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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Klageverzicht, Ausgleichsklausel
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: 2 Sa 123/05
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 19.07.2006
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stuttgart - Kammern Aalen -, Urteil vom 21.06.2005, 8 Ca 263/04
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 06.09.2007, 2 AZR 722/06
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Verkündet

am 19.07.2006

Ak­ten­zei­chen (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben)

2 Sa 123/05

8 Ca 263/04 (ArbG S - Kn. Aa­len -)

Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

 

Ur­teil

In dem Rechts­streit

- Kläge­rin/Be­ru­fungskläge­rin -

Proz.-Bev.:

ge­gen

- Be­klag­te/Be­ru­fungs­be­klag­te -

Proz.-Bev.:

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg
- 2. Kam­mer - durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter
am Lan­des­ar­beits­ge­richt Hen­sin­ger,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Esch­mann
und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Sturm
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 19.05.2006

für Recht er­kannt:

1. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des
Ar­beits­ge­richts Stutt­gart - Kam­mern Aa­len - vom
21.06.2005 (Az.: 8 Ca 263/04) ab­geändert.

Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis
zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gun­gen der
Be­klag­ten vom 16.04.2004 und 19.04.2004 nicht
auf­gelöst wor­den ist.

2. Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

3. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit der von der Be­klag­ten mit Schrei­ben vom 16.04.2004 aus­ge­spro­che­nen außer­or­dent­li­chen und mit Schrei­ben vom 19.04.2004 vor­sorg­lich or­dent­li­chen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en.

Die am 13.07.1967 ge­bo­re­ne, ver­hei­ra­te­te und zwei Kin­dern un­ter­halts­ver­pflich­te­te Kläge­rin ist seit dem 05.01.1998 bei der Be­klag­ten, ei­nem Dro­ge­rie­markt­un­ter­neh­men, als Verkäufe-rin/Kas­sie­re­rin beschäftigt. Auf­grund des letz­ten An­stel­lungs­ver­tra­ges vom 04.09.2003 ar­bei­tet die Kläge­rin in der Ver­kaufs­stel­le D. in Teil­zeit mit 10 Wo­chen­stun­den zu ei­ner Vergütung von mo­nat­lich 456,00 € brut­to.

Am 16.04.2004 wur­de bei der Be­klag­ten fest­ge­stellt, dass die Ta­ges­ein­nah­men der Ver­kaufs­stel­le D. vom 14.04. und 15.04.2004 in Höhe von ins­ge­samt 4.375,00 €, die in ei­nem Tre­sor auf­zu­be­wah­ren wa­ren, ver­schwun­den wa­ren. Der ge­naue Zeit­punkt der Ent­nah­me der bei­den Ta­ges­ein­nah­men konn­te von der Be­klag­ten nicht er­mit­telt wer­den. In dem Zeit­raum 14.04. bis 16.04.2004 hat­ten (je­den­falls) drei Mit­ar­bei­te­rin­nen in der Ver­kaufs­stel­le D., dar­un­ter auch die Kläge­rin, ab­wech­selnd für ei­ne be­stimm­te Zeit den Tre­sor­schlüssel in Be­sitz. Die Kläge­rin hat­te den Tre­sor­schlüssel vom Abend des 15.04.2004 bis zum 16.04.2004 um 08.45 Uhr bei sich. Da nach ei­ner mehrstündi­gen Be­fra­gung al­ler drei Mit­ar­bei­te­rin­nen der Ver­kaufs­stel­le D. die Be­klag­te den ge­nau­en Tat­her­gang nicht klären konn­te, be­stand für die Be­klag­te ein Ver­dacht ge­genüber al­len drei Mit­ar­bei­te­rin­nen. Des­halb sprach die Be­klag­te am 16.04.2004 ge­genüber al­len drei Mit­ar­bei­te­rin­nen frist­lo­se Kündi­gun­gen aus.

Im Rah­men der Be­fra­gung u. a. der Kläge­rin am 16.04.2004 und des Ent­schlus­ses, das be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis frist­los zu kündi­gen, be­nutz­te die Be­klag­te, ver­tre­ten durch die kündi­gungs­be­rech­tig­te und stell­ver­tre­ten­de Ver­kaufs­lei­te­rin Frau K. und die Be­zirks­lei­te­rin Frau F., ein For­mu­l­ar­blatt. Die­ser Vor­druck „S. /Frist­lo­se Kündi­gung/V55 03/95“, den die Be­klag­te seit länge­rer Zeit ver­wen­det, sieht fol­gen­der­maßen aus:

 

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Die­ses For­mu­lar füll­te Frau K. am 16.04.2004 hand­schrift­lich mit den Per­so­na­li­en der Kläge­rin, der Kündi­gungs­be­gründung und dem Da­tum aus und un­ter­schrieb das For­mu­lar in der un­ters­ten Zei­le „Un­ter­schrift VL/BL“. Dann überg­ab Frau K, die Kündi­gungs­erklärung der Kläge­rin, die in der Zei­le „Un­ter­schrift Mit­ar­bei­ter“ un­ter­schrieb.
Am Abend des 16.04.2004 er­stat­te­te die Be­klag­te u. a. ge­gen die Kläge­rin Straf­an­zei­ge. Mit Schrei­ben vom 29.04.2004 ver­lang­te die Be­klag­te von der Kläge­rin die Zah­lung ei­ner Ver­trags-stra­fe gemäß dem An­stel­lungs­ver­trag in Höhe ei­nes Brut­to­mo­nats­ge­halts.
Im Be­trieb, zu dem die Ver­kaufs­stel­le D. gehört, be­steht kein Be­triebs­rat.

Die Kläge­rin ist der Auf­fas­sung, dass die Kündi­gun­gen un­wirk­sam sei­en. Sie ha­be die Ta­ges­ein­nah­men der Be­klag­ten nicht ent­wen­det. Es be­ste­he auch kein be­gründe­ter Ver­dacht ge­gen sie. Sie ha­be den Kla­ge­ver­zicht am 16.04.2004 nach ex­tre­mer Druck­ausübung auf sie un­ter-

 

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zeich­net. Die Kläge­rin hat die­se Erklärung gemäß § 123 BGB an­ge­foch­ten und gemäß § 312 BGB wi­der­ru­fen.

Die Kläge­rin hat in der ers­ten In­stanz be­an­tragt:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass die frist­lo­se Kündi­gung vom 16.04.04, zu­ge­gan­gen am 16.04.04, rechts­un­wirk­sam ist, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en zu den bis­he­ri­gen Be­din­gun­gen über den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist am 16.04.04 hin­aus wei­ter un­verändert fort­be­steht und die Kläge­rin als Verkäufe­r­in wei­ter­zu­beschäfti­gen ist.

2. Es wird fest­ge­stellt, dass die or­dent­li­che Kündi­gung vom 19.04.04, zu­ge­gan­gen am 23.04.04, rechts­un­wirk­sam ist, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en zu den bis­he­ri­gen Be­din­gun­gen über den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist am 31.07.04 hin­aus wei­ter un­verändert fort­be­steht und die Kläge­rin als Verkäufe­r­in wei­ter­zu­beschäfti­gen ist.

3. Es wird fest­ge­stellt, dass die frist­lo­se Kündi­gung vom 19.04.04, zu­ge­gan­gen am 23.04.04, rechts­un­wirk­sam ist, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en zu den bis­he­ri­gen Be­din­gun­gen über den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist am 23.04.04 hin­aus wei­ter un­verändert fort­be­steht und die Kläge­rin als Verkäufe­r­in wei­ter­zu­beschäfti­gen ist.

Die Be­klag­te hat in der ers­ten In­stanz be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen, dass u. a. ge­gen die Kläge­rin we­gen des Ver­lus­tes des Geld­be-tra­ges ein er­heb­li­cher Ver­dacht be­ste­he und des­halb das Ver­trau­ens­verhält­nis zerstört wor­den sei. Im Übri­gen ha­be die Kläge­rin mit ih­rer Un­ter­schrift auf ei­ne Kla­ge ge­gen die­se Kündi­gung ver­zich­tet. Da die­ser Ver­zicht nach Zu­gang der Kündi­gung von der Kläge­rin erklärt wor­den sei, sei die­ser auch wirk­sam.

Das Ar­beits­ge­richt hat im am 21.06.2005 verkünde­ten Ur­teil die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be-gründung führt das Ur­teil ins­be­son­de­re an, dass das Kündi­gungs­schrei­ben der Be­klag­ten vom 16.04.2004 auf­grund ei­ner Un­ter­schrift der kündi­gungs­be­rech­tig­ten stell­ver­tre­ten­den Ver­kaufs­lei­te­rin form­wirk­sam sei. Die Kläge­rin ha­be dann nach Aus­spruch der Kündi­gung mit ih­rer Un-

 

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ter­schrift wirk­sam auf ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­gen die Kündi­gung vom 16.04.2004 ver­zich­tet. § 312 BGB sei vor­lie­gend nicht an­wend­bar. We­gen der wei­te­ren Be­gründung des Ar­beits­ge­richts wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wie­sen.

Ge­gen die­ses der Kläge­rin am 23.09.2005 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 24.10.2005, ei­nem Mon­tag, ein­ge­leg­te und am 23.01.2006 in­ner­halb der verlänger­ten Be­ru­fungs­be­grün-dungs­frist aus­geführ­te Be­ru­fung der Kläge­rin. Zur Be­gründung der Be­ru­fung trägt die Kläge­rin ins­be­son­de­re vor, dass die Kündi­gungs­erklärung der Be­klag­ten vom 16.04.2004 be­reits gemäß §§ 623, 125 BGB for­mun­wirk­sam sei, weil die Un­ter­schrift der Be­klag­ten nicht an die Kündi­gungs­erklärung und Kündi­gungs­be­gründung an­sch­ließe. Die Kündi­gungs­erklärung sei der Kläge­rin auch nicht vor de­ren „Un­ter­schrift“ ne­ben de­ren Erklärung auf Kla­ge­ver­zicht ge­gen die Kündi­gung zu­ge­gan­gen. Für den Ver­zicht ha­be die Kläge­rin auch kei­ne Ge­gen­leis­tung er­hal­ten. We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Kläge­rin im zwei­ten Rechts­zug wird auf die in der münd­li­chen Ver­hand­lung in Be­zug ge­nom­me­nen Schriftsätze vom 23.01.2006 und 05.05.2006 ver­wie­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

das an­ge­foch­te­ne Ur­teil ab­zuändern und nach den Schluss­anträgen der Kläge­rin in ers-ter In­stanz zu er­ken­nen.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und trägt ins­be­son­de­re vor, dass das Kündi-gungs­schrei­ben vom 16.04.2004 dem Schrift­for­mer­for­der­nis ent­spro­chen ha­be und die Kläge­rin nach Zu­gang die­ser Kündi­gung wirk­sam ei­nen Kla­ge­ver­zicht erklärt ha­be. Die Kläge­rin ha­be die Kla­ge­ver­zichts­erklärung auch nicht wirk­sam an­ge­foch­ten. Ein Kla­ge­ver­zicht sei auch nach In­kraft­tre­ten des Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­set­zes wirk­sam. Der Kla­ge­ver­zicht der Kläge­rin stel­le auch kei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des § 307 Abs. 1 BGB dar, da die Be­klag­te im Hin­blick auf die Erklärung der Kläge­rin auf die Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz­ansprüchen ver­zich­tet ha­be. Die vor­lie­gen­den Kündi­gun­gen sei­en als Ver­dachtskündi-gun­gen wirk­sam. Ge­genüber der Kläge­rin und ih­ren bei­den Kol­le­gin­nen ha­be der er­heb­li­che Ver­dacht be­stan­den, dass die­se Mit­ar­bei­te­rin­nen ei­nen Be­trag von 4.375,00 € un­ter­schla­gen ha­ben. Da ei­ne der drei Mit­ar­bei­te­rin­nen das Geld ent­wen­det ha­be, sei es der Be­klag­ten in ei­ner Kleinst-Ver­kaufs­stel­le nicht zu­zu­mu­ten, auch nur ei­ne der drei Mit­ar­bei­te­rin­nen wei­ter­zu­be-

 

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schäfti­gen. Ei­ne Ver­dachtskündi­gung ge­genüber al­le drei Mit­ar­bei­te­rin­nen sei wirk­sam. We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Be­klag­ten im zwei­ten Rechts­zug wird auf die in der münd­li­chen Ver­hand­lung in Be­zug ge­nom­me­nen Schriftsätze vom 02.02.2006, 10.04.2006 und 11.04.2006 ver­wie­sen.


Ent­schei­dungs­gründe:

I.

Die gemäß § 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Kläge­rin ist frist­ge­recht ein­ge­legt und aus­geführt wor­den. Im Übri­gen sind Be­den­ken an der Zulässig­keit der Be­ru­fung nicht ver­an­lasst.

II.

In der Sa­che hat die Be­ru­fung der Kläge­rin Er­folg. Die Ver­dachtskündi­gun­gen der Be­klag­ten sind un­wirk­sam. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts ist auch der Kla­ge­ver­zichts­ver­trag un­wirk­sam. Die for­mu­larmäßige Ver­zichts­erklärung der Kläge­rin un­ter­liegt ei­ner In­halts­kon­trol­le nach § 307 BGB und stellt im vor­lie­gen­den Fall ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin dar, weil ei­ne kom­pen­sa­to­ri­sche Ge­gen­leis­tung der Be­klag­ten fehlt.

1. Der als Kündi­gungs­schutz­an­trag gemäß § 4 KSchG aus­zu­le­gen­de An­trag Zif­fer 1 ist be-gründet, weil die Kläge­rin am 16.04.2004 nicht wirk­sam auf die Er­he­bung ei­ner Kündi-gungs­schutz­kla­ge ver­zich­tet hat (1.1) und weil die außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht gemäß § 626 Abs. 1 BGB wirk­sam ist (1.2).

1.1 Die Kläge­rin hat am 16.04.2004 nicht wirk­sam auf den Kündi­gungs­schutz ver­zich­tet.

Zwar kann ein Ar­beit­neh­mer nach Aus­spruch der Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber auf den Kündi­gungs­schutz ver­zich­ten (ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes, z. B. Ur­teil vom 25.09.1969 - 2 AZR 524/68 - AP Nr. 36 zu § 3 KSchG; 03.05.1979 - 2 AZR 679/77 - AP Nr. 6 zu § 4 KSchG 1969). Für die er­ken­nen­de Kam­mer steht auch fest, dass die Kündi­gungs­erklärung der Be­klag­ten vom 16.04.2004 dem Schrift­for­mer­for­der­nis gemäß §§ 623, 126 Abs. 1 BGB genügt. Die kündi­gungs­be­rech­tig­te Mit­ar­bei­te­rin der Be­klag­ten hat die Kündi­gungs­erklärung und Kündi­gungs­be­gründung un­terschrie­ben. Der Na­mens­zug der kündi­gungs­be­rech­tig­ten Mit­ar­bei­te­rin

 

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der Be­klag­ten in der un­ters­ten Zei­le des For­mu­la­res bil­det ei­nen räum­li­chen Ab­schluss des Ur­kun­den­tex­tes (vgl. Pa­landt-Hein­richs, BGB, 64. Auf­la­ge, § 126 Rd­nr. 5 m. w. N.). Die Kündi­gungs­erklärung der Be­klag­ten ist der Kläge­rin mit Aushändi­gung des For­mu­la­res auch zu­ge­gan­gen.

Der nach Zu­gang der Kündi­gungs­erklärung von der Kläge­rin erklärte Ver­zicht auf ei­ne Kla­ge ge­gen die Kündi­gung ist je­doch un­wirk­sam, weil die for­mu­larmäßige Ver­zichts-erklärung nach In­kraft­tre­ten des Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung des Schuld­rechts am 01.01.2002 und der Ein­be­zie­hung des Ar­beits­rech­tes in die AGB-Kon­trol­le (§ 310 Abs. 4 BGB) ei­ner In­halts­kon­trol­le gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­ter­liegt und oh­ne kom­pen­sa­to­ri­sche Ge­gen­leis­tung der Be­klag­ten ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung dar­stellt.

1.1.1 Der Kla­ge­ver­zicht ist in ei­nem von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten For­mu­lar en­t­hal-ten, so dass es sich um ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung (AGB) im Sin­ne des § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB han­delt. Der­ar­ti­ge Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen des Ar­beit­ge­bers sind gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, wenn sie den Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen. Un­an­ge­mes­sen ist die Be­nach­tei­li­gung, wenn der Ver­wen­der durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht, oh­ne von vorn­her­ein auch des­sen Be­lan­ge hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu­zu­ge­ste­hen (ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes, z. B. Ur­teil vom 03.11.1999 - VIII ZR 269/98 - NJW 2000, 1110, 1112). Ei­ne for­mu­larmäßige Ver­zichts­erklärung oh­ne kom­pen­sa­to-ri­sche Ge­gen­leis­tung stellt des­halb in der Re­gel ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB dar und ist des­halb un­wirk­sam (ganz über­wie­gen­de Mei­nung zur Rechts­la­ge seit 01.01.2002 - ins­be­son­de­re zu Aus­gleichs­quit­tun­gen, in de­nen der­ar­ti­ge Ver­zichts­erklärun­gen ent­hal­ten sind: LAG Schles­wig-Hol­stein 24.09.2003 - 3 Sa 6/03 - NZA-RR 2004, 74; LAG Ham­burg 29.04.2004 - 1 Sa 47/03 - NZA-RR 2005, 151; LAG Düssel­dorf 13.04.2005 - 12 Sa 154/05 - DB 2005, 1463; Rei­ne­cke, DB 2002, 583, 586; Preis, Son­der­bei­la­ge zur NZA Heft 16/2003, 19, 29; Er­fur­ter Kom­men­tar - Preis, 6. Auf­la­ge, §§ 305 bis 310 Rd­nr. 74 b, 96).

1.1.2 Ei­ne Ge­gen­leis­tung der Be­klag­ten für den Kla­ge­ver­zicht der Kläge­rin ist we­der dar­ge­tan noch er­sicht­lich. Von ei­ner kom­pen­sa­to­ri­schen Ge­gen­leis­tung könn­te

 

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nur dann ge­spro­chen wer­den, wenn die Be­klag­te vor der Un­ter­schrift der Kläge­rin und da­mit dem Kla­ge­ver­zichts­ver­trag der Kläge­rin Ge­gen­leis­tun­gen ver­spro­chen hätte. Ei­ne Ver­ein­ba­rung über der­ar­ti­ge Ge­gen­leis­tun­gen vor dem Kla­ge­ver­zichts­ver­trag hat die Be­klag­te je­doch nicht dar­ge­tan. So­weit die Be­klag­te vor­ge­tra­gen hat, sie ha­be im Hin­blick auf den Kla­ge­ver­zicht der Kläge­rin auf die Gel­tend­ma­chung von Scha­dens­er­satz­ansprüchen ver­zich­tet, hat sie we­der dar­ge­tan, dass sie dies der Kläge­rin als Ge­gen­leis­tung an­ge­bo­ten hat­te noch dass dies vor Ab­schluss des Kla­ge­ver­zichts­ver­tra­ges ge­sche­hen ist. Da­ge­gen hat die Be­klag­te noch am 16.04.2004 u. a. ge­gen die Kläge­rin Straf­an­zei­ge er­stat­tet und mit Schrei­ben vom 29.04.2004 ei­ne Ver­trags­stra­fe gel­tend ge­macht.

Die Kläge­rin hat des­halb nicht wirk­sam auf die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs-schutz­kla­ge ver­zich­tet.

1.2 Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 16.04.2004 ist un­wirk­sam.
Die Be­klag­te be­gründet die außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit dem Ver­dacht u. a. ge­gen die Kläge­rin we­gen der Ent­wen­dung der Ta­ges­ein­nah­men vom 14. und 15.04.2004.

Ei­ne (außer­or­dent­li­che) Ver­dachtskündi­gung kann ge­recht­fer­tigt sein, wenn sich star­ke Ver­dachts­mo­men­te auf ob­jek­ti­ve Tat­sa­chen gründen, die Ver­dachts­mo­men­te ge­eig­net sind, das für die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­for­der­li­che Ver­trau­en zu zerstören, und der Ar­beit­ge­ber al­le zu­mut­ba­ren An­stren­gun­gen zur Aufklärung des Sach­ver­hal­tes un­ter­nom­men, ins­be­son­de­re dem Ar­beit­neh­mer Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben hat (ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, z. B. Ur­teil 05.04.2001 - 2 AZR 217/00 - AP Nr. 34 zu § 626 BGB Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung; 10.02.2005 - 2 AZR 189/04 - AP Nr. 79 zu § 1 KSchG 1969). Der Ver­dacht muss schwer­wie­gend sein (BAG 10.02.2005 a.a.O.: „Drin­gen­der Ver­dacht“ [B I. 4. der Gründe]).

Bei An­wen­dung der vor­ge­nann­ten Rechts­grundsätze zur Ver­dachtskündi­gung steht für die er­ken­nen­de Kam­mer fest, dass der vor­ge­tra­ge­ne Sach­ver­halt nicht aus­reicht, ei­nen star­ken oder gar drin­gen­den Ver­dacht ge­gen die Kläge­rin we­gen der Ent­wen­dung der Ta­ges­ein­nah­men zu be­gründen. Da auch die Be­klag­te von ei­ner Mittäter­schaft der drei Mit­ar­bei­te­rin­nen der Be­klag­ten nicht aus­geht und nicht dar­ge­tan hat, steht nur fest - wenn man den Vor­trag der Be­klag­ten als wahr un­ter­stellt, dass nur drei Mit­ar­bei­te­rin­nen Zu­gang zum Tre­sor­schlüssel ge­habt ha­ben - dass ei­ne der drei Mit­ar­bei­te­rin-

 

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nen die Ta­ges­ein­nah­men ent­wen­det hat. Da­mit be­steht für ei­ne Täter­schaft der Kläge­rin ein Ver­dachts­grad von 33,3 %. Ein Ver­dachts­grad in die­ser Höhe ist we­der stark, schwer­wie­gend noch drin­gend und recht­fer­tigt kei­ne außer­or­dent­li­che Ver­dachtskün-di­gung.

2. Auch die von der Be­klag­ten hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung vom 19.04.2004 zum 31.07.2004 ist so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt und da­mit un­wirk­sam. Der von der Be­klag­ten vor­ge-tra­ge­ne Sach­ver­halt recht­fer­tigt auch kei­ne or­dent­li­che Ver­dachtskündi­gung.

III.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 64 Abs. 6 ArbGG i.V.m. § 91 Abs. 1 ZPO, wo­nach die un­ter­le­ge­ne Par­tei die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen hat.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

 

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

Ge­gen die­ses Ur­teil fin­det die Re­vi­si­on der Be­klag­ten an das Bun­des­ar­beits­ge­richt statt. Die Re­vi­si­ons­schrift muss in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Zu­stel­lung des Be­ru­fungs­ur­teils, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach die­sem Zeit­punkt bei dem

 

Bun­des­ar­beits­ge­richt,

99113 Er­furt

ein­ge­hen.

Die Re­vi­si­ons- und die Re­vi­si­ons­be­gründungs­schrift müssen von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

 

Hen­sin­ger

Esch­mann

Sturm

 

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