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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Mitbestimmung in personellen Angelegenheiten
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: 5 TaBV 8/07
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 01.08.2008
   
Leit­sätze: Die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung ei­nes Be­triebs­ra­tes ge­gen ei­ne per­so­nel­le Maßnah­me ent­spricht nicht dem Schrift­lich­keits­ge­bot aus § 99 Abs 3 S 1 Be­trVG, wenn die­se in elek­tro­ni­scher Form oh­ne qua­li­fi­zier­te elek­tro­ni­sche Si­gna­tur im Sin­ne von § 126a BGB über­mit­telt wird.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stuttgart, Beschluss vom 28.11.2007, 29 BV 94/07
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Verkündet

am 01.08.2008

Ak­ten­zei­chen (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben)

5 TaBV 8/07

29 BV 94/07 (ArbG Stutt­gart)

gez. Ha­nold, An­ge­stell­te
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le 

 

Im Na­men des Vol­kes

 

Be­schluss

 

Im Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1.

- An­trag­stel­le­rin/Be­tei­lig­te -

Verf.-Bev.:

2.

- An­trags­geg­ner/Be­schwer­deführer -
Verf.-Bev.:

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 5. Kam­mer -
durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt Dr. Spin­ner,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Flamm
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Hu­ber
auf die Anhörung der Be­tei­lig­ten am 01.08.2008

für Recht er­kannt:

1. Die Be­schwer­de des Be­triebs­rats ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 28. No­vem­ber 2007 - 29 BV 94/07 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Rechts­be­schwer­de wird zu­ge­las­sen.

 

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Gründe

I.

Die Be­tei­lig­ten strei­ten darüber, ob der Be­triebs­rat (Be­tei­lig­ter zu 2) sei­ne Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung/Um­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­mer B. L. und R. S. am Stand­ort S. ord­nungs-gemäß und zu Recht ver­wei­gert hat, und zwar ins­be­son­de­re darüber, ob die Zu­stim­mungs-ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes per E-Mail frist- und vor al­lem form­gemäß er­folgt ist.

Die Ar­beit­ge­be­rin (Be­tei­lig­te zu 1) ist ein Lo­gis­tik-Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men und gehört dem „Deut­sche Luft­han­sa-Kon­zern“ an. Sie beschäftigt weit mehr als 20 Ar­beit­neh­mer in ih­rem Un­ter­neh­men. Der Be­tei­lig­te zu 2 ist der am Stand­ort S. ge­bil­de­te - einköpfi­ge - Be­triebs­rat. Am Stand­ort S. beschäftig­te die Ar­beit­ge­be­rin zum Jah­res­wech­sel 2006/2007 zehn Ar­beit­neh­mer. Dies ha­ben die Be­tei­lig­ten übe­rein­stim­mend im Ter­min zur Anhörung am 1. Au­gust 2008 erklärt (Pro­to­koll Blatt 100 der Ak­ten).

Hin­ter­grund der Strei­tig­keit zwi­schen den Be­tei­lig­ten im vor­lie­gen­den Be­schluss­ver­fah­ren ist die Ta­rif­ei­ni­gung zwi­schen der Ar­beits­recht­li­chen Ver­ei­ni­gung Ham­burg e. V. (AVH) und der Ver­ei­nig­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di. Un­ter dem 8. Ju­li 2006 ver­ein­bar­ten die Ta-rif­par­tei­en mit Wir­kung zum 30. De­zem­ber 2006 ein grund­le­gend neu­es Vergütungs­sys­tem be­ste­hend aus dem Ta­rif­ver­trag Vergütungs­sys­tem Bo­den (TV VS Bo­den DLH) und dem Vergütungs­ta­rif­ver­trag Nr. 1 für das Bo­den­per­so­nal der Deut­schen Luft­han­sa AG (VTV Nr. 1 Bo­den DLH), das den bis En­de des Jah­res 2006 gülti­gen Vergütungs­ta­rif­ver­trag vom 1. April 1989 (VRTV) ablöste. Das neue Vergütungs­sys­tem un­ter­schei­det sich von der bis­he­ri­gen Sys­te­ma­tik. Die Vergütungs­grup­pen wur­den ins­ge­samt neu ge­ord­net. Die bis­he­ri­gen in­di­vi­du­el­len Stel­len­be­schrei­bun­gen wur­den durch ei­ne von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ver­ein­bar­te Stan­dard-Stel­len­be­schrei­bung ab­gelöst. An der aus­geübten Tätig­keit der Ar­beit­neh­mer änder­te sich durch die neue Re­ge­lung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en je­doch nichts. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben die Po­si­tio­nen nach dem VRTV, den Tätig­keits­merk­ma­len nach dem TV VS Bo­den DLH ge­genüber­ge­stellt und zu die­sem Zweck ei­ne so ge­nann­te Zu­ord­nungs­ma­trix ver­ein­bart. Hin­sicht­lich des In­hal­tes die­ser Zu­ord­nungs­ma­trix wird auf An­la­ge 5 (Blatt 86 ff. der ArbG-Ak­te) Be­zug ge­nom­men.

Mit Schrei­ben vom 1. De­zem­ber 2006 (Blatt 107 der ArbG-Ak­te) lei­te­te die Ar­beit­ge­be­rin das Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren beim Be­triebs­rat nach § 99 Be­trVG für die zehn am Stand­ort S. be-schäftig­ten Ar­beit­neh­mer ein und verlänger­te zu­gleich die Frist nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG bis zum 21. De­zem­ber 2006. Die Ar­beit­ge­be­rin ließ den Be­triebs­rat in die­sem Zu­sam­men­hang wei­ter wis­sen, dass sie da­von aus­gin­ge, ihm al­le für die Ent­schei­dung re­le­van­ten Un­ter­la­gen vor­ge­legt zu ha­ben, wenn nicht bis 8. De­zem­ber 2006 Gen­tei­li­ges schrift­lich mit­ge­teilt wer­de.

 

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Noch vor dem 8. De­zem­ber 2006 for­der­te der Be­triebs­rat die Ar­beit­ge­be­rin auf, Ar­beits­platz-be­schrei­bun­gen für die Fach­kräfte 2/Lo­gis­tik, La­ger­ver­wal­tung und den Sach­ar­bei­ter 2/Lo­gis­tik. La­ger­ver­wal­tung und die pro­zen­tua­le Auf­tei­lung der Tätig­kei­ten zu ergänzen, was sei­tens der Ar­beit­ge­be­rin am 8. De­zem­ber 2006 er­folg­te.

Am 13. De­zem­ber 2006 for­der­te der Be­triebs­rat die Ar­beit­ge­be­rin auf, übe­r­ar­bei­te­te Ar­beits-platz­be­schrei­bun­gen vor­zu­le­gen, was nicht ge­schah. Mit E-Mail vom 18. De­zem­ber 2006 wi­der­sprach der Be­triebs­rat dem Zu­stim­mungs­ver­lan­gen der Ar­beit­ge­be­rin un­ter Hin­weis auf § 99 Ab­satz 1 und Ab­satz 2 Nr. 1 Be­trVG. Der Be­triebs­rat über­mit­tel­te zu die­sem Zweck am Mon­tag, dem 18. De­zem­ber 2006 um 16.51 Uhr die von der Ar­beit­ge­be­rin vor­ge­leg­te E-Mail (ver­glei­che zu de­ren In­halt Blatt 113 der Ak­te, An­la­ge A 13). Als An­hang zu die­ser Mail war das Wi­der­spruchs­schrei­ben (Blatt 114 der Ak­te) bei­gefügt. Erst am 27. De­zem­ber 2006 ist der Ar­beit­ge­be­rin das vom Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den un­ter­zeich­ne­te Wi­der­spruchs­schrei­ben zu-ge­gan­gen. Zu des­sen In­halt wird auf Blatt 115 der ArbG-Ak­te, An­la­ge A 14 Be­zug ge­nom­men und ver­wie­sen.

Mit An­trags­schrift vom 26. April 2007 hat die Ar­beit­ge­be­rin beim Ar­beits­ge­richt Stutt­gart das vor­lie­gen­de Be­schluss­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Die Ar­beit­ge­be­rin hat gel­tend ge­macht, das Be-tei­li­gungs­ver­fah­ren sei ord­nungs­gemäß ein­ge­lei­tet wor­den und der Be­triebs­rat ha­be auch in­ner­halb der verlänger­ten Wi­der­spruchs­frist nicht form­ge­recht wi­der­spro­chen. Die E-Mail vom 18. De­zem­ber 2006 genüge dem Ge­bot der Schrift­lich­keit nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG nicht. Das Ori­gi­nal­schrei­ben sei erst am 27. De­zem­ber 2006 und folg­lich nach Ab­lauf der verlänger­ten Frist ein­ge­gan­gen und da­mit un­be­acht­lich. In der Sa­che selbst sei­en die Zu-stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­gründe eben­falls nicht ge­ge­ben.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat zu­letzt be­an­tragt,

die Zu­stim­mung des Be­tei­lig­ten zu 2 zur Um­grup­pie­rung/Ein­grup­pie­rung des Herrn B. L. als Fach­kraft 2/Lo­gis­tik und La­ger­ver­wal­tung in die Vergütungs-grup­pe 2 B so­wie Herrn R. S. als Sach­be­ar­bei­ter 2/La­ger­wirt­schaft in die Vergütungs­grup­pe 3 B nach Ta­rif­ver­trag Vergütungs­sys­tem Luft­han­sa Tech­nik/In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie vom 8. Ju­li 2006 zu er­set­zen.

Der Be­triebs­rat hat be­an­tragt:

Der An­trag wird ab­ge­wie­sen.

Der Be­triebs­rat hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass sei­ne Zu­stim­mung we­der als er­teilt gel­te noch vom Ar­beits­ge­richt zu er­set­zen sei. Der Be­triebs­rat sei be­reits nicht ord­nungs­gemäß un­ter­rich­tet wor­den. Man­gels um­fas­sen­der und recht­zei­ti­ger In­for­ma­ti­on ha­be die Anhörungs­frist nicht zu lau­fen be­gon­nen. Die am 8. De­zem­ber 2006 nach­ge­reich­ten Un­ter­la­gen sei­en nicht aus­rei­chend ge­we­sen. Die Zu­stim­mung könne auch nicht we­gen Versäum­ung der Frist nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG als er­teilt an­ge­se­hen wer­den, ins­be­son­de­re wah­re die E-Mail vom 18. De­zem­ber 2006 die Schrift­form, zu­mal das Ori­gi­nal­schrei­ben auf dem Post-

 

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weg nach­ge­kom­men sei. Zu­dem ha­be es die Ar­beit­ge­be­rin sich zu­rech­nen zu las­sen, dass die Post nicht recht­zei­tig bei ihr ein­ge­gan­gen sei, da ein un­ter­neh­mens­in­ter­nes "Mai­ling-Sys­tem" in­so­weit ge­nutzt wer­de. Der Be­triebs­rat hat darüber hin­aus ein­ge­wandt, dass die Zu­stim­mung auch nicht des­halb als er­teilt gel­te, weil er kei­nen Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­grund im Sin­ne des § 99 Ab­satz 2 Be­trVG be­nannt ha­ben soll.

Das Ar­beits­ge­richt hat dem An­trag der Ar­beit­ge­be­rin statt­ge­ge­ben und fest­ge­stellt, dass die Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes zur Um­grup­pie­rung/Ein­grup­pie­rung des Herrn B. L. als Fach­kraft 2/Lo­gis­tik und La­ger­ver­wal­tung in Vergütungs­grup­pe 2 B so­wie Herrn R. S. als Sach­be­ar­bei­ter 2/La­ger­wirt­schaft in die Vergütungs­grup­pe 3 B nach Ta­rif­ver­trag Vergütungs­sys­tem Luft­han­sa Tech­nik/In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie vom 8. Ju­li 2006 als er­teilt gilt. Das Ar­beits­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung im We­sent­li­chen da­mit be­gründet, dass die Zu­stim­mung nach § 99 Ab­satz 3 Satz 2 Be­trVG als er­teilt gel­te, da in­ner­halb der bis 21. De­zem­ber 2006 verlänger­ten Frist der Be­triebs­rat nicht un­ter An­ga­be von Gründen gemäß § 99 Ab­satz 2 Be­trVG schrift­lich sei­ne Zu­stim­mung ver­wei­gert ha­be. Die Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zu ei­ner per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­me ha­be schrift­lich zu er­fol­gen. Dies sei vor­lie­gend erst am 27. De­zem­ber 2006 ge­sche­hen. Die E-Mail wah­re die Schrift­form nicht. Der späte­re Zu­gang der schrift­li­chen Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung lie­ge in der Ri­si­ko­sphäre des Be­triebs­ra­tes und ver­hin­de­re den Ein­tritt der Zu­stim­mungs­fik­ti­on nicht. Auch sei die Frist des § 99 Ab­satz 3 Be­trVG ord­nungs­gemäß in Gang ge­setzt wor­den. Spätes­tens am 8. De­zem­ber 2006 hätten dem Be­triebs­rat al­le maßgeb­li­chen Un­ter­la­gen vor­ge­le­gen. Darüber hin­aus hat das Ar­beits­ge­richt -der Vollständig­keit hal­ber - dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nach sei­ner Auf­fas­sung der Be­triebs­rat mit Einwänden nach § 99 Ab­satz 2 Nr. 4 Be­trVG präklu­diert sei, da er die­se Einwände erst­ma­lig im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gel­tend ge­macht ha­be.

Ge­gen die­sen dem Be­triebs­rat am 10. De­zem­ber 2007 zu­ge­stell­ten Be­schluss wen­det er sich mit sei­ner mit Schrift­satz vom 28. De­zem­ber 2007 - ein­ge­gan­gen beim Lan­des­ar­beits­ge­richt als Te­le­fax am glei­chen Tag - ein­ge­reich­ten Be­schwer­de. Der Be­triebs­rat macht gel­tend, das Ar­beits­ge­richt ha­be dem An­trag der Ar­beit­ge­be­rin zu Un­recht statt­ge­ge­ben. Das Ar­beits­ge­richt ha­be rechts­feh­ler­haft dar­auf ab­ge­stellt, dass die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes nicht schrift­lich er­folgt sei. Es ha­be un­berück­sich­tigt ge­las­sen, dass die E-Mail am 18. De­zem­ber 2007 der Ar­beit­ge­be­rin später im Ori­gi­nal nebst Un­ter­schrift zu­ge­gan­gen ist und da­mit das Ge­bot der Schrift­lich­keit in aus­rei­chen­dem Maße tra­gen würde. Darüber hin­aus sei zu berück­sich­ti­gen, dass es dem Be­triebs­rat nicht an­ge­las­tet wer­den könne, dass das Schrei­ben im Ori­gi­nal erst am 27. De­zem­ber 2006 der Ar­beit­ge­be­rin zu­ging. Die Ar­beit­ge­be­rin ha­be den Be­triebs­rat da­zu ver­an­lasst, das un­ter­neh­mens­in­ter­ne Post­sys­tem zu nut­zen und ha­be des­halb Verzöge­run­gen zu ver­tre­ten.

Der Be­triebs­rat be­an­tragt:

 

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Auf die Be­schwer­de des Be­triebs­ra­tes wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 28. No­vem­ber 2007 - 29 BV 94/07 - ab­geändert. Der An­trag der Ar­beit­ge­be­rin wird ab­ge­wie­sen.

Die Ar­beit­ge­be­rin be­an­tragt

Zurück­wei­sung der Be­schwer­de.

Die Ar­beit­ge­be­rin ver­tei­digt den an­ge­foch­te­nen Be­schluss des Ar­beits­ge­richts un­ter Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens. Sie ist der Auf­fas­sung, dass die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes per E-Mail for­mun­wirk­sam ist und nicht der von § 99 Ab­satz 3 Be­trVG ge­for­der­ten Schrift­lich­keit genüge. Zwar sei es rich­tig, dass Schrift­lich­keit im Sin­ne des § 99 Ab­satz 3 Be­trVG nicht Schrift­form im Sin­ne des § 126 BGB be­deu­te und des­halb auch mo­der­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en wie Te­le­fax zum Ein­satz kom­men könn­ten, ei­ne oh­ne qua­li­fi­zier­te Si­gna­tur über­mit­tel­te E-Mail genüge je­doch kei­nes­falls. Auch ha­be die Ar­beit­ge­be­rin den ver­späte­ten Zu­gang des Ori­gi­nal­schrei­bens nicht zu ver­tre­ten, dies ha­be das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt. Darüber hin­aus be­fasst sich die Ar­beit­ge­be­rin in ih­rer Be­schwer­de­be­ant­wor­tung mit der vom Ar­beits­ge­richt vollständig­keits­hal­ber geführ­ten Be-gründung, dass der Be­triebs­rat mit Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­gründen nach § 99 Ab­satz 2 Nr. 4 Be­trVG aus­ge­schlos­sen sei.

Im Übri­gen wird auf die im Be­schwer­de­ver­fah­ren ge­wech­sel­ten Schriftsätze des Be­triebs­ra­tes vom 4. Fe­bru­ar 2008 und 29. Ju­li 2008 so­wie der Ar­beit­ge­be­rin vom 10. April 2008 je­weils nebst An­la­gen so­wie das Pro­to­koll über die Anhörung der Be­tei­lig­ten am 1. Au­gust 2008 ergänzend Be­zug ge­nom­men.

II.

Die zulässi­ge Be­schwer­de des Be­triebs­ra­tes er­weist sich als un­be­gründet und ist des­halb zurück­zu­wei­sen. Das Ar­beits­ge­richt hat auf den An­trag der Ar­beit­ge­be­rin zu Recht fest­ge­stellt, dass die Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes zur Ein­grup­pie­rung/Um­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­mer B. L. als Fach­kraft 2/Lo­gis­tik und La­ger­ver­wal­tung in die Vergütungs­grup­pe 2 B so­wie R. S. als Sach­be­ar­bei­ter 2/La­ger­wirt­schaft in die Vergütungs­grup­pe 3 B nach Ta­rif-ver­trag Vergütungs­sys­tem Luft­han­sa Tech­nik/In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie vom 8. Ju­li 2006 als er­setzt gilt. Der vom Be­triebs­rat zunächst per E-Mail er­ho­be­ne Wi­der­spruch ist for­mun­wirk­sam. Das später zu­ge­gan­ge­ne Wi­der­spruchs­schrei­ben ist ver­fris­tet.

1. Die Be­schwer­de des Be­triebs­ra­tes ist zulässig. Sie ist gemäß § 87 Ab­satz 1 ArbGG statt­haft. und auch gemäß § 87 Ab­satz 2 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 66 Ab­satz 1 ArbGG, § 89 Ab­satz 2 ArbGG in der ge­setz­li­chen Form und Frist ein­ge­legt und be­gründet wor­den. Der Be­triebs­rat hat ge­gen den ihm am 10. De­zem­ber 2007 zu­ge­stell­ten Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart Be­schwer­de am 28. De­zem­ber 2007 ein­ge­legt und die­se in­ner­halb der zwei­mo­na­ti­gen Be­gründungs­frist mit Schrift­satz vom 4. Fe­bru­ar 2008 ent­spre­chend

 

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aus­geführt. Im Übri­gen be­ste­hen hin­sicht­lich der Zulässig­keit der Be­schwer­de kei­ne Be­den­ken.

2. Die Be­schwer­de des Be­triebs­ra­tes ist un­be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat mit dem an-ge­foch­te­nen Be­schluss zu Recht fest­ge­stellt, dass die Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes zur Um­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­mer B. L. und R. S. nach Ta­rif­ver­trag Vergütungs­sys­tem Luft­han­sa Tech­nik/In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie vom 8. Ju­li 2006 als er­teilt gilt. Dem Ar­beits­ge­richt ist dar­in zu fol­gen, dass das Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren von der Ar­beit­ge­be­rin ord­nungs-gemäß ein­ge­lei­tet wur­de (da­zu un­ten a) und dass die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes per E-Mail am 18. De­zem­ber 2006 nicht form­gemäß er­folg­te (da­zu un­ten b) und ein an­de­res Er­geb­nis sich auch nicht aus Über­le­gun­gen der Treu­wid­rig­keit er­ge­be (da­zu un­ten c). Ob sich der Be­triebs­rat auf die im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren an­ge­zo­ge­nen Ver­wei­ge­rungs­gründe über­haupt be­ru­fen könn­te, lässt die Kam­mer of­fen.

a) Die Ar­beit­ge­be­rin hat das Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren nach § 99 Be­trVG ord­nungs­gemäß in Gang ge­setzt.

aa) Nach § 99 Ab­satz 1 Satz 1 Be­trVG hat der Ar­beit­ge­ber in Un­ter­neh­men mit mehr als 20 Ar­beit­neh­mer den Be­triebs­rat un­ter an­de­rem vor je­der Ein­grup­pie­rung/Um­grup­pie­rung zu un­ter­rich­ten, ihm die er­for­der­li­chen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen vor­zu­le­gen und Aus­kunft über die Per­son der Be­tei­lig­ten zu ge­ben; die Ar­beit­ge­be­rin hat dem Be­triebs­rat un­ter Vor­la­ge der er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen Aus­kunft über die Aus­wir­kun­gen der ge­plan­te Maßnah­me zu ge­ben. Der Be­triebs­rat kann sich nur dann sach­gemäß zu ei­ner ge­plan­ten per­so­nel­len Maßnah­me äußern, wenn er zu­vor vom Ar­beit­ge­ber um­fas­send und recht­zei­tig in­for­miert wird (Fit­ting Be­trVG 24. Auf­la­ge § 99 Rn. 162).

bb) Ge­mes­sen hier­an hat die Ar­beit­ge­be­rin spätes­tens am 8. De­zem­ber 2006 das Be-tei­li­gungs­ver­fah­ren nach § 99 Ab­satz 1 Be­trVG wirk­sam ein­ge­lei­tet. Das hat das Ar­beits­ge­richt nach Auf­fas­sung der Be­schwer­de­kam­mer rechts­feh­ler­frei er­kannt. Die Ar­beit­ge­be­rin hat den Be­triebs­rat mit den Schrei­ben vom 1. De­zem­ber 2006 und 8. De­zem­ber 2006 ord­nungs­gemäß und um­fas­send un­ter­rich­tet und da­mit das Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Dem Be­triebs­rat wa­ren be­reits am 1. De­zem­ber 2006 die er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen von der Ar­beit­ge­be­rin zur Verfügung ge­stellt wor­den. So hat die Ar­beit­ge­be­rin dem Be­triebs­rat den Vergütungs-rah­men­ta­rif­ver­trag vom 1. April 1989 (Blatt 21 ff. ArbG-Ak­te), den Ta­rif­ver­trag Ver-gütungs­sys­tem Luft­han­sa Tech­nik (LHT)/In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie (IT) vom 9. Ju­li 2006 (Blatt 61 ff. ArbG-Ak­te), den Vergütungs­ta­rif­ver­trag Nr. 1 Luft­han­sa Tech­nik (LHT)/In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie (IT) vom 9. Ju­li 2006 (Blatt 77 ff. ArbG-Ak­te), die Ver­ein­ba­rung der Ta­rif­part­ner zur Über­lei­tung in das neue Vergütungs­sys­tem Luft­han­sa Tech­nik/IT vom 9. Ju­li 2006 (Blatt 86 ff. ArbG-Ak­te) nebst bei­gefügter ta­rif­li-

 

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cher Zu­ord­nungs­ma­trix, Ar­beits­platz­be­schrei­bun­gen für die Fach­kraft 2/Lo­gis­tik/ La­ger­ver­wal­tung (Blatt 99 ff. ArbG-Ak­te).

So­weit der Be­triebs­rat erst­ma­lig mit Schrift­satz vom 29. Ju­li 2008 nun­mehr gel­tend macht, die Un­ter­rich­tung der Ar­beit­ge­be­rin auch un­ter Berück­sich­ti­gung der am 8. De­zem­ber 2006 nach­ge­lie­fer­ten Un­ter­la­gen sei nicht ord­nungs­gemäß im Sin­ne des § 99 Ab­satz 1 Be­trVG, ver­mag die Kam­mer die­ses Ar­gu­ment nicht nach­zu­voll­zie­hen. Im Ter­min zur Anhörung vor der Be­schwer­de­kam­mer wur­den mit den Be­tei­lig­ten un­ter Nut­zung der vor­ge­leg­ten Zu­ord­nungs­ma­trix (Blatt 300 und Blatt 301 der ArbG-Ak­te) die ent­spre­chen­den Zu­ord­nun­gen der Mit­ar­bei­ter L. und S. zwei­fels­frei und oh­ne Pro­ble­me er­kannt. Wei­ter­ge­hen­de In­for­ma­tio­nen muss­te die Ar­beit­ge­be­rin dem Be­triebs­rat nicht zur Verfügung stel­len, um das Be­tei­li­gungs­ver-fah­ren ord­nungs­gemäß ein­zu­lei­ten und die bis 21. De­zem­ber 2006 verlänger­te Frist nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG in Gang zu set­zen. Das Anhörungs­ver­fah­ren wur­de des­halb spätes­tens am 8. De­zem­ber 2006 ord­nungs­gemäß ein­ge­lei­tet und die Frist für die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung in Gang ge­setzt.

b) Nach § 99 Ab­satz 3 Satz 2 Be­trVG hat der Be­triebs­rat dem Ar­beit­ge­ber die Ver­wei­ge­rung sei­ner Zu­stim­mung in­ner­halb der Frist von ei­ner Wo­che bzw. ei­ner verlänger­ten Frist schrift­lich mit­zu­tei­len. Er­folgt dies nicht, so gilt die Zu­stim­mung als er­teilt. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend fest­ge­stellt, dass die Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes zu den ge­nann­ten per­so­nel­len Maßnah­men gemäß § 99 Ab­satz 3 Satz 2 Be­trVG als er­teilt gilt, da der Be­triebs­rat die­sen nicht im Sin­ne von § 99 Ab­satz 3 Satz 1 Be­trVG un­ter An­ga­be von Gründen schrift­lich in­ner­halb der bis 21. De­zem­ber 2006 verlänger­ten Frist wi­der­spro­chen hat. Die E-Mail vom 18. De­zem­ber 2006 stellt kei­nen form­gemäßen Wi­der­spruch dar, denn die E-Mail genügt nicht dem Er­for­der­nis der Schrift­lich­keit im Sin­ne des § 99 Ab­satz 3 Be­trVG. Die Be­schwer­de­kam­mer kann des­halb of­fen las­sen, ob das Schrei­ben in­halt­lich über­haupt den An­for­de­run­gen ei­nes ord­nungs­gemäßen Wi­der­spru­ches genügt.

aa) Nach der Auf­fas­sung der Be­schwer­de­kam­mer genügt die Über­mitt­lung des Wi­der­spru­ches als An­la­ge zur E-Mail am 18. De­zem­ber 2006 nicht dem Schrift­lich­keits­ge­bot von § 99 Ab­satz 3 Be­trVG. Die Be­schwer­de­kam­mer schließt sich je­doch der bis­lang wohl über­wie­gen­den Auf­fas­sung in der Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur an und geht da­von aus, dass Schrift­lich­keit auch das Er­for­der­nis ei­ner Un­ter­schrift um­fasst und ei­ne oh­ne qua­li­fi­zier­te Si­gna­tur über­mit­tel­te E-Mail die­sem Er­for­der­nis nicht genügt.

aaa) Teil­wei­se wird ver­tre­ten, dass Schrift­lich­keit im Sin­ne des § 99 Ab­satz 3 Be­trVG die Schrift­form nach § 126 BGB mei­ne und des­halb ei­ne Ur­kun­de mit ei­genhändi­ger Un­ter­schrift des Aus­stel­lers - re­gelmäßig des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den - er­for­de­re (et­wa GK-Be­trVG/Kraft 8. Auf­la­ge § 99 Rn. 115;

 

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Ha­Ko-Be­trVG/Kreu­der 2. Auf­la­ge § 99 Rn. 55; Hess/Sch­lochau­er/ Worz­al­la/Glock/Ni­co­lai-Sch­lochau­er Be­trVG 7. Auf­la­ge § 99 Rn. 103; ArbG Bie­le­feld 15. Ja­nu­ar 2003 - 3 BV 78/02 - NZA-RR 2004, 88 = NZA 2004, 511 [nur Leitsätze] mit ju­ris-An­mer­kung Be­p­ler).

bbb) Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in jünge­rer Zeit die An­for­de­run­gen an die Schrift­lich­keit im Rah­men der Be­triebs­ver­fas­sung mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken an­ge­passt und so et­wa ent­schie­den, dass auch ei­ne per Te­le­fax über­mit­tel­te Ko­pie zur Wah­rung des Schrift­lich­keits­ge­bo­tes genügen könne (BAG 11. Ju­ni 2002 - 1 ABR 43/01 - BA­GE 101, 298 = AP Be­trVG 1972 § 99 Nr. 118 = EzA Be­trVG 1972 § 99 Nr. 139, zu B IV 1 b; BAG 6. Au­gust 2002 -1 ABR 49/01 - BA­GE 102, 135 = AP Be­trVG 1972 § 99 Ein­grup­pie­rung Nr. 27 = EzA Be­trVG 1972 § 99 Um­grup­pie­rung Nr. 2, zu I 2 a der Gründe). In die­sem Zu­sam­men­hang hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt aus­geführt, dass es sich bei dem Wi­der­spruch nach § 99 Ab­satz 2 Be­trVG nicht um ein Rechts­geschäft, son­dern um ei­ne rechts­geschäftsähn­li­che Hand­lung han­de­le, wes­halb § 126 BGB nicht un­mit­tel­bar, son­dern nur in­so­weit an­wend­bar sei, wie der Norm­zweck und die In­ter­es­sen­la­ge ei­ne ent­spre­chen­de An­wen­dung er­for­dern würden. Bei ei­ner Fax-Ko­pie sei ei­ne ent­spre­chen­de An­wen­dung des § 126 BGB nicht er­for­der­lich, Zweck des Schrift­lich­keits­ge­bo­tes nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG sei, es zu gewähr­leis­ten, dass der Ar­beit­ge­ber auf si­che­re Wei­se Kennt­nis von den Gründen erhält, die den Be­triebs­rat zur Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung be­wo­gen hätten. Der Ar­beit­ge­ber sol­le sich auf der Grund­la­ge der Zu­stim­mungs­er­set­zung ei­ne Einschätzung über die Er­folgs­aus­sich­ten ei­nes Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens nach § 99 Ab­satz 4 Be­trVG ver­schaf­fen können. Die­sem Zweck würde auch ei­ne Fax-Ko­pie genügen. Der mit § 126 BGB un­ter an­de­rem auch be­zweck­te Übe­rei­lungs­schutz spie­le bei § 99 Ab­satz 3 Be­trVG dem­ge­genüber über­haupt kei­ne Rol­le. Der mit die­ser Norm zu-gleich ver­folg­te Be­weis­zweck über die Iden­tität des Aus­stel­lers und die Vollständig­keit der Ur­kun­de wer­de durch ei­ne bild­li­che Wie­der­ga­be der Ori­gi­nal­ur­kun­de mit­tels Te­le­fax aus­rei­chend erfüllt. Ein in­so­weit erhöhtes Fälschungs­ri­si­ko könne ver­nachlässigt wer­den.

ccc) In der Li­te­ra­tur wird teil­wei­se ver­tre­ten, dass zur Wah­rung des Schrift­lich­keits­ge­bo­tes nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG ei­ne Un­ter­schrift über­haupt nicht er­for­der­lich sei und die elek­tro­ni­sche Über­mitt­lung ei­nes Wi­der­spruchs­schrei­bens per E-Mail oder Com­pu­ter-Fax oh­ne Wah­rung der elek­tro­ni­schen Form der § 126 Ab­satz 3, § 126a BGB, das heißt oh­ne qua­li­fi­zier­te elek­tro­ni­sche Si­gna­tur nach dem Si­gna­tur­ge­setz, aus­rei­chend sei (et­wa Fi­scher AiB 1999, 390).

bb) Nach Auf­fas­sung der Be­schwer­de­kam­mer genügt je­doch ei­ne E-Mail oh­ne qua­li­fi­zier­te Si­gna­tur nach § 126a BGB dem Schrift­lich­keits­ge­bot des § 99 Ab­satz 3 Be-

 

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trVG nicht (so auch ErfK/Ka­nia 8. Auf­la­ge § 99 Be­trVG Rn. 39 am En­de; Wlotz­ke/Preis Be­trVG 3. Auf­la­ge § 99 Rn. 71; GK-Be­trVG/Kraft 8. Auf­la­ge § 99 Rn. 115; Ri­char­di/Thüsing Be­trVG 10. Auf­la­ge § 99 Rn. 262; Fit­ting Be­trVG 24. Auf­la­ge § 99 Rn. 260 in Ver­bin­dung mit § 102 Rn. 64; ArbG Bie­le­feld 15. Ja­nu­ar 2003 - 3 BV 78/02 - NZA-RR 2004, 88 = NZA 2004, 511 [nur Leitsätze] mit ju­ris-An­mer­kung Be­p­ler; Thürin­ger LAG 5. Au­gust 2004 - 2 TaBV 2/04 - mit ju­ris-An­mer­kung Berz­bach; Hes­si­sches LAG 18. Sep­tem­ber 2007 - 4 TaBV 83/07 - zi­tiert nach ju­ris).

Für die­se Auf­fas­sung spre­chen die bes­se­ren Ar­gu­men­te. An­ders als bei ei­nem Te­le­fax, bei dem zu­min­dest ei­ne Ko­pie der vor­han­de­nen Ori­gi­nal-Ur­kun­de über­mit­telt wird, ist dies bei ei­ner E-Mail oh­ne qua­li­fi­zier­te Si­gna­tur nicht ge­ge­ben. Durch ei­ne sol­che E-Mail wird der Ar­beit­ge­ber zwar über die Wi­der­spruchs­gründe des Be­triebs­ra­tes un­ter­rich­tet und kann sich da­mit auch ein Bild hin­sicht­lich der Er­folgs­aus­sich­ten ei­nes Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren nach § 99 Ab­satz 4 Be­trVG un­ter Zu­grun­de­le­gung der Ausführun­gen des Be­triebs­ra­tes ma­chen. Zu berück­sich­ti­gen ist auch, dass ei­ne ein­fa­che E-Mail oh­ne qua­li­fi­zier­te Si­gna­tur dem nicht völlig un­berück­sich­tigt blei­ben­den Zweck - über den Ab­sen­der bzw. den Ur­he­ber des Wi­der­spru­ches Klar­heit zu ha­ben - nicht genügt wird. Die Be­weis­funk­ti­on des Schrift­lich­keits­ge­bo­tes über die Iden­tität des Aus­stel­lers und die Vollständig­keit der über­mit­tel­ten Ur­kun­de darf nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht vollständig auf­ge­ge­ben wer­den.

Die Kam­mer ver­kennt nicht, dass im Zeit­al­ter mo­der­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat in vie­len Un­ter­neh­men und so auch im Un­ter­neh­men der Ar­beit­ge­be­rin in großem Maße aus Gründen der Zeit- und Kos­ten­er­spar­nis über E-Mail ab­ge­wi­ckelt wird. Der Ge­setz­ge­ber des Be­triebs­ver­fas­sungs­re­form­ge­set­zes des Jah­res 2001 hat die Nut­zung mo­der­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel in der Be­triebs­ver­fas­sung ein­ge­for­dert und des­halb § 40 Ab­satz 2 Be­trVG geändert, um klar­zu­stel­len, "dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet ist, dem Be­triebs­rat auch In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik als mo­der­ne Sach­mit­tel zur Verfügung zu stel­len. Da­zu gehören vor al­lem Com­pu­ter mit ent­spre­chen­der Soft­ware, aber auch die Nut­zung im Be­trieb oder Un­ter­neh­men vor­han­de­ner mo­der­ner Kom­mu­ni­ka­ti­onsmöglich­kei­ten." (BT-Druck­sa­che 14/5741 Sei­te 41). Auch in der Einführung zur Ge­set­zes­be­gründung wird die Be­deu­tung der Mo­der­ni­sie­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen auch des Be­triebs­ra­tes durch Nut­zung mo­der­ner Tech­ni­ken be­tont (BT-Druck­sa­che 14/5741 Sei­te 2). Gleich­wohl hat der Ge­setz­ge­ber das Er­for­der­nis der Schrift­lich­keit der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes in § 99 Ab­satz 3 Be­trVG und § 102 Ab­satz 2 Be­trVG un­verändert be­las­sen.

Eben­falls im Jahr 2001 wur­de erst­mals § 126a BGB ein­geführt und da­mit ei­ne die ge­setz­li­che Schrift­form des § 126 BGB an die mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel an-

 

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ge­pass­te Möglich­keit zur Wah­rung der Schrift­form ge­setz­lich ge­re­gelt. Es be­ste­hen des­halb kei­ne Be­den­ken, ei­ne den An­for­de­run­gen des § 126a BGB genügen­de E-Mail als "schrift­lich" im Sin­ne des § 99 Ab­satz 3 Be­trVG an­zu­se­hen; im Ge­gen­schluss aber muss dies da­zu führen, dass ei­ne den An­for­de­run­gen des § 126a BGB nicht ent­spre­chen­de E-Mail die­sen An­for­de­run­gen nicht genügt.

cc) Die Kam­mer hat in die­sem Zu­sam­men­hang nicht zu klären, wie zu ent­schei­den wäre, wenn der Be­triebs­rat das Wi­der­spruchs­schrei­ben vom 18. De­zem­ber 2006, das er der E-Mail als An­la­ge bei­gefügt hat­te, zunächst un­ter­schrie­ben und das un­ter­schrie­be­ne Ex­em­plar ein­ge­scannt und so als An­la­ge zur E-Mail ver­sandt hätte. In ei­nem sol­chen Fall, in dem da­nach das Ori­gi­nal des Wi­der­spruchs­schrei­bens dem Ar­beit­ge­ber noch zu­geht, liegt ei­ne dem Te­le­fax sehr ähn­li­che Si­tua­ti­on vor. Im Ent­schei­dungs­fall hat der Be­triebs­rat aber le­dig­lich die Text­da­tei als An­la­ge zur E-Mail ver­sandt.

c) Die Ar­beit­ge­be­rin ist auch nicht ge­hin­dert, sich auf den Form­m­an­gel des Wi­der­spru­ches des Be­triebs­ra­tes zu be­ru­fen. Zum ei­nen liegt in die­ser Be­ru­fung kein Ver­s­toß ge­gen den Grund­satz der ver­trau­ens­vol­len Zu­sam­men­ar­beit nach § 2 Ab­satz 1 Be­trVG. Selbst wenn man da­von aus­geht, dass die Ar­beit­ge­be­rin mit dem Be­triebs­rat häufig über E-Mail kom­mu­ni­ziert, er­gibt sich auf der Grund­la­ge des Vor­tra­ges des Be­triebs­ra­tes nach Auf­fas­sung der Kam­mer kein hin­rei­chen­der An­halts­punkt dafür, dass die Ar­beit­ge­be­rin auch im Rah­men des § 99 Ab­satz 3 Be­trVG Wi­dersprüche per E-Mail ak­zep­tiert. Es kann des­halb of­fen blei­ben, ob dies wie vom Ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men un­er­heb­lich wäre, weil die feh­len­de Schrift­lich­keit von Amts we­gen zu berück­sich­ti­gen wäre.

aa) Die Be­ru­fung der Be­klag­ten auf den Form­m­an­gel ist nicht rechts­miss­bräuch­lich. Aus dem Vor­trag des Be­triebs­ra­tes las­sen sich kei­ne An­halts­punkt er­ken­nen, dass die Ar­beit­ge­be­rin dem Be­triebs­rat ge­genüber ei­nen Ver­trau­en­stat­be­stand da­hin­ge­hend ge­schaf­fen hat, sie wer­de ei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung per E-Mail als ord­nungs­gemäß an­er­ken­nen. Da­ge­gen spricht schon, dass der Be­triebs­rat, nach­dem er der Ar­beit­ge­be­rin per E-Mail sei­nen Wi­der­spruch über­mit­telt hat, das Wi­der­spruchs­schrei­ben mit Un­ter­schrift ver­se­hen auch noch auf dem Post­weg an die Ar­beit­ge­be­rin über­mit­telt hat. Dies spricht dafür, dass dem Be­triebs­rat be­wusst war, dass sei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung der Ar­beits­ge­be­rin schrift­lich zu­ge­hen muss und ei­ne E-Mail nicht aus­reicht.

bb) Der Ar­beit­ge­be­rin ist die Be­ru­fung auf den Form­m­an­gel aber auch nicht des­halb ver­wehrt, weil sie die Verzöge­rung der Beförde­rung des Ori­gi­nal­schrei­bens des Be­triebs­ra­tes zu ver­tre­ten hätte. Grundsätz­lich trägt das Ri­si­ko ei­ner nicht recht­zei­ti­gen Über­mitt­lung ei­ner rechts­er­heb­li­chen Erklärung der Über­mit­teln­de. Das ist im Ent­schei­dungs­fall der Be­triebs­rat. Dar­an ändert auch nichts, dass im Un­ter­neh­men der Ar­beit­ge­be­rin für un­ter­neh­mens­in­ter­ne Post­vorgänge ein be­son­de­res Post-Sys­tem

 

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vor­han­den ist und des­sen Nut­zung all­ge­mein vor­ge­se­hen und auch vor­ge­schrie­ben ist. Dem Vor­trag des Be­triebs­ra­tes lässt sich nicht ent­neh­men, dass die­ses "Mai­ling-Sys­tem" im Hin­blick auf die da­mit ver­sand­ten rechts­er­heb­li­chen Erklärun­gen be­son­ders lang­sam ar­bei­ten würde oder gar die Ar­beit­ge­be­rin Ein­fluss auf die Ge­schwin­dig­keit der Beförde­rung ge­nom­men ha­be. Die in­so­weit al­len­falls als An­deu­tun­gen zu ver­ste­hen­den Erklärun­gen des Be­triebs­ra­tes sind nicht ge­eig­net, ei­nen Treu­wid­rig­keits­vor­wurf zu be­gründen. Das Ar­beits­ge­richt hat be­reits in sei­nem Be­schluss dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Verzöge­run­gen im Post­lauf ge­ra­de in der Vor­weih­nachts­zeit nichts außer­gewöhn­li­ches sei­en und vom Be­triebs­rat hätten ein­kal­ku­liert wer­den müssen. Es mag durch­aus zu­tref­fend sein, dass die Stre­cke von S. nach F. a. M. für ein mit der Beförde­rung von Luft­fracht be­fass­tes Un­ter­neh­men nor­ma­ler­wei­se in­ner­halb von drei Ar­beits­ta­gen zurück­ge­legt wer­den kann. Ein Ein­fluss der Ar­beit­ge­be­rin auf die kon­kre­te Post­lauf­zeit des Wi­der­spruchs­schrei­bens ist aber nicht zu er­ken­nen.

d) In­wie­weit das Schrei­ben vom 18. De­zem­ber 2006 über­haupt ei­ne ord­nungs­gemäße Zu-stim­mungs­ver­wei­ge­rung im Sin­ne von § 99 Ab­satz 2 Be­trVG ist und dem Be­triebs­rat ei-ne Be­ru­fung auf ei­nen Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­grund nach § 99 Ab­satz 2 Nr. 4 Be­trVG ermöglicht, lässt die Kam­mer da­hin­ste­hen.

III.

1. Die Ent­schei­dung er­geht ge­richts­kos­ten­frei (§ 2 Ab­satz 2 GKG).

2. Die Be­schwer­de­kam­mer hat die Rechts­be­schwer­de zum Bun­des­ar­beits­ge­richt gemäß § 92 Ab­satz 1 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 72 Ab­satz 2 Nr. 1 ArbGG zu­ge­las­sen. Die Rechts­fra­ge, ob der Be­triebs­rat nach § 99 Ab­satz 3 Be­trVG mit ei­ner E-Mail wirk­sam sei­ne Zu­stim­mung ver­wei­gern kann, hat nach Auf­fas­sung der Be­schwer­de­kam­mer grundsätz­li­che Be­deu­tung. Die Kam­mer sieht sich im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 18. Sep­tem­ber 2007 (- 4 TaBV 83/07 - Ar­buR 2008, 77) ver­an­lasst, auch im vor­lie­gen­den Be­schluss­ver­fah­ren die Rechts­be­schwer­de zu­zu­las­sen.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

1. Ge­gen die­sen Be­schluss kann der Be­triebs­rat schrift­lich Rechts­be­schwer­de ein­le­gen. Die Rechts­be­schwer­de muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Rechts­be­schwer­de-be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

ein­ge­hen.

 

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Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Be­schlus­ses, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Rechts­be­schwer­de und die Rechts­be­schwer­de­be­gründung müssen von ei­nem Pro-zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

a) Rechts­anwälte,
b) Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
c) ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Ab­satz 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

2. Für die Ar­beit­ge­be­rin ist ge­gen die­sen Be­schluss ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben.

 

gez. Dr. Spin­ner

gez. Flamm

gez. Hu­ber

 

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