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schutz gewährt und die Re­vi­si­on zurück­ge­wie­sen ha­be. Auch nach Ge­mein­schafts­recht sei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht ver­sagt ge­we­sen, Ge­sichts­punk­te des Ver­trau­ens­schut­zes zu berück­sich­ti­gen, da Fra­gen des Ver­trau­ens­schut­zes im Man­gold-Ver­fah­ren we­der auf­ge­wor­fen noch ent­schie­den wor­den sei­en. Der Un­an­wend­bar­keits­aus­spruch des Ge­richts­hofs in der Rechts­sa­che Man­gold könne in­so­weit nicht als ab­so­lut und un­be­dingt gel­tend ver­stan­den wer­den. An­ders als vom Bun­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, ha­be die Be­schwer­deführe­rin sich dar­auf ver­las­sen dürfen, dass § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG nicht an der noch um­zu­set­zen­den Richt­li­nie 2000/78/EG ge­mes­sen wer­de.

2. Die Be­schwer­deführe­rin trägt wei­ter vor, dass sie auch in ih­rem Recht auf den ge­setz­li­chen Rich­ter nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ver­letzt sei. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be sei­ne nach Art. 234 Abs. 3 EGV (jetzt 267 Abs. 3 AEUV) be­ste­hen­de Vor­la­ge­pflicht willkürlich ver­letzt, weil es den ihm zu­kom­men­den Be­ur­tei­lungs­spiel­raum in un­ver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten ha­be. Un­ter­stel­le man ei­ne Bin­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts an die Man­gold-Ent­schei­dung, hätte das Bun­des­ar­beits­ge­richt dem Ge­richts­hof die Fra­ge vor­le­gen müssen, ob auch Ver­trags­verhält­nis­se er­fasst sei­en, die vor der Man­gold-Ent­schei­dung ab­ge­schlos­sen wur­den, oder ob nicht Grundsätze des ge­mein­schafts­recht­li­chen oder des na­tio­na­len Ver­trau­ens­schut­zes ei­ne zeit­li­che Ein­schränkung geböten. Dass der Ge­richts­hof ei­ne zeit­li­che Be­gren­zung sei­ner Ent­schei­dungs­wir­kun­gen nur im Aus­nah­me-


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fall aus­spre­che, be­zie­he sich le­dig­lich auf die fi­nan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen für die Mit­glied­staa­ten, nicht aber auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung. Die feh­len­de zeit­li­che Be­gren­zung in der Man­gold-Ent­schei­dung selbst sei dar­auf zurück­zuführen, dass dort kei­ner­lei Ver­an­las­sung zu ei­ner zeit­li­chen Be­gren­zung be­stan­den ha­be.

V.

Der Zwei­te und der Sechs­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts so­wie der Zwei­te und der Sechs­te Se­nat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ha­ben Stel­lung ge­nom­men.

B.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zulässig.


I.

Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist als ei­ne Maßnah­me der deut­schen öffent­li­chen Ge­walt taug­li­cher Ge­gen­stand ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de (§ 90 Abs. 1 BVerfGG). Die Pflicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Wah­rung des Grund­ge­set­zes be­steht ge­genüber al­len Maßnah­men der deut­schen öffent­li­chen Ge­walt, grundsätz­lich auch sol­chen, die die in­ner­staat­li­che Gel­tung von Ge­mein­schafts- und Uni­ons­recht be­gründen (vgl. BVerfGE 89, 155 <171>; 123, 267 <329>), Ge­mein­schafts- und Uni­ons­recht um­set­zen (vgl. BVerfGE 113, 273 <292>; 118, 79 <94>; BVerfG, Ur­teil des Ers­ten Se­nats vom 2. März 2010 - 1 BvR 256/08, 1 BvR 263/08, 1 BvR 586/08 -, NJW 2010, S. 833 <835>) oder voll­zie­hen. Ob und in­wie­weit die Prüfung der Ver­fas­sungsmäßig­keit sol­cher Maßnah­men durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­schränkt ist, ist ei­ne Fra­ge der Be­gründet­heit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de, so­weit wie hier dies­bezüglich of­fe­ne Fra­gen zu klären sind.

II.

Die Be­gründung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de genügt den An­for­de­run­gen der § 92, § 23 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG. Nach den Dar­le­gun­gen der Be­schwer­deführe­rin er­scheint es ins­be­son­de­re möglich, dass das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts die Be­schwer­deführe­rin in ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­letzt, weil es zum ei­nen auf ei­ner un­zulässi­gen Rechts­fort­bil­dung des Ge­richts­hofs be­ruht, die nach Maßga­be


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der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Deutsch­land nicht an­zu­wen­den ist (vgl. BVerfGE 89, 155 <188>; 123, 267 <353 f.>), und weil es zum an­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schutz nicht gewährt.

Die Be­schwer­deführe­rin legt aus­rei­chend dar, war­um der Ge­richts­hof mit der Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che Man­gold die Gren­zen der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts über­schrit­ten und das Ge­mein­schafts­recht in ei­ner Wei­se fort­ge­bil­det ha­be, die von den Kom­pe­ten­zen der Ge­mein­schaft nicht mehr ge­deckt sei. Da­bei setzt sie sich mit der bis zum Zeit­punkt der Er­he­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­gan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Kom­pe­tenz­kon­trol­le, der für kom­pe­ten­z­wid­rig ge­hal­te­nen Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs und den hier­zu er­gan­ge­nen kri­ti­schen An­mer­kun­gen in der Li­te­ra­tur aus­ein­an­der. Die Be­schwer­deführe­rin war nicht ge­hal­ten, an­ti­zi­pie­rend auf vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erst noch zu präzi­sie­ren­de Ein­zel­hei­ten der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Über­prüfung von Hand­lun­gen der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen auf die Be­ach­tung der Gren­zen ih­rer Kom­pe­ten­zen ein­zu­ge­hen.

C.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist un­be­gründet.

I.

Die Be­schwer­deführe­rin ist nicht des­we­gen in ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG ver­letzt, weil das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf ei­ner un­zulässi­gen Rechts­fort­bil­dung des Ge­richts­hofs be­ruht.

1. a) So­wohl die durch Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­te Pri­vat­au­to­no­mie als auch die Ga­ran­tie der frei­en Be­rufs­ausübung nach Art. 12 Abs. 1 GG schließen das Recht ein, Ar­beits­verhält­nis­se durch die Ab­ga­be übe­rein­stim­men­der Wil­lens­erklärun­gen zu be­gründen, aus­zu­ge­stal­ten und zu be­fris­ten (vgl. all­ge­mein für die Ge­stal­tung von Ar­beits­verträgen BVerfG, Be­schluss der 2. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 23. No­vem­ber 2006 - 1 BvR 1909/06 -, NJW 2007, S. 286). Die Ver­trags­frei­heit als we­sent­li­cher Aus­druck der Pri­vat­au­to­no­mie wird all­ge­mein durch das Grund­recht auf freie Ent­fal­tung der Persönlich­keit nach Art. 2 Abs. 1 GG geschützt (vgl. BVerfGE 72, 155 <170>; 81, 242 <254 ff.>; 89, 214 <231 ff.>; 103, 89 <100 f.>). Geht es um die Hand­lungs­frei­heit ge­ra­de im Be­reich der be­ruf­li­chen


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Betäti­gung, die ih­re spe­zi­el­le Gewähr­leis­tung in Art. 12 Abs. 1 GG fin­det, schei­det die ge­genüber an­de­ren Frei­heits­rech­ten sub­si­diäre all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit als Prüfungs­maßstab al­ler­dings aus (vgl. BVerfGE 89, 1 <13>; 117, 163 <181>). Dies gilt ins­be­son­de­re im Be­reich des In­di­vi­dual­ar­beits­ver­trags­rechts (vgl. BVerfGE 57, 139 <158>; BVerfGK 4, 356 <363 f.>).

Die Pri­vat­rechts­ord­nung ist ge­setz­lich ge­stal­tet. Ge­set­ze re­geln die Ausübung der Ver­trags­frei­heit nicht nur zu ih­rem in­sti­tu­tio­nel­len Schutz, son­dern auch um so­zia­le Be­lan­ge struk­tu­rell schwäche­rer Markt­teil­neh­mer zu wah­ren. Aus die­sem Grund wird der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge nicht vollständig in die Dis­po­si­ti­ons­frei­heit der Ver­trags­par­tei­en ge­legt, son­dern tra­di­tio­nell an Vor­aus­set­zun­gen ge­bun­den, die die Ar­beit­neh­mer schützen sol­len. Denn für Ar­beit­neh­mer ist die Er­werbs­ar­beit re­gelmäßig al­lei­ni­ge Exis­tenz­grund­la­ge. Durch Be­fris­tung wird zwar den Fle­xi­bi­litäts­bedürf­nis­sen ren­ta­bler Un­ter­neh­mensführung ent­spro­chen. Für die da­von be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer be­deu­tet ein be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis aber nicht nur die Chan­ce auf Er­werbs­ar­beit, son­dern ist auch mit Un­si­cher­heit über den Fort­be­stand des Er­werbs­ein­kom­mens ver­bun­den. Der in­so­weit schützen­de staat­li­che Ein­griff in die Pri­vat­au­to­no­mie bei der Aus­ge­stal­tung be­fris­te­ter Ar­beits­verhält­nis­se be­darf ei­ner ge­setz­li­chen Grund­la­ge, die sich ih­rer­seits als ver­fas­sungs­gemäß er­wei­sen muss.

Die für das Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren maßgeb­li­che Vor­schrift des ein­fa­chen Rechts ist § 14 Tz­B­fG in der vom 1. Ja­nu­ar 2003 bis zum 31. De­zem­ber 2006 gel­ten­den Fas­sung. Von dem Grund­satz, dass es zur Be­gründung be­fris­te­ter Ar­beits­verhält­nis­se ei­nes sach­li­chen Grun­des be­darf, konn­te nach § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ab­ge­wi­chen wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 52. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die­se Aus­nah­me­re­ge­lung hat in­des zum Nach­teil der Be­schwer­deführe­rin un­an­ge­wen­det zu blei­ben, wenn sie ge­gen Ge­mein­schafts­recht (jetzt Uni­ons­recht) verstößt.

b) Das Recht der Eu­ropäischen Uni­on kann sich nur wirk­sam ent­fal­ten, wenn es ent­ge­gen­ste­hen­des mit­glied­staat­li­ches Recht ver­drängt. Der An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts führt zwar nicht da­zu, dass ent­ge­gen­ste­hen­des na­tio­na­les Recht nich­tig wäre. Mit­glied­staat­li­ches Recht kann viel­mehr wei­ter sei­ne Gel­tung ent­fal­ten, wenn und so­weit es jen­seits des An­wen­dungs­be­reichs ein­schlägi­gen Uni­ons­rechts ei­nen sach­li­chen Re­ge­lungs­be­reich behält. Im An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts da­ge­gen ist ent­ge­gen­ste­hen­des mit­glied­staat­li­ches Recht

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grundsätz­lich un­an­wend­bar. Der An­wen­dungs­vor­rang folgt aus dem Uni­ons­recht, weil die Uni­on als Rechts­ge­mein­schaft nicht be­ste­hen könn­te, wenn die ein­heit­li­che Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts in den Mit­glied­staa­ten nicht gewähr­leis­tet wäre (vgl. grund­le­gend EuGH, Ur­teil vom 15. Ju­li 1964, Rs. 6/64, Costa/EN­EL, Slg. 1964, S. 1251 Rn. 12). Der An­wen­dungs­vor­rang ent­spricht auch der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ermäch­ti­gung des Art. 23 Abs. 1 GG, wo­nach Ho­heits­rech­te auf die Eu­ropäische Uni­on über­tra­gen wer­den können (vgl. BVerfGE 31, 145 <174>; 123, 267 <402>). Art. 23 Abs. 1 GG er­laubt mit der Über­tra­gung von Ho­heits­rech­ten - so­weit ver­trag­lich vor­ge­se­hen und ge­for­dert - zu­gleich de­ren un­mit­tel­ba­re Ausübung in­ner­halb der mit­glied­staat­li­chen Rechts­ord­nun­gen. Er enthält so­mit ein Wirk­sam­keits- und Durch­set­zungs­ver­spre­chen, dem der uni­ons­recht­li­che An­wen­dungs­vor­rang ent­spricht.

c) aa) An­ders als ein bun­des­staat­li­cher Gel­tungs­vor­rang, wie ihn Art. 31 GG für die deut­sche Rechts­ord­nung vor­sieht, kann der An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts nicht um­fas­send sein (vgl. BVerfGE 73, 339 <375>; 123, 267 <398>).

Das Uni­ons­recht bleibt als au­to­no­mes Recht von der ver­trag­li­chen Über­tra­gung und Ermäch­ti­gung abhängig. Die Uni­ons­or­ga­ne blei­ben für die Er­wei­te­rung ih­rer Be­fug­nis­se auf Ver­tragsände­run­gen an­ge­wie­sen, die von den Mit­glied­staa­ten im Rah­men der für sie je­weils gel­ten­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen vor­ge­nom­men und ver­ant­wor­tet wer­den (vgl. BVerfGE 75, 223 <242>; 89, 155 <187 f., 192, 199>; 123, 267 <349>; vgl. auch BVerfGE 58, 1 <37>; 68, 1 <102>; 77, 170 <231>; 104, 151 <195>; 118, 244 <260>). Es gilt das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 EUV). Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist des­halb be­rech­tigt und ver­pflich­tet, Hand­lun­gen der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen dar­auf zu über­prüfen, ob sie auf­grund er­sicht­li­cher Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen oder auf­grund von Kom­pe­tenz­ausübun­gen im nicht über­trag­ba­ren Be­reich der Ver­fas­sungs­iden­tität (Art. 79 Abs. 3 i.V.m. Art. 1 und Art. 20 GG) er­fol­gen (vgl. BVerfGE 75, 223 <235, 242>; 89, 155 <188>; 113, 273 <296>; 123, 267 <353 f.>), und ge­ge­be­nen­falls die Un­an­wend­bar­keit kom­pe­tenzüber­schrei­ten­der Hand­lun­gen für die deut­sche Rechts­ord­nung fest­zu­stel­len.

bb) Die Pflicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, sub­stan­ti­ier­ten Rügen ei­nes Ul­tra-vi­res-Han­delns der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen nach­zu­ge­hen, ist mit der ver­trag­lich dem Ge­richts­hof über­tra­ge­nen Auf­ga­be zu ko­or­di­nie­ren, die

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Verträge aus­zu­le­gen und an­zu­wen­den und da­bei Ein­heit und Kohärenz des Uni­ons­rechts zu wah­ren (vgl. Art. 19 Abs. 1 UAbs. 1 Satz 2 EUV, Art. 267 AEUV).

Wenn je­der Mit­glied­staat oh­ne wei­te­res für sich in An­spruch nähme, durch ei­ge­ne Ge­rich­te über die Gültig­keit von Rechts­ak­ten der Uni­on zu ent­schei­den, könn­te der An­wen­dungs­vor­rang prak­tisch un­ter­lau­fen wer­den, und die ein­heit­li­che An­wen­dung des Uni­ons­rechts wäre gefähr­det. Würden aber an­de­rer­seits die Mit­glied­staa­ten vollständig auf die Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le ver­zich­ten, so wäre die Dis­po­si­ti­on über die ver­trag­li­che Grund­la­ge al­lein auf die Uni­ons­or­ga­ne ver­la­gert, und zwar auch dann, wenn de­ren Rechts­verständ­nis im prak­ti­schen Er­geb­nis auf ei­ne Ver­tragsände­rung oder Kom­pe­tenz­aus­wei­tung hin­aus­lie­fe. Dass in den - wie nach den in­sti­tu­tio­nel­len und pro­ze­du­ra­len Vor­keh­run­gen des Uni­ons­rechts zu er­war­ten - sel­te­nen Grenzfällen mögli­cher Kom­pe­tenzüber­schrei­tung sei­tens der Uni­ons­or­ga­ne die ver­fas­sungs­recht­li­che und die uni­ons­recht­li­che Per­spek­ti­ve nicht vollständig har­mo­nie­ren, ist dem Um­stand ge­schul­det, dass die Mit­glied­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on auch nach In­kraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon Her­ren der Verträge blei­ben und die Schwel­le zum Bun­des­staat nicht über­schrit­ten wur­de (vgl. BVerfGE 123, 267 <370 f.>). Die nach die­ser Kon­struk­ti­on im Grund­satz un­ver­meid­li­chen Span­nungs­la­gen sind im Ein­klang mit der eu­ropäischen In­te­gra­ti­ons­idee ko­ope­ra­tiv aus­zu­glei­chen und durch wech­sel­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me zu entschärfen.

cc) Die Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le darf nur eu­ro­pa­rechts­freund­lich aus­geübt wer­den (vgl. BVerfGE 123, 267 <354>).

(1) Die Uni­on ver­steht sich als Rechts­ge­mein­schaft; sie ist ins­be­son­de­re durch das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung und die Grund­rech­te ge­bun­den und ach­tet die Ver­fas­sungs­iden­tität der Mit­glied­staa­ten (vgl. im Ein­zel­nen Art. 4 Abs. 2 Satz 1, Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1, Art. 6 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 EUV). Nach der Rechts­ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist der An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts an­zu­er­ken­nen und zu gewähr­leis­ten, dass die dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­fas­sungs­recht­lich vor­be­hal­te­nen Kon­troll­be­fug­nis­se nur zurück­hal­tend und eu­ro­pa­rechts­freund­lich aus­geübt wer­den.

Das be­deu­tet für die vor­lie­gend in Re­de ste­hen­de Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs grundsätz­lich als ver­bind­li­che Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu be­ach­ten hat. Vor der An-

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nah­me ei­nes Ul­tra-vi­res-Akts der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen ist des­halb dem Ge­richts­hof im Rah­men ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 AEUV die Ge­le­gen­heit zur Ver­trags­aus­le­gung so­wie zur Ent­schei­dung über die Gültig­keit und die Aus­le­gung der frag­li­chen Rechts­ak­te zu ge­ben. So­lan­ge der Ge­richts­hof kei­ne Ge­le­gen­heit hat­te, über die auf­ge­wor­fe­nen uni­ons­recht­li­chen Fra­gen zu ent­schei­den, darf das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für Deutsch­land kei­ne Un­an­wend­bar­keit des Uni­ons­rechts fest­stel­len (vgl. BVerfGE 123, 267 <353>).

Ei­ne Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kommt dar-über hin­aus nur in Be­tracht, wenn er­sicht­lich ist, dass Hand­lun­gen der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen außer­halb der über­tra­ge­nen Kom­pe­ten­zen er­gan­gen sind (vgl. BVerfGE 123, 267 <353, 400>). Er­sicht­lich ist ein Ver­s­toß ge­gen das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung nur dann, wenn die eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen die Gren­zen ih­rer Kom­pe­ten­zen in ei­ner das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung spe­zi­fisch ver­let­zen­den Art über­schrit­ten ha­ben (Art. 23 Abs. 1 GG), der Kom­pe­tenz­ver­s­toß mit an­de­ren Wor­ten hin­rei­chend qua­li­fi­ziert ist (vgl. zur For­mu­lie­rung „hin­rei­chend qua­li­fi­ziert“ als Tat­be­stands­merk­mal im uni­ons­recht­li­chen Haf­tungs­recht et­wa EuGH, Ur­teil vom 10. Ju­li 2003, Rs. C-472/00 P, Fresh Ma­ri­ne, Slg. 2003, S. I-7541 Rn. 26 f.). Dies be­deu­tet, dass das kom­pe­ten­z­wid­ri­ge Han­deln der Uni­ons­ge­walt of­fen­sicht­lich ist und der an­ge­grif­fe­ne Akt im Kom­pe­tenz­gefüge zwi­schen Mit­glied­staa­ten und Uni­on im Hin­blick auf das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung und die rechts­staat­li­che Ge­set­zes­bin­dung er­heb­lich ins Ge­wicht fällt (vgl. Ko­kott, Deutsch­land im Rah­men der Eu­ropäischen Uni­on - zum Ver­trag von Maas­tricht, AöR 1994, S. 207 <220>: „er­heb­li­che Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen“ und <233>: „dras­ti­sche“ Ul­tra-vi­res-Ak­te; Ukrow, Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung durch den EuGH, 1995, S. 238 für ei­ne Evi­denz­kon­trol­le; Isen­see, Vor­rang des Eu­ro­pa­rechts und deut­sche Ver­fas­sungs­vor­be­hal­te - of­fe­ner Dis­sens, in: Fest­schrift Stern, 1997, S. 1239 <1255>: „im Fal­le kras­ser und evi­den­ter Kom­pe­tenzüber­schrei­tung“; Per­nice, in: Drei­er, GG, 2. Aufl. 2006, Bd. II, Art. 23 Rn. 32: „schwer­wie­gend, evi­dent und ge­ne­rell“; Oe­ter, Recht­spre­chungs­kon­kur­renz zwi­schen na­tio­na­len Ver­fas­sungs­ge­rich­ten, Eu­ropäischem Ge­richts­hof und Eu­ropäischem Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te, VV­DS­tRL 2007, S. 361 <377>: Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs sei ver­bind­lich, „so­fern sie sich nicht völlig von den ver­trag­li­chen Grund­la­gen ablöst“; Scholz, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 23 Rn. 40 <Ok­to­ber 2009>: „of­fen­sicht­lich, an­hal­tend und schwer­wie­gend“).


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(2) Der Auf­trag, bei der Aus­le­gung und An­wen­dung der Verträge das Recht zu wah­ren (Art. 19 Abs. 1 UAbs. 1 Satz 2 EUV), be­schränkt den Ge­richts­hof nicht dar­auf, über die Ein­hal­tung der Ver­trags­be­stim­mun­gen zu wa­chen. Dem Ge­richts­hof ist auch die Rechts­fort­bil­dung im We­ge me­tho­disch ge­bun­de­ner Recht­spre­chung nicht ver­wehrt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­se Be­fug­nis stets aus­drück­lich an­er­kannt (vgl. BVerfGE 75, 223 <242 f.>; BVerfGE 123, 267 <351 f.>). Ihr ste­hen ins­be­son­de­re das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung und die Struk­tur des unio­na­len Staa­ten­ver­bun­des nicht ent­ge­gen. Viel­mehr kann die - in den ihr ge­setz­ten Gren­zen wahr­ge­nom­me­ne - Rechts­fort­bil­dung ge­ra­de auch im su­pra­na­tio­na­len Ver­bund zu ei­ner der grund­le­gen­den Ver­ant­wor­tung der Mit­glied­staa­ten über die Verträge ge­recht wer­den­den Kom­pe­tenz­ab­gren­zung zu den Re­ge­lungs­be­fug­nis­sen des Uni­ons­ge­setz­ge­bers bei­tra­gen.

Das Primärrecht sieht an ein­zel­nen Stel­len aus­drück­lich vor, dass die Uni­ons­or­ga­ne auf der Grund­la­ge all­ge­mei­ner Grundsätze han­deln sol­len, die den Rechts­ord­nun­gen der Mit­glied­staa­ten ge­mein­sam sind (Art. 6 Abs. 3 EUV; Art. 340 Abs. 2 und Abs. 3 AEUV). Zur Auf­ga­be des Ge­richts­hofs gehört es in­so­weit, die Recht­lich­keit der Uni­on im Sin­ne der ge­mein­sa­men eu­ropäischen Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen zu si­chern. Maßstab ist so­wohl das ge­schrie­be­ne Primär- und Se­kundärrecht als auch die un­ge­schrie­be­nen all­ge­mei­nen Grundsätze, wie sie aus den Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten un­ter ergänzen­der Her­an­zie­hung der völker­recht­li­chen Verträge der Mit­glied­staa­ten ab­ge­lei­tet wer­den (vgl. We­ge­ner, in: Cal­liess/Ruf­fert, EUV/EGV, 3. Aufl. 2007, Art. 220 EGV Rn. 38 m.w.N. zu den all­ge­mei­nen Grundsätzen im Völker­recht Ga­ja, Ge­ne­ral Prin­ci­ples of Law, in: Wol­f­rum, Max Planck En­cy­clo­pe­dia of Pu­blic In­ter­na­tio­nal Law, http://www.mpe­pil.com, Rn. 7 ff., 17 ff.). Be­reits die un­ter an­de­rem vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt her­vor­ge­ho­be­ne Not­wen­dig­keit, ei­nen dem Grund­ge­setz ver­gleich­ba­ren Grund­rechts­schutz aus­zu­bil­den (vgl. BVerfGE 37, 271 <285>), war seit den 1970er Jah­ren nur rechts­fort­bil­dend über die Me­tho­de der wer­ten­den Rechts­ver­glei­chung möglich (vgl. grund­le­gend EuGH, Ur­teil vom 17. De­zem­ber 1970, Rs. 11/70, In­ter­na­tio­na­le Han­dels­ge­sell­schaft, Slg. 1970, S. 1125 Rn. 4; EuGH, Ur­teil vom 14. Mai 1974, Rs. 4/73, Nold/Kom­mis­si­on, Slg. 1974, S. 491 Rn. 13).

Rechts­fort­bil­dung ist al­ler­dings kei­ne Recht­set­zung mit po­li­ti­schen Ge­stal­tungs­freiräum­en, son­dern folgt den ge­setz­lich oder völker­ver­trag­lich fest­ge­leg­ten Vor­ga­ben. Sie fin­det hier Gründe und Gren­zen. An­lass zu rich­ter­li­cher Rechts­fort-

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bil­dung be­steht ins­be­son­de­re dort, wo Pro­gram­me aus­gefüllt, Lücken ge­schlos­sen, Wer­tungs­wi­dersprüche auf­gelöst wer­den oder be­son­de­ren Umständen des Ein­zel­falls Rech­nung ge­tra­gen wird. Rechts­fort­bil­dung über­schrei­tet die­se Gren­zen, wenn sie deut­lich er­kenn­ba­re, mögli­cher­wei­se so­gar aus­drück­lich im Wort­laut do­ku­men­tier­te (ver­trags-)ge­setz­li­che Ent­schei­dun­gen abändert oder oh­ne aus­rei­chen­de Rück­bin­dung an ge­setz­li­che Aus­sa­gen neue Re­ge­lun­gen schafft. Dies ist vor al­lem dort un­zulässig, wo Recht­spre­chung über den Ein­zel­fall hin­aus po­li­ti­sche Grund­ent­schei­dun­gen trifft oder durch die Rechts­fort­bil­dung struk­tu­rel­le Ver­schie­bun­gen im Sys­tem kon­sti­tu­tio­nel­ler Macht- und Ein­fluss­ver­tei­lung statt­fin­den.

Ei­ne we­sent­li­che Gren­ze rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung auf Uni­ons­ebe­ne ist das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 EUV). Es ge­winnt sei­ne Be­deu­tung vor dem Hin­ter­grund der stark föde­ra­li­sier­ten und ko­ope­ra­ti­ven Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Eu­ropäischen Uni­on, die in vie­len Be­rei­chen so­wohl im Um­fang der Kom­pe­ten­zen als auch in der Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur und den Ver­fah­ren zwar staats­ana­log, aber nicht bun­des­staat­lich ge­prägt ist. Die Mit­glied­staa­ten ha­ben nur je­weils be­grenz­te Ho­heits­rech­te über­tra­gen. Ge­ne­ra­lermäch­ti­gun­gen und die Kom­pe­tenz, sich wei­te­re Kom­pe­ten­zen zu ver­schaf­fen, wi­der­spre­chen die­sem Prin­zip und würden die ver­fas­sungs­recht­li­che In­te­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Mit­glied­staa­ten un­ter­gra­ben (vgl. BVerfGE 123, 267 <352 f.>). Dies gilt nicht nur, wenn sich ei­genmäch­ti­ge Kom­pe­tenz­er­wei­te­run­gen auf Sach­be­rei­che er­stre­cken, die zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Iden­tität der Mit­glied­staa­ten rech­nen oder be­son­ders vom de­mo­kra­tisch dis­kur­si­ven Pro­zess in den Mit­glied­staa­ten abhängen (vgl. BVerfGE 123, 267 <357 f.>), al­ler­dings wie­gen hier Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen be­son­ders schwer.

(3) Soll das su­pra­na­tio­na­le In­te­gra­ti­ons­prin­zip nicht Scha­den neh­men, muss die Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zurück­hal­tend aus­geübt wer­den. Da es in je­dem Fall ei­ner Ul­tra-vi­res-Rüge auch über ei­ne Rechts­auf­fas­sung des Ge­richts­hofs zu be­fin­den hat, sind Auf­ga­be und Stel­lung der un­abhängi­gen über­staat­li­chen Recht­spre­chung zu wah­ren. Dies be­deu­tet zum ei­nen, dass die uni­ons­ei­ge­nen Me­tho­den der Rechts­fin­dung, an die sich der Ge­richts­hof ge­bun­den sieht und die der „Ei­gen­art“ der Verträge und den ih­nen ei­ge­nen Zie­len Rech­nung tra­gen (vgl. EuGH, Gut­ach­ten 1/91, EWR-Ab­kom­men, Slg. 1991, S. I-6079 Rn. 51), zu re­spek­tie­ren sind. Zum an­de­ren hat der Ge­richts­hof An­spruch auf Feh­ler­to­le­ranz. Da­her ist es nicht Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, bei Aus­le­gungs­fra­gen des Uni­ons­rechts, die bei me­tho­di­scher Ge-

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set­zes­aus­le­gung im übli­chen rechts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­ons­rah­men zu ver­schie­de­nen Er­geb­nis­sen führen können, sei­ne Aus­le­gung an die Stel­le der­je­ni­gen des Ge­richts­hofs zu set­zen. Hin­zu­neh­men sind auch In­ter­pre­ta­tio­nen der ver­trag­li­chen Grund­la­gen, die sich oh­ne ge­wich­ti­ge Ver­schie­bung im Kom­pe­tenz­gefüge auf Ein­z­elfälle be­schränken und be­las­ten­de Wir­kun­gen auf Grund­rech­te ent­we­der nicht ent­ste­hen las­sen oder ei­nem in­ner­staat­li­chen Aus­gleich sol­cher Be­las­tun­gen nicht ent­ge­gen­ste­hen.

2. Ge­mes­sen an die­sen Maßstäben hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Trag-wei­te der Ver­trags­frei­heit der Be­schwer­deführe­rin nach Art. 12 Abs. 1 GG nicht ver­kannt. Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil er­weist sich als ver­fas­sungs­gemäß, so­weit es die Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG an­ge­nom­men hat.

Im Hin­blick auf die zu­grun­de­ge­leg­te Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ist ei­ne Rechts­fort­bil­dung ul­tra vi­res, die zur - al­lein vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­stell­ba­ren (vgl. BVerfGE 123, 267 <354>) - Un­an­wend­bar­keit der be­tref­fen­den Rechts­grundsätze in Deutsch­land führen müss­te, nicht er­sicht­lich. Es kann da­hin­ste­hen, ob sich das in der Man­gold-Ent­schei­dung ge­fun­de­ne Er­geb­nis durch an­er­kann­te ju­ris­ti­sche Aus­le­gungs­me­tho­den noch ge­win­nen lässt und ob ge­ge­be­nen­falls be­ste­hen­de Mängel of­fen­kun­dig wären. Je­den­falls han­delt es sich um kei­ne das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung in of­fen­sicht­li­cher und struk­tur­wirk­sa­mer Wei­se ver­let­zen­de Über­schrei­tung der durch Zu­stim­mungs­ge­setz auf die Eu­ropäische Uni­on über­tra­ge­nen Ho­heits­rech­te.

a) Der Ge­richts­hof kam in der Man­gold-Ent­schei­dung zu dem Er­geb­nis, ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ver­s­toße ge­gen Ge­mein­schafts­recht und müsse un­an­ge­wen­det blei­ben (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, Rs. C-144/04, Slg. 2005, S. I-9981 Rn. 77 f.). Die­se Aus­sa­ge wur­de mit zwei Ar­gu­men­ten be­gründet, de­ren Be­zie­hung zu­ein­an­der un­klar bleibt (vgl. Thüsing, Eu­ro­pa­recht­li­cher Gleich­be­hand­lungs­grund­satz als Bin­dung des Ar­beit­ge­bers?, ZIP 2005, S. 2149 <2150 f.>). Die Re­ge­lung ste­he so­wohl im Wi­der­spruch zu Art. 6 der Richt­li­nie 2000/78/EG als auch zu ei­nem all­ge­mei­nen Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts, der Dis­kri­mi­nie­run­gen aus Gründen des Al­ters un­ter­sa­ge.


Während ei­ne Stel­le in der eng­li­schen und französi­schen Sprach­fas­sung der Man­gold-Ent­schei­dung dar­auf hin­deu­tet, dass sich der Ge­richts­hof ins­be­son­de­re auf das all­ge­mei­ne Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot zu stützen scheint (vgl. EuGH, Ur­teil


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vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 74: „[z]wei­tens“ <deut­sche Sprach­fas­sung>, „[i]n the se­cond place and above all“ <eng­li­sche Sprach­fas­sung>, „[e]n se­cond lieu et sur­tout“ <französi­sche Sprach­fas­sung>), könn­te ei­ne an­de­re Stel­le für das Ge­gen­teil spre­chen (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 78: „ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78“). Dem ent­spricht die Ver­mu­tung, dass die Man­gold-Ent­schei­dung, ob­wohl die Richt­li­nie 2000/78/EG für Deutsch­land in­ner­halb der noch lau­fen­den Um­set­zungs­frist noch nicht an­wend­bar war, die deut­sche Be­fris­tungs­re­gel am Maßstab die­ser Richt­li­nie prüfte, weil die Richt­li­nie nur das kon­kre­ti­sie­re, was durch den all­ge­mei­nen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung oh­ne­hin und un­abhängig von der Richt­li­nie gel­te (vgl. Skou­ris, Me­tho­den der Grund­rechts­ge­win­nung in der EU, in: Mer­ten/Pa­pier, HG­Re, Bd. VI/1, 2010, § 157 Rn. 24).

b) Ein hin­rei­chend qua­li­fi­zier­ter Ver­s­toß des Ge­richts­hofs ge­gen das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung lässt sich nicht fest­stel­len. We­der die Öff­nung des An­wen­dungs­be­reichs der Richt­li­nie 2000/78/EG auf Fälle, die ge­ra­de ei­ner be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung von älte­ren Lang­zeit­ar­beits­lo­sen die­nen soll­ten (aa), noch die vom Ge­richts­hof an­ge­nom­me­ne Vor­wir­kung der in Deutsch­land noch um­zu­set­zen­den Richt­li­nie 2000/78/EG (bb) noch die Her­lei­tung ei­nes all­ge­mei­nen Grund­sat­zes des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (cc) hat zu ei­ner struk­tu­rell be­deut­sa­men Ver­schie­bung zu­las­ten mit­glied­staat­li­cher Kom­pe­ten­zen geführt.

aa) Der Ge­richts­hof hielt den all­ge­mei­nen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in der Rechts­sa­che Man­gold für an­wend­bar, weil der Sach­ver­halt grundsätz­lich in den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78/EG fal­le (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 51, 64, 75). Die­se Wei­chen­stel­lung war die Vor­aus­set­zung dafür, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG über­haupt am Ge­mein­schafts­recht - und al­so auch an des­sen all-ge­mei­nen Grundsätzen - ge­mes­sen wer­den konn­te. Die Be­schwer­deführe­rin hat da­ge­gen vor­ge­tra­gen, dass die ein­schlägi­ge Vor­schrift des Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­set­zes der Beschäfti­gungs­po­li­tik ge­dient ha­be, wel­che wei­ter­hin in der mit­glied­staat­li­chen Zuständig­keit lie­ge.

Ob ei­ne be­stimm­te Maßnah­me ei­nes Mit­glied­staa­tes in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, be­stimmt der Ge­richts­hof je­weils im Ein­zel­fall nach der in­halt­li­chen Trag­wei­te der Maßnah­me in Be­zug auf die Sach­ma­te­rie und die be­tei­lig­ten Per­so­nen. Auch ei­ne Richt­li­nie kann den An­wen­dungs­be­reich der Ver-

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träge eröff­nen und so da­zu führen, dass die all­ge­mei­nen Grundsätze des Uni­ons­rechts in das mit­glied­staat­li­che Recht ein­wir­ken (vgl. von Dan­witz, Rechts­wir­kun­gen von Richt­li­ni­en in der neue­ren Recht­spre­chung des EuGH, JZ 2007, S. 697 <704>). Ob ei­ne Richt­li­nie den An­wen­dungs­be­reich der Verträge eröff­net, wird nach ih­ren Zie­len be­stimmt (vgl. EuGH, Ur­teil vom 16. Ju­ni 1998, Rs. C-226/97, Lem­mens, Slg. 1998, S. I-3711 Rn. 25 und 35 f.). Da­ge­gen kann der na­tio­na­le Ge­setz­ge­ber nicht den sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts aus­sch­ließen, in­dem er mit ei­ner Maßnah­me auch Zie­le - wie et­wa die Beschäfti­gungs­po­li­tik (vgl. die be­schränk­ten Hand­lungs­kom­pe­ten­zen nach Art. 145 bis Art. 150 AEUV) - ver­folgt, zu de­ren Re­ge­lung die Uni­on nicht be­fugt ist (vgl. EuGH, Ur­teil vom 24. No­vem­ber 1998, Bi­ckel und Franz, Rs. C-274/96, Slg. 1998, S. I-7637 Rn. 17; stRspr). Der Ge­richts­hof recht­fer­tigt dies mit dem Hin­weis, dass die Mit­glied­staa­ten an­dern­falls durch un­ter­schied­li­che Ziel­set­zun­gen die ein­heit­li­che Wir­kung des Uni­ons­rechts be­ein­träch­ti­gen könn­ten.

Im kon­kre­ten Fall be­gründe­te der Ge­richts­hof die An­wend­bar­keit des Ge­mein­schafts­rechts und da­mit des all­ge­mei­nen Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung da­mit, dass mit dem Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz ursprüng­lich die Richt­li­nie 1999/70/EG ha­be um­ge­setzt wer­den sol­len (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 75). Da­ge­gen kann ein­ge­wen­det wer­den, dass nur der ursprüng­li­che Er­lass des Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­set­zes im Jahr 2000 der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG dien­te, nicht aber das Ände­rungs­ge­setz, mit dem Satz 4 in den be­ste­hen­den § 14 Abs. 3 Tz­B­fG ein­gefügt wur­de (vgl. zum feh­len­den Ver­weis auf das Ge­mein­schafts­recht BT­Drucks 15/25, S. 40). Ent­schei­den­de Erwägung, die aus der Bin­nen­lo­gik des Uni­ons­rechts her­aus nicht vollständig zurück­ge­wie­sen wer­den kann, ist je­doch die sach­li­che Reich­wei­te der Richt­li­nie 1999/70/EG, ins­be­son­de­re de­ren Ver­schlech­te­rungs­ver­bot (§ 8 Abs. 3 der Richt­li­nie 1999/70/EG). Sie ist das maßge­ben­de Ar­gu­ment, nicht die je­wei­li­ge Ziel­set­zung des na­tio­na­len Ge­setz­ge­bers.

bb) Ei­ne im Hin­blick auf das Er­sicht­lich­keits­kri­te­ri­um gra­vie­ren­de, das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung ver­let­zen­de Rechts­fort­bil­dung durch die Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs ist auch nicht we­gen der vom Ge­richts­hof an­ge­nom­me­nen Vor­wir­kung der in Deutsch­land noch um­zu­set­zen­den Richt­li­nie 2000/78/EG ge­ge­ben.


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Der Ge­richts­hof ging da­von aus, dass ei­nem Ver­s­toß ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ge­gen Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht ent­ge­gen­ste­he, dass de­ren Um­set­zungs­frist zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses noch nicht ab­ge­lau­fen ge­we­sen sei (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 70 ff.). Der während der Um­set­zungs­frist be­ste­hen­de Hand­lungs- und Kon­kre­ti­sie­rungs­spiel­raum der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wur­de da­durch je­doch nicht so verkürzt, dass ei­ne struk­tur­wirk­sa­me Kom­pe­tenz­ver­schie­bung an­ge­nom­men wer­den müss­te. Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs sind die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet, be­reits vor Ab­lauf der Um­set­zungs­frist ei­ner in Kraft ge­tre­te­nen Richt­li­nie kei­ne Vor­schrif­ten zu er­las­sen, die ge­eig­net sind, das in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­ne Ziel ernst­haft in Fra­ge zu stel­len (vgl. EuGH, Ur­teil vom 18. De­zem­ber 1997, Rs. C-129/96, In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, Slg. 1997, S. I-7411 Rn. 45; EuGH, Ur­teil vom 8. Mai 2003, Rs. C-14/02, ATRAL, Slg. 2003, S. I-4431 Rn. 58).

Die Man­gold-Ent­schei­dung lässt sich in die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zur in­ner­staat­li­chen Wir­kung von Richt­li­ni­en ein­ord­nen. Ob­wohl der Ge­richts­hof mehr­fach ent­schie­den hat, dass ei­ne Richt­li­nie „nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für ei­nen Ein­zel­nen be­gründen kann, so dass ihm ge­genüber ei­ne Be­ru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht möglich ist“ (vgl. EuGH, Ur­teil vom 14. Ju­li 1994, Rs. C-91/92, Fac­ci­ni Do­ri, Slg. 1994, S. I-3325 Rn. 19 ff.; EuGH, Ur­teil vom 5. Ok­to­ber 2004, verb. Rs. C-397-403/01, Pfeif­fer, Slg. 2004, S. I-8835 Rn. 108), hat der Ge­richts­hof an­er­kannt, dass richt­li­ni­en­wid­rig er­las­se­ne in­ner­staat­li­che Nor­men in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten un­an­ge­wen­det blei­ben müssen (vgl. et­wa EuGH, Ur­teil vom 30. April 1996, Rs. C-194/94, CIA Se­cu­ri­ty, Slg. 1996, S. I-2201; EuGH, Ur­teil vom 26. Sep­tem­ber 2000, Rs. C-443/98, Uni­le­ver, Slg. 2000, S. I-7535 Rn. 49 ff.). Mit der in der Man­gold-Ent­schei­dung an­ge­nom­me­nen Vor­wir­kung von Richt­li­ni­en schafft der Ge­richts­hof ei­ne wei­te­re Fall­grup­pe für die so­ge­nann­te „ne­ga­ti­ve“ Wir­kung von Richt­li­ni­en. Die­se dient wie die Recht­spre­chung zur „ne­ga­ti­ven“ Wir­kung von Richt­li­ni­en ins­ge­samt le­dig­lich der Ef­fek­tu­ie­rung be­ste­hen­der Rechts­pflich­ten der Mit­glied­staa­ten, schafft aber kei­ne neu­en, das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung ver­let­zen­den Pflich­ten der Mit­glied­staa­ten.

cc) Es kann da­hin­ste­hen, ob sich ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen und den völker­recht­li­chen Verträgen der Mit­glied­staa­ten ab­lei­ten ließe, ob­wohl nur zwei der

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zum Zeit­punkt der Man­gold-Ent­schei­dung 15 Ver­fas­sun­gen der Mit­glied­staa­ten ein be­son­de­res Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters zu ent­neh­men war (vgl. Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts Mazák vom 15. Fe­bru­ar 2007, Rs. C-411/05, Pa­la­ci­os, Slg. 2007, S. I-8531 Rn. 88; Hölscheidt, in: Mey­er, Kom­men­tar zur Char­ta der Grund­rech­te der EU, 2. Aufl. 2006, Art. 21 Rn. 15) und auch die völker­recht­li­chen Verträge, auf die sich der Ge­richts­hof mit sei­nem Hin­weis auf die Erwägungs­gründe der Richt­li­nie 2000/78/EG be­zo­gen hat­te, kein spe­zi­el­les Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot ent­hiel­ten. Denn zu ei­nem er­sicht­li­chen Ver­s­toß im Hin­blick auf das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung würde auch ei­ne un­ter­stell­te, rechts­me­tho­disch nicht mehr ver­tret­ba­re Rechts­fort­bil­dung des Ge­richts­hofs erst dann, wenn sie auch prak­tisch kom­pe­tenz­be­gründend wirk­te. Mit dem in der Ab­lei­tung aus den ge­mein­sa­men mit­glied­staat­li­chen Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen um­strit­te­nen all­ge­mei­nen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung wur­de aber we­der ein neu­er Kom­pe­tenz­be­reich für die Uni­on zu­las­ten der Mit­glied­staa­ten be­gründet noch ei­ne be­ste­hen­de Kom­pe­tenz mit dem Ge­wicht ei­ner Neu­be­gründung aus­ge­dehnt. Dies wäre nur dann der Fall, wenn oh­ne den Er­lass ei­nes - hier als vor­wir­kend an­ge­se­he­nen - Se­kundärrechts­ak­tes nicht nur Rech­te, son­dern auch Pflich­ten von Bürgern durch Rechts­fort­bil­dung be­gründet würden, die sich so­wohl als Grund­rechts­ein­grif­fe als auch als Kom­pe­tenz­ver­schie­bung zu-las­ten der Mit­glied­staa­ten er­wei­sen würden. All­ge­mei­ne Grundsätze dürfen, auch wenn sie den Grund­rechts­schutz auf Uni­ons­ebe­ne gewähr­leis­ten, nicht den Ge­stal­tungs­be­reich des Uni­ons­rechts über die ein­geräum­ten Zuständig­kei­ten der Uni­on hin­aus aus­deh­nen oder gar neue Auf­ga­ben und Zuständig­kei­ten be­gründen (vgl. Art. 51 Abs. 2 GRCh).


Hier liegt der Fall je­doch an­ders, weil die an der auf Art. 13 Abs. 1 EGV (jetzt Art. 19 Abs. 1 AEUV) gestütz­ten Recht­set­zung be­tei­lig­ten Or­ga­ne un­ter Ein­schluss des Ra­tes und des deut­schen Ver­tre­ters im Rat - und nicht Rich­ter im Zu­ge der Rechts­fort­bil­dung - den Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung für ar­beits­ver­trags­recht­li­che Rechts­be­zie­hun­gen ver­bind­lich ge­macht und da­mit auch den Raum für ge­richt­li­che Rechts­in­ter­pre­ta­ti­on eröff­net ha­ben (vgl. in­so­weit oben aa).


II.

Die Be­schwer­deführe­rin ist auch nicht da­durch in ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­letzt, dass das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil kei­nen Ver­trau­ens­schutz gewährt hat.

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1. a) Zu den we­sent­li­chen Ele­men­ten des Rechts­staats­prin­zips zählt die Rechts­si­cher­heit. Der rechts­un­ter­wor­fe­ne Bürger soll nicht durch die rück­wir­ken­de Be­sei­ti­gung er­wor­be­ner Rech­te in sei­nem Ver­trau­en auf die Verläss­lich­keit der Rechts­ord­nung enttäuscht wer­den (vgl. BVerfGE 45, 142 <167>; 72, 175 <196>; 88, 384 <403>; 105, 48 <57>).

Das Ver­trau­en in den Fort­be­stand ei­nes Ge­set­zes kann nicht nur durch die rück­wir­ken­de Fest­stel­lung sei­ner Nich­tig­keit durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (vgl. BVerfGE 99, 341 <359 f.>), son­dern auch durch die rück­wir­ken­de Fest­stel­lung sei­ner Nicht­an­wend­bar­keit durch den Ge­richts­hof berührt wer­den. Die Schutzwürdig­keit des Ver­trau­ens in ein uni­ons­rechts­wid­ri­ges Ge­setz be­stimmt sich ins­be­son­de­re da­nach, in­wie­weit vor­her­seh­bar war, dass der Ge­richts­hof ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung als uni­ons­rechts­wid­rig ein­ord­net. Es ist fer­ner von Be­lang, dass ei­ne Dis­po­si­ti­on im Ver­trau­en auf ei­ne be­stimm­te Rechts­la­ge vor­ge­nom­men, das Ver­trau­en mit an­de­ren Wor­ten betätigt wur­de (vgl. BVerfGE 13, 261 <271>).


b) Die Möglich­kei­ten mit­glied­staat­li­cher Ge­rich­te zur Gewährung von Ver­trau­ens­schutz sind uni­ons­recht­lich vor­ge­prägt und be­grenzt. Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs im Vor­la­ge­ver­fah­ren nach Art. 267 AEUV wir­ken grundsätz­lich ex tunc. Die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts durch den Ge­richts­hof ist des­halb von den mit-glied­staat­li­chen Ge­rich­ten auch auf Rechts­verhält­nis­se an­zu­wen­den, die vor Er­lass der Vor­ab­ent­schei­dung be­gründet wur­den. Der Ge­richts­hof schränkt nur aus­nahms­wei­se in An­be­tracht der er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten, die sei­ne Ent­schei­dung bei in gu­tem Glau­ben be­gründe­ten Rechts­verhält­nis­sen für die Ver­gan­gen­heit her­vor­ru­fen kann, die Rück­wir­kun­gen sei­ner Ent­schei­dung ein (vgl. EuGH, Ur­teil vom 27. März 1980, Rs. C-61/79, Den­ka­vit, Slg. 1980, S. 1205 Rn. 16 f.; stRspr).


Ver­trau­ens­schutz kann von den mit­glied­staat­li­chen Ge­rich­ten dem­nach nicht da­durch gewährt wer­den, dass sie die Wir­kung ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung zeit­lich be­schränken, in­dem sie die na­tio­na­le Re­ge­lung, de­ren Un­ver­ein­bar­keit mit Uni­ons­recht fest­ge­stellt wur­de, für die Zeit vor Er­lass der Vor­ab­ent­schei­dung an­wen­den. Ei­ne sol­che primärwirk­sa­me Wir­kung des Ver­trau­ens­schut­zes lässt der Ge­richts­hof re­gelmäßig nicht zu, da er im Hin­blick auf die ein­heit­li­che Gel­tung des Uni­ons­rechts da­von aus­geht, dass nur er selbst die Wir­kung der in sei­nen Ent­schei­dun­gen vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung zeit­lich be­schränken könne (vgl. EuGH, Ur­teil vom 27. März 1980, a.a.O., Rn. 18; stRspr). In der Recht­spre­chung des Ge-

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richts­hofs fin­den sich hin­ge­gen kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass es den mit­glied­staat­li­chen Ge­rich­ten ver­wehrt wäre, se­kundären Ver­trau­ens­schutz durch Er­satz des Ver­trau­ens­scha­dens zu gewähren.

c) Es ist da­nach möglich, zur Si­che­rung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schut­zes in Kon­stel­la­tio­nen der rück­wir­ken­den Nicht­an­wend­bar­keit ei­nes Ge­set­zes in­fol­ge ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs in­ner­staat­lich ei­ne Entschädi­gung dafür zu gewähren, dass ein Be­trof­fe­ner auf die ge­setz­li­che Re­ge­lung ver­traut und in die­sem Ver­trau­en Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen hat. Auch das uni­ons­recht­li­che Haf­tungs­recht weist dem Mit­glied­staat die Ver­ant­wor­tung für ein uni­ons­rechts­wid­ri­ges Ge­setz zu und ent­las­tet in­so­weit den Bürger. Es kann of­fen blei­ben, ob ein ent­spre­chen­der An­spruch be­reits im be­ste­hen­den Staats­haf­tungs­sys­tem an­ge­legt ist.

2. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die Trag­wei­te ei­nes nach Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG zu gewähren­den Ver­trau­ens­schut­zes nicht ver­kannt. We­gen des ge­mein­schafts- be­zie­hungs­wei­se uni­ons­recht­li­chen An­wen­dungs­vor­rangs durf­te sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt außer Stan­de se­hen, Ver­trau­ens­schutz da­durch zu gewähren, dass es die zu­guns­ten der Be­schwer­deführe­rin er­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen bestätigt. Ein oh­ne Ver­s­toß ge­gen den uni­ons­recht­li­chen An­wen­dungs­vor­rang mögli­cher An­spruch auf Entschädi­gung ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für Vermögens­ein­bußen, die die Be­schwer­deführe­rin durch die Ent­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­lit­ten hat, war nicht Ge­gen­stand des Ver­fah­rens vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt.

III.

Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil ver­letzt die Be­schwer­deführe­rin nicht in ih­rem An­spruch auf den ge­setz­li­chen Rich­ter nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG.

1. Der Ge­richts­hof ist ge­setz­li­cher Rich­ter im Sin­ne des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Es stellt ei­nen Ent­zug des ge­setz­li­chen Rich­ters dar, wenn ein deut­sches Ge­richt sei­ner Pflicht zur An­ru­fung des Ge­richts­hofs im We­ge des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 Abs. 3 AEUV nicht nach­kommt (vgl. BVerfGE 73, 339 <366 ff.>; 75, 223 <233 ff.>; 82, 159 <192 ff.>). Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts stellt al­ler­dings nicht je­de Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht zu­gleich ei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar. Denn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­an­stan­det die Aus­le­gung und An­wen­dung


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von Zuständig­keits­nor­men nur, wenn sie bei verständi­ger Würdi­gung der das Grund­ge­setz be­stim­men­den Ge­dan­ken nicht mehr verständ­lich er­schei­nen und of­fen­sicht­lich un­halt­bar sind (vgl. BVerfGE 29, 198 <207>; 82, 159 <194>).

Die­ser Willkürmaßstab wird auch an­ge­legt, wenn ei­ne Ver­let­zung von Art. 267 Abs. 3 AEUV in Re­de steht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist uni­ons­recht­lich nicht ver­pflich­tet, die Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht voll zu kon­trol­lie­ren und an der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu Art. 267 Abs. 3 AEUV aus­zu­rich­ten (vgl. BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 6. Mai 2008 - 2 BvR 2419/06 -, NVwZ-RR 2008, S. 658 <660>; an­ders BVerfG, Be­schluss der 3. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 25. Fe­bru­ar 2010 - 1 BvR 230/09 -, NJW 2010, S. 1268 <1269>). Art. 267 Abs. 3 AEUV for­dert kein zusätz­li­ches Rechts­mit­tel zur Über­prüfung der Ein­hal­tung der Vor­la­ge­pflicht (vgl. Ko­kott/Hen­ze/So­bot­ta, Die Pflicht zur Vor­la­ge an den Eu­ropäischen Ge­richts­hof und die Fol­gen ih­rer Ver­let­zung, JZ 2006, S. 633 <635>). Ein letzt­in­stanz­li­ches Ge­richt nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ist de­fi­ni­ti­ons­gemäß die letz­te In­stanz, vor der der Ein­zel­ne Rech­te gel­tend ma­chen kann, die ihm auf­grund des Uni­ons­rechts zu­ste­hen (vgl. EuGH, Ur­teil vom 30. Sep­tem­ber 2003, Rs. C-224/01, Köbler, Slg. 2003, S. I-10239 Rn. 34). So be­hal­ten die Fach­ge­rich­te bei der Aus­le­gung und An­wen­dung von Uni­ons­recht ei­nen Spiel­raum ei­ge­ner Einschätzung und Be­ur­tei­lung, der dem­je­ni­gen bei der Hand­ha­bung ein­fach­recht­li­cher Be­stim­mun­gen der deut­schen Rechts­ord­nung ent­spricht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das nur über die Ein­hal­tung der Gren­zen die­ses Spiel­raums wacht, wird sei­ner­seits nicht zum „obers­ten Vor­la­gen­kon­troll­ge­richt“ (vgl. BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 9. No­vem­ber 1987 - 2 BvR 808/82 -, NJW 1988, S. 1456 <1457>).

Die Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV wird ins­be­son­de­re in den Fällen of­fen­sicht­lich un­halt­bar ge­hand­habt, in de­nen ein letzt­in­stanz­li­ches Haupt­sa­che­ge­richt ei­ne Vor­la­ge trotz der - sei­ner Auf­fas­sung nach be­ste­hen­den - Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der uni­ons­recht­li­chen Fra­ge über­haupt nicht in Erwägung zieht, ob­wohl es selbst Zwei­fel hin­sicht­lich der rich­ti­gen Be­ant­wor­tung der Fra­ge hegt (grundsätz­li­che Ver­ken­nung der Vor­la­ge­pflicht). Glei­ches gilt in den Fällen, in de­nen das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung be­wusst von der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­gen ab­weicht und gleich­wohl nicht oder nicht neu­er­lich vor­legt (be­wuss­tes Ab­wei­chen oh­ne Vor­la­ge­be­reit­schaft). Liegt zu ei­ner ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts ein­schlägi­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs noch nicht vor oder

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hat ei­ne vor­lie­gen­de Recht­spre­chung die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge mögli­cher­wei­se noch nicht erschöpfend be­ant­wor­tet oder er­scheint ei­ne Fort­ent­wick­lung der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht nur als ent­fern­te Möglich­keit, wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur ver­letzt, wenn das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge-richt den ihm in sol­chen Fällen not­wen­dig zu­kom­men­den Be­ur­tei­lungs­rah­men in un­ver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat (Un­vollständig­keit der Recht­spre­chung). Dies kann ins­be­son­de­re dann der Fall sein, wenn mögli­che Ge­gen­auf­fas­sun­gen zu der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts ge­genüber der vom Ge­richt ver­tre­te­nen Mei­nung ein­deu­tig vor­zu­zie­hen sind (vgl. BVerfGE 82, 159 <194 ff.>). Zu ver­nei­nen ist in die­sen Fällen ein Ver­s­toß ge­gen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG des­halb be­reits dann, wenn das Ge­richt die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge in zu­min­dest ver­tret­ba­rer Wei­se be­ant­wor­tet hat.

2. Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil ver­letzt nicht Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, denn das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat durch die Ent­schei­dung, das Ver­fah­ren nicht an den Ge­richts­hof vor­zu­le­gen, die Be­schwer­deführe­rin nicht ih­rem ge­setz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hätte ins­be­son­de­re nicht we­gen Un­vollständig­keit der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung her­beiführen müssen. Un­ter der An­nah­me, dass der Ge­richts­hof die Un­an­wend­bar­keit des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG in der Man­gold-Ent­schei­dung mit der ge­bo­te­nen Ein­deu­tig­keit fest­ge­stellt ha­be und die nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs be­ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne zeit­li­che Be­gren­zung von Ent­schei­dungs­wir­kun­gen nicht erfüllt sei­en, sah das Bun­des­ar­beits­ge­richt sich nicht als ver­pflich­tet an, dem Ge­richts­hof durch ei­ne Vor­la­ge die Ge­le­gen­heit zur nachträgli­chen Gewährung von Ver­trau­ens­schutz zu eröff­nen. Dies stellt ein ver­tret­ba­res Er­geb­nis dar. Die Ge­gen­auf­fas­sung der Be­schwer­deführe­rin, dass der Ge­richts­hof die Fra­ge des rück­wir­ken­den Ver­trau­ens­schut­zes in der Rechts­sa­che Man­gold of­fen ge­las­sen ha­be und die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zur zeit­li­chen Be­gren­zung von Ent­schei­dungs­wir­kun­gen sich nicht auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung be­zie­he, ist der Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht ein­deu­tig vor­zu­zie­hen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt durf­te viel­mehr da­von aus­ge­hen, dass § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG nach der Man­gold-Ent­schei­dung un­an­ge­wen­det blei­ben muss­te.

- 29 -

IV.

Die­se Ent­schei­dung ist hin­sicht­lich der Be­gründung mit 6:2 Stim­men und im Er­geb­nis mit 7:1 Stim­men er­gan­gen.


Voßkuh­le

Broß

Os­ter­loh

Di Fa­bio

Mel­ling­hoff

Lübbe-Wolff

Ger­hardt

Land­au

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