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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung: Fristlos, Urlaub
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 9 AZR 934/06
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 14.08.2007
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Nürnberg Landesarbeitsgericht Nürnberg
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


9 AZR 934/06
7 Sa 676/05
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Nürn­berg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

14. Au­gust 2007

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der Be­ra­tung vom 14. Au­gust 2007 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Düwell, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rei­ne­cke und Gall­ner so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Ben­rath und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Pie­lenz für Recht er­kannt:


Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 29. Au­gust 2006 - 7 Sa 676/05 - wird zu-rück­ge­wie­sen.
 


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Der Kläger hat die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.


Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Ur­laubs­ab­gel­tung.

Der Kläger war bei der Be­klag­ten, ei­nem über­re­gio­nal täti­gen Un­ter­neh­men der Or­thopädie- und Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­tech­nik, als Außen­dienst­mit­ar­bei­ter beschäftigt. Sein mo­nat­li­ches Brut­to­ge­halt be­trug zu­letzt durch­schnitt­lich 2.769,95 Eu­ro. Der Kläger kündig­te das Ar­beits­verhält­nis un­ter dem 8. Ju­li 2004 zum 31. Au­gust 2004, weil er zu ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber wech­seln woll­te. Noch am 8. Ju­li 2004 wur­de münd­lich erklärt, der Kläger sei von der Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt. Mit Schrei­ben vom 22. Ju­li 2004 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich. Seit dem 1. Sep­tem­ber 2004 ar­bei­tet der Kläger zu­sam­men mit zahl­rei­chen an­de­ren frühe­ren Ar­beit­neh­mern der Be­klag­ten in ei­ner an ih­rem Be­triebs­sitz eröff­ne­ten Nie­der­las­sung ei­ner Wett­be­wer­be­rin der Be­klag­ten.


Das Kündi­gungs­schrei­ben der Be­klag­ten vom 22. Ju­li 2004, das dem Kläger am sel­ben Tag zu­ging, lau­tet aus­zugs­wei­se:

„Sehr ge­ehr­ter Herr L.,


auf­grund der nun­mehr be­kannt ge­wor­de­nen Vor­komm­nis­se kündi­gen wir Ih­nen hier­mit frist­los das Ar­beits­verhält­nis.
So­weit Sie von der Ar­beit frei­ge­stellt sind, er­folgt dies un­ter An­rech­nung auf et­wai­ge Rest­ur­laubs­ansprüche.“

Der Kläger hat Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben und Ab­rech­nung bis zum 31. Au­gust 2004 ver­langt. Außer­dem hat er auf der Grund­la­ge des in der Ge­halts­ab­rech­nung für Ju­ni 2004 an­ge­ge­be­nen Rest­ur­laubs von 23,5 Ta­gen ge­for­dert, 24 Ur­laubs­ta­ge ab­zu­gel­ten.


Hin­sicht­lich der Ur­laubs­ab­gel­tung hat der Kläger be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 3.021,84 Eu­ro brut­to zu zah­len.
 


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Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat be­haup­tet, der Kläger sei am 8. Ju­li 2004 un­ter Hin­weis auf den an­zu­rech­nen­den Ur­laub frei­ge­stellt wor­den. Spätes­tens mit dem Schrei­ben vom 22. Ju­li 2004 ha­be sie die An­rech­nung des Ur­laubs fest­ge­legt.


Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts teil­wei­se ab­geändert. Es hat die Fest­stel­lung der un­ter­blie­be­nen Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung und die Ver­ur­tei­lung der Be­klag­ten zur Ab­rech­nung der Ent­gelt­ansprüche bestätigt. Die auf Ur­laubs­ab­gel­tung ge­rich­te­te Kla­ge hat es ab­ge­wie­sen. Da­ge­gen wen­det sich der Kläger mit der vom Be­ru­fungs­ge­richt in­so­weit zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on. Die Be­klag­te be­an­tragt, die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.


Ent­schei­dungs­gründe

I. Die Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet.

1. Die Aus­le­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, wo­nach die Be­klag­te den Ur­laubs­an­spruch des Klägers durch die Frei­stel­lung vom 22. Ju­li 2004 erfüll­te, ist frei von Rechts­feh­lern. Bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31. Au­gust 2004 be­stand des­halb kein Rest­ur­laubs­an­spruch mehr, der nach § 7 Abs. 4 BUrlG ab­zu­gel­ten ge­we­sen wäre.

a) Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts rich­tet sich der Ur­laubs­an­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Be­frei­ung von sei­nen ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­ten Pflich­ten. Die Vergütungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers wird nicht berührt. Zur Erfüllung des Ur­laubs­an­spruchs hat der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer von der Ar­beits­pflicht frei­zu­stel­len. Die Frei­stel­lung er­folgt durch ein­sei­ti­ge emp­fangs­bedürf­ti­ge Wil­lens­erklärung, wo­bei der Ar­beit­ge­ber die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen hat (§ 7 Abs. 1 Satz 1 BUrlG). Be­ginn und En­de des Ur­laubs sind fest­zu­le­gen. Die erklärte Ar­beits­be­frei­ung muss hin­rei­chend deut­lich er­ken­nen las­sen, dass ei­ne Be­frei­ung von der Ar­beits­pflicht zur Erfüllung des An­spruchs auf Ur­laub gewährt wird. Sonst kann nicht fest­ge­stellt wer­den, ob der Ar­beit­ge­ber als Schuld­ner des Ur­laubs­an­spruchs die ge­schul­de­te Leis­tung be­wir­ken will (§ 362 Abs. 1 BGB), als Gläubi­ger der Ar­beits­leis­tung auf de­ren An­nah­me ver­zich­tet (§ 615 Satz 1 BGB) oder
 


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er dem Ar­beit­neh­mer nach § 397 Abs. 1 BGB an­bie­tet, die Ar­beits­pflicht ver­trag­lich zu er­las­sen (vgl. nur Se­nat 14. März 2006 - 9 AZR 11/05 - Rn. 11, AP BUrlG § 7 Nr. 32 = EzA BUrlG § 7 Nr. 117; 9. Ju­ni 1998 - 9 AZR 43/97 - Rn. 13 f., BA­GE 89, 91).

b) Der Ar­beit­ge­ber kann den Ur­laubs­an­spruch auch da­durch erfüllen, dass er den Ar­beit­neh­mer nach Aus­spruch ei­ner Kündi­gung bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter An­rech­nung auf den Ur­laubs­an­spruch frei­stellt (st. Rspr. seit BAG 18. De­zem­ber 1986 - 8 AZR 481/84 - Rn. 19, BA­GE 54, 59; in jünge­rer Ver­gan­gen­heit zB Se­nat 14. März 2006 - 9 AZR 11/05 - Rn. 11, AP BUrlG § 7 Nr. 32 = EzA BUrlG § 7 Nr. 117). Die Frei­stel­lung muss sich auf ei­nen be­stimm­ten künf­ti­gen Zeit­raum be­zie­hen. Ist der Ar­beit­neh­mer be­reits aus an­de­ren Gründen von der Ar­beits­pflicht be­freit, kommt ei­ne nachträgli­che Fest­le­gung die­ser Zei­ten als Ur­laub nicht in Be­tracht (für die st. Rspr. schon Se­nat 1. Ok­to­ber 1991 - 9 AZR 290/90 - Rn. 19, BA­GE 68, 308; zu der nicht mögli­chen „Um­wid­mung“ ei­ner Selbst­be­ur­lau­bung 25. Ok­to­ber 1994 - 9 AZR 339/93 - Rn. 15, BA­GE 78, 153).

Ent­ge­gen der An­sicht der Re­vi­si­on wird dem Ar­beit­ge­ber da­mit nicht ermöglicht, den Ur­laub nach Be­lie­ben fest­zu­le­gen. § 7 Abs. 1 Satz 1 BUrlG ist auch nach Aus­spruch ei­ner Kündi­gung zu be­ach­ten. Da­nach hat der Ar­beit­ge­ber bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass der Berück­sich­ti­gung drin­gen­de be­trieb­li­che Be­lan­ge oder Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­hen, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten den Vor­rang ver­die­nen. Macht der Ar­beit­neh­mer kei­ne an­de­ren Ur­laubswünsche gel­tend, ist die Fest­le­gung des Ur­laubs auf die Zeit der Kündi­gungs­frist ord­nungs­gemäß (vgl. Se­nat 22. Sep­tem­ber 1992 - 9 AZR 483/91 - Rn. 17, AP BUrlG § 7 Nr. 13 = EzA BUrlG § 7 Nr. 87).


Ein der ein­sei­ti­gen Ur­laubs­fest­le­gung durch den Ar­beit­ge­ber ent­ge­gen­ste­hen­der Ur­laubs­wunsch liegt auch nicht dar­in, dass der Kläger die Kündi­gungs­schutz­kla­ge von vorn­her­ein mit der Kla­ge auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­bun­den hat. Die Ver­fol­gung des Ab­gel­tungs­an­spruchs hin­dert al­lein des­sen Erlöschen zum Jah­res­en­de. Ei­nen wei­ter-ge­hen­den Erklärungs­wert hat die kla­ge­wei­se Gel­tend­ma­chung nur, so­fern der Ar­beit­neh­mer ei­ne kon­kre­te an­de­re zeit­li­che Fest­le­gung des Ur­laubs ver­langt (vgl. Se­nat 19. März 2002 - 9 AZR 16/01 - Rn. 35, EzA BGB § 615 Nr. 108; 21. Sep­tem­ber 1999 - 9 AZR 705/98 - Rn. 17 und 19, BA­GE 92, 299; 22. Sep­tem­ber 1992 - 9 AZR 483/91 - Rn. 17, AP BUrlG § 7 Nr. 13 = EzA BUrlG § 7 Nr. 87).
 


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c) Der Ar­beit­ge­ber kann den Ur­laub vor­sorg­lich für den Fall gewähren, dass ei­ne von ihm erklärte or­dent­li­che oder außer­or­dent­li­che Kündi­gung das Ar­beits­verhält­nis nicht auflöst. Der Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses als sol­cher wird durch ei­ne Kündi­gung nicht berührt. Mit der Kündi­gung macht der Ar­beit­ge­ber le­dig­lich gel­tend, er ge­he da­von aus, das Ar­beits­verhält­nis wer­de zu dem von ihm be­stimm­ten Zeit­punkt en­den. Er „be­haup­tet“ ei­ne Be­en­di­gung (vgl. Se­nat 23. Ja­nu­ar 2001 - 9 AZR 26/00 - Rn. 21, BA­GE 97, 18). Dem ent­spricht, dass der Ar­beit­ge­ber ei­nem Ar­beit­neh­mer, der während ei­nes Kündi­gungs­schutz­rechts­streits Ur­laub ver­langt, Ur­laub zu gewähren hat (vgl. Se­nat 9. No­vem­ber 1999 - 9 AZR 915/98 - Rn. 15; 21. Sep­tem­ber 1999 - 9 AZR 705/98 - Rn. 17, BA­GE 92, 299).


Die vor­sorg­li­che Ur­laubs­gewährung liegt im wohl­ver­stan­de­nen Ei­gen­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers, um die Ku­mu­la­ti­on von An­nah­me­ver­zugs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen zu ver­hin­dern (Se­nat 9. No­vem­ber 1999 - 9 AZR 915/98 - Rn. 18; 21. Sep­tem­ber 1999 - 9 AZR 705/98 - Rn. 19, BA­GE 92, 299). Dem steht nicht ent­ge­gen, dass bis zur rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung über den Kündi­gungs­schutz­rechts­streit of­fen ist, ob der Ar­beit­ge­ber Ur­laubs­ent­gelt oder Ur­laubs­ab­gel­tung schul­det (vgl. Se­nat 17. Ja­nu­ar 1995 - 9 AZR 664/93 - Rn. 20, BA­GE 79, 92). Der Ur­laubs­an­spruch ist kein sog. Ein­heits­an­spruch. Er rich­tet sich auf die Be­frei­ung von der Ar­beits­pflicht. Der An­spruch auf Ar­beits­ent­gelt wird da­durch nicht berührt. Ist das Ar­beits­verhält­nis auf Grund der Kündi­gung be­en­det, ist der Ur­laub ab­zu­gel­ten.


2. Die be­reits zu­vor am 8. Ju­li 2004 er­folg­te Frei­stel­lung hin­der­te die Be­klag­te hier nicht zu erklären, sie stel­le den Kläger ab 22. Ju­li 2004 un­ter An­rech­nung auf sei­ne Rest­ur­laubs­ansprüche von der Ar­beits­pflicht frei.


a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, die Be­klag­te ha­be dem Kläger mit ih­rer münd­li­chen Frei­stel­lungs­erklärung vom 8. Ju­li 2004 nicht an­ge­bo­ten, sei­ne Ar­beits­pflicht ver­trag­lich zu er­las­sen. Außen­dienst­mit­ar­bei­ter mit Kun­den­kon­tak­ten würden nach Aus­spruch ei­ner Ei­genkündi­gung übli­cher­wei­se frei­ge­stellt, um die be­trieb­li­chen Geschäfts­be­zie­hun­gen nicht zu gefähr­den. Die Be­klag­te ha­be mit ih­rer Frei­stel­lung le­dig­lich auf die Kündi­gung des Klägers re­agiert. Mit Blick auf ih­re ge­gen-über dem all­ge­mei­nen Beschäfti­gungs­an­spruch des Klägers vor­ran­gi­gen wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen ha­be sie sich be­rech­tigt dar­auf be­ru­fen, nicht mehr zur Beschäfti­gung ver­pflich­tet zu sein. Da­ge­gen ha­be sie dem Kläger nicht an­ge­bo­ten, ihm sei­ne ar­beits-ver­trag­li­chen Pflich­ten bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31. Au­gust 2004 zu er­las­sen. Das An­ge­bot ei­nes Er­lass­ver­trags sei in­ter­es­sen­wid­rig, weil sich die Be­klag­te


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in die­sem Fall der Möglich­keit be­ge­ben hätte, dem Kläger noch zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist Ur­laub zu gewähren.


b) Bei der Erklärung der Be­klag­ten vom 8. Ju­li 2004 han­delt es sich um ei­ne aty­pi­sche Wil­lens­erklärung.

aa) Die Aus­le­gung nicht­ty­pi­scher Wil­lens­erklärun­gen ist in ers­ter Li­nie Auf­ga­be der Tat­sa­chen­ge­rich­te. Sie ist le­dig­lich be­schränkt re­vi­si­bel. Das Re­vi­si­ons­ge­richt kann nur über­prüfen, ob die Rechts­vor­schrif­ten über die Aus­le­gung von Wil­lens­erklärun­gen (§§ 133, 157 BGB) rich­tig an­ge­wandt wur­den, ob da­bei ge­gen Denk­ge­set­ze oder Er­fah­rungssätze ver­s­toßen und der Tat­sa­chen­stoff vollständig ver­wer­tet wur­de (für die st. Rspr. Se­nat 17. Ju­li 2007 - 9 AZR 819/06 - Rn. 19; BAG 24. Sep­tem­ber 2003 - 10 AZR 640/02 - Rn. 78, BA­GE 108, 1). Ist ein sol­cher Feh­ler nicht fest­zu­stel­len, ist das Re­vi­si­ons­ge­richt an die Aus­le­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ge­bun­den, auch wenn ein an­de­res Aus­le­gungs­er­geb­nis möglich er­scheint oder näher­liegt (BGH 8. Ok­to­ber 2003 - XII ZR 50/02 - Rn. 23, ZIP 2003, 2155).

bb) Die­sem ein­ge­schränk­ten Prüfungs­maßstab hält die Aus­le­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts stand.

(1) Der Kläger geht selbst da­von aus, dass Außen­dienst­mit­ar­bei­ter übli­cher­wei­se von wei­te­rer Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt wer­den, so­bald die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­vor­steht. Die Frei­stel­lung dient der Er­hal­tung des Kun­den­stamms. Der Außen­dienst­mit­ar­bei­ter wird von wei­te­ren Kun­den­kon­tak­ten und dem be­trieb­li­chen Ge­sche­hen aus­ge­schlos­sen, um Ab­wer­bun­gen zu ver­hin­dern so­wie Be­triebs- und Geschäfts­ge­heim­nis­se zu wah­ren. Der Ar­beit­ge­ber er­reicht die­ses Ziel be­reits mit ei­nem Ver­zicht auf die Ar­beits­leis­tung des Außen­dienst­mit­ar­bei­ters. Im ei­ge­nen In­ter­es­se nimmt er in Kauf, dass er für die Dau­er der un­ter­blei­ben­den Beschäfti­gung An­nah­me­ver­zug­s­ent­gelt nach § 615 Satz 1 BGB schul­det.

(2) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sei­nen tatrich­ter­li­chen Aus­le­gungs­spiel­raum auch nicht über­schrit­ten, in­dem es das An­ge­bot ei­nes Er­lass­ver­trags nach § 397 Abs. 1 BGB ab­ge­lehnt hat. Be­ruft sich ein Ar­beit­neh­mer dar­auf, der Ar­beit­ge­ber ha­be ihm über ei­ne Frei­stel­lungs­erklärung hin­aus ei­nen Er­lass­ver­trag an­ge­bo­ten, mit dem nicht nur der Beschäfti­gungs­an­spruch ent­fal­len, son­dern auch die Ar­beits­pflicht ver­trag­lich er­las­sen wer­den sol­le, sind be­son­de­re An­halts­punk­te er­for­der­lich. Die

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Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, der­ar­ti­ge Umstände sei­en hier nicht er­sicht­lich, ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on er­ge­ben sich kei­ne für ei­ne feh­ler­haf­te Aus­le­gung spre­chen­den An­halts­punk­te dar­aus, dass der Kläger das Ar­beits­verhält­nis selbst kündig­te. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat zum ei­nen auch die­se Tat­sa­che berück­sich­tigt. Zum an­de­ren ist es un­er­heb­lich, ob das Ar­beits­verhält­nis auf Ver­an­las­sung des Ar­beit­ge­bers be­en­det wird oder ob die Initia­ti­ve da­zu vom Ar­beit­neh­mer aus­geht. Der Er­halt des Kun­den­stamms ist durch ei­ne Ar­beit­neh­merkündi­gung in glei­cher Wei­se wie durch ei­ne Ar­beit­ge­berkündi­gung gefähr­det.


(3) Die Re­vi­si­on macht gel­tend, die Be­klag­te ha­be den Kläger am 8. Ju­li 2004 als Re­ak­ti­on auf sei­ne Ei­genkündi­gung „endgültig und un­wi­der­ruf­lich“ bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses frei­ge­stellt. Ob der Kläger da­mit be­haup­ten will, die Be­klag­te ha­be eben die­se Wor­te gewählt, oder ob es sich viel­mehr um sein Verständ­nis vom not­wen­di­gen In­halt ei­ner Frei­stel­lungs­erklärung han­delt, lässt sich sei­nen Ausführun­gen nicht zwei­fels­frei ent­neh­men. Aus den das Re­vi­si­ons­ge­richt bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts er­gibt sich je­den­falls nicht, dass die Be­klag­te erklärt hat, den Kläger „endgültig und un­wi­der­ruf­lich“ frei­stel­len zu wol­len. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat die Erklärung der Be­klag­ten viel­mehr so aus­ge­legt, dass sie kei­ne Wil­lens­erklärung ab­ge­ge­ben, son­dern nur ei­nen Hin­weis auf die gel­ten­de Rechts­la­ge er­teilt ha­be. Da der Kläger „zur Kon­kur­renz“ ha­be „ab­wan­dern“ wol­len, sei sein An­spruch auf Beschäfti­gung ent­fal­len. So­weit die Re­vi­si­on die­se Aus­le­gung mit dem Ar­gu­ment an­greift, die Be­klag­te ha­be am 8. Ju­li 2004 ein An­ge­bot auf Ab­schluss ei­nes Er­lass­ver­trags un­ter­brei­tet, fehlt es dafür an tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen, aus de­nen sich An­halts­punk­te für ei­nen der­ar­ti­gen Erklärungs­tat­be­stand er­ge­ben.

3. Die Aus­le­gung des Be­ru­fungs­ge­richts, die Be­klag­te ha­be dem Kläger nach dem In­halt ih­res Schrei­bens vom 22. Ju­li 2004 Ur­laub gewährt, ist eben­falls frei von Rechts­feh­lern.


a) Aus der in die­sem Schrei­ben ver­wand­ten Ge­gen­warts­form „so­weit Sie von der Ar­beit frei­ge­stellt sind“ hat das Be­ru­fungs­ge­richt ge­schlos­sen, das Schrei­ben be­zie­he sich nicht auf die be­reits am 8. Ju­li 2004 erklärte Frei­stel­lung, son­dern sei er­sicht­lich auf die Zu­kunft ge­rich­tet. Da die Be­klag­te kei­nen End­ter­min ge­nannt ha­be, ha­be sie den Kläger un­wi­der­ruf­lich bis zu der mögli­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31. Au­gust 2004 frei­ge­stellt und ihm für die­se Zeit Ur­laub er­teilt. Die gleich­zei­tig


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erklärte außer­or­dent­li­che Kündi­gung ste­he ei­ner sol­chen Aus­le­gung nicht ent­ge­gen. Die Be­klag­te ha­be den Ur­laub un­ter der Rechts­be­din­gung der Un­wirk­sam­keit der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung fest­ge­legt.

b) Mit die­ser In­ter­pre­ta­ti­on hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt sei­nen Aus­le­gungs­spiel­raum nicht über­schrit­ten.

aa) Die Re­vi­si­on rügt, das Be­ru­fungs­ge­richt ha­be nicht „wie selbst­verständ­lich“ von ei­ner vor­sorg­li­chen Ur­laubs­gewährung aus­ge­hen dürfen. Das Schrei­ben vom 22. Ju­li 2004 ent­hal­te ei­nen sol­chen Vor­be­halt nicht.

(1) Die Aus­le­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist nicht feh­ler­haft. Der vom Kläger ver­miss­te Vor­be­halt er­gibt sich, wie das Be­ru­fungs­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt hat, aus der gleich­zei­ti­gen Ab­ga­be bei­der Erklärun­gen, der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung und der Frei­stel­lung un­ter An­rech­nung auf die Ur­laubs­ansprüche. Für den Kläger war da­mit er­kenn­bar, dass die Be­klag­te ihn für den Fall der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung bis zum 31. Au­gust 2004 zur Erfüllung sei­nes Ur­laubs­an­spruchs von der Ar­beits­pflicht frei­stel­len woll­te. Wie der Kläger selbst nicht ver­kennt, hätte die Frei­stel­lungs­erklärung der Be­klag­ten sonst kei­nen Sinn ge­habt. Mit dem Lan­des­ar­beits­ge­richt kann die Kennt­nis der Be­klag­ten da­von un­ter­stellt wer­den, dass Ur­laub nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr gewährt wer­den kann.

(2) Die­se Aus­le­gung des Be­ru­fungs­ge­richts verstößt da­mit we­der ge­gen Denk­ge­set­ze noch ver­letzt sie Er­fah­rungssätze. Sie ver­wer­tet auch den vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen­stoff vollständig. Der Se­nat ist so­wohl an die tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts als auch an des­sen feh­ler­freie Aus­le­gung ge­bun­den. Es kommt nicht dar­auf an, ob ein an­de­res Aus­le­gungs­er­geb­nis möglich ist oder näher­liegt (vgl. BGH 8. Ok­to­ber 2003 - XII ZR 50/02 - Rn. 23, ZIP 2003, 2155).

bb) Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­me­ne Ur­laubs­fest­le­gung verstößt ent­ge­gen der An­sicht der Re­vi­si­on auch nicht ge­gen zwin­gen­de Vor­ga­ben des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes. Der Kläger wen­det oh­ne Er­folg ein, am 22. Ju­li 2004 ha­be die Be­klag­te kei­nen Ur­laub mehr nach § 7 Abs. 1 BUrlG fest­le­gen können. Auf Grund der „Frei­stel­lung“ vom 8. Ju­li 2004 ha­be am 22. Ju­li 2004 kein Ur­laubs­an­spruch mehr be­stan­den, den der Kläger „in na­tu­ra hätte ein­brin­gen“ können. Die­ser An­griff der Re­vi­si­on ist wi­dersprüchlich. Wäre der Ur­laubs­an­spruch des Klägers in­fol­ge der
 


- 9 -

Frei­stel­lungs­erklärung un­ter­ge­gan­gen, könn­te der von der Re­vi­si­on ver­folg­te Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch nicht ent­stan­den sein.

II. Der Kläger hat nach § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

Düwell 

Ver­merk: Die Rich­te­rin am BAG Rei­ne­cke ist in­fol­ge Dienst­unfähig­keit an der Un­ter­schrift ver­hin­dert. Düwell

Pie­lenz 

Ben­rath 

Gall­ner

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