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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Bewerbung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Akten­zeichen: 2 Sa 51/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 20.03.2008
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Trier
   

Ak­ten­zei­chen:
2 Sa 51/08
1 Ca 1288/07
ArbG Trier
Ur­teil vom 20.04.2008

 

Te­nor:

Auf die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richt Trier vom 21.11.2007 - 1 Ca 1288/07 - ab­geändert:

 

Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits wer­den dem Kläger auf­er­legt.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

 

Tat­be­stand:

Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge ver­folgt der Kläger ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot aus dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG).

 

Der Kläger ist aus­ge­bil­de­ter Di­plom-So­zi­alpädago­ge. Laut Be­schei­ni­gung der Fach­hoch­schu­le V-Stadt vom 26.02.1997 er­warb er im Stu­di­en­gang So­zi­al­we­sen mit dem Stu­di­en­schwer­punkt Se­xu­alpädago­gik ei­nen Hoch­schul­ab­schluss und ist seit dem be­rech­tigt, die Be­rufs­be­zeich­nung Di­plom-So­zi­al­ar­bei­ter/ So­zi­alpädago­ge (Fach­hoch­schu­le) zu tra­gen.

 

In der Stel­lenbörse der Bun­des­agen­tur für Ar­beit im Mai 2007 war ei­ne Stel­le bei dem staat­li­chen XY-Gym­na­si­um U-Stadt aus­ge­schrie­ben, die aus­zugs­wei­se wie folgt lau­tet:

 

"S T E L L E N A U S S C H R E I B U N G

 

Er­zie­he­rin/Sport­leh­re­rin/So­zi­alpädago­gin

Das Staat­li­che XY-Gym­na­si­um V-Stadt sucht für sein Mädchen­in­ter­nat ei­ne Er­zie­he­rin/Sport­leh­re­rin/So­zi­alpädago­gin zum 20. Au­gust 2007.

Die Vergütung rich­tet sich nach dem Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder (TVL). Darüber hin­aus wer­den die übli­chen So­zi­al­leis­tun­gen gewährt. Es han­delt sich um ei­ne Voll­zeit­stel­le.

 

……

 

Das XY-Gym­na­si­um be­su­chen zur Zeit 500 Schüle­rin­nen und Schüler in den Klas­sen 7 - 13 so­wie in spe­zi­el­len Förder­klas­sen für Aus­sied­ler und Mi­gran­ten ab Klas­se 10. Zur Schu­le gehört ein In­ter­nat mit 196 Plätzen.

Wir su­chen ei­ne Er­zie­he­rin/Sport­leh­re­rin/So­zi­alpädago­gin, die be­reit ist, Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung zu über­neh­men und das sport­li­che so­wie das Frei­zeit­an­ge­bot für un­se­re In­ter­natsschüle­rin­nen und -schüler (Bas­ket­ball, Vol­ley­ball, Bad­min­ton, Gym­nas­tik, Tanz, Out­door-Sport­ar­ten) durch­zuführen und zu ergänzen. Die Schu­le verfügt über ei­ne Sport­hal­le, ein Schwimm­bad und ei­nen Sport­platz."

 

Auf die­se Stel­le be­warb sich der Kläger. Mit Schrei­ben vom 24.05.2007 wur­den ihm sei­ne Be­wer­bungs­un­ter­la­gen zurück­ge­sandt mit dem Be­mer­ken die neue Stel­len­in­ha­be­rin müsse auch Nacht­dienst im Mädchen­in­ter­nat leis­ten, da­her könn­ten bei der Be­set­zung der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le aus­sch­ließlich weib­li­che Be­wer­be­rin­nen berück­sich­tigt wer­den.

 

Der Kläger for­der­te mit Schrei­ben sei­ner späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 02.07.2007 ge­genüber dem XY-Gym­na­si­um U-Stadt ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch in Höhe von 6.750,00 €. Die B., B-Stadt wies mit Schrei­ben vom 19.07.2007 den An­spruch zurück mit der Be­gründung, es lie­ge ein sach­li­cher Grund für die ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Un­gleich­be­hand­lung vor, nämlich we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit, na­ment­lich dem zu ver­se­hen­den Nacht­dienst.

 

Mit der bei Ge­richt am 30.08.2007 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge macht der Kläger die Entschädi­gung kla­ge­wei­se gel­tend. Er ver­tritt die Auf­fas­sung, die Vor­aus­set­zun­gen des § 8 AGG sei­en nicht ge­ge­ben. Das staat­li­che XY-Gym­na­si­um und das an­ge­schlos­se­ne In­ter­nat ste­he Mädchen und Jun­gen of­fen. Die Stel­len­aus­schrei­bung sei nicht ge­schlechts­neu­tral. Mit kei­nem Wort ge­he die Aus­schrei­bung auf die An­for­de­rung ein, nämlich auf die an­geb­li­che Not­wen­dig­keit, Nacht­schich­ten im Mädchen­in­ter­nat durch­zuführen. Sei­tens des be­klag­ten Lan­des wer­de nicht ein­mal mit­ge­teilt, wel­chen An­teil even­tu­el­le Nacht­diens­te im ge­sam­ten Tätig­keits­be­reich der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le ein­neh­men würden. Die­ser An­teil dürf­te äußerst ge­ring sein. Der Kläger hat im übri­gen die tatsächli­chen Be­haup­tun­gen des be­klag­ten Lan­des über die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ein­bin­dung der zu be­set­zen­den Stel­le mit Nicht­wis­sen be­strit­ten.

 

Der Kläger hat ein geschätz­tes Brut­to­mo­nats­ge­halt von 2.700,00 € an­ge­nom­men und hier­aus ei­nen Be­trag von 2,5 Brut­to­mo­nats­gehältern als Min­dest­be­trag gel­tend ge­macht.

 

Er hat be­an­tragt,

das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 AGG, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, min­des­tens je­doch 6.750,00 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 25. Ju­li 2007 zu zah­len.

 

Das be­klag­te Land hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

 

Es hat vor­ge­tra­gen, in dem In­ter­nat des XY-Gym­na­si­ums U-Stadt, sei­en in zwei ge­trenn­ten Gebäude 120 Mädchen als Schüle­rin­nen und 80 Jun­gen als Schüler un­ter­ge­bracht. In dem In­ter­nat sei­en sie­ben Er­zie­her beschäftigt und zwar vier Frau­en und drei Männer. Die Stel­le ei­ner weib­li­chen Er­zie­he­rin sei frei ge­wor­den und des­halb sei die Stel­len­aus­schrei­bung sei­ner­zeit er­folgt. Das Gebäude des Mädchen­in­ter­nats ha­be vier Eta­gen. Auf je­der Eta­ge sei ein Dienst­zim­mer. In­ner­halb des Tei­les Mädchen­in­ter­nat wech­sel­ten sich die Er­zie­he­rin­nen im Dienst ab. Durch den Dienst­plan sei klar­ge­stellt, wel­che Er­zie­he­rin Dienst ha­be. Bei 4 Per­so­nen fin­de ein wöchent­li­cher Wech­sel des Nacht­diens­tes statt, so dass je­de Er­zie­he­rin ein­mal im Mo­nat ei­ne Wo­che lang für den Nacht­dienst zuständig sei. In dem Teil des Jun­gen­in­ter­nats wer­de bei drei Er­zie­hern in glei­cher Wei­se vor­ge­gan­gen.

 

Die Be­reit­schafts­zim­mer befänden sich auf der Woh­ne­ta­ge, wo auch die Mädchen ih­rer Zim­mer hätten. Bei Licht­schluss am Abend und zu den Weck­zei­ten am Mor­gen ge­he die In­ter­nats­er­zie­he­rin die ein­zel­nen Mädchen­zim­mer ab. Zu den Be­reit­schafts­zim­mern der Er­zie­he­rin­nen gehöre kei­ne ei­ge­ne Nass­zel­le, so dass die­se die Ge­mein­schafts­ein­rich­tun­gen mit­be­nut­zen müss­ten. Da der El­tern­wohn­sitz der In­ter­natsschüle­rin­nen meist recht weit ent­fernt lie­ge, über­neh­me im Krank­heits­fall die Be­treu­ung zunächst die dienst­ha­ben­de Er­zie­he­rin. Da­durch ent­ste­he ein sehr en­ger Kon­takt zu den Mädchen. Ge­ra­de in ei­nem In­ter­nat sei es von großer Wich­tig­keit, dass sich Schüle­rin­nen wohlfühl­ten und in ei­ner ver­trau­ens­vol­len Um­ge­bung le­ben und ler­nen könn­ten. Des­halb sei es ins­be­son­de­re mit Rück­sicht auf die In­tim­sphäre der Mädchen und jun­gen Frau­en er­for­der­lich, dass vor al­lem nachts ei­ne weib­li­che Kon­takt­per­son zur Verfügung ste­he. Da der Nacht­dienst nicht dop­pelt be­setzt sei, wäre dies im Fal­le der Ein­stel­lung ei­ne männ­li­chen Be­wer­bers nicht gewähr­leis­tet. Der Nacht­dienst im Mädchen­in­ter­nat ma­che al­so nicht ei­nen un­we­sent­li­chen Teil der Auf­ga­ben aus. Ei­ne männ­li­cher Be­wer­ber sei nicht in glei­cher Wei­se ein­setz­bar wie ei­ne weib­li­che Be­wer­be­rin.

 

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des ers­ter In­stanz wird auf den Tat­be­stand des Ur­teils des Ar­beits­ge­richt Trier vom 21.11.2007 ver­wie­sen.

 

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge ent­spro­chen und ei­ne Entschädi­gung von 6.750,00 € als an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung zu­ge­spro­chen. Im We­sent­li­chen hat es aus­geführt, der Vor­trag des be­klag­ten Lan­des er­ge­be nicht, dass die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung für die Art der aus­zuüben­den Tätig­keit dar­stel­le. In der Stel­len­aus­schrei­bung sei von der Über­nah­me ei­nes Nacht­diens­tes kei­ne Re­de. Ge­sucht wer­de ei­ne Er­zie­he­rin/ Sport­leh­re­rin/ So­zi­alpädago­gin, die be­reit sei Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung zu über­neh­men und das sport­li­che so­wie das Frei­zeit­an­ge­bot für die In­ter­natsschüle­rin­nen und - Schüler durch­zuführen und zu ergänzen. Für die Wahr­neh­mung die­ser Auf­ga­ben sei ein Mann ge­nau­so gut ge­eig­net wie ei­ne Frau, zu­mal die Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung und das Frei­zeit­an­ge­bot sich nicht nur an die In­ter­natsschüle­rin­nen, son­dern auch an die In­ter­natsschüler rich­te. Es möge zwar im Hin­blick auf die räum­li­chen Verhält­nis­se zweckmäßig sein, dass für die Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben ei­ne weib­li­che Per­son ein­ge­stellt wer­de. We­sent­lich und ent­schei­dend für die Ausübung der Tätig­keit sei dies je­doch nicht. Ins­be­son­de­re ha­be das be­klag­te Land nicht dar­ge­legt, wes­halb es or­ga­ni­sa­to­risch nicht mach­bar sei, den Nacht­dienst so zu or­ga­ni­sie­ren, dass ein männ­li­cher Be­wer­ber nicht be­trof­fen sei. Al­lein die Tat­sa­che, dass die Stel­le ei­ner weib­li­chen Er­zie­he­rin frei ge­wor­den sei, recht­fer­ti­ge es im Hin­blick auf das AGG nicht, auch künf­tig in­so­weit aus­sch­ließlich ei­ne weib­li­che Er­zie­he­rin ein­zu­stel­len. Je­den­falls sei das be­klag­te Land dem der ihm ob­lie­gen­den Be­weis­last nicht nach­ge­kom­men, weil für den vom Kläger be­strit­te­nen Vor­trag über­haupt kein Be­weis an­ge­tre­ten wur­de. Ein­wen­dun­gen ge­gen die Höhe von 2,5 Mo­nats­gehältern als 2.700,00 € sei­en nicht er­ho­ben wor­den.

 

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Ur­teils­be­gründung wird auf die vor­be­zeich­ne­te Ent­schei­dung ver­wie­sen.

 

Das Ur­teil wur­de dem be­klag­ten Land am 28.12.2007 zu­ge­stellt. Das be­klag­te Land hat am 24.01.2008 Be­ru­fung ein­ge­legt und die Be­ru­fung mit am 05.02.2008 und am 26.02.2008 ein­ge­gan­ge­nen Schriftsätzen be­gründet.

 

Das be­klag­te Land ver­tritt die Auf­fas­sung, es sei nicht möglich den Nacht­dienst so zu or­ga­ni­sie­ren, dass ei­ne männ­li­che Per­son nicht be­trof­fen sei. Wenn der Kläger die Stel­le er­hal­ten hätte, hätte er im Nacht­dienst nicht im Mädchen­in­ter­nat ein­ge­setzt wer­den können. Dies be­deu­te, dass die drei Er­zie­he­rin­nen den Nacht­dienst un­ter sich hätten auf­tei­len müssen. Die­se wären dann über Gebühr in An­spruch ge­nom­men wor­den, während die männ­li­chen Er­zie­her ih­re Dienst da­ge­gen mit vier Per­so­nen ver­rich­ten könn­ten. Dies würde wie­der­um zu ei­ner Un­gleich­be­hand­lung der Frau­en führen. Das Ge­richt ha­be dem be­klag­ten Land vor­ge­wor­fen, es wäre der Be­weis­last nicht nach­ge­kom­men. Es sei der Auf­fas­sung, dass in­so­weit ei­ne Hin­weis­pflicht ge­ge­ben sei, wel­cher das Ge­richt nicht nach­ge­kom­men sei. In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat der Ver­tre­ter des be­klag­ten Lan­des erklärt, er ha­be auf ei­ne ent­spre­chen­de Fra­ge des Ge­richts, ob der Vor­trag auch be­wie­sen wer­den könne, mit "Nein" ge­ant­wor­tet, weil der Schul­lei­ter zum da­ma­li­gen Zeit­punkt im Ter­min nicht zur Verfügung ge­stan­den ha­be.

 

Das be­klag­te Land weist wei­ter dar­auf hin, dass der Be­trag von 6.750,00 € we­sent­lich zu hoch er­schei­ne. Ein Brut­to­mo­nats­ge­halt von 2.700,00 € wer­de nicht er­reicht. Die jet­zi­ge Stel­len­in­ha­be­rin er­hal­te ein Brut­to­ge­halt von TVL 8 in Höhe von 1.926,00 €. In­ner­halb der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist hat das be­klag­te Land im Schrift­satz vom 26.02.2008 auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass aus dem Stel­len­an­ge­bot ein­deu­tig zu er­se­hen sei, dass die ge­such­te Per­son nicht nur für den Sport­be­reich, son­dern maßgeb­lich für die Tätig­kei­ten im In­ter­nat ein­ge­stellt wer­den soll­te. Da die Er­zie­he­rin für das Mädchen­in­ter­nat ge­sucht wur­de, sei die In­ter­natstätig­keit auf je­den Fall von ganz we­sent­li­cher Be­deu­tung, wenn nicht so­gar von über­wie­gen­der Be­deu­tung für das Gym­na­si­um. Das be­klag­te Land hat wei­ter, ih­ren erst­in­stanz­li­chen Tat­sa­chen- und Rechts­vor­trag zu den ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten und zu den An­for­de­run­gen an die Auf­ga­ben ei­ner Er­zie­he­rin im Mädchen­in­ter­nat sub­stan­ti­iert Stel­lung ge­nom­men und den Vor­trag un­ter Be­weis ge­stellt durch Zeug­nis des Schul­lei­ters Dr. A..

 

Das be­klag­te Land be­an­tragt,

un­ter Auf­he­bung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Trier vom 21.11.2007, Ak­ten­zei­chen 1 Ca 1288/07 - wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

 

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung kos­ten­pflich­tig zurück­zu­wei­sen.

 

Er ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil, hält die Ein­wen­dun­gen des be­klag­ten Lan­des aus Rechts­gründen nicht für er­heb­lich, je­den­falls be­strei­tet er das tatsächli­che Vor­brin­gen mit Nicht­wis­sen. Im übri­gen rügt er we­gen der erst­mals im Be­ru­fungs­ver­fah­ren an­ge­bo­te­nen Be­weis­mit­tel Ver­spätung.

 

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des um­fang­rei­chen Sach- und Streit­stan­des im Be­ru­fungs­ver­fah­ren wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der Schriftsätze der Par­tei­en, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren, ver­wie­sen. Wei­ter wird ver­wie­sen auf die Fest­stel­lun­gen im Sit­zungs­pro­to­koll vom 20.03.2008.

 

Das Ge­richt hat in die­ser Sit­zung Be­weis er­ho­ben durch Ver­neh­mung des Zeu­gen Dr. A.. Auf das Sit­zungs­pro­to­koll wird ver­wie­sen.

 

Ent­schei­dungs­gründe:

I. Die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des ist zulässig, sie ist ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 64 Abs. 6, 66 Abs. 1 ArbGG i. V. m. § 520 ZPO).

 

Das be­klag­te Land setzt sich in den in­ner­halb der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist ein­ge­gan­ge­nen Schriftsätzen mit den tra­gen­den Gründen des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils in aus­rei­chen­der Form aus­ein­an­der, bekämpft die­se ins­be­son­de­re auch mit dem Hin­weis, das Ge­richt ha­be sei­ne Pflicht ver­letzt, in­dem es das be­klag­te Land nicht auf er­for­der­li­che Be­weis­an­ge­bo­te hin­ge­wie­sen ha­be. Auch mit den Rechts­ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts setzt sich das be­klag­te Land in hin­rei­chen­der Form aus­ein­an­der, wenn es sei­ne Auf­fas­sung dar­legt, ei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Möglich­keit, den Kläger auch als Er­zie­her auf ei­ner Stel­le im Mädchen­in­ter­nat zu beschäfti­gen, sei we­gen der Be­son­der­hei­ten der Si­tua­ti­on nicht durchführ­bar.

 

II. Die Be­ru­fung ist auch be­gründet.

 

Nach durch­geführ­ter Be­weis­auf­nah­me kann die Kam­mer die tatsächli­chen Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch des Klägers nicht fest­stel­len. Hier­bei geht die Kam­mer im We­sent­li­chen von fol­gen­den tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen aus, wel­che durch die Be­weis­auf­nah­me mit Ver­neh­mung des Zeu­gen Dr. A. bestätigt wur­den:

 

Es be­stand ei­ne Übung im Hau­se, dass in dem Mädchen­in­ter­nat vier Er­zie­he­rin­nen­stel­len vor­ge­se­hen sind und im Jun­gen­in­ter­nat drei Er­zie­he­rin­nen­stel­len. Ei­ne Er­zie­her­instel­le ist durch Aus­schei­den der bis­he­ri­gen Stel­len­in­ha­be­rin frei ge­wor­den. Im Mädchen­in­ter­nat sind 120 Plätze, im Jun­gen­in­ter­nat 76 Plätze, so­dass auch in­so­weit ein Zah­len­verhält­nis von vier zu drei be­steht. Die Ein­satz­pla­nung sieht vor, dass 21 St­un­den ei­nes Ta­ges be­setzt sind mit Er­zie­hern bzw. Er­zie­he­rin­nen und le­dig­lich die Zeit zwi­schen neun und zwölf Uhr am Vor­mit­tag, in dem sich die Schüle­rin­nen und Schüler re­gelmäßig im Un­ter­richt be­fin­den, nicht dienst­planmäßig durch Er­zie­he­rin­nen bzw. Er­zie­her be­legt sind, weil dann auch im In­ter­nat sich der Putz­dienst be­fin­det.

 

An den Wo­chen­en­den sind die Häuser durchgängig mit ei­nem Er­zie­her bzw. ei­ner Er­zie­he­rin be­setzt. Ab 21.30 Uhr ist nur noch ei­ne Kraft pro Mädchen- bzw. Jun­gen­in­ter­nat im Haus. Die Dienstein­tei­lung wird so ge­re­gelt, dass oh­ne kon­kre­te An­wei­sung des Schul­lei­ters ei­ne Kraft im­mer nur ei­nen Nacht­dienst macht und dann die drei wei­te­ren Nacht­diens­te von den an­de­ren Kol­le­gin­nen über­nom­men wer­den, al­so ei­ne tägli­che Ab­wechs­lung statt­fin­det und bei den Be­treu­ern im Jun­gen­in­ter­nat ent­spre­chend ver­fah­ren wird. Die Mädchen sind zwi­schen 13 und 22 Jah­re alt. Auf­ga­be des Nacht­diens­tes ist es für die Licht­schluss und die Nacht­ru­he zu sor­gen, da­bei ist es auch Auf­ga­be zu kon­trol­lie­ren, ob al­le Mädchen im Zim­mer sind. Ei­ne Be­ge­hung ei­nes je­den Zim­mers ist da­zu er­for­der­lich, ggf. auch ein Auf­su­chen der Dusch­zo­nen bzw. Sa­nitärein­rich­tun­gen, wenn sich das Mädchen nicht in dem Zim­mer be­fin­det. Bei der mor­gend­li­chen Auf­ga­be des We­ckens ist es auch er­for­der­lich, dass die Er­zie­he­rin­nen und Er­zie­her in die ein­zel­nen Zim­mer ge­hen, weil das We­cken nicht mehr durch ein lau­tes Si­gnal er­folgt. Da­zu ist es zum Teil not­wen­dig, dass die be­tref­fen­de Per­son auch die Schüle­rin, wenn sie fes­ter schläft, ent­we­der an­fasst oder an der De­cke zieht.

 

Die Mädchen be­we­gen sich auch zum Auf­su­chen der Du­schen oder Sa­nitärein­rich­tun­gen im Nacht­hemd und kom­men häufig mit um­ge­schlun­ge­nen Hand­tuch in die Zim­mer zurück. Im Krank­heits­fall kümmert sich die Er­zie­he­rin um die Schüle­rin und ent­schei­det dann, wel­che Maßnah­men an­ge­bracht sind. Je­de Er­zie­he­rin hat ihr ei­ge­nes Zim­mer im Mädchen­haus auf den un­ter­schied­li­chen Eta­gen. In die­sen Zim­mern hal­ten sich die Er­zie­he­rin­nen dann auch auf, wenn sie im Nacht­dienst tätig sind und sind dann je­der­zeit für An­fra­gen er­rei­chen, et­wa wenn nachts ein Krank­heits­fall auf­tritt. In den Er­zie­he­rin­nen­zim­mern be­fin­det sich ei­ne Wasch­ge­le­gen­heit und ei­ne Toi­let­te, aber kei­ne Du­sche, die­se muss in der Ge­mein­schafts­ein­rich­tung mit­be­nutzt wer­den.

 

Der Schul­lei­ter selbst be­tritt das Erd­ge­schoss des Mädchen­in­ter­nats, in dem sich die Ge­mein­schaftsräume be­fin­den und auch ein Er­zie­he­rin­nen­zim­mer. Auch Jun­gen ist es er­laubt die­ses Erd­ge­schoss zu be­tre­ten, es ist je­doch un­ter­sagt in den Wohn­be­reich der Mädchen zu ge­hen, im Jun­gen­haus ist es um­ge­kehrt den Mädchen un­ter­sagt. Wenn es not­wen­dig ist, dass männ­li­che Per­so­nen den Wohn­be­reich be­tre­ten, wird im­mer ei­ne Er­zie­he­rin vor­aus­ge­schickt um zu er­mit­teln, ob ein Zu­gang möglich ist. Die Frei­zeit­an­ge­bo­te hin­sicht­lich der sport­li­chen Ak­ti­vitäten rich­ten sich im Re­gel­fall an bei­de Ge­schlech­ter eben­falls die Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung.

 

Die Stel­le, auf die sich et­wa 20 Be­wer­be­rin­nen und der Kläger ge­mel­det hat­te, wur­de auch aus­ge­rich­tet auf den Sport­be­reich, sie wur­de dann mit ei­ner Frau be­setzt, die ei­ne zweijähri­ge Sport­fach­aus­bil­dung durch­lau­fen hat. De­ren Ein­grup­pie­rung er­folgt als Er­zie­he­rin. Die Ein­grup­pie­rung nach BAT war die Vergütungs­grup­pe Vc BAT.

 

Die­se Fest­stel­lun­gen be­ru­hen auf der glaub­haf­ten Be­kun­dung des Zeu­gen Dr. A.. Die Kam­mer hat­te kei­ne Ver­an­las­sung an der Rich­tig­keit die­ser Aus­sa­gen zu zwei­feln. Die Be­weis­auf­nah­me war er­for­der­lich ge­we­sen, weil der Kläger, der aus ei­ge­ner An­schau­ung kei­ne Kennt­nis­se über den tatsächli­chen Ab­lauf im Mädchen- und Jun­gen­in­ter­nat hat­te, die An­ga­ben des be­klag­ten Lan­des zulässi­ger­wei­se mit Nicht­wis­sen be­strei­ten durf­te.

 

Die Kam­mer war auch nicht ge­hin­dert, im Be­ru­fungs­ver­fah­ren dem erst­mals dort ge­stell­ten Be­weis­an­trag auf Ver­neh­mung des Zeu­gen Dr. A. nach­zu­ge­hen. Hier­bei kam es nicht dar­auf an, ob das Ar­beits­ge­richt in­so­fern ei­ne Hin­weis­pflicht ver­letzt hat. Das Ar­beits­ge­richt hat An­griffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel nicht im ers­ten Rechts­zug zurück­ge­wie­sen, da­her kommt ein Aus­schluss gemäß § 67 Abs. 1 ArbGG nicht in Be­tracht. Ob neue An­griffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel ent­ge­gen ei­ner form­ge­recht ge­setz­ten Frist des Ar­beits­ge­richts erst­in­stanz­lich nicht vor­ge­bracht wor­den sind, kann eben­falls of­fen blei­ben, weil nach frei­er Über­zeu­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richt die Zu­las­sung die Er­le­di­gung des Rechts­streits nicht verzögern würde (§ 67 Abs. 2 S. 1 ArbGG bzw. § 67 Abs. 3 ArbGG). Durch die im Ter­min mögli­che Be­weis­auf­nah­me war ei­ne Fest­stel­lung des Sach­ver­hal­tes der Kam­mer möglich.

 

III. Ein An­spruch des Klägers er­gibt sich nicht aus § 15 Abs. 2 AGG.

 

Da­nach ist bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, den hier­durch ent­stan­de­nen Scha­den zu er­set­zen. We­gen ei­nes Scha­dens, der nicht Vermögens­scha­den ist, kann der oder die Beschäftig­te ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung in Geld ver­lan­gen. Die­se darf bei ei­ner Nicht­ein­stel­lung drei Mo­nats­gehälter nicht über­stei­gen, wenn der oder die Beschäftig­te auch bei be­nach­tei­li­gungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den wäre. Der Kläger selbst macht in­ner­halb die­ses Drei-Mo­nats-Höchst­be­tra­ges ei­ne Entschädi­gung von 2,5 Gehältern gel­tend. Hier­bei ist al­ler­dings ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers in der Kla­ge­schrift und ent­ge­gen der Fest­stel­lung des Ar­beits­ge­richts nicht von ei­nem Brut­to­mo­nats­ver­dienst von 2.700,00 € aus­zu­ge­hen. Die Mo­nats­vergütung beträgt viel­mehr bei der vom be­klag­ten Land an­ge­wen­de­ten ta­rif­li­chen Ein­grup­pie­rung in TV-L bei ei­ner frühe­ren V c BAT-Stel­le bei der Ent­gelt­grup­pe 8 1.926,00 € nach dem Ta­bel­len­ent­gelt ab dem 01.11.2006.

 

Das be­klag­te Land hat ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung vor­ge­nom­men aus­drück­lich be­zo­gen auf ei­ne weib­li­che Be­wer­be­rin für die Er­zie­he­rin­nen­stel­le in dem Mädchen­in­ter­nat des staat­li­chen XY-Gym­na­si­ums U-Stadt. Dem Kläger wur­de ei­ne Ab­sa­ge mit der Be­gründung er­teilt, er kom­me als männ­li­cher Be­wer­ber für die Stel­le nicht in Be­tracht.

 

Nach § 11 AGG darf ein Ar­beits­platz nicht un­ter Ver­s­toß ge­gen § 7 Abs. 1 AGG aus­ge­schrie­ben wer­den, die Aus­schrei­bung ist da­her grundsätz­lich ge­schlechts­neu­tral vor­zu­neh­men. Ei­ne merk­mals­be­zo­ge­ne Aus­sa­ge ist nur zulässig, wenn das Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­um we­gen Vor­lie­gens von Aus­nah­me oder Recht­fer­ti­gungs­gründen ver­wen­det wer­den darf.

 

Ein Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot der be­nach­tei­li­gen­den Aus­schrei­bung löst je­doch al­lein noch kei­ne Entschädi­gungs­ansprüche aus § 15 Abs. 2 AGG aus, be­gründet al­ler­dings ei­ne Ver­mu­tung für ei­nen Ver­s­toß ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot selbst. Die nicht ge­schlechts­neu­tra­le Aus­schrei­bung muss als Tat­sa­che ge­wer­tet wer­den, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts ver­mu­ten lässt. So ist auch im Ver­lau­fe des Rechts­strei­tes vom be­klag­ten Land nicht in Ab­re­de ge­stellt wor­den, dass der Kläger we­gen sei­nes Ge­schlechts nicht ein­ge­stellt wur­de.

 

Die Ver­mu­tung, dass ein Ver­s­toß ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot vor­liegt, führt gemäß § 22 AGG zu ei­ner Be­weis­last­um­kehr. Im Streit­fall sind In­di­zi­en un­strei­tig, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des, hier des Ge­schlechts ver­mu­ten las­sen. So­mit trägt das be­klag­te Land die Be­weis­last dafür, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung vor­ge­le­gen hat.

 

Das be­klag­te Land be­ruft sich auf § 8 Abs. 1 AGG. Da­nach ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Ge­schlechts zulässig, wenn die­ser Grund we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern der Zweck rechtmäßig und die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist.

 

Mit dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14.08.2006 soll­te die frühe­re Rechts­po­si­ti­on in­fol­ge Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung be­nach­tei­lig­ter Beschäfti­ger nicht ver­schlech­tert wer­den. Die in § 611 a Abs. 1 S. 2 BGB ent­hal­te­ne For­mu­lie­rung, ob ein be­stimm­tes Ge­schlecht "un­ver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zun­gen für die Tätig­keit " ist in ih­rem sach­li­chen Ge­halt für die Fra­ge, ob ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts ge­recht­fer­tigt ist, nicht zu­guns­ten der auswählen­den Ar­beit­ge­ber auf­ge­weicht wor­den.

 

Die von der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts bis­lang hier­zu auf­ge­stell­ten An­for­de­run­gen sind al­so nach wie vor her­an­zu­zie­hen. Da­nach geht das Merk­mal über die bloßen sach­li­chen Grund hin­aus, der die Un­gleich­be­hand­lung recht­fer­tigt. Bei Un­ver­zicht­bar­keit im en­ge­ren Sin­ne ist an Fälle zu den­ken, in de­nen ei­nem Ar­beit­neh­mer die Erfüllung der ge­schlechts­neu­tral for­mu­lier­ten Ar­beits­auf­ga­be tatsächlich oder recht­lich unmöglich ist. Un­ver­zicht­bar­keit im wei­te­ren Sin­ne ist in Kon­stel­la­tio­nen zu be­ja­hen, in de­nen Beschäftig­te ei­nes be­stimm­ten Ge­schlech­tes die Ar­beits­leis­tung zwar er­brin­gen können, je­doch schlech­ter als Beschäftig­te des an­de­ren Ge­schlechts und die­ser Qua­li­fi­ka­ti­ons­nach­teil auf bio­lo­gi­schen Gründen be­ruht (vgl. BAG Ur­teil vom 14.08.2007, 9 AZR 943/06 = NZA 2008, 99 ff.).

 

Ei­ne Un­ver­zicht­bar­keit im ei­gent­li­chen Sin­ne liegt nicht vor. Es ist we­der ei­ne tatsächli­che Un­ver­zicht­bar­keit noch ei­ne recht­li­che Un­ver­zicht­bar­keit ge­ge­ben. Die tatsächli­che Un­ver­zicht­bar­keit bil­den die Fälle bio­lo­gi­sche Not­wen­dig­keit. Ab­zu­stel­len ist auf die Tätig­keit selbst und zwar auf die ei­gent­li­che Tätig­keit. Als Test­fra­ge hier­zu bie­tet sich an, ob der Ar­beit­ge­ber den Ar­beits­platz dau­er­haft un­be­setzt ge­las­sen hätte, wenn nur Be­wer­ber des un­erwünsch­ten Ge­schlechts zur Verfügung ge­stan­den hätten. Zur tatsächli­chen Un­ver­zicht­bar­keit sind wohl auch die Fälle der Au­then­ti­zitäts­wah­rung zur rech­nen (z. B. kann Da­men­mo­de au­then­tisch nur von Da­men vor­geführt wer­den).

 

Zur recht­li­chen Un­ver­zicht­bar­keit gehören al­le die­se Fälle, in de­nen ein Ge­setz die Beschäfti­gung des je­weils an­de­ren Ge­schlechts ver­bie­tet.

 

Die Un­ver­zicht­bar­keit im wei­te­ren Sin­ne ist dann ge­ge­ben, wenn ein Ar­beit­neh­mer ei­nes be­stimm­ten Ge­schlechts die be­ruf­li­che Tätig­keit tatsächlich schlech­ter ausüben kann als An­gehöri­ge des an­de­ren Ge­schlechts. Die Min­der­leis­tung muss bio­lo­gisch be­dingt sein, wenn auch nicht un­mit­tel­bar son­dern auch re­flek­tiert durch Drit­te mit de­nen der Ar­beit­neh­mer zu tun hat. Dies ist in den Fällen ge­ge­ben, wo die Scham ge­genüber dem an­de­ren Ge­schlecht re­le­vant wird. Bei sol­chen Sach­ver­hal­ten sind kei­ne Vor­ur­tei­le ge­genüber Männern oder Frau­en ent­schei­dend, son­dern ein Gefühl, das zwar ge­sell­schaft­lich ge­formt sein mag, aber den­noch bio­lo­gisch be­gründet ist. Dies ist im­mer dann der Fall, wenn Per­so­nen, die mit der Ar­beits­leis­tung in Ver­bin­dung kom­men, zur Wah­rung ih­rer In­tim­sphäre das an­de­re Ge­schlecht zurück­wei­sen. Dann ist ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den Ge­schlech­tern zulässig. Wie vernünf­tig das Scham­gefühl oder wie ver­brei­tet es ist, ist nicht re­le­vant. Ent­schei­dend ist al­lein der Grund zur Dif­fe­ren­zie­rung (vgl. auch Thüsing, Zulässi­ge Un­gleich­be­hand­lung weib­li­cher und männ­li­cher Ar­beit­neh­mer - zur Un­ver­zicht­bar­keit im Sin­ne des § 611 a Abs. 1 S. 2 BGB, RDA 2001, 319 ff.).

 

Bei An­wen­dung die­ser Grundsätze auf den Streit­fall ist fest­zu­stel­len, dass be­klag­te Land nicht le­dig­lich ei­nen sach­li­chen Grund für die Un­gleich­be­hand­lung zur Recht­fer­ti­gung der Be­nach­tei­li­gung des männ­li­chen Be­wer­bers, des Klägers, her­an­ge­zo­gen hat. Ent­schei­dend sind die be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen, wie sie für die ver­trags­gemäße zu er­brin­gen­de Leis­tung er­for­der­lich sind. We­sent­lich sind die­se An­for­de­run­gen, wenn ein hin­rei­chend großer Teil der Ge­samt­for­de­rung des Ar­beits­plat­zes be­trof­fen sind. Das be­klag­te Land hat sich nicht le­dig­lich auf sach­li­che Gründe oder Zweckmäßig­keits­ge­sichts­punk­te be­ru­fen, um die be­ruf­li­che An­for­de­rung zu be­schrei­ben.

 

Hier­bei ist unschädlich, dass in der Stel­len­aus­schrei­bung auf ei­nen Nacht­dienst nicht hin­ge­wie­sen wird. Dem be­klag­ten Land ist es nicht ver­wehrt, sich auf die Be­gleit­umstände ei­ner Stel­le ei­ner Er­zie­he­rin im Mädchen­in­ter­nat zu be­ru­fen. Dass ei­ne Er­zie­he­rin im Mädchen­in­ter­nat ein­ge­setzt wer­den soll, ist ein­deu­tig der Stel­len­aus­schrei­bung zu ent­neh­men. Hier­bei ist es dem be­klag­ten Land zu ge­stat­ten, die Recht­fer­ti­gung der Un­gleich­be­hand­lung aus dem Umständen her­zu­lei­ten, die zwin­gend und not­wen­dig mit der Tätig­keit ei­ner Er­zie­he­rin in dem Mädchen­in­ter­nat des Gym­na­si­ums zu­sam­menhängen.

 

Aus der Stel­len­aus­schrei­bung er­gibt sich im übri­gen auch nicht, dass die Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung, das sport­li­che und das Frei­zeit­an­ge­bot aus­sch­ließli­cher Tätig­keits­be­reich sein soll. Aus der For­mu­lie­rung ist viel­mehr ein­deu­tig zu ent­neh­men, dass dies auch zusätz­li­che Auf­ga­ben den ei­gent­li­chen Auf­ga­ben ei­ner Er­zie­he­rin/ Sport­leh­re­rin/ So­zi­alpädago­gin im Mädchen­in­ter­nat sein soll­ten. Dies er­gibt sich aus der For­mu­lie­rung, dass die Be­wer­be­rin auch be­reit sein soll, die Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung etc. zusätz­lich zu über­neh­men. Sind aber mit der Tätig­keit ei­ner Er­zie­he­rin Auf­ga­ben ver­bun­den, die Pro­ble­me auf­wer­fen können, wenn die ein­zu­stel­len­de Per­son männ­li­chen Ge­schlechts ist und da­mit nicht so oh­ne wei­te­res im Be­reich des Mädchen­in­ter­nats ein­ge­setzt wer­den kann, kann sich das be­klag­te Land dar­auf be­ru­fen, dass die im Rechts­streit vor­ge­tra­ge­nen Umstände, wel­che die Aus­schrei­bung le­dig­lich für weib­li­che Be­diens­te­te be­schrie­ben hat, auch bei der Prüfung der recht­fer­ti­gen­den Gründe gemäß § 8 Abs. 1 AGG her­an­ge­zo­gen wer­den.

 

Ei­nen großen Teil der für ei­ne Er­zie­he­rin im Mädchen­in­ter­nat an­fal­len­den Auf­ga­ben kann der Kläger nicht ausüben. Wie dar­ge­stellt reicht hier das Merk­mal der Un­ver­zicht­bar­keit im wei­te­ren Sin­ne aus. Der Kläger kann abs­trakt ge­se­hen zwar die Ar­beits­leis­tung er­brin­gen, er kann sie je­doch nur schlech­ter als das an­de­re Ge­schlecht. Die­ser Qua­li­fi­ka­ti­ons­nach­teil be­ruht auf bio­lo­gi­schen Gründen. Die Min­der­leis­tung ist bio­lo­gisch be­dingt und zwar re­flek­tiert durch die Schüle­rin­nen mit de­nen die be­treu­en­de er­zie­hen­de Per­son zu tun hat. Hier wird die Scham ge­genüber dem an­de­ren Ge­schlecht re­le­vant. Hier sind kei­ne Vor­ur­tei­le ge­gen Frau­en oder Männer ent­schei­dend, son­dern ein Gefühl, dass zwar ge­sell­schaft­lich ge­formt sein mag, aber den­noch bio­lo­gisch be­gründet ist.

 

Nach Auf­fas­sung der Kam­mer er­gibt sich aus der durch­geführ­ten Be­weis­auf­nah­me ganz klar, dass ei­ne strik­te Tren­nung der Ge­schlech­ter bei al­len Kon­fron­ta­ti­ons­si­tua­tio­nen, die im Be­trieb ei­nes Mädchen­in­ter­nats auf­tre­ten können, durch­geführt wird. Der Schul­lei­ter selbst be­tritt die pri­va­te Räume nur dann, wenn vor­her si­cher­ge­stellt ist, dass kei­ne Kon­flikt­si­tua­ti­on ein­tre­ten kann. Es ist dar­ge­stellt, dass zu­min­dest in den Nacht­schichtfällen die Er­zie­he­rin ganz kon­kre­te pri­va­te in den In­tim­be­reich führen­de Zu­sam­menkünf­te den Mädchen im Al­ter zwi­schen 13 und 22 Jah­ren ha­ben wird. So ist ei­ne Ver­pflich­tung, die Zim­mer auf­zu­su­chen, bei de­ren Nicht­auf­fin­den den Sa­nitärbe­reich oder gar die Du­schen auf­zu­su­chen, zwangsläufig mit Si­tua­tio­nen ver­bun­den, in de­nen sich die Mädchen nicht mehr so frei fühlen können, wenn die be­tref­fen­de Per­son nicht weib­li­chen Ge­schlechts ist.

 

Der Hin­weis der Kläger­ver­tre­te­rin, in der münd­li­chen Ver­hand­lung, die Mädchen hätten über­wie­gend ei­nen bio­lo­gi­schen Va­ter, mit dem sie auch in ent­spre­chen­de Kon­tak­te ge­ra­ten, verfängt nicht. Die Si­tua­ti­on ist nicht ver­gleich­bar bei ei­nem nicht zur Fa­mi­lie gehören­den männ­li­chen Er­zie­her.

 

Im vor­lie­gen­den Fall wird die Scham ge­genüber dem an­de­ren Ge­schlecht re­le­vant. Die Schüle­rin­nen könn­ten sich nicht so frei ent­fal­ten und be­we­gen, wie sie dies ma­chen, wenn ei­ne weib­li­che Auf­sichts­per­son mit ih­nen in den ent­spre­chen­den Kon­takt tritt. Auf Zahl und Um­fang von krank­heits­be­ding­ten Berührun­gen kommt es ent­schei­dungs­er­heb­lich nicht an. Die Nacht­diens­te, die nach der Dar­stel­lung des Zeu­gen wech­sel­wei­se so ge­leis­tet wer­den, dass je­de vier­te Nacht ei­ne Er­zie­he­rin ei­nen Nacht­dienst hat, ma­chen hin­sicht­lich und der dort auf­zu­wen­den­den Ar­beits­zeit 25% der Tätig­keit aus, es kann so­mit nicht mehr von ei­nem un­er­heb­li­chen Teil der Ar­beits­leis­tung aus­ge­gan­gen wer­den.

 

So­mit ist das Tat­be­stands­merk­mal ge­ge­ben, dass das weib­li­che Ge­schlecht we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen der Ausübun­gen, ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, je­den­falls so­fern es für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le ei­ner Er­zie­he­rin im Mädchen­in­ter­nat vor­aus­ge­setzt wird. Der Zweck, die Stel­le mit ei­ner weib­li­chen Per­son zu be­set­zen, ist rechtsmäßig und die An­for­de­rung ist auch an­ge­mes­sen, an­der­wei­tig kann sie nicht er­le­digt wer­den. Der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts ist nicht zu fol­gen, wo­nach dem be­klag­ten Land es durch­aus möglich wäre, den Dienst­plan so zu or­ga­ni­sie­ren, dass der Kläger die Nacht­dienst nur im Jun­gen­in­ter­nat ver­rich­tet. Zwar ist dem be­klag­ten Land nicht zu fol­gen, dass dies ei­ne nicht ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung dar­stel­len würde, hier­auf kann sich das be­klag­te Land nicht zurück­zie­hen. Maßge­bend ist aber der Ge­sichts­punkt, dass es der Or­ga­ni­sa­ti­on des be­klag­ten Lan­des ob­liegt, zu ent­schei­den, dass ei­ne Stel­le im Mädchen­in­ter­nat zu be­set­zen ist und ge­ra­de für die­se Stel­le ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung der Um­stand ist, dass sie auch voll in den Wech­sel­schicht­be­trieb in­te­griert wer­den kann und so­mit auch die Nacht­diens­te nicht nur ver­rich­ten kann, son­dern dies auch nach Art der aus­zuüben­den Tätig­keit mit dem Scham­gefühl der zu be­treu­en­den Mädchen nicht kol­li­diert.

 

IV. Ist nach al­lem die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ge­recht­fer­tigt, durf­te das be­klag­te Land die Stel­le ge­schlechts­spe­zi­fisch aus­schrei­ben, die Ab­sa­ge an den Kläger, be­gründet mit des­sen Ge­schlecht, stellt zwar ob­jek­tiv ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung dar, die­se Be­nach­tei­li­gung ist aber nach § 8 Abs. 1 AGG nicht un­zulässig.

 

Dem­gemäß muss­te der An­spruch des Klägers ver­neint wer­den und un­ter Abände­rung der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung die Kla­ge des Klägers ab­ge­wie­sen wer­den.

 

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 Abs. 1 ZPO.

 

Die Kam­mer hat we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen.

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