Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Tarifvertrag, Bezugnahmeklausel
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein
Akten­zeichen: 3 Sa 159/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 17.07.2008
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Lübeck, 2. April 2008, 5 Ca 3139/07, Urteil
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein

Ak­ten­zei­chen: 3 Sa 159/08
5 Ca 3139/07 ArbG Lübeck (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)

 

Verkündet am 17.07.2008

gez. ...
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Ur­teil

Im Na­men des Vol­kes

In dem Rechts­streit pp.

hat die 3. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Schles­wig-Hol­stein auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 17.07.2008 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt ... als Vor­sit­zen­de und d. eh­ren­amt­li­chen Rich­ter ... als Bei­sit­zer und d. eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin ... als Bei­sit­ze­rin

für Recht er­kannt:

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 02.04.2008 – 5 Ca 3139/07 – wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann durch Ein­rei­chung ei­ner Re­vi­si­ons­schrift bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt in 99084 Er­furt, Hu­go-Preuß-Platz 1, Te­le­fax: (0361) 26 36 - 20 00 Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss

bin­nen ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat

 

- 2 -

beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen sein.

Der Re­vi­si­onskläger muss die Re­vi­si­on be­gründen. Die Re­vi­si­ons­be­gründung ist, so­fern sie nicht be­reits in der Re­vi­si­ons­schrift ent­hal­ten ist, in ei­nem Schrift­satz bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­zu­rei­chen. Die Frist für die Re­vi­si­ons­be­gründung beträgt

zwei Mo­na­te.

Die Fris­ten für die Ein­le­gung und die Be­gründung der Re­vi­si­on be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss das Ur­teil be­zeich­nen, ge­gen das die Re­vi­si­on ge­rich­tet wird, und die Erklärung ent­hal­ten, dass ge­gen die­ses Ur­teil Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­de.

Der Re­vi­si­ons­schrift soll ei­ne Aus­fer­ti­gung oder be­glau­big­te Ab­schrift des an­ge­foch­te­nen Ur­teils bei­gefügt wer­den.

Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

Der Schrift­form wird auch durch Ein­rei­chung ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments genügt, wenn es für die Be­ar­bei­tung durch das Ge­richt ge­eig­net ist. Schriftsätze können da­zu über ei­ne ge­si­cher­te Ver­bin­dung in den elek­tro­ni­schen Ge­richts­brief­kas­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein­ge­legt wer­den. Die er­for­der­li­che Zu­gangs- und Über­tra­gungs­soft­ware kann li­zenz­kos­ten­frei über die In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts (www.bun­des­ar­beits­ge­richt.de) her­un­ter­ge­la­den wer­den. Das Do­ku­ment ist mit ei­ner qua­li­fi­zier­ten Si­gna­tur nach dem Si­gna­tur­ge­setz zu ver­se­hen. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts (s.o.) so­wie un­ter www.egvp.de.

(Rechts­mit­tel­schrif­ten, Rechts­mit­tel­be­gründungs­schrif­ten und wech­sel­sei­ti­ge Schriftsätze im Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt sind in sie­ben­fa­cher - für je­den wei­te­ren Be­tei­lig­ten ei­ne wei­te­re - Aus­fer­ti­gung ein­zu­rei­chen.)

Tat­be­stand

 

- 3 -

Die Kläge­rin be­gehrt an­tei­li­ge Ein­mal­zah­lung und an­tei­li­ge Prämie aus ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me auf ei­nen Ta­rif­ver­trag von der nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Be­klag­ten.

Die Kläge­rin ist seit dem 18.06.1998 bei der Be­klag­ten bzw. de­ren Rechts­vorgänge­rin­nen als Ma­schi­nen­be­die­ne­rin tätig. Seit No­vem­ber 2005 ar­bei­tet sie 30 St­un­den pro Wo­che mit ei­nem Ent­gelt von zu­letzt 1.437,43 EUR Grund­lohn zuzüglich ei­ner Prämie von 503,10 EUR brut­to. Die Kläge­rin ist Mit­glied der IG Me­tall.

Das Ar­beits­verhält­nis be­gann mit ei­nem Ar­beits­ver­trag vom 02.06./08.06.1998 mit der in der Me­tall­in­dus­trie ta­rif­ge­bun­de­nen D. GmbH. Un­ter Zif­fer 7.2 heißt es dort wie folgt:

„7.2 Sons­ti­ge Re­ge­lun­gen

Im übri­gen gel­ten für das An­stel­lungs­verhält­nis die Be­stim­mun­gen der gülti­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein in der je­weils gülti­gen Fas­sung und al­le be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen, Richt­li­ni­en, Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen der D. GmbH in ih­rer je­weils gülti­gen Fas­sung, so­fern Sie un­ter de­ren Gel­tungs­be­reich fal­len.“ (An­la­ge B 1 – Bl. 13 d. A.)

Das Ar­beits­verhält­nis ging auf die N. GmbH über, die eben­falls ta­rif­ge­bun­den war. Mit Wir­kung vom 01.11.2005 schloss die Kläge­rin mit die­ser aus An­lass ei­ner Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung ei­ne „Ver­ein­ba­rung zum be­ste­hen­den und fort­gel­ten­den Ar­beits­ver­trag“. Dort heißt es un­ter an­de­rem wie folgt:

„Die Mit­ar­bei­te­rin wird als Ma­schi­nen­be­die­ne­rin in der Kst. 626 (Stan­ze­rei) in Prämi­en­lohn ein­ge­setzt.
...
Die ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung sind Be­stand­teil die­ser Ver­ein­ba­rung.“ (An­la­ge B 2 – Bl. 14 d. A.).

Mit Wir­kung zum 01.07.2006 fand ein Be­triebsüber­gang von der N. GmbH auf die Be­klag­te statt. Die­se ist nicht ta­rif­ge­bun­den.

Knapp ein Jahr nach dem Be­triebsüber­gang kam es zu ei­nem neu­en Ta­rif­ab­schluss der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­steins, die un­ter an­de­rem

 

- 4 -

zu ei­ner ta­rif­li­chen Ent­gel­terhöhung von 4,1 % ab 1. Ju­ni 2007 führ­te. Des Wei­te­ren wur­de für den Mo­nat Mai 2007 ei­ne Ein­mal­zah­lung für Voll­zeit­kräfte, ba­sie­rend auf ei­ner 35-St­un­den-Wo­che, in Höhe von 400,00 EUR brut­to ver­ein­bart. Die Kläge­rin be­gehrt mit der vor­lie­gen­den Kla­ge für den Zeit­raum 01.06. – 16.09.2007 rech­ne­risch rich­tig den un­strei­ti­gen Be­trag aus der pro­zen­tua­len Ent­gel­terhöhung in Höhe von 281,11 EUR brut­to, so­wie be­zo­gen auf ei­ne 30-St­un­den-Wo­che die an­tei­li­ge Ein­mal­zah­lung in Höhe von 342,85 EUR brut­to. Der Be­trag ist außer­ge­richt­lich gel­tend ge­macht wor­den mit Schrei­ben vom 06.09.2007. Die Be­klag­te hat die Zah­lung un­ter Hin­weis auf ih­re feh­len­de Ta­rif­bin­dung ver­wei­gert, so dass die Kläge­rin am 6. De­zem­ber 2007 die vor­lie­gen­de Kla­ge er­ho­ben hat.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, 623,96 EUR brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz auf 551,53 EUR ab dem 30.09.2007 so­wie zzgl. Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent-punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz auf 42,43 EUR ab Zu­stel­lung der Klag­schrift vom 06.12.2007 an die Kläge­rin zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Zah­lungs­kla­ge – mit Aus­nah­me von we­ni­gen Zins­ansprüchen – statt­ge­ge­ben und das Er­geb­nis auf die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 14.12.2005 – 4 AZR 536/04 – und vom 18.04.2007 – 4 AZR 652/05 – gestützt. Das ist im We­sent­li­chen mit der Be­gründung ge­sche­hen, die ar­beits­ver­trag­li­chen Klau­seln sei­en nach dem ein­deu­ti­gen Wort­laut dy­na­misch. Maßgeb­lich sei auf die Be­zug­nah­me­klau­sel vom 01.11.2005 ab­zu­stel­len. Es han­de­le sich um ei­nen For­mu­lar­ver­trag, der an den Vor­schrif­ten der zum 01.01.2002 in Kraft ge­tre­te­nen Schuld­rechts­re­form zu mes­sen sei. Die ver­trag­li­che dy­na­mi­sche Bin­dung an ein­schlägi­ge Ta­rif­verträge en­de nicht, wenn und so­bald der Ar­beit­ge­ber nicht ta­rif­ge­bun­den sei. Die­se Aus­le­gung ver­s­toße auch an­ge­sichts der langjähri­gen an­ders­lau-

 

- 5 -

ten­den Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes nicht ge­gen den Ver­trau­ens­schutz­ge­dan­ken, zu­mal die Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 01.11.2005 nach In­kraft­tre­ten der Schuld­rechts­re­form er­folgt sei. Eben­so we­nig lie­ge ein Ver­s­toß ge­gen die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit vor. Hin­sicht­lich der Ein­zel­hei­ten der Ent­schei­dungs­gründe wird auf das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 02.04.2008 Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen die­se der Be­klag­ten am 29.04.2008 zu­ge­stell­te Ent­schei­dung leg­te sie am 13.05.2008 Be­ru­fung ein, die am 09.06.2008 be­gründet wur­de. Die Be­klag­te hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für rechts­feh­ler­haft. Sie ist der An­sicht, dass es sich bei den For­mu­lie­run­gen im Ar­beits­ver­trag nicht um ei­ne kon­sti­tu­ti­ve, son­dern le­dig­lich um ei­ne de­kla­ra­to­ri­sche Be­zug­nah­me auf die Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein han­de­le. Mit ihr wer­de kei­ne in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che, son­dern ei­ne ta­rif­li­che Ver­pflich­tung erfüllt. Darüber hin­aus ge­nieße die Be­klag­te Ver­trau­ens­schutz. Es sei auf die be­reits im Ar­beits­ver­trag vom 02.06./08.06.1998 ent­hal­te­ne Be­zug­nah­me­klau­sel ab­zu­stel­len. Die Ar­beits­ver­tragsände­rung vom 01.11.2005 ent­hal­te nur ei­ne Wie­der­ho­lung der al­ten ver­trag­li­chen Klau­sel. Zu­dem lie­ge ein Ver­s­toß ge­gen die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­klag­ten vor, wenn mit Über­gang der Ar­beits­verhält­nis­se trotz feh­len­der Ta­rif­bin­dung ih­rer­seits die Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein wei­ter­hin dy­na­misch fort­gel­ten würden. Das Ur­teil über­se­he darüber hin­aus die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes vom 09.03.2006 – C¬499/04 – und wen­de – fälsch­lich - § 613a Abs. 1 S. 1 BGB an, ob­gleich le­dig­lich § 613a Abs. 1 S. 2 BGB maßgeb­lich sei. Ne­ben § 613a Abs. 1 S. 2 BGB sei § 613a Abs. 1 S. 1 BGB nicht an­wend­bar. Nach dem Be­triebsüber­gang ver­ein­bar­te Ta­rif­loh­nerhöhun­gen schul­de sie da­her man­gels Ta­rif­bin­dung nicht.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Lübeck vom 02.04.2008, Az. 5 Ca 3139/07, ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

 

- 6 -

Sie hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil so­wohl in tatsäch­li­cher als auch in recht­li­cher Hin­sicht für zu­tref­fend.

Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens wird auf den münd­lich vor­ge­tra­ge­nen In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

A) Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und in­ner­halb der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist auch be­gründet wor­den.

B) Die Be­ru­fung ist je­doch nicht be­gründet. Die Be­klag­te ist trotz feh­len­der Ta­rif­bin­dung ver­pflich­tet, der Kläge­rin ab dem 1. Ju­ni 2007 die ta­rif­li­che Vergütungs­erhöhung der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein in Höhe von 4,1 % so­wie die ta­rif­li­che an­tei­li­ge Ein­mal­zah­lung für den Mo­nat Mai 2007 zu zah­len. Der An­spruch er­gibt sich aus der aus­drück­li­chen ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung und ist Frucht der Ver­trags­frei­heit.

I. Die Rechts­nor­men der Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung wa­ren zum Zeit­punkt des Be­triebsüber­gangs am 01.07.2006 In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses der Kläge­rin mit der N. GmbH. Die Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein gal­ten zwi­schen der Kläge­rin und der N. GmbH kraft Ta­rif­bin­dung und gleich­zei­tig als Ver­trags­recht auch kraft ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me­klau­sel. Die in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­verträge sind da­mit aus zwei ver­schie­de­nen recht­li­chen Gründen für das Ar­beits­verhält­nis maßge­bend.

1. Bei den Be­zug­nah­me­klau­seln vom 02.06.1998 und vom 01.11.2005 han­delt es sich je­weils um ei­ne so­ge­nann­te klei­ne dy­na­mi­sche Be­zug­nah­me­klau­sel. Klei­ne dy­na­mi­sche Be­zug­nah­me­klau­seln be­inhal­ten die An­wen­dung ei­nes be­stimm­ten Ta­rif­ver­tra­ges bzw. Ver­trags­wer­kes ei­ner be­stimm­ten Bran­che in der je­weils gülti­gen Fas­sung. Die Dy­na­mik be­zieht sich al­lein auf das zeit­li­che Mo­ment be­zieht. An­halts­punk­te für ei­nen wei­ter­ge­hen­den Re­ge­lungs­ge­halt sind vor­lie­gend nicht ge­ge­ben.

 

- 7 -

2. Die Ta­rif­nor­men wa­ren be­reits gemäß § 4 Abs. 1 TVG In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses. So­wohl die Kläge­rin als auch zunächst die D. GmbH, dann die N. GmbH wa­ren nor­ma­tiv an die Ta­rif­verträge für die ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer und die An¬ge­stell­ten der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein ge­bun­den. Die Kläge­rin ist Mit­glied der IG Me­tall, die die Ta­rif­verträge auf Ar­beit­neh­mer­sei­te ab­ge­schlos­sen hat. Die D. GmbH so­wie die N. GmbH wa­ren Mit­glieds­un­ter­neh­men des ta­rif­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des. Da­mit be­stand Ta­rif­bin­dung gemäß § 3 Abs. 1 TVG mit den Rechts­fol­gen des § 4 Abs. 1 TVG. In­so­weit hätte es der ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me der Rechts­vorgänge­rin­nen der Be­klag­ten auf die Be­stim­mun­gen der je­weils gülti­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein nicht be­durft.

3. An­ge­sichts die­ser da­ma­li­gen bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­bin­dung rich­ten sich die Rech­te und Pflich­ten der jet­zi­gen Par­tei­en auf Grund des Be­triebsüber­gangs nach § 613a Abs. 1 Satz 2 BGB. Aus § 613a Abs. 1 S. 2 BGB folgt, dass die den In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses gem. § 4 Abs. 1 TVG be­stim­men­den ta­rif­li­chen Ver­pflich­tun­gen aus den gülti­gen Ta­rif­verträgen der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein nun­mehr mit dem Be­triebsüber­gang am 01.07.2006 In­halt des zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses ge­wor­den sind. Da die Be­klag­te nicht ta­rif­ge­bun­den ist, greift für die bis­lang nor­ma­tiv gel­ten­den Rech­te die Auf­fang­re­ge­lung des § 613a Abs. 1 S. 2 BGB ein (vgl. BAG vom 19.9.2004 – 4 AZR 711/06 – zi­tiert nach JURIS; Rz. 18 m. w. N.)

4. Die An­wend­bar­keit die­ser Vor­schrift hat zur Fol­ge, dass die ta­rif­lich ge­re­gel­ten In­halts­nor­men im Ar­beits­ver­trag nur noch sta­tisch fort­gel­ten.

Das Ar­beits­verhält­nis geht re­gelmäßig gem. § 613a Abs. 1 BGB nur mit den Rech­ten und Pflich­ten auf den Er­wer­ber über, die zum Zeit­punkt des Be­triebsüber­gangs be­ste­hen. So­weit Rech­te und Pflich­ten des bis­he­ri­gen Ar­beits­verhält­nis­ses in ei­nem nor­ma­tiv wir­ken­den Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt sind, wer­den sie bei feh­len­der Ta­rif­bin­dung des Er­wer­bers re­gelmäßig nach § 613a Abs. 1 S. 2 BGB in das Ar­beits­verhält­nis trans­for­miert und er­hal­ten ei­nen an­de­ren Gel­tungs­grund. Da­her ge­hen auch die­je­ni­gen Rech­te und Pflich­ten des Ar­beits­verhält­nis­ses auf den Be­triebs­er­wer­ber über,

 

- 8 -

die in den ge­nann­ten Kol­lek­tiv­nor­men ge­re­gelt sind, oh­ne dass späte­re Ände­run­gen der Kol­lek­tiv­nor­men selbst Ein­fluss auf die Wei­ter­gel­tung nach § 613a Abs. 1 S. 2 BGB ha­ben. Auch für die Kol­lek­tiv­nor­men gilt, dass sie in dem Zu­stand über­ge­hen, in dem sie sich zum Zeit­punkt des Über­g­an­ges be­fin­den. Sie gel­ten sta­tisch fort (BAG vom 19.09.2007 – 4 AZR 711/06 – Rz. 24; BAG vom 14.11.2007 – 4 AZR 828/06 – je­weils zi­tiert nach JURIS). Der Ta­rif­ver­trag wird in der zum Zeit­punkt des Be­triebsüber­gangs be­ste­hen­den Fas­sung re­gelmäßig „ein­ge­fro­ren“ (BAG vom 19.09.2007 – 4 AZR 711/06, Rz. 25).

5. Da­nach hat die Kläge­rin anläss­lich der vor dem Be­triebsüber­gang be­ste­hen­den bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 613a Abs. 1 S. 2 BGB kei­nen An­spruch auf ta­rif­ver­trag­li­che Leis­tun­gen, die auf erst nach dem Be­triebsüber­gang ver­ein­bar­te Ände­run­gen der Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie zurück­zuführen sind. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en der Me­tall­in­dus­trie ha­ben den Lohn­ta­rif­ver­trag mit der 4,1 %igen Grund­loh­nerhöhung ab Ju­ni 2007 und der Ein­mal­zah­lung für Mai 2007 erst am 7. Mai 2007, al­so knapp ein Jahr nach dem Be­triebsüber­gang ab­ge­schlos­sen. Für die Kläge­rin er­gibt sich aus § 613a Abs. 1 S. 2 BGB da­her kein An­spruch auf die­se Ta­rif­erhöhun­gen. In­so­weit ist der Be­klag­ten zu fol­gen.

II. Der An­spruch der Kläge­rin er­gibt sich je­doch aus Ver­trags­recht und da­mit aus § 613a Abs. 1 S. 1 BGB. Das hat Ar­beits­ge­richt im Er­geb­nis zu­tref­fend fest­ge­stellt. Er be­ruht auf der aus­drück­li­chen ar­beits­ver­trag­li­chen kon­sti­tu­ti­ven Ver­ein­ba­rung der dy­na­mi­schen An­wend­bar­keit der bran­chenmäßig nach wie vor ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein. § 613 a Abs. 1 S. 1 BGB ist ne­ben § 613a Abs. 1 S. 2 BGB an­wend­bar. Das kann zu un­ter­schied­li­chen Rechts­fol­gen aus ver­trags­recht­li­cher und ta­rif­recht­li­cher Sicht führen.

1. Die vor­ge­nann­ten Ta­rif­verträge gal­ten zwi­schen der Kläge­rin und der N. GmbH un­abhängig von der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­bin­dung kraft aus­drück­li­cher ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung gleich­zei­tig als Ver­trags­recht. Die­se ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung ist als kon­sti­tu­ti­ve Be­zug­nah­me auf die Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung aus­zu­le­gen. Das hat zur Fol­ge, dass sie als in­di­vi­du­al­recht­li­che Ver­pflich­tung nach § 613a Abs. 1 S. 1 BGB auch für den

 

- 9 -

in die Rech­te und Pflich­ten des Ar­beits­ver­tra­ges ein­ge­tre­te­nen nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber gilt.

a) Ab­zu­stel­len ist auf die im Zu­sam­men­hang mit der Ver­tragsände­rung ver­ein­bar­te Be­zug­nah­me­klau­sel vom 01.11.2005. Mit ihr wur­den die ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen und auch die Be­zug­nah­me­klau­sel auf ei­ne an­de­re Grund­la­ge ge­stellt. Ne­ben der Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung wur­de auch und ge­ra­de die Be­zug­nah­me­klau­sel um­for­mu­liert. Während die D. GmbH, die ers­te Ar­beit­ge­be­rin der Be­klag­ten, die Be­stim­mun­gen der je­weils gülti­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein in Ziff. 7.2 nach ih­rem Wort­laut aus­drück­lich da­von abhängig ge­macht hat, dass die Kläge­rin („Sie“) un­ter de­ren Gel­tungs­be­reich fällt, ist hier­von in der Ver­ein­ba­rung vom 01.11.2005 nicht mehr die Re­de. Der Wort­laut der Be­zug­nah­me­klau­sel vom 01.11.2005 enthält, an­ders als im Ver­trag von 1998, kei­ner­lei Hin­wei­se mehr dar­auf, dass die Be­zug­nah­me von der Ta­rif­ge­bun­den­heit ei­ner oder bei­der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en abhängig sein soll. Da­mit ist von ei­ner kon­sti­tu­ti­ven Neu­ver­ein­ba­rung am 01.11.2005 aus­zu­ge­hen. Die Ur­sprungs­ver­ein­ba­rung aus dem Jah­re 1998 ist ab­gelöst wor­den.

b) Bei der Be­zug­nah­me­klau­sel im Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en han­delt es sich um ei­ne ty­pi­sche (For­mu­lar-)Ver­trags­klau­sel. Sie wur­de mit dem gewähl­ten Wort­laut von der N. GmbH ge­stellt und in ei­ner Viel­zahl von Ar­beits­verträgen von ihr ver­wen­det. Al­lein bei der Be­klag­ten sind nach wie vor noch ca. 20 Ar­beit­neh­mer mit gleich­lau­ten­den Ar­beits­verträgen tätig. Die Klau­sel ist da­her zu mes­sen an den Vor­ga­ben der §§ 305c, 307 BGB.

c) Die Be­zug­nah­me­klau­sel vom 01.11.2005 hat ent­ge­gen der An­nah­me der Be­klag­ten rechts­be­gründen­de (kon­sti­tu­ti­ve) Be­deu­tung. Ihr kommt nicht nur de­kla­ra­to­ri­sche Be­deu­tung zu. Das er­gibt ih­re Aus­le­gung.

aa) Gemäß § 157 BGB sind Verträge so aus­zu­le­gen, wie Treu und Glau­ben mit Rück­sicht auf die Ver­kehrs­sit­te es er­for­dern. Da­bei ist nach § 133 BGB der wirk­li­che Wil­le des Erklären­den zu er­for­schen und nicht am buchstäbli­chen Sinn des Aus­drucks zu haf­ten. Bei der Aus­le­gung sind al­le tatsächli­chen Be­gleit­umstände der Er-

 

- 10 -

klärung zu berück­sich­ti­gen, die für die Fra­ge von Be­deu­tung sein können, wel­chen Wil­len der Erklären­de bei sei­ner Erklärung ge­habt hat und wie die Erklärung von ih­rem Empfänger zu ver­ste­hen war (BAG vom 20.09.2006 – 10 AZR 715/05; BAG vom 03.05.2006 – 10 AZR 310/05 m. w. N. – je­weils zi­tiert nach JURIS). Die Aus­le­gung hat nach ei­nem ob­jek­ti­vier­ten Empfänger­ho­ri­zont zu er­fol­gen (BAG vom 18.04.2007 – 4 AZR 652/05 – Rz. 30 zi­tiert nach JURIS).

bb) Nach der langjähri­gen ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes war die Be­zug­nah­me in ei­nem von ei­nem ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Ar­beits­ver­trag auf die für das Ar­beits­verhält­nis ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge in der je­wei­li­gen Fas­sung re­gelmäßig in bis zum 31. De­zem­ber 2001 ab­ge­schlos­se­nen Ar­beits­verträgen als Gleich­stel­lungs­ab­re­de aus­zu­le­gen, wenn es kei­ne in­ner­halb oder außer­halb der Ver­trags­ur­kun­de lie­gen­den an­de­ren An­halts­punk­te gab. Die­se Aus­le­gungs­re­gel ist je­doch für Verträge/Ver­trags­klau­seln, die nach dem 31. De­zem­ber 2001, nach der Schuld­rechts­re­form, ab­ge­schlos­sen wor­den sind, bei dy­na­mi­schen Ver­wei­sun­gen auf ein­schlägi­ge Ta­rif­verträge und Ta­rif­wer­ke nicht mehr an­wend­bar, da sie der Un­klar­hei­ten­re­gel des § 305c Abs. 2 BGB und auch dem Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 S. 2 BGB nicht Rech­nung tra­gen (BAG vom 14.12.2005 – 4 AZR 536/04; vgl. auch BAG vom 18.04.2007 – 4 AZR 652/05 – je­weils zi­tiert nach JURIS). Ei­ne in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Klau­sel, die ih­rem Wort­laut nach oh­ne Ein­schränkung auf ei­nen be­stimm­ten Ta­rif­ver­trag oder be­stimm­te Ta­rif­wer­ke in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung ver­weist, ist viel­mehr im Re­gel­fall da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die­ser Ta­rif­ver­trag in sei­ner je­wei­li­gen Fas­sung gel­ten soll und dass die­se Gel­tung nicht von Fak­to­ren abhängt, die nicht im Ver­trag ge­nannt oder sonst für bei­de Par­tei­en er­sicht­lich zur Vor­aus­set­zung ge­macht wor­den sind (BAG vom 18.04.2007 – 4 AZR 652/05 – Rz. 29, zi­tiert nach JURIS). Die Mo­ti­ve, aus de­nen je­der der Part­ner den Ver­trag schließt, sind für die Rechts­fol­gen des Ver­tra­ges grundsätz­lich un­be­acht­lich, weil sie nicht Teil der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung selbst, nämlich der Be­stim­mung von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung, sind (BAG a.a.O., Rz. 29 und 30).

cc) Vor die­sem recht­li­chen Hin­ter­grund stellt die Be­zug­nah­me­klau­sel in der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung der Kläge­rin vom 01.11.2005 ei­ne kon­sti­tu­ti­ve Ver­wei­sungs­klau­sel dar, die ihr ei­nen ar­beits­ver­trag­li­chen An­spruch auf Vergütung nach den ein-

 

- 11 -

schlägi­gen Ta­rif­verträgen der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung gewährt, un­abhängig von der Ta­rif­ge­bun­den­heit der Ar­beit­ge­ber­sei­te.

(1) Der Wort­laut der Ver­ein­ba­rung ist ein­deu­tig. Da­nach lie­gen dem Ar­beits­verhält­nis die ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung zu­grun­de. Dass dies nur so­lan­ge gel­ten soll, wie der Ar­beit­ge­ber oder sein Rechts­nach­fol­ger ta­rif­ge­bun­den ist, kann dem Wort­laut der Klau­sel nicht ent­nom­men wer­den.

(2) Es sind auch kei­ne sons­ti­gen Umstände er­kenn­bar, aus de­nen sich Ein­schränkun­gen die­ser Wil­lens­erklärung ent­neh­men können und die für die Kläge­rin so deut­lich ge­wor­den sind, dass sie ih­nen zu­ge­stimmt und die­se da­mit zum Ver­trags­in­halt ge­macht hat. Der­ar­ti­ge Umstände sind nicht vor­ge­tra­gen wor­den.

(3) Her­vor­zu­he­ben ist in die­sem Zu­sam­men­hang, dass mit der Ver­ein­ba­rung vom 01.11.2005 die ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen und auch die Be­zug­nah­me­klau­sel auf ei­ne an­de­re Grund­la­ge ge­stellt wer­den. Die Tat­sa­che der Neu­for­mu­lie­rung der Be­zug­nah­me­klau­sel, die im Zu­sam­men­hang mit der Ver­ein­ba­rung ei­ner Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung gar nicht nötig ge­we­sen wäre, konn­te die Kläge­rin nur da­hin­ge­hend ver­ste­hen, dass die je­wei­li­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in Schles­wig-Hol­stein im­mer den In­halt ih­res Ar­beits­ver­tra­ges, vor al­lem im­mer ih­re Vergütungshöhe be­stim­men soll­ten, un­abhängig da­von, ob sie oder die Ar­beit­ge­ber­sei­te oder bei­de ta­rif­ge­bun­den sind. Dem­ge­genüber hat­te die Rechts­vorgänge­rin, die D. , ge­ra­de die An­wend­bar­keit der Ta­rif­verträge von der Ta­rif­bin­dung der Kläge­rin abhängig ge­macht. Es soll­ten die Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein in der je­weils gülti­gen Fas­sung nur gel­ten, so­fern „Sie“ – die Kläge­rin - un­ter de­ren Gel­tungs­be­reich fiel.
Da­mit muss die Ver­ein­ba­rung vom 01.11.2005 als kon­sti­tu­ti­ve dy­na­mi­sche Ver­wei­sungs­klau­sel ein­ge­ord­net wer­den, die von der Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers nicht berührt wird.

d) Die­ser Aus­le­gung steht der Ge­dan­ke des Ver­trau­ens­schut­zes nicht ent­ge­gen.

 

- 12 -

aa) Wie be­reits dar­ge­legt, ist vor­lie­gend die am 01.11.2005 ver­ein­bar­te Be­zug­nah­me­klau­sel maßgeb­lich. Die­se stellt, auch das ist be­reits dar­ge­legt, al­lein schon auf­grund des geänder­ten Wort­lauts ei­ne kon­sti­tu­ti­ve Neu­ver­ein­ba­rung und nicht nur ei¬ne de­kla­ra­to­ri­sche Wie­der­ho­lung dar, was nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts BAG vom 18.04.2007 – 4 AZR 652/05 Rz. 60) aber per se zu kei­nem un­ter­schied­li­chen Er­geb­nis führen würde. Da­her un­terfällt die Be­zug­nah­me­klau­sel nicht dem Schutz ei­nes et­wai­gen Alt­ver­trags (BAG vom 14.12.2005 – 4 AZR 536/04 – zi­tiert nach JURIS).

bb) Die Schuld­rechts­re­form, die die Recht­spre­chungsände­rung nicht nur, aber auch mit aus­gelöst hat, ist be­reits zum 01.01.2002 in Kraft ge­tre­ten. Die Ver­ein­ba­rung da­tiert vom 01.11.2005. Die §§ 305, 307 ff. BGB gal­ten da­her zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses der Ver­ein­ba­rung be­reits na­he­zu drei Jah­re lang. Die Recht­spre­chung zur Gleich­stel­lungs­ab­re­de ist auch zu­vor be­reits seit Jah­ren auf Kri­tik ges­toßen. In­so­weit sei nur auf die Viel­zahl der vom Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.12.2005, 4 AZR 536/04, an­geführ­ten Fund­stel­len ver­wie­sen (Rz. 17 – zi­tiert nach JURIS). Auf Ver­trau­ens­schutz kann sich die Be­klag­te da­her nicht be­ru­fen. Mit dem In­kraft­tre­ten der Schuld­rechts­re­form wa­ren die „Warn­zei­chen“ für die wei­te­re Ver­wen­dung der Klau­sel in der bis­he­ri­gen Form so deut­lich, dass es für ei­nen Ar­beit­ge­ber kei­ne un­zu­mut­ba­re Härte mehr dar­stellt, wenn er an dem Wort­laut der von ihm ein­geführ­ten Ver­trags­klau­sel fest­ge­hal­ten wird und das von ihm mögli­cher­wei­se Ge­woll­te, aber vom Wort­laut der Klau­sel Ab­wei­chen­de nicht als Ver­trags­in­halt an­ge­se­hen wird.

Die Kam­mer folgt in­so­weit un­ein­ge­schränkt den Ausführun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts in sei­ner Ent­schei­dung vom 18.04.2007 – 4 AZR 652/05 – Rz. 42 – 60). Die Be­klag­te wird auch nicht schützens­wer­ter, weil der Ver­trags­klau­sel vom 01.11.2005 ei­ne Alt­ver­trags­klau­sel vom 02.06.1998/08.06.1998 vor­aus­ge­gan­gen ist.

3. Der Be­klag­ten ist nicht dar­in zu fol­gen, § 613 a Abs. 1 S. 2 BGB ver­dränge Ansprüche aus § 613a Abs. 1 S. 1 BGB. Bei­de Vor­schrif­ten sind ne­ben­ein­an­der an-

 

- 13 -

wend­bar, mit even­tu­ell un­ter­schied­li­chen Rechts­fol­gen aus ver­trags­recht­li­cher und ta­rif­recht­li­cher Sicht.

Die mögli­chen un­ter­schied­li­chen Aus­wir­kun­gen der dy­na­mi­schen ver­trag­li­chen Ansprüche aus § 613a Abs. 1 S. 1 BGB und der sta­tisch ge­wor­de­nen Ansprüche aus § 613a Abs. 1 S. 2 BGB für ei­nen nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Be­triebsüber­neh­mer führen nicht zu ei­ner Ver­drängung et­wai­ger kon­sti­tu­ti­ver dy­na­mi­scher ver­trag­li­cher Ansprüche bei Fest­schrei­bung der ein­ge­fro­re­nen nor­ma­ti­ven Re­ge­lun­gen. Die Wir­kung ei­ner klei­nen dy­na­mi­schen Be­zug­nah­me­klau­sel wird nicht da­durch berührt, dass der in Be­zug ge­nom­me­ne Ta­rif­ver­trag noch aus ei­nem wei­te­ren recht­li­chen Grund für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en maßge­bend ist. Gem. § 613a Abs. 1 S. 1 BGB ve¬bleibt es bei der ver­ein­bar­ten Gel­tung der je­weils gülti­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein auf ver­trag­li­cher Grund­la­ge. Ei­ne Ver­drängung die­ser Ansprüche aus Ver­trags­recht durch § 613a Abs. 1 S. 2 BGB er­folgt nicht (vgl. BAG vom 29.08.2007 – 4 AZR 767/06 – zi­tiert nach JURIS). An­dern­falls stünde die Ver­trags­par­tei, de­ren Ansprüche sich beim Be­triebsüber­gang ne­ben ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Grund­la­ge zusätz­lich auf die nor­ma­ti­ven Wir­kun­gen ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges kraft Ta­rif­bin­dung stützen ließen, oh­ne ihr Zu­tun schlech­ter, als die Par­tei, die von vorn­her­ein „nur“ ei­nen gem. § 613a Abs. 1 S. 1 BGB ge­si­cher­ten An­spruch aus Ver­trags­recht hat.

Die­se bei­den An­spruchs­grund­la­gen, die für den nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Be­triebs­er­wer­ber zu un­ter­schied­li­chen Rechts­fol­gen führen, ste­hen da­her nicht in ei­nem Kon­kur­renz­verhält­nis. In­so­weit gilt der Güns­tig­keits­grund­satz des § 4 Abs. 3 TVG (vgl. auch BAG vom 29.8.2007 – 4 AZR 767/06 – Rz. 20 – zi­tiert nach JURIS). Die kon­sti­tu­ti­ve ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me­klau­sel ist für die Kläge­rin güns­ti­ger als die Ansprüche, die sich aus der zum Zeit­punkt des Be­triebsüber­g­an­ges be­ste­hen­den Ta­rif­bin­dung nach § 613a Abs. 1 S. 2 BGB er­ge­ben.

III. Die­se Bin­dung des neu­en nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Be­triebs­in­ha­bers an die Aus­wir­kun­gen der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten dy­na­mi­schen Be­zug­nah­me­klau­sel verstößt nicht ge­gen die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit.

 

- 14 -

1. Die in­di­vi­du­el­le ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus Art. 9 Abs. 3 GG schützt den nicht ver­bands­an­gehöri­gen Be­triebs­er­wer­ber vor un­zulässi­gem Zwang oder Druck in Rich­tung auf ei­ne Mit­glied­schaft. Die Kläge­rin nimmt die Be­klag­te nicht aus ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen in An­spruch. Sie stützt ihr Be­geh­ren auf ih­ren Ar­beits­ver­trag. Die Bin­dung an den Ta­rif­ver­trag be­ruht hier je­doch nicht auf Ver­bands­bei­tritt. Ihr Grund ist die fort­be­ste­hen­de Bin­dung kraft Ar­beits­ver­trag. Die Bin­dung an den Ta­rif­ver­trag ist da­her Frucht der Ver­trags­frei­heit. In ihr hat sie den Ur­sprung, nicht in der Ver­ei­ni­gungs­frei­heit. Die ne­ga­ti­ve Ver­ei­ni­gungs­frei­heit kann, auch wenn man sie weit ver­steht, die pri­vat­au­to­no­me Ent­schei­dung zur Bin­dung nicht ne­gie­ren (Thüsing, Eu­ro­pa­recht­li­che Bezüge der Be­zug­nah­me­klau­sel, NZA 2006, 473 (474)).

2. Ei­ne ge­setz­li­che An­ord­nung da­hin­ge­hend, dass gemäß § 613a Abs. 1 S. 2 BGB fort­wir­ken­de Ta­rif­verträge dy­na­misch fort­gel­ten, würde zwar womöglich die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit ver­let­zen. Be­ruht die Dy­na­mik hin­ge­gen auf ei­ner ein­zel­ver­trag­li­chen Ab­ma­chung, wie dies bei Be­zug­nah­me­klau­seln der Fall ist, sind die­se Be­den­ken nicht an­ge­bracht (Wil­lem­sen, Ho­hen­statt, Sch­wei­bert, Seibt, Um­struk­tu­rie­rung und Über­tra­gung von Un­ter­neh­men, 3. Aufl. 2008, E Rz. 197 am En­de m. w. N.).

3. Auch aus eu­ro­pa­recht­li­cher Sicht ist die Be­klag­te nicht in ih­rer ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit im Sin­ne von Art. 11 EM­RK be­ein­träch­tigt. Die Bin­dung der nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Be­klag­ten an die Aus­wir­kun­gen des dy­na­mi­schen Be­zug­nah­me­klau­sel verstößt nicht ge­gen Grundsätze, die der Eu­ropäische Ge­richts­hof ins­be­son­de­re in der Ent­schei­dung vom 9. März 2006 – C–499/04 - (Wehr­hof) even­tu­ell auf­stel­len woll­te. Mit der Ent­schei­dung vom 09.03.2006 stell­te der EuGH fest, dass Art. 3 Abs. 1 der Be­triebsüber­g­angs­richt­li­nie 77/187/EWG ei­ner Aus­le­gung nicht ent­ge­gen­steht, dass der Er­wer­ber, der nicht Par­tei ei­nes den Veräußern­den bin­den­den Kol­lek­tiv­ver­trags ist, auf den der Ar­beits­ver­trag ver­weist, durch Kol­lek­tiv­verträge, die dem zum Zeit­punkt des Be­triebsüber­g­an­ges gel­ten­den nach­fol­gen, nicht ge­bun­den ist, weil an­de­ren­falls die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit be­ein­träch­tigt sein könn­te.

Hier geht es um die Bin­dung an ar­beits­ver­trag­lich be­gründe­te Ansprüche. Sie sind we­der kol­lek­tiv­recht­lich be­gründet noch er­ge­ben sie sich un­mit­tel­bar aus dem Ge­setz. Die Bin­dung an den Ta­rif­ver­trag be­ruht hier nicht auf Ver­bands­bei­tritt. Sie ist

 

- 15 -

da­her nicht Frucht der Ver­ei­ni­gungs­frei­heit. Ihr Grund ist die fort­be­ste­hen­de Bin­dung kraft Ar­beits­ver­trag, nicht die Igno­rie­rung der ta­rif­li­chen Nicht­bin­dung. Die Recht­spre­chung des EuGH könn­te al­so nur dann Aus­wir­kun­gen ha­ben, wenn das Eu­ro­pa­recht sol­che Ver­ein­ba­run­gen ver­bie­ten und un­mit­tel­bar wir­ken würde. Das ist aber nicht der Fall. Ei­ne eu­ro­pa­rechts­kon­for­me Aus­le­gung pri­va­ter Wil­lens­erklärun­gen gibt es nicht (Thüsing, a. a. O., S. 475).

Da hier die dy­na­mi­sche Fort­gel­tung der Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie auf der ein­zel­ver­trag­li­chen Ab­ma­chung vom 01.11.2005 be­ruht, ist hier­durch we­der die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit berührt noch ei­ne Ab­wei­chung von eu­ropäischem Recht und Grundsätzen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs ge­ge­ben.

IV. Nach al­le­dem hat die Kläge­rin ge­genüber der Be­klag­ten ei­nen ar­beits­ver­trag­li­chen An­spruch auf Vergütung nach dem Lohn­ta­rif­ver­trag der Me­tall­in­dus­trie Schles­wig-Hol­stein in der ab 1.Ju­ni 2007 gel­ten­den Fas­sung. Die Be­rech­nung des gel­tend ge­mach­ten Zahl­be­tra­ges ist der Höhe nach un­strei­tig.

Aus den ge­nann­ten Gründen ist der Zah­lungs­kla­ge, so­weit zweit­in­stanz­lich von Be­deu­tung, zu Recht statt­ge­ge­ben wor­den. Die Be­ru­fung war da­her zurück­zu­wei­sen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO.

Die Re­vi­si­on war gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung zu­zu­las­sen. Ge­ra­de die­se Rechts­fra­ge et­wai­ger ge­setz­li­cher Kon­kur­ren­zen der Wir­kun­gen ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen klei­nen dy­na­mi­schen Be­zug­nah­me­klau­sel ist bis­her, so­weit er­sicht­lich, höchst­rich­ter­lich noch nicht ent­schie­den wor­den und auch nicht von der Ent­schei­dung des BAG vom 29.08.2007 – 4 AZR 767/06 – er­fasst.

 

gez. ...

gez. ...

gez. ...

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 3 Sa 159/08  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880