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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Arbeitszeit, Ladenöffnungszeiten, Sonntagsarbeit
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Akten­zeichen: 1 BvR 2857/07
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 01.12.2009
   
Leit­sätze:

1. Die aus den Grund­rech­ten - hier aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG - fol­gen­de Schutz­ver­pflich­tung des Ge­setz­ge­bers wird durch den ob­jek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag für die Sonn- und Fei­er­ta­ge aus Art. 139 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG kon­kre­ti­siert.

2. Die Ad­vents­sonn­tags­re­ge­lung in § 3 Abs. 1 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes steht mit der Gewähr­leis­tung der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen nicht in Ein­klang.

Vor­ins­tan­zen:
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT


- 1 BvR 2857/07 -

- 1 BvR 2858/07 -

Verkündet
am 1. De­zem­ber 2009
Kehr­we­cker
Amts­in­spek­tor
als Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le


IM NA­MEN DES VOL­KES


In den Ver­fah­ren

über

die Ver­fas­sungs­be­schwer­den

1. der Evan­ge­li­schen Kir­che Ber­lin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz,
ver­tre­ten durch den Vor­sit­zen­den der Kir­chen­lei­tung,
Bi­schof Prof. Dr. H.,
und den Präsi­den­ten des Kon­sis­to­ri­ums, S.,
Ge­or­gen­kirch­s­traße 69, 10249 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Karl-Her­mann Käst­ner, Alt-Rat­haus­s­traße 5, 72511 Bin­gen -

ge­gen § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 Nr. 1 und § 6 Abs. 1, 2 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (Berl­LadÖffG) vom 14. No­vem­ber 2006 (GVBl S. 1045) in der Fas­sung des Ers­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007 (GVBl S. 580)

- 1 BvR 2857/07 -,

2. des Erz­bis­tums Ber­lin,
ver­tre­ten durch den Erz­bi­schof Kar­di­nal S., Hin­ter der Ka­tho­li­schen Kir­che 3, 10117 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Chris­ti­an St­arck,
Schle­gel­weg 10, 37075 Göttin­gen -

ge­gen § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 Nr. 1 und § 6 Abs. 1, 2 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (Berl­LadÖffG) vom 14. No­vem­ber 2006 (GVBl S. 1045) in der Fas­sung des Ers­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007 (GVBl S. 580)

- 1 BvR 2858/07 -


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hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Ers­ter Se­nat - un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin und Rich­ter
Präsi­dent Pa­pier,
Hoh­mann-Denn­hardt, Bry­de,
Gai­er,
Eich­ber­ger,
Schlu­cke­bier,
Kirch­hof,
Ma­sing

auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23. Ju­ni 2009 durch

Ur­teil

für Recht er­kannt:

Die Re­ge­lung über die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an den Ad­vents­sonn­ta­gen in § 3 Ab­satz 1 Al­ter­na­ti­ve 2 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (Berl­LadÖffG) vom 14. No­vem­ber 2006 (Ge­setz- und Ver­ord­nungs­blatt für Ber­lin Sei­te 1045) in der Fas­sung des Ers­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007 (Ge­setz- und Ver­ord­nungs­blatt für Ber­lin Sei­te 580) ist mit Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 und Ab­satz 2 in Ver­bin­dung mit Ar­ti­kel 140 des Grund­ge­set­zes und Ar­ti­kel 139 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung un­ver­ein­bar.

Die vor­ge­nann­te Be­stim­mung bleibt noch bis zum 31. De­zem­ber 2009 an­wend­bar.

Im Übri­gen wer­den die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zurück­ge­wie­sen.

Das Land Ber­lin hat den Be­schwer­deführern de­ren not­wen­di­ge Aus­la­gen zur Hälf­te zu er­stat­ten.

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G r ü n d e:


A.

Die Be­schwer­deführer sind öffent­lich­recht­lich ver­fass­te Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Sin­ne von Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 5 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV). Sie wen­den sich mit ih­ren Ver­fas­sungs­be­schwer­den un­mit­tel­bar ge­gen die Re­ge­lung der La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen im Land Ber­lin.


I.

1. Im Zu­ge der so ge­nann­ten Föde­ra­lis­mus­re­form I im Jahr 2006 wur­de das Recht des La­den­schlus­ses aus dem Ka­ta­log der Ge­genstände der kon­kur­rie­ren-den Ge­setz­ge­bung für das Recht der Wirt­schaft (Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG) he-raus­ge­nom­men und die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz in­so­weit auf die Länder über­tra­gen. Das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin be­schloss dar­auf­hin am 14. No­vem­ber 2006 das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz (Berl­LadÖffG, GVBl 2006, S. 1045). Das Ge­setz trat am 17. No­vem­ber 2006 in Kraft. Ein Jahr später, am 16. No­vem­ber 2007, er­ging das Ers­te Ge­setz zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (GVBl 2007, S. 580). In­zwi­schen ha­ben al­le Bun­desländer bis auf den Frei­staat Bay­ern den La­den­schluss durch Lan­des­ge­setz ge­re­gelt.

a) Zu­vor wa­ren die La­denöff­nungs­zei­ten bun­des­ein­heit­lich in dem Ge­setz über den La­den­schluss (La­den­schluss­ge­setz - La­dSchlG) vom 28. No­vem­ber 1956 (BGBl I S. 875) ge­re­gelt, zu­letzt in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 2. Ju­ni 2003 (BGBl I S. 744), die­se zu­letzt geändert durch Art. 228 der Ver­ord­nung vom 31. Ok­to­ber 2006 (BGBl I S. 2407). Nach wie­der­hol­ten Aus­wei­tun­gen der La­denöff­nungs­zei­ten un­ter der Gel­tung des La­den­schluss­ge­set­zes des Bun­des galt an Werk­ta­gen, ein­sch­ließlich der Sonn­aben­de, zu­letzt ei­ne La­den­schluss­zeit von 20.00 bis 6.00 Uhr (§ 3 Nr. 2 La­dSchlG). An Sonn- und Fei­er­ta­gen un­ter­sag­te das Ge­setz grundsätz­lich die La­denöff­nung (§ 3 Nr. 1 La­dSchlG). Ab­wei­chend hier­von ließ § 14 Abs. 1 La­dSchlG die La­denöff­nung an bis zu vier Sonn- und Fei­er­ta­gen aus An­lass von Märk­ten, Mes­sen oder ähn­li­chen Ver­an­stal­tun­gen durch Rechts­ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung oder der von ihr be­stimm­ten Stel­len zu. Die La­denöff­nung durf­te fünf zu­sam­menhängen­de St­un­den nicht über­schrei­ten, muss­te spätes­tens um 18.00 Uhr en­den und soll­te außer­halb der Zeit des Haupt­got­tes­diens­tes lie­gen (§ 14 Abs. 2 La­dSchlG). Die Sonn- und Fei­er­ta­ge im Mo­nat De-

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zem­ber wa­ren für je­de - auch aus­nahms­wei­se - Frei­ga­be ge­sperrt (§ 14 Abs. 3 La­dSchlG).

Da­ne­ben ent­hielt das La­den­schluss­ge­setz des Bun­des Son­der­re­ge­lun­gen für be­stimm­te Ver­kaufs­stel­len wie Läden in Bahnhöfen oder in länd­li­chen Ge­bie­ten so­wie für be­stimm­te Wa­ren­grup­pen. Ins­be­son­de­re ermäch­tig­te § 10 La­dSchlG die Lan­des­re­gie­run­gen durch Rechts­ver­ord­nung zu be­stim­men, dass und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen und Be­din­gun­gen in Kur­or­ten und in ein­zeln auf­zuführen­den Aus­flugs-, Er­ho­lungs- und Wall­fahrts­or­ten mit be­son­ders star­kem Frem­den­ver­kehr an jähr­lich höchs­tens 40 Sonn- und Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len geöff­net wer­den dürfen. Die Dau­er der La­denöff­nung war auf acht St­un­den be­grenzt. Es durf­te nur der Ver­kauf be­stimm­ter, in § 10 Abs. 1 La­dSchlG ge­nann­ter Wa­ren zu­ge­las­sen wer­den. Über­dies konn­ten die obers­ten Lan­des­behörden nach § 23 La­dSchlG in Ein­z­elfällen be­fris­te­te Aus­nah­men von den Vor­schrif­ten des La­den­schluss­ge­set­zes be­wil­li­gen, wenn die Aus­nah­men „im öffent­li­chen In­ter­es­se drin­gend nötig“ wa­ren.

b) Die nach der Ände­rung der Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz bis­her er­las­se­nen La­den­schluss- oder -öff­nungs­ge­set­ze der an­de­ren Bun­desländer hal­ten in den Grundzügen am Re­ge­lungs­kon­zept des La­den­schluss­ge­set­zes des Bun­des fest. Im Grund­satz se­hen al­le Lan­des­ge­set­ze vor, dass an Sonn- und Fei­er­ta­gen kei­ne La­denöff­nung er­folgt. Für be­stimm­te Ver­kaufs­stel­len so­wie für be­stimm­te Wa­ren und be­stimm­te Or­te, et­wa an Bahnhöfen, gibt es zahl­rei­che, zum Teil über die Re­ge­lung des La­den­schluss­ge­set­zes des Bun­des hin­aus­ge­hen­de Aus­nah­men. Ins­be­son­de­re ermögli­chen die Re­ge­lun­gen für Kur- und Aus­flugs­or­te in ei­ni­gen Lan­des­ge­set­zen ei­ne wei­ter­ge­hen­de La­denöff­nung als § 10 La­dSchlG. Bei­spiels­wei­se se­hen die so ge­nann­ten Bäder­re­ge­lun­gen in den Ge­set­zen von Schles­wig-Hol­stein und Meck­len­burg-Vor­pom­mern kei­ne Sor­ti­ments­be­schränkung vor. Darüber hin­aus ermögli­chen al­le Lan­des­ge­set­ze ei­ne be­grenz­te Zahl ver­kaufs­of­fe­ner Sonn- und Fei­er­ta­ge, die ge­setz­lich nicht an be­stimm­te Ver­kaufs­stel­len, Wa­ren oder Or­te ge­bun­den, häufig aber an­lass­be­zo­gen sind. In­so­weit wei­sen die meis­ten an­de­ren Bun­desländer vier Sonn- und Fei­er­ta­ge zur Frei­ga­be aus, Ba­den-Würt­tem­berg le­dig­lich drei, Bran­den­burg hin­ge­gen sechs. Zu­meist ist ei­ne La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen aus­ge­schlos­sen oder zu­min­dest nur an ei­nem ein­zi­gen Ad­vents­sonn­tag im Jahr ge­stat­tet. Ne­ben Ber­lin se­hen nur die Ge­set­ze über den La­den­schluss von Bran­den­burg, Sach­sen und Sach­sen-An­halt kei­nen be­son­de­ren Schutz der Ad­vents­sonn­ta­ge vor. Die Lan­des­ge­set­ze ent­hal­ten - mit Aus­nah­me des säch­si­schen und des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes - Re­ge­lun-
 


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gen ent­spre­chend der bun­des­recht­li­chen all­ge­mei­nen Aus­nah­me­vor­schrift des § 23 La­dSchlG.

2. a) Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz sieht - in­so­weit über die Re­ge­lun­gen in an­de­ren Ländern hin­aus­rei­chend - die Frei­ga­be von jähr­lich bis zu zehn Sonn-und Fei­er­ta­gen für die La­denöff­nung vor. Ei­ne nach der Zahl der Ta­ge nicht be­grenz­te, § 23 La­dSchlG ent­spre­chen­de all­ge­mei­ne, aber ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­re­ge­lung mit eng ge­fass­ten Vor­aus­set­zun­gen kennt das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz nicht. Die La­denöff­nung an Werk­ta­gen ist vollständig frei­ge­ge­ben (24-St­un­den-Öff­nungsmöglich­keit).

Die La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen ist im Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz wie folgt ge­re­gelt: Kraft Ge­set­zes und oh­ne wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen dürfen Ver­kaufs­stel­len an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr geöff­net wer­den (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG). Vier wei­te­re Sonn- und Fei­er­ta­ge jähr­lich können „im öffent­li­chen In­ter­es­se“ durch All­ge­mein­verfügung der Se­nats­ver­wal­tung frei­ge­ge­ben wer­den; ei­ne uhr­zeit­li­che Be­gren­zung sieht die­se Re­ge­lung nicht vor (§ 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG). Zusätz­lich dürfen an zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len nach vor­he­ri­ger An­zei­ge ge­genüber dem zuständi­gen Be­zirks­amt aus An­lass „be­son­de­rer Er­eig­nis­se, ins­be­son­de­re von Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­ten“, von 13.00 bis 20.00 Uhr of­fen ge­hal­ten wer­den (§ 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG). Von den La­denöff­nungsmöglich­kei­ten nach § 6 Abs. 1 und § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG aus­ge­nom­men sind der 1. Ja­nu­ar, der 1. Mai, der Kar­frei­tag, der Os­ter­sonn­tag, der Pfingst­sonn­tag, der Volks­trau­er-tag, der To­ten­sonn­tag und die Fei­er­ta­ge im De­zem­ber (§ 6 Abs. 1 Satz 2, § 6 Abs. 2 Satz 3 Berl­LadÖffG).

In den Jah­ren 2007 bis 2009 hat die Ber­li­ner Se­nats­ver­wal­tung von der Möglich­keit des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG je­weils in vol­lem Um­fang Ge­brauch ge­macht und durch All­ge­mein­verfügun­gen die Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len an vier Sonn-oder Fei­er­ta­gen zu­ge­las­sen. In al­len bis­her er­gan­ge­nen All­ge­mein­verfügun­gen wur­de die La­denöff­nung al­ler­dings auf die Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr be­grenzt.

Ne­ben die­sen für al­le Ver­kaufs­stel­len, al­so den ge­sam­ten Ein­zel­han­del gel­ten­den Sonn- und Fei­er­tags­re­ge­lun­gen be­ste­hen wei­te­re - auch bis­her grundsätz­lich schon übli­che - Aus­nah­me­tat­bestände, die be­reichs­spe­zi­fisch vor al­lem nach Wa­ren­grup­pen und An­bie­tern so­wie nach be­son­de­ren Or­ten dif­fe­ren­zie­ren: Aus­nah­men vom La­den­schluss an Sonn- und Fei­er­ta­gen lässt das Ge­setz un­ter an­de­rem zu für die Ver­sor­gung von Ver­an­stal­tungs­be­su­chern (§ 4 Abs. 1 Nr. 2

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Berl­LadÖffG), für den Ver­kauf von Blu­men, Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Back- und Kon­di­tor­wa­ren so­wie Milch und Milch­er­zeug­nis­sen (§ 4 Abs. 1 Nr. 3), für Kunst-und Ge­braucht­wa­renmärk­te (§ 4 Abs. 1 Nr. 5) so­wie für Apo­the­ken, Tank­stel­len und Ver­kaufs­stel­len auf Per­so­nen­bahnhöfen, Ver­kehrs­flughäfen und in Rei­se­bus­ter­mi­nals (§ 5 Berl­LadÖffG). Ei­ne dem bun­des­recht­li­chen § 10 La­dSchlG ent­spre­chen­de Re­ge­lung für Kur-, Aus­flugs- und Wall­fahrts­or­te sieht das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz nicht vor. Statt­des­sen ist in § 4 Abs. 1 Nr. 1 Berl­LadÖffG die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len, die aus­sch­ließlich im Ge­setz näher be­stimm­te Wa­ren für den Be­darf von Tou­ris­ten an­bie­ten, an je­dem Sonn- und Fei­er­tag in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr und oh­ne räum­li­che Be­gren­zung auf be­stimm­te Be­zir­ke oder Aus­flugs­zie­le frei­ge­ge­ben.


b) Die für den ge­sam­ten Ein­zel­han­del un­abhängig von Ver­kaufs­ort und Sor­ti­ment gel­ten­den Re­ge­lun­gen der La­denöff­nungs­zei­ten und der Aus­nah­men vom La­den­schluss an Sonn- und Fei­er­ta­gen lau­ten in der Fas­sung des Ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007:

§ 3

All­ge­mei­ne La­denöff­nungs­zei­ten

(1) Ver­kaufs­stel­len dürfen an Werk­ta­gen von 0.00 bis 24.00 Uhr und an Ad­vents­sonn­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr geöff­net sein.

(2) Ver­kaufs­stel­len müssen, so­weit die §§ 4 bis 6 nichts Ab­wei­chen­des be­stim­men, ge­schlos­sen sein

1. an Sonn- und Fei­er­ta­gen und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt,

2. am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Werk­tag fällt, ab 14.00 Uhr.

(3) Die Absätze 1 und 2 gel­ten auch für Kunst- und Ge­braucht­wa­renmärk­te.

(4) Die bei La­den­schluss an­we­sen­den Kun­din­nen und Kun­den dürfen noch be­dient wer­den.
 


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§ 6

Wei­te­re Aus­nah­men

(1) Die für die La­denöff­nungs­zei­ten zuständi­ge Se­nats­ver­wal­tung kann im öffent­li­chen In­ter­es­se aus­nahms­wei­se die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an höchs­tens vier Sonn- oder Fei­er­ta­gen durch All­ge­mein­verfügung zu­las­sen. Der 1. Ja­nu­ar, der 1. Mai, der Kar­frei­tag, der Os­ter­sonn­tag, der Pfingst­sonn­tag, der Volks­trau­er­tag, der To­ten­sonn­tag und die Fei­er­ta­ge im De­zem­ber sind hier­von aus­ge­nom­men.

(2) Ver­kaufs­stel­len dürfen aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se, ins-be­son­de­re von Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­ten, an jähr­lich höchs­tens zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr öff­nen. Die Ver­kaufs­stel­le hat dem zuständi­gen Be­zirks­amt die Öff­nung sechs Ta­ge vor­her an­zu­zei­gen. Ab­satz 1 Satz 2 gilt ent­spre­chend.

Wei­te­re Aus­nah­men vom La­den­schluss an Sonn- und Fei­er­ta­gen für be­son­de­re Wa­ren­grup­pen und An­bie­ter so­wie für Ver­kaufs­stel­len an be­son­de­ren Or­ten se­hen § 4 und § 5 Berl­LadÖffG vor:

§ 4


Ver­kauf be­stimm­ter Wa­ren an Sonn- und Fei­er­ta­gen

(1) An Sonn- und Fei­er­ta­gen dürfen öff­nen

1. Ver­kaufs­stel­len, die für den Be­darf von Tou­ris­ten aus­sch­ließlich An­denken, Straßen­kar­ten, Stadt­pläne, Rei­seführer, Ta­bak­wa­ren, Ver­brauchs­ma­te­ri­al für Film- und Fo­to­zwe­cke, Be­darfs­ar­ti­kel für den als­bal­di­gen Ver­brauch so­wie Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel zum so­for­ti­gen Ver­zehr an­bie­ten, von 13.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 13.00 bis 17.00 Uhr,

2. Ver­kaufs­stel­len zur Ver­sor­gung der Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher auf dem Gelände oder im Gebäude ei­ner Ver­an­stal­tung oder ei­nes Mu­se­ums mit the­men­be­zo­ge­nen Wa­ren oder mit Le­bens- und Ge­nuss­mit­teln zum so­for­ti­gen Ver­zehr während der Ver­an­stal­tungs- und Öff­nungs­dau­er,

3. Ver­kaufs­stel­len, de­ren An­ge­bot aus­sch­ließlich aus ei­ner oder meh­re­ren der Wa­ren­grup­pen Blu­men und Pflan­zen, Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Back- und Kon­di­tor­wa­ren, Milch und Milch­er­zeug­nis­se be­steht, von 7.00 bis 16.00 Uhr, an Ad­vents­sonn­ta-

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gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr,

4. Ver­kaufs­stel­len mit über­wie­gen­dem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­an­ge­bot am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr,

5. Kunst- und Ge­braucht­wa­renmärk­te von 7.00 bis 18.00 Uhr, an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr.

(2) In Ver­kaufs­stel­len nach § 2 Abs. 1 Nr. 3

1. darf leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger an-ge­bo­ten wer­den an Sonn- und Fei­er­ta­gen, an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr,

2. dürfen Weih­nachtsbäume an­ge­bo­ten wer­den an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr.

(3) Am Os­ter­mon­tag, Pfingst­mon­tag und am zwei­ten Weih­nachts­fei­er­tag dürfen als Wa­ren nach Ab­satz 1 Nr. 3 nur Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und in Ver­kaufs­stel­len nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger an­ge­bo­ten wer­den. Am Kar­frei­tag, Volks­trau­er­tag und To­ten­sonn­tag dürfen Kunst- und Ge­braucht­wa­renmärk­te nicht öff­nen.

§ 5

Be­son­de­re Ver­kaufs­stel­len

An Sonn- und Fei­er­ta­gen und am 24.De­zem­ber dürfen geöff­net sein:

1. Apo­the­ken für die Ab­ga­be von Arz­nei­mit­teln und das An­bie­ten von apo­the­kenübli­chen Wa­ren,

2. Tank­stel­len für das An­bie­ten von Er­satz­tei­len für Kraft­fahr­zeu­ge, so­weit dies für die Er­hal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der Fahr­be­reit­schaft not­wen­dig ist, so­wie für das An­bie­ten von Be­triebs­stof­fen und von Rei­se­be­darf,


3. Ver­kaufs­stel­len auf Per­so­nen­bahnhöfen, auf Ver­kehrs­flughäfen und in Rei­se­bus­ter­mi­nals für das An­bie­ten von Rei­se­be­darf. Auf dem Flug­ha­fen Ber­lin-Te­gel dürfen darüber hin­aus Wa­ren des tägli­chen Ge- und Ver­brauchs, ins­be­son­de­re Er­zeug­nis­se für

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den all­ge­mei­nen Le­bens- und Haus­halts­be­darf, Tex­ti­li­en, Sport­ar­ti­kel, so­wie Ge­schenk­ar­ti­kel an­ge­bo­ten wer­den.

§ 7 Berl­LadÖffG trifft ar­beits­zeit­recht­li­che Re­ge­lun­gen zum Schutz der Ar­beit­neh­mer. Da­nach dürfen Ar­beit­neh­mer an Sonn- und Fei­er­ta­gen in Ver­kaufs­stel­len nur mit Ver­kaufstätig­keit während der je­weils zu­ge­las­se­nen Öff­nungs­zei­ten so­wie zur Er­le­di­gung von Vor­be­rei­tungs- und Ab­schluss­ar­bei­ten - wenn un­erläss­lich - während wei­te­rer 30 Mi­nu­ten beschäftigt wer­den; auf ihr Ver­lan­gen hin sind sie in je­dem Ka­len­der­mo­nat min­des­tens an ei­nem Sonn­abend frei­zu­stel­len. Beschäftig­te mit min­des­tens ei­nem Kind un­ter 12 Jah­ren im Haus­halt oder ei­ner zu ver­sor­gen­den, an­er­kannt pfle­ge­bedürf­ti­gen Per­son sol­len auf Ver­lan­gen an ver­kaufs­of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­gen frei­ge­stellt wer­den, so­weit die Be­treu­ung durch ei­ne an­de­re im Haus­halt le­ben­de Per­son nicht gewähr­leis­tet ist. Ar­beit­neh­mer dürfen nur an zwei Ad­vents­sonn­ta­gen im Jahr beschäftigt wer­den.

§ 9 Berl­LadÖffG be­droht Verstöße ge­gen näher be­zeich­ne­te Vor­schrif­ten des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes als Ord­nungs­wid­rig­keit mit Geld­buße. Der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­tat­be­stand, der auch die Bußgeldhöhe be­stimmt, lau­tet aus-zugs­wei­se:

§ 9

Ord­nungs­wid­rig­kei­ten

(1) Ord­nungs­wid­rig han­delt, wer vorsätz­lich oder fahrlässig als In­ha­be­rin oder In­ha­ber ei­ner Ver­kaufs­stel­le

1. ent­ge­gen § 3 Abs. 1, 2 und 3 ei­ne Ver­kaufs­stel­le öff­net oder Wa­ren an­bie­tet,

2. ent­ge­gen §§ 4 und 5 über die zulässi­gen Öff­nungs­zei­ten hin-aus Wa­ren oder Wa­ren außer­halb der ge­nann­ten Wa­ren­grup­pen an­bie­tet,

3. ent­ge­gen § 6 über die zulässi­ge An­zahl der Sonn- oder Fei­er­ta­ge oder über die zulässi­gen Öff­nungs­zei­ten hin­aus Ver­kaufs­stel­len öff­net oder Wa­ren an­bie­tet oder die recht­zei­ti­ge An­zei­ge bei der zuständi­gen Behörde un­terlässt,

4. bis 6. ....
 


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7. ent­ge­gen § 7 Abs. 5 Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer an mehr als zwei Ad­vents­sonn­ta­gen im Jahr beschäftigt,

8. ...

(2) ...

(3) Die Ord­nungs­wid­rig­kei­ten können mit ei­ner Geld­buße bis zu 2 500 Eu­ro, in den Fällen des Ab­sat­zes 1 Nr. 4 und des Ab­sat­zes 2 mit ei­ner Geld­buße bis zu 15 000 Eu­ro ge­ahn­det wer­den.


Der höhe­re Bußgeld­rah­men von 15.000 Eu­ro be­trifft den Be­trieb von Kunst-und Ge­wer­bemärk­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen ent­ge­gen § 3 und § 4 Berl­LadÖffG und Verstöße ge­gen die Ar­beits­zeit­vor­schrift des § 7 Abs. 1 Berl­LadÖffG.


c) In der Be­gründung des Ent­wurfs zum Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz vom 14. No­vem­ber 2006 (Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015) be­ton­te der Se­nat von Ber­lin, dem Sonn­tag kom­me ins­be­son­de­re in un­se­rer auf Be­trieb­sam­keit be­dach­ten Ge­sell­schaft ei­ne große Be­deu­tung als Zeit zum phy­si­schen und men­ta­len Kräfteschöpfen zu. Als Aus­gleich für die ständig wach­sen­den An­for­de­run­gen aus der Ar­beits­welt, ins­be­son­de­re auch an die Mo­bi­lität und Fle­xi­bi­lität der Beschäftig­ten, sei der Sonn­tag im In­ter­es­se der Fa­mi­lie und zur Förde­rung von So­zi­al­be­zie­hun­gen in un­se­rer heu­ti­gen Zeit un­ver­zicht­bar. Der Sonn­tag wer­de zur Er­ho­lung, für die Ge­stal­tung des Fa­mi­li­en­le­bens, zur Pfle­ge ge­sell­schaft­li­cher, sport­li­cher, kul­tu­rel­ler und nicht zu­letzt auch re­li­giöser Ak­ti­vitäten benötigt. Vom Grund­satz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he könne des­halb nur aus­nahms­wei­se un­ter Abwägung der In­ter­es­sen des Ein­zel­han­dels und der Kun­den mit den Schutz­in­ter­es­sen der Beschäftig­ten ab­ge­wi­chen wer­den. Das Ge­setz se­he aus Gründen der Wett­be­werbs­gleich­heit kei­ne Son­der­re­ge­lun­gen für al­lein in­ha­ber­geführ­te oder aus­sch­ließlich mit nicht-an­ge­stell­ten Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen geführ­te Ver­kaufs­stel­len vor. Im In­ter­es­se ei­ner weit­ge­hen­den Fle­xi­bi­li­sie­rung der Ver­kaufs­zei­ten, an der die Kun­den in­ter­es­siert sei­en, sei zügig von der neu­en Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz Ge­brauch ge­macht wor­den. Da­mit wer­de auch dem Stand­ort Ber­lin als Ein­kaufs-und Tou­ris­mus­me­tro­po­le Rech­nung ge­tra­gen. Als be­son­de­re Neue­rung wird her­vor­ge­ho­ben, dass das Ge­setz kei­ne Be­schränkun­gen mehr für die werktägli­chen Öff­nungs­zei­ten enthält. Die Ge­set­zes­be­gründung gibt zu­gleich zu er­ken­nen, dass die früher be­grenz­ten Öff­nungs­zei­ten das Ver­kaufs­per­so­nal vor über­lan­gen Ar­beits­zei­ten hätten schützen sol­len. Dies wer­de nun­mehr durch den Ar­beits­zeit­schutz si­cher­ge­stellt.
 


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Die zeit­lich be­grenz­te Frei­ga­be der La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen sei Er­geb­nis der Abwägung der In­ter­es­sen des Ein­zel­han­dels und der Kun­den mit den Schutz­in­ter­es­sen der Beschäftig­ten. Die Re­ge­lung des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG, nach der die Se­nats­ver­wal­tung ermäch­tigt wird, durch All­ge­mein­verfügung bis zu vier ver­kaufs­of­fe­ne Sonn- und Fei­er­ta­ge jähr­lich zu­zu­las­sen, löse die Re­ge­lun­gen der §§ 14 und 23 La­dSchlG des Bun­des ab. Die La­denöff­nung sol­le in­so­weit bei Ver­an­stal­tun­gen oder Er­eig­nis­sen ermöglicht wer­den, die über die Stadt hin­aus Be­deu­tung hätten und zahl­rei­che Tou­ris­ten nach Ber­lin hol­ten. Mit der ver­kaufs­stel­len­spe­zi­fi­schen La­denöff­nungsmöglich­keit des § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG an zwei wei­te­ren Sonn- und Fei­er­ta­gen sol­le der Kri­tik Rech­nung ge­tra­gen wer­den, dass die von der Se­nats­ver­wal­tung aus­gewähl­ten Anlässe für die vier Sonn- und Fei­er­ta­ge, die früher durch Rechts­ver­ord­nung be­stimmt wur­den, nicht für al­le Ber­li­ner Ver­kaufs­stel­len auch wirt­schaft­li­chen Er­folg ge­bracht hätten.


Zur Er­wei­te­rung des an je­dem Sonn­tag ver­kauf­ba­ren Sor­ti­ments auf tou­ris­ti­sche Be­darfs­ar­ti­kel in § 4 Abs. 1 Nr. 1 Berl­LadÖffG führ­te der Se­nat aus, dass die­se Re­ge­lung die nach § 10 La­dSchlG er­gan­ge­ne Ver­ord­nung über den La­den­schluss in Aus­flugs- und Er­ho­lungs­ge­bie­ten er­set­zen sol­le, der­zu­fol­ge in der Zeit vom ers­ten Sonn­tag im März bis zum drit­ten Sonn­tag im Ok­to­ber ein stark be­grenz­tes Sor­ti­ment in der Zeit von 11.00 bis 19.00 Uhr in elf ex­akt ab­ge­grenz­ten Ge­bie­ten an­ge­bo­ten wer­den durf­te. Zur Ver­mei­dung der da­mit ver­bun­de­nen er­heb­li­chen ört­li­chen Ab­gren­zungs­pro­ble­me wer­de zukünf­tig der Ver­kauf ei­nes ab­ge­grenz­ten Sor­ti­ments in der gan­zen Stadt, an al­len Sonn- und Fei­er­ta­gen im Jahr, in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr, am 24. De­zem­ber je­doch nur bis 17.00 Uhr zu­ge­las­sen. § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG re­ge­le für den Son­der­fall, dass der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fällt, ei­ne Durch­bre­chung des sonn-und fei­ertägli­chen Sch­ließungs­ge­bots für Ver­kaufs­stel­len, die über­wie­gend Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel an­bie­ten. Hier­mit sol­le gewähr­leis­tet wer­den, dass die Bevölke­rung sich mit fri­schen Le­bens­mit­teln für die nach­fol­gen­den Weih­nachts­fei­er­ta­ge ein­de­cken kann. Die Re­ge­lung des § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG er­lau­be den Ver­kauf von leicht­ver­derb­li­chem, ern­te­fri­schem Obst und Gemüse in mo­bi­len Ver­kaufsständen durch den Er­zeu­ger oder durch die von ihm Be­auf­trag­ten auch an Sonn- und Fei­er­ta­gen zur De­ckung des Be­darfs der Bevölke­rung. Die­se Re­ge­lung sei mit dem Land Bran­den­burg ab­ge­stimmt; denn we­gen der räum­li­chen Nähe ver­kauf­ten vor­ran­gig An­bie­ter aus die­ser Re­gi­on Obst und Gemüse auf Ber­li­ner Straßen.
 


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II.

Mit ih­ren Ver­fas­sungs­be­schwer­den rügen die Be­schwer­deführer ei­ne Ver­let­zung von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV durch die Re­ge­lun­gen in § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1, § 6 Abs. 1 und 2 und § 9 Abs. 2 Berl­LadÖffG, so­weit die­ser für Fälle von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten le­dig­lich ein Bußgeld bis zu 2.500 Eu­ro vor­se­he, so­wie durch die von der Ku­mu­la­ti­on der Re­ge­lun­gen aus­ge­hen­de Wir­kung. Die Be­schwer­deführer be­gründen ih­re Ver­fas­sungs­be­schwer­den im We­sent­li­chen übe­rein­stim­mend.

1. a) Die Be­schwer­deführer hal­ten sich für be­schwer­de­be­fugt.

Sie mei­nen, ih­rer Be­ru­fung auf Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ste­he nicht ent­ge­gen, dass bei der Be­ur­tei­lung der Ver­fas­sungsmäßig­keit der an­ge­grif­fe­nen Nor­men die Gewähr­leis­tung des Schut­zes der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV maßgeb­li­che Re­le­vanz ent­fal­te. Zwar ent­hal­te Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kein Grund­recht oder grund­rechts­glei­ches Recht, son­dern ei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie. In­des wer­de die durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG geschütz­te Möglich­keit frei­er Re­li­gi­ons­ausübung in ih­ren tatsächli­chen Rah­men­be­din­gun­gen durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ent­fal­tet und aus­ge­formt. Es sei an­er­kannt, dass die Gewähr­leis­tun­gen der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel funk­tio­nal auf die In­an­spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt sei­en. Art. 139 WRV ent­hal­te mit der Zweck­set­zung der „see­li­schen Er­he­bung“ auch ei­ne re­li­gi­onsfördern­de Kom­po­nen­te. Der Sa­che nach kon­kre­ti­sie­re Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV den Gewähr­leis­tungs­ge­halt von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, ins­be­son­de­re die aus dem Grund­recht fol­gen­de Schutz­pflicht des Staa­tes. In­dem die Ver­fas­sung den Schutz der Sonn­ta­ge nach Maßga­be von Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV im Sin­ne ei­ner in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie zur „see­li­schen Er­he­bung“ gewähr­leis­te, er­wach­se den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Rah­men ih­res Grund­rechts auf Re­li­gi­ons­frei­heit ein An­spruch, an die­sem ob­jek­tiv sta­tu­ier­ten spe­zi­fi­schen Schutz un­gestörter Re­li­gi­ons­ausübung ef­fek­tiv teil­zu­ha­ben und nicht durch Lan­des­recht be­ein­träch­tigt zu wer­den.

Die Be­schwer­deführer se­hen sich von den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen auch un­mit­tel­bar be­trof­fen. Dies fol­ge aus de­ren Ku­mu­la­ti­on, durch die ei­ne Aushöhlung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Schut­zes der Sonn­ta­ge be­wirkt wer­de. Bei den Ein­grif­fen in den Sonn­tags­schutz durch die Be­stim­mun­gen der § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1


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Nr. 4 und § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG bedürfe es kei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes. In den Fällen des § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG sei zwar je­weils ei­ne ge­wis­se Um­set­zung er­for­der­lich. Gleich­wohl kom­me es bei § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG fak­tisch be­reits un­mit­tel­bar zu ei­ner Grund­rechts­ver­let­zung durch das Ge­setz, da sie an­ge­sichts der kur­zen An­zei­ge­frist von sechs Ta­gen und der Ver­tei­lung der An­mel­dun­gen auf sämt­li­che Ber­li­ner Be­zirksämter in der Re­gel kei­ne recht­zei­ti­ge Kennt­nis von La­denöff­nun­gen nach § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG er­hal­ten würden und so­mit auch kei­ne Rechts­mit­tel ge­gen die Untätig­keit der Be­zirks­ver­wal­tung er­grei­fen könn­ten. Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­gen würden an­ge­sichts der un­ter­schied­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten bei den je­weils öff­nen­den Ver­kaufs­stel­len und der meist feh­len­den Wie­der­ho­lungs­ge­fahr als un­zulässig schei­tern. Bei § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG bedürfe es ei­ner All­ge­mein­verfügung der Se­nats­ver­wal­tung, die ver­wal­tungs­ge­richt­lich an­ge­grif­fen wer­den könne. Sie als Be­schwer­deführer sei­en aber be­reits durch die Ermäch­ti­gung zum Er­lass von All­ge­mein­verfügun­gen un­mit­tel­bar be­trof­fen, weil die­se Ermäch­ti­gung im Ver­bund mit den an­de­ren an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ste­he. Durch die Ku­mu­la­ti­on mit den „selbst­voll­zie­hen­den“ Vor­schrif­ten kom­me es zur Ver­let­zung ih­res Grund­rechts auf freie Re­li­gi­ons­ausübung.

Sch­ließlich sei­en sie auch selbst be­trof­fen. Sie sei­en zwar nicht Adres­sa­ten der La­denöff­nungs­vor­schrif­ten. Ih­re Grund­rechts­po­si­tio­nen stünden aber in en­ger Be­zie­hung zu die­sen Re­ge­lun­gen. Die­se en­ge Be­zie­hung fol­ge aus der Ver­knüpfung von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG mit Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV. Ih­re Got­tes­diens­te und re­li­giösen Ver­an­stal­tun­gen würden an ei­ner beträcht­li­chen An­zahl von Sonn­ta­gen nach­hal­tig be­hin­dert. Die Sonn­ta­ge würden durch die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len ih­res ru­hi­gen, geschütz­ten Cha­rak­ters ent­klei­det. Die Ver­fas­sung be­ken­ne sich aber aus­drück­lich zum Sonn­tags­schutz nach christ­li­cher Tra­di­ti­on. In ihr sei aus­drück­lich an­ge­legt, dass der Sonn­tag für die christ­li­chen Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten der her­vor­ge­ho­be­ne Tag der Wo­che sei. Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV schütze den ge­sam­ten Tag zur see­li­schen Er­he­bung und un­ter­schei­de nicht nach Haupt­got­tes­dienst­zei­ten und dem übri­gen Tag. Dies sei auch sach­ge­recht, weil sich die Re­li­gi­ons­ausübung und da­mit die see­li­sche Er­he­bung auch außer­halb von Got­tes­diens­ten in an­de­ren For­men voll­zie­he.

b) Wei­ter führen die Be­schwer­deführer aus, der Rechts­weg sei erschöpft und der Grund­satz der Sub­si­dia­rität ge­wahrt:

Die §§ 3 und 4 Berl­LadÖffG könn­ten als Vor­schrif­ten ei­nes for­mel­len Ge­set­zes nicht in ei­nem ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren gemäß § 47

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Vw­GO an­ge­grif­fen wer­den. Bei der Re­ge­lung des § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG han­de­le es sich um ei­ne Er­laub­nis mit An­zei­ge­vor­be­halt. Ein Ver­wal­tungs­akt wer­de nur er­las­sen, wenn die Behörde auf­grund der An­zei­ge die Aus­nah­me ver­wei­ge­re. Rechts­schutz kom­me in Form ei­ner Ver­pflich­tungs­kla­ge in Be­tracht. Die An­zei­gen sei­en aber an die ver­schie­de­nen Be­zirksämter zu rich­ten. Kennt­nis hier­von könn­ten sie, die Be­schwer­deführer, kaum er­lan­gen. Des­halb sei es un­zu­mut­bar, sie auf den nicht prak­ti­ka­blen Rechts­weg zu ver­wei­sen.

Ge­gen die All­ge­mein­verfügun­gen nach § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG ste­he zwar ein Rechts­weg zur Verfügung. In­so­weit sei aber § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG an­wend­bar und da­mit auch oh­ne Erschöpfung des Rechts­wegs die Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu be­ja­hen. Die Klärung der Fra­ge, wel­che Gren­zen ei­nem La­denöff­nungs­ge­setz durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und mit Art. 139 WRV ge­setzt sei­en, sei von all­ge­mei­ner Be­deu­tung. Die Fra­ge nach der Be­gren­zung der Ge­stal­tungs­frei­heit des Ge­setz­ge­bers zur La­denöff­nung am Sonn­tag ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht be­ant­wor­tet. Bis­her sei nur fest­ge­stellt wor­den, dass ein Kern­be­reich an Sonn- und Fei­er­tags­ru­he un­an­tast­bar sei und ein hin­rei­chen­des Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ge­wahrt blei­ben müsse. Es sei noch nicht geklärt, wann Re­ge­lun­gen zur Ermögli­chung der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen nicht mehr genügten (Be­zug­nah­me auf BVerfGE 111, 10 <50, 52, 54>). Die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge wer­de auch in der Fach­li­te­ra­tur kon­tro­vers dis­ku­tiert. Ih­re Klärung ha­be darüber hin­aus für die an­de­ren Länder Be­deu­tung.

2. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei­en auch be­gründet.

a) Ihr An­lie­gen, den Sonn­tag nach Maßga­be ih­res re­li­giösen Selbst­verständ­nis­ses zu be­ge­hen, wer­de vom Schutz­be­reich des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG er­fasst. Die­ser Schutz be­tref­fe nicht nur die Möglich­keit, Got­tes­diens­te und sons­ti­ge re­li­giöse Ver­an­stal­tun­gen un­ge­hin­dert von staat­li­chen Ge­bo­ten oder Ver­bo­ten ab­zu­hal­ten. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG sei viel­mehr mit Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ver­knüpft. Die Ver­fas­sung gewähr­leis­te den Schutz der Sonn­ta­ge im Sin­ne ei­ner in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie zur „see­li­schen Er­he­bung“, mit­hin - ne­ben der so­zi­al­po­li­ti­schen Zweck­set­zung der Ar­beits­ru­he - mit ei­ner re­li­gi­onsfördern­den Zweck­set­zung. Dem­zu­fol­ge fließe der ver­fas­sungs­recht­li­che Schutz der Sonn- und Fei­er­ta­ge im Um­fang sei­ner re­li­gi­onsfördern­den Di­men­si­on in den Gewähr­leis­tungs­ge­halt des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ein. Über die­se Ver­knüpfung sei­en auch die äußeren Rah­men­be­din­gun­gen der Ver­an­stal­tung von Got­tes­diens­ten und sons­ti­gen re­li­giösen Ver­an­stal­tun­gen geschützt.


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Den Kir­chen und sons­ti­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten er­wach­se ein An­spruch, an die­sem spe­zi­fi­schen Schutz un­gestörter Re­li­gi­ons­ausübung ef­fek­tiv teil­zu­ha­ben. In­so­fern ent­hal­te das Grund­recht auf Re­li­gi­ons­frei­heit par­ti­ell ein Teil­ha­be­recht. Den Kir­chen und sons­ti­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten wer­de die Möglich­keit ge­si­chert, ge­ra­de auch die vom Werk­tag un­ter­schie­de­nen Sonn­ta­ge nach Maßga­be ih­res Selbst­verständ­nis­ses zu be­ge­hen und da­bei ih­re Gläubi­gen tatsächlich er­rei­chen zu können. Der Schutz der Sonn­ta­ge rich­te sich in ers­ter Li­nie auf die un­gestörte Ab­hal­tung von Got­tes­diens­ten und sons­ti­gen re­li­giösen Ver­an­stal­tun­gen. Da­ne­ben sei den Kir­chen an ei­ner Un­terstützung ih­rer dia­ko­ni­schen und fa­mi­li­enfördern­den Ar­beit ge­le­gen, wel­che nach ih­rem Selbst­verständ­nis glei­cher­maßen zu ih­rem Auf­trag gehörten. Der Sonn­tags­schutz er­stre­cke sich auf den gan­zen Tag, weil er über den Got­tes­dienst hin­aus auch an­de­re Güter schütze, die auch die Kir­chen ver­tei­dig­ten: Das gel­te für die Fa­mi­lie, die Ak­ti­vitäten kirch­li­cher Ver­ei­ne, kirch­li­che Fei­ern außer­halb der Haupt­got­tes­dienst­zei­ten bis hin zur Möglich­keit der „ru­hi­gen Ein­kehr“. Da­mit be­ste­he ei­ne un­mit­tel­ba­re In­ter­de­pen­denz zwi­schen der Re­li­gi­ons­frei­heit der Kir­chen und dem Schutz des Sonn­tags.

b) Die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten ver­letz­ten je­weils für sich ge­nom­men so­wie in ih­rer Ku­mu­la­ti­on Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV und da­mit zu­gleich Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.

aa) § 3 Abs. 1 Berl­LadÖffG ver­let­ze sie in ih­ren Grund­rech­ten, weil da­nach ei­ne La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr zulässig sei. Die Sonn­ta­ge in der Ad­vents­zeit nähmen ei­nen her­vor­ge­ho­be­nen Platz im Kir­chen­jahr ein und würden von den Kir­chen tra­di­tio­nell auch ent­spre­chend be­gan­gen. Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz be­rau­be die Vor­weih­nachts­zeit grund­le­gend ih­res ver­fas­sungs­recht­li­chen Schut­zes. Auf­grund des be­son­de­ren Ge­präges der Ad­vents­sonn­ta­ge würden durch die ein­schlägi­ge Re­ge­lung die struk­tur- und ty­pus­be­stim­men­den Merk­ma­le des ver­fas­sungs­recht­li­chen Sonn­tags­schut­zes in ih­rer re­li­gi­onsfördern­den Kom­po­nen­te in­ten­siv be­trof­fen. Dies gel­te um­so mehr, als § 3 Abs. 1 Berl­LadÖffG nicht vier punk­tu­ell über das Jahr ver­teil­ten Sonn­ta­gen ih­ren spe­zi­fi­schen Schutz neh­me, son­dern vier auf­ein­an­der fol­gen­den Sonn­ta­gen. Da­mit wer­de der Schutz über ei­nen Zeit­raum von vier Wo­chen sus­pen­diert. Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Be­stim­mung fol­ge über­dies dar­aus, dass ihr al­lein wirt­schaft­li­che Erwägun­gen zu­grun­de lägen, was in der Ge­set­zes­vor­la­ge deut­lich zum Aus­druck kom­me. Ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung vom Sonn- und Fei­er­tags­schutz al­lein aus öko­no­mi­schen Gründen dürfe es aber nicht ge­ben.

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bb) Auch § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG ver­let­ze den ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz der Sonn­ta­ge. Die Vor­schrift sol­le der Ge­set­zes­vor­la­ge zu­fol­ge da­zu die­nen, der Bevölke­rung an Weih­nach­ten für die bei­den Fei­er­ta­ge ei­ne Be­vor­ra­tung mit fri­schen Le­bens­mit­teln zu ermögli­chen, wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fal­le. Dem feh­le je­de sach­li­che Be­rech­ti­gung. Der Ein­kauf nicht ver­derb­li­cher Le­bens­mit­tel las­se sich auch vor dem 24. De­zem­ber vor­neh­men. An­ge­sichts der heu­ti­gen Kühlmöglich­kei­ten gel­te dies eben­so für ver­derb­li­che Le­bens­mit­tel. Im Übri­gen be­zie­he sich § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG pau­schal auf „Ver­kaufs­stel­len mit über­wie­gen­dem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­an­ge­bot“. Ei­ne sol­che Re­ge­lung sei im Sin­ne ei­ner Be­vor­ra­tung für die Weih­nachts­fei­er­ta­ge nicht er­for­der­lich.

cc) Eben­falls un­verhält­nismäßig sei § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG. Mit der Pri­vi­le­gie­rung der Ver­kaufs­stel­len von Er­zeu­gern hei­mi­schen Obs­tes und Gemüses wer­de der Zweck der Wirt­schaftsförde­rung ver­folgt. Die­ser Zweck ge­nieße kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Rang. Zu­dem sei auch in­so­weit an­ge­sichts der heu­ti­gen Kühlmöglich­kei­ten nicht er­sicht­lich, wes­halb der Han­del mit „leicht ver­derb­li­chem Obst und Gemüse“ an Sonn- und Fei­er­ta­gen er­for­der­lich sein sol­le.


dd) Mit Art. 4 Abs. 1 und 2 GG un­ver­ein­bar sei fer­ner die Re­ge­lung über die Frei­ga­be der La­denöff­nung durch All­ge­mein­verfügung an vier Sonn- und Fei­er­ta­gen we­gen ei­nes öffent­li­chen In­ter­es­ses nach § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG. Zwar leh­ne sich die­se Aus­nah­me­re­ge­lung an die vor­mals bun­des­ein­heit­li­chen Re­ge­lun­gen der §§ 14, 23 La­dSchlG an; sie un­ter­schei­de sich da­von je­doch in ei­nem maßgeb­li­chen Punkt. Nach dem La­den­schluss­ge­setz des Bun­des ha­be die Aus­nah­me im Ein­zel­fall im öffent­li­chen In­ter­es­se drin­gend nötig sein müssen; dies sei et­wa im Blick auf die Ver­sor­gung der Bevölke­rung mit le­bens­not­wen­di­gen Wa­ren bei Notfällen und Ka­ta­stro­phen in Be­tracht ge­kom­men. Die Re­ge­lung des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG hin­ge­gen ent­hal­te kei­ne der­ar­ti­gen stren­gen An­for­de­run­gen mehr. Für die Zu­las­sung der La­denöff­nung genüge be­reits ei­ne mehr oder min­der be­deu­ten­de Ver­an­stal­tung oder ein Er­eig­nis, wel­ches in ir­gend­ei­ner Wei­se das In­ter­es­se der Ber­li­ner Bevölke­rung oder der Tou­ris­ten we­cke. Von den Tat­be­stands­merk­ma­len „im öffent­li­chen In­ter­es­se“ und „aus­nahms­wei­se“ ge­he prak­tisch kaum Steue­rungs­wir­kung aus. Das er­wei­se sich an den bis­her er­gan­ge­nen All­ge­mein­verfügun­gen, bei de­nen An­lass für die Zu­las­sung von La­denöff­nun­gen an Sonn­ta­gen im Jahr 2007 die Grüne Wo­che, je­weils zeit­lich zu­sam­men­tref­fend ein Thea­ter­tref­fen und der Deut­sche Rönt­gen­kon­gress, die In­ter­na­tio­na­le Funk­aus­stel­lung und das Mu­sik­fest 2007 so­wie das Art Fo­rum Ber­lin und der Kunst­herbst Ber­lin ge­we­sen sei­en. Die Ermäch­ti­gung in § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG nor­mie­re un­an­ge-
 


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mes­sen ge­rin­ge Aus­nah­me­an­for­de­run­gen und ver­fol­ge aus­sch­ließlich wirt­schaft­li­che Zwe­cke.


ee) Der Re­ge­lung über die La­denöff­nung aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se gemäß § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG lägen eben­so al­lein wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen zu­grun­de. Sie sei un­verhält­nismäßig, weil sie an­ge­sichts der sehr großen An­zahl von Han­dels­geschäften in Ber­lin, der sehr nied­ri­gen Er­for­der­nis­se für ei­ne La­denöff­nung - „Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­te“ - und der Tat­sa­che, dass pro Geschäft zwei Öff­nun­gen im Jahr ermöglicht würden, ei­ne beträcht­li­che Streu­wir­kung ent­fal­te. Das Grund­prin­zip der Sch­ließung von Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen würde da­mit in Ber­lin fak­tisch flächen­de­ckend auf­ge­ge­ben.


ff) Erst recht sei­en die an­ge­grif­fe­nen Ein­zel­be­stim­mun­gen in ih­rer Ku­mu­la­ti­on ver­fas­sungs­wid­rig. Aus­nah­men vom ver­fas­sungs­recht­li­chen Sonn- und Fei­er­tags­schutz sei­en je­den­falls dann ver­fas­sungs­wid­rig, wenn ih­re Ku­mu­la­ti­on dem Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis des Ver­bots und der Ge­stat­tung von Sonn­tags­ar­beit zu­wi­der­lau­fe. An­ge­sichts der quan­ti­ta­ti­ven Di­men­si­on der mögli­chen La­denöff­nun­gen - zehn Sonn- und Fei­er­ta­ge pro Jahr, was fast ei­nem Fünf­tel al­ler Sonn­ta­ge gleich­kom­me - sei es nicht mehr be­ach­tet. Es sei zu­dem da­von aus­zu­ge­hen, dass es in Ber­lin kei­nen ein­zi­gen Sonn­tag mehr ge­ben wer­de, an dem nicht ei­ne größere An­zahl von Geschäften geöff­net ha­be. Die Ge­samt­wir­kung der La­denöff­nungsmöglich­kei­ten wer­de nicht da­durch ge­min­dert, dass die ge­setz­li­che Re­ge­lungs­tech­nik ei­ne Ver­tei­lung auf ver­schie­de­ne Pa­ra­gra­phen vor­se­he.


gg) Die Ein­grif­fe sei­en ins­ge­samt ver­fas­sungs­recht­lich nicht ge­recht­fer­tigt. We­gen der schran­ken­lo­sen Gewähr­leis­tung von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG kom­me nur ei­ne Recht­fer­ti­gung kraft kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­rechts in Be­tracht. Die wirt­schafts­be­zo­ge­nen Grund­rech­te der Art. 12 und 14 GG trügen die Ein­grif­fe in den Sonn- und Fei­er­tags­schutz nicht; denn die wirt­schaft­li­chen Zweck­set­zun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes hätten kei­nen Ver­fas­sungs­rang. Auch könne das Ver­sor­gungs­in­ter­es­se der Bevölke­rung, dem an­ge­sichts des So­zi­al­staats­prin­zips und staat­li­cher Schutz­pflich­ten Ver­fas­sungs­rang zu­ge­spro­chen wer­den könne, nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, da die be­an­stan­de­ten Vor­schrif­ten nicht der Grund­ver­sor­gung dien­ten.

hh) Die Aushöhlung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tung der Sonn-und Fei­er­tags­ru­he wer­de da­durch wei­ter verstärkt, dass das Ge­setz nicht ein­mal wirk­sa­me Sank­tio­nen bei Verstößen ge­gen die noch vor­han­de­nen, ru­di­mentären Re­strik­tio­nen vor­se­he. Nach Maßga­be von § 9 Abs. 2 Berl­LadÖffG könn­ten Zu­wi-
 


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der­hand­lun­gen al­len­falls mit ei­ner Geld­buße bis zu 2.500 Eu­ro ge­ahn­det wer­den. Es könne kei­ne Re­de da­von sein, dass von die­sem ge­rin­gen Be­trag - ins­be­son­de­re im Blick auf große Han­dels­ket­ten und Kaufhäuser - ei­ne ab­schre­cken­de Wir­kung und ein An­reiz zur Rechtstreue aus­gin­gen.

ii) Der Be­schwer­deführer zu 2) führt über­dies aus, die Vor­schrift des § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG könne so ver­stan­den wer­den, dass Ver­kaufs­stel­len, die Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel ver­kauf­ten, an je­dem Sonn- und Fei­er­tag öff­nen dürf­ten; denn an die ein­lei­ten­den Wor­te des ers­ten Ab­sat­zes „An Sonn- und Fei­er­ta­gen dürfen öff­nen“ knüpfe im Satz­bau auch Nr. 4 an, der für den 24. De­zem­ber, falls er auf ei­nen Sonn­tag fal­le, aus­nahms­wei­se nur ei­ne Öff­nungs­zeit von 7.00 bis 14.00 Uhr vor­se­he. In ei­ner wei­ten, al­le Sonn- und Fei­er­ta­ge ein­be­zie­hen­den Aus­le­gung sei die Vor­schrift ver­fas­sungs­wid­rig. Falls das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ei­ne en­ge­re Aus­le­gung zu­grun­de le­ge - und für ver­fas­sungsmäßig hal­te -, müsse es dies in der Ent­schei­dung aus­drück­lich fest­stel­len.

III.

Zu den Ver­fas­sungs­be­schwer­den ha­ben schrift­lich Stel­lung ge­nom­men das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin und der Se­nat von Ber­lin, die Re­gie­rung des Lan­des Bran­den­burg, die Thürin­ger Lan­des­re­gie­rung, das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz, die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD), der Bund Frei­re­li­giöser Ge­mein­den Deutsch­lands, der Dach­ver­band Frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten e.V., die Deut­sche Unita­ri­er Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft e.V., die Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung, der Hu­ma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands - Bun­des­ver­band -, die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels e.V. (BAG), die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA), der Deut­sche In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­tag so­wie die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern zu Ber­lin und zu Köln und die Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern des Lan­des Bran­den­burg, der Haupt­ver­band des Deut­schen Ein­zel­han­dels (HDE), der Christ­li­che Ge­werk­schafts­bund (CGB) so­wie der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) zu­sam­men mit der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di. Der Se­nat hat zu­dem schrift­li­che Stel­lung­nah­men der sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Pe­ter Knauth (Tech­ni­sche Uni­ver­sität Karls­ru­he) und Pro­fes­sor Dr. Fried­helm Nach­rei­ner (Uni­ver­sität Ol­den­burg) ein­ge­holt. Da­ne­ben hat er dem Bun­des­tag, dem Bun­des­rat, der Bun­des­re­gie­rung, den an­de­ren Lan­des­re­gie­run­gen und -par­la­men­ten so­wie wei­te­ren sach­kun­di­gen Drit­ten Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­geräumt, die sich je­doch nicht geäußert ha­ben.

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1. Das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin und der Se­nat von Ber­lin ha­ben ei­ne ge­mein­sa­me Stel­lung­nah­me ab­ge­ge­ben. Sie hal­ten die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für un­zulässig, je­den­falls aber für un­be­gründet.

a) Die Be­schwer­deführer sei­en be­reits nicht be­schwer­de­be­fugt. Art. 139 WRV könne im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht gerügt wer­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be be­reits ent­schie­den, dass aus Art. 140 GG kei­ne sub­jek­ti­ven Be­rech­ti­gun­gen folg­ten. Art. 139 WRV sei ei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie, die den Ge­setz­ge­ber ob­jek­tiv­recht­lich ver­pflich­te, ein Min­dest­maß an ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen zum Schutz von Sonn- und Fei­er­ta­gen be­reit­zu­stel­len. Die The­se ei­ner Sub­jek­ti­vie­rung des Art. 139 WRV we­gen heu­ti­ger Gefähr­dungs­la­gen für den Sonn­tag sei nicht halt­bar. Auch über die Kon­struk­ti­on ei­nes be­son­de­ren Näheverhält­nis­ses von Art. 139 WRV zu Art. 4 Abs. 1 und 2 GG könne sie nicht be­gründet wer­den. Der Wort­laut des Art. 139 WRV las­se er­ken­nen, dass der ver­fas­sungs­recht­li­che Sonn­tags­schutz nicht ein spe­zi­ell auf die Kir­chen ge­rich­te­tes An­lie­gen sei, son­dern säku­lar ver­stan­den wer­den müsse. Ei­ne an­de­re Sicht­wei­se sei un­ver­ein­bar mit der auf welt­an­schau­li­che Neu­tra­lität aus­ge­rich­te­ten Grund­kon­zep­ti­on des Art. 4 GG. Der the­ma­ti­sche Zu­sam­men­hang von Art. 4 GG und Art. 139 WRV ände­re an der feh­len­den sub­jek­ti­ven Wir­kung des Art. 139 WRV nichts. Das Ne­ben­ein­an­der von so­zi­al­po­li­ti­schen und re­li­giösen Mo­ti­ven las­se ei­ne Zu­ord­nung zu in­di­vi­du­el­len Trägern, wel­che die Ein­hal­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes gel­tend ma­chen könn­ten, nicht zu. Al­les an­de­re würde auf die Zu­las­sung ei­ner Po­pu­l­ar­be­schwer­de hin­aus­lau­fen. Art. 4 GG schütze zwar ein re­li­giös mo­ti­vier­tes Ver­hal­ten auch und ge­ra­de an Sonn­ta­gen. Die Aus­ge­stal­tung der Rah­men­be­din­gun­gen für den Sonn­tag im All­ge­mei­nen, wie sie al­lein Art. 139 WRV im Au­ge ha­be, sei von der Re­li­gi­ons­frei­heit aber nicht er­fasst.

Die Be­schwer­de­be­fug­nis feh­le den Be­schwer­deführern auch, wenn man Art. 4 GG als of­fe­ner ge­genüber den kirch­li­chen Sonn­tags­in­ter­es­sen an­se­he. Die Be­schwer­deführer sei­en durch das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz we­der selbst noch un­mit­tel­bar be­trof­fen. Über­dies hätten sie schon die Möglich­keit ei­ner Grund­rechts­ver­let­zung nicht auf­ge­zeigt. Durch die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten würden die Rah­men­be­din­gun­gen für die Re­li­gi­ons­ausübung der Be­schwer­deführer schon des­halb nicht un­ter Ver­s­toß ge­gen Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV un­zu­mut­bar ver­schlech­tert, weil die nun­mehr an Sonn- und Fei­er­ta­gen er­laub­ten Öff­nungs­zei­ten für Ver­kaufs­stel­len sich im We­sent­li­chen deck­ten mit de­nen, die auf­grund der Ver­ord­nung über Sonn­tags­ru­he im Han­dels­ge­wer­be und in Apo­the­ken vom 5. Fe­bru­ar 1919 zu­ge­las­sen ge­we­sen sei­en. Auf die­se schon da­mals zulässi­gen Tat­bestände neh­me Art. 139 WRV durch die For­mu­lie­rung „blei­ben...

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geschützt“ Be­zug. Während der Wei­ma­rer Zeit und auch da­nach sei bis zum In­kraft­tre­ten des La­den­schluss­ge­set­zes im Jah­re 1956 die La­denöff­nung an Ad­vents­sonn­ta­gen grundsätz­lich er­laubt ge­we­sen. Die­se Sonn­ta­ge hätten so­gar als be­son­ders wich­ti­ge Ver­kaufs­ta­ge ge­gol­ten. Das an­ge­grif­fe­ne Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz blei­be hin­ter der Ver­ord­nung aus dem Jahr 1919 so­gar noch zurück, weil es die Öff­nung an Ad­vents­sonn­ta­gen nur zeit­lich be­grenzt er­lau­be.

Sch­ließlich sei­en die Ver­fas­sungs­be­schwer­den auch we­gen feh­len­der Erschöpfung des Rechts­wegs un­zulässig (§ 90 Abs. 2 BVerfGG), so­weit sie sich ge­gen § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG rich­te­ten. Denn die­se Re­ge­lun­gen setz­ten je­weils ei­nen Voll­zugs­akt der Ver­wal­tung im Vor­feld der La­denöff­nung vor­aus, ge­gen den sich die Be­schwer­deführer vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten wen­den könn­ten. Wes­halb ih­nen in­so­weit hin­rei­chend ef­fek­ti­ver Rechts­schutz ver­sagt sei, leg­ten die Be­schwer­deführer nicht über­zeu­gend dar.

b) Hal­te man die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zulässig, sei­en sie je­den­falls un­be­gründet. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sei­en - auch ob­jek­tiv - ver­fas­sungs­gemäß; sie würden der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie des Art. 139 WRV ge­recht. Ins­be­son­de­re ließen sie den un­an­tast­ba­ren Kern der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he un­berührt. Art. 139 WRV ver­pflich­te den Ge­setz­ge­ber, durch ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen zu gewähr­leis­ten, dass die Sonn- und Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits­ru­he und see­li­schen Er­he­bung die­nen können. Da­bei verfüge er über ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum. In ers­ter Li­nie sei die for­ma­le Exis­tenz der In­sti­tu­ti­on Sonn- und Fei­er­ta­ge geschützt. Dem tra­ge § 3 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG Rech­nung, in­dem er an­ord­ne, dass in der Re­gel Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­schlos­sen sein müss­ten. Die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen änder­ten hier­an nichts, da die in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie nicht je­de auf­lo­ckern­de Verände­rung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ver­bie­te. Die Bedürf­nis­se, ins­be­son­de­re das Ru­he­bedürf­nis, hätten sich ge­wan­delt und kon­kur­rier­ten heu­te mit an­de­ren Bedürf­nis­sen. Die re­li­giöse Zweck­be­stim­mung des Sonn­tags sei in den Hin­ter­grund ge­tre­ten. Ein­schränkun­gen der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie könn­ten da­her leich­ter be­gründet wer­den. Nicht nur das Un­ver­zicht­ba­re, das un­be­dingt Er­for­der­li­che, son­dern auch an­de­re plau­si­ble ge­setz­ge­be­ri­sche In­ten­tio­nen wie das Bemühen, das Frei­zeit­an­ge­bot oder die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, könn­ten ei­ne Ein­schränkung des Sonn­tags­schut­zes recht­fer­ti­gen. Dem genügten die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen. Eben­so schütze Art. 139 WRV da­vor, dass die In­sti­tu­ti­on bis auf ei­ne „wert­lo­se Hülse“ aus­gehöhlt wer­de. Da­von könne vor­lie­gend of­fen­sicht­lich kei­ne Re­de sein.
 


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Die Ge­stal­tungs­frei­heit des Ge­setz­ge­bers sei im Übri­gen nur durch ei­nen un­an­tast­ba­ren Kern­be­stand der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he be­schränkt: Ei­ner­seits be­tref­fe dies die An­zahl der geschütz­ten Sonn- und Fei­er­ta­ge und den Sie­ben-Ta­ge-Rhyth­mus, an­de­rer­seits das Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis von Ar­beits­ru­he und Ab­we­sen­heit von werktägli­cher Geschäftig­keit zu Sonn­tags­ar­beit. So­weit die Be­schwer­deführer in die­sem Zu­sam­men­hang rügten, es wer­de ih­nen durch die La­denöff­nung an fast ei­nem Fünf­tel al­ler Sonn­ta­ge un­zu­mut­bar er­schwert, Got­tes­diens­te und sons­ti­ge re­li­giöse Ver­an­stal­tun­gen ab­zu­hal­ten, könne dem schon im An­satz nicht ge­folgt wer­den. Die La­denöff­nungs­re­ge­lung stel­le kein Ge­bot dar, die Ver­kaufs­stel­len auf­zu­su­chen und Got­tes­diens­te nicht zu be­su­chen, son­dern tra­ge le­dig­lich ei­ner geänder­ten so­zia­len Wirk­lich­keit Rech­nung, na­ment­lich geänder­ten Frei­zeitwünschen der Bürger, in­dem sie den Bürgern die Möglich­keit ein¬räume, an Sonn- und Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len auf­zu­su­chen. Die­se Möglich­keit sei auf zehn Sonn- und Fei­er­ta­ge be­schränkt und an sechs die­ser Ta­ge auch noch zeit­lich be­grenzt. Das ge­bo­te­ne Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis wer­de an­ge­sichts der ge­rin­gen Zahl der Sonn- und Fei­er­ta­ge, an de­nen die La­denöff­nung er­laubt sei, und der zeit­li­chen Be­schränkung der Öff­nung nicht ver­letzt. Da­durch, dass le­dig­lich an vier Sonn­ta­gen ei­ne ganztägi­ge La­denöff­nung zulässig sei, nähmen die Sonn­ta­ge nicht werktägli­chen Cha­rak­ter an. Ei­ne bloße Zu­nah­me der werktägli­chen Prägung be­gründe­te noch kei­nen Ver­s­toß ge­gen den Kern­be­stand der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he.


Der welt­an­schau­lich-re­li­giösen Kom­po­nen­te des Art. 139 WRV ha­be der Lan­des­ge­setz­ge­ber aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen, in­dem er die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen grundsätz­lich ver­bo­ten und zu­dem die Öff­nung an sechs von zehn ver­kaufs­of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­gen zeit­lich be­grenzt und ge­ra­de die Haupt­got­tes­dienst­zei­ten von der La­denöff­nung aus­ge­nom­men ha­be.


Die Ent­schei­dung des Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­bers be­we­ge sich im Rah­men sei­ner Ge­stal­tungs­frei­heit. Bei der Aus­ge­stal­tung des Schut­zes der Sonn- und Fei­er­ta­ge müsse der Ge­setz­ge­ber un­ter Berück­sich­ti­gung des nach Art. 139 WRV ge­bo­te­nen Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis­ses ei­nen Aus­gleich un­ter an­de­rem mit dem durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­ten In­ter­es­se der Ver­brau­cher am Ein­kau­fen und der durch Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­ten Be­rufs­ausübungs­frei­heit der La­den­in­ha­ber tref­fen. Hier­bei kom­me ihm ein wei­ter Spiel­raum zu. An­er­kannt sei, dass grundsätz­lich nicht nur aus ge­sell­schaft­li­chen und tech­ni­schen Gründen not­wen­di­ge Ar­bei­ten ge­stat­tet sei­en, son­dern auch Ar­bei­ten, wel­che dem Frei­zeit­bedürf­nis der Bevölke­rung zu­gu­te kämen. Bei sol­chen „Ar­bei­ten für den Sonn­tag“ könne

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nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die Abwägung eher für die La­denöff­nung aus­fal­len als bei „Ar­bei­ten trotz des Sonn­tags“. Al­ler­dings be­ste­he auch dann kein ab­so­lu­tes Ver­bot. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ver­stießen da­her nur dann ge­gen Art. 139 WRV, wenn der Ge­setz­ge­ber ver­pflich­tet wäre, sie zu un­ter­las­sen, weil der durch sie be­wirk­te Ein­griff in die Sonn- und Fei­er­tags­ru­he nicht durch plau­si­ble Gründe des Ge­mein­wohls ge­recht­fer­tigt und un­verhält­nismäßig wäre. Da­von sei nicht aus­zu­ge­hen. Die Hand­lungs­frei­heit der Ver­brau­cher und die Be­rufs­ausübungs­frei­heit der La­den­in­ha­ber le­gi­ti­mie­re die Aus­nah­me­re­ge­lung so­wohl ein­zeln als auch in ih­rer Ge­samt­schau. Die Re­ge­lun­gen sei­en zum Schutz die­ser Rechtsgüter ge­eig­net, er­for­der­lich und un­ter Berück­sich­ti­gung des durch Art. 139 WRV vor­ge­ge­be­nen Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis­ses auch an­ge­mes­sen. Dies gel­te ins­be­son­de­re, wenn man die geänder­ten Ein­kaufs­ge­wohn­hei­ten der Bevölke­rung berück­sich­ti­ge: Für brei­te­re Tei­le der Bevölke­rung ha­be das Ein­kau­fen an Sonn- und Fei­er­ta­gen, ins­be­son­de­re auch an Ad­vents­sonn­ta­gen, sei­nen werktägli­chen Cha­rak­ter ver­lo­ren und sei zu ei­ner der Er­ho­lung die­nen­den Frei­zeit­beschäfti­gung ge­wor­den, so dass die La­denöff­nung da­zu ten­die­re, zu ei­ner „Ar­beit für den Sonn­tag“ zu wer­den. Selbst wenn man das an­ders se­he, kom­me den geänder­ten Ein­kaufs­ge­wohn­hei­ten zu­sam­men mit dem vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Ziel der Sti­mu­lie­rung der Wirt­schaft je­den­falls sol­ches Ge­wicht zu, dass es die Ein­schränkung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes in dem be­schränk­ten Um­fang recht­fer­ti­ge.

Dies tref­fe auch für die ein­zel­nen Re­ge­lun­gen zu. Die La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen sei nicht zu be­an­stan­den. Art. 139 WRV las­se sich nicht ent­neh­men, dass stets al­ter­nie­rend ei­nem Sonn­tag, an dem zeit­lich be­schränkt ei­ne La­denöff­nung zulässig ist, ein ver­kaufs­frei­er Sonn­tag fol­gen müsse. Dem von Art. 139 WRV ver­folg­ten Ziel der Ar­beits­ru­he zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer im Ein­zel­han­del ha­be der Ge­setz­ge­ber da­durch Rech­nung ge­tra­gen, dass gemäß § 7 Abs. 5 Berl­LadÖffG Ar­beit­neh­mer nur an zwei Ad­vents­sonn­ta­gen im Jahr beschäftigt wer­den dürfen. Zwar hätten die Ad­vents­sonn­ta­ge im Kir­chen­jahr ei­nen her­vor­ra­gen­den Platz. Dem ste­he aber ge­genüber, dass der Ein­zel­han­del im Weih­nachts­geschäft ei­nen be­acht­li­chen Teil des Um­sat­zes er­zie­le, und des­halb be­son­de­res In­ter­es­se an der La­denöff­nung ha­be, mit dem das ge­stei­ger­te In­ter­es­se der Bevölke­rung an Sonn­tags­einkäufen im Ad­vent ge­ge­be­nen­falls im fa­mi­liären Rah­men kor­re­spon­die­re. Zu­dem ha­be der Ber­li­ner Ge­setz­ge­ber die Haupt­got­tes­dienst­zei­ten von der La­denöff­nung aus­ge­spart. Die in § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG ge­re­gel­te La­denöff­nung an Weih­nach­ten, wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, sei nicht zu be­an­stan­den, weil le­dig­lich der Ver­kauf be­stimm­ter Wa­ren ge­stat­tet sei und zu­dem die Öff­nungs­zei­ten ent­spre­chend

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den In­ter­es­sen der Be­schwer­deführer auf die Zeit von 7.00 bis 14.00 Uhr be­schränkt sei­en. Die Re­ge­lung des Ver­kaufs von leicht ver­derb­li­chem Obst und Gemüse durch den Er­zeu­ger (§ 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG) spie­le für die Ad­vents­sonn­ta­ge kei­ne nen­nens­wer­te Rol­le.

Die wei­te­ren Re­ge­lun­gen der La­denöff­nung bedürf­ten kei­ner Ein­zel­be­trach­tung. Die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen sei­en über­dies sach­lich noch ein­ge­schränkt durch die Vor­aus­set­zun­gen des „öffent­li­chen In­ter­es­ses“ be­zie­hungs­wei­se des „be­son­de­ren Er­eig­nis­ses“. Zu­dem hätten sich ent­spre­chen­de Vorläufer schon in § 14 und § 23 La­dSchlG ge­fun­den. Die Rechts­la­ge des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes sei dem­ge­genüber so­gar en­ger, weil die Zahl der ver­kaufs­of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­ge an­ders als in § 23 La­dSchlG be­schränkt sei.

2. Die Re­gie­rung des Lan­des Bran­den­burg hat sich le­dig­lich zu § 4 Abs. 1 Nr. 4 und § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG geäußert, da nur die­se Be­stim­mun­gen dem bran­den­bur­gi­schen Lan­des­recht ähnel­ten. Die­se Vor­schrif­ten würden den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maßga­ben ge­recht. Durch sie wer­de we­der der Kern­be­reich des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes noch das ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­te Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis hin­sicht­lich der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen an­ge­tas­tet.


3. Die Thürin­ger Lan­des­re­gie­rung hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zulässig und be­gründet. Die Be­schwer­deführer würden durch die an­ge­grif­fe­nen Ge­set­zes­be­stim­mun­gen in ih­rem Grund­recht auf Re­li­gi­ons­ausübungs­frei­heit aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­letzt. Die Aus­ge­stal­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes genüge nicht mehr dem Ge­bot an den Ge­setz­ge­ber, ei­nen ab­so­lu­ten Kern­be­reich der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he zu schützen. Die Re­ge­lun­gen in § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG ver­stießen zu­dem ge­gen das Grund­recht der Be­schwer­deführer auf Gewähr­leis­tung ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes gemäß Art. 19 Abs. 4 GG, denn es sei vom Zu­fall abhängig, ob die Be­schwer­deführer Kennt­nis von der An­zei­ge des Ver­kaufs­stel­len­in­ha­bers ge­genüber dem zuständi­gen Be­zirks­amt er­hiel­ten und ge­ge­be­nen­falls das Nicht­ein­schrei­ten der Behörde ge­richt­lich über­prüfen las­sen könn­ten.


4. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat mit­ge­teilt, nach In­kraft­tre­ten der so ge­nann­ten Föde­ra­lis­mus­re­form I mit der Ände­rung des Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG sei der für das Wirt­schafts­ver­wal­tungs­recht zuständi­ge 6. Re­vi­si­ons­se­nat nicht mit Ver­fah­ren aus dem Ge­biet des La­den­schluss­rechts be­fasst ge­we­sen. Der früher für das ge­nann­te Rechts­ge­biet zuständi­ge 1. Re­vi­si­ons­se­nat ha­be sich in meh­re-


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ren Ent­schei­dun­gen mit Fra­gen des Bun­des­ge­set­zes über den La­den­schluss be­fasst. Ei­nen ge­wis­sen Be­zug zu den mit den vor­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen wie­sen meh­re­re, im Ein­zel­nen auf­geführ­te Ent­schei­dun­gen auf. Von ei­ner wei­te­ren Stel­lung­nah­me hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ab­ge­se­hen.


5. Die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zulässig und be­gründet. Sie ver­weist auf die Be­schwer­de­schrif­ten und hebt ergänzend her­vor, dass das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz den Schutz des Sonn­tags und der Fei­er­ta­ge in ver­fas­sungs­recht­lich nicht mehr erträgli­cher Wei­se zurück­dränge.


6. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD) stimmt dem In­halt der Be­schwer­de­schrift der Evan­ge­li­schen Kir­che Ber­lin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz in vol­lem Um­fang zu und schließt sich auch den Über­le­gun­gen in der Be­schwer­de­schrift des Erz­bis­tums Ber­lin an.

7. Der Bund Frei­re­li­giöser Ge­mein­den Deutsch­lands und der Dach­ver­band Frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten e.V. ha­ben gleich lau­ten­de Stel­lung­nah­men ab­ge­ge­ben. Sie sind der Auf­fas­sung, die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei­en ab­zu­wei­sen, da die Be­schwer­deführer nicht in ih­ren Rech­ten ver­letzt sei­en. Ei­ne kirch­li­che Deu­tungs­ho­heit der Sonn- und Fei­er­ta­ge sei im welt­an­schau­lich neu­tra­len Staat ab­zu­leh­nen.

8. Der Ver­ein Deut­sche Unita­ri­er Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft e.V. hat geäußert, von staat­li­cher Sei­te soll­ten wie­der­keh­ren­de Zei­ten si­cher­ge­stellt wer­den, die dem Ein­zel­nen Ru­he und Be­sin­nung, Zei­ten des re­li­giösen Er­le­bens oder auch Er­leb­nis­se in Ge­mein­schaf­ten er­laub­ten. Dies könne aber in ver­schie­de­nen For­men, nicht nur durch Sonn­tags­ru­he oder Fei­er­tags­schutz er­fol­gen, wo­bei dem ge­sell­schaft­li­chen Wan­del Rech­nung ge­tra­gen wer­den müsse. Tra­di­tio­nell kirch­li­che Fei­er­ta­ge zu schützen, sei an­ge­sichts der Ver­pflich­tung des Staa­tes zur welt­an­schau­li­chen Neu­tra­lität nicht die Auf­ga­be des Staa­tes.

9. Nach Auf­fas­sung der Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung können die Ver­fas­sungs­be­schwer­den kei­nen Er­folg ha­ben. Art. 139 WRV be­inhal­te nur ei­nen ob­jek­tiv­recht­li­chen Sonn­tags­schutz mit wei­tem Spiel­raum des Ge­setz­ge­bers. Auch auf die Gewähr­leis­tung sei­nes Kern­be­reichs be­ste­he kein sub­jek­ti­ver Rechts­an­spruch. Des­halb sei­en die Ver­fas­sungs­be­schwer­den un­zulässig. Zu­dem las­se sich selbst bei ei­ner um­fas­sen­den ob­jek­tiv­recht­li­chen Prüfung des an­ge­grif­fe­nen Ge­set­zes kein Ver­fas­sungs­ver­s­toß fest­stel­len. Von jähr­lich 52 Sonn­ta­gen blie­ben min­des­tens 44

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von gra­vie­ren­der „werktägli­cher Geschäftig­keit“ frei. An den vier Ad­vents­sonn­ta­gen dürf­ten Ver­kaufs­stel­len nur von 13.00 bis 20.00 Uhr geöff­net sein. Der ab­so­lut geschütz­te Kern­be­reich der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie des Art. 139 WRV sei da­her nicht berührt.

10. Der Hu­ma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands - Bun­des­ver­band - trägt vor, die Ver­fas­sungs­be­schwer­den verkürz­ten den Schutz des Sonn­tags un­zulässig auf ei­ne christ­lich-re­li­giöse Schutz­vor­schrift, was schon dem Wort­laut des Art. 139 WRV wi­der­spre­che. Der Sonn­tag sei kein spe­zi­ell christ­li­cher Fei­er­tag. Art. 139 WRV ent­hal­te le­dig­lich ei­ne ob­jek­tiv­recht­li­che In­sti­tuts­ga­ran­tie oh­ne sub­jek­ti­ve Be­rech­ti­gung. Das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz neh­me auch nicht die Möglich­keit zum Kirch­gang. Im Übri­gen müss­ten die so­zio­lo­gi­schen De­ter­mi­nan­ten im Lan­de Ber­lin berück­sich­tigt wer­den. Die christ­li­chen Kir­chen ver­ein­ten nicht die Mehr­heit der Ber­li­ner un­ter sich. Die Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes sei­en ver­fas­sungs­gemäß, da das Recht auf Re­li­gi­ons­ausübung für je­de gläubi­ge Min­der­heit gewähr­leis­tet sei.

11. Nach Auf­fas­sung der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels e.V. (BAG) fehlt es den Be­schwer­deführern be­reits an ei­nem sub­jek­ti­ven Recht zur Gel­tend­ma­chung ih­rer Ansprüche. Des­sen un­ge­ach­tet tas­te­ten die an­ge­grif­fe­nen Re­geln des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes nicht den Kern­be­stand der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he an. Viel­mehr stell­ten sie ei­nen in­ter­es­sen­ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen den Er­ho­lungs- und Frei­zeit­bedürf­nis­sen der Bevölke­rung und dem Grund­satz der Ar­beits­ru­he her, oh­ne da­bei das Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis zwi­schen werktägli­cher Beschäfti­gung und sonntägli­cher Ar­beits­un­ter­bre­chung zu berühren. Im Übri­gen die­ne die Neu­ge­stal­tung der La­den­schluss­zei­ten so­wohl der Ausübung von Grund­rech­ten der La­den­in­ha­ber als auch der An­ge­stell­ten und Drit­ter so­wie der Berück­sich­ti­gung überg­rei­fen­der und ver­fas­sungs­recht­lich le­gi­ti­mier­ter ge­sell­schaft­li­cher und öko­no­mi­scher In­ter­es­sen der All­ge­mein­heit. Die Berück­sich­ti­gung die­ser Rech­te und In­ter­es­sen las­se ei­nen et­wai­gen Ein­griff in Grund­rech­te der Be­schwer­deführer in je­dem Fall als ge­recht­fer­tigt er­schei­nen.

Die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft weist zu­dem dar­auf hin, dass ei­ne stich­pro­ben­ar­ti­ge Um­fra­ge un­ter den mit­telständi­schen Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men in Ber­lin er­ge­ben ha­be, dass 14 % der be­frag­ten Geschäfts­in­ha­ber erklärt hätten, spe­zi­ell im Hin­blick auf die er­wei­ter­ten La­denöff­nungs­zei­ten neue An­ge­stell­te ein­ge­stellt zu ha­ben. Sie be­tont, dass mit der Neu­re­ge­lung der La­denöff­nungs­zei­ten die von ihr für gleich­heits­wid­rig er­ach­te­te Be­vor­zu­gung von Ein­zelhänd­lern an pri­vi­le-

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gier­ten Stand­or­ten wie Tank­stel­len, Raststätten, Flughäfen und Bahnhöfen so­wie die Be­vor­zu­gung des On­line-Han­dels deut­lich ab­ge­mil­dert wor­den sei.


12. Die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) ist der An­sicht, die Aus­ge­stal­tung der La­denöff­nungs­zei­ten stel­le kei­nen Ver­s­toß ge­gen die aus Art. 139 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG fol­gen­de Pflicht des Staa­tes zur Gewähr­leis­tung der Sonn­tags­ru­he dar. Der Ber­li­ner Ge­setz­ge­ber be­we­ge sich in­ner­halb sei­nes Aus­ge­stal­tungs­spiel­raums. Die Vor­schrif­ten sei­en we­der ein­zeln noch in ih­rer Zu­sam­men­schau ver­fas­sungs­wid­rig.


13. Der Deut­sche In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­tag enthält sich ei­ner ei­ge­nen Stel­lung­nah­me, weil die von den ein­zel­nen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern geäußer­ten wirt­schafts­be­zo­ge­nen Po­si­tio­nen im kon­kre­ten Fall so un­ter­schied­lich sei­en, dass ein kla­rer Trend nicht er­kenn­bar sei.

So sei die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer Ber­lin der Auf­fas­sung, die La­denöff­nung die­ne der Be­frie­di­gung von Frei­zeit­bedürf­nis­sen und stel­le da­mit als „Ar­beit für den Sonn­tag“ ei­ne pri­vi­le­gier­te Aus­nah­me vom Ge­bot der Ar­beits­ru­he dar. Zu berück­sich­ti­gen sei auch die Son­der­rol­le Ber­lins als Haupt­stadt und Tou­ris­ten­me­tro­po­le. Der Kern­be­stand des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes wer­de durch die maßvol­le Frei­ga­be des Ein­zel­han­dels nicht an­ge­tas­tet.


Die Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern des Lan­des Bran­den­burg ver­tre­te die An­sicht, ein weit­ge­hen­des Ver­bot der Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen scha­de dem Stand­ort Deutsch­land, sei­ner Wirt­schaft und sei­nen Bürgern. Das Ar­beits­zeit­ge­setz bie­te hin­rei­chen­de Schutzmöglich­kei­ten.

Die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer zu Köln ver­wei­se auf die wich­ti­ge Funk­ti­on der ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge für den Ein­zel­han­del so­wie für die Vi­ta­lität der In­nenstädte. Für den in­nerstädti­schen Ein­zel­han­del ei­nes Ober­zen­trums sei­en ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­ta­ge ge­ra­de­zu not­wen­dig, um sich im na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Stand­ort­wett­be­werb zu be­haup­ten.

14. Der Haupt­ver­band des Deut­schen Ein­zel­han­dels (HDE) hält die Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes für ver­fas­sungs­kon­form. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei­en un­zulässig, je­den­falls aber un­be­gründet. Es feh­le den Be­schwer­deführern schon an der Be­schwer­de­be­fug­nis, denn sie sei­en nicht selbst und zu­min­dest teil­wei­se nicht un­mit­tel­bar von den an­ge­grif­fe­nen Nor­men be­trof­fen. Die mögli­che Ver­let­zung ei­nes Grund­rechts sei nicht dar­ge­tan. Teil­wei­se un-

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zulässig sei­en die Ver­fas­sungs­be­schwer­den darüber hin­aus, weil die Be­schwer­deführer zunächst den Rechts­weg zu den Fach­ge­rich­ten be­schrei­ten müss­ten. Un­abhängig da­von sei­en die Be­schwer­deführer aber auch sach­lich nicht in ih­ren Grund­rech­ten ver­letzt.

15. Nach Auf­fas­sung des Christ­li­chen Ge­werk­schafts­bunds (CGB) dient der Sonn- und Fei­er­tags­schutz des Art. 139 WRV im Schwer­punkt dem re­li­giös-ge­mein­schaft­li­chen As­pekt, der „see­li­schen Er­he­bung“, und we­ni­ger der körper­li­chen Er­ho­lung. Dies er­ge­be sich aus dem Kon­text der Be­stim­mung. Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ses Um­stands kon­kre­ti­sie­re Art. 139 WRV die in Art. 4 GG ma­ni­fes­tier­te Re­li­gi­ons­frei­heit. Un­ter­mau­ert wer­de dies durch die christ­lich ge­prägte Be­deu­tung des Sonn­tags in der abendländi­schen Kul­tur. Das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz he­be­le den Schutz der Sonn- und Fei­er­ta­ge aus und ver­let­ze des­sen Kern­be­reich. Den Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei statt­zu­ge­ben.

16. Die Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di und der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) tei­len die Rechts­auf­fas­sung der Be­schwer­deführer und un­terstützen die Ver­fas­sungs­be­schwer­den in ei­ner ge­mein­sa­men Stel­lung­nah­me. Im In­ter­es­se der Ver­wirk­li­chung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben zum Sonn-und Fei­er­tags­schutz sei es not­wen­dig, den Kir­chen die Möglich­keit zur ef­fek­ti­ven Durch­set­zung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zu eröff­nen. Die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten sei­en schon des­halb ver­fas­sungs­wid­rig, weil das Land kei­ne Kom­pe­tenz zur Re­ge­lung der ar­beits­schutz­recht­li­chen As­pek­te des La­den­schlus­ses ha­be. Fer­ner stell­ten die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ei­nen nicht ge­recht­fer­tig­ten Ein­griff in den gemäß Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ga­ran­tier­ten Schutz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he dar. Sie sei­en we­der ge­eig­net noch er­for­der­lich, um die vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Zie­le zu er­rei­chen. Im Übri­gen sei­en sie we­gen der gra­vie­ren­den Fol­gen auch nicht an­ge­mes­sen. Hin­zu kom­me, dass auch der Schutz der Fa­mi­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) und die körper­li­che Un­ver­sehrt­heit der Ar­beit­neh­mer (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) be­ein­träch­tigt würden.

Im Übri­gen he­ben die Ge­werk­schaft ver.di und der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund her­vor, die Eig­nung der vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ge­trof­fe­nen Re­ge­lung, das ver­folg­te Ziel zu er­rei­chen, nämlich zusätz­li­che Ar­beitsplätze zu schaf­fen und die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung po­si­tiv zu be­ein­flus­sen, be­geg­ne er­heb­li­chen Zwei­feln. Die­se Zie­le sei­en schon bei frühe­ren Aus­wei­tun­gen der La­denöff­nungs­zei­ten ge­nannt, aber ver­fehlt wor­den. So ha­be ins­be­son­de­re die Verlänge­rung der La­denöff­nungs­zei­ten an Sams­ta­gen bis 20.00 Uhr seit dem Jahr 2003 bis zum Jahr 2007 le­dig­lich zu ei­ner Um­satz­stei­ge­rung von 0,2 % geführt. Zu­gleich sei die Zahl

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der Beschäftig­ten um 3,2 % zurück­ge­gan­gen. Be­son­ders gra­vie­rend sei die Ent­wick­lung bei den Voll­zeit­beschäftig­ten. De­ren Zahl sei seit 2003 um 10,5 % ge­sun­ken, während der An­teil ge­ringfügig ent­lohn­ter Beschäftig­ter um 4,9 % und der An­teil von Teil­zeit­beschäftig­ten um 5,9 % ge­stie­gen sei. Die­se Zah­len zeig­ten, dass ei­ne Verlänge­rung der La­denöff­nungs­zei­ten nicht die er­hoff­ten po­si­ti­ven Ef­fek­te nach sich zie­he. Die Verände­rung der Öff­nungs­zei­ten ha­be kei­ne Erhöhung des Kon­sums zur Fol­ge, ver­ur­sa­che aber höhe­re Be­triebs­kos­ten. Re­gelmäßig würden die­se durch Ein­spa­run­gen bei den Per­so­nal­kos­ten kom­pen­siert, was zu ei­ner Aus­wei­tung ge­ringfügig ent­lohn­ter Beschäfti­gung zu­las­ten so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger Beschäfti­gung führe. Im Er­geb­nis würden le­dig­lich die Kun­den­ströme ver­la­gert, zu­guns­ten der großen Ein­kaufs­zen­tren und der In­nenstädte von Großstädten, zu­las­ten klei­ne­rer Ein­zel­han­dels­geschäfte und der Geschäfte in Klein- und Mit­telstädten so­wie in städti­schen Rand­la­gen. Ziel des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes sei ge­ra­de, die Kun­den­ströme aus den um­lie­gen­den Ge­bie­ten ab­zu­zie­hen und die Kauf­kraft nach Ber­lin zu ver­la­gern. Die­se Kon­kur­renz­si­tua­ti­on könne da­zu führen, dass be­nach­bar­te Re­gio­nen zu­las­ten des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes um die li­be­ra­le­ren Öff­nungs­zei­ten wett­ei­fer­ten.


Wei­ter wei­sen die Ge­werk­schaf­ten dar­auf hin, dass die Ar­beits­zei­ten der Beschäftig­ten weit über die Öff­nungs­zei­ten der Geschäfte hin­aus­gin­gen, weil die La­denöff­nung um­fang­rei­che Vor- und Nach­ar­bei­ten er­for­de­re. Fer­ner be­to­nen sie die Be­deu­tung der durch die kol­lek­tiv frei­en Ta­ge be­wirk­ten glei­chen Tak­tung des so­zia­len Le­bens. Erst die­se Syn­chro­ni­sa­ti­on der Frei­zeit schaf­fe die Möglich­keit, sich dem Le­ben in der Fa­mi­lie, in der Ehe, den Ver­ei­nen, den Ge­mein­den und da­mit Grund­ele­men­ten des so­zia­len Zu­sam­men­le­bens zu­zu­wen­den. Die Verände­rung der Öff­nungs­zei­ten führe zu ei­ner ent­spre­chen­den Verände­rung der Rhyth­mi­zität von Ar­beit und Frei­zeit, ver­bun­den mit ei­ner De­syn­chro­ni­sa­ti­on von bio­lo­gi­schen und so­zia­len Rhyth­men. Die Ab­wei­chung von den Nor­mal- und Stan­dard­ar­beits­zei­ten führe zu ei­ner Erhöhung des Ri­si­kos von Be­ein­träch­ti­gun­gen im phy­sio­lo­gi­schen wie im psy­cho­so­zia­len Be­reich, und zwar nicht nur für die Be­trof­fe­nen selbst, son­dern auch für de­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge.


Zur Beschäftig­ten­struk­tur im Ein­zel­han­del führen die Ge­werk­schaf­ten aus, dass zum 31. März 2007 im Ein­zel­han­del ins­ge­samt - al­ler­dings deutsch­land­weit - von et­wa 2 Mil­lio­nen Beschäftig­ten mehr als zwei Drit­tel, nämlich 1,4 Mil­lio­nen, weib­lich ge­we­sen sei­en. Von den im Han­del ins­ge­samt (Ein­zel- und Großhan­del) zu die­sem Stich­tag beschäftig­ten Frau­en sei et­wa die Hälf­te jünger als 40 Jah­re und rund drei Vier­tel jünger als 50 Jah­re. Die An­zahl von beschäftig­ten Frau­en un­ter 50 Jah­ren lie­ge im Ein­zel­han­del bei et­wa 75 % und sei be­son­ders groß.

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Die­se Grup­pe sei aber ge­ra­de im Hin­blick auf die mit der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he ver­folg­ten so­zia­len Zwe­cke be­son­ders sen­si­bel. Per­so­nen in die­ser Al­ters­grup­pe hätten ty­pi­scher­wei­se häufig Kin­der, die noch nicht volljährig und selbständig sei­en. Tra­di­tio­nell kom­me der größere Teil der Kin­der­be­treu­ung und der Ver­sor­gung des Haus­hal­tes noch im­mer den Frau­en zu. Sie sei­en da­her in be­son­de­rer Wei­se be­trof­fen.

Sch­ließlich wei­sen die Ge­werk­schaf­ten auch auf die Fol­gen der Sonn- und Fei­er­tagsöff­nung für an­de­re Be­rei­che hin, et­wa in der Zu­lie­fer­in­dus­trie und im Be­reich der In­fra­struk­tur. Be­son­ders kri­tisch se­hen die Ge­werk­schaf­ten die La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen. Die Beschäftig­ten im Ein­zel­han­del bedürf­ten ge­ra­de in der Vor­weih­nachts­zeit we­gen der be­son­de­ren Be­las­tun­gen durch das Weih­nachts­geschäft noch dring­li­cher der Er­ho­lungs­pha­se am Wo­chen­en­de.

Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sei­en nach al­lem we­der ge­eig­net noch er­for­der­lich, die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Zie­le zu er­rei­chen. Sie sei­en un­verhält­nismäßig, weil die mit der Öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen ver­bun­de­nen Fol­gen so gra­vie­rend sei­en, dass die ver­folg­ten Zie­le sol­che Aus­nah­men nicht recht­fer­ti­gen könn­ten. Ne­ben der Re­li­gi­ons­frei­heit sei zu­gleich der Schutz der Fa­mi­lie im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 GG gefähr­det und der Schutz der körper­li­chen Un­ver­sehrt­heit gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG be­ein­träch­tigt.

17. Die sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Knauth und Pro­fes­sor Dr. Nach­rei­ner ha­ben zu den Aus­wir­kun­gen von Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit auf die Beschäftig­ten und de­ren An­gehöri­ge aus ar­beits- und so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Sicht Stel­lung­nah­men ab­ge­ge­ben.

IV.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung ha­ben sich geäußert: die Be­schwer­deführer, das Ab­ge­ord­ne­ten­haus und der Se­nat von Ber­lin, der Han­dels­ver­band Ber­lin-Bran­den­burg e.V., die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels e.V., der Haupt­ver­band des Deut­schen Ein­zel­han­dels, die Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di, die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz und der Rat der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land so­wie die sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Knauth und Pro­fes­sor Dr. Nach­rei­ner.

Die Ver­tre­ter des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses und des Se­nats von Ber­lin ha­ben die An­sicht ver­tre­ten, dass das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz den Sonn­tags­schutz

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ge­genüber der Rechts­la­ge nach dem La­den­schluss­ge­setz des Bun­des nicht ver­schlech­tert, son­dern so­gar verstärkt ha­be. Denn die Be­zirksämter hätten nach frühe­rer Rechts­la­ge gestützt auf § 23 La­dSchlG zahl­rei­che Aus­nah­men vom Ver­bot der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu­ge­las­sen. Die neue ge­setz­li­che Re­ge­lung se­he ei­ne sol­che all­ge­mei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung hin­ge­gen nicht vor. Im neu­en Ge­setz ha­be man die Zahl der für ei­ne Frei­ga­be of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­ge auf ei­ne ab­so­lu­te Höchst­zahl be­grenzt und zu­dem die Schwie­rig­kei­ten und Unwägbar­kei­ten, wel­che die An­wen­dung des § 23 La­dSchlG mit sich ge­bracht ha­be, be­sei­tigt.

B.

Die zulässi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den ha­ben in der Sa­che teil­wei­se Er­folg.

I.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind zulässig. Die be­schwer­deführen­den, öffent­lich­recht­lich ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind be­schwer­defähig und be­schwer­de­be­fugt (1.). Das Ge­bot der Rechts­we­gerschöpfung steht der Zulässig­keit nicht ent­ge­gen (2.).

1. Die Be­schwer­deführer sind als ju­ris­ti­sche Per­so­nen un­ge­ach­tet ih­rer öffent­lich­recht­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­ons­form hin­sicht­lich des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit be­schwer­defähig (vgl. BVerfGE 42, 312 <321 f.>; 53, 366 <387 f.>) und auch be­schwer­de­be­fugt. Sie ma­chen gel­tend, durch die an­ge­grif­fe­nen Nor­men in ei­nem ver­fas­sungs­be­schwer­defähi­gen Recht (vgl. Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG), nämlich in Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV selbst, un­mit­tel­bar und ge­genwärtig ver­letzt zu sein. Dies er­scheint als möglich (vgl. BVerfGE 94, 49 <84>; sie­he auch BVerfGE 28, 17 <19>; 52, 303 <327>; 65, 227 <232 f.>; 89, 155 <171>).

a) Ein Be­trof­fen­sein in ei­nem ei­ge­nen Grund­recht wäre von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, wenn auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts be­reits ent­wi­ckel­te Grundsätze zur Reich­wei­te des Grund­rechts der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG an­ge­wandt wer­den könn­ten und auf de­ren Grund­la­ge ei­ne Ver­let­zung die­ses Grund­rechts in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV oh­ne wei­te­res zu ver­nei­nen wäre (vgl. BVerfGE 110, 274 <287 ff.> zu Art. 12 Abs. 1 GG). Die Möglich­keit ei­ner Grund­rechts­ver­let­zung ist hin­ge­gen dann ge­ge­ben, wenn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

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ei­ne bis­lang vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht ent­schie­de­ne, of­fe­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge auf­wirft (vgl. BVerfGE 94, 49 <84>; Ma­gen, in: Um­bach/Cle­mens/Dol­lin­ger, BVerfGG, 2. Aufl., § 92 Rn. 50), die die An­nah­me ei­nes ver­fas­sungs­be­schwer­defähi­gen Rechts je­den­falls nicht von vorn­her­ein aus-schließt. Das ist hier hin­sicht­lich der Fra­ge ei­nes et­wai­gen Über­wir­kens der ob­jek­tiv­recht­li­chen Schutz­ga­ran­tie des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV auf das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG im Sin­ne ei­ner Kon­kre­ti­sie­rung und Stärkung des Grund­rechts­schut­zes der Fall.

Die Be­schwer­deführer wer­fen die Fra­ge auf, ob und in­wie­weit sich Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im We­ge ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf die ver­fas­sungs­recht­li­che Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie des Art. 139 WRV be­ru­fen können. Es han­delt sich hier­bei um ei­nen in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts noch nicht geklärten Pro­blem­kreis, da bis­lang nur die Wir­kung des Art. 139 WRV ge­genüber Grund­recht­strägern be­ur­teilt wur­de, die sich in ih­rer Be­rufs­ausübungs­frei­heit ein­ge­schränkt sa­hen und de­nen an Aus­nah­men vom Sonn- und Fei­er­tags­schutz ge­le­gen war (vgl. BVerfGE 111, 10). Da­ne­ben wur­de in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts le­dig­lich aus­ge­spro­chen, dass Art. 140 GG selbst kei­ne Grund­rechts­qua­lität bei­zu­mes­sen ist (vgl. BVerfGE 19, 129 <135>; sie­he da­zu auch BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 18. Sep­tem­ber 1995 - 1 BvR 1456/95 -, NJW 1995, S. 3378 f.). Of­fen ge­blie­ben ist bis­her aber, ob und in­wie­weit ge­ra­de Art. 139 WRV im Zu­sam­men­wir­ken mit Art. 4 Abs. 1 und 2 GG oder an­de­ren Grund­rech­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten oder an­de­ren Be­trof­fe­nen ei­ne Durch­set­zung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ermöglicht. Un­be­ant­wor­tet ist wei­ter, ob und in­wie­weit der Schutz­ge­halt ei­nes Grund­rechts - hier des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG - durch den Sonn­tags­schutz des Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) kon­kre­ti­siert und verstärkt wer­den kann und da­bei die Gewähr­leis­tun­gen der Ar­beits­ru­he und der Möglich­keit zu see­li­scher Er­he­bung in die Be­stim­mung des Schutz­ge­halts der Grund­rechts­norm ein­zu­be­zie­hen sind. Be­ja­hen­den­falls stellt sich die bis­lang eben­so un­geklärte Fra­ge, ob es ge­ra­de we­gen der Be­deu­tung des Sonn­tags­schut­zes für die La­denöff­nung kon­kre­te, auch grund-rechts­verbürg­te Gren­zen für die­se gibt und wo sie ver­lau­fen.

Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG steht auch den Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten zu (vgl. nur BVerfGE 24, 236). Schon nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind die Gewähr­leis­tun­gen der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel funk­tio­nal auf die In­an­spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt (vgl. BVerfGE 102, 370 <387>).

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Da­nach er­scheint ei­ne Ver­let­zung der Be­schwer­deführer in ei­nem durch die Gewähr­leis­tung des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV kon­kre­ti­sier­ten Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch die ge­setz­li­che Er­wei­te­rung der La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen als möglich.


b) Die Be­schwer­deführer ha­ben über­dies auch hin­rei­chend dar­ge­legt, selbst be­trof­fen zu sein, ob­gleich sie nicht un­mit­tel­bar Adres­sa­ten der lan­des­ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen über die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung sind. Aus ih­rem Vor­trag er­gibt sich die Möglich­keit ei­nes recht­lich er­heb­li­chen Nach­teils auch für sie. Geöff­ne­te Läden und ei­ne In­an­spruch­nah­me des Sonn- oder Fei­er­ta­ges sei­tens der Be­schwer­deführer zum Zwe­cke der see­li­schen Er­he­bung schließen sich zwar nicht gänz­lich aus. So können auch während der La­denöff­nungs­zei­ten Got­tes­diens­te oder an­de­re re­li­giöse Ver­an­stal­tun­gen ab­ge­hal­ten oder die­se ge­ge­be­nen­falls auf Ta­ges­zei­ten ver­legt wer­den, zu de­nen die Geschäfte noch nicht oder nicht mehr geöff­net ha­ben. Ei­ne Selbst­be­trof­fen­heit der Be­schwer­deführer kommt aber un­ter dem Ge­sichts­punkt in Be­tracht, dass sich durch die in Re­de ste­hen­den La­denöff­nungs­zei­ten ge­ne­rell der Cha­rak­ter der Sonn- und Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits-ru­he, aber auch der Be­sin­nung verändert, weil die­se Ta­ge auch in ih­rer Ganz­heit als Ta­ge der Ru­he und der see­li­schen Er­he­bung re­li­giöse Be­deu­tung für die Be­schwer­deführer ha­ben („... am sieb­ten Ta­ge sollst Du ru­hen, ...“; vgl. in der Bi­bel Ex 23, 12; da­zu wei­ter Dtn 5, 12-14 und in den Zehn Ge­bo­ten Ex 20, 8-11). Das gilt je­den­falls auf der Grund­la­ge der An­nah­me ei­ner Kon­kre­ti­sie­rung des Schutz­ge­halts des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV, auf die sich die Be­schwer­deführer be­ru­fen.


c) Die Be­schwer­deführer sind durch die in Re­de ste­hen­den Nor­men zu­dem ge­genwärtig be­trof­fen, weil das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz in Kraft ist. Die un­mit­tel­ba­re Be­trof­fen­heit der Be­schwer­deführer folgt dar­aus, dass die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten über die Möglich­keit der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG) kei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes bedürfen, al­so so ge­nann­te selbst­voll­zie­hen­de Ge­set­zes­nor­men sind (vgl. BVerfGE 109, 279 <306 f.> m.w.N.). Das gilt auch für die Be­stim­mun­gen in § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG. So­weit die Re­ge­lun­gen des § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG je­weils noch ei­ner Um­set­zung bedürfen, al­so ei­ner All­ge­mein­verfügung oder ei­ner vor­he­ri­gen An­zei­ge mit fol­gen­der Dul­dung sei­tens der Ver­wal­tung, steht dies der An­nah­me un­mit­tel­ba­ren Be­trof­fen­seins nicht ent­ge­gen. Von den An­zei­gen der Ver­kaufs­stel­len wer­den die Be­schwer­deführer zu­meist nicht recht­zei­tig Kennt­nis er­lan­gen. An­ge­sichts der Ku­mu­la­ti­on der im Ge­setz an ver­schie­de­nen Stel­len an­ge­leg­ten La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei-

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er­ta­gen ist ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­trof­fen­heit auch durch § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG kraft Sach­zu­sam­men­hangs ge­ge­ben.

2. Das Ge­bot der Rechts­we­gerschöpfung (§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) und der Grund­satz der Sub­si­dia­rität ste­hen der Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht ent­ge­gen.

a) Ge­gen die „selbst­voll­zie­hen­den“ Be­stim­mun­gen der § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG, wel­che die Öff­nun­gen an den vier Ad­vents­sonn­ta­gen so­wie für den Ver­kauf von leicht ver­derb­li­chem Obst und Gemüse und für ei­nen auf den Sonn­tag fal­len­den Hei­lig­abend be­tref­fen, ist für die Be­schwer­deführer kein wir­kungs­vol­ler Rechts­schutz außer­halb des Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­rens ge­ge­ben.

b) Hin­sicht­lich der Re­ge­lung der mit ei­ner An­zei­ge­pflicht ver­bun­de­nen Be­fug­nis der Ver­kaufs­stel­len zur Öff­nung aus be­son­de­rem An­lass (§ 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG) be­steht eben­so we­nig ein wir­kungs­vol­ler fach­ge­richt­li­cher Rechts­schutz. Die er­for­der­li­chen An­zei­gen, die sechs Ta­ge vor der be­ab­sich­tig­ten La­denöff­nung zu er­fol­gen ha­ben, müssen den Be­schwer­deführern nicht zur Kennt­nis ge­bracht wer­den.

c) We­gen der Möglich­keit, vier Sonn- und Fei­er­ta­ge durch All­ge­mein­verfügung auf­grund des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG für die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung frei­zu­ge­ben, ist den Be­schwer­deführern ei­ne Ver­wei­sung auf den fach­ge­richt­li­chen Rechts­weg nicht zu­mut­bar. Sie er­stre­ben ei­ne ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prüfung des Nor­men­kom­ple­xes der § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1, § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG ins­ge­samt; die an­de­ren Vor­schrif­ten können aber nicht oh­ne den da­mit im Sach­zu­sam­men­hang ste­hen­den § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG erschöpfend be­ur­teilt wer­den.

II.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind teil­wei­se be­gründet. Das Schutz­kon­zept, das den Re­ge­lun­gen zur La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen im Land Ber­lin zu­grun­de liegt, wird der Schutz­ver­pflich­tung des Lan­des­ge­setz­ge­bers aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) nicht hin­rei­chend ge­recht.

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Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG wird in sei­ner Be­deu­tung als Schutz­ver­pflich­tung des Ge­setz­ge­bers (1.) durch den ob­jek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz aus Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) kon­kre­ti­siert, der ne­ben sei­ner welt­lich-so­zia­len Be­deu­tung in ei­ner re­li­giös-christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zelt (2.). Da­nach ist ein Min­dest­ni­veau des Schut­zes der Sonn­ta­ge und der ge­setz­lich an­er­kann­ten - hier der kirch­li­chen - Fei­er­ta­ge durch den Ge­setz­ge­ber zu gewähr­leis­ten (3.). Dem genügt das Ber­li­ner Sonn- und Fei­er­tags­schutz­kon­zept nicht in je­der Hin­sicht. Die dort vor­ge­se­he­ne Möglich­keit der La­denöff­nung an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen ist mit den Min­dest­an­for­de­run­gen an ei­nen auch grund­rechts­verbürg­ten Schutz nicht mehr in Ein­klang zu brin­gen. Die Re­ge­lung über die Öff­nung auf­grund All­ge­mein­verfügung an vier wei­te­ren Sonn- und Fei­er­ta­gen trägt nur bei ein­schränken­der Aus­le­gung den Er­for­der­nis­sen des vom Ge­setz­ge­ber zu gewähr­leis­ten­den Min­dest­schut­zes Rech­nung (4.). Im Übri­gen hal­ten die an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen im Rah­men des vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Schutz­kon­zepts ver­fas­sungs­recht­li­cher Prüfung stand (5.).

1. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ist hier in sei­ner Be­deu­tung als Schutz­ver­pflich­tung des Staa­tes be­trof­fen.

Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz greift we­der ge­zielt in die Re­li­gi­ons­frei­heit der Be­schwer­deführer ein, noch liegt in den ver­schie­de­nen Be­stim­mun­gen und Op­tio­nen zur La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen das „funk­tio­na­le Äqui­va­lent“ ei­nes Ein­griffs. Es rich­tet sich mit den hier an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten an die Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und eröff­net die­sen Möglich­kei­ten zur La­denöff­nung an Sonn-und Fei­er­ta­gen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erschöpft sich der Grund­rechts­schutz nicht in sei­nem klas­si­schen Ge­halt als sub­jek­ti­ves Ab­wehr­recht ge­genüber staat­li­chen Ein­grif­fen. Aus Grund­rech­ten ist viel­mehr auch ei­ne Schutz­pflicht des Staa­tes für das geschütz­te Rechts­gut ab­zu­lei­ten, de­ren Ver­nachlässi­gung von dem Be­trof­fe­nen mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend ge­macht wer­den kann (vgl. BVerfGE 92, 26 <46>; ähn­lich BVerfGE 56, 54 <80 f.>; 77, 170 <215>; 79, 174 <202>). Auch die Re­li­gi­ons­frei­heit be­schränkt sich nicht auf die Funk­ti­on ei­nes Ab­wehr­rechts, son­dern ge­bie­tet auch im po­si­ti­ven Sinn, Raum für die ak­ti­ve Betäti­gung der Glau­bensüber­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der au­to­no­men Persönlich­keit auf welt­an­schau­lich-re­li­giösem Ge­biet zu si­chern (vgl. BVerfGE 41, 29 <49>). Die­se Schutz­pflicht trifft den Staat auch ge­genüber den als Körper­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten.

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Der Staat muss die­ser Schutz­pflicht durch hin­rei­chen­de Vor­keh­run­gen genügen. Aus ei­ner grund­recht­li­chen Schutz­pflicht folgt in der Re­gel in­des­sen kei­ne be­stimm­te Hand­lungs­vor­ga­be. Die zuständi­gen staat­li­chen Or­ga­ne, ins­be­son­de­re der Ge­setz­ge­ber, ha­ben viel­mehr zunächst in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung zu ent­schei­den, wie sie ih­re Schutz­pflich­ten erfüllen. Es ist grundsätz­lich Sa­che des Ge­setz­ge­bers, ein Schutz­kon­zept auf­zu­stel­len und nor­ma­tiv um­zu­set­zen. Da­bei kommt ihm ein wei­ter Einschätzungs-, Wer­tungs- und Ge­stal­tungs­spiel­raum zu. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die Ver­let­zung ei­ner sol­chen Schutz­pflicht nur fest­stel­len, wenn Schutz­vor­keh­run­gen ent­we­der über­haupt nicht ge­trof­fen sind, wenn die ge­trof­fe­nen Re­ge­lun­gen und Maßnah­men of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net oder völlig un­zuläng­lich sind, das ge­bo­te­ne Schutz­ziel zu er­rei­chen, oder wenn sie er­heb­lich hin­ter dem Schutz­ziel zurück­blei­ben (vgl. BVerfGE 92, 26 <46>; ähn­lich BVerfGE 56, 54 <80 f.>; 77, 170 <215>; 79, 174 <202>).

2. Al­lein aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG lässt sich kei­ne staat­li­che Ver­pflich­tung her­lei­ten, die re­li­giös-christ­li­chen Fei­er­ta­ge und den Sonn­tag un­ter den Schutz ei­ner näher aus­zu­ge­stal­ten­den ge­ne­rel­len Ar­beits­ru­he zu stel­len und das Verständ­nis be­stimm­ter Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten von nach de­ren Leh­re be­son­de­ren Ta­gen zu­grun­de zu le­gen. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG erfährt je­doch ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung durch die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV: Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie wirkt ih­rer­seits als in der Ver­fas­sung ge­trof­fe­ne Wer­tung auf die Aus­le­gung und Be­stim­mung des Schutz­ge­halts von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ein und ist des­halb auch bei der Kon­kre­ti­sie­rung der grund­recht­li­chen Schutz­pflicht des Ge­setz­ge­bers zu be­ach­ten. Art. 139 WRV enthält ei­nen Schutz­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber (vgl. BVerfGE 87, 363 <393>), der im Sin­ne der Gewähr­leis­tung ei­nes Min­dest­schutz­ni­veaus dem Grund­rechts­schutz aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in­so­weit Ge­halt gibt.

a) Art. 4 GG ga­ran­tiert in Ab­satz 1 die Frei­heit des Glau­bens, des Ge­wis­sens und des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses, in Ab­satz 2 das Recht der un­gestörten Re­li­gi­ons­ausübung. Bei­de Absätze des Art. 4 GG ent­hal­ten ein um­fas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grund­recht (vgl. BVerfGE 24, 236 <245 f.>; 32, 98 <106>; 44, 37 <49>; 83, 341 <354>; 108, 282 <297>), das auch die Re­li­gi­ons­frei­heit der Kor­po­ra­tio­nen um­fasst (vgl. BVerfGE 19, 129 <132>; 24, 236 <245>; 83, 341 <354 f.>).

Bei der nähe­ren Be­stim­mung des Schutz­ge­halts des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ist auch an die Schutz­ga­ran­tie des Art. 139 WRV für den Sonn-und Fei­er­tags­schutz an­zu­knüpfen. Die durch Art. 140 GG auf­ge­nom­me­nen Vor-

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schrif­ten der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung und so­mit auch Art. 139 WRV sind von glei­cher Norm­qua­lität wie die sons­ti­gen Be­stim­mun­gen des Grund­ge­set­zes (vgl. BVerfGE 111, 10 <50> m.w.N.). Bei der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie han­delt es sich zwar nicht um ein Grund­recht oder grund­rechts­glei­ches Recht (vgl. BVerfGE 19, 129 <135>; 19, 206 <218>). Die Gewähr­leis­tun­gen der so ge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel sind aber funk­tio­nal auch auf die In­an­spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>; 102, 370 <387>). Die in­kor­po­rier­ten Kir­chen­ar­ti­kel der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, die mit dem Grund­ge­setz ein or­ga­ni­sches Gan­zes bil­den (vgl. BVerfGE 66, 1 <22>; 70, 138 <167>), re­geln das Grund­verhält­nis zwi­schen Staat und Kir­che (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>). Es ist an­er­kannt, dass zu­min­dest Teil­as­pek­te die­ses Grund­verhält­nis­ses auch von Art. 4 GG er­fasst wer­den (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>). Im Kon­text des Grund­ge­set­zes sind die Kir­chen­ar­ti­kel auch ein Mit­tel zur Ent­fal­tung der Re­li­gi­ons­frei­heit der kor­po­rier­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten (vgl. BVerfGE 102, 370 <387> zu Art. 137 Abs. 5 Satz 2 WRV; sie­he auch BVerfGE 99, 100 <119 ff.> zu Art. 138 Abs. 2 WRV).


b) Die funk­tio­na­le Aus­rich­tung der so ge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel auf die In­an­spruch­nah­me des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG gilt auch für die Gewähr­leis­tung der Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung in Art. 139 WRV, ob­gleich in die­ser Norm selbst der re­li­giös-christ­li­che Be­zug nicht aus­drück­lich erwähnt wird. Art. 139 WRV hat nach sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te, sei­ner sys­te­mi­schen Ver­an­ke­rung in den Kir­chen­ar­ti­keln und sei­nen Re­ge­lungs­zwe­cken ne­ben sei­ner welt­lich-so­zia­len auch ei­ne re­li­giös-christ­li­che Be­deu­tung. Er si­chert mit sei­nem Schutz ei­ne we­sent­li­che Grund­la­ge für die Re­krea­ti­onsmöglich­kei­ten des Men­schen und zu­gleich für ein so­zia­les Zu­sam­men­le­ben und ist da­mit auch Ga­rant für die Wahr­neh­mung von Grund­rech­ten, die der Persönlich­keits­ent­fal­tung die­nen. Er er­weist sich so als ver­fas­sungs­ver­an­ker­tes Grund­ele­ment so­zia­len Zu­sam­men­le­bens und staat­li­cher Ord­nung und ist als Kon­nex­ga­ran­tie zu ver­schie­de­nen Grund­rech­ten zu be­grei­fen. Die Gewähr­leis­tung von Ta­gen der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung ist dar­auf aus­ge­rich­tet, den Grund­recht­schutz - auch im Sin­ne ei­nes Grund­rechts­vor­aus­set­zungs­schut­zes - zu stärken und kon­kre­ti­siert in­so­fern die aus den je­weils ein­schlägi­gen Grund­rech­ten fol­gen­den staat­li­chen Schutz­pflich­ten (vgl. Häber­le, Der Sonn­tag als Ver­fas­sungs­prin­zip, 2. Aufl. 2006, S. 63 f., 70).


Schon die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift lässt die Ver­knüpfung der tra­dier­ten re­li­giösen und so­zia­len As­pek­te des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zu­ta­ge tre­ten. Bei der Ein­brin­gung in der Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung hob der Be-

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richter­stat­ter, der Ab­ge­ord­ne­te Maus­bach (Zen­trums­par­tei), her­vor, die Be­stim­mung schütze die „öffent­li­che Sit­te“ und die christ­li­che Tra­di­ti­on und Re­li­gi­ons­ausübung. Die großen ge­schicht­li­chen Be­stand­tei­le der Kul­tus­ausübung ent­hiel­ten aber auch wert­vol­le Frei­heits­rech­te für die Ein­zel­nen; und ge­ra­de die­se Sei­te der Sonn­tags­ru­he, die „Scho­nung der Frei­heit“ und der „so­zia­len Gleich­wer­tig­keit al­ler Klas­sen“, sei dar­in an­ge­spro­chen (vgl. Heil­fron, Die Deut­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung im Jah­re 1919, 6. Band, 1920, S. 4007). Der Re­li­gi­ons­be­zug des Art. 139 WRV wird bestätigt durch sei­ne Stel­lung im Grund­rechts­teil der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung un­ter der Ab­schnittsüber­schrift „Re­li­gi­on und Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten“. Die In­kor­po­ra­ti­on der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel in das Grund­ge­setz war letzt­lich ein Kom­pro­miss, bei des­sen Fin­dung der über­kom­me­ne Gewähr­leis­tungs­ge­halt des Art. 139 WRV nicht mehr zur De­bat­te stand. Da­mit setz­te sich im Er­geb­nis die mo­ti­vi­sche Al­li­anz zwi­schen re­li­gi­ons- und ar­beits­ver­fas­sungs­po­li­ti­schen Be­stre­bun­gen fort, die schon das Zu­stan­de­kom­men des Art. 139 WRV be­stimmt hat­te (vgl. Ko­rioth, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 139 WRV Rn. 9 f.).

Art. 139 WRV ist da­mit ein re­li­giöser, in der christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zeln­der Ge­halt ei­gen, der mit ei­ner de­zi­diert so­zia­len, welt­lich-neu­tral aus­ge­rich­te­ten Zweck­set­zung ein­her­geht.

c) So­weit Art. 139 WRV an den Sonn­tag und an die staat­lich an­er­kann­ten re­li­giösen Fei­er­ta­ge in ih­rer über­kom­me­nen christ­li­chen Be­deu­tung als ar­beits­freie Ru­he­ta­ge an­knüpft, deckt er sich im le­bens­prak­ti­schen Er­geb­nis in sei­nen Wir­kun­gen weit­ge­hend mit der so­zia­len Be­deu­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie. Er hat in­so­weit sei­ne Wur­zeln im jüdi­schen Sab­bat (Sams­tag). Das jüdi­sche Verständ­nis des Sab­bats als hei­li­ger Ru­he­tag wur­de später auf den Sonn­tag über­tra­gen (vgl. Berg­holz, in: Theo­lo­gi­sche Rea­len­zy­klopädie, Bd. XXXI, 2000, Ar­ti­kel Sonn­tag, S. 451 ff.).

In der neu­zeit­li­chen In­ter­pre­ta­ti­on durch die großen öffent­lich­recht­lich ver­fass­ten christ­li­chen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten kommt dem Sonn­tag und den re­li­giös-christ­li­chen Fei­er­ta­gen auch die Auf­ga­be zu, Schutz vor ei­ner weit­ge­hen­den Öko­no­mi­sie­rung des Men­schen zu bie­ten. So heißt es et­wa im Ka­te­chis­mus der Ka­tho­li­schen Kir­che (Rn. 2172), der Sonn­tag un­ter­bre­che den Ar­beits­all­tag und gewähre ei­ne Ru­he­pau­se; er sei ein Tag des Pro­tes­tes ge­gen die „Fron der Ar­beit“ und die „Vergötzung des Gel­des“. Das Le­ben der Men­schen er­hal­te durch die Ar­beit und die Ru­he sei­nen Rhyth­mus (Rn. 2184). Im Evan­ge­li­schen Er­wach­se­nen­ka­te­chis­mus (6. Aufl. 2000) wird her­vor­ge­ho­ben, der Mensch und die Ge­sell­schaft brauch­ten den Sonn­tag, um zu er­fah­ren, dass Pro­duk­ti­on und Ren­ta­bi­lität nicht

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den Sinn des Le­bens aus­mach­ten. Nach die­sem Verständ­nis ist der „Rhyth­mus von Ar­beit und Ru­he" ein „zen­tra­ler Rhyth­mus der christ­lich-jüdi­schen Kul­tur“ (S. 424 f., S. 457).


d) Mit der Gewähr­leis­tung rhyth­misch wie­der­keh­ren­der Ta­ge der Ar­beits­ru­he kon­kre­ti­siert Art. 139 WRV über­dies das So­zi­al­staats­prin­zip. Un­ter die­sem Ge­sichts­punkt hat er wei­ter­ge­hen­de grund­recht­li­che Bezüge. Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie fördert und schützt nicht nur die Ausübung der Re­li­gi­ons­frei­heit. Die Ar­beits­ru­he dient darüber hin­aus der phy­si­schen und psy­chi­schen Re­ge­ne­ra­ti­on und da­mit der körper­li­chen Un­ver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 GG). Die Sta­tu­ie­rung ge­mein­sa­mer Ru­he­ta­ge dient dem Schutz von Ehe und Fa­mi­lie (Art. 6 Abs. 1 GG). Auch die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit lässt sich so ef­fek­ti­ver wahr­neh­men (Art. 9 Abs. 1 GG). Der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie kann schließlich ein be­son­de­rer Be­zug zur Men­schenwürde bei­ge­mes­sen wer­den, weil sie dem öko­no­mi­schen Nut­zen­den­ken ei­ne Gren­ze zieht und dem Men­schen um sei­ner selbst wil­len dient.

Die so­zia­le Be­deu­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes und mit­hin der ge­ne­rel­len Ar­beits­ru­he im welt­li­chen Be­reich re­sul­tiert we­sent­lich aus der - na­ment­lich durch den Wo­chen­rhyth­mus be­ding­ten - syn­chro­nen Tak­tung des so­zia­len Le­bens. Während die Ar­beits­zeit- und Ar­beits­schutz­re­ge­lun­gen je­weils für den Ein­zel­nen Schutz­wir­kung ent­fal­ten, ist der zeit­li­che Gleich­klang ei­ner für al­le Be­rei­che re­gelmäßigen Ar­beits­ru­he ein grund­le­gen­des Ele­ment für die Wahr­neh­mung der ver­schie­de­nen For­men so­zia­len Le­bens. Das be­trifft vor al­lem die Fa­mi­li­en, ins­be­son­de­re je­ne, in de­nen es meh­re­re Be­rufstäti­ge gibt, aber auch ge­sell­schaft­li­che Verbände, na­ment­lich die Ver­ei­ne in den un­ter­schied­li­chen Spar­ten. Da­ne­ben ist im Au­ge zu be­hal­ten, dass die Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen auch für die Rah­men­be­din­gun­gen des Wir­kens der po­li­ti­schen Par­tei­en, der Ge­werk­schaf­ten und sons­ti­ger Ver­ei­ni­gun­gen be­deut­sam ist und sich wei­ter, frei­lich im Ver­bund mit ei­nem ge­sam­ten „frei­en Wo­chen­en­de“, auch auf die Möglich­kei­ten zur Ab­hal­tung von Ver­samm­lun­gen aus­wirkt. Ihr kommt mit­hin auch er­heb­li­che Be­deu­tung für die Ge­stal­tung der Teil­ha­be im All­tag ei­ner ge­leb­ten De­mo­kra­tie zu. Sinnfällig kommt das da­durch zum Aus­druck, dass nach der ein­fach­recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Tag der Wah­len ein Sonn­tag oder ge­setz­li­cher Fei­er­tag sein muss (vgl. § 16 Satz 2 Bun­des­wahl­ge­setz).

Darüber hin­aus eröff­net die ge­ne­rel­le Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen dem Ein­zel­nen die Möglich­keit der phy­si­schen und psy­chi­schen Re­ge­ne­ra­ti­on. Aus ar­beits­wis­sen­schaft­li­cher Sicht wird dem we­sent­li­che Be­deu­tung für das in­di­vi­du­el­le Wohl­be­fin­den und die ge­sund­heit­li­che Sta­bi­lität bei­ge­mes­sen, wie die

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sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Pe­ter Knauth und Pro­fes­sor Dr. Fried­helm Nach­rei­ner in der münd­li­chen Ver­hand­lung fun­diert aus­geführt ha­ben.

e) Ne­ben die­ser an­hand des Re­ge­lungs­zwecks be­stimm­ten Be­deu­tung für den Schutz der Grund­rech­te wird der Cha­rak­ter des Art. 139 WRV als Kon­nex­ga­ran­tie da­durch un­ter­stri­chen, dass ver­fas­sungs­recht­li­che In­sti­tuts­ga­ran­ti­en oh­ne­hin in ih­rem je­weils spe­zi­fi­schen Ge­halt auf Grund­rechtsstärkung aus­ge­rich­tet sind. Da die Ver­fas­sung ins­ge­samt als ein te­leo­lo­gi­sches Sinn­ge­bil­de er­scheint (vgl. BVerfGE 19, 206 <220>) und der Sonn- und Fei­er­tags­schutz in Art. 139 WRV zu­dem als ver­fas­sungs­recht­li­che Wer­tung zu be­grei­fen ist, ist die­ser Schutz­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber bei der Kon­kre­ti­sie­rung sei­ner grund­rechts­ver­an­ker­ten Schutz­pflich­ten her­an­zu­zie­hen.

f) Die Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität steht ei­ner Kon­kre­ti­sie­rung des Schutz­ge­halts des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 139 WRV nicht ent­ge­gen. Denn die Ver­fas­sung selbst un­ter­stellt den Sonn­tag und die Fei­er­ta­ge, so­weit sie staat­lich an­er­kannt sind, ei­nem be­son­de­ren staat­li­chen Schutz­auf­trag und nimmt da­mit ei­ne Wer­tung vor, die auch in der christ­lich-abendländi­schen Tra­di­ti­on wur­zelt und ka­len­da­risch an die­se an­knüpft. Wenn dies den christ­li­chen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ei­nen grund­rechts­ver­an­ker­ten Min­dest­schutz der Sonn­ta­ge und ih­rer staat­lich an­er­kann­ten Fei­er­ta­ge ver­mit­telt, so ist dies in der Wer­tent­schei­dung des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV an­ge­legt. Im Übri­gen können sich auf die­sen Schutz auch an­de­re Grund­recht­sträger im Rah­men ih­rer Grund­rechts­verbürgun­gen be­ru­fen.

g) Der ob­jek­tiv­rech­li­che Schutz­auf­trag, der in der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie be­gründet ist (Art. 139 WRV), ist mit­hin auf die Stärkung des Schut­zes der­je­ni­gen Grund­rech­te an­ge­legt, die in be­son­de­rem Maße auf Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung an­ge­wie­sen sind. Dies trifft sich mit der Schutz­pflicht, die auch aus den Grund­rech­ten selbst dem Staat und sei­nen Or­ga­nen erwächst. Der Schutz­auf­trag des Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) löst da­mit nicht nur die Schutz­funk­ti­on der Grund­rechts­verbürgung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Be­zug auf den Sonn- und Fei­er­tags­schutz aus; darüber hin­aus kon­kre­ti­siert er auch in­halt­lich die ma­te­ri­el­len Vor­ga­ben für die Aus­ge­stal­tung des grund­recht­lich ge­bo­te­nen Min­dest­schutz­ni­veaus für die Sonn- und Fei­er­ta­ge durch den Ge­setz­ge­ber.


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3. Der Ge­setz­ge­ber ver­letzt die sich aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG er­ge­ben­de Schutz­pflicht, wenn er die aus Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV fol­gen­den Min­dest­an­for­de­run­gen an den Sonn- und Fei­er­tags­schutz un­ter­schrei­tet.

a) Cha­rak­ter und Um­fang der Schutz­ga­ran­tie des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ha­ben durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts schon bis­her ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung er­fah­ren:

Art. 139 WRV enthält ei­nen Schutz­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber (vgl. BVerfGE 87, 363 <393>), der für die Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen un­ter an­de­rem ein Re-gel-Aus­nah­me-Verhält­nis sta­tu­iert (vgl. BVerfGE 87, 363 <393>; 111, 10 <53>). Grundsätz­lich hat die ty­pi­sche „werktägli­che Geschäftig­keit“ an Sonn- und Fei­er-ta­gen zu ru­hen. Der ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te Sonn- und Fei­er­tags­schutz ist nur be­grenzt ein­schränk­bar. Aus­nah­men von der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he sind zur Wah­rung höher- oder gleich­wer­ti­ger Rechtsgüter möglich; in je­dem Fal­le muss der aus­ge­stal­ten­de Ge­setz­ge­ber aber ein hin­rei­chen­des Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes wah­ren (vgl. BVerfGE 111, 10 <50>).

Im Ein­zel­nen gilt in­so­weit: Der Schutz der Sonn- und Fei­er­ta­ge wird in Art. 139 WRV als ge­setz­li­cher Schutz be­schrie­ben. Dies be­deu­tet, dass die In­sti­tu­ti­on des Sonn- und Fei­er­tags un­mit­tel­bar durch die Ver­fas­sung ga­ran­tiert ist, die Art und das Aus­maß des Schut­zes aber ei­ner ge­setz­li­chen Aus­ge­stal­tung bedürfen. Der Ge­setz­ge­ber darf in sei­nen Re­ge­lun­gen auch an­de­re Be­lan­ge als den Schutz der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung zur Gel­tung brin­gen. Ihm ist des­halb ein Aus­gleich zwi­schen Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ei­ner­seits und Art. 12 Abs. 1, aber auch Art. 2 Abs. 1 GG an­der­seits auf­ge­ge­ben (vgl. BVerfGE 111, 10 <50>).


Der Schutz des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ist nicht auf ei­nen re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Sinn­ge­halt der Sonn- und Fei­er­ta­ge be­schränkt. Um­fasst ist zwar die Möglich­keit der Re­li­gi­ons­ausübung an Sonn- und Fei­er­ta­gen. Die Re­ge­lung zielt in der säku­la­ri­sier­ten Ge­sell­schafts- und Staats­ord­nung aber auch auf die Ver­fol­gung pro­fa­ner Zie­le wie die der persönli­chen Ru­he, Be­sin­nung, Er­ho­lung und Zer­streu­ung. An den Sonn- und Fei­er­ta­gen soll grundsätz­lich die Geschäftstätig­keit in Form der Er­werbs­ar­beit, ins­be­son­de­re der Ver­rich­tung abhängi­ger Ar­beit, ru­hen, da­mit der Ein­zel­ne die­se Ta­ge al­lein oder in Ge­mein­schaft mit an­de­ren un­ge­hin­dert von werktägli­chen Ver­pflich­tun­gen und Be­an­spru­chun­gen nut­zen kann. Geschützt ist da­mit der all­ge­mein wahr­nehm­ba­re Cha­rak­ter des Ta­ges, dass es sich grundsätz­lich um ei­nen für al­le ver­bind­li­chen


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Tag der Ar­beits­ru­he han­delt. Die ge­mein­sa­me Ge­stal­tung der Zeit der Ar­beits­ru­he und see­li­schen Er­he­bung, die in der so­zia­len Wirk­lich­keit seit je­her ins­be­son­de­re auch im Freun­des­kreis, ei­nem ak­ti­ven Ver­eins­le­ben und in der Fa­mi­lie statt­fin­det, ist in­so­weit nur dann plan­bar und möglich, wenn ein zeit­li­cher Gleich­klang und Rhyth­mus, al­so ei­ne Syn­chro­nität, si­cher­ge­stellt ist. Auch in­so­weit kommt ge­ra­de dem Sonn­tag im Sie­ben-Ta­ge-Rhyth­mus und auch dem je­den­falls re­gel­haft lan­des­wei­ten Fei­er­tags­gleich­klang be­son­de­re Be­deu­tung zu. Die­se gründet dar­in, dass die Bürger sich an Sonn- und Fei­er­ta­gen von der be­ruf­li­chen Tätig­keit er­ho­len und das tun können, was sie in­di­vi­du­ell für die Ver­wirk­li­chung ih­rer persönli­chen Zie­le und als Aus­gleich für den All­tag als wich­tig an­se­hen. Die von Art. 139 WRV eben­falls er­fass­te Möglich­keit see­li­scher Er­he­bung soll al­len Men­schen un­be­scha­det ei­ner re­li­giösen Bin­dung zu­teil wer­den (vgl. BVerfGE 111, 10 <51>).

b) Der Ge­setz­ge­ber kann bei dem Aus­gleich ge­genläufi­ger Schutzgüter im Rah­men sei­nes Ge­stal­tungs­spiel­raums auf ei­ne geänder­te so­zia­le Wirk­lich­keit, ins­be­son­de­re auf Ände­run­gen im Frei­zeit­ver­hal­ten, Rück­sicht neh­men. Al­ler­dings führt der Schutz der Ver­wirk­li­chung von Frei­zeitwünschen der Bürger in­so­weit zu ei­nem Kon­flikt, als die­se auf die Be­reit­stel­lung von Leis­tun­gen an­ge­wie­sen sind, die den Ar­beits­ein­satz der An­bie­ter sol­cher Leis­tun­gen er­for­dern.

Ein­fach­recht­lich wer­den schon seit je­her an Sonn- und Fei­er­ta­gen Ar­bei­ten ge­stat­tet, die aus ge­sell­schaft­li­chen oder tech­ni­schen Gründen not­wen­dig sind. Die­se Ar­bei­ten „trotz des Sonn- und Fei­er­tags“ sind in Gren­zen durch­aus zulässig. So ist an­er­kannt, dass et­wa zum Schutz von Grund­rech­ten und sonst ge­wich­ti­gen Rechtsgütern der Bürger oder der Ge­mein­schaft in Ret­tungs­diens­ten, bei Feu­er­wehr, Po­li­zei, in der ge­sam­ten me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung, für die Auf­recht­er­hal­tung der In­fra­struk­tur - ne­ben der En­er­gie­ver­sor­gung auch die Si­che­rung der Mo­bi­lität (Au­to­s­traßen, Bah­nen, Bus­se, Luft­ver­kehr) - an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­ar­bei­tet wer­den darf. In die­sen Be­reich fal­len auch die vielfälti­gen Not­diens­te der un­ter­schied­li­chen Bran­chen und die Aus­nah­men im in­dus­tri­el­len Be­reich aus pro­duk­ti­ons­tech­ni­schen Gründen. Für die Er­hal­tung der Wett­be­werbsfähig­keit im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich und da­mit aus beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Erwägun­gen ist schließlich im Be­reich der In­dus­trie ei­ne Aus­nah­me vom Sonn­tags­schutz seit lan­gem ak­zep­tiert, zu­mal die­se der öffent­li­chen Wahr­neh­mung weit­ge­hend ent­zo­gen ist und ihr da­mit kein prägen­der Cha­rak­ter für den äußeren Ru­he­rah­men der Sonn­ta­ge zu­kommt (vgl. nur die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen in § 10 Abs. 1 Nr. 14 bis 16 und Abs. 2 so­wie ins­be­son­de­re in § 13 Abs. 1, 4 und 5 Ar­beits­zeit­ge­setz - Arb­ZG). Dem ent­spricht, dass et­wa der öffent­lich wahr­nehm­ba­re Schwer­last­ver­kehr auf­grund ver­kehrs­recht­li­cher Be­stim­mung als Aus­druck des Sonn­tags­schut­zes

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grundsätz­lich ruht, es aber auch hier Aus­nah­men gibt (vgl. § 30 Abs. 3 Straßen­ver­kehrs-Ord­nung). Ne­ben die­sen Fel­dern der „Ar­beit trotz des Sonn­tags“ ist auch die „Ar­beit für den Sonn­tag“ an­er­kannt, die et­wa in der Ho­tel- und Gas­tro­no­mie­bran­che und im Be­reich der Si­cher­stel­lung der Mo­bi­lität des Ein­zel­nen da­zu dient, den Bürgern ei­ne in­di­vi­du­el­le Ge­stal­tung ih­res Ta­ges der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung zu ermögli­chen. Stets aber muss ein hin­rei­chen­des Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ge­wahrt blei­ben (vgl. BVerfGE 111, 10 <51 f.>). Das gilt auch im Blick auf die Be­rufs­ausübungs­frei­heit (Art. 12 Abs. 1 GG; vgl. BVerfGE 111, 10 <50, 52>).

c) Auf die­ser Grund­la­ge er­gibt sich, dass ge­setz­li­che Schutz­kon­zep­te für die Gewähr­leis­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he er­kenn­bar die­se Ta­ge als sol­che der Ar­beits­ru­he zur Re­gel er­he­ben müssen. Hin­sicht­lich der hier in Re­de ste­hen­den La­denöff­nung be­deu­tet dies, dass die Aus­nah­me ei­nes dem Sonn­tags­schutz ge­recht wer­den­den Sach­grun­des be­darf. Ein bloß wirt­schaft­li­ches Um­satz­in­ter­es­se der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und ein alltägli­ches Er­werbs­in­ter­es­se („Shop­ping-In­ter­es­se“) po­ten­zi­el­ler Käufer genügen grundsätz­lich nicht, um Aus­nah­men von dem ver­fas­sungs­un­mit­tel­bar ver­an­ker­ten Schutz der Ar­beits­ru­he und der Möglich­keit zu see­li­scher Er­he­bung an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu recht­fer­ti­gen. Darüber hin­aus müssen Aus­nah­men als sol­che für die Öffent­lich­keit er­kenn­bar blei­ben und dürfen nicht auf ei­ne weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung der sonn- und fei­ertägli­chen Verhält­nis­se mit den Werk­ta­gen und ih­rer Be­trieb­sam­keit hin­aus­lau­fen.

Dem Re­gel-Aus­nah­me-Ge­bot kommt ge­ne­rell um­so mehr Be­deu­tung zu, je ge­rin­ger das Ge­wicht der­je­ni­gen Gründe ist, zu de­nen der Sonn- und Fei­er­tags­schutz ins Verhält­nis ge­setzt wird und je weiter­grei­fend die Frei­ga­be der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung in Be­zug auf das be­trof­fe­ne Ge­biet so­wie die ein­be­zo­ge­nen Han­dels­spar­ten und Wa­ren­grup­pen aus­ge­stal­tet ist. Des­halb müssen bei ei­ner flächen­de­cken­den und den ge­sam­ten Ein­zel­han­del er­fas­sen­den Frei­ga­be der La­denöff­nung recht­fer­ti­gen­de Gründe von be­son­de­rem Ge­wicht vor­lie­gen, wenn meh­re­re Sonn- und Fei­er­ta­ge in Fol­ge über je­weils vie­le St­un­den hin frei­ge­ge­ben wer­den sol­len.

4. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes über die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen und die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber gewähl­te Schutz­kon­zep­ti­on wer­den die­sen grund­recht­li­chen Schutz­pflicht­an­for­de­run­gen aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV nicht in je­der Hin­sicht ge­recht. Die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber gewähl­te Schutz­kon­zep­ti­on ist zwar for­mell ver­fas­sungs­gemäß und enthält ge­wich­ti­ge

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schützen­de Ele­men­te. Sie er­weist sich in­des­sen - auch ein­ge­denk der Wei­te des Ge­stal­tungs­spiel­raums des Lan­des­ge­setz­ge­bers - hin­sicht­lich des ge­bo­te­nen Min­dest­schutz­ni­veaus in ei­nem we­sent­li­chen Teil als nicht hin­rei­chend wirk­sam und bleibt in­so­weit hin­ter dem vor­ge­ge­be­nen Schutz­ziel er­heb­lich zurück.

a) Der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber ist Adres­sat der grund­recht­li­chen Schutz­pflicht; denn ihm kommt die Ge­setz­ge­bungs­be­fug­nis für die hier in Re­de ste­hen­den Re­ge­lun­gen zu.

Mit der aus­drück­li­chen Her­aus­nah­me des Rechts des La­den­schlus­ses aus dem Ka­ta­log der Ge­genstände der kon­kur­rie­ren­den Ge­setz­ge­bung in Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG im Zu­ge der Föde­ra­lis­mus­re­form I ist die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz auf die Länder über­ge­gan­gen (Art. 70 Abs. 1 GG). Kom­pe­tenz­recht­li­chen Zwei­feln sind die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten nicht des­halb aus­ge­setzt, weil sich die kon­kur­rie­ren­de Ge­setz­ge­bung des Bun­des nach Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG auf das Ge­biet des Ar­beits­rechts ein­sch­ließlich des Ar­beits­schut­zes er­streckt und der Bund ein Ar­beits­zeit­ge­setz er­las­sen hat, in § 7 Berl­LadÖffG aber gleich­wohl ar­beits­schutz­recht­li­che As­pek­te des La­den­schlus­ses ge­re­gelt sind. Der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber ist of­fen­bar da­von aus­ge­gan­gen, dass die kon­kur­rie­ren­de Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz für das Ar­beits­zeit­recht im Zu­sam­men­hang mit dem La­den­schluss beim Bund ver­blie­ben ist, die­ser je­doch hier­von in­so­weit kei­nen Ge­brauch ge­macht hat (vgl. Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 14, zu § 7 Berl­LadÖffG). Die Fra­ge der Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz hin­sicht­lich des ar­beits-zeit­recht­li­chen Re­ge­lungs­ele­ments kann hier of­fen blei­ben, weil die in­di­vi­du­ell-ar­beit­neh­merschützen­de Be­stim­mung des § 7 Berl­LadÖffG nicht An­griffs­ge­gen-stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­den ist. Selbst wenn dem Lan­des­ge­setz­ge­ber in-so­weit die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz feh­len würde, blie­ben die übri­gen hier an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen des Ge­set­zes da­von un­berührt. Denn dann würde die - in­so­weit stren­ge­re - bun­des­recht­li­che Ar­beits­zeit­schutz­re­ge­lung grei­fen (vgl. § 13 Arb­ZG) oder von der Fort­gel­tung der ar­beit­neh­merschützen­den Be­stim­mung des § 17 La­dSchlG aus­zu­ge­hen sein (vgl. da­zu Kühling, Ar­buR 2006, S. 384; Kühn, Ar­buR 2006, S. 418, sie­he auch Kin­green/Pie­roth, NVwZ 2006, S. 1221 <1224>; Horst­mann, NZA 2006, S. 1246 <1249 f.>).

b) Die Schutz­kon­zep­ti­on und die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes wer­den dem Grund­recht der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV hin­sicht­lich des zu gewähr­leis­ten­den Min­dest­schut­zes nicht un­ein­ge­schränkt ge­recht. Der Ge­setz­ge­ber hat zwar po­si­ti­ve Schutz­vor­keh­run­gen ge­trof­fen, die bei der ge­bo­te­nen Ge-

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samt­be­trach­tung sei­nes Kon­zepts mit in den Blick zu neh­men sind. Die Durch­bre­chun­gen die­ses Schutz­kon­zepts ver­feh­len in­des­sen in ei­nem we­sent­li­chen Teil das er­for­der­li­che Min­dest­ni­veau an Schutz.

aa) Nach dem Ber­li­ner Lan­des­recht ge­nießen die Sonn­ta­ge und die all­ge­mei­nen Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung staat­li­chen Schutz (§ 1 Abs. 3 des Ge­set­zes über die Sonn- und Fei­er­ta­ge Ber­lin). An die­sen Ta­gen sind öffent­lich be­merk­ba­re Ar­bei­ten ver­bo­ten, so­weit sie nicht nach Bun­des- oder Lan­des­recht all­ge­mein oder im Ein­zel­fall zu­ge­las­sen sind (vgl. § 2 Fei­er­tags­schutz-Ver­ord­nung Ber­lin mit wei­te­ren Aus­nah­me­tat­beständen). Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz sieht dem­ent­spre­chend im Grund­satz vor, dass Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­schlos­sen sein müssen (§ 3 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG). Da­mit wird der Kon­flikt zwi­schen den grund­recht­li­chen Po­si­tio­nen der La­den­in­ha­ber (Be­rufs­frei­heit) und Ein­kaufs­wil­li­gen (all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit) ei­ner­seits und den Beschäftig­ten, den Ru­he­su­chen­den so­wie den Be­schwer­deführern (Art. 2, 4 Abs. 1 und 2, Art. 6 Abs. 1 und 2 GG) an­de­rer­seits im Aus­gangs­punkt und in der sys­te­ma­ti­schen An­la­ge zu­guns­ten ei­nes grundsätz­li­chen Schut­zes der Be­schwer­deführer und an­de­rer ar­beits­ru­he­su­chen­der Grund­recht­sträger ent­schie­den. Im An­satz ent­spricht das - für sich be­trach­tet - dem Schutz­auf­trag des Art. 139 WRV. Auch in der Ge­set­zes­be­gründung zum Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz wird die Be­deu­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zur Gewähr­leis­tung der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung all­ge­mein her­vor­ge­ho­ben (vgl. Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 7 f.). Sch­ließlich hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber auf ei­ne ge­ne­rel­le, ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­klau­sel oh­ne Be­gren­zung der Zahl der ihr un­ter­fal­len­den Sonn- und Fei­er­ta­ge ver­zich­tet, wie sie das Bun­des­recht kann­te (§ 23 La­dSchlG).

bb) Das Schutz­kon­zept des Lan­des­ge­setz­ge­bers wird in­des­sen durch die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen zur La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen er­heb­lich ein­ge­schränkt. In ei­nem we­sent­li­chen Teil wird da­durch dem Er­for­der­nis des Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis­ses nicht hin­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen und es be­ste­hen in­so­weit kei­ne genügen­den Gründe. Im Er­geb­nis ist das er­for­der­li­che Min­dest­schutz­ni­veau des­halb nicht gewähr­leis­tet.

(1) Bei der Ein­ord­nung und Be­wer­tung der Durch­bre­chun­gen der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen kommt der La­denöff­nung großes Ge­wicht zu. Das Er­rei­chen des Ziels des Sonn­tags­schut­zes - des re­li­giös wie des welt­lich mo­ti­vier­ten - setzt das Ru­hen der ty­pi­schen werktägli­chen Geschäftig­keit vor­aus. Ge­ra­de die La­denöff­nung prägt aber we­gen ih­rer öffent­li­chen Wir­kung den Cha­rak­ter des Ta-
 


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ges in be­son­de­rer Wei­se. Von ihr geht ei­ne für je­der­mann wahr­nehm­ba­re Geschäftig­keits- und Be­trieb­sam­keits­wir­kung aus, die ty­pi­scher­wei­se den Werk­ta­gen zu­ge­ord­net wird. Die­se Wir­kung wird nicht nur durch die in den Ver­kaufs­stel­len täti­gen Ar­beit­neh­mer und sons­ti­gen Beschäftig­ten aus­gelöst, son­dern auch durch die Kun­den. Sie er­fasst über­dies den Straßen­ver­kehr und den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr in sei­ner Dich­te und hat Rück­wir­kun­gen auf des­sen Beschäftig­te wie auch den ver­kehrs­ver­ur­sach­ten Lärm. Auf die­se Wei­se be­stimmt die La­denöff­nung maßgeb­lich das öffent­li­che Bild des Ta­ges. Da­mit wer­den not­wen­dig auch die­je­ni­gen be­trof­fen, die we­der ar­bei­ten müssen noch ein­kau­fen wol­len, son­dern Ru­he und see­li­sche Er­he­bung su­chen, na­ment­lich auch die Gläubi­gen christ­li­cher Re­li­gio­nen und die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst, nach de­ren Verständ­nis der Tag ein sol­cher der Ru­he und der Be­sin­nung ist.

(2) Die Zahl der durch die La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen po­ten­ti­ell Be­trof­fe­nen auf Beschäftig­ten- und Kun­den­sei­te so­wie in so ge­nann­ten Fol­ge­spar­ten, zum Bei­spiel dem in­nerört­li­chen Ver­kehr, ist ver­gleichs­wei­se hoch. So liegt die Zahl al­lein der so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­ten aus­weis­lich der vor­lie­gen­den sta­tis­ti­schen Er­he­bun­gen deutsch­land­weit im Ein­zel­han­del um mehr als das Dop­pel­te, in Ber­lin um na­he­zu das Dop­pel­te über der Zahl der Beschäftig­ten in der Gas­tro­no­mie­bran­che. Der An­teil der weib­li­chen Beschäftig­ten ist be­son­ders hoch (vgl. da­zu Amt für Sta­tis­tik Ber­lin-Bran­den­burg, Sta­tis­ti­scher Be­richt A VI 15 - vj 4/07, So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­te, Ju­ni 2008). Hin­zu kom­men die Selbständi­gen, die mit­hel­fen­den Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen und vor al­lem die so ge­nann­ten ge­ringfügig Beschäftig­ten. Hin­sicht­lich der zu­letzt ge­nann­ten Grup­pe deu­tet ei­ne Stu­die, die von Ge­werk­schafts­sei­te pu­bli­ziert wor­den ist, auf ei­nen Trend hin, dem­zu­fol­ge die Aus­wei­tung der La­denöff­nungs­zei­ten den An­teil der nicht-so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­ten deut­lich erhöht hat. Nach die­ser Stu­die beträgt der An­teil der Frau­en an der Mit­ar­bei­ter­schaft der Ver­kaufs­stel­len et­wa 72 % (so schon der Hin­weis in BVerfGE 111, 10 <40>; vgl. WA­BE-In­sti­tut Ber­lin, Hrsg. ver.di - Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft, Ein­zel­han­del - Bran­chen­da­ten 2007/2008, 27. März 2008). Die­se Beschäftig­ten­zah­len sind al­ler­dings Ge­samt­zah­len. Po­ten­ti­ell sind zwar al­le Beschäftig­ten von der Durch­bre­chung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes be­trof­fen. Re­al wird an frei­ge­ge­be­nen Sonn- und Fei­er­ta­gen aber stets nur ein ge­wis­ser An­teil der Beschäftig­ten ar­bei­ten.

Al­lein schon die­se be­acht­li­che Zahl von Be­trof­fe­nen be­legt ei­ne er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung der grundsätz­li­chen Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen mit brei­ter Öffent­lich­keits­wir­kung, zu­mal wenn - wie hier - ge­ne­rel­le, lan­des­wei­te Öff­nungsmöglich­kei­ten für al­le Ver­kaufs­stel­len in Re­de ste­hen.


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(3) Durch die ma­xi­ma­le Aus­wei­tung der werktägli­chen Öff­nungs­zei­ten auf 24 St­un­den, die, wenn von ih­nen Ge­brauch ge­macht wird, mit ent­spre­chen­dem Per­so­nal­ein­satz ver­bun­den ist, ge­winnt die Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen noch mehr an Be­deu­tung und Ge­wicht. Mit der vollständi­gen Frei­ga­be der La­denöff­nungs­zei­ten an Werk­ta­gen ein­sch­ließlich des Sams­tags („shop-around-the-clock“) kommt es not­wen­di­ger­wei­se ver­mehrt zum Ein­satz der Beschäftig­ten im Schicht- und Nacht­be­trieb. Des­halb ist für sie trotz der ar­beits­zeit­recht­li­chen Vor­schrif­ten für den in­di­vi­du­el­len Ar­beits­schutz ge­ra­de der Sonn­tag als ein­zig ver­blei­ben­der Tag der Ar­beits­ru­he im rhyth­mi­schen Gleich­klang ein sol­cher der Re­krea­ti­on und der Möglich­keit des fa­mi­liären und so­zia­len Zu­sam­men­seins von her­aus­ra­gen­der Be­deu­tung. Das gilt zu­mal an­ge­sichts der Beschäftig­ten­struk­tur im Ein­zel­han­del, in dem Frau­en, die sich im Rah­men ei­ner fa­mi­liären Ein­bin­dung zu ei­nem großen Teil nach wie vor ei­ner Dop­pel­be­las­tung in ih­ren Fa­mi­li­en aus­ge­setzt se­hen, be­son­ders stark ver­tre­ten sind (in die­sem Sin­ne auch schon BVerfGE 111, 10 <40>).

Die Pro­fes­so­ren Knauth und Nach­rei­ner ha­ben in der münd­li­chen Ver­hand­lung her­vor­ge­ho­ben, dass die Aus­wei­tung von Nacht- und Schicht­ar­beit bei gleich­zei­ti­ger Ein­be­zie­hung des Ta­ges der all­ge­mei­nen Ar­beits­ru­he ver­mehrt zu psy­cho­so­zia­len Be­ein­träch­ti­gun­gen führt. Ei­ne Ver­rin­ge­rung oder gar Auf­ga­be so­zia­ler Be­zie­hun­gen, ei­ne re­du­zier­te An­teil­nah­me am so­zia­len Le­ben und ei­ne Verände­rung der Ein­stel­lung zu so­zia­ler, aber auch zu po­li­ti­scher Teil­ha­be, sind nicht nur bei le­bens­na­her Be­trach­tung na­he­lie­gend; sie sind auch in der Ar­beits­wis­sen­schaft an­er­kannt. Die De­syn­chro­ni­sa­ti­ons­ef­fek­te führen zwangsläufig zu ei­ner Ver­rin­ge­rung der so­zia­len In­ter­ak­ti­ons­dich­te und -qua­lität, die sich auch auf den Fa­mi­li­en­ver­band und zu be­treu­en­de Kin­der aus­wirkt. Aus re­li­giös-christ­li­cher Sicht, die sich im Er­geb­nis von den in der welt­lich-so­zia­len Per­spek­ti­ve her­vor­ge­ho­be­nen Aus­wir­kun­gen nicht we­sent­lich un­ter­schei­det, wird in­so­weit den Sonn-und Fei­er­ta­gen der Cha­rak­ter als Tag der Ge­mein­schaft, aber auch der Be­sin­nung durch aus­grei­fen­de La­denöff­nungsmöglich­kei­ten, die auch Fol­ge­spar­ten mit­er­fas­sen, weit­ge­hend ge­nom­men.


(4) Sch­ließlich fällt ins Ge­wicht, dass der Lan­des­ge­setz­ge­ber ge­ra­de der Be­rufs­ausübungs­frei­heit der Ver­kauf­stel­len­in­ha­ber wie auch der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit po­ten­zi­el­ler Kun­den in wei­tem Um­fang Rech­nung ge­tra­gen hat. Er hat die werktägli­chen Öff­nungs­zei­ten vollständig frei­ge­ge­ben (24-St­un­den-Öff­nung) und wa­ren­grup­pen­spe­zi­fi­sche so­wie orts- und an­lass­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­re­ge­lun­gen ge­trof­fen, die an Sonn- und Fei­er­ta­gen dem Er­werbs- und Ein­kaufs­in­ter­es­se so­wie dem Ver­sor­gungs- und Be­darfs­de­ckungs­in­ter­es­se in ho­hem

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Maße ent­spre­chen (vgl. § 4 Nr. 1, Nr. 2, Nr. 3, Nr. 5, § 4 Abs. 2 und 3, § 5 Nr. 2, Nr. 3 Berl­LadÖffG). Dem Be­darfs­de­ckungs- und Ver­sor­gungs­ar­gu­ment kommt des­we­gen an Sonn- und Fei­er­ta­gen nur noch ge­rin­ge Be­deu­tung zu. Auch im Hin­blick auf die beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Ef­fek­te hat sich bis­lang kein Hin­weis auf die Ge­fahr ei­nes be­acht­li­chen Ein­bruchs im Ein­zel­han­del er­ge­ben. Die vor­lie­gen­den Er­kennt­nis­se, et­wa in der Stu­die des WA­BE-In­sti­tuts (her­aus­ge­ge­ben von ver.di - Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft, Ein­zel­han­del - Bran­chen­da­ten 2007/2008, Ber­lin, 27. März 2008), deu­ten auch un­ter Berück­sich­ti­gung der vom Han­dels­ver­band Ber­lin-Bran­den­burg vor­ge­leg­ten Über­sich­ten dar­auf hin, dass es mit der Sonn­tags­la­denöff­nung le­dig­lich zu ei­ner an­de­ren Ver­tei­lung der Kun­den­ströme und ei­ner Op­ti­mie­rung und Stre­ckung des Ein­sat­zes der Ar­beit­neh­mer kommt. Er­kenn­bar ver­bleibt da­nach ein un­ter­neh­me­ri­sches Er­werbs­in­ter­es­se, das sich mit dem alltägli­chen Shop­ping-In­ter­es­se von Be­su­chern und Ein­woh­nern im Land Ber­lin paart. Die­se sind aber kei­ne ge­eig­ne­ten Gründe, die es recht­fer­ti­gen könn­ten, das Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes in er­heb­li­chem Um­fang ab­zu­sen­ken.

(5) Die Be­ein­träch­ti­gung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he wird nicht durch den von der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels er­ho­be­nen Ein­wand re­la­ti­viert, mit der Neu­re­ge­lung der La­denöff­nungs­zei­ten sei die für gleich­heits­wid­rig zu er­ach­ten­de Be­vor­zu­gung von Ein­zelhänd­lern an pri­vi­le­gier­ten Stand­or­ten (Tank­stel­len, Raststätten, Flughäfen, Bahnhöfen; vgl. § 5 Berl­LadÖffG) und die Be­vor­zu­gung des On­line-Han­dels („E-Com­mer­ce“) deut­lich ab­ge­mil­dert wor­den. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on, die letzt­lich auf die For­de­rung des Aus­gleichs von Wett­be­werbs­nach­tei­len hin­ausläuft, die durch un­ter­schied­li­che tatsächli­che und recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen ent­ste­hen, kann nicht durch­drin­gen. Ver­fas­sungs­recht­lich ist an­er­kannt, dass es grundsätz­lich kei­nen An­spruch auf Teil­ha­be an Vergüns­ti­gun­gen gibt. Nie­mand kann al­lein dar­aus, dass ei­ner Grup­pe aus be­son­de­rem An­lass Vergüns­ti­gun­gen zu­ge­stan­den wer­den, für sich ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Ge­bot her­lei­ten, die­sel­ben Vor­tei­le in An­spruch neh­men zu dürfen (vgl. BVerfGE 49, 192 <208>; 67, 231 <238>), so­fern für ihn kein ver­gleich­ba­rer be­son­de­rer An­lass be­steht. We­gen des Aus­nah­me­cha­rak­ters der Re­ge­lun­gen für die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an be­stimm­ten Or­ten, die letzt­lich dem Be­reich der „Ar­beit für den Sonn­tag“ zu­zu­ord­nen sind, kann de­ren Aus­wei­tung auf bis da­hin nicht er­fass­te Sach­ver­hal­te nicht durch Be­ru­fung auf den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz er­zwun­gen wer­den (vgl. BVerfGE 67, 231 <238>). Hin­sicht­lich des On­line-Han­dels („E-Com­mer­ce“) schei­det die An­nah­me ei­ner sach­wid­ri­gen Un­gleich­be­hand­lung schon des­halb aus, weil sich des­sen Rah­men­be­din­gun­gen grund­le­gend an­ders dar­stel­len.
 


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(6) So­weit in der Ge­set­zes­be­gründung (vgl. Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 7) her­vor­ge­ho­ben wird, dem Schutz des Ver­kaufs­per­so­nals wer­de durch das Ar­beits­zeit­recht Rech­nung ge­tra­gen, ändert dies eben­falls nichts an der be­ein­träch­ti­gen­den Wir­kung der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen. Von die­sen ar­beit­neh­merschützen­den Be­stim­mun­gen geht nur ei­ne in­di­vi­du­el­le Schutz­wir­kung aus (vgl. § 7 Berl­LadÖffG). Auf die öffent­lich wahr­nehm­ba­re, den Tag maßgeb­lich prägen­de Geschäftig­keits­wir­kung der La­denöff­nung sind sie oh­ne Ein­fluss.

c) Auf die­ser Grund­la­ge führt die Be­stim­mung über die vor­aus­set­zungs­lo­se sie­benstündi­ge Öff­nung an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen we­gen der vollständi­gen Her­aus­nah­me ei­nes zu­sam­menhängen­den Mo­nats­zeit­raums aus dem Schutz der Sonn­ta­ge oh­ne hin­rei­chend ge­wich­ti­ge Gründe zu ei­nem Un­ter­schrei­ten des Maßes an ge­bo­te­nem Min­dest­schutz. Die flächen­de­cken­de Möglich­keit der Öff­nung auf­grund ei­ner All­ge­mein­verfügung an vier wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen bei öffent­li­chem In­ter­es­se oh­ne zeit­li­che Be­gren­zung ist bei ein­schränken­der In­ter­pre­ta­ti­on mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar. Die wei­te­ren mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen be­ein­träch­ti­gen den ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Min­dest­schutz nicht in er­heb­li­chem Maße; sie sind ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

aa) Die Ad­vents­sonn­tags­re­ge­lung (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG) als ge­ne­rel­le und ma­te­ri­ell vor­aus­set­zungs­lo­se Frei­ga­be der Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr im Land Ber­lin steht an­ge­sichts der Be­deu­tung der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung für die Gewähr­leis­tung der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen mit dem Grund­recht der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV nicht mehr in Ein­klang.

(1) Die Be­son­der­heit die­ser Re­ge­lung be­steht dar­in, dass schon kraft Ge­set­zes oh­ne ir­gend­ei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung vier Sonn­ta­ge in Fol­ge für die Dau­er von je­weils sie­ben St­un­den zur La­denöff­nung frei­ge­ge­ben wer­den. Die­se Vor­schrift hält der An­for­de­rung, dass die Sonn­tags­ru­he die Re­gel ist, nicht stand, weil sie ei­nen in sich ge­schlos­se­nen Zeit­block von et­wa ei­nem Zwölf­tel des Jah­res vollständig vom Grund­satz der Ar­beits­ru­he aus­nimmt. Dar­an ändert der all­ge­mein ge­hal­te­ne Hin­weis in der Ge­set­zes­be­gründung auf die Me­tro­pol­funk­ti­on Ber­lins nichts. Auch dar­in spie­geln sich le­dig­lich bloße Um­satz- und Er­werbs­in­ter­es­sen wi­der. Der Sa­che nach läuft die Re­ge­lung mit­hin dar­auf hin­aus, den Sonn- und Fei­er­tags­schutz für die Dau­er ei­nes Mo­na­tes für die Ver­kaufs­stel­len, die den äu-

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ßeren Cha­rak­ter des Ta­ges auch an­ge­sichts der Zahl der un­mit­tel­bar wie mit­tel­bar Be­trof­fe­nen und der Öffent­lich­keits­wir­kung maßgeb­lich prägen, auf­zu­he­ben, oh­ne dass für ei­ne der­art in­ten­si­ve Be­ein­träch­ti­gung ei­ne hin­rei­chend ge­wich­ti­ge Be­gründung ge­ge­ben würde oder sonst er­kenn­bar wäre, die dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Rang des Sonn­tags­schut­zes ge­recht wer­den könn­te.

Wenn der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber mit Blick auf die Be­son­der­hei­ten der Vor­weih­nachts­zeit für ei­ne La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen Sach­gründe anführen könn­te, so könn­te dies die La­denöff­nung nur an ein­zel­nen Sonn­ta­gen recht­fer­ti­gen.

(2) Ent­ge­gen der in der Stel­lung­nah­me des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses und des Se­nats von Ber­lin ver­tre­te­nen Auf­fas­sung kann der vor­ste­hen­den Be­wer­tung der ge­setz­li­chen Frei­ga­be der Ad­vents­sonn­ta­ge nicht mit Er­folg ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass schon während der Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik und in der Bun­des­re­pu­blik bis zum Jahr 1956 ge­ra­de die Ad­vents­sonn­ta­ge be­son­ders wich­ti­ge Ver­kaufs­ta­ge des Han­dels ge­we­sen sei­en. Die­se Stel­lung­nah­me stützt sich dar­auf, dass nach der Ände­rung des § 105b Abs. 2 Ge­wer­be­ord­nung durch Art. 1 der Ver­ord­nung über die Sonn­tags­ru­he im Han­dels­ge­wer­be und in Apo­the­ken vom 5. Fe­bru­ar 1919 (RGBl S. 176) die Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len durch die zuständi­gen Behörden noch zu­ge­las­sen ge­we­sen sei und dies auch in der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­gol­ten ha­be. Da­nach ha­be die Po­li­zei­behörde für sechs Sonn- und Fest­ta­ge, die höhe­re Ver­wal­tungs­behörde für wei­te­re vier Sonn- und Fest­ta­ge im Jah­re, an de­nen „be­son­de­re Verhält­nis­se ei­nen er­wei­ter­ten Geschäfts­ver­kehr er­for­der­lich ma­chen, für al­le oder für ein­zel­ne Geschäfts­zwei­ge“ ei­ne Beschäfti­gung bis zu acht St­un­den zu­las­sen dürfen. Am 2., 3. und 4. Ad­vents­sonn­tag sei­en da­mals auf der Grund­la­ge die­ser Re­ge­lung be­son­ders ho­he Umsätze er­zielt wor­den. An die sei­ner­zei­ti­ge Rechts­la­ge knüpfe Art. 139 WRV an, in­dem er mit der For­mu­lie­rung „blei­ben ... geschützt“ den Ver­gan­gen­heits­be­zug zum Aus­druck brin­ge.

Die­ser Ein­wand ver­kennt, dass die ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Wen­dung in Art. 139 WRV die Sonn- und Fei­er­ta­ge le­dig­lich in all­ge­mei­ner Hin­sicht dem fort­dau­ern­den Schutz des Ge­setz­ge­bers an­heim­gibt, über des­sen kon­kre­te Aus­ge­stal­tung in­des­sen zunächst nichts aus­sagt. Bei der ver­glei­chen­den Be­ur­tei­lung ist in Be­tracht zu zie­hen, dass Aus­nah­men von der Sonn­tags­ru­he im Han­del nach der ge­nann­ten frühe­ren Re­ge­lung an die Erfüllung ei­ner be­gren­zen­den Tat­be­stands­vor­aus­set­zung ge­bun­den wa­ren und ei­ne ver­wal­tungs­behörd­li­che Ent­schei­dung darüber vor­aus­setz­ten. Sie be­sag­te nicht, dass ei­ne La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen von vorn­her­ein und übe­r­all zulässig sein soll­te. Hin­zu
 


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kommt, dass da­mals die La­denöff­nungs­zei­ten an den Werk­ta­gen abends kürzer wa­ren und auch die Sams­tags-Öff­nungs­zei­ten nicht bis in den späten Abend reich­ten. Die ge­rin­ge­re Mo­bi­lität der Bevölke­rung er­schwer­te zu­dem in länd­li­chen Ge­bie­ten Einkäufe während der Werk­ta­ge. Auch we­gen der da­mals deut­lich aus­ge­dehn­te­ren werktägli­chen Ar­beits­zei­ten in an­de­ren Bran­chen hat­te die Möglich­keit zum Täti­gen von Weih­nachts­einkäufen an den Ad­vents­sonn­ta­gen un­ter dem Ver­sor­gungs- und Be­darfs­as­pekt größere Be­deu­tung. Die­ser Ge­sichts­punkt hat auf­grund der veränder­ten Verhält­nis­se, vor al­lem mit der Aus­deh­nung der werk-tägli­chen Öff­nungs­zei­ten auf 24 St­un­den, sein Ge­wicht ein­gebüßt.

bb) Die Re­ge­lung, wo­nach die Se­nats­ver­wal­tung im öffent­li­chen In­ter­es­se aus­nahms­wei­se die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an höchs­tens vier (wei­te­ren) Sonn- oder Fei­er­ta­gen durch All­ge­mein­verfügung zu­las­sen kann (§ 6 Abs. 1 Satz 1 Berl­LadÖffG), ist mit dem Grund­recht der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV je­den­falls bei ein­schränken­der Aus­le­gung ver­ein­bar.

(1) Hin­sicht­lich der Zahl von vier Ta­gen lässt sich ge­gen die Re­ge­lung im Blick auf die Ge­samt­zahl von re­gel­haft 52 Sonn­ta­gen im Jahr und von ins­ge­samt neun je nicht zwin­gend auf ei­nen Sonn­tag fal­len­den wei­te­ren Fei­er­ta­gen nichts er­in­nern, zu­mal be­stimm­te Fei­er­ta­ge von die­ser Öff­nungsmöglich­keit aus­ge­nom­men sind (§ 6 Abs. 1 Satz 2 Berl­LadÖffG). Da die Frei­ga­be durch All­ge­mein­verfügung er­folgt, be­darf es ei­ner Ver­wal­tungs­ent­schei­dung, die die Möglich­keit eröff­net, die je­weils be­trof­fe­nen In­ter­es­sen und Rechtsgüter kon­kret in ei­ne Abwägung ein­zu­be­zie­hen.

(2) Be­den­ken be­geg­net in­des­sen die wei­te, all­ge­mein ge­hal­te­ne Vor­aus­set­zung für die Aus­nah­me­re­ge­lung: Er­for­der­lich ist le­dig­lich, dass die aus­nahms­wei­se Öff­nung „im öffent­li­chen In­ter­es­se“ liegt. Da­bei han­delt es sich um ei­nen ausfüllungs­bedürf­ti­gen un­be­stimm­ten Rechts­be­griff, der es bei ei­nem al­lein am Wort­laut ori­en­tier­ten Verständ­nis ermöglicht, je­des noch so ge­rin­ge öffent­li­che In­ter­es­se genügen zu las­sen. Hier ist ei­ne der Wer­tung des Art. 139 WRV genügen­de Aus­le­gung ge­bo­ten. Da­nach ist ein öffent­li­ches In­ter­es­se sol­chen Ge­wichts zu ver­lan­gen, das die Aus­nah­men von der Ar­beits­ru­he recht­fer­tigt. Da­zu genügen das al­lei­ni­ge Um­satz- und Er­werbs­in­ter­es­se auf Sei­ten der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und das alltägli­che „Shop­ping-In­ter­es­se“ auf der Kun­den­sei­te nicht.

Der Be­griff des „öffent­li­chen In­ter­es­ses“ soll der Ge­set­zes­be­gründung zu­fol­ge für „be­son­de­re Er­eig­nis­se im In­ter­es­se der Ber­li­ner und Tou­ris­ten“ zusätz­li­che

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Öff­nungs­zei­ten zu­las­sen. Da­bei soll es um „große Ver­an­stal­tun­gen“ ge­hen, die we­gen ih­rer Be­deu­tung für die gan­ze Stadt ei­ne Geschäftsöff­nung er­for­der­lich ma­chen. Da­mit sind Ver­an­stal­tun­gen und Er­eig­nis­se ge­meint, die auch „über die Stadt hin­aus Be­deu­tung ha­ben und zahl­rei­che Tou­ris­ten nach Ber­lin ho­len“ (Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 13). Auf die­se Wei­se wird dem Um­stand Rech­nung ge­tra­gen, dass sich in ei­nem Land von der Struk­tur Ber­lins die Ver­sor­gung von Tou­ris­ten und Be­su­chern von großen Mes­sen und an­de­ren Großver­an­stal­tun­gen schwer auf be­stimm­te Be­zir­ke be­gren­zen lässt. Für die von der Be­gründung in Be­zug ge­nom­me­ne Ziel­set­zung und Ka­te­go­rie von Er­eig­nis­sen wer­den nur Ver­an­stal­tun­gen, die ein­zeln oder in ih­rem Zu­sam­men­wir­ken Be­deu­tung für Ber­lin als Gan­zes ha­ben, die Aus­nah­me tra­gen können.

(3) Bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung ist nicht zu be­an­stan­den, dass die Aus­nah­me von der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen in § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG an den be­trof­fe­nen Ta­gen kei­ne aus­drück­li­che uhr­zeit­li­che Ein­gren­zung enthält. Während die an­de­ren Aus­nah­me­re­ge­lun­gen zur La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen so­wie aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se ei­ne Be­gren­zung auf den Zeit­raum von 13.00 bis 20.00 Uhr vor­se­hen (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG), fehlt hier ei­ne sol­che. Der Wort­laut lässt al­so den Schluss zu, dass an den in Re­de ste­hen­den vier wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen - wie nach der Ber­li­ner Re­ge­lung für Werk­ta­ge - ei­ne 24-St­un­den-Öff­nung statt­haft sei. Ge­ra­de weil bei den an­de­ren Aus­nah­me­re­ge­lun­gen - von de­nen für be­son­de­re Ver­kaufs­stel­len und be­stimm­te Wa­ren ab­ge­se­hen - aus­drück­lich uhr­zeit­li­che Be­gren­zun­gen ge­nannt sind, hier in­des­sen nicht, liegt die­se Aus­le­gung nicht fern. Von ihr ge­hen auch das Ab­ge­ord­ne­ten­haus und der Se­nat von Ber­lin in ih­rer Stel­lung­nah­me aus. Ein sol­ches Verständ­nis lie­fe al­ler­dings dar­auf hin­aus, dass die werktägli­che Geschäftig­keit an die­sen Ta­gen we­gen der prägen­den öffent­li­chen Be­trieb­sam­keits­wir­kung der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung in vol­lem Um­fang auf die Sonn- und Fei­er­ta­ge über­tra­gen würde. Die­se Ta­ge würden sich in­so­weit - je­den-falls nach der maßgeb­li­chen Rechts­la­ge - nicht mehr deut­lich vom Werk­tag un­ter­schei­den. Der Aus­nah­me­cha­rak­ter der Re­ge­lung käme in der prak­ti­schen An­wen­dung und in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung nicht mehr hin­rei­chend zum Aus­druck.


Auch in­so­weit ist al­ler­dings die Möglich­keit ei­ner ein­engen­den, grund­rechts-und sonn­tags­schutz­ge­lei­te­ten Aus­le­gung der Aus­nah­me­be­stim­mung eröff­net. Die­se ori­en­tiert sich an dem Sys­tem der übri­gen Aus­nah­men, das der Lan­des­ge­setz­ge­ber in § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG er­rich­tet hat und das uhr­zeit­li­che Be­gren­zun­gen vor­sieht. Will der Lan­des­ge­setz­ge­ber den­noch ei­ne flächen­de­cken­de, all­ge­mei­ne 24-St­un­den-Öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen er-

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mögli­chen, könn­te er dem ver­fas­sungs­recht­lich zu gewähr­leis­ten­den Schutz nur da­durch Rech­nung tra­gen, dass er dafür ei­ne be­son­ders ho­he Vor­aus­set­zung vorsähe, et­wa ein her­aus­ra­gend ge­wich­ti­ges öffent­li­ches In­ter­es­se. Da dies nicht ge­sche­hen ist, ist es für die vor­lie­gen­de Fas­sung die scho­nen­de­re Möglich­keit, an­statt der Ver­wer­fung auch die­ses Aus­nah­me­tat­be­stan­des ei­ne dem Aus­nah­me­re­gime in we­sent­li­chen Tei­len ei­ge­ne uhr­zeit­li­che Be­gren­zung von 13.00 bis 20.00 Uhr zu ver­lan­gen, die Vor­schrift in die­ser In­ter­pre­ta­ti­on je­doch un­be­an­stan­det zu las­sen. An­halts­punk­te dafür, dass die­ser ein­schränken­den Aus­le­gung ein ge­genläufi­ger Wil­le des Lan­des­ge­setz­ge­bers ent­ge­genstünde, be­ste­hen nicht. Ein sol­ches ein­engen­des Verständ­nis des Aus­nah­me­tat­be­stan­des ent­spricht im Übri­gen der bis­he­ri­gen An­wen­dungs­pra­xis im Land Ber­lin, die auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung un­wi­der­spro­chen bestätigt wor­den ist.

5. Die wei­te­ren an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen, die das Schutz­kon­zept des Lan­des­ge­setz­ge­bers mit Aus­nah­men ver­se­hen, be­geg­nen kei­nen ver­fas­sungs-recht­li­chen Be­den­ken. Das gilt auch für das Zu­sam­men­wir­ken der nach Maßga­be die­ser Gründe nicht zu be­an­stan­den­den Re­ge­lun­gen.

a) Die Re­ge­lung, dass Ver­kaufs­stel­len aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se, ins­be­son­de­re von Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­ten, an jähr­lich höchs­tens zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr öff­nen dürfen (§ 6 Abs. 2 Satz 1 Berl­LadÖffG), ist ver­fas­sungs­recht­lich we­der für sich ge­se­hen noch im schutz­kon­zep­tio­nel­len Kon­text zu be­an­stan­den.

Die Ver­kaufs­stel­le hat dem zuständi­gen Be­zirks­amt die Öff­nung sechs Ta­ge vor­her an­zu­zei­gen (§ 6 Abs. 2 Satz 2 Berl­LadÖffG). Der Schutz be­son­de­rer Fei­er-ta­ge nach § 6 Abs. 1 Satz 2 Berl­LadÖffG gilt hier ent­spre­chend (vgl. § 6 Abs. 2 Satz 3 Berl­LadÖffG). Die­se La­denöff­nungsmöglich­keit ist we­gen ih­rer en­gen ört­li­chen Be­gren­zung oh­ne­hin von ge­rin­ger prägen­der Wir­kung für den öffent­li­chen Cha­rak­ter des Ta­ges. Es kann hin­ge­nom­men wer­den, dass die im Ge­setz ge­for­der­ten Vor­aus­set­zun­gen le­dig­lich von ein­ge­schränk­tem Ge­wicht sind, weil sie je­weils auf kon­kre­te Ver­kaufs­stel­len und ein Ju­biläum oder auf Fes­te im Straßen­zugs­be­reich ab­he­ben. Auch be­steht we­gen des sechstägi­gen Vor­laufs der An­zei­ge ei­ne aus­rei­chen­de Möglich­keit zur Kon­trol­le und ge­ge­be­nen­falls zum Ein­schrei­ten der Ver­wal­tung. Dass da­mit ge­ra­de in ei­nem über­wie­gend städtisch struk­tu­rier­ten Land ein so ge­nann­ter Fli­cken­tep­pich ent­ste­hen kann, auf dem aufs Jahr ge­se­hen ir­gend­wel­che Ver­kaufs­stel­len mit un­ein­ge­schränk­tem Wa­ren­an­ge­bot im­mer geöff­net ha­ben, er­scheint bei die­ser Lösung un­ver­meid­lich, aber hin-

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nehm­bar. Da­her lässt sich nicht sa­gen, die­se Aus­nah­me un­ter­schrei­te ein als hin­rei­chend zu er­ach­ten­des Min­dest­schutz­ni­veau.

b) Die Be­schwer­deführer be­an­stan­den über­dies ei­ni­ge wei­te­re Ein­zel­hei­ten des Ge­set­zes, de­nen je­doch un­ter dem Ge­sichts­punkt der Wirk­sam­keit des ge­setz­ge­be­ri­schen Schutz­kon­zepts kaum oder al­len­falls äußerst ge­rin­ge Be­deu­tung bei­zu­mes­sen ist und ge­gen die von Ver­fas­sungs we­gen nichts zu er­in­nern ist.

aa) Un­ter dem Ge­sichts­punkt der Wah­rung der Re­li­gi­ons­frei­heit ist nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den, dass Ver­kaufs­stel­len mit über­wie­gen­dem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­an­ge­bot am 24. De­zem­ber von 7.00 bis 14.00 Uhr öff­nen dürfen, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt (§ 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG), und dass in mo­bi­len Ver­kaufs­stel­len leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger auch an Sonn- und Fei­er­ta­gen, an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr an­ge­bo­ten wer­den darf (§ 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG). Die­se Aus­nah­me­re­ge­lun­gen las­sen aus sich her­aus oh­ne wei­te­res Gründe er­ken­nen, die im Blick auf die Min­dest­schutz­gewähr­leis­tung tragfähig sind. Sie sind im Kon­text der La­denöff­nungs­re­ge­lun­gen von le­dig­lich randständi­ger Be­deu­tung. Der Ge­setz­ge­ber hält sich da­mit im Rah­men des ihm zu­kom­men­den wei­ten Ge­stal­tungs­spiel­rau­mes. Zwar ist es zu­tref­fend, wie die Be­schwer­deführer gel­tend ma­chen, dass es un­ter den be­vor­ra­tungs­prak­ti­schen Be­din­gun­gen der heu­ti­gen Zeit oh­ne Schwie­rig­kei­ten möglich ist, die benötig­ten Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel für die Weih­nachts­fei­er­ta­ge auch am 23. De­zem­ber zu er­wer­ben, wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fällt. Eben­so lässt sich ver­tre­ten, dass hei­mi­sches leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger an­ge­sichts der heu­ti­gen Möglich­kei­ten zur Kühlung und La­ge­rung nicht pri­vi­le­gie­rungs­bedürf­tig sei. Die Ar­gu­men­ta­ti­on der Be­schwer­deführer geht aber dar­an vor­bei, dass dem Ge­setz­ge­ber im Rah­men der Aus­ge­stal­tung sei­nes Schutz­kon­zepts ein wei­ter Spiel­raum zu­kommt, na­ment­lich bei der Sta­tu­ie­rung von spe­zi­fi­schen Aus­nah­men. Ge­mes­sen dar­an lässt sich nicht fest­stel­len, dass die in Re­de ste­hen­den Re­ge­lun­gen, die be­stimm­te Wa­ren­grup­pen be­tref­fen, das Schutz­ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes gra­vie­rend be­ein­träch­ti­gen würden.

bb) So­weit der Be­schwer­deführer zu 2) die Fas­sung des § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG für miss­verständ­lich hält, ist klar­zu­stel­len, dass die­se Vor­schrift ei­ne Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len, die Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel ver­kau­fen, un­zwei­fel­haft nicht an je­dem Sonn- und Fei­er­tag er­laubt. Die da­hin­ge­hen­den Be­den­ken sind in An­se­hung des Wort­lauts und des Zu­sam­men­hangs der in Ab­satz 1 en­t­hal-


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te­nen Re­ge­lun­gen nicht nach­voll­zieh­bar. Die Be­stim­mung be­inhal­tet ei­ne Aus­nah­me, die er­kenn­bar nur dann greift, wenn der 24. De­zem­ber (Hei­lig­abend) auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt.

cc) Sch­ließlich ist nicht er­sicht­lich, dass der im Ge­setz vor­ge­se­he­ne Schutz nicht wirk­sam durch­ge­setzt wer­den könn­te. Verstöße ge­gen die La­den­schluss­zei­ten und die Aus­nah­me­be­stim­mun­gen stel­len Ord­nungs­wid­rig­kei­ten dar und können in den hier er­heb­li­chen Fall­ge­stal­tun­gen nach Maßga­be von § 9 Abs. 2 Berl­LadÖffG mit ei­ner Geld­buße bis zu 2.500 Eu­ro ge­ahn­det wer­den. Dies al­lein mag ins­be­son­de­re für große Han­dels­ket­ten und Kaufhäuser wirt­schaft­lich kei­ne ab­schre­cken­de Wir­kung ent­fal­ten. Es ist je­doch in Rech­nung zu stel­len, dass Verstöße ge­gen die La­denöff­nungs­vor­schrif­ten ord­nungs­recht­lich un­ter­bun­den wer­den und un­ter Umständen auch wei­te­re Kon­se­quen­zen ha­ben können. Mit­hin lässt sich nicht fest­stel­len, dass das Schutz­kon­zept in­so­weit völlig un­zuläng­lich oder un­ge­eig­net wäre, zu­mal auch die Höhe des an­ge­droh­ten Bußgel­des nach der La­den­schluss­ge­setz­ge­bung des Bun­des nicht höher lag (§ 24 Abs. 2 La­dSchlG a.F.).

c) Die ge­setz­lich an­ge­leg­ten La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen führen auch in ih­rem Zu­sam­men­wir­ken ein­ge­denk der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Öff­nungsmöglich­keit an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen nicht zu ei­nem Ver­s­toß ge­gen die staat­li­che Schutz­pflicht für die Re­li­gi­ons­frei­heit der Be­schwer­deführer, der das ge­sam­te Schutz­kon­zept mit all sei­nen an­ge­grif­fe­nen Aus­nah­me­tat­beständen für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz er­grei­fen würde und als ver­fas­sungs­wid­rig er­schei­nen ließe.

Im Übri­gen hat der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber er­kenn­bar ge­se­hen, dass er bei dem von ihm ver­folg­ten Kon­zept ei­ner flächen­de­cken­den Frei­ga­be der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen un­ter ge­rin­gen Vor­aus­set­zun­gen und oh­ne wa­ren­grup­pen­spe­zi­fi­sche Be­schränkun­gen nur ei­ne nied­ri­ge jähr­li­che Höchst­zahl der­art frei­ga­befähi­ger Sonn- und Fei­er­ta­ge an­set­zen durf­te, um dem Re­gel-Aus­nah­me-Ge­bot und der ver­fas­sungs­recht­lich ge­for­der­ten Si­che­rung ei­nes Min­dest­ni­veaus des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zu genügen. Die­se Höchst­zahl hat er auf der Grund­la­ge der von ihm gewähl­ten Schutz­kon­zep­ti­on, al­so ins­be­son­de­re oh­ne all­ge­mei­ne ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­be­stim­mung - et­wa § 23 Abs. 1 La­dSchlG ent­spre­chend -, in nicht zu be­an­stan­den­der Wei­se mit acht Sonn- oder Fei­er­ta­gen an­ge­setzt (sie­he § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG).

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III.

Die Re­ge­lung zur Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG) ist da­mit für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklären (§ 95 Abs. 3 BVerfGG). Sie bleibt in­des un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­rufs­ausübungs­frei­heit der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber, ih­res in die Re­ge­lung ge­setz­ten Ver­trau­ens und der von ih­nen für die Vor­weih­nachts­zeit des Jah­res 2009 ge­trof­fe­nen Dis­po­si­tio­nen in die­sem Jahr noch an­wend­bar. Ob und wie der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber sei­ne Schutz­kon­zep­ti­on an­passt, ob­liegt sei­ner Ge­stal­tungs­macht nach Maßga­be der Grundsätze die­ser Ent­schei­dung.

Den Be­schwer­deführern sind ih­re not­wen­di­gen Aus­la­gen je zur Hälf­te zu er­stat­ten; dies ist an­ge­mes­sen, weil ih­re Ver­fas­sungs­be­schwer­den ei­nen we­sent­li­chen Teil­er­folg ha­ben, der sich auch bei der Kon­kre­ti­sie­rung des Prüfungs­maßsta­bes nie­der­schlägt (§ 34a Abs. 2 BVerfGG).

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Die Ent­schei­dung ist zu B. I. 1. (Be­schwer­de­be­fug­nis) und zu B. II. 2. (Kon­kre­ti­sie­rung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG i.V.m. Art. 139 WRV) mit 5 : 3 Stim­men, hin­sicht­lich der An­for­de­run­gen des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ein­stim­mig er­gan­gen.

Pa­pier 

Hoh­mann-Denn­hardt 

Bry­de

Gai­er 

Eich­ber­ger 

Schlu­cke­bier

Kirch­hof 

Ma­sing

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