Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Arbeitszeit, Ladenöffnungszeiten, Sonntagsarbeit
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Akten­zeichen: 1 BvR 2857/07
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 01.12.2009
   
Leit­sätze:

1. Die aus den Grund­rech­ten - hier aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG - fol­gen­de Schutz­ver­pflich­tung des Ge­setz­ge­bers wird durch den ob­jek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag für die Sonn- und Fei­er­ta­ge aus Art. 139 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG kon­kre­ti­siert.

2. Die Ad­vents­sonn­tags­re­ge­lung in § 3 Abs. 1 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes steht mit der Gewähr­leis­tung der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen nicht in Ein­klang.

Vor­ins­tan­zen:
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT


- 1 BvR 2857/07 -

- 1 BvR 2858/07 -

Verkündet
am 1. De­zem­ber 2009
Kehr­we­cker
Amts­in­spek­tor
als Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le


IM NA­MEN DES VOL­KES


In den Ver­fah­ren

über

die Ver­fas­sungs­be­schwer­den

1. der Evan­ge­li­schen Kir­che Ber­lin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz,
ver­tre­ten durch den Vor­sit­zen­den der Kir­chen­lei­tung,
Bi­schof Prof. Dr. H.,
und den Präsi­den­ten des Kon­sis­to­ri­ums, S.,
Ge­or­gen­kirch­s­traße 69, 10249 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Karl-Her­mann Käst­ner, Alt-Rat­haus­s­traße 5, 72511 Bin­gen -

ge­gen § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 Nr. 1 und § 6 Abs. 1, 2 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (Berl­LadÖffG) vom 14. No­vem­ber 2006 (GVBl S. 1045) in der Fas­sung des Ers­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007 (GVBl S. 580)

- 1 BvR 2857/07 -,

2. des Erz­bis­tums Ber­lin,
ver­tre­ten durch den Erz­bi­schof Kar­di­nal S., Hin­ter der Ka­tho­li­schen Kir­che 3, 10117 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Chris­ti­an St­arck,
Schle­gel­weg 10, 37075 Göttin­gen -

ge­gen § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 Nr. 1 und § 6 Abs. 1, 2 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (Berl­LadÖffG) vom 14. No­vem­ber 2006 (GVBl S. 1045) in der Fas­sung des Ers­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007 (GVBl S. 580)

- 1 BvR 2858/07 -


- 2 -

hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Ers­ter Se­nat - un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin und Rich­ter
Präsi­dent Pa­pier,
Hoh­mann-Denn­hardt, Bry­de,
Gai­er,
Eich­ber­ger,
Schlu­cke­bier,
Kirch­hof,
Ma­sing

auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23. Ju­ni 2009 durch

Ur­teil

für Recht er­kannt:

Die Re­ge­lung über die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an den Ad­vents­sonn­ta­gen in § 3 Ab­satz 1 Al­ter­na­ti­ve 2 des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (Berl­LadÖffG) vom 14. No­vem­ber 2006 (Ge­setz- und Ver­ord­nungs­blatt für Ber­lin Sei­te 1045) in der Fas­sung des Ers­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007 (Ge­setz- und Ver­ord­nungs­blatt für Ber­lin Sei­te 580) ist mit Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 und Ab­satz 2 in Ver­bin­dung mit Ar­ti­kel 140 des Grund­ge­set­zes und Ar­ti­kel 139 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung un­ver­ein­bar.

Die vor­ge­nann­te Be­stim­mung bleibt noch bis zum 31. De­zem­ber 2009 an­wend­bar.

Im Übri­gen wer­den die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zurück­ge­wie­sen.

Das Land Ber­lin hat den Be­schwer­deführern de­ren not­wen­di­ge Aus­la­gen zur Hälf­te zu er­stat­ten.

- 3 -

G r ü n d e:


A.

Die Be­schwer­deführer sind öffent­lich­recht­lich ver­fass­te Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Sin­ne von Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 5 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV). Sie wen­den sich mit ih­ren Ver­fas­sungs­be­schwer­den un­mit­tel­bar ge­gen die Re­ge­lung der La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen im Land Ber­lin.


I.

1. Im Zu­ge der so ge­nann­ten Föde­ra­lis­mus­re­form I im Jahr 2006 wur­de das Recht des La­den­schlus­ses aus dem Ka­ta­log der Ge­genstände der kon­kur­rie­ren-den Ge­setz­ge­bung für das Recht der Wirt­schaft (Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG) he-raus­ge­nom­men und die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz in­so­weit auf die Länder über­tra­gen. Das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin be­schloss dar­auf­hin am 14. No­vem­ber 2006 das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz (Berl­LadÖffG, GVBl 2006, S. 1045). Das Ge­setz trat am 17. No­vem­ber 2006 in Kraft. Ein Jahr später, am 16. No­vem­ber 2007, er­ging das Ers­te Ge­setz zur Ände­rung des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes (GVBl 2007, S. 580). In­zwi­schen ha­ben al­le Bun­desländer bis auf den Frei­staat Bay­ern den La­den­schluss durch Lan­des­ge­setz ge­re­gelt.

a) Zu­vor wa­ren die La­denöff­nungs­zei­ten bun­des­ein­heit­lich in dem Ge­setz über den La­den­schluss (La­den­schluss­ge­setz - La­dSchlG) vom 28. No­vem­ber 1956 (BGBl I S. 875) ge­re­gelt, zu­letzt in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 2. Ju­ni 2003 (BGBl I S. 744), die­se zu­letzt geändert durch Art. 228 der Ver­ord­nung vom 31. Ok­to­ber 2006 (BGBl I S. 2407). Nach wie­der­hol­ten Aus­wei­tun­gen der La­denöff­nungs­zei­ten un­ter der Gel­tung des La­den­schluss­ge­set­zes des Bun­des galt an Werk­ta­gen, ein­sch­ließlich der Sonn­aben­de, zu­letzt ei­ne La­den­schluss­zeit von 20.00 bis 6.00 Uhr (§ 3 Nr. 2 La­dSchlG). An Sonn- und Fei­er­ta­gen un­ter­sag­te das Ge­setz grundsätz­lich die La­denöff­nung (§ 3 Nr. 1 La­dSchlG). Ab­wei­chend hier­von ließ § 14 Abs. 1 La­dSchlG die La­denöff­nung an bis zu vier Sonn- und Fei­er­ta­gen aus An­lass von Märk­ten, Mes­sen oder ähn­li­chen Ver­an­stal­tun­gen durch Rechts­ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung oder der von ihr be­stimm­ten Stel­len zu. Die La­denöff­nung durf­te fünf zu­sam­menhängen­de St­un­den nicht über­schrei­ten, muss­te spätes­tens um 18.00 Uhr en­den und soll­te außer­halb der Zeit des Haupt­got­tes­diens­tes lie­gen (§ 14 Abs. 2 La­dSchlG). Die Sonn- und Fei­er­ta­ge im Mo­nat De-

- 4 -

zem­ber wa­ren für je­de - auch aus­nahms­wei­se - Frei­ga­be ge­sperrt (§ 14 Abs. 3 La­dSchlG).

Da­ne­ben ent­hielt das La­den­schluss­ge­setz des Bun­des Son­der­re­ge­lun­gen für be­stimm­te Ver­kaufs­stel­len wie Läden in Bahnhöfen oder in länd­li­chen Ge­bie­ten so­wie für be­stimm­te Wa­ren­grup­pen. Ins­be­son­de­re ermäch­tig­te § 10 La­dSchlG die Lan­des­re­gie­run­gen durch Rechts­ver­ord­nung zu be­stim­men, dass und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen und Be­din­gun­gen in Kur­or­ten und in ein­zeln auf­zuführen­den Aus­flugs-, Er­ho­lungs- und Wall­fahrts­or­ten mit be­son­ders star­kem Frem­den­ver­kehr an jähr­lich höchs­tens 40 Sonn- und Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len geöff­net wer­den dürfen. Die Dau­er der La­denöff­nung war auf acht St­un­den be­grenzt. Es durf­te nur der Ver­kauf be­stimm­ter, in § 10 Abs. 1 La­dSchlG ge­nann­ter Wa­ren zu­ge­las­sen wer­den. Über­dies konn­ten die obers­ten Lan­des­behörden nach § 23 La­dSchlG in Ein­z­elfällen be­fris­te­te Aus­nah­men von den Vor­schrif­ten des La­den­schluss­ge­set­zes be­wil­li­gen, wenn die Aus­nah­men „im öffent­li­chen In­ter­es­se drin­gend nötig“ wa­ren.

b) Die nach der Ände­rung der Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz bis­her er­las­se­nen La­den­schluss- oder -öff­nungs­ge­set­ze der an­de­ren Bun­desländer hal­ten in den Grundzügen am Re­ge­lungs­kon­zept des La­den­schluss­ge­set­zes des Bun­des fest. Im Grund­satz se­hen al­le Lan­des­ge­set­ze vor, dass an Sonn- und Fei­er­ta­gen kei­ne La­denöff­nung er­folgt. Für be­stimm­te Ver­kaufs­stel­len so­wie für be­stimm­te Wa­ren und be­stimm­te Or­te, et­wa an Bahnhöfen, gibt es zahl­rei­che, zum Teil über die Re­ge­lung des La­den­schluss­ge­set­zes des Bun­des hin­aus­ge­hen­de Aus­nah­men. Ins­be­son­de­re ermögli­chen die Re­ge­lun­gen für Kur- und Aus­flugs­or­te in ei­ni­gen Lan­des­ge­set­zen ei­ne wei­ter­ge­hen­de La­denöff­nung als § 10 La­dSchlG. Bei­spiels­wei­se se­hen die so ge­nann­ten Bäder­re­ge­lun­gen in den Ge­set­zen von Schles­wig-Hol­stein und Meck­len­burg-Vor­pom­mern kei­ne Sor­ti­ments­be­schränkung vor. Darüber hin­aus ermögli­chen al­le Lan­des­ge­set­ze ei­ne be­grenz­te Zahl ver­kaufs­of­fe­ner Sonn- und Fei­er­ta­ge, die ge­setz­lich nicht an be­stimm­te Ver­kaufs­stel­len, Wa­ren oder Or­te ge­bun­den, häufig aber an­lass­be­zo­gen sind. In­so­weit wei­sen die meis­ten an­de­ren Bun­desländer vier Sonn- und Fei­er­ta­ge zur Frei­ga­be aus, Ba­den-Würt­tem­berg le­dig­lich drei, Bran­den­burg hin­ge­gen sechs. Zu­meist ist ei­ne La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen aus­ge­schlos­sen oder zu­min­dest nur an ei­nem ein­zi­gen Ad­vents­sonn­tag im Jahr ge­stat­tet. Ne­ben Ber­lin se­hen nur die Ge­set­ze über den La­den­schluss von Bran­den­burg, Sach­sen und Sach­sen-An­halt kei­nen be­son­de­ren Schutz der Ad­vents­sonn­ta­ge vor. Die Lan­des­ge­set­ze ent­hal­ten - mit Aus­nah­me des säch­si­schen und des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes - Re­ge­lun-
 


- 5 -

gen ent­spre­chend der bun­des­recht­li­chen all­ge­mei­nen Aus­nah­me­vor­schrift des § 23 La­dSchlG.

2. a) Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz sieht - in­so­weit über die Re­ge­lun­gen in an­de­ren Ländern hin­aus­rei­chend - die Frei­ga­be von jähr­lich bis zu zehn Sonn-und Fei­er­ta­gen für die La­denöff­nung vor. Ei­ne nach der Zahl der Ta­ge nicht be­grenz­te, § 23 La­dSchlG ent­spre­chen­de all­ge­mei­ne, aber ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­re­ge­lung mit eng ge­fass­ten Vor­aus­set­zun­gen kennt das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz nicht. Die La­denöff­nung an Werk­ta­gen ist vollständig frei­ge­ge­ben (24-St­un­den-Öff­nungsmöglich­keit).

Die La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen ist im Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz wie folgt ge­re­gelt: Kraft Ge­set­zes und oh­ne wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen dürfen Ver­kaufs­stel­len an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr geöff­net wer­den (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG). Vier wei­te­re Sonn- und Fei­er­ta­ge jähr­lich können „im öffent­li­chen In­ter­es­se“ durch All­ge­mein­verfügung der Se­nats­ver­wal­tung frei­ge­ge­ben wer­den; ei­ne uhr­zeit­li­che Be­gren­zung sieht die­se Re­ge­lung nicht vor (§ 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG). Zusätz­lich dürfen an zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len nach vor­he­ri­ger An­zei­ge ge­genüber dem zuständi­gen Be­zirks­amt aus An­lass „be­son­de­rer Er­eig­nis­se, ins­be­son­de­re von Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­ten“, von 13.00 bis 20.00 Uhr of­fen ge­hal­ten wer­den (§ 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG). Von den La­denöff­nungsmöglich­kei­ten nach § 6 Abs. 1 und § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG aus­ge­nom­men sind der 1. Ja­nu­ar, der 1. Mai, der Kar­frei­tag, der Os­ter­sonn­tag, der Pfingst­sonn­tag, der Volks­trau­er-tag, der To­ten­sonn­tag und die Fei­er­ta­ge im De­zem­ber (§ 6 Abs. 1 Satz 2, § 6 Abs. 2 Satz 3 Berl­LadÖffG).

In den Jah­ren 2007 bis 2009 hat die Ber­li­ner Se­nats­ver­wal­tung von der Möglich­keit des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG je­weils in vol­lem Um­fang Ge­brauch ge­macht und durch All­ge­mein­verfügun­gen die Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len an vier Sonn-oder Fei­er­ta­gen zu­ge­las­sen. In al­len bis­her er­gan­ge­nen All­ge­mein­verfügun­gen wur­de die La­denöff­nung al­ler­dings auf die Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr be­grenzt.

Ne­ben die­sen für al­le Ver­kaufs­stel­len, al­so den ge­sam­ten Ein­zel­han­del gel­ten­den Sonn- und Fei­er­tags­re­ge­lun­gen be­ste­hen wei­te­re - auch bis­her grundsätz­lich schon übli­che - Aus­nah­me­tat­bestände, die be­reichs­spe­zi­fisch vor al­lem nach Wa­ren­grup­pen und An­bie­tern so­wie nach be­son­de­ren Or­ten dif­fe­ren­zie­ren: Aus­nah­men vom La­den­schluss an Sonn- und Fei­er­ta­gen lässt das Ge­setz un­ter an­de­rem zu für die Ver­sor­gung von Ver­an­stal­tungs­be­su­chern (§ 4 Abs. 1 Nr. 2

- 6 -

Berl­LadÖffG), für den Ver­kauf von Blu­men, Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Back- und Kon­di­tor­wa­ren so­wie Milch und Milch­er­zeug­nis­sen (§ 4 Abs. 1 Nr. 3), für Kunst-und Ge­braucht­wa­renmärk­te (§ 4 Abs. 1 Nr. 5) so­wie für Apo­the­ken, Tank­stel­len und Ver­kaufs­stel­len auf Per­so­nen­bahnhöfen, Ver­kehrs­flughäfen und in Rei­se­bus­ter­mi­nals (§ 5 Berl­LadÖffG). Ei­ne dem bun­des­recht­li­chen § 10 La­dSchlG ent­spre­chen­de Re­ge­lung für Kur-, Aus­flugs- und Wall­fahrts­or­te sieht das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz nicht vor. Statt­des­sen ist in § 4 Abs. 1 Nr. 1 Berl­LadÖffG die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len, die aus­sch­ließlich im Ge­setz näher be­stimm­te Wa­ren für den Be­darf von Tou­ris­ten an­bie­ten, an je­dem Sonn- und Fei­er­tag in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr und oh­ne räum­li­che Be­gren­zung auf be­stimm­te Be­zir­ke oder Aus­flugs­zie­le frei­ge­ge­ben.


b) Die für den ge­sam­ten Ein­zel­han­del un­abhängig von Ver­kaufs­ort und Sor­ti­ment gel­ten­den Re­ge­lun­gen der La­denöff­nungs­zei­ten und der Aus­nah­men vom La­den­schluss an Sonn- und Fei­er­ta­gen lau­ten in der Fas­sung des Ge­set­zes vom 16. No­vem­ber 2007:

§ 3

All­ge­mei­ne La­denöff­nungs­zei­ten

(1) Ver­kaufs­stel­len dürfen an Werk­ta­gen von 0.00 bis 24.00 Uhr und an Ad­vents­sonn­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr geöff­net sein.

(2) Ver­kaufs­stel­len müssen, so­weit die §§ 4 bis 6 nichts Ab­wei­chen­des be­stim­men, ge­schlos­sen sein

1. an Sonn- und Fei­er­ta­gen und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt,

2. am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Werk­tag fällt, ab 14.00 Uhr.

(3) Die Absätze 1 und 2 gel­ten auch für Kunst- und Ge­braucht­wa­renmärk­te.

(4) Die bei La­den­schluss an­we­sen­den Kun­din­nen und Kun­den dürfen noch be­dient wer­den.
 


- 7 -

§ 6

Wei­te­re Aus­nah­men

(1) Die für die La­denöff­nungs­zei­ten zuständi­ge Se­nats­ver­wal­tung kann im öffent­li­chen In­ter­es­se aus­nahms­wei­se die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an höchs­tens vier Sonn- oder Fei­er­ta­gen durch All­ge­mein­verfügung zu­las­sen. Der 1. Ja­nu­ar, der 1. Mai, der Kar­frei­tag, der Os­ter­sonn­tag, der Pfingst­sonn­tag, der Volks­trau­er­tag, der To­ten­sonn­tag und die Fei­er­ta­ge im De­zem­ber sind hier­von aus­ge­nom­men.

(2) Ver­kaufs­stel­len dürfen aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se, ins-be­son­de­re von Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­ten, an jähr­lich höchs­tens zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr öff­nen. Die Ver­kaufs­stel­le hat dem zuständi­gen Be­zirks­amt die Öff­nung sechs Ta­ge vor­her an­zu­zei­gen. Ab­satz 1 Satz 2 gilt ent­spre­chend.

Wei­te­re Aus­nah­men vom La­den­schluss an Sonn- und Fei­er­ta­gen für be­son­de­re Wa­ren­grup­pen und An­bie­ter so­wie für Ver­kaufs­stel­len an be­son­de­ren Or­ten se­hen § 4 und § 5 Berl­LadÖffG vor:

§ 4


Ver­kauf be­stimm­ter Wa­ren an Sonn- und Fei­er­ta­gen

(1) An Sonn- und Fei­er­ta­gen dürfen öff­nen

1. Ver­kaufs­stel­len, die für den Be­darf von Tou­ris­ten aus­sch­ließlich An­denken, Straßen­kar­ten, Stadt­pläne, Rei­seführer, Ta­bak­wa­ren, Ver­brauchs­ma­te­ri­al für Film- und Fo­to­zwe­cke, Be­darfs­ar­ti­kel für den als­bal­di­gen Ver­brauch so­wie Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel zum so­for­ti­gen Ver­zehr an­bie­ten, von 13.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 13.00 bis 17.00 Uhr,

2. Ver­kaufs­stel­len zur Ver­sor­gung der Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher auf dem Gelände oder im Gebäude ei­ner Ver­an­stal­tung oder ei­nes Mu­se­ums mit the­men­be­zo­ge­nen Wa­ren oder mit Le­bens- und Ge­nuss­mit­teln zum so­for­ti­gen Ver­zehr während der Ver­an­stal­tungs- und Öff­nungs­dau­er,

3. Ver­kaufs­stel­len, de­ren An­ge­bot aus­sch­ließlich aus ei­ner oder meh­re­ren der Wa­ren­grup­pen Blu­men und Pflan­zen, Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Back- und Kon­di­tor­wa­ren, Milch und Milch­er­zeug­nis­se be­steht, von 7.00 bis 16.00 Uhr, an Ad­vents­sonn­ta-

- 8 -

gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr,

4. Ver­kaufs­stel­len mit über­wie­gen­dem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­an­ge­bot am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr,

5. Kunst- und Ge­braucht­wa­renmärk­te von 7.00 bis 18.00 Uhr, an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr.

(2) In Ver­kaufs­stel­len nach § 2 Abs. 1 Nr. 3

1. darf leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger an-ge­bo­ten wer­den an Sonn- und Fei­er­ta­gen, an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr,

2. dürfen Weih­nachtsbäume an­ge­bo­ten wer­den an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr.

(3) Am Os­ter­mon­tag, Pfingst­mon­tag und am zwei­ten Weih­nachts­fei­er­tag dürfen als Wa­ren nach Ab­satz 1 Nr. 3 nur Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und in Ver­kaufs­stel­len nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger an­ge­bo­ten wer­den. Am Kar­frei­tag, Volks­trau­er­tag und To­ten­sonn­tag dürfen Kunst- und Ge­braucht­wa­renmärk­te nicht öff­nen.

§ 5

Be­son­de­re Ver­kaufs­stel­len

An Sonn- und Fei­er­ta­gen und am 24.De­zem­ber dürfen geöff­net sein:

1. Apo­the­ken für die Ab­ga­be von Arz­nei­mit­teln und das An­bie­ten von apo­the­kenübli­chen Wa­ren,

2. Tank­stel­len für das An­bie­ten von Er­satz­tei­len für Kraft­fahr­zeu­ge, so­weit dies für die Er­hal­tung oder Wie­der­her­stel­lung der Fahr­be­reit­schaft not­wen­dig ist, so­wie für das An­bie­ten von Be­triebs­stof­fen und von Rei­se­be­darf,


3. Ver­kaufs­stel­len auf Per­so­nen­bahnhöfen, auf Ver­kehrs­flughäfen und in Rei­se­bus­ter­mi­nals für das An­bie­ten von Rei­se­be­darf. Auf dem Flug­ha­fen Ber­lin-Te­gel dürfen darüber hin­aus Wa­ren des tägli­chen Ge- und Ver­brauchs, ins­be­son­de­re Er­zeug­nis­se für

- 9 -

den all­ge­mei­nen Le­bens- und Haus­halts­be­darf, Tex­ti­li­en, Sport­ar­ti­kel, so­wie Ge­schenk­ar­ti­kel an­ge­bo­ten wer­den.

§ 7 Berl­LadÖffG trifft ar­beits­zeit­recht­li­che Re­ge­lun­gen zum Schutz der Ar­beit­neh­mer. Da­nach dürfen Ar­beit­neh­mer an Sonn- und Fei­er­ta­gen in Ver­kaufs­stel­len nur mit Ver­kaufstätig­keit während der je­weils zu­ge­las­se­nen Öff­nungs­zei­ten so­wie zur Er­le­di­gung von Vor­be­rei­tungs- und Ab­schluss­ar­bei­ten - wenn un­erläss­lich - während wei­te­rer 30 Mi­nu­ten beschäftigt wer­den; auf ihr Ver­lan­gen hin sind sie in je­dem Ka­len­der­mo­nat min­des­tens an ei­nem Sonn­abend frei­zu­stel­len. Beschäftig­te mit min­des­tens ei­nem Kind un­ter 12 Jah­ren im Haus­halt oder ei­ner zu ver­sor­gen­den, an­er­kannt pfle­ge­bedürf­ti­gen Per­son sol­len auf Ver­lan­gen an ver­kaufs­of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­gen frei­ge­stellt wer­den, so­weit die Be­treu­ung durch ei­ne an­de­re im Haus­halt le­ben­de Per­son nicht gewähr­leis­tet ist. Ar­beit­neh­mer dürfen nur an zwei Ad­vents­sonn­ta­gen im Jahr beschäftigt wer­den.

§ 9 Berl­LadÖffG be­droht Verstöße ge­gen näher be­zeich­ne­te Vor­schrif­ten des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes als Ord­nungs­wid­rig­keit mit Geld­buße. Der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­tat­be­stand, der auch die Bußgeldhöhe be­stimmt, lau­tet aus-zugs­wei­se:

§ 9

Ord­nungs­wid­rig­kei­ten

(1) Ord­nungs­wid­rig han­delt, wer vorsätz­lich oder fahrlässig als In­ha­be­rin oder In­ha­ber ei­ner Ver­kaufs­stel­le

1. ent­ge­gen § 3 Abs. 1, 2 und 3 ei­ne Ver­kaufs­stel­le öff­net oder Wa­ren an­bie­tet,

2. ent­ge­gen §§ 4 und 5 über die zulässi­gen Öff­nungs­zei­ten hin-aus Wa­ren oder Wa­ren außer­halb der ge­nann­ten Wa­ren­grup­pen an­bie­tet,

3. ent­ge­gen § 6 über die zulässi­ge An­zahl der Sonn- oder Fei­er­ta­ge oder über die zulässi­gen Öff­nungs­zei­ten hin­aus Ver­kaufs­stel­len öff­net oder Wa­ren an­bie­tet oder die recht­zei­ti­ge An­zei­ge bei der zuständi­gen Behörde un­terlässt,

4. bis 6. ....
 


- 10 -

7. ent­ge­gen § 7 Abs. 5 Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer an mehr als zwei Ad­vents­sonn­ta­gen im Jahr beschäftigt,

8. ...

(2) ...

(3) Die Ord­nungs­wid­rig­kei­ten können mit ei­ner Geld­buße bis zu 2 500 Eu­ro, in den Fällen des Ab­sat­zes 1 Nr. 4 und des Ab­sat­zes 2 mit ei­ner Geld­buße bis zu 15 000 Eu­ro ge­ahn­det wer­den.


Der höhe­re Bußgeld­rah­men von 15.000 Eu­ro be­trifft den Be­trieb von Kunst-und Ge­wer­bemärk­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen ent­ge­gen § 3 und § 4 Berl­LadÖffG und Verstöße ge­gen die Ar­beits­zeit­vor­schrift des § 7 Abs. 1 Berl­LadÖffG.


c) In der Be­gründung des Ent­wurfs zum Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz vom 14. No­vem­ber 2006 (Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015) be­ton­te der Se­nat von Ber­lin, dem Sonn­tag kom­me ins­be­son­de­re in un­se­rer auf Be­trieb­sam­keit be­dach­ten Ge­sell­schaft ei­ne große Be­deu­tung als Zeit zum phy­si­schen und men­ta­len Kräfteschöpfen zu. Als Aus­gleich für die ständig wach­sen­den An­for­de­run­gen aus der Ar­beits­welt, ins­be­son­de­re auch an die Mo­bi­lität und Fle­xi­bi­lität der Beschäftig­ten, sei der Sonn­tag im In­ter­es­se der Fa­mi­lie und zur Förde­rung von So­zi­al­be­zie­hun­gen in un­se­rer heu­ti­gen Zeit un­ver­zicht­bar. Der Sonn­tag wer­de zur Er­ho­lung, für die Ge­stal­tung des Fa­mi­li­en­le­bens, zur Pfle­ge ge­sell­schaft­li­cher, sport­li­cher, kul­tu­rel­ler und nicht zu­letzt auch re­li­giöser Ak­ti­vitäten benötigt. Vom Grund­satz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he könne des­halb nur aus­nahms­wei­se un­ter Abwägung der In­ter­es­sen des Ein­zel­han­dels und der Kun­den mit den Schutz­in­ter­es­sen der Beschäftig­ten ab­ge­wi­chen wer­den. Das Ge­setz se­he aus Gründen der Wett­be­werbs­gleich­heit kei­ne Son­der­re­ge­lun­gen für al­lein in­ha­ber­geführ­te oder aus­sch­ließlich mit nicht-an­ge­stell­ten Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen geführ­te Ver­kaufs­stel­len vor. Im In­ter­es­se ei­ner weit­ge­hen­den Fle­xi­bi­li­sie­rung der Ver­kaufs­zei­ten, an der die Kun­den in­ter­es­siert sei­en, sei zügig von der neu­en Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz Ge­brauch ge­macht wor­den. Da­mit wer­de auch dem Stand­ort Ber­lin als Ein­kaufs-und Tou­ris­mus­me­tro­po­le Rech­nung ge­tra­gen. Als be­son­de­re Neue­rung wird her­vor­ge­ho­ben, dass das Ge­setz kei­ne Be­schränkun­gen mehr für die werktägli­chen Öff­nungs­zei­ten enthält. Die Ge­set­zes­be­gründung gibt zu­gleich zu er­ken­nen, dass die früher be­grenz­ten Öff­nungs­zei­ten das Ver­kaufs­per­so­nal vor über­lan­gen Ar­beits­zei­ten hätten schützen sol­len. Dies wer­de nun­mehr durch den Ar­beits­zeit­schutz si­cher­ge­stellt.
 


- 11 -

Die zeit­lich be­grenz­te Frei­ga­be der La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen sei Er­geb­nis der Abwägung der In­ter­es­sen des Ein­zel­han­dels und der Kun­den mit den Schutz­in­ter­es­sen der Beschäftig­ten. Die Re­ge­lung des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG, nach der die Se­nats­ver­wal­tung ermäch­tigt wird, durch All­ge­mein­verfügung bis zu vier ver­kaufs­of­fe­ne Sonn- und Fei­er­ta­ge jähr­lich zu­zu­las­sen, löse die Re­ge­lun­gen der §§ 14 und 23 La­dSchlG des Bun­des ab. Die La­denöff­nung sol­le in­so­weit bei Ver­an­stal­tun­gen oder Er­eig­nis­sen ermöglicht wer­den, die über die Stadt hin­aus Be­deu­tung hätten und zahl­rei­che Tou­ris­ten nach Ber­lin hol­ten. Mit der ver­kaufs­stel­len­spe­zi­fi­schen La­denöff­nungsmöglich­keit des § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG an zwei wei­te­ren Sonn- und Fei­er­ta­gen sol­le der Kri­tik Rech­nung ge­tra­gen wer­den, dass die von der Se­nats­ver­wal­tung aus­gewähl­ten Anlässe für die vier Sonn- und Fei­er­ta­ge, die früher durch Rechts­ver­ord­nung be­stimmt wur­den, nicht für al­le Ber­li­ner Ver­kaufs­stel­len auch wirt­schaft­li­chen Er­folg ge­bracht hätten.


Zur Er­wei­te­rung des an je­dem Sonn­tag ver­kauf­ba­ren Sor­ti­ments auf tou­ris­ti­sche Be­darfs­ar­ti­kel in § 4 Abs. 1 Nr. 1 Berl­LadÖffG führ­te der Se­nat aus, dass die­se Re­ge­lung die nach § 10 La­dSchlG er­gan­ge­ne Ver­ord­nung über den La­den­schluss in Aus­flugs- und Er­ho­lungs­ge­bie­ten er­set­zen sol­le, der­zu­fol­ge in der Zeit vom ers­ten Sonn­tag im März bis zum drit­ten Sonn­tag im Ok­to­ber ein stark be­grenz­tes Sor­ti­ment in der Zeit von 11.00 bis 19.00 Uhr in elf ex­akt ab­ge­grenz­ten Ge­bie­ten an­ge­bo­ten wer­den durf­te. Zur Ver­mei­dung der da­mit ver­bun­de­nen er­heb­li­chen ört­li­chen Ab­gren­zungs­pro­ble­me wer­de zukünf­tig der Ver­kauf ei­nes ab­ge­grenz­ten Sor­ti­ments in der gan­zen Stadt, an al­len Sonn- und Fei­er­ta­gen im Jahr, in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr, am 24. De­zem­ber je­doch nur bis 17.00 Uhr zu­ge­las­sen. § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG re­ge­le für den Son­der­fall, dass der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fällt, ei­ne Durch­bre­chung des sonn-und fei­ertägli­chen Sch­ließungs­ge­bots für Ver­kaufs­stel­len, die über­wie­gend Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel an­bie­ten. Hier­mit sol­le gewähr­leis­tet wer­den, dass die Bevölke­rung sich mit fri­schen Le­bens­mit­teln für die nach­fol­gen­den Weih­nachts­fei­er­ta­ge ein­de­cken kann. Die Re­ge­lung des § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG er­lau­be den Ver­kauf von leicht­ver­derb­li­chem, ern­te­fri­schem Obst und Gemüse in mo­bi­len Ver­kaufsständen durch den Er­zeu­ger oder durch die von ihm Be­auf­trag­ten auch an Sonn- und Fei­er­ta­gen zur De­ckung des Be­darfs der Bevölke­rung. Die­se Re­ge­lung sei mit dem Land Bran­den­burg ab­ge­stimmt; denn we­gen der räum­li­chen Nähe ver­kauf­ten vor­ran­gig An­bie­ter aus die­ser Re­gi­on Obst und Gemüse auf Ber­li­ner Straßen.
 


- 12 -

II.

Mit ih­ren Ver­fas­sungs­be­schwer­den rügen die Be­schwer­deführer ei­ne Ver­let­zung von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV durch die Re­ge­lun­gen in § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1, § 6 Abs. 1 und 2 und § 9 Abs. 2 Berl­LadÖffG, so­weit die­ser für Fälle von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten le­dig­lich ein Bußgeld bis zu 2.500 Eu­ro vor­se­he, so­wie durch die von der Ku­mu­la­ti­on der Re­ge­lun­gen aus­ge­hen­de Wir­kung. Die Be­schwer­deführer be­gründen ih­re Ver­fas­sungs­be­schwer­den im We­sent­li­chen übe­rein­stim­mend.

1. a) Die Be­schwer­deführer hal­ten sich für be­schwer­de­be­fugt.

Sie mei­nen, ih­rer Be­ru­fung auf Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ste­he nicht ent­ge­gen, dass bei der Be­ur­tei­lung der Ver­fas­sungsmäßig­keit der an­ge­grif­fe­nen Nor­men die Gewähr­leis­tung des Schut­zes der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV maßgeb­li­che Re­le­vanz ent­fal­te. Zwar ent­hal­te Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kein Grund­recht oder grund­rechts­glei­ches Recht, son­dern ei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie. In­des wer­de die durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG geschütz­te Möglich­keit frei­er Re­li­gi­ons­ausübung in ih­ren tatsächli­chen Rah­men­be­din­gun­gen durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ent­fal­tet und aus­ge­formt. Es sei an­er­kannt, dass die Gewähr­leis­tun­gen der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel funk­tio­nal auf die In­an­spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt sei­en. Art. 139 WRV ent­hal­te mit der Zweck­set­zung der „see­li­schen Er­he­bung“ auch ei­ne re­li­gi­onsfördern­de Kom­po­nen­te. Der Sa­che nach kon­kre­ti­sie­re Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV den Gewähr­leis­tungs­ge­halt von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, ins­be­son­de­re die aus dem Grund­recht fol­gen­de Schutz­pflicht des Staa­tes. In­dem die Ver­fas­sung den Schutz der Sonn­ta­ge nach Maßga­be von Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV im Sin­ne ei­ner in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie zur „see­li­schen Er­he­bung“ gewähr­leis­te, er­wach­se den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Rah­men ih­res Grund­rechts auf Re­li­gi­ons­frei­heit ein An­spruch, an die­sem ob­jek­tiv sta­tu­ier­ten spe­zi­fi­schen Schutz un­gestörter Re­li­gi­ons­ausübung ef­fek­tiv teil­zu­ha­ben und nicht durch Lan­des­recht be­ein­träch­tigt zu wer­den.

Die Be­schwer­deführer se­hen sich von den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen auch un­mit­tel­bar be­trof­fen. Dies fol­ge aus de­ren Ku­mu­la­ti­on, durch die ei­ne Aushöhlung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Schut­zes der Sonn­ta­ge be­wirkt wer­de. Bei den Ein­grif­fen in den Sonn­tags­schutz durch die Be­stim­mun­gen der § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1


- 13 -

Nr. 4 und § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG bedürfe es kei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes. In den Fällen des § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG sei zwar je­weils ei­ne ge­wis­se Um­set­zung er­for­der­lich. Gleich­wohl kom­me es bei § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG fak­tisch be­reits un­mit­tel­bar zu ei­ner Grund­rechts­ver­let­zung durch das Ge­setz, da sie an­ge­sichts der kur­zen An­zei­ge­frist von sechs Ta­gen und der Ver­tei­lung der An­mel­dun­gen auf sämt­li­che Ber­li­ner Be­zirksämter in der Re­gel kei­ne recht­zei­ti­ge Kennt­nis von La­denöff­nun­gen nach § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG er­hal­ten würden und so­mit auch kei­ne Rechts­mit­tel ge­gen die Untätig­keit der Be­zirks­ver­wal­tung er­grei­fen könn­ten. Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­gen würden an­ge­sichts der un­ter­schied­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten bei den je­weils öff­nen­den Ver­kaufs­stel­len und der meist feh­len­den Wie­der­ho­lungs­ge­fahr als un­zulässig schei­tern. Bei § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG bedürfe es ei­ner All­ge­mein­verfügung der Se­nats­ver­wal­tung, die ver­wal­tungs­ge­richt­lich an­ge­grif­fen wer­den könne. Sie als Be­schwer­deführer sei­en aber be­reits durch die Ermäch­ti­gung zum Er­lass von All­ge­mein­verfügun­gen un­mit­tel­bar be­trof­fen, weil die­se Ermäch­ti­gung im Ver­bund mit den an­de­ren an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ste­he. Durch die Ku­mu­la­ti­on mit den „selbst­voll­zie­hen­den“ Vor­schrif­ten kom­me es zur Ver­let­zung ih­res Grund­rechts auf freie Re­li­gi­ons­ausübung.

Sch­ließlich sei­en sie auch selbst be­trof­fen. Sie sei­en zwar nicht Adres­sa­ten der La­denöff­nungs­vor­schrif­ten. Ih­re Grund­rechts­po­si­tio­nen stünden aber in en­ger Be­zie­hung zu die­sen Re­ge­lun­gen. Die­se en­ge Be­zie­hung fol­ge aus der Ver­knüpfung von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG mit Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV. Ih­re Got­tes­diens­te und re­li­giösen Ver­an­stal­tun­gen würden an ei­ner beträcht­li­chen An­zahl von Sonn­ta­gen nach­hal­tig be­hin­dert. Die Sonn­ta­ge würden durch die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len ih­res ru­hi­gen, geschütz­ten Cha­rak­ters ent­klei­det. Die Ver­fas­sung be­ken­ne sich aber aus­drück­lich zum Sonn­tags­schutz nach christ­li­cher Tra­di­ti­on. In ihr sei aus­drück­lich an­ge­legt, dass der Sonn­tag für die christ­li­chen Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten der her­vor­ge­ho­be­ne Tag der Wo­che sei. Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV schütze den ge­sam­ten Tag zur see­li­schen Er­he­bung und un­ter­schei­de nicht nach Haupt­got­tes­dienst­zei­ten und dem übri­gen Tag. Dies sei auch sach­ge­recht, weil sich die Re­li­gi­ons­ausübung und da­mit die see­li­sche Er­he­bung auch außer­halb von Got­tes­diens­ten in an­de­ren For­men voll­zie­he.

b) Wei­ter führen die Be­schwer­deführer aus, der Rechts­weg sei erschöpft und der Grund­satz der Sub­si­dia­rität ge­wahrt:

Die §§ 3 und 4 Berl­LadÖffG könn­ten als Vor­schrif­ten ei­nes for­mel­len Ge­set­zes nicht in ei­nem ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren gemäß § 47

- 14 -

Vw­GO an­ge­grif­fen wer­den. Bei der Re­ge­lung des § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG han­de­le es sich um ei­ne Er­laub­nis mit An­zei­ge­vor­be­halt. Ein Ver­wal­tungs­akt wer­de nur er­las­sen, wenn die Behörde auf­grund der An­zei­ge die Aus­nah­me ver­wei­ge­re. Rechts­schutz kom­me in Form ei­ner Ver­pflich­tungs­kla­ge in Be­tracht. Die An­zei­gen sei­en aber an die ver­schie­de­nen Be­zirksämter zu rich­ten. Kennt­nis hier­von könn­ten sie, die Be­schwer­deführer, kaum er­lan­gen. Des­halb sei es un­zu­mut­bar, sie auf den nicht prak­ti­ka­blen Rechts­weg zu ver­wei­sen.

Ge­gen die All­ge­mein­verfügun­gen nach § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG ste­he zwar ein Rechts­weg zur Verfügung. In­so­weit sei aber § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG an­wend­bar und da­mit auch oh­ne Erschöpfung des Rechts­wegs die Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu be­ja­hen. Die Klärung der Fra­ge, wel­che Gren­zen ei­nem La­denöff­nungs­ge­setz durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und mit Art. 139 WRV ge­setzt sei­en, sei von all­ge­mei­ner Be­deu­tung. Die Fra­ge nach der Be­gren­zung der Ge­stal­tungs­frei­heit des Ge­setz­ge­bers zur La­denöff­nung am Sonn­tag ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht be­ant­wor­tet. Bis­her sei nur fest­ge­stellt wor­den, dass ein Kern­be­reich an Sonn- und Fei­er­tags­ru­he un­an­tast­bar sei und ein hin­rei­chen­des Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ge­wahrt blei­ben müsse. Es sei noch nicht geklärt, wann Re­ge­lun­gen zur Ermögli­chung der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen nicht mehr genügten (Be­zug­nah­me auf BVerfGE 111, 10 <50, 52, 54>). Die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge wer­de auch in der Fach­li­te­ra­tur kon­tro­vers dis­ku­tiert. Ih­re Klärung ha­be darüber hin­aus für die an­de­ren Länder Be­deu­tung.

2. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei­en auch be­gründet.

a) Ihr An­lie­gen, den Sonn­tag nach Maßga­be ih­res re­li­giösen Selbst­verständ­nis­ses zu be­ge­hen, wer­de vom Schutz­be­reich des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG er­fasst. Die­ser Schutz be­tref­fe nicht nur die Möglich­keit, Got­tes­diens­te und sons­ti­ge re­li­giöse Ver­an­stal­tun­gen un­ge­hin­dert von staat­li­chen Ge­bo­ten oder Ver­bo­ten ab­zu­hal­ten. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG sei viel­mehr mit Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ver­knüpft. Die Ver­fas­sung gewähr­leis­te den Schutz der Sonn­ta­ge im Sin­ne ei­ner in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie zur „see­li­schen Er­he­bung“, mit­hin - ne­ben der so­zi­al­po­li­ti­schen Zweck­set­zung der Ar­beits­ru­he - mit ei­ner re­li­gi­onsfördern­den Zweck­set­zung. Dem­zu­fol­ge fließe der ver­fas­sungs­recht­li­che Schutz der Sonn- und Fei­er­ta­ge im Um­fang sei­ner re­li­gi­onsfördern­den Di­men­si­on in den Gewähr­leis­tungs­ge­halt des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ein. Über die­se Ver­knüpfung sei­en auch die äußeren Rah­men­be­din­gun­gen der Ver­an­stal­tung von Got­tes­diens­ten und sons­ti­gen re­li­giösen Ver­an­stal­tun­gen geschützt.


- 15 -

Den Kir­chen und sons­ti­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten er­wach­se ein An­spruch, an die­sem spe­zi­fi­schen Schutz un­gestörter Re­li­gi­ons­ausübung ef­fek­tiv teil­zu­ha­ben. In­so­fern ent­hal­te das Grund­recht auf Re­li­gi­ons­frei­heit par­ti­ell ein Teil­ha­be­recht. Den Kir­chen und sons­ti­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten wer­de die Möglich­keit ge­si­chert, ge­ra­de auch die vom Werk­tag un­ter­schie­de­nen Sonn­ta­ge nach Maßga­be ih­res Selbst­verständ­nis­ses zu be­ge­hen und da­bei ih­re Gläubi­gen tatsächlich er­rei­chen zu können. Der Schutz der Sonn­ta­ge rich­te sich in ers­ter Li­nie auf die un­gestörte Ab­hal­tung von Got­tes­diens­ten und sons­ti­gen re­li­giösen Ver­an­stal­tun­gen. Da­ne­ben sei den Kir­chen an ei­ner Un­terstützung ih­rer dia­ko­ni­schen und fa­mi­li­enfördern­den Ar­beit ge­le­gen, wel­che nach ih­rem Selbst­verständ­nis glei­cher­maßen zu ih­rem Auf­trag gehörten. Der Sonn­tags­schutz er­stre­cke sich auf den gan­zen Tag, weil er über den Got­tes­dienst hin­aus auch an­de­re Güter schütze, die auch die Kir­chen ver­tei­dig­ten: Das gel­te für die Fa­mi­lie, die Ak­ti­vitäten kirch­li­cher Ver­ei­ne, kirch­li­che Fei­ern außer­halb der Haupt­got­tes­dienst­zei­ten bis hin zur Möglich­keit der „ru­hi­gen Ein­kehr“. Da­mit be­ste­he ei­ne un­mit­tel­ba­re In­ter­de­pen­denz zwi­schen der Re­li­gi­ons­frei­heit der Kir­chen und dem Schutz des Sonn­tags.

b) Die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten ver­letz­ten je­weils für sich ge­nom­men so­wie in ih­rer Ku­mu­la­ti­on Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV und da­mit zu­gleich Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.

aa) § 3 Abs. 1 Berl­LadÖffG ver­let­ze sie in ih­ren Grund­rech­ten, weil da­nach ei­ne La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr zulässig sei. Die Sonn­ta­ge in der Ad­vents­zeit nähmen ei­nen her­vor­ge­ho­be­nen Platz im Kir­chen­jahr ein und würden von den Kir­chen tra­di­tio­nell auch ent­spre­chend be­gan­gen. Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz be­rau­be die Vor­weih­nachts­zeit grund­le­gend ih­res ver­fas­sungs­recht­li­chen Schut­zes. Auf­grund des be­son­de­ren Ge­präges der Ad­vents­sonn­ta­ge würden durch die ein­schlägi­ge Re­ge­lung die struk­tur- und ty­pus­be­stim­men­den Merk­ma­le des ver­fas­sungs­recht­li­chen Sonn­tags­schut­zes in ih­rer re­li­gi­onsfördern­den Kom­po­nen­te in­ten­siv be­trof­fen. Dies gel­te um­so mehr, als § 3 Abs. 1 Berl­LadÖffG nicht vier punk­tu­ell über das Jahr ver­teil­ten Sonn­ta­gen ih­ren spe­zi­fi­schen Schutz neh­me, son­dern vier auf­ein­an­der fol­gen­den Sonn­ta­gen. Da­mit wer­de der Schutz über ei­nen Zeit­raum von vier Wo­chen sus­pen­diert. Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Be­stim­mung fol­ge über­dies dar­aus, dass ihr al­lein wirt­schaft­li­che Erwägun­gen zu­grun­de lägen, was in der Ge­set­zes­vor­la­ge deut­lich zum Aus­druck kom­me. Ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung vom Sonn- und Fei­er­tags­schutz al­lein aus öko­no­mi­schen Gründen dürfe es aber nicht ge­ben.

- 16 -

bb) Auch § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG ver­let­ze den ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz der Sonn­ta­ge. Die Vor­schrift sol­le der Ge­set­zes­vor­la­ge zu­fol­ge da­zu die­nen, der Bevölke­rung an Weih­nach­ten für die bei­den Fei­er­ta­ge ei­ne Be­vor­ra­tung mit fri­schen Le­bens­mit­teln zu ermögli­chen, wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fal­le. Dem feh­le je­de sach­li­che Be­rech­ti­gung. Der Ein­kauf nicht ver­derb­li­cher Le­bens­mit­tel las­se sich auch vor dem 24. De­zem­ber vor­neh­men. An­ge­sichts der heu­ti­gen Kühlmöglich­kei­ten gel­te dies eben­so für ver­derb­li­che Le­bens­mit­tel. Im Übri­gen be­zie­he sich § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG pau­schal auf „Ver­kaufs­stel­len mit über­wie­gen­dem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­an­ge­bot“. Ei­ne sol­che Re­ge­lung sei im Sin­ne ei­ner Be­vor­ra­tung für die Weih­nachts­fei­er­ta­ge nicht er­for­der­lich.

cc) Eben­falls un­verhält­nismäßig sei § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG. Mit der Pri­vi­le­gie­rung der Ver­kaufs­stel­len von Er­zeu­gern hei­mi­schen Obs­tes und Gemüses wer­de der Zweck der Wirt­schaftsförde­rung ver­folgt. Die­ser Zweck ge­nieße kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Rang. Zu­dem sei auch in­so­weit an­ge­sichts der heu­ti­gen Kühlmöglich­kei­ten nicht er­sicht­lich, wes­halb der Han­del mit „leicht ver­derb­li­chem Obst und Gemüse“ an Sonn- und Fei­er­ta­gen er­for­der­lich sein sol­le.


dd) Mit Art. 4 Abs. 1 und 2 GG un­ver­ein­bar sei fer­ner die Re­ge­lung über die Frei­ga­be der La­denöff­nung durch All­ge­mein­verfügung an vier Sonn- und Fei­er­ta­gen we­gen ei­nes öffent­li­chen In­ter­es­ses nach § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG. Zwar leh­ne sich die­se Aus­nah­me­re­ge­lung an die vor­mals bun­des­ein­heit­li­chen Re­ge­lun­gen der §§ 14, 23 La­dSchlG an; sie un­ter­schei­de sich da­von je­doch in ei­nem maßgeb­li­chen Punkt. Nach dem La­den­schluss­ge­setz des Bun­des ha­be die Aus­nah­me im Ein­zel­fall im öffent­li­chen In­ter­es­se drin­gend nötig sein müssen; dies sei et­wa im Blick auf die Ver­sor­gung der Bevölke­rung mit le­bens­not­wen­di­gen Wa­ren bei Notfällen und Ka­ta­stro­phen in Be­tracht ge­kom­men. Die Re­ge­lung des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG hin­ge­gen ent­hal­te kei­ne der­ar­ti­gen stren­gen An­for­de­run­gen mehr. Für die Zu­las­sung der La­denöff­nung genüge be­reits ei­ne mehr oder min­der be­deu­ten­de Ver­an­stal­tung oder ein Er­eig­nis, wel­ches in ir­gend­ei­ner Wei­se das In­ter­es­se der Ber­li­ner Bevölke­rung oder der Tou­ris­ten we­cke. Von den Tat­be­stands­merk­ma­len „im öffent­li­chen In­ter­es­se“ und „aus­nahms­wei­se“ ge­he prak­tisch kaum Steue­rungs­wir­kung aus. Das er­wei­se sich an den bis­her er­gan­ge­nen All­ge­mein­verfügun­gen, bei de­nen An­lass für die Zu­las­sung von La­denöff­nun­gen an Sonn­ta­gen im Jahr 2007 die Grüne Wo­che, je­weils zeit­lich zu­sam­men­tref­fend ein Thea­ter­tref­fen und der Deut­sche Rönt­gen­kon­gress, die In­ter­na­tio­na­le Funk­aus­stel­lung und das Mu­sik­fest 2007 so­wie das Art Fo­rum Ber­lin und der Kunst­herbst Ber­lin ge­we­sen sei­en. Die Ermäch­ti­gung in § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG nor­mie­re un­an­ge-
 


- 17 -

mes­sen ge­rin­ge Aus­nah­me­an­for­de­run­gen und ver­fol­ge aus­sch­ließlich wirt­schaft­li­che Zwe­cke.


ee) Der Re­ge­lung über die La­denöff­nung aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se gemäß § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG lägen eben­so al­lein wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen zu­grun­de. Sie sei un­verhält­nismäßig, weil sie an­ge­sichts der sehr großen An­zahl von Han­dels­geschäften in Ber­lin, der sehr nied­ri­gen Er­for­der­nis­se für ei­ne La­denöff­nung - „Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­te“ - und der Tat­sa­che, dass pro Geschäft zwei Öff­nun­gen im Jahr ermöglicht würden, ei­ne beträcht­li­che Streu­wir­kung ent­fal­te. Das Grund­prin­zip der Sch­ließung von Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen würde da­mit in Ber­lin fak­tisch flächen­de­ckend auf­ge­ge­ben.


ff) Erst recht sei­en die an­ge­grif­fe­nen Ein­zel­be­stim­mun­gen in ih­rer Ku­mu­la­ti­on ver­fas­sungs­wid­rig. Aus­nah­men vom ver­fas­sungs­recht­li­chen Sonn- und Fei­er­tags­schutz sei­en je­den­falls dann ver­fas­sungs­wid­rig, wenn ih­re Ku­mu­la­ti­on dem Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis des Ver­bots und der Ge­stat­tung von Sonn­tags­ar­beit zu­wi­der­lau­fe. An­ge­sichts der quan­ti­ta­ti­ven Di­men­si­on der mögli­chen La­denöff­nun­gen - zehn Sonn- und Fei­er­ta­ge pro Jahr, was fast ei­nem Fünf­tel al­ler Sonn­ta­ge gleich­kom­me - sei es nicht mehr be­ach­tet. Es sei zu­dem da­von aus­zu­ge­hen, dass es in Ber­lin kei­nen ein­zi­gen Sonn­tag mehr ge­ben wer­de, an dem nicht ei­ne größere An­zahl von Geschäften geöff­net ha­be. Die Ge­samt­wir­kung der La­denöff­nungsmöglich­kei­ten wer­de nicht da­durch ge­min­dert, dass die ge­setz­li­che Re­ge­lungs­tech­nik ei­ne Ver­tei­lung auf ver­schie­de­ne Pa­ra­gra­phen vor­se­he.


gg) Die Ein­grif­fe sei­en ins­ge­samt ver­fas­sungs­recht­lich nicht ge­recht­fer­tigt. We­gen der schran­ken­lo­sen Gewähr­leis­tung von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG kom­me nur ei­ne Recht­fer­ti­gung kraft kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­rechts in Be­tracht. Die wirt­schafts­be­zo­ge­nen Grund­rech­te der Art. 12 und 14 GG trügen die Ein­grif­fe in den Sonn- und Fei­er­tags­schutz nicht; denn die wirt­schaft­li­chen Zweck­set­zun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes hätten kei­nen Ver­fas­sungs­rang. Auch könne das Ver­sor­gungs­in­ter­es­se der Bevölke­rung, dem an­ge­sichts des So­zi­al­staats­prin­zips und staat­li­cher Schutz­pflich­ten Ver­fas­sungs­rang zu­ge­spro­chen wer­den könne, nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, da die be­an­stan­de­ten Vor­schrif­ten nicht der Grund­ver­sor­gung dien­ten.

hh) Die Aushöhlung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tung der Sonn-und Fei­er­tags­ru­he wer­de da­durch wei­ter verstärkt, dass das Ge­setz nicht ein­mal wirk­sa­me Sank­tio­nen bei Verstößen ge­gen die noch vor­han­de­nen, ru­di­mentären Re­strik­tio­nen vor­se­he. Nach Maßga­be von § 9 Abs. 2 Berl­LadÖffG könn­ten Zu­wi-
 


- 18 -

der­hand­lun­gen al­len­falls mit ei­ner Geld­buße bis zu 2.500 Eu­ro ge­ahn­det wer­den. Es könne kei­ne Re­de da­von sein, dass von die­sem ge­rin­gen Be­trag - ins­be­son­de­re im Blick auf große Han­dels­ket­ten und Kaufhäuser - ei­ne ab­schre­cken­de Wir­kung und ein An­reiz zur Rechtstreue aus­gin­gen.

ii) Der Be­schwer­deführer zu 2) führt über­dies aus, die Vor­schrift des § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG könne so ver­stan­den wer­den, dass Ver­kaufs­stel­len, die Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel ver­kauf­ten, an je­dem Sonn- und Fei­er­tag öff­nen dürf­ten; denn an die ein­lei­ten­den Wor­te des ers­ten Ab­sat­zes „An Sonn- und Fei­er­ta­gen dürfen öff­nen“ knüpfe im Satz­bau auch Nr. 4 an, der für den 24. De­zem­ber, falls er auf ei­nen Sonn­tag fal­le, aus­nahms­wei­se nur ei­ne Öff­nungs­zeit von 7.00 bis 14.00 Uhr vor­se­he. In ei­ner wei­ten, al­le Sonn- und Fei­er­ta­ge ein­be­zie­hen­den Aus­le­gung sei die Vor­schrift ver­fas­sungs­wid­rig. Falls das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ei­ne en­ge­re Aus­le­gung zu­grun­de le­ge - und für ver­fas­sungsmäßig hal­te -, müsse es dies in der Ent­schei­dung aus­drück­lich fest­stel­len.

III.

Zu den Ver­fas­sungs­be­schwer­den ha­ben schrift­lich Stel­lung ge­nom­men das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin und der Se­nat von Ber­lin, die Re­gie­rung des Lan­des Bran­den­burg, die Thürin­ger Lan­des­re­gie­rung, das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz, die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD), der Bund Frei­re­li­giöser Ge­mein­den Deutsch­lands, der Dach­ver­band Frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten e.V., die Deut­sche Unita­ri­er Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft e.V., die Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung, der Hu­ma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands - Bun­des­ver­band -, die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels e.V. (BAG), die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA), der Deut­sche In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­tag so­wie die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern zu Ber­lin und zu Köln und die Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern des Lan­des Bran­den­burg, der Haupt­ver­band des Deut­schen Ein­zel­han­dels (HDE), der Christ­li­che Ge­werk­schafts­bund (CGB) so­wie der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) zu­sam­men mit der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di. Der Se­nat hat zu­dem schrift­li­che Stel­lung­nah­men der sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Pe­ter Knauth (Tech­ni­sche Uni­ver­sität Karls­ru­he) und Pro­fes­sor Dr. Fried­helm Nach­rei­ner (Uni­ver­sität Ol­den­burg) ein­ge­holt. Da­ne­ben hat er dem Bun­des­tag, dem Bun­des­rat, der Bun­des­re­gie­rung, den an­de­ren Lan­des­re­gie­run­gen und -par­la­men­ten so­wie wei­te­ren sach­kun­di­gen Drit­ten Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­geräumt, die sich je­doch nicht geäußert ha­ben.

- 19 -

1. Das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin und der Se­nat von Ber­lin ha­ben ei­ne ge­mein­sa­me Stel­lung­nah­me ab­ge­ge­ben. Sie hal­ten die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für un­zulässig, je­den­falls aber für un­be­gründet.

a) Die Be­schwer­deführer sei­en be­reits nicht be­schwer­de­be­fugt. Art. 139 WRV könne im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht gerügt wer­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be be­reits ent­schie­den, dass aus Art. 140 GG kei­ne sub­jek­ti­ven Be­rech­ti­gun­gen folg­ten. Art. 139 WRV sei ei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie, die den Ge­setz­ge­ber ob­jek­tiv­recht­lich ver­pflich­te, ein Min­dest­maß an ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen zum Schutz von Sonn- und Fei­er­ta­gen be­reit­zu­stel­len. Die The­se ei­ner Sub­jek­ti­vie­rung des Art. 139 WRV we­gen heu­ti­ger Gefähr­dungs­la­gen für den Sonn­tag sei nicht halt­bar. Auch über die Kon­struk­ti­on ei­nes be­son­de­ren Näheverhält­nis­ses von Art. 139 WRV zu Art. 4 Abs. 1 und 2 GG könne sie nicht be­gründet wer­den. Der Wort­laut des Art. 139 WRV las­se er­ken­nen, dass der ver­fas­sungs­recht­li­che Sonn­tags­schutz nicht ein spe­zi­ell auf die Kir­chen ge­rich­te­tes An­lie­gen sei, son­dern säku­lar ver­stan­den wer­den müsse. Ei­ne an­de­re Sicht­wei­se sei un­ver­ein­bar mit der auf welt­an­schau­li­che Neu­tra­lität aus­ge­rich­te­ten Grund­kon­zep­ti­on des Art. 4 GG. Der the­ma­ti­sche Zu­sam­men­hang von Art. 4 GG und Art. 139 WRV ände­re an der feh­len­den sub­jek­ti­ven Wir­kung des Art. 139 WRV nichts. Das Ne­ben­ein­an­der von so­zi­al­po­li­ti­schen und re­li­giösen Mo­ti­ven las­se ei­ne Zu­ord­nung zu in­di­vi­du­el­len Trägern, wel­che die Ein­hal­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes gel­tend ma­chen könn­ten, nicht zu. Al­les an­de­re würde auf die Zu­las­sung ei­ner Po­pu­l­ar­be­schwer­de hin­aus­lau­fen. Art. 4 GG schütze zwar ein re­li­giös mo­ti­vier­tes Ver­hal­ten auch und ge­ra­de an Sonn­ta­gen. Die Aus­ge­stal­tung der Rah­men­be­din­gun­gen für den Sonn­tag im All­ge­mei­nen, wie sie al­lein Art. 139 WRV im Au­ge ha­be, sei von der Re­li­gi­ons­frei­heit aber nicht er­fasst.

Die Be­schwer­de­be­fug­nis feh­le den Be­schwer­deführern auch, wenn man Art. 4 GG als of­fe­ner ge­genüber den kirch­li­chen Sonn­tags­in­ter­es­sen an­se­he. Die Be­schwer­deführer sei­en durch das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz we­der selbst noch un­mit­tel­bar be­trof­fen. Über­dies hätten sie schon die Möglich­keit ei­ner Grund­rechts­ver­let­zung nicht auf­ge­zeigt. Durch die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten würden die Rah­men­be­din­gun­gen für die Re­li­gi­ons­ausübung der Be­schwer­deführer schon des­halb nicht un­ter Ver­s­toß ge­gen Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV un­zu­mut­bar ver­schlech­tert, weil die nun­mehr an Sonn- und Fei­er­ta­gen er­laub­ten Öff­nungs­zei­ten für Ver­kaufs­stel­len sich im We­sent­li­chen deck­ten mit de­nen, die auf­grund der Ver­ord­nung über Sonn­tags­ru­he im Han­dels­ge­wer­be und in Apo­the­ken vom 5. Fe­bru­ar 1919 zu­ge­las­sen ge­we­sen sei­en. Auf die­se schon da­mals zulässi­gen Tat­bestände neh­me Art. 139 WRV durch die For­mu­lie­rung „blei­ben...

- 20 -

geschützt“ Be­zug. Während der Wei­ma­rer Zeit und auch da­nach sei bis zum In­kraft­tre­ten des La­den­schluss­ge­set­zes im Jah­re 1956 die La­denöff­nung an Ad­vents­sonn­ta­gen grundsätz­lich er­laubt ge­we­sen. Die­se Sonn­ta­ge hätten so­gar als be­son­ders wich­ti­ge Ver­kaufs­ta­ge ge­gol­ten. Das an­ge­grif­fe­ne Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz blei­be hin­ter der Ver­ord­nung aus dem Jahr 1919 so­gar noch zurück, weil es die Öff­nung an Ad­vents­sonn­ta­gen nur zeit­lich be­grenzt er­lau­be.

Sch­ließlich sei­en die Ver­fas­sungs­be­schwer­den auch we­gen feh­len­der Erschöpfung des Rechts­wegs un­zulässig (§ 90 Abs. 2 BVerfGG), so­weit sie sich ge­gen § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG rich­te­ten. Denn die­se Re­ge­lun­gen setz­ten je­weils ei­nen Voll­zugs­akt der Ver­wal­tung im Vor­feld der La­denöff­nung vor­aus, ge­gen den sich die Be­schwer­deführer vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten wen­den könn­ten. Wes­halb ih­nen in­so­weit hin­rei­chend ef­fek­ti­ver Rechts­schutz ver­sagt sei, leg­ten die Be­schwer­deführer nicht über­zeu­gend dar.

b) Hal­te man die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zulässig, sei­en sie je­den­falls un­be­gründet. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sei­en - auch ob­jek­tiv - ver­fas­sungs­gemäß; sie würden der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie des Art. 139 WRV ge­recht. Ins­be­son­de­re ließen sie den un­an­tast­ba­ren Kern der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he un­berührt. Art. 139 WRV ver­pflich­te den Ge­setz­ge­ber, durch ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen zu gewähr­leis­ten, dass die Sonn- und Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits­ru­he und see­li­schen Er­he­bung die­nen können. Da­bei verfüge er über ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum. In ers­ter Li­nie sei die for­ma­le Exis­tenz der In­sti­tu­ti­on Sonn- und Fei­er­ta­ge geschützt. Dem tra­ge § 3 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG Rech­nung, in­dem er an­ord­ne, dass in der Re­gel Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­schlos­sen sein müss­ten. Die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen änder­ten hier­an nichts, da die in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie nicht je­de auf­lo­ckern­de Verände­rung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ver­bie­te. Die Bedürf­nis­se, ins­be­son­de­re das Ru­he­bedürf­nis, hätten sich ge­wan­delt und kon­kur­rier­ten heu­te mit an­de­ren Bedürf­nis­sen. Die re­li­giöse Zweck­be­stim­mung des Sonn­tags sei in den Hin­ter­grund ge­tre­ten. Ein­schränkun­gen der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie könn­ten da­her leich­ter be­gründet wer­den. Nicht nur das Un­ver­zicht­ba­re, das un­be­dingt Er­for­der­li­che, son­dern auch an­de­re plau­si­ble ge­setz­ge­be­ri­sche In­ten­tio­nen wie das Bemühen, das Frei­zeit­an­ge­bot oder die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, könn­ten ei­ne Ein­schränkung des Sonn­tags­schut­zes recht­fer­ti­gen. Dem genügten die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen. Eben­so schütze Art. 139 WRV da­vor, dass die In­sti­tu­ti­on bis auf ei­ne „wert­lo­se Hülse“ aus­gehöhlt wer­de. Da­von könne vor­lie­gend of­fen­sicht­lich kei­ne Re­de sein.
 


- 21 -

Die Ge­stal­tungs­frei­heit des Ge­setz­ge­bers sei im Übri­gen nur durch ei­nen un­an­tast­ba­ren Kern­be­stand der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he be­schränkt: Ei­ner­seits be­tref­fe dies die An­zahl der geschütz­ten Sonn- und Fei­er­ta­ge und den Sie­ben-Ta­ge-Rhyth­mus, an­de­rer­seits das Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis von Ar­beits­ru­he und Ab­we­sen­heit von werktägli­cher Geschäftig­keit zu Sonn­tags­ar­beit. So­weit die Be­schwer­deführer in die­sem Zu­sam­men­hang rügten, es wer­de ih­nen durch die La­denöff­nung an fast ei­nem Fünf­tel al­ler Sonn­ta­ge un­zu­mut­bar er­schwert, Got­tes­diens­te und sons­ti­ge re­li­giöse Ver­an­stal­tun­gen ab­zu­hal­ten, könne dem schon im An­satz nicht ge­folgt wer­den. Die La­denöff­nungs­re­ge­lung stel­le kein Ge­bot dar, die Ver­kaufs­stel­len auf­zu­su­chen und Got­tes­diens­te nicht zu be­su­chen, son­dern tra­ge le­dig­lich ei­ner geänder­ten so­zia­len Wirk­lich­keit Rech­nung, na­ment­lich geänder­ten Frei­zeitwünschen der Bürger, in­dem sie den Bürgern die Möglich­keit ein¬räume, an Sonn- und Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len auf­zu­su­chen. Die­se Möglich­keit sei auf zehn Sonn- und Fei­er­ta­ge be­schränkt und an sechs die­ser Ta­ge auch noch zeit­lich be­grenzt. Das ge­bo­te­ne Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis wer­de an­ge­sichts der ge­rin­gen Zahl der Sonn- und Fei­er­ta­ge, an de­nen die La­denöff­nung er­laubt sei, und der zeit­li­chen Be­schränkung der Öff­nung nicht ver­letzt. Da­durch, dass le­dig­lich an vier Sonn­ta­gen ei­ne ganztägi­ge La­denöff­nung zulässig sei, nähmen die Sonn­ta­ge nicht werktägli­chen Cha­rak­ter an. Ei­ne bloße Zu­nah­me der werktägli­chen Prägung be­gründe­te noch kei­nen Ver­s­toß ge­gen den Kern­be­stand der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he.


Der welt­an­schau­lich-re­li­giösen Kom­po­nen­te des Art. 139 WRV ha­be der Lan­des­ge­setz­ge­ber aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen, in­dem er die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen grundsätz­lich ver­bo­ten und zu­dem die Öff­nung an sechs von zehn ver­kaufs­of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­gen zeit­lich be­grenzt und ge­ra­de die Haupt­got­tes­dienst­zei­ten von der La­denöff­nung aus­ge­nom­men ha­be.


Die Ent­schei­dung des Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­bers be­we­ge sich im Rah­men sei­ner Ge­stal­tungs­frei­heit. Bei der Aus­ge­stal­tung des Schut­zes der Sonn- und Fei­er­ta­ge müsse der Ge­setz­ge­ber un­ter Berück­sich­ti­gung des nach Art. 139 WRV ge­bo­te­nen Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis­ses ei­nen Aus­gleich un­ter an­de­rem mit dem durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­ten In­ter­es­se der Ver­brau­cher am Ein­kau­fen und der durch Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­ten Be­rufs­ausübungs­frei­heit der La­den­in­ha­ber tref­fen. Hier­bei kom­me ihm ein wei­ter Spiel­raum zu. An­er­kannt sei, dass grundsätz­lich nicht nur aus ge­sell­schaft­li­chen und tech­ni­schen Gründen not­wen­di­ge Ar­bei­ten ge­stat­tet sei­en, son­dern auch Ar­bei­ten, wel­che dem Frei­zeit­bedürf­nis der Bevölke­rung zu­gu­te kämen. Bei sol­chen „Ar­bei­ten für den Sonn­tag“ könne

- 22 -

nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die Abwägung eher für die La­denöff­nung aus­fal­len als bei „Ar­bei­ten trotz des Sonn­tags“. Al­ler­dings be­ste­he auch dann kein ab­so­lu­tes Ver­bot. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ver­stießen da­her nur dann ge­gen Art. 139 WRV, wenn der Ge­setz­ge­ber ver­pflich­tet wäre, sie zu un­ter­las­sen, weil der durch sie be­wirk­te Ein­griff in die Sonn- und Fei­er­tags­ru­he nicht durch plau­si­ble Gründe des Ge­mein­wohls ge­recht­fer­tigt und un­verhält­nismäßig wäre. Da­von sei nicht aus­zu­ge­hen. Die Hand­lungs­frei­heit der Ver­brau­cher und die Be­rufs­ausübungs­frei­heit der La­den­in­ha­ber le­gi­ti­mie­re die Aus­nah­me­re­ge­lung so­wohl ein­zeln als auch in ih­rer Ge­samt­schau. Die Re­ge­lun­gen sei­en zum Schutz die­ser Rechtsgüter ge­eig­net, er­for­der­lich und un­ter Berück­sich­ti­gung des durch Art. 139 WRV vor­ge­ge­be­nen Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis­ses auch an­ge­mes­sen. Dies gel­te ins­be­son­de­re, wenn man die geänder­ten Ein­kaufs­ge­wohn­hei­ten der Bevölke­rung berück­sich­ti­ge: Für brei­te­re Tei­le der Bevölke­rung ha­be das Ein­kau­fen an Sonn- und Fei­er­ta­gen, ins­be­son­de­re auch an Ad­vents­sonn­ta­gen, sei­nen werktägli­chen Cha­rak­ter ver­lo­ren und sei zu ei­ner der Er­ho­lung die­nen­den Frei­zeit­beschäfti­gung ge­wor­den, so dass die La­denöff­nung da­zu ten­die­re, zu ei­ner „Ar­beit für den Sonn­tag“ zu wer­den. Selbst wenn man das an­ders se­he, kom­me den geänder­ten Ein­kaufs­ge­wohn­hei­ten zu­sam­men mit dem vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Ziel der Sti­mu­lie­rung der Wirt­schaft je­den­falls sol­ches Ge­wicht zu, dass es die Ein­schränkung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes in dem be­schränk­ten Um­fang recht­fer­ti­ge.

Dies tref­fe auch für die ein­zel­nen Re­ge­lun­gen zu. Die La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen sei nicht zu be­an­stan­den. Art. 139 WRV las­se sich nicht ent­neh­men, dass stets al­ter­nie­rend ei­nem Sonn­tag, an dem zeit­lich be­schränkt ei­ne La­denöff­nung zulässig ist, ein ver­kaufs­frei­er Sonn­tag fol­gen müsse. Dem von Art. 139 WRV ver­folg­ten Ziel der Ar­beits­ru­he zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer im Ein­zel­han­del ha­be der Ge­setz­ge­ber da­durch Rech­nung ge­tra­gen, dass gemäß § 7 Abs. 5 Berl­LadÖffG Ar­beit­neh­mer nur an zwei Ad­vents­sonn­ta­gen im Jahr beschäftigt wer­den dürfen. Zwar hätten die Ad­vents­sonn­ta­ge im Kir­chen­jahr ei­nen her­vor­ra­gen­den Platz. Dem ste­he aber ge­genüber, dass der Ein­zel­han­del im Weih­nachts­geschäft ei­nen be­acht­li­chen Teil des Um­sat­zes er­zie­le, und des­halb be­son­de­res In­ter­es­se an der La­denöff­nung ha­be, mit dem das ge­stei­ger­te In­ter­es­se der Bevölke­rung an Sonn­tags­einkäufen im Ad­vent ge­ge­be­nen­falls im fa­mi­liären Rah­men kor­re­spon­die­re. Zu­dem ha­be der Ber­li­ner Ge­setz­ge­ber die Haupt­got­tes­dienst­zei­ten von der La­denöff­nung aus­ge­spart. Die in § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG ge­re­gel­te La­denöff­nung an Weih­nach­ten, wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, sei nicht zu be­an­stan­den, weil le­dig­lich der Ver­kauf be­stimm­ter Wa­ren ge­stat­tet sei und zu­dem die Öff­nungs­zei­ten ent­spre­chend

- 23 -

den In­ter­es­sen der Be­schwer­deführer auf die Zeit von 7.00 bis 14.00 Uhr be­schränkt sei­en. Die Re­ge­lung des Ver­kaufs von leicht ver­derb­li­chem Obst und Gemüse durch den Er­zeu­ger (§ 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG) spie­le für die Ad­vents­sonn­ta­ge kei­ne nen­nens­wer­te Rol­le.

Die wei­te­ren Re­ge­lun­gen der La­denöff­nung bedürf­ten kei­ner Ein­zel­be­trach­tung. Die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen sei­en über­dies sach­lich noch ein­ge­schränkt durch die Vor­aus­set­zun­gen des „öffent­li­chen In­ter­es­ses“ be­zie­hungs­wei­se des „be­son­de­ren Er­eig­nis­ses“. Zu­dem hätten sich ent­spre­chen­de Vorläufer schon in § 14 und § 23 La­dSchlG ge­fun­den. Die Rechts­la­ge des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes sei dem­ge­genüber so­gar en­ger, weil die Zahl der ver­kaufs­of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­ge an­ders als in § 23 La­dSchlG be­schränkt sei.

2. Die Re­gie­rung des Lan­des Bran­den­burg hat sich le­dig­lich zu § 4 Abs. 1 Nr. 4 und § 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG geäußert, da nur die­se Be­stim­mun­gen dem bran­den­bur­gi­schen Lan­des­recht ähnel­ten. Die­se Vor­schrif­ten würden den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maßga­ben ge­recht. Durch sie wer­de we­der der Kern­be­reich des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes noch das ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­te Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis hin­sicht­lich der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen an­ge­tas­tet.


3. Die Thürin­ger Lan­des­re­gie­rung hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zulässig und be­gründet. Die Be­schwer­deführer würden durch die an­ge­grif­fe­nen Ge­set­zes­be­stim­mun­gen in ih­rem Grund­recht auf Re­li­gi­ons­ausübungs­frei­heit aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­letzt. Die Aus­ge­stal­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes genüge nicht mehr dem Ge­bot an den Ge­setz­ge­ber, ei­nen ab­so­lu­ten Kern­be­reich der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he zu schützen. Die Re­ge­lun­gen in § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG ver­stießen zu­dem ge­gen das Grund­recht der Be­schwer­deführer auf Gewähr­leis­tung ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes gemäß Art. 19 Abs. 4 GG, denn es sei vom Zu­fall abhängig, ob die Be­schwer­deführer Kennt­nis von der An­zei­ge des Ver­kaufs­stel­len­in­ha­bers ge­genüber dem zuständi­gen Be­zirks­amt er­hiel­ten und ge­ge­be­nen­falls das Nicht­ein­schrei­ten der Behörde ge­richt­lich über­prüfen las­sen könn­ten.


4. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat mit­ge­teilt, nach In­kraft­tre­ten der so ge­nann­ten Föde­ra­lis­mus­re­form I mit der Ände­rung des Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG sei der für das Wirt­schafts­ver­wal­tungs­recht zuständi­ge 6. Re­vi­si­ons­se­nat nicht mit Ver­fah­ren aus dem Ge­biet des La­den­schluss­rechts be­fasst ge­we­sen. Der früher für das ge­nann­te Rechts­ge­biet zuständi­ge 1. Re­vi­si­ons­se­nat ha­be sich in meh­re-


- 24 -

ren Ent­schei­dun­gen mit Fra­gen des Bun­des­ge­set­zes über den La­den­schluss be­fasst. Ei­nen ge­wis­sen Be­zug zu den mit den vor­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen wie­sen meh­re­re, im Ein­zel­nen auf­geführ­te Ent­schei­dun­gen auf. Von ei­ner wei­te­ren Stel­lung­nah­me hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ab­ge­se­hen.


5. Die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zulässig und be­gründet. Sie ver­weist auf die Be­schwer­de­schrif­ten und hebt ergänzend her­vor, dass das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz den Schutz des Sonn­tags und der Fei­er­ta­ge in ver­fas­sungs­recht­lich nicht mehr erträgli­cher Wei­se zurück­dränge.


6. Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (EKD) stimmt dem In­halt der Be­schwer­de­schrift der Evan­ge­li­schen Kir­che Ber­lin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz in vol­lem Um­fang zu und schließt sich auch den Über­le­gun­gen in der Be­schwer­de­schrift des Erz­bis­tums Ber­lin an.

7. Der Bund Frei­re­li­giöser Ge­mein­den Deutsch­lands und der Dach­ver­band Frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten e.V. ha­ben gleich lau­ten­de Stel­lung­nah­men ab­ge­ge­ben. Sie sind der Auf­fas­sung, die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei­en ab­zu­wei­sen, da die Be­schwer­deführer nicht in ih­ren Rech­ten ver­letzt sei­en. Ei­ne kirch­li­che Deu­tungs­ho­heit der Sonn- und Fei­er­ta­ge sei im welt­an­schau­lich neu­tra­len Staat ab­zu­leh­nen.

8. Der Ver­ein Deut­sche Unita­ri­er Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft e.V. hat geäußert, von staat­li­cher Sei­te soll­ten wie­der­keh­ren­de Zei­ten si­cher­ge­stellt wer­den, die dem Ein­zel­nen Ru­he und Be­sin­nung, Zei­ten des re­li­giösen Er­le­bens oder auch Er­leb­nis­se in Ge­mein­schaf­ten er­laub­ten. Dies könne aber in ver­schie­de­nen For­men, nicht nur durch Sonn­tags­ru­he oder Fei­er­tags­schutz er­fol­gen, wo­bei dem ge­sell­schaft­li­chen Wan­del Rech­nung ge­tra­gen wer­den müsse. Tra­di­tio­nell kirch­li­che Fei­er­ta­ge zu schützen, sei an­ge­sichts der Ver­pflich­tung des Staa­tes zur welt­an­schau­li­chen Neu­tra­lität nicht die Auf­ga­be des Staa­tes.

9. Nach Auf­fas­sung der Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung können die Ver­fas­sungs­be­schwer­den kei­nen Er­folg ha­ben. Art. 139 WRV be­inhal­te nur ei­nen ob­jek­tiv­recht­li­chen Sonn­tags­schutz mit wei­tem Spiel­raum des Ge­setz­ge­bers. Auch auf die Gewähr­leis­tung sei­nes Kern­be­reichs be­ste­he kein sub­jek­ti­ver Rechts­an­spruch. Des­halb sei­en die Ver­fas­sungs­be­schwer­den un­zulässig. Zu­dem las­se sich selbst bei ei­ner um­fas­sen­den ob­jek­tiv­recht­li­chen Prüfung des an­ge­grif­fe­nen Ge­set­zes kein Ver­fas­sungs­ver­s­toß fest­stel­len. Von jähr­lich 52 Sonn­ta­gen blie­ben min­des­tens 44

- 25 -

von gra­vie­ren­der „werktägli­cher Geschäftig­keit“ frei. An den vier Ad­vents­sonn­ta­gen dürf­ten Ver­kaufs­stel­len nur von 13.00 bis 20.00 Uhr geöff­net sein. Der ab­so­lut geschütz­te Kern­be­reich der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie des Art. 139 WRV sei da­her nicht berührt.

10. Der Hu­ma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands - Bun­des­ver­band - trägt vor, die Ver­fas­sungs­be­schwer­den verkürz­ten den Schutz des Sonn­tags un­zulässig auf ei­ne christ­lich-re­li­giöse Schutz­vor­schrift, was schon dem Wort­laut des Art. 139 WRV wi­der­spre­che. Der Sonn­tag sei kein spe­zi­ell christ­li­cher Fei­er­tag. Art. 139 WRV ent­hal­te le­dig­lich ei­ne ob­jek­tiv­recht­li­che In­sti­tuts­ga­ran­tie oh­ne sub­jek­ti­ve Be­rech­ti­gung. Das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz neh­me auch nicht die Möglich­keit zum Kirch­gang. Im Übri­gen müss­ten die so­zio­lo­gi­schen De­ter­mi­nan­ten im Lan­de Ber­lin berück­sich­tigt wer­den. Die christ­li­chen Kir­chen ver­ein­ten nicht die Mehr­heit der Ber­li­ner un­ter sich. Die Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes sei­en ver­fas­sungs­gemäß, da das Recht auf Re­li­gi­ons­ausübung für je­de gläubi­ge Min­der­heit gewähr­leis­tet sei.

11. Nach Auf­fas­sung der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels e.V. (BAG) fehlt es den Be­schwer­deführern be­reits an ei­nem sub­jek­ti­ven Recht zur Gel­tend­ma­chung ih­rer Ansprüche. Des­sen un­ge­ach­tet tas­te­ten die an­ge­grif­fe­nen Re­geln des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes nicht den Kern­be­stand der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he an. Viel­mehr stell­ten sie ei­nen in­ter­es­sen­ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen den Er­ho­lungs- und Frei­zeit­bedürf­nis­sen der Bevölke­rung und dem Grund­satz der Ar­beits­ru­he her, oh­ne da­bei das Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis zwi­schen werktägli­cher Beschäfti­gung und sonntägli­cher Ar­beits­un­ter­bre­chung zu berühren. Im Übri­gen die­ne die Neu­ge­stal­tung der La­den­schluss­zei­ten so­wohl der Ausübung von Grund­rech­ten der La­den­in­ha­ber als auch der An­ge­stell­ten und Drit­ter so­wie der Berück­sich­ti­gung überg­rei­fen­der und ver­fas­sungs­recht­lich le­gi­ti­mier­ter ge­sell­schaft­li­cher und öko­no­mi­scher In­ter­es­sen der All­ge­mein­heit. Die Berück­sich­ti­gung die­ser Rech­te und In­ter­es­sen las­se ei­nen et­wai­gen Ein­griff in Grund­rech­te der Be­schwer­deführer in je­dem Fall als ge­recht­fer­tigt er­schei­nen.

Die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft weist zu­dem dar­auf hin, dass ei­ne stich­pro­ben­ar­ti­ge Um­fra­ge un­ter den mit­telständi­schen Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men in Ber­lin er­ge­ben ha­be, dass 14 % der be­frag­ten Geschäfts­in­ha­ber erklärt hätten, spe­zi­ell im Hin­blick auf die er­wei­ter­ten La­denöff­nungs­zei­ten neue An­ge­stell­te ein­ge­stellt zu ha­ben. Sie be­tont, dass mit der Neu­re­ge­lung der La­denöff­nungs­zei­ten die von ihr für gleich­heits­wid­rig er­ach­te­te Be­vor­zu­gung von Ein­zelhänd­lern an pri­vi­le-

- 26 -

gier­ten Stand­or­ten wie Tank­stel­len, Raststätten, Flughäfen und Bahnhöfen so­wie die Be­vor­zu­gung des On­line-Han­dels deut­lich ab­ge­mil­dert wor­den sei.


12. Die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) ist der An­sicht, die Aus­ge­stal­tung der La­denöff­nungs­zei­ten stel­le kei­nen Ver­s­toß ge­gen die aus Art. 139 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG fol­gen­de Pflicht des Staa­tes zur Gewähr­leis­tung der Sonn­tags­ru­he dar. Der Ber­li­ner Ge­setz­ge­ber be­we­ge sich in­ner­halb sei­nes Aus­ge­stal­tungs­spiel­raums. Die Vor­schrif­ten sei­en we­der ein­zeln noch in ih­rer Zu­sam­men­schau ver­fas­sungs­wid­rig.


13. Der Deut­sche In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­tag enthält sich ei­ner ei­ge­nen Stel­lung­nah­me, weil die von den ein­zel­nen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern geäußer­ten wirt­schafts­be­zo­ge­nen Po­si­tio­nen im kon­kre­ten Fall so un­ter­schied­lich sei­en, dass ein kla­rer Trend nicht er­kenn­bar sei.

So sei die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer Ber­lin der Auf­fas­sung, die La­denöff­nung die­ne der Be­frie­di­gung von Frei­zeit­bedürf­nis­sen und stel­le da­mit als „Ar­beit für den Sonn­tag“ ei­ne pri­vi­le­gier­te Aus­nah­me vom Ge­bot der Ar­beits­ru­he dar. Zu berück­sich­ti­gen sei auch die Son­der­rol­le Ber­lins als Haupt­stadt und Tou­ris­ten­me­tro­po­le. Der Kern­be­stand des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes wer­de durch die maßvol­le Frei­ga­be des Ein­zel­han­dels nicht an­ge­tas­tet.


Die Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern des Lan­des Bran­den­burg ver­tre­te die An­sicht, ein weit­ge­hen­des Ver­bot der Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen scha­de dem Stand­ort Deutsch­land, sei­ner Wirt­schaft und sei­nen Bürgern. Das Ar­beits­zeit­ge­setz bie­te hin­rei­chen­de Schutzmöglich­kei­ten.

Die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer zu Köln ver­wei­se auf die wich­ti­ge Funk­ti­on der ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge für den Ein­zel­han­del so­wie für die Vi­ta­lität der In­nenstädte. Für den in­nerstädti­schen Ein­zel­han­del ei­nes Ober­zen­trums sei­en ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­ta­ge ge­ra­de­zu not­wen­dig, um sich im na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Stand­ort­wett­be­werb zu be­haup­ten.

14. Der Haupt­ver­band des Deut­schen Ein­zel­han­dels (HDE) hält die Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes für ver­fas­sungs­kon­form. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei­en un­zulässig, je­den­falls aber un­be­gründet. Es feh­le den Be­schwer­deführern schon an der Be­schwer­de­be­fug­nis, denn sie sei­en nicht selbst und zu­min­dest teil­wei­se nicht un­mit­tel­bar von den an­ge­grif­fe­nen Nor­men be­trof­fen. Die mögli­che Ver­let­zung ei­nes Grund­rechts sei nicht dar­ge­tan. Teil­wei­se un-

- 27 -

zulässig sei­en die Ver­fas­sungs­be­schwer­den darüber hin­aus, weil die Be­schwer­deführer zunächst den Rechts­weg zu den Fach­ge­rich­ten be­schrei­ten müss­ten. Un­abhängig da­von sei­en die Be­schwer­deführer aber auch sach­lich nicht in ih­ren Grund­rech­ten ver­letzt.

15. Nach Auf­fas­sung des Christ­li­chen Ge­werk­schafts­bunds (CGB) dient der Sonn- und Fei­er­tags­schutz des Art. 139 WRV im Schwer­punkt dem re­li­giös-ge­mein­schaft­li­chen As­pekt, der „see­li­schen Er­he­bung“, und we­ni­ger der körper­li­chen Er­ho­lung. Dies er­ge­be sich aus dem Kon­text der Be­stim­mung. Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ses Um­stands kon­kre­ti­sie­re Art. 139 WRV die in Art. 4 GG ma­ni­fes­tier­te Re­li­gi­ons­frei­heit. Un­ter­mau­ert wer­de dies durch die christ­lich ge­prägte Be­deu­tung des Sonn­tags in der abendländi­schen Kul­tur. Das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz he­be­le den Schutz der Sonn- und Fei­er­ta­ge aus und ver­let­ze des­sen Kern­be­reich. Den Ver­fas­sungs­be­schwer­den sei statt­zu­ge­ben.

16. Die Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di und der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) tei­len die Rechts­auf­fas­sung der Be­schwer­deführer und un­terstützen die Ver­fas­sungs­be­schwer­den in ei­ner ge­mein­sa­men Stel­lung­nah­me. Im In­ter­es­se der Ver­wirk­li­chung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben zum Sonn-und Fei­er­tags­schutz sei es not­wen­dig, den Kir­chen die Möglich­keit zur ef­fek­ti­ven Durch­set­zung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zu eröff­nen. Die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten sei­en schon des­halb ver­fas­sungs­wid­rig, weil das Land kei­ne Kom­pe­tenz zur Re­ge­lung der ar­beits­schutz­recht­li­chen As­pek­te des La­den­schlus­ses ha­be. Fer­ner stell­ten die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ei­nen nicht ge­recht­fer­tig­ten Ein­griff in den gemäß Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ga­ran­tier­ten Schutz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he dar. Sie sei­en we­der ge­eig­net noch er­for­der­lich, um die vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Zie­le zu er­rei­chen. Im Übri­gen sei­en sie we­gen der gra­vie­ren­den Fol­gen auch nicht an­ge­mes­sen. Hin­zu kom­me, dass auch der Schutz der Fa­mi­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) und die körper­li­che Un­ver­sehrt­heit der Ar­beit­neh­mer (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) be­ein­träch­tigt würden.

Im Übri­gen he­ben die Ge­werk­schaft ver.di und der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund her­vor, die Eig­nung der vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ge­trof­fe­nen Re­ge­lung, das ver­folg­te Ziel zu er­rei­chen, nämlich zusätz­li­che Ar­beitsplätze zu schaf­fen und die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung po­si­tiv zu be­ein­flus­sen, be­geg­ne er­heb­li­chen Zwei­feln. Die­se Zie­le sei­en schon bei frühe­ren Aus­wei­tun­gen der La­denöff­nungs­zei­ten ge­nannt, aber ver­fehlt wor­den. So ha­be ins­be­son­de­re die Verlänge­rung der La­denöff­nungs­zei­ten an Sams­ta­gen bis 20.00 Uhr seit dem Jahr 2003 bis zum Jahr 2007 le­dig­lich zu ei­ner Um­satz­stei­ge­rung von 0,2 % geführt. Zu­gleich sei die Zahl

- 28 -

der Beschäftig­ten um 3,2 % zurück­ge­gan­gen. Be­son­ders gra­vie­rend sei die Ent­wick­lung bei den Voll­zeit­beschäftig­ten. De­ren Zahl sei seit 2003 um 10,5 % ge­sun­ken, während der An­teil ge­ringfügig ent­lohn­ter Beschäftig­ter um 4,9 % und der An­teil von Teil­zeit­beschäftig­ten um 5,9 % ge­stie­gen sei. Die­se Zah­len zeig­ten, dass ei­ne Verlänge­rung der La­denöff­nungs­zei­ten nicht die er­hoff­ten po­si­ti­ven Ef­fek­te nach sich zie­he. Die Verände­rung der Öff­nungs­zei­ten ha­be kei­ne Erhöhung des Kon­sums zur Fol­ge, ver­ur­sa­che aber höhe­re Be­triebs­kos­ten. Re­gelmäßig würden die­se durch Ein­spa­run­gen bei den Per­so­nal­kos­ten kom­pen­siert, was zu ei­ner Aus­wei­tung ge­ringfügig ent­lohn­ter Beschäfti­gung zu­las­ten so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger Beschäfti­gung führe. Im Er­geb­nis würden le­dig­lich die Kun­den­ströme ver­la­gert, zu­guns­ten der großen Ein­kaufs­zen­tren und der In­nenstädte von Großstädten, zu­las­ten klei­ne­rer Ein­zel­han­dels­geschäfte und der Geschäfte in Klein- und Mit­telstädten so­wie in städti­schen Rand­la­gen. Ziel des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes sei ge­ra­de, die Kun­den­ströme aus den um­lie­gen­den Ge­bie­ten ab­zu­zie­hen und die Kauf­kraft nach Ber­lin zu ver­la­gern. Die­se Kon­kur­renz­si­tua­ti­on könne da­zu führen, dass be­nach­bar­te Re­gio­nen zu­las­ten des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes um die li­be­ra­le­ren Öff­nungs­zei­ten wett­ei­fer­ten.


Wei­ter wei­sen die Ge­werk­schaf­ten dar­auf hin, dass die Ar­beits­zei­ten der Beschäftig­ten weit über die Öff­nungs­zei­ten der Geschäfte hin­aus­gin­gen, weil die La­denöff­nung um­fang­rei­che Vor- und Nach­ar­bei­ten er­for­de­re. Fer­ner be­to­nen sie die Be­deu­tung der durch die kol­lek­tiv frei­en Ta­ge be­wirk­ten glei­chen Tak­tung des so­zia­len Le­bens. Erst die­se Syn­chro­ni­sa­ti­on der Frei­zeit schaf­fe die Möglich­keit, sich dem Le­ben in der Fa­mi­lie, in der Ehe, den Ver­ei­nen, den Ge­mein­den und da­mit Grund­ele­men­ten des so­zia­len Zu­sam­men­le­bens zu­zu­wen­den. Die Verände­rung der Öff­nungs­zei­ten führe zu ei­ner ent­spre­chen­den Verände­rung der Rhyth­mi­zität von Ar­beit und Frei­zeit, ver­bun­den mit ei­ner De­syn­chro­ni­sa­ti­on von bio­lo­gi­schen und so­zia­len Rhyth­men. Die Ab­wei­chung von den Nor­mal- und Stan­dard­ar­beits­zei­ten führe zu ei­ner Erhöhung des Ri­si­kos von Be­ein­träch­ti­gun­gen im phy­sio­lo­gi­schen wie im psy­cho­so­zia­len Be­reich, und zwar nicht nur für die Be­trof­fe­nen selbst, son­dern auch für de­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge.


Zur Beschäftig­ten­struk­tur im Ein­zel­han­del führen die Ge­werk­schaf­ten aus, dass zum 31. März 2007 im Ein­zel­han­del ins­ge­samt - al­ler­dings deutsch­land­weit - von et­wa 2 Mil­lio­nen Beschäftig­ten mehr als zwei Drit­tel, nämlich 1,4 Mil­lio­nen, weib­lich ge­we­sen sei­en. Von den im Han­del ins­ge­samt (Ein­zel- und Großhan­del) zu die­sem Stich­tag beschäftig­ten Frau­en sei et­wa die Hälf­te jünger als 40 Jah­re und rund drei Vier­tel jünger als 50 Jah­re. Die An­zahl von beschäftig­ten Frau­en un­ter 50 Jah­ren lie­ge im Ein­zel­han­del bei et­wa 75 % und sei be­son­ders groß.

- 29 -

Die­se Grup­pe sei aber ge­ra­de im Hin­blick auf die mit der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he ver­folg­ten so­zia­len Zwe­cke be­son­ders sen­si­bel. Per­so­nen in die­ser Al­ters­grup­pe hätten ty­pi­scher­wei­se häufig Kin­der, die noch nicht volljährig und selbständig sei­en. Tra­di­tio­nell kom­me der größere Teil der Kin­der­be­treu­ung und der Ver­sor­gung des Haus­hal­tes noch im­mer den Frau­en zu. Sie sei­en da­her in be­son­de­rer Wei­se be­trof­fen.

Sch­ließlich wei­sen die Ge­werk­schaf­ten auch auf die Fol­gen der Sonn- und Fei­er­tagsöff­nung für an­de­re Be­rei­che hin, et­wa in der Zu­lie­fer­in­dus­trie und im Be­reich der In­fra­struk­tur. Be­son­ders kri­tisch se­hen die Ge­werk­schaf­ten die La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen. Die Beschäftig­ten im Ein­zel­han­del bedürf­ten ge­ra­de in der Vor­weih­nachts­zeit we­gen der be­son­de­ren Be­las­tun­gen durch das Weih­nachts­geschäft noch dring­li­cher der Er­ho­lungs­pha­se am Wo­chen­en­de.

Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sei­en nach al­lem we­der ge­eig­net noch er­for­der­lich, die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Zie­le zu er­rei­chen. Sie sei­en un­verhält­nismäßig, weil die mit der Öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen ver­bun­de­nen Fol­gen so gra­vie­rend sei­en, dass die ver­folg­ten Zie­le sol­che Aus­nah­men nicht recht­fer­ti­gen könn­ten. Ne­ben der Re­li­gi­ons­frei­heit sei zu­gleich der Schutz der Fa­mi­lie im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 GG gefähr­det und der Schutz der körper­li­chen Un­ver­sehrt­heit gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG be­ein­träch­tigt.

17. Die sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Knauth und Pro­fes­sor Dr. Nach­rei­ner ha­ben zu den Aus­wir­kun­gen von Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit auf die Beschäftig­ten und de­ren An­gehöri­ge aus ar­beits- und so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Sicht Stel­lung­nah­men ab­ge­ge­ben.

IV.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung ha­ben sich geäußert: die Be­schwer­deführer, das Ab­ge­ord­ne­ten­haus und der Se­nat von Ber­lin, der Han­dels­ver­band Ber­lin-Bran­den­burg e.V., die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels e.V., der Haupt­ver­band des Deut­schen Ein­zel­han­dels, die Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di, die Deut­sche Bi­schofs­kon­fe­renz und der Rat der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land so­wie die sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Knauth und Pro­fes­sor Dr. Nach­rei­ner.

Die Ver­tre­ter des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses und des Se­nats von Ber­lin ha­ben die An­sicht ver­tre­ten, dass das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz den Sonn­tags­schutz

- 30 -

ge­genüber der Rechts­la­ge nach dem La­den­schluss­ge­setz des Bun­des nicht ver­schlech­tert, son­dern so­gar verstärkt ha­be. Denn die Be­zirksämter hätten nach frühe­rer Rechts­la­ge gestützt auf § 23 La­dSchlG zahl­rei­che Aus­nah­men vom Ver­bot der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu­ge­las­sen. Die neue ge­setz­li­che Re­ge­lung se­he ei­ne sol­che all­ge­mei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung hin­ge­gen nicht vor. Im neu­en Ge­setz ha­be man die Zahl der für ei­ne Frei­ga­be of­fe­nen Sonn- und Fei­er­ta­ge auf ei­ne ab­so­lu­te Höchst­zahl be­grenzt und zu­dem die Schwie­rig­kei­ten und Unwägbar­kei­ten, wel­che die An­wen­dung des § 23 La­dSchlG mit sich ge­bracht ha­be, be­sei­tigt.

B.

Die zulässi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den ha­ben in der Sa­che teil­wei­se Er­folg.

I.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind zulässig. Die be­schwer­deführen­den, öffent­lich­recht­lich ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten sind be­schwer­defähig und be­schwer­de­be­fugt (1.). Das Ge­bot der Rechts­we­gerschöpfung steht der Zulässig­keit nicht ent­ge­gen (2.).

1. Die Be­schwer­deführer sind als ju­ris­ti­sche Per­so­nen un­ge­ach­tet ih­rer öffent­lich­recht­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­ons­form hin­sicht­lich des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit be­schwer­defähig (vgl. BVerfGE 42, 312 <321 f.>; 53, 366 <387 f.>) und auch be­schwer­de­be­fugt. Sie ma­chen gel­tend, durch die an­ge­grif­fe­nen Nor­men in ei­nem ver­fas­sungs­be­schwer­defähi­gen Recht (vgl. Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG), nämlich in Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV selbst, un­mit­tel­bar und ge­genwärtig ver­letzt zu sein. Dies er­scheint als möglich (vgl. BVerfGE 94, 49 <84>; sie­he auch BVerfGE 28, 17 <19>; 52, 303 <327>; 65, 227 <232 f.>; 89, 155 <171>).

a) Ein Be­trof­fen­sein in ei­nem ei­ge­nen Grund­recht wäre von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, wenn auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts be­reits ent­wi­ckel­te Grundsätze zur Reich­wei­te des Grund­rechts der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG an­ge­wandt wer­den könn­ten und auf de­ren Grund­la­ge ei­ne Ver­let­zung die­ses Grund­rechts in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV oh­ne wei­te­res zu ver­nei­nen wäre (vgl. BVerfGE 110, 274 <287 ff.> zu Art. 12 Abs. 1 GG). Die Möglich­keit ei­ner Grund­rechts­ver­let­zung ist hin­ge­gen dann ge­ge­ben, wenn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

- 31 -

ei­ne bis­lang vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht ent­schie­de­ne, of­fe­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge auf­wirft (vgl. BVerfGE 94, 49 <84>; Ma­gen, in: Um­bach/Cle­mens/Dol­lin­ger, BVerfGG, 2. Aufl., § 92 Rn. 50), die die An­nah­me ei­nes ver­fas­sungs­be­schwer­defähi­gen Rechts je­den­falls nicht von vorn­her­ein aus-schließt. Das ist hier hin­sicht­lich der Fra­ge ei­nes et­wai­gen Über­wir­kens der ob­jek­tiv­recht­li­chen Schutz­ga­ran­tie des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV auf das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG im Sin­ne ei­ner Kon­kre­ti­sie­rung und Stärkung des Grund­rechts­schut­zes der Fall.

Die Be­schwer­deführer wer­fen die Fra­ge auf, ob und in­wie­weit sich Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im We­ge ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf die ver­fas­sungs­recht­li­che Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie des Art. 139 WRV be­ru­fen können. Es han­delt sich hier­bei um ei­nen in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts noch nicht geklärten Pro­blem­kreis, da bis­lang nur die Wir­kung des Art. 139 WRV ge­genüber Grund­recht­strägern be­ur­teilt wur­de, die sich in ih­rer Be­rufs­ausübungs­frei­heit ein­ge­schränkt sa­hen und de­nen an Aus­nah­men vom Sonn- und Fei­er­tags­schutz ge­le­gen war (vgl. BVerfGE 111, 10). Da­ne­ben wur­de in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts le­dig­lich aus­ge­spro­chen, dass Art. 140 GG selbst kei­ne Grund­rechts­qua­lität bei­zu­mes­sen ist (vgl. BVerfGE 19, 129 <135>; sie­he da­zu auch BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 18. Sep­tem­ber 1995 - 1 BvR 1456/95 -, NJW 1995, S. 3378 f.). Of­fen ge­blie­ben ist bis­her aber, ob und in­wie­weit ge­ra­de Art. 139 WRV im Zu­sam­men­wir­ken mit Art. 4 Abs. 1 und 2 GG oder an­de­ren Grund­rech­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten oder an­de­ren Be­trof­fe­nen ei­ne Durch­set­zung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ermöglicht. Un­be­ant­wor­tet ist wei­ter, ob und in­wie­weit der Schutz­ge­halt ei­nes Grund­rechts - hier des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG - durch den Sonn­tags­schutz des Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) kon­kre­ti­siert und verstärkt wer­den kann und da­bei die Gewähr­leis­tun­gen der Ar­beits­ru­he und der Möglich­keit zu see­li­scher Er­he­bung in die Be­stim­mung des Schutz­ge­halts der Grund­rechts­norm ein­zu­be­zie­hen sind. Be­ja­hen­den­falls stellt sich die bis­lang eben­so un­geklärte Fra­ge, ob es ge­ra­de we­gen der Be­deu­tung des Sonn­tags­schut­zes für die La­denöff­nung kon­kre­te, auch grund-rechts­verbürg­te Gren­zen für die­se gibt und wo sie ver­lau­fen.

Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG steht auch den Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten zu (vgl. nur BVerfGE 24, 236). Schon nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind die Gewähr­leis­tun­gen der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel funk­tio­nal auf die In­an­spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt (vgl. BVerfGE 102, 370 <387>).

- 32 -

Da­nach er­scheint ei­ne Ver­let­zung der Be­schwer­deführer in ei­nem durch die Gewähr­leis­tung des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV kon­kre­ti­sier­ten Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch die ge­setz­li­che Er­wei­te­rung der La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen als möglich.


b) Die Be­schwer­deführer ha­ben über­dies auch hin­rei­chend dar­ge­legt, selbst be­trof­fen zu sein, ob­gleich sie nicht un­mit­tel­bar Adres­sa­ten der lan­des­ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen über die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung sind. Aus ih­rem Vor­trag er­gibt sich die Möglich­keit ei­nes recht­lich er­heb­li­chen Nach­teils auch für sie. Geöff­ne­te Läden und ei­ne In­an­spruch­nah­me des Sonn- oder Fei­er­ta­ges sei­tens der Be­schwer­deführer zum Zwe­cke der see­li­schen Er­he­bung schließen sich zwar nicht gänz­lich aus. So können auch während der La­denöff­nungs­zei­ten Got­tes­diens­te oder an­de­re re­li­giöse Ver­an­stal­tun­gen ab­ge­hal­ten oder die­se ge­ge­be­nen­falls auf Ta­ges­zei­ten ver­legt wer­den, zu de­nen die Geschäfte noch nicht oder nicht mehr geöff­net ha­ben. Ei­ne Selbst­be­trof­fen­heit der Be­schwer­deführer kommt aber un­ter dem Ge­sichts­punkt in Be­tracht, dass sich durch die in Re­de ste­hen­den La­denöff­nungs­zei­ten ge­ne­rell der Cha­rak­ter der Sonn- und Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits-ru­he, aber auch der Be­sin­nung verändert, weil die­se Ta­ge auch in ih­rer Ganz­heit als Ta­ge der Ru­he und der see­li­schen Er­he­bung re­li­giöse Be­deu­tung für die Be­schwer­deführer ha­ben („... am sieb­ten Ta­ge sollst Du ru­hen, ...“; vgl. in der Bi­bel Ex 23, 12; da­zu wei­ter Dtn 5, 12-14 und in den Zehn Ge­bo­ten Ex 20, 8-11). Das gilt je­den­falls auf der Grund­la­ge der An­nah­me ei­ner Kon­kre­ti­sie­rung des Schutz­ge­halts des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV, auf die sich die Be­schwer­deführer be­ru­fen.


c) Die Be­schwer­deführer sind durch die in Re­de ste­hen­den Nor­men zu­dem ge­genwärtig be­trof­fen, weil das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz in Kraft ist. Die un­mit­tel­ba­re Be­trof­fen­heit der Be­schwer­deführer folgt dar­aus, dass die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten über die Möglich­keit der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG) kei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes bedürfen, al­so so ge­nann­te selbst­voll­zie­hen­de Ge­set­zes­nor­men sind (vgl. BVerfGE 109, 279 <306 f.> m.w.N.). Das gilt auch für die Be­stim­mun­gen in § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG. So­weit die Re­ge­lun­gen des § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG je­weils noch ei­ner Um­set­zung bedürfen, al­so ei­ner All­ge­mein­verfügung oder ei­ner vor­he­ri­gen An­zei­ge mit fol­gen­der Dul­dung sei­tens der Ver­wal­tung, steht dies der An­nah­me un­mit­tel­ba­ren Be­trof­fen­seins nicht ent­ge­gen. Von den An­zei­gen der Ver­kaufs­stel­len wer­den die Be­schwer­deführer zu­meist nicht recht­zei­tig Kennt­nis er­lan­gen. An­ge­sichts der Ku­mu­la­ti­on der im Ge­setz an ver­schie­de­nen Stel­len an­ge­leg­ten La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei-

- 33 -

er­ta­gen ist ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­trof­fen­heit auch durch § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG kraft Sach­zu­sam­men­hangs ge­ge­ben.

2. Das Ge­bot der Rechts­we­gerschöpfung (§ 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG) und der Grund­satz der Sub­si­dia­rität ste­hen der Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht ent­ge­gen.

a) Ge­gen die „selbst­voll­zie­hen­den“ Be­stim­mun­gen der § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG, wel­che die Öff­nun­gen an den vier Ad­vents­sonn­ta­gen so­wie für den Ver­kauf von leicht ver­derb­li­chem Obst und Gemüse und für ei­nen auf den Sonn­tag fal­len­den Hei­lig­abend be­tref­fen, ist für die Be­schwer­deführer kein wir­kungs­vol­ler Rechts­schutz außer­halb des Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­rens ge­ge­ben.

b) Hin­sicht­lich der Re­ge­lung der mit ei­ner An­zei­ge­pflicht ver­bun­de­nen Be­fug­nis der Ver­kaufs­stel­len zur Öff­nung aus be­son­de­rem An­lass (§ 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG) be­steht eben­so we­nig ein wir­kungs­vol­ler fach­ge­richt­li­cher Rechts­schutz. Die er­for­der­li­chen An­zei­gen, die sechs Ta­ge vor der be­ab­sich­tig­ten La­denöff­nung zu er­fol­gen ha­ben, müssen den Be­schwer­deführern nicht zur Kennt­nis ge­bracht wer­den.

c) We­gen der Möglich­keit, vier Sonn- und Fei­er­ta­ge durch All­ge­mein­verfügung auf­grund des § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG für die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung frei­zu­ge­ben, ist den Be­schwer­deführern ei­ne Ver­wei­sung auf den fach­ge­richt­li­chen Rechts­weg nicht zu­mut­bar. Sie er­stre­ben ei­ne ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prüfung des Nor­men­kom­ple­xes der § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 4 Abs. 1 Nr. 4 und Abs. 2 Nr. 1, § 6 Abs. 1 und 2 Berl­LadÖffG ins­ge­samt; die an­de­ren Vor­schrif­ten können aber nicht oh­ne den da­mit im Sach­zu­sam­men­hang ste­hen­den § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG erschöpfend be­ur­teilt wer­den.

II.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind teil­wei­se be­gründet. Das Schutz­kon­zept, das den Re­ge­lun­gen zur La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen im Land Ber­lin zu­grun­de liegt, wird der Schutz­ver­pflich­tung des Lan­des­ge­setz­ge­bers aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) nicht hin­rei­chend ge­recht.

- 34 -

Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG wird in sei­ner Be­deu­tung als Schutz­ver­pflich­tung des Ge­setz­ge­bers (1.) durch den ob­jek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz aus Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) kon­kre­ti­siert, der ne­ben sei­ner welt­lich-so­zia­len Be­deu­tung in ei­ner re­li­giös-christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zelt (2.). Da­nach ist ein Min­dest­ni­veau des Schut­zes der Sonn­ta­ge und der ge­setz­lich an­er­kann­ten - hier der kirch­li­chen - Fei­er­ta­ge durch den Ge­setz­ge­ber zu gewähr­leis­ten (3.). Dem genügt das Ber­li­ner Sonn- und Fei­er­tags­schutz­kon­zept nicht in je­der Hin­sicht. Die dort vor­ge­se­he­ne Möglich­keit der La­denöff­nung an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen ist mit den Min­dest­an­for­de­run­gen an ei­nen auch grund­rechts­verbürg­ten Schutz nicht mehr in Ein­klang zu brin­gen. Die Re­ge­lung über die Öff­nung auf­grund All­ge­mein­verfügung an vier wei­te­ren Sonn- und Fei­er­ta­gen trägt nur bei ein­schränken­der Aus­le­gung den Er­for­der­nis­sen des vom Ge­setz­ge­ber zu gewähr­leis­ten­den Min­dest­schut­zes Rech­nung (4.). Im Übri­gen hal­ten die an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen im Rah­men des vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Schutz­kon­zepts ver­fas­sungs­recht­li­cher Prüfung stand (5.).

1. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ist hier in sei­ner Be­deu­tung als Schutz­ver­pflich­tung des Staa­tes be­trof­fen.

Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz greift we­der ge­zielt in die Re­li­gi­ons­frei­heit der Be­schwer­deführer ein, noch liegt in den ver­schie­de­nen Be­stim­mun­gen und Op­tio­nen zur La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen das „funk­tio­na­le Äqui­va­lent“ ei­nes Ein­griffs. Es rich­tet sich mit den hier an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten an die Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und eröff­net die­sen Möglich­kei­ten zur La­denöff­nung an Sonn-und Fei­er­ta­gen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erschöpft sich der Grund­rechts­schutz nicht in sei­nem klas­si­schen Ge­halt als sub­jek­ti­ves Ab­wehr­recht ge­genüber staat­li­chen Ein­grif­fen. Aus Grund­rech­ten ist viel­mehr auch ei­ne Schutz­pflicht des Staa­tes für das geschütz­te Rechts­gut ab­zu­lei­ten, de­ren Ver­nachlässi­gung von dem Be­trof­fe­nen mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend ge­macht wer­den kann (vgl. BVerfGE 92, 26 <46>; ähn­lich BVerfGE 56, 54 <80 f.>; 77, 170 <215>; 79, 174 <202>). Auch die Re­li­gi­ons­frei­heit be­schränkt sich nicht auf die Funk­ti­on ei­nes Ab­wehr­rechts, son­dern ge­bie­tet auch im po­si­ti­ven Sinn, Raum für die ak­ti­ve Betäti­gung der Glau­bensüber­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der au­to­no­men Persönlich­keit auf welt­an­schau­lich-re­li­giösem Ge­biet zu si­chern (vgl. BVerfGE 41, 29 <49>). Die­se Schutz­pflicht trifft den Staat auch ge­genüber den als Körper­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten.

- 35 -

Der Staat muss die­ser Schutz­pflicht durch hin­rei­chen­de Vor­keh­run­gen genügen. Aus ei­ner grund­recht­li­chen Schutz­pflicht folgt in der Re­gel in­des­sen kei­ne be­stimm­te Hand­lungs­vor­ga­be. Die zuständi­gen staat­li­chen Or­ga­ne, ins­be­son­de­re der Ge­setz­ge­ber, ha­ben viel­mehr zunächst in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung zu ent­schei­den, wie sie ih­re Schutz­pflich­ten erfüllen. Es ist grundsätz­lich Sa­che des Ge­setz­ge­bers, ein Schutz­kon­zept auf­zu­stel­len und nor­ma­tiv um­zu­set­zen. Da­bei kommt ihm ein wei­ter Einschätzungs-, Wer­tungs- und Ge­stal­tungs­spiel­raum zu. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die Ver­let­zung ei­ner sol­chen Schutz­pflicht nur fest­stel­len, wenn Schutz­vor­keh­run­gen ent­we­der über­haupt nicht ge­trof­fen sind, wenn die ge­trof­fe­nen Re­ge­lun­gen und Maßnah­men of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net oder völlig un­zuläng­lich sind, das ge­bo­te­ne Schutz­ziel zu er­rei­chen, oder wenn sie er­heb­lich hin­ter dem Schutz­ziel zurück­blei­ben (vgl. BVerfGE 92, 26 <46>; ähn­lich BVerfGE 56, 54 <80 f.>; 77, 170 <215>; 79, 174 <202>).

2. Al­lein aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG lässt sich kei­ne staat­li­che Ver­pflich­tung her­lei­ten, die re­li­giös-christ­li­chen Fei­er­ta­ge und den Sonn­tag un­ter den Schutz ei­ner näher aus­zu­ge­stal­ten­den ge­ne­rel­len Ar­beits­ru­he zu stel­len und das Verständ­nis be­stimm­ter Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten von nach de­ren Leh­re be­son­de­ren Ta­gen zu­grun­de zu le­gen. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG erfährt je­doch ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung durch die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV: Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie wirkt ih­rer­seits als in der Ver­fas­sung ge­trof­fe­ne Wer­tung auf die Aus­le­gung und Be­stim­mung des Schutz­ge­halts von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ein und ist des­halb auch bei der Kon­kre­ti­sie­rung der grund­recht­li­chen Schutz­pflicht des Ge­setz­ge­bers zu be­ach­ten. Art. 139 WRV enthält ei­nen Schutz­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber (vgl. BVerfGE 87, 363 <393>), der im Sin­ne der Gewähr­leis­tung ei­nes Min­dest­schutz­ni­veaus dem Grund­rechts­schutz aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in­so­weit Ge­halt gibt.

a) Art. 4 GG ga­ran­tiert in Ab­satz 1 die Frei­heit des Glau­bens, des Ge­wis­sens und des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses, in Ab­satz 2 das Recht der un­gestörten Re­li­gi­ons­ausübung. Bei­de Absätze des Art. 4 GG ent­hal­ten ein um­fas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grund­recht (vgl. BVerfGE 24, 236 <245 f.>; 32, 98 <106>; 44, 37 <49>; 83, 341 <354>; 108, 282 <297>), das auch die Re­li­gi­ons­frei­heit der Kor­po­ra­tio­nen um­fasst (vgl. BVerfGE 19, 129 <132>; 24, 236 <245>; 83, 341 <354 f.>).

Bei der nähe­ren Be­stim­mung des Schutz­ge­halts des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ist auch an die Schutz­ga­ran­tie des Art. 139 WRV für den Sonn-und Fei­er­tags­schutz an­zu­knüpfen. Die durch Art. 140 GG auf­ge­nom­me­nen Vor-

- 36 -

schrif­ten der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung und so­mit auch Art. 139 WRV sind von glei­cher Norm­qua­lität wie die sons­ti­gen Be­stim­mun­gen des Grund­ge­set­zes (vgl. BVerfGE 111, 10 <50> m.w.N.). Bei der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie han­delt es sich zwar nicht um ein Grund­recht oder grund­rechts­glei­ches Recht (vgl. BVerfGE 19, 129 <135>; 19, 206 <218>). Die Gewähr­leis­tun­gen der so ge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel sind aber funk­tio­nal auch auf die In­an­spruch­nah­me und Ver­wirk­li­chung des Grund­rechts der Re­li­gi­ons­frei­heit an­ge­legt (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>; 102, 370 <387>). Die in­kor­po­rier­ten Kir­chen­ar­ti­kel der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, die mit dem Grund­ge­setz ein or­ga­ni­sches Gan­zes bil­den (vgl. BVerfGE 66, 1 <22>; 70, 138 <167>), re­geln das Grund­verhält­nis zwi­schen Staat und Kir­che (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>). Es ist an­er­kannt, dass zu­min­dest Teil­as­pek­te die­ses Grund­verhält­nis­ses auch von Art. 4 GG er­fasst wer­den (vgl. BVerfGE 42, 312 <322>). Im Kon­text des Grund­ge­set­zes sind die Kir­chen­ar­ti­kel auch ein Mit­tel zur Ent­fal­tung der Re­li­gi­ons­frei­heit der kor­po­rier­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten (vgl. BVerfGE 102, 370 <387> zu Art. 137 Abs. 5 Satz 2 WRV; sie­he auch BVerfGE 99, 100 <119 ff.> zu Art. 138 Abs. 2 WRV).


b) Die funk­tio­na­le Aus­rich­tung der so ge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel auf die In­an­spruch­nah­me des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG gilt auch für die Gewähr­leis­tung der Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung in Art. 139 WRV, ob­gleich in die­ser Norm selbst der re­li­giös-christ­li­che Be­zug nicht aus­drück­lich erwähnt wird. Art. 139 WRV hat nach sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te, sei­ner sys­te­mi­schen Ver­an­ke­rung in den Kir­chen­ar­ti­keln und sei­nen Re­ge­lungs­zwe­cken ne­ben sei­ner welt­lich-so­zia­len auch ei­ne re­li­giös-christ­li­che Be­deu­tung. Er si­chert mit sei­nem Schutz ei­ne we­sent­li­che Grund­la­ge für die Re­krea­ti­onsmöglich­kei­ten des Men­schen und zu­gleich für ein so­zia­les Zu­sam­men­le­ben und ist da­mit auch Ga­rant für die Wahr­neh­mung von Grund­rech­ten, die der Persönlich­keits­ent­fal­tung die­nen. Er er­weist sich so als ver­fas­sungs­ver­an­ker­tes Grund­ele­ment so­zia­len Zu­sam­men­le­bens und staat­li­cher Ord­nung und ist als Kon­nex­ga­ran­tie zu ver­schie­de­nen Grund­rech­ten zu be­grei­fen. Die Gewähr­leis­tung von Ta­gen der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung ist dar­auf aus­ge­rich­tet, den Grund­recht­schutz - auch im Sin­ne ei­nes Grund­rechts­vor­aus­set­zungs­schut­zes - zu stärken und kon­kre­ti­siert in­so­fern die aus den je­weils ein­schlägi­gen Grund­rech­ten fol­gen­den staat­li­chen Schutz­pflich­ten (vgl. Häber­le, Der Sonn­tag als Ver­fas­sungs­prin­zip, 2. Aufl. 2006, S. 63 f., 70).


Schon die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift lässt die Ver­knüpfung der tra­dier­ten re­li­giösen und so­zia­len As­pek­te des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zu­ta­ge tre­ten. Bei der Ein­brin­gung in der Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung hob der Be-

- 37 -

richter­stat­ter, der Ab­ge­ord­ne­te Maus­bach (Zen­trums­par­tei), her­vor, die Be­stim­mung schütze die „öffent­li­che Sit­te“ und die christ­li­che Tra­di­ti­on und Re­li­gi­ons­ausübung. Die großen ge­schicht­li­chen Be­stand­tei­le der Kul­tus­ausübung ent­hiel­ten aber auch wert­vol­le Frei­heits­rech­te für die Ein­zel­nen; und ge­ra­de die­se Sei­te der Sonn­tags­ru­he, die „Scho­nung der Frei­heit“ und der „so­zia­len Gleich­wer­tig­keit al­ler Klas­sen“, sei dar­in an­ge­spro­chen (vgl. Heil­fron, Die Deut­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung im Jah­re 1919, 6. Band, 1920, S. 4007). Der Re­li­gi­ons­be­zug des Art. 139 WRV wird bestätigt durch sei­ne Stel­lung im Grund­rechts­teil der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung un­ter der Ab­schnittsüber­schrift „Re­li­gi­on und Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten“. Die In­kor­po­ra­ti­on der Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel in das Grund­ge­setz war letzt­lich ein Kom­pro­miss, bei des­sen Fin­dung der über­kom­me­ne Gewähr­leis­tungs­ge­halt des Art. 139 WRV nicht mehr zur De­bat­te stand. Da­mit setz­te sich im Er­geb­nis die mo­ti­vi­sche Al­li­anz zwi­schen re­li­gi­ons- und ar­beits­ver­fas­sungs­po­li­ti­schen Be­stre­bun­gen fort, die schon das Zu­stan­de­kom­men des Art. 139 WRV be­stimmt hat­te (vgl. Ko­rioth, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 139 WRV Rn. 9 f.).

Art. 139 WRV ist da­mit ein re­li­giöser, in der christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zeln­der Ge­halt ei­gen, der mit ei­ner de­zi­diert so­zia­len, welt­lich-neu­tral aus­ge­rich­te­ten Zweck­set­zung ein­her­geht.

c) So­weit Art. 139 WRV an den Sonn­tag und an die staat­lich an­er­kann­ten re­li­giösen Fei­er­ta­ge in ih­rer über­kom­me­nen christ­li­chen Be­deu­tung als ar­beits­freie Ru­he­ta­ge an­knüpft, deckt er sich im le­bens­prak­ti­schen Er­geb­nis in sei­nen Wir­kun­gen weit­ge­hend mit der so­zia­len Be­deu­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie. Er hat in­so­weit sei­ne Wur­zeln im jüdi­schen Sab­bat (Sams­tag). Das jüdi­sche Verständ­nis des Sab­bats als hei­li­ger Ru­he­tag wur­de später auf den Sonn­tag über­tra­gen (vgl. Berg­holz, in: Theo­lo­gi­sche Rea­len­zy­klopädie, Bd. XXXI, 2000, Ar­ti­kel Sonn­tag, S. 451 ff.).

In der neu­zeit­li­chen In­ter­pre­ta­ti­on durch die großen öffent­lich­recht­lich ver­fass­ten christ­li­chen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten kommt dem Sonn­tag und den re­li­giös-christ­li­chen Fei­er­ta­gen auch die Auf­ga­be zu, Schutz vor ei­ner weit­ge­hen­den Öko­no­mi­sie­rung des Men­schen zu bie­ten. So heißt es et­wa im Ka­te­chis­mus der Ka­tho­li­schen Kir­che (Rn. 2172), der Sonn­tag un­ter­bre­che den Ar­beits­all­tag und gewähre ei­ne Ru­he­pau­se; er sei ein Tag des Pro­tes­tes ge­gen die „Fron der Ar­beit“ und die „Vergötzung des Gel­des“. Das Le­ben der Men­schen er­hal­te durch die Ar­beit und die Ru­he sei­nen Rhyth­mus (Rn. 2184). Im Evan­ge­li­schen Er­wach­se­nen­ka­te­chis­mus (6. Aufl. 2000) wird her­vor­ge­ho­ben, der Mensch und die Ge­sell­schaft brauch­ten den Sonn­tag, um zu er­fah­ren, dass Pro­duk­ti­on und Ren­ta­bi­lität nicht

- 38 -

den Sinn des Le­bens aus­mach­ten. Nach die­sem Verständ­nis ist der „Rhyth­mus von Ar­beit und Ru­he" ein „zen­tra­ler Rhyth­mus der christ­lich-jüdi­schen Kul­tur“ (S. 424 f., S. 457).


d) Mit der Gewähr­leis­tung rhyth­misch wie­der­keh­ren­der Ta­ge der Ar­beits­ru­he kon­kre­ti­siert Art. 139 WRV über­dies das So­zi­al­staats­prin­zip. Un­ter die­sem Ge­sichts­punkt hat er wei­ter­ge­hen­de grund­recht­li­che Bezüge. Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie fördert und schützt nicht nur die Ausübung der Re­li­gi­ons­frei­heit. Die Ar­beits­ru­he dient darüber hin­aus der phy­si­schen und psy­chi­schen Re­ge­ne­ra­ti­on und da­mit der körper­li­chen Un­ver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 GG). Die Sta­tu­ie­rung ge­mein­sa­mer Ru­he­ta­ge dient dem Schutz von Ehe und Fa­mi­lie (Art. 6 Abs. 1 GG). Auch die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit lässt sich so ef­fek­ti­ver wahr­neh­men (Art. 9 Abs. 1 GG). Der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie kann schließlich ein be­son­de­rer Be­zug zur Men­schenwürde bei­ge­mes­sen wer­den, weil sie dem öko­no­mi­schen Nut­zen­den­ken ei­ne Gren­ze zieht und dem Men­schen um sei­ner selbst wil­len dient.

Die so­zia­le Be­deu­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes und mit­hin der ge­ne­rel­len Ar­beits­ru­he im welt­li­chen Be­reich re­sul­tiert we­sent­lich aus der - na­ment­lich durch den Wo­chen­rhyth­mus be­ding­ten - syn­chro­nen Tak­tung des so­zia­len Le­bens. Während die Ar­beits­zeit- und Ar­beits­schutz­re­ge­lun­gen je­weils für den Ein­zel­nen Schutz­wir­kung ent­fal­ten, ist der zeit­li­che Gleich­klang ei­ner für al­le Be­rei­che re­gelmäßigen Ar­beits­ru­he ein grund­le­gen­des Ele­ment für die Wahr­neh­mung der ver­schie­de­nen For­men so­zia­len Le­bens. Das be­trifft vor al­lem die Fa­mi­li­en, ins­be­son­de­re je­ne, in de­nen es meh­re­re Be­rufstäti­ge gibt, aber auch ge­sell­schaft­li­che Verbände, na­ment­lich die Ver­ei­ne in den un­ter­schied­li­chen Spar­ten. Da­ne­ben ist im Au­ge zu be­hal­ten, dass die Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen auch für die Rah­men­be­din­gun­gen des Wir­kens der po­li­ti­schen Par­tei­en, der Ge­werk­schaf­ten und sons­ti­ger Ver­ei­ni­gun­gen be­deut­sam ist und sich wei­ter, frei­lich im Ver­bund mit ei­nem ge­sam­ten „frei­en Wo­chen­en­de“, auch auf die Möglich­kei­ten zur Ab­hal­tung von Ver­samm­lun­gen aus­wirkt. Ihr kommt mit­hin auch er­heb­li­che Be­deu­tung für die Ge­stal­tung der Teil­ha­be im All­tag ei­ner ge­leb­ten De­mo­kra­tie zu. Sinnfällig kommt das da­durch zum Aus­druck, dass nach der ein­fach­recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Tag der Wah­len ein Sonn­tag oder ge­setz­li­cher Fei­er­tag sein muss (vgl. § 16 Satz 2 Bun­des­wahl­ge­setz).

Darüber hin­aus eröff­net die ge­ne­rel­le Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen dem Ein­zel­nen die Möglich­keit der phy­si­schen und psy­chi­schen Re­ge­ne­ra­ti­on. Aus ar­beits­wis­sen­schaft­li­cher Sicht wird dem we­sent­li­che Be­deu­tung für das in­di­vi­du­el­le Wohl­be­fin­den und die ge­sund­heit­li­che Sta­bi­lität bei­ge­mes­sen, wie die

- 39 -

sach­kun­di­gen Aus­kunfts­per­so­nen Pro­fes­sor Dr. Pe­ter Knauth und Pro­fes­sor Dr. Fried­helm Nach­rei­ner in der münd­li­chen Ver­hand­lung fun­diert aus­geführt ha­ben.

e) Ne­ben die­ser an­hand des Re­ge­lungs­zwecks be­stimm­ten Be­deu­tung für den Schutz der Grund­rech­te wird der Cha­rak­ter des Art. 139 WRV als Kon­nex­ga­ran­tie da­durch un­ter­stri­chen, dass ver­fas­sungs­recht­li­che In­sti­tuts­ga­ran­ti­en oh­ne­hin in ih­rem je­weils spe­zi­fi­schen Ge­halt auf Grund­rechtsstärkung aus­ge­rich­tet sind. Da die Ver­fas­sung ins­ge­samt als ein te­leo­lo­gi­sches Sinn­ge­bil­de er­scheint (vgl. BVerfGE 19, 206 <220>) und der Sonn- und Fei­er­tags­schutz in Art. 139 WRV zu­dem als ver­fas­sungs­recht­li­che Wer­tung zu be­grei­fen ist, ist die­ser Schutz­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber bei der Kon­kre­ti­sie­rung sei­ner grund­rechts­ver­an­ker­ten Schutz­pflich­ten her­an­zu­zie­hen.

f) Die Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität steht ei­ner Kon­kre­ti­sie­rung des Schutz­ge­halts des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 139 WRV nicht ent­ge­gen. Denn die Ver­fas­sung selbst un­ter­stellt den Sonn­tag und die Fei­er­ta­ge, so­weit sie staat­lich an­er­kannt sind, ei­nem be­son­de­ren staat­li­chen Schutz­auf­trag und nimmt da­mit ei­ne Wer­tung vor, die auch in der christ­lich-abendländi­schen Tra­di­ti­on wur­zelt und ka­len­da­risch an die­se an­knüpft. Wenn dies den christ­li­chen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ei­nen grund­rechts­ver­an­ker­ten Min­dest­schutz der Sonn­ta­ge und ih­rer staat­lich an­er­kann­ten Fei­er­ta­ge ver­mit­telt, so ist dies in der Wer­tent­schei­dung des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV an­ge­legt. Im Übri­gen können sich auf die­sen Schutz auch an­de­re Grund­recht­sträger im Rah­men ih­rer Grund­rechts­verbürgun­gen be­ru­fen.

g) Der ob­jek­tiv­rech­li­che Schutz­auf­trag, der in der Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie be­gründet ist (Art. 139 WRV), ist mit­hin auf die Stärkung des Schut­zes der­je­ni­gen Grund­rech­te an­ge­legt, die in be­son­de­rem Maße auf Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung an­ge­wie­sen sind. Dies trifft sich mit der Schutz­pflicht, die auch aus den Grund­rech­ten selbst dem Staat und sei­nen Or­ga­nen erwächst. Der Schutz­auf­trag des Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) löst da­mit nicht nur die Schutz­funk­ti­on der Grund­rechts­verbürgung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Be­zug auf den Sonn- und Fei­er­tags­schutz aus; darüber hin­aus kon­kre­ti­siert er auch in­halt­lich die ma­te­ri­el­len Vor­ga­ben für die Aus­ge­stal­tung des grund­recht­lich ge­bo­te­nen Min­dest­schutz­ni­veaus für die Sonn- und Fei­er­ta­ge durch den Ge­setz­ge­ber.


- 40 -

3. Der Ge­setz­ge­ber ver­letzt die sich aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG er­ge­ben­de Schutz­pflicht, wenn er die aus Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV fol­gen­den Min­dest­an­for­de­run­gen an den Sonn- und Fei­er­tags­schutz un­ter­schrei­tet.

a) Cha­rak­ter und Um­fang der Schutz­ga­ran­tie des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ha­ben durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts schon bis­her ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung er­fah­ren:

Art. 139 WRV enthält ei­nen Schutz­auf­trag an den Ge­setz­ge­ber (vgl. BVerfGE 87, 363 <393>), der für die Ar­beit an Sonn- und Fei­er­ta­gen un­ter an­de­rem ein Re-gel-Aus­nah­me-Verhält­nis sta­tu­iert (vgl. BVerfGE 87, 363 <393>; 111, 10 <53>). Grundsätz­lich hat die ty­pi­sche „werktägli­che Geschäftig­keit“ an Sonn- und Fei­er-ta­gen zu ru­hen. Der ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te Sonn- und Fei­er­tags­schutz ist nur be­grenzt ein­schränk­bar. Aus­nah­men von der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he sind zur Wah­rung höher- oder gleich­wer­ti­ger Rechtsgüter möglich; in je­dem Fal­le muss der aus­ge­stal­ten­de Ge­setz­ge­ber aber ein hin­rei­chen­des Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes wah­ren (vgl. BVerfGE 111, 10 <50>).

Im Ein­zel­nen gilt in­so­weit: Der Schutz der Sonn- und Fei­er­ta­ge wird in Art. 139 WRV als ge­setz­li­cher Schutz be­schrie­ben. Dies be­deu­tet, dass die In­sti­tu­ti­on des Sonn- und Fei­er­tags un­mit­tel­bar durch die Ver­fas­sung ga­ran­tiert ist, die Art und das Aus­maß des Schut­zes aber ei­ner ge­setz­li­chen Aus­ge­stal­tung bedürfen. Der Ge­setz­ge­ber darf in sei­nen Re­ge­lun­gen auch an­de­re Be­lan­ge als den Schutz der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung zur Gel­tung brin­gen. Ihm ist des­halb ein Aus­gleich zwi­schen Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ei­ner­seits und Art. 12 Abs. 1, aber auch Art. 2 Abs. 1 GG an­der­seits auf­ge­ge­ben (vgl. BVerfGE 111, 10 <50>).


Der Schutz des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ist nicht auf ei­nen re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Sinn­ge­halt der Sonn- und Fei­er­ta­ge be­schränkt. Um­fasst ist zwar die Möglich­keit der Re­li­gi­ons­ausübung an Sonn- und Fei­er­ta­gen. Die Re­ge­lung zielt in der säku­la­ri­sier­ten Ge­sell­schafts- und Staats­ord­nung aber auch auf die Ver­fol­gung pro­fa­ner Zie­le wie die der persönli­chen Ru­he, Be­sin­nung, Er­ho­lung und Zer­streu­ung. An den Sonn- und Fei­er­ta­gen soll grundsätz­lich die Geschäftstätig­keit in Form der Er­werbs­ar­beit, ins­be­son­de­re der Ver­rich­tung abhängi­ger Ar­beit, ru­hen, da­mit der Ein­zel­ne die­se Ta­ge al­lein oder in Ge­mein­schaft mit an­de­ren un­ge­hin­dert von werktägli­chen Ver­pflich­tun­gen und Be­an­spru­chun­gen nut­zen kann. Geschützt ist da­mit der all­ge­mein wahr­nehm­ba­re Cha­rak­ter des Ta­ges, dass es sich grundsätz­lich um ei­nen für al­le ver­bind­li­chen


- 41 -

Tag der Ar­beits­ru­he han­delt. Die ge­mein­sa­me Ge­stal­tung der Zeit der Ar­beits­ru­he und see­li­schen Er­he­bung, die in der so­zia­len Wirk­lich­keit seit je­her ins­be­son­de­re auch im Freun­des­kreis, ei­nem ak­ti­ven Ver­eins­le­ben und in der Fa­mi­lie statt­fin­det, ist in­so­weit nur dann plan­bar und möglich, wenn ein zeit­li­cher Gleich­klang und Rhyth­mus, al­so ei­ne Syn­chro­nität, si­cher­ge­stellt ist. Auch in­so­weit kommt ge­ra­de dem Sonn­tag im Sie­ben-Ta­ge-Rhyth­mus und auch dem je­den­falls re­gel­haft lan­des­wei­ten Fei­er­tags­gleich­klang be­son­de­re Be­deu­tung zu. Die­se gründet dar­in, dass die Bürger sich an Sonn- und Fei­er­ta­gen von der be­ruf­li­chen Tätig­keit er­ho­len und das tun können, was sie in­di­vi­du­ell für die Ver­wirk­li­chung ih­rer persönli­chen Zie­le und als Aus­gleich für den All­tag als wich­tig an­se­hen. Die von Art. 139 WRV eben­falls er­fass­te Möglich­keit see­li­scher Er­he­bung soll al­len Men­schen un­be­scha­det ei­ner re­li­giösen Bin­dung zu­teil wer­den (vgl. BVerfGE 111, 10 <51>).

b) Der Ge­setz­ge­ber kann bei dem Aus­gleich ge­genläufi­ger Schutzgüter im Rah­men sei­nes Ge­stal­tungs­spiel­raums auf ei­ne geänder­te so­zia­le Wirk­lich­keit, ins­be­son­de­re auf Ände­run­gen im Frei­zeit­ver­hal­ten, Rück­sicht neh­men. Al­ler­dings führt der Schutz der Ver­wirk­li­chung von Frei­zeitwünschen der Bürger in­so­weit zu ei­nem Kon­flikt, als die­se auf die Be­reit­stel­lung von Leis­tun­gen an­ge­wie­sen sind, die den Ar­beits­ein­satz der An­bie­ter sol­cher Leis­tun­gen er­for­dern.

Ein­fach­recht­lich wer­den schon seit je­her an Sonn- und Fei­er­ta­gen Ar­bei­ten ge­stat­tet, die aus ge­sell­schaft­li­chen oder tech­ni­schen Gründen not­wen­dig sind. Die­se Ar­bei­ten „trotz des Sonn- und Fei­er­tags“ sind in Gren­zen durch­aus zulässig. So ist an­er­kannt, dass et­wa zum Schutz von Grund­rech­ten und sonst ge­wich­ti­gen Rechtsgütern der Bürger oder der Ge­mein­schaft in Ret­tungs­diens­ten, bei Feu­er­wehr, Po­li­zei, in der ge­sam­ten me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung, für die Auf­recht­er­hal­tung der In­fra­struk­tur - ne­ben der En­er­gie­ver­sor­gung auch die Si­che­rung der Mo­bi­lität (Au­to­s­traßen, Bah­nen, Bus­se, Luft­ver­kehr) - an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­ar­bei­tet wer­den darf. In die­sen Be­reich fal­len auch die vielfälti­gen Not­diens­te der un­ter­schied­li­chen Bran­chen und die Aus­nah­men im in­dus­tri­el­len Be­reich aus pro­duk­ti­ons­tech­ni­schen Gründen. Für die Er­hal­tung der Wett­be­werbsfähig­keit im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich und da­mit aus beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Erwägun­gen ist schließlich im Be­reich der In­dus­trie ei­ne Aus­nah­me vom Sonn­tags­schutz seit lan­gem ak­zep­tiert, zu­mal die­se der öffent­li­chen Wahr­neh­mung weit­ge­hend ent­zo­gen ist und ihr da­mit kein prägen­der Cha­rak­ter für den äußeren Ru­he­rah­men der Sonn­ta­ge zu­kommt (vgl. nur die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen in § 10 Abs. 1 Nr. 14 bis 16 und Abs. 2 so­wie ins­be­son­de­re in § 13 Abs. 1, 4 und 5 Ar­beits­zeit­ge­setz - Arb­ZG). Dem ent­spricht, dass et­wa der öffent­lich wahr­nehm­ba­re Schwer­last­ver­kehr auf­grund ver­kehrs­recht­li­cher Be­stim­mung als Aus­druck des Sonn­tags­schut­zes

- 42 -

grundsätz­lich ruht, es aber auch hier Aus­nah­men gibt (vgl. § 30 Abs. 3 Straßen­ver­kehrs-Ord­nung). Ne­ben die­sen Fel­dern der „Ar­beit trotz des Sonn­tags“ ist auch die „Ar­beit für den Sonn­tag“ an­er­kannt, die et­wa in der Ho­tel- und Gas­tro­no­mie­bran­che und im Be­reich der Si­cher­stel­lung der Mo­bi­lität des Ein­zel­nen da­zu dient, den Bürgern ei­ne in­di­vi­du­el­le Ge­stal­tung ih­res Ta­ges der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung zu ermögli­chen. Stets aber muss ein hin­rei­chen­des Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes ge­wahrt blei­ben (vgl. BVerfGE 111, 10 <51 f.>). Das gilt auch im Blick auf die Be­rufs­ausübungs­frei­heit (Art. 12 Abs. 1 GG; vgl. BVerfGE 111, 10 <50, 52>).

c) Auf die­ser Grund­la­ge er­gibt sich, dass ge­setz­li­che Schutz­kon­zep­te für die Gewähr­leis­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he er­kenn­bar die­se Ta­ge als sol­che der Ar­beits­ru­he zur Re­gel er­he­ben müssen. Hin­sicht­lich der hier in Re­de ste­hen­den La­denöff­nung be­deu­tet dies, dass die Aus­nah­me ei­nes dem Sonn­tags­schutz ge­recht wer­den­den Sach­grun­des be­darf. Ein bloß wirt­schaft­li­ches Um­satz­in­ter­es­se der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und ein alltägli­ches Er­werbs­in­ter­es­se („Shop­ping-In­ter­es­se“) po­ten­zi­el­ler Käufer genügen grundsätz­lich nicht, um Aus­nah­men von dem ver­fas­sungs­un­mit­tel­bar ver­an­ker­ten Schutz der Ar­beits­ru­he und der Möglich­keit zu see­li­scher Er­he­bung an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu recht­fer­ti­gen. Darüber hin­aus müssen Aus­nah­men als sol­che für die Öffent­lich­keit er­kenn­bar blei­ben und dürfen nicht auf ei­ne weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung der sonn- und fei­ertägli­chen Verhält­nis­se mit den Werk­ta­gen und ih­rer Be­trieb­sam­keit hin­aus­lau­fen.

Dem Re­gel-Aus­nah­me-Ge­bot kommt ge­ne­rell um­so mehr Be­deu­tung zu, je ge­rin­ger das Ge­wicht der­je­ni­gen Gründe ist, zu de­nen der Sonn- und Fei­er­tags­schutz ins Verhält­nis ge­setzt wird und je weiter­grei­fend die Frei­ga­be der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung in Be­zug auf das be­trof­fe­ne Ge­biet so­wie die ein­be­zo­ge­nen Han­dels­spar­ten und Wa­ren­grup­pen aus­ge­stal­tet ist. Des­halb müssen bei ei­ner flächen­de­cken­den und den ge­sam­ten Ein­zel­han­del er­fas­sen­den Frei­ga­be der La­denöff­nung recht­fer­ti­gen­de Gründe von be­son­de­rem Ge­wicht vor­lie­gen, wenn meh­re­re Sonn- und Fei­er­ta­ge in Fol­ge über je­weils vie­le St­un­den hin frei­ge­ge­ben wer­den sol­len.

4. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes über die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen und die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber gewähl­te Schutz­kon­zep­ti­on wer­den die­sen grund­recht­li­chen Schutz­pflicht­an­for­de­run­gen aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV nicht in je­der Hin­sicht ge­recht. Die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber gewähl­te Schutz­kon­zep­ti­on ist zwar for­mell ver­fas­sungs­gemäß und enthält ge­wich­ti­ge

- 43 -

schützen­de Ele­men­te. Sie er­weist sich in­des­sen - auch ein­ge­denk der Wei­te des Ge­stal­tungs­spiel­raums des Lan­des­ge­setz­ge­bers - hin­sicht­lich des ge­bo­te­nen Min­dest­schutz­ni­veaus in ei­nem we­sent­li­chen Teil als nicht hin­rei­chend wirk­sam und bleibt in­so­weit hin­ter dem vor­ge­ge­be­nen Schutz­ziel er­heb­lich zurück.

a) Der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber ist Adres­sat der grund­recht­li­chen Schutz­pflicht; denn ihm kommt die Ge­setz­ge­bungs­be­fug­nis für die hier in Re­de ste­hen­den Re­ge­lun­gen zu.

Mit der aus­drück­li­chen Her­aus­nah­me des Rechts des La­den­schlus­ses aus dem Ka­ta­log der Ge­genstände der kon­kur­rie­ren­den Ge­setz­ge­bung in Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG im Zu­ge der Föde­ra­lis­mus­re­form I ist die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz auf die Länder über­ge­gan­gen (Art. 70 Abs. 1 GG). Kom­pe­tenz­recht­li­chen Zwei­feln sind die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten nicht des­halb aus­ge­setzt, weil sich die kon­kur­rie­ren­de Ge­setz­ge­bung des Bun­des nach Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG auf das Ge­biet des Ar­beits­rechts ein­sch­ließlich des Ar­beits­schut­zes er­streckt und der Bund ein Ar­beits­zeit­ge­setz er­las­sen hat, in § 7 Berl­LadÖffG aber gleich­wohl ar­beits­schutz­recht­li­che As­pek­te des La­den­schlus­ses ge­re­gelt sind. Der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber ist of­fen­bar da­von aus­ge­gan­gen, dass die kon­kur­rie­ren­de Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz für das Ar­beits­zeit­recht im Zu­sam­men­hang mit dem La­den­schluss beim Bund ver­blie­ben ist, die­ser je­doch hier­von in­so­weit kei­nen Ge­brauch ge­macht hat (vgl. Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 14, zu § 7 Berl­LadÖffG). Die Fra­ge der Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz hin­sicht­lich des ar­beits-zeit­recht­li­chen Re­ge­lungs­ele­ments kann hier of­fen blei­ben, weil die in­di­vi­du­ell-ar­beit­neh­merschützen­de Be­stim­mung des § 7 Berl­LadÖffG nicht An­griffs­ge­gen-stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­den ist. Selbst wenn dem Lan­des­ge­setz­ge­ber in-so­weit die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz feh­len würde, blie­ben die übri­gen hier an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen des Ge­set­zes da­von un­berührt. Denn dann würde die - in­so­weit stren­ge­re - bun­des­recht­li­che Ar­beits­zeit­schutz­re­ge­lung grei­fen (vgl. § 13 Arb­ZG) oder von der Fort­gel­tung der ar­beit­neh­merschützen­den Be­stim­mung des § 17 La­dSchlG aus­zu­ge­hen sein (vgl. da­zu Kühling, Ar­buR 2006, S. 384; Kühn, Ar­buR 2006, S. 418, sie­he auch Kin­green/Pie­roth, NVwZ 2006, S. 1221 <1224>; Horst­mann, NZA 2006, S. 1246 <1249 f.>).

b) Die Schutz­kon­zep­ti­on und die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen des Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­set­zes wer­den dem Grund­recht der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV hin­sicht­lich des zu gewähr­leis­ten­den Min­dest­schut­zes nicht un­ein­ge­schränkt ge­recht. Der Ge­setz­ge­ber hat zwar po­si­ti­ve Schutz­vor­keh­run­gen ge­trof­fen, die bei der ge­bo­te­nen Ge-

- 44 -

samt­be­trach­tung sei­nes Kon­zepts mit in den Blick zu neh­men sind. Die Durch­bre­chun­gen die­ses Schutz­kon­zepts ver­feh­len in­des­sen in ei­nem we­sent­li­chen Teil das er­for­der­li­che Min­dest­ni­veau an Schutz.

aa) Nach dem Ber­li­ner Lan­des­recht ge­nießen die Sonn­ta­ge und die all­ge­mei­nen Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung staat­li­chen Schutz (§ 1 Abs. 3 des Ge­set­zes über die Sonn- und Fei­er­ta­ge Ber­lin). An die­sen Ta­gen sind öffent­lich be­merk­ba­re Ar­bei­ten ver­bo­ten, so­weit sie nicht nach Bun­des- oder Lan­des­recht all­ge­mein oder im Ein­zel­fall zu­ge­las­sen sind (vgl. § 2 Fei­er­tags­schutz-Ver­ord­nung Ber­lin mit wei­te­ren Aus­nah­me­tat­beständen). Das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz sieht dem­ent­spre­chend im Grund­satz vor, dass Ver­kaufs­stel­len an Sonn- und Fei­er­ta­gen ge­schlos­sen sein müssen (§ 3 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG). Da­mit wird der Kon­flikt zwi­schen den grund­recht­li­chen Po­si­tio­nen der La­den­in­ha­ber (Be­rufs­frei­heit) und Ein­kaufs­wil­li­gen (all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit) ei­ner­seits und den Beschäftig­ten, den Ru­he­su­chen­den so­wie den Be­schwer­deführern (Art. 2, 4 Abs. 1 und 2, Art. 6 Abs. 1 und 2 GG) an­de­rer­seits im Aus­gangs­punkt und in der sys­te­ma­ti­schen An­la­ge zu­guns­ten ei­nes grundsätz­li­chen Schut­zes der Be­schwer­deführer und an­de­rer ar­beits­ru­he­su­chen­der Grund­recht­sträger ent­schie­den. Im An­satz ent­spricht das - für sich be­trach­tet - dem Schutz­auf­trag des Art. 139 WRV. Auch in der Ge­set­zes­be­gründung zum Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz wird die Be­deu­tung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zur Gewähr­leis­tung der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung all­ge­mein her­vor­ge­ho­ben (vgl. Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 7 f.). Sch­ließlich hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber auf ei­ne ge­ne­rel­le, ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­klau­sel oh­ne Be­gren­zung der Zahl der ihr un­ter­fal­len­den Sonn- und Fei­er­ta­ge ver­zich­tet, wie sie das Bun­des­recht kann­te (§ 23 La­dSchlG).

bb) Das Schutz­kon­zept des Lan­des­ge­setz­ge­bers wird in­des­sen durch die Aus­nah­me­re­ge­lun­gen zur La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen er­heb­lich ein­ge­schränkt. In ei­nem we­sent­li­chen Teil wird da­durch dem Er­for­der­nis des Re­gel-Aus­nah­me-Verhält­nis­ses nicht hin­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen und es be­ste­hen in­so­weit kei­ne genügen­den Gründe. Im Er­geb­nis ist das er­for­der­li­che Min­dest­schutz­ni­veau des­halb nicht gewähr­leis­tet.

(1) Bei der Ein­ord­nung und Be­wer­tung der Durch­bre­chun­gen der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen kommt der La­denöff­nung großes Ge­wicht zu. Das Er­rei­chen des Ziels des Sonn­tags­schut­zes - des re­li­giös wie des welt­lich mo­ti­vier­ten - setzt das Ru­hen der ty­pi­schen werktägli­chen Geschäftig­keit vor­aus. Ge­ra­de die La­denöff­nung prägt aber we­gen ih­rer öffent­li­chen Wir­kung den Cha­rak­ter des Ta-
 


- 45 -

ges in be­son­de­rer Wei­se. Von ihr geht ei­ne für je­der­mann wahr­nehm­ba­re Geschäftig­keits- und Be­trieb­sam­keits­wir­kung aus, die ty­pi­scher­wei­se den Werk­ta­gen zu­ge­ord­net wird. Die­se Wir­kung wird nicht nur durch die in den Ver­kaufs­stel­len täti­gen Ar­beit­neh­mer und sons­ti­gen Beschäftig­ten aus­gelöst, son­dern auch durch die Kun­den. Sie er­fasst über­dies den Straßen­ver­kehr und den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr in sei­ner Dich­te und hat Rück­wir­kun­gen auf des­sen Beschäftig­te wie auch den ver­kehrs­ver­ur­sach­ten Lärm. Auf die­se Wei­se be­stimmt die La­denöff­nung maßgeb­lich das öffent­li­che Bild des Ta­ges. Da­mit wer­den not­wen­dig auch die­je­ni­gen be­trof­fen, die we­der ar­bei­ten müssen noch ein­kau­fen wol­len, son­dern Ru­he und see­li­sche Er­he­bung su­chen, na­ment­lich auch die Gläubi­gen christ­li­cher Re­li­gio­nen und die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst, nach de­ren Verständ­nis der Tag ein sol­cher der Ru­he und der Be­sin­nung ist.

(2) Die Zahl der durch die La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen po­ten­ti­ell Be­trof­fe­nen auf Beschäftig­ten- und Kun­den­sei­te so­wie in so ge­nann­ten Fol­ge­spar­ten, zum Bei­spiel dem in­nerört­li­chen Ver­kehr, ist ver­gleichs­wei­se hoch. So liegt die Zahl al­lein der so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­ten aus­weis­lich der vor­lie­gen­den sta­tis­ti­schen Er­he­bun­gen deutsch­land­weit im Ein­zel­han­del um mehr als das Dop­pel­te, in Ber­lin um na­he­zu das Dop­pel­te über der Zahl der Beschäftig­ten in der Gas­tro­no­mie­bran­che. Der An­teil der weib­li­chen Beschäftig­ten ist be­son­ders hoch (vgl. da­zu Amt für Sta­tis­tik Ber­lin-Bran­den­burg, Sta­tis­ti­scher Be­richt A VI 15 - vj 4/07, So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­te, Ju­ni 2008). Hin­zu kom­men die Selbständi­gen, die mit­hel­fen­den Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen und vor al­lem die so ge­nann­ten ge­ringfügig Beschäftig­ten. Hin­sicht­lich der zu­letzt ge­nann­ten Grup­pe deu­tet ei­ne Stu­die, die von Ge­werk­schafts­sei­te pu­bli­ziert wor­den ist, auf ei­nen Trend hin, dem­zu­fol­ge die Aus­wei­tung der La­denöff­nungs­zei­ten den An­teil der nicht-so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­ten deut­lich erhöht hat. Nach die­ser Stu­die beträgt der An­teil der Frau­en an der Mit­ar­bei­ter­schaft der Ver­kaufs­stel­len et­wa 72 % (so schon der Hin­weis in BVerfGE 111, 10 <40>; vgl. WA­BE-In­sti­tut Ber­lin, Hrsg. ver.di - Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft, Ein­zel­han­del - Bran­chen­da­ten 2007/2008, 27. März 2008). Die­se Beschäftig­ten­zah­len sind al­ler­dings Ge­samt­zah­len. Po­ten­ti­ell sind zwar al­le Beschäftig­ten von der Durch­bre­chung des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes be­trof­fen. Re­al wird an frei­ge­ge­be­nen Sonn- und Fei­er­ta­gen aber stets nur ein ge­wis­ser An­teil der Beschäftig­ten ar­bei­ten.

Al­lein schon die­se be­acht­li­che Zahl von Be­trof­fe­nen be­legt ei­ne er­heb­li­che Be­ein­träch­ti­gung der grundsätz­li­chen Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen mit brei­ter Öffent­lich­keits­wir­kung, zu­mal wenn - wie hier - ge­ne­rel­le, lan­des­wei­te Öff­nungsmöglich­kei­ten für al­le Ver­kaufs­stel­len in Re­de ste­hen.


- 46 -

(3) Durch die ma­xi­ma­le Aus­wei­tung der werktägli­chen Öff­nungs­zei­ten auf 24 St­un­den, die, wenn von ih­nen Ge­brauch ge­macht wird, mit ent­spre­chen­dem Per­so­nal­ein­satz ver­bun­den ist, ge­winnt die Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen noch mehr an Be­deu­tung und Ge­wicht. Mit der vollständi­gen Frei­ga­be der La­denöff­nungs­zei­ten an Werk­ta­gen ein­sch­ließlich des Sams­tags („shop-around-the-clock“) kommt es not­wen­di­ger­wei­se ver­mehrt zum Ein­satz der Beschäftig­ten im Schicht- und Nacht­be­trieb. Des­halb ist für sie trotz der ar­beits­zeit­recht­li­chen Vor­schrif­ten für den in­di­vi­du­el­len Ar­beits­schutz ge­ra­de der Sonn­tag als ein­zig ver­blei­ben­der Tag der Ar­beits­ru­he im rhyth­mi­schen Gleich­klang ein sol­cher der Re­krea­ti­on und der Möglich­keit des fa­mi­liären und so­zia­len Zu­sam­men­seins von her­aus­ra­gen­der Be­deu­tung. Das gilt zu­mal an­ge­sichts der Beschäftig­ten­struk­tur im Ein­zel­han­del, in dem Frau­en, die sich im Rah­men ei­ner fa­mi­liären Ein­bin­dung zu ei­nem großen Teil nach wie vor ei­ner Dop­pel­be­las­tung in ih­ren Fa­mi­li­en aus­ge­setzt se­hen, be­son­ders stark ver­tre­ten sind (in die­sem Sin­ne auch schon BVerfGE 111, 10 <40>).

Die Pro­fes­so­ren Knauth und Nach­rei­ner ha­ben in der münd­li­chen Ver­hand­lung her­vor­ge­ho­ben, dass die Aus­wei­tung von Nacht- und Schicht­ar­beit bei gleich­zei­ti­ger Ein­be­zie­hung des Ta­ges der all­ge­mei­nen Ar­beits­ru­he ver­mehrt zu psy­cho­so­zia­len Be­ein­träch­ti­gun­gen führt. Ei­ne Ver­rin­ge­rung oder gar Auf­ga­be so­zia­ler Be­zie­hun­gen, ei­ne re­du­zier­te An­teil­nah­me am so­zia­len Le­ben und ei­ne Verände­rung der Ein­stel­lung zu so­zia­ler, aber auch zu po­li­ti­scher Teil­ha­be, sind nicht nur bei le­bens­na­her Be­trach­tung na­he­lie­gend; sie sind auch in der Ar­beits­wis­sen­schaft an­er­kannt. Die De­syn­chro­ni­sa­ti­ons­ef­fek­te führen zwangsläufig zu ei­ner Ver­rin­ge­rung der so­zia­len In­ter­ak­ti­ons­dich­te und -qua­lität, die sich auch auf den Fa­mi­li­en­ver­band und zu be­treu­en­de Kin­der aus­wirkt. Aus re­li­giös-christ­li­cher Sicht, die sich im Er­geb­nis von den in der welt­lich-so­zia­len Per­spek­ti­ve her­vor­ge­ho­be­nen Aus­wir­kun­gen nicht we­sent­lich un­ter­schei­det, wird in­so­weit den Sonn-und Fei­er­ta­gen der Cha­rak­ter als Tag der Ge­mein­schaft, aber auch der Be­sin­nung durch aus­grei­fen­de La­denöff­nungsmöglich­kei­ten, die auch Fol­ge­spar­ten mit­er­fas­sen, weit­ge­hend ge­nom­men.


(4) Sch­ließlich fällt ins Ge­wicht, dass der Lan­des­ge­setz­ge­ber ge­ra­de der Be­rufs­ausübungs­frei­heit der Ver­kauf­stel­len­in­ha­ber wie auch der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit po­ten­zi­el­ler Kun­den in wei­tem Um­fang Rech­nung ge­tra­gen hat. Er hat die werktägli­chen Öff­nungs­zei­ten vollständig frei­ge­ge­ben (24-St­un­den-Öff­nung) und wa­ren­grup­pen­spe­zi­fi­sche so­wie orts- und an­lass­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­re­ge­lun­gen ge­trof­fen, die an Sonn- und Fei­er­ta­gen dem Er­werbs- und Ein­kaufs­in­ter­es­se so­wie dem Ver­sor­gungs- und Be­darfs­de­ckungs­in­ter­es­se in ho­hem

- 47 -

Maße ent­spre­chen (vgl. § 4 Nr. 1, Nr. 2, Nr. 3, Nr. 5, § 4 Abs. 2 und 3, § 5 Nr. 2, Nr. 3 Berl­LadÖffG). Dem Be­darfs­de­ckungs- und Ver­sor­gungs­ar­gu­ment kommt des­we­gen an Sonn- und Fei­er­ta­gen nur noch ge­rin­ge Be­deu­tung zu. Auch im Hin­blick auf die beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Ef­fek­te hat sich bis­lang kein Hin­weis auf die Ge­fahr ei­nes be­acht­li­chen Ein­bruchs im Ein­zel­han­del er­ge­ben. Die vor­lie­gen­den Er­kennt­nis­se, et­wa in der Stu­die des WA­BE-In­sti­tuts (her­aus­ge­ge­ben von ver.di - Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft, Ein­zel­han­del - Bran­chen­da­ten 2007/2008, Ber­lin, 27. März 2008), deu­ten auch un­ter Berück­sich­ti­gung der vom Han­dels­ver­band Ber­lin-Bran­den­burg vor­ge­leg­ten Über­sich­ten dar­auf hin, dass es mit der Sonn­tags­la­denöff­nung le­dig­lich zu ei­ner an­de­ren Ver­tei­lung der Kun­den­ströme und ei­ner Op­ti­mie­rung und Stre­ckung des Ein­sat­zes der Ar­beit­neh­mer kommt. Er­kenn­bar ver­bleibt da­nach ein un­ter­neh­me­ri­sches Er­werbs­in­ter­es­se, das sich mit dem alltägli­chen Shop­ping-In­ter­es­se von Be­su­chern und Ein­woh­nern im Land Ber­lin paart. Die­se sind aber kei­ne ge­eig­ne­ten Gründe, die es recht­fer­ti­gen könn­ten, das Ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes in er­heb­li­chem Um­fang ab­zu­sen­ken.

(5) Die Be­ein­träch­ti­gung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he wird nicht durch den von der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Mit­tel- und Großbe­trie­be des Ein­zel­han­dels er­ho­be­nen Ein­wand re­la­ti­viert, mit der Neu­re­ge­lung der La­denöff­nungs­zei­ten sei die für gleich­heits­wid­rig zu er­ach­ten­de Be­vor­zu­gung von Ein­zelhänd­lern an pri­vi­le­gier­ten Stand­or­ten (Tank­stel­len, Raststätten, Flughäfen, Bahnhöfen; vgl. § 5 Berl­LadÖffG) und die Be­vor­zu­gung des On­line-Han­dels („E-Com­mer­ce“) deut­lich ab­ge­mil­dert wor­den. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on, die letzt­lich auf die For­de­rung des Aus­gleichs von Wett­be­werbs­nach­tei­len hin­ausläuft, die durch un­ter­schied­li­che tatsächli­che und recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen ent­ste­hen, kann nicht durch­drin­gen. Ver­fas­sungs­recht­lich ist an­er­kannt, dass es grundsätz­lich kei­nen An­spruch auf Teil­ha­be an Vergüns­ti­gun­gen gibt. Nie­mand kann al­lein dar­aus, dass ei­ner Grup­pe aus be­son­de­rem An­lass Vergüns­ti­gun­gen zu­ge­stan­den wer­den, für sich ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Ge­bot her­lei­ten, die­sel­ben Vor­tei­le in An­spruch neh­men zu dürfen (vgl. BVerfGE 49, 192 <208>; 67, 231 <238>), so­fern für ihn kein ver­gleich­ba­rer be­son­de­rer An­lass be­steht. We­gen des Aus­nah­me­cha­rak­ters der Re­ge­lun­gen für die Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an be­stimm­ten Or­ten, die letzt­lich dem Be­reich der „Ar­beit für den Sonn­tag“ zu­zu­ord­nen sind, kann de­ren Aus­wei­tung auf bis da­hin nicht er­fass­te Sach­ver­hal­te nicht durch Be­ru­fung auf den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz er­zwun­gen wer­den (vgl. BVerfGE 67, 231 <238>). Hin­sicht­lich des On­line-Han­dels („E-Com­mer­ce“) schei­det die An­nah­me ei­ner sach­wid­ri­gen Un­gleich­be­hand­lung schon des­halb aus, weil sich des­sen Rah­men­be­din­gun­gen grund­le­gend an­ders dar­stel­len.
 


- 48 -

(6) So­weit in der Ge­set­zes­be­gründung (vgl. Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 7) her­vor­ge­ho­ben wird, dem Schutz des Ver­kaufs­per­so­nals wer­de durch das Ar­beits­zeit­recht Rech­nung ge­tra­gen, ändert dies eben­falls nichts an der be­ein­träch­ti­gen­den Wir­kung der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen. Von die­sen ar­beit­neh­merschützen­den Be­stim­mun­gen geht nur ei­ne in­di­vi­du­el­le Schutz­wir­kung aus (vgl. § 7 Berl­LadÖffG). Auf die öffent­lich wahr­nehm­ba­re, den Tag maßgeb­lich prägen­de Geschäftig­keits­wir­kung der La­denöff­nung sind sie oh­ne Ein­fluss.

c) Auf die­ser Grund­la­ge führt die Be­stim­mung über die vor­aus­set­zungs­lo­se sie­benstündi­ge Öff­nung an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen we­gen der vollständi­gen Her­aus­nah­me ei­nes zu­sam­menhängen­den Mo­nats­zeit­raums aus dem Schutz der Sonn­ta­ge oh­ne hin­rei­chend ge­wich­ti­ge Gründe zu ei­nem Un­ter­schrei­ten des Maßes an ge­bo­te­nem Min­dest­schutz. Die flächen­de­cken­de Möglich­keit der Öff­nung auf­grund ei­ner All­ge­mein­verfügung an vier wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen bei öffent­li­chem In­ter­es­se oh­ne zeit­li­che Be­gren­zung ist bei ein­schränken­der In­ter­pre­ta­ti­on mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar. Die wei­te­ren mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen be­ein­träch­ti­gen den ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Min­dest­schutz nicht in er­heb­li­chem Maße; sie sind ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

aa) Die Ad­vents­sonn­tags­re­ge­lung (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG) als ge­ne­rel­le und ma­te­ri­ell vor­aus­set­zungs­lo­se Frei­ga­be der Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr im Land Ber­lin steht an­ge­sichts der Be­deu­tung der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung für die Gewähr­leis­tung der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen mit dem Grund­recht der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV nicht mehr in Ein­klang.

(1) Die Be­son­der­heit die­ser Re­ge­lung be­steht dar­in, dass schon kraft Ge­set­zes oh­ne ir­gend­ei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung vier Sonn­ta­ge in Fol­ge für die Dau­er von je­weils sie­ben St­un­den zur La­denöff­nung frei­ge­ge­ben wer­den. Die­se Vor­schrift hält der An­for­de­rung, dass die Sonn­tags­ru­he die Re­gel ist, nicht stand, weil sie ei­nen in sich ge­schlos­se­nen Zeit­block von et­wa ei­nem Zwölf­tel des Jah­res vollständig vom Grund­satz der Ar­beits­ru­he aus­nimmt. Dar­an ändert der all­ge­mein ge­hal­te­ne Hin­weis in der Ge­set­zes­be­gründung auf die Me­tro­pol­funk­ti­on Ber­lins nichts. Auch dar­in spie­geln sich le­dig­lich bloße Um­satz- und Er­werbs­in­ter­es­sen wi­der. Der Sa­che nach läuft die Re­ge­lung mit­hin dar­auf hin­aus, den Sonn- und Fei­er­tags­schutz für die Dau­er ei­nes Mo­na­tes für die Ver­kaufs­stel­len, die den äu-

- 49 -

ßeren Cha­rak­ter des Ta­ges auch an­ge­sichts der Zahl der un­mit­tel­bar wie mit­tel­bar Be­trof­fe­nen und der Öffent­lich­keits­wir­kung maßgeb­lich prägen, auf­zu­he­ben, oh­ne dass für ei­ne der­art in­ten­si­ve Be­ein­träch­ti­gung ei­ne hin­rei­chend ge­wich­ti­ge Be­gründung ge­ge­ben würde oder sonst er­kenn­bar wäre, die dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Rang des Sonn­tags­schut­zes ge­recht wer­den könn­te.

Wenn der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber mit Blick auf die Be­son­der­hei­ten der Vor­weih­nachts­zeit für ei­ne La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen Sach­gründe anführen könn­te, so könn­te dies die La­denöff­nung nur an ein­zel­nen Sonn­ta­gen recht­fer­ti­gen.

(2) Ent­ge­gen der in der Stel­lung­nah­me des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses und des Se­nats von Ber­lin ver­tre­te­nen Auf­fas­sung kann der vor­ste­hen­den Be­wer­tung der ge­setz­li­chen Frei­ga­be der Ad­vents­sonn­ta­ge nicht mit Er­folg ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass schon während der Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik und in der Bun­des­re­pu­blik bis zum Jahr 1956 ge­ra­de die Ad­vents­sonn­ta­ge be­son­ders wich­ti­ge Ver­kaufs­ta­ge des Han­dels ge­we­sen sei­en. Die­se Stel­lung­nah­me stützt sich dar­auf, dass nach der Ände­rung des § 105b Abs. 2 Ge­wer­be­ord­nung durch Art. 1 der Ver­ord­nung über die Sonn­tags­ru­he im Han­dels­ge­wer­be und in Apo­the­ken vom 5. Fe­bru­ar 1919 (RGBl S. 176) die Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len durch die zuständi­gen Behörden noch zu­ge­las­sen ge­we­sen sei und dies auch in der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­gol­ten ha­be. Da­nach ha­be die Po­li­zei­behörde für sechs Sonn- und Fest­ta­ge, die höhe­re Ver­wal­tungs­behörde für wei­te­re vier Sonn- und Fest­ta­ge im Jah­re, an de­nen „be­son­de­re Verhält­nis­se ei­nen er­wei­ter­ten Geschäfts­ver­kehr er­for­der­lich ma­chen, für al­le oder für ein­zel­ne Geschäfts­zwei­ge“ ei­ne Beschäfti­gung bis zu acht St­un­den zu­las­sen dürfen. Am 2., 3. und 4. Ad­vents­sonn­tag sei­en da­mals auf der Grund­la­ge die­ser Re­ge­lung be­son­ders ho­he Umsätze er­zielt wor­den. An die sei­ner­zei­ti­ge Rechts­la­ge knüpfe Art. 139 WRV an, in­dem er mit der For­mu­lie­rung „blei­ben ... geschützt“ den Ver­gan­gen­heits­be­zug zum Aus­druck brin­ge.

Die­ser Ein­wand ver­kennt, dass die ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Wen­dung in Art. 139 WRV die Sonn- und Fei­er­ta­ge le­dig­lich in all­ge­mei­ner Hin­sicht dem fort­dau­ern­den Schutz des Ge­setz­ge­bers an­heim­gibt, über des­sen kon­kre­te Aus­ge­stal­tung in­des­sen zunächst nichts aus­sagt. Bei der ver­glei­chen­den Be­ur­tei­lung ist in Be­tracht zu zie­hen, dass Aus­nah­men von der Sonn­tags­ru­he im Han­del nach der ge­nann­ten frühe­ren Re­ge­lung an die Erfüllung ei­ner be­gren­zen­den Tat­be­stands­vor­aus­set­zung ge­bun­den wa­ren und ei­ne ver­wal­tungs­behörd­li­che Ent­schei­dung darüber vor­aus­setz­ten. Sie be­sag­te nicht, dass ei­ne La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen von vorn­her­ein und übe­r­all zulässig sein soll­te. Hin­zu
 


- 50 -

kommt, dass da­mals die La­denöff­nungs­zei­ten an den Werk­ta­gen abends kürzer wa­ren und auch die Sams­tags-Öff­nungs­zei­ten nicht bis in den späten Abend reich­ten. Die ge­rin­ge­re Mo­bi­lität der Bevölke­rung er­schwer­te zu­dem in länd­li­chen Ge­bie­ten Einkäufe während der Werk­ta­ge. Auch we­gen der da­mals deut­lich aus­ge­dehn­te­ren werktägli­chen Ar­beits­zei­ten in an­de­ren Bran­chen hat­te die Möglich­keit zum Täti­gen von Weih­nachts­einkäufen an den Ad­vents­sonn­ta­gen un­ter dem Ver­sor­gungs- und Be­darfs­as­pekt größere Be­deu­tung. Die­ser Ge­sichts­punkt hat auf­grund der veränder­ten Verhält­nis­se, vor al­lem mit der Aus­deh­nung der werk-tägli­chen Öff­nungs­zei­ten auf 24 St­un­den, sein Ge­wicht ein­gebüßt.

bb) Die Re­ge­lung, wo­nach die Se­nats­ver­wal­tung im öffent­li­chen In­ter­es­se aus­nahms­wei­se die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an höchs­tens vier (wei­te­ren) Sonn- oder Fei­er­ta­gen durch All­ge­mein­verfügung zu­las­sen kann (§ 6 Abs. 1 Satz 1 Berl­LadÖffG), ist mit dem Grund­recht der Be­schwer­deführer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV je­den­falls bei ein­schränken­der Aus­le­gung ver­ein­bar.

(1) Hin­sicht­lich der Zahl von vier Ta­gen lässt sich ge­gen die Re­ge­lung im Blick auf die Ge­samt­zahl von re­gel­haft 52 Sonn­ta­gen im Jahr und von ins­ge­samt neun je nicht zwin­gend auf ei­nen Sonn­tag fal­len­den wei­te­ren Fei­er­ta­gen nichts er­in­nern, zu­mal be­stimm­te Fei­er­ta­ge von die­ser Öff­nungsmöglich­keit aus­ge­nom­men sind (§ 6 Abs. 1 Satz 2 Berl­LadÖffG). Da die Frei­ga­be durch All­ge­mein­verfügung er­folgt, be­darf es ei­ner Ver­wal­tungs­ent­schei­dung, die die Möglich­keit eröff­net, die je­weils be­trof­fe­nen In­ter­es­sen und Rechtsgüter kon­kret in ei­ne Abwägung ein­zu­be­zie­hen.

(2) Be­den­ken be­geg­net in­des­sen die wei­te, all­ge­mein ge­hal­te­ne Vor­aus­set­zung für die Aus­nah­me­re­ge­lung: Er­for­der­lich ist le­dig­lich, dass die aus­nahms­wei­se Öff­nung „im öffent­li­chen In­ter­es­se“ liegt. Da­bei han­delt es sich um ei­nen ausfüllungs­bedürf­ti­gen un­be­stimm­ten Rechts­be­griff, der es bei ei­nem al­lein am Wort­laut ori­en­tier­ten Verständ­nis ermöglicht, je­des noch so ge­rin­ge öffent­li­che In­ter­es­se genügen zu las­sen. Hier ist ei­ne der Wer­tung des Art. 139 WRV genügen­de Aus­le­gung ge­bo­ten. Da­nach ist ein öffent­li­ches In­ter­es­se sol­chen Ge­wichts zu ver­lan­gen, das die Aus­nah­men von der Ar­beits­ru­he recht­fer­tigt. Da­zu genügen das al­lei­ni­ge Um­satz- und Er­werbs­in­ter­es­se auf Sei­ten der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und das alltägli­che „Shop­ping-In­ter­es­se“ auf der Kun­den­sei­te nicht.

Der Be­griff des „öffent­li­chen In­ter­es­ses“ soll der Ge­set­zes­be­gründung zu­fol­ge für „be­son­de­re Er­eig­nis­se im In­ter­es­se der Ber­li­ner und Tou­ris­ten“ zusätz­li­che

- 51 -

Öff­nungs­zei­ten zu­las­sen. Da­bei soll es um „große Ver­an­stal­tun­gen“ ge­hen, die we­gen ih­rer Be­deu­tung für die gan­ze Stadt ei­ne Geschäftsöff­nung er­for­der­lich ma­chen. Da­mit sind Ver­an­stal­tun­gen und Er­eig­nis­se ge­meint, die auch „über die Stadt hin­aus Be­deu­tung ha­ben und zahl­rei­che Tou­ris­ten nach Ber­lin ho­len“ (Ab­ge­ord­ne­ten­haus Drucks 16/0015, S. 13). Auf die­se Wei­se wird dem Um­stand Rech­nung ge­tra­gen, dass sich in ei­nem Land von der Struk­tur Ber­lins die Ver­sor­gung von Tou­ris­ten und Be­su­chern von großen Mes­sen und an­de­ren Großver­an­stal­tun­gen schwer auf be­stimm­te Be­zir­ke be­gren­zen lässt. Für die von der Be­gründung in Be­zug ge­nom­me­ne Ziel­set­zung und Ka­te­go­rie von Er­eig­nis­sen wer­den nur Ver­an­stal­tun­gen, die ein­zeln oder in ih­rem Zu­sam­men­wir­ken Be­deu­tung für Ber­lin als Gan­zes ha­ben, die Aus­nah­me tra­gen können.

(3) Bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung ist nicht zu be­an­stan­den, dass die Aus­nah­me von der Ar­beits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen in § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG an den be­trof­fe­nen Ta­gen kei­ne aus­drück­li­che uhr­zeit­li­che Ein­gren­zung enthält. Während die an­de­ren Aus­nah­me­re­ge­lun­gen zur La­denöff­nung an den Ad­vents­sonn­ta­gen so­wie aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se ei­ne Be­gren­zung auf den Zeit­raum von 13.00 bis 20.00 Uhr vor­se­hen (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG), fehlt hier ei­ne sol­che. Der Wort­laut lässt al­so den Schluss zu, dass an den in Re­de ste­hen­den vier wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen - wie nach der Ber­li­ner Re­ge­lung für Werk­ta­ge - ei­ne 24-St­un­den-Öff­nung statt­haft sei. Ge­ra­de weil bei den an­de­ren Aus­nah­me­re­ge­lun­gen - von de­nen für be­son­de­re Ver­kaufs­stel­len und be­stimm­te Wa­ren ab­ge­se­hen - aus­drück­lich uhr­zeit­li­che Be­gren­zun­gen ge­nannt sind, hier in­des­sen nicht, liegt die­se Aus­le­gung nicht fern. Von ihr ge­hen auch das Ab­ge­ord­ne­ten­haus und der Se­nat von Ber­lin in ih­rer Stel­lung­nah­me aus. Ein sol­ches Verständ­nis lie­fe al­ler­dings dar­auf hin­aus, dass die werktägli­che Geschäftig­keit an die­sen Ta­gen we­gen der prägen­den öffent­li­chen Be­trieb­sam­keits­wir­kung der Ver­kaufs­stel­lenöff­nung in vol­lem Um­fang auf die Sonn- und Fei­er­ta­ge über­tra­gen würde. Die­se Ta­ge würden sich in­so­weit - je­den-falls nach der maßgeb­li­chen Rechts­la­ge - nicht mehr deut­lich vom Werk­tag un­ter­schei­den. Der Aus­nah­me­cha­rak­ter der Re­ge­lung käme in der prak­ti­schen An­wen­dung und in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung nicht mehr hin­rei­chend zum Aus­druck.


Auch in­so­weit ist al­ler­dings die Möglich­keit ei­ner ein­engen­den, grund­rechts-und sonn­tags­schutz­ge­lei­te­ten Aus­le­gung der Aus­nah­me­be­stim­mung eröff­net. Die­se ori­en­tiert sich an dem Sys­tem der übri­gen Aus­nah­men, das der Lan­des­ge­setz­ge­ber in § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 6 Abs. 2 Berl­LadÖffG er­rich­tet hat und das uhr­zeit­li­che Be­gren­zun­gen vor­sieht. Will der Lan­des­ge­setz­ge­ber den­noch ei­ne flächen­de­cken­de, all­ge­mei­ne 24-St­un­den-Öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen er-

- 52 -

mögli­chen, könn­te er dem ver­fas­sungs­recht­lich zu gewähr­leis­ten­den Schutz nur da­durch Rech­nung tra­gen, dass er dafür ei­ne be­son­ders ho­he Vor­aus­set­zung vorsähe, et­wa ein her­aus­ra­gend ge­wich­ti­ges öffent­li­ches In­ter­es­se. Da dies nicht ge­sche­hen ist, ist es für die vor­lie­gen­de Fas­sung die scho­nen­de­re Möglich­keit, an­statt der Ver­wer­fung auch die­ses Aus­nah­me­tat­be­stan­des ei­ne dem Aus­nah­me­re­gime in we­sent­li­chen Tei­len ei­ge­ne uhr­zeit­li­che Be­gren­zung von 13.00 bis 20.00 Uhr zu ver­lan­gen, die Vor­schrift in die­ser In­ter­pre­ta­ti­on je­doch un­be­an­stan­det zu las­sen. An­halts­punk­te dafür, dass die­ser ein­schränken­den Aus­le­gung ein ge­genläufi­ger Wil­le des Lan­des­ge­setz­ge­bers ent­ge­genstünde, be­ste­hen nicht. Ein sol­ches ein­engen­des Verständ­nis des Aus­nah­me­tat­be­stan­des ent­spricht im Übri­gen der bis­he­ri­gen An­wen­dungs­pra­xis im Land Ber­lin, die auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung un­wi­der­spro­chen bestätigt wor­den ist.

5. Die wei­te­ren an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen, die das Schutz­kon­zept des Lan­des­ge­setz­ge­bers mit Aus­nah­men ver­se­hen, be­geg­nen kei­nen ver­fas­sungs-recht­li­chen Be­den­ken. Das gilt auch für das Zu­sam­men­wir­ken der nach Maßga­be die­ser Gründe nicht zu be­an­stan­den­den Re­ge­lun­gen.

a) Die Re­ge­lung, dass Ver­kaufs­stel­len aus An­lass be­son­de­rer Er­eig­nis­se, ins­be­son­de­re von Fir­men­ju­biläen und Straßen­fes­ten, an jähr­lich höchs­tens zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen von 13.00 bis 20.00 Uhr öff­nen dürfen (§ 6 Abs. 2 Satz 1 Berl­LadÖffG), ist ver­fas­sungs­recht­lich we­der für sich ge­se­hen noch im schutz­kon­zep­tio­nel­len Kon­text zu be­an­stan­den.

Die Ver­kaufs­stel­le hat dem zuständi­gen Be­zirks­amt die Öff­nung sechs Ta­ge vor­her an­zu­zei­gen (§ 6 Abs. 2 Satz 2 Berl­LadÖffG). Der Schutz be­son­de­rer Fei­er-ta­ge nach § 6 Abs. 1 Satz 2 Berl­LadÖffG gilt hier ent­spre­chend (vgl. § 6 Abs. 2 Satz 3 Berl­LadÖffG). Die­se La­denöff­nungsmöglich­keit ist we­gen ih­rer en­gen ört­li­chen Be­gren­zung oh­ne­hin von ge­rin­ger prägen­der Wir­kung für den öffent­li­chen Cha­rak­ter des Ta­ges. Es kann hin­ge­nom­men wer­den, dass die im Ge­setz ge­for­der­ten Vor­aus­set­zun­gen le­dig­lich von ein­ge­schränk­tem Ge­wicht sind, weil sie je­weils auf kon­kre­te Ver­kaufs­stel­len und ein Ju­biläum oder auf Fes­te im Straßen­zugs­be­reich ab­he­ben. Auch be­steht we­gen des sechstägi­gen Vor­laufs der An­zei­ge ei­ne aus­rei­chen­de Möglich­keit zur Kon­trol­le und ge­ge­be­nen­falls zum Ein­schrei­ten der Ver­wal­tung. Dass da­mit ge­ra­de in ei­nem über­wie­gend städtisch struk­tu­rier­ten Land ein so ge­nann­ter Fli­cken­tep­pich ent­ste­hen kann, auf dem aufs Jahr ge­se­hen ir­gend­wel­che Ver­kaufs­stel­len mit un­ein­ge­schränk­tem Wa­ren­an­ge­bot im­mer geöff­net ha­ben, er­scheint bei die­ser Lösung un­ver­meid­lich, aber hin-

- 53 -

nehm­bar. Da­her lässt sich nicht sa­gen, die­se Aus­nah­me un­ter­schrei­te ein als hin­rei­chend zu er­ach­ten­des Min­dest­schutz­ni­veau.

b) Die Be­schwer­deführer be­an­stan­den über­dies ei­ni­ge wei­te­re Ein­zel­hei­ten des Ge­set­zes, de­nen je­doch un­ter dem Ge­sichts­punkt der Wirk­sam­keit des ge­setz­ge­be­ri­schen Schutz­kon­zepts kaum oder al­len­falls äußerst ge­rin­ge Be­deu­tung bei­zu­mes­sen ist und ge­gen die von Ver­fas­sungs we­gen nichts zu er­in­nern ist.

aa) Un­ter dem Ge­sichts­punkt der Wah­rung der Re­li­gi­ons­frei­heit ist nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den, dass Ver­kaufs­stel­len mit über­wie­gen­dem Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­an­ge­bot am 24. De­zem­ber von 7.00 bis 14.00 Uhr öff­nen dürfen, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt (§ 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG), und dass in mo­bi­len Ver­kaufs­stel­len leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger auch an Sonn- und Fei­er­ta­gen, an Ad­vents­sonn­ta­gen von 7.00 bis 20.00 Uhr und am 24. De­zem­ber, wenn die­ser Tag auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt, von 7.00 bis 14.00 Uhr an­ge­bo­ten wer­den darf (§ 4 Abs. 2 Nr. 1 Berl­LadÖffG). Die­se Aus­nah­me­re­ge­lun­gen las­sen aus sich her­aus oh­ne wei­te­res Gründe er­ken­nen, die im Blick auf die Min­dest­schutz­gewähr­leis­tung tragfähig sind. Sie sind im Kon­text der La­denöff­nungs­re­ge­lun­gen von le­dig­lich randständi­ger Be­deu­tung. Der Ge­setz­ge­ber hält sich da­mit im Rah­men des ihm zu­kom­men­den wei­ten Ge­stal­tungs­spiel­rau­mes. Zwar ist es zu­tref­fend, wie die Be­schwer­deführer gel­tend ma­chen, dass es un­ter den be­vor­ra­tungs­prak­ti­schen Be­din­gun­gen der heu­ti­gen Zeit oh­ne Schwie­rig­kei­ten möglich ist, die benötig­ten Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel für die Weih­nachts­fei­er­ta­ge auch am 23. De­zem­ber zu er­wer­ben, wenn der 24. De­zem­ber auf ei­nen Sonn­tag fällt. Eben­so lässt sich ver­tre­ten, dass hei­mi­sches leicht ver­derb­li­ches Obst und Gemüse vom Er­zeu­ger an­ge­sichts der heu­ti­gen Möglich­kei­ten zur Kühlung und La­ge­rung nicht pri­vi­le­gie­rungs­bedürf­tig sei. Die Ar­gu­men­ta­ti­on der Be­schwer­deführer geht aber dar­an vor­bei, dass dem Ge­setz­ge­ber im Rah­men der Aus­ge­stal­tung sei­nes Schutz­kon­zepts ein wei­ter Spiel­raum zu­kommt, na­ment­lich bei der Sta­tu­ie­rung von spe­zi­fi­schen Aus­nah­men. Ge­mes­sen dar­an lässt sich nicht fest­stel­len, dass die in Re­de ste­hen­den Re­ge­lun­gen, die be­stimm­te Wa­ren­grup­pen be­tref­fen, das Schutz­ni­veau des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes gra­vie­rend be­ein­träch­ti­gen würden.

bb) So­weit der Be­schwer­deführer zu 2) die Fas­sung des § 4 Abs. 1 Nr. 4 Berl­LadÖffG für miss­verständ­lich hält, ist klar­zu­stel­len, dass die­se Vor­schrift ei­ne Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len, die Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel ver­kau­fen, un­zwei­fel­haft nicht an je­dem Sonn- und Fei­er­tag er­laubt. Die da­hin­ge­hen­den Be­den­ken sind in An­se­hung des Wort­lauts und des Zu­sam­men­hangs der in Ab­satz 1 en­t­hal-


- 54 -

te­nen Re­ge­lun­gen nicht nach­voll­zieh­bar. Die Be­stim­mung be­inhal­tet ei­ne Aus­nah­me, die er­kenn­bar nur dann greift, wenn der 24. De­zem­ber (Hei­lig­abend) auf ei­nen Ad­vents­sonn­tag fällt.

cc) Sch­ließlich ist nicht er­sicht­lich, dass der im Ge­setz vor­ge­se­he­ne Schutz nicht wirk­sam durch­ge­setzt wer­den könn­te. Verstöße ge­gen die La­den­schluss­zei­ten und die Aus­nah­me­be­stim­mun­gen stel­len Ord­nungs­wid­rig­kei­ten dar und können in den hier er­heb­li­chen Fall­ge­stal­tun­gen nach Maßga­be von § 9 Abs. 2 Berl­LadÖffG mit ei­ner Geld­buße bis zu 2.500 Eu­ro ge­ahn­det wer­den. Dies al­lein mag ins­be­son­de­re für große Han­dels­ket­ten und Kaufhäuser wirt­schaft­lich kei­ne ab­schre­cken­de Wir­kung ent­fal­ten. Es ist je­doch in Rech­nung zu stel­len, dass Verstöße ge­gen die La­denöff­nungs­vor­schrif­ten ord­nungs­recht­lich un­ter­bun­den wer­den und un­ter Umständen auch wei­te­re Kon­se­quen­zen ha­ben können. Mit­hin lässt sich nicht fest­stel­len, dass das Schutz­kon­zept in­so­weit völlig un­zuläng­lich oder un­ge­eig­net wäre, zu­mal auch die Höhe des an­ge­droh­ten Bußgel­des nach der La­den­schluss­ge­setz­ge­bung des Bun­des nicht höher lag (§ 24 Abs. 2 La­dSchlG a.F.).

c) Die ge­setz­lich an­ge­leg­ten La­denöff­nungsmöglich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen führen auch in ih­rem Zu­sam­men­wir­ken ein­ge­denk der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Öff­nungsmöglich­keit an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen nicht zu ei­nem Ver­s­toß ge­gen die staat­li­che Schutz­pflicht für die Re­li­gi­ons­frei­heit der Be­schwer­deführer, der das ge­sam­te Schutz­kon­zept mit all sei­nen an­ge­grif­fe­nen Aus­nah­me­tat­beständen für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz er­grei­fen würde und als ver­fas­sungs­wid­rig er­schei­nen ließe.

Im Übri­gen hat der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber er­kenn­bar ge­se­hen, dass er bei dem von ihm ver­folg­ten Kon­zept ei­ner flächen­de­cken­den Frei­ga­be der La­denöff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen un­ter ge­rin­gen Vor­aus­set­zun­gen und oh­ne wa­ren­grup­pen­spe­zi­fi­sche Be­schränkun­gen nur ei­ne nied­ri­ge jähr­li­che Höchst­zahl der­art frei­ga­befähi­ger Sonn- und Fei­er­ta­ge an­set­zen durf­te, um dem Re­gel-Aus­nah­me-Ge­bot und der ver­fas­sungs­recht­lich ge­for­der­ten Si­che­rung ei­nes Min­dest­ni­veaus des Sonn- und Fei­er­tags­schut­zes zu genügen. Die­se Höchst­zahl hat er auf der Grund­la­ge der von ihm gewähl­ten Schutz­kon­zep­ti­on, al­so ins­be­son­de­re oh­ne all­ge­mei­ne ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Aus­nah­me­be­stim­mung - et­wa § 23 Abs. 1 La­dSchlG ent­spre­chend -, in nicht zu be­an­stan­den­der Wei­se mit acht Sonn- oder Fei­er­ta­gen an­ge­setzt (sie­he § 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2, § 6 Abs. 1 Berl­LadÖffG).

- 55 -

III.

Die Re­ge­lung zur Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Al­ter­na­ti­ve 2 Berl­LadÖffG) ist da­mit für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklären (§ 95 Abs. 3 BVerfGG). Sie bleibt in­des un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­rufs­ausübungs­frei­heit der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber, ih­res in die Re­ge­lung ge­setz­ten Ver­trau­ens und der von ih­nen für die Vor­weih­nachts­zeit des Jah­res 2009 ge­trof­fe­nen Dis­po­si­tio­nen in die­sem Jahr noch an­wend­bar. Ob und wie der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber sei­ne Schutz­kon­zep­ti­on an­passt, ob­liegt sei­ner Ge­stal­tungs­macht nach Maßga­be der Grundsätze die­ser Ent­schei­dung.

Den Be­schwer­deführern sind ih­re not­wen­di­gen Aus­la­gen je zur Hälf­te zu er­stat­ten; dies ist an­ge­mes­sen, weil ih­re Ver­fas­sungs­be­schwer­den ei­nen we­sent­li­chen Teil­er­folg ha­ben, der sich auch bei der Kon­kre­ti­sie­rung des Prüfungs­maßsta­bes nie­der­schlägt (§ 34a Abs. 2 BVerfGG).

- 56 -

Die Ent­schei­dung ist zu B. I. 1. (Be­schwer­de­be­fug­nis) und zu B. II. 2. (Kon­kre­ti­sie­rung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG i.V.m. Art. 139 WRV) mit 5 : 3 Stim­men, hin­sicht­lich der An­for­de­run­gen des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ein­stim­mig er­gan­gen.

Pa­pier 

Hoh­mann-Denn­hardt 

Bry­de

Gai­er 

Eich­ber­ger 

Schlu­cke­bier

Kirch­hof 

Ma­sing

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 1 BvR 2857/07  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880