Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Massenentlassung, Betriebsrat: Beteiligung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Akten­zeichen: 26 Sa 263/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 03.06.2010
   
Leit­sätze:

1. Die Kläge­rin hat sich erst in der Be­ru­fungs­in­stanz auf ei­ne feh­ler­haf­te Be­triebs­rats­anhörung und ei­ne nicht ord­nungs­gemäße Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge be­ru­fen. Nach § 6 Satz 1 KSchG wäre das nur bis zum Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ar­beits­ge­richt möglich ge­we­sen.

2. Das Ar­beits­ge­richt genügte sei­ner Hin­weis­pflicht nach § 6 Satz 2 KSchG durch fol­gen­de For­mu­lie­rung in der La­dung zur Güte­ver­hand­lung: "Die kla­gen­de Par­tei wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nur bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der ers­ten In­stanz auch wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe gel­tend ge­macht wer­den können (§ 6 KSchG)." Auf die Rechts­fol­gen ei­ner Ver­let­zung der Hin­weis­pflicht kam es da­her nicht an.

3. Außer­dem war die Kündi­gung auch nicht we­gen feh­ler­haf­ter Be­triebs­rats­be­tei­li­gung un­wirk­sam. Der Ar­beit­ge­ber konn­te das Anhörungs­ver­fah­ren nach § 102 Be­trVG mit den In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen ver­bin­den (vgl. BAG 28. Au­gust 2003 - 2 AZR 377/02 - AP Nr. 134 zu § 102 Be­trVG 1972 = EzA § 102 Be­trVG 2001 Nr. 4, zu B II 1 der Gründe; 20. Sep­tem­ber 2006 - 6 AZR 219/06 - AP Nr. 24 zu § 17 KSchG 1969, zu II 1 a der Gründe).

4. Auch § 17 Abs. 2 KSchG war ge­wahrt. Ob ein Ver­s­toß des Ar­beit­ge­bers ge­gen § 17 Abs. 2 KSchG zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung führt (zwei­felnd: BAG 24. Ok­to­ber 1996 - 2 AZR 895/95 - AP Nr. 8 zu § 17 KSchG 1969 = NZA 1997, 373 = EzA KSchG § 17 Nr. 6, zu B II 2 b der Gründe; of­fen­ge­las­sen durch BAG 28. Mai 2009 - 8 AZR 273/08 - AP Nr. 370 zu § 613a BGB = NZA 2009, 1267 = EzA § 17 KSchG Nr 20, zu B II 3 der Gründe) konn­te da­hin­ste­hen. Der Be­triebs­rat hat den Er­halt der Un­ter­la­gen nach § 17 KSchG in dem durch ihn un­ter­zeich­ne­ten In­ter­es­sen­aus­gleich aus­drück­lich bestätigt.

5. Den An­for­de­run­gen des § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG ist auch genügt, wenn der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ein al­lein durch den Be­triebs­rat im Ori­gi­nal un­ter­zeich­ne­ter In­ter­es­sen­aus­gleich bei­gefügt war aus dem sich der Stand­punkt des Be­triebs­rats mit aus­rei­chen­der Deut­lich­keit ab­lei­ten lässt, ins­be­son­de­re wenn sich aus die­sem - wie hier - auch des­sen not­wen­di­ger Kennt­nis­stand er­gibt. Dann ist es unschädlich, wenn der In­sol­venz­ver­wal­ter le­dig­lich ei­ne Ko­pie des durch den Be­triebs­rat un­ter­schrie­be­nen In­ter­es­sen­aus­gleichs ge­gen­ge­zeich­net und der Ar­beits­agen­tur zu­ge­lei­tet hat.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Brandenburg an der Havel, Urteil vom 3.12.2009, 2 Ca 834/09
Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 6 AZR 407/10
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg

 

Verkündet

am 3.6.2010

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)

26 Sa 263/10

2 Ca 834/09
Ar­beits­ge­richt Bran­den­burg an der Ha­vel

M., VA
als Ur­kunds­be­am­ter/in
der Geschäfts­stel­le


Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

In Sa­chen

pp

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 26. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 5. Mai 2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt K. als Vor­sit­zen­den
so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin W. und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter G.

für Recht er­kannt:

1. Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bran­den­burg an der Ha­vel vom 03.12.2009 – 2 Ca 834/09 - wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen
2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

- 4 -

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung.

Die Kläge­rin war bei der Be­klag­ten un­ter An­er­ken­nung ei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit seit 1991 als tech­ni­sche Mit­ar­bei­te­rin (Kon­struk­teu­rin) tätig.

Am 1. Ju­ni 2009 wur­de über das Vermögen der K. Haus GmbH, der da­ma­li­gen Ar­beit­ge­be­rin der Kläge­rin, wie auch über al­le übri­gen Un­ter­neh­men der K.-Grup­pe das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und der Be­klag­te zum In­sol­venz­ver­wal­ter be­stellt.

Am 10. Ju­ni 2009 sag­te der letz­te In­ter­es­sent ei­ner Ge­samtlösung, die ei­ne Über­nah­me fast sämt­li­cher Un­ter­neh­men der Be­trie­be K.-Grup­pe ermöglicht hätte, dem Be­klag­ten ab. Die­ser stell­te dar­auf­hin noch am 10. Ju­ni 2009 die Pro­duk­ti­on am Stand­ort Zie­sar ein und die Be­leg­schaft - mit we­ni­gen Aus­nah­men – mit Wir­kung vom 11. Ju­ni 2009 frei.

Am 24. Ju­ni 2009 ei­nig­te der Be­klag­te sich mit dem Be­triebs­rat auf ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te. Wer­ben­de oder pro­du­zie­ren­de Tätig­keit hat es in dem Be­trieb in Zie­sar seit­her nicht mehr ge­ge­ben.

Un­ter § 4 (Anhörung nach § 102 Be­trVG) des In­ter­es­sen­aus­gleichs heißt es:

"Der Be­triebs­rat erklärt mit Un­ter­zeich­nung die­ses In­ter­es­sen­aus­glei­ches, dass er be­reits im Rah­men der Ver­hand­lun­gen über die­sen In­ter­es­sen­aus­gleich ord­nungs­gemäß die nach § 102 Be­trVG er­for­der­li­chen In­for­ma­tio­nen über die zu berück­sich­ti­gen­den Kündi­gungs­gründe und zur So­zi­al­aus­wahl in ei­ner Lis­te sämt­li­cher Ar­beit­neh­mer und Aus­zu­bil­den­der mit ih­ren re­le­van­ten So­zi­al­da­ten (Na­me, Funk­ti­on, Ab­tei­lung, Ge­burts­da­tum, Ein­tritts­da­tum, Fa­mi­li­en­stand, Un­ter­halts­pflich­ten laut Lohn­steu­er­kar­te oder so­weit an­de­res be­kannt, in­di­vi­du­el­le Kündi­gungs­frist, even­tu­ell Schwer­be­hin­de­rung, etc.) er­hal­ten hat und so be­reits ord­nungs­gemäß an­gehört wur­de.

Der Be­triebs­rat hat auch ei­ne Lis­te der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer und Aus­zu­bil­den­den er­hal­ten. Der Be­triebs­rat erklärt, dass er die be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen zur Kennt­nis nimmt und kei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me ab­ge­ben wird und das Anhörungs­ver­fah­ren als ab­ge­schlos­sen sieht."

Un­ter § 8 (Un­ter­rich­tung nach § 17 KSchG) des In­ter­es­sen­aus­gleichs heißt es:

„Der Be­triebs­rat erklärt hier­mit, recht­zei­tig und um­fas­send gemäß § 17 KSchG über die An­zei­ge­pflich­ti­gen Maßnah­men un­ter­rich­tet wor­den zu sein. Der vor­lie­gen­de In­ter­es­sen­aus­gleich er­setzt die Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats gemäß § 17 Abs. 3 KSchG (§ 125 In­sO) so­wie § 20 Abs. 1 und 2 KSchG.“

Mit Schrei­ben vom 25. Ju­ni 2009 hörte der Be­klag­te den Be­triebs­rat „vor­sorg­lich noch­mals“ zu den be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen an. Er nahm in die­sem Schrei­ben Be­zug auf die Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich und die dort er­teil­ten In­for­ma­tio­nen so­wie die be­reits über­ge­be­nen Un­ter­la­gen. Die Kündi­gun­gen soll­ten da­nach un­mit­tel­bar nach Ab­schluss des Anhörungs­ver­fah­rens aus­ge­spro­chen wer­den. Die persönli­chen Da­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ein­sch­ließlich der maßgeb­li­chen Kündi­gungs­fris­ten wur­den noch­mals über­ge­ben.

 

- 5 -

Mit Schrei­ben vom 25. Ju­ni 2009 in­for­mier­te der Be­klag­te die Agen­tur für Ar­beit über die ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung. Die­sem Schrei­ben war ne­ben den in § 17 Abs. 2 Satz 1 KSchG ge­for­der­ten Un­ter­la­gen un­ter an­de­rem der In­ter­es­sen­aus­gleich bei­gefügt. Den bei­ge­zo­ge­nen Ak­ten der Agen­tur für Ar­beit Pots­dam ist auch zu ent­neh­men, dass die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge des Be­klag­ten dort am 25. Ju­ni 2009 um 12:37 Uhr per Te­le­fax ein­ge­gan­gen ist. Der in Ab­lich­tung bei­gefügte In­ter­es­sen­aus­gleich war mit Un­ter­schrif­ten bei­der Be­triebs­part­ner ver­se­hen. Den In­halt der Ver­wal­tungs­ak­ten stell­ten die Par­tei­en in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung aus­drück­lich un­strei­tig, nach­dem die­se dem Kläger­ver­tre­ter in der Ver­hand­lung zur Ein­sicht­nah­me zur Verfügung ge­stellt wor­den wa­ren. Un­ter den Par­tei­en war al­ler­dings zu­letzt auch un­strei­tig, dass der Be­klag­te das Ori­gi­nal des In­ter­es­sen­aus­gleichs we­der zu die­sem Zeit­punkt noch vor der Ver­sen­dung der Kündi­gun­gen un­ter­zeich­net hat­te, son­dern nur ei­ne ihm durch den Be­triebs­rat per E-Mail über­sand­te mit der Un­ter­schrift des stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den ver­se­he­ne Ab­lich­tung.

Am 25. Ju­ni 2009 ge­gen 16:00 Uhr wur­den ei­nem Post­be­diens­te­ten in St­ein­heim die Kündi­gun­gen für sämt­li­che be­trof­fe­nen Be­leg­schafts­mit­glie­der über­ge­ben, so auch die der Kläge­rin zum 30. Sep­tem­ber 2009. Die Kündi­gun­gen wur­den mit der maßgeb­li­chen Kündi­gungs­frist aus­ge­spro­chen.

Kei­ne Kündi­gun­gen er­hiel­ten vier Per­so­nal­buch­hal­te­rin­nen, ein Haus­meis­ter und ein Mit­ar­bei­ter, der noch Auf­maße neh­men soll­te, da­mit an­ge­fan­ge­ne Pro­jek­te ab­ge­rech­net wer­den konn­ten.

Die Kläge­rin ist mit der La­dung zur Güte­ver­hand­lung wie folgt be­lehrt wor­den:

„Die kla­gen­de Par­tei wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nur bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der ers­ten In­stanz auch wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe gel­tend ge­macht wer­den können (§ 6 KSchG).“

Die Kläge­rin hat die An­sicht ver­tre­ten, die Kündi­gung sei nicht ge­recht­fer­tigt. Es sei da­von aus­zu­ge­hen, dass die wirt­schaft­li­che Betäti­gung nicht vollständig ha­be ein­ge­stellt wer­den sol­len. Der Be­klag­te ha­be in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung vom 10. Ju­ni 2009 selbst mit­ge­teilt, dass nun­mehr Ein­zellösun­gen her­bei­geführt wer­den soll­ten. Außer­dem sei nicht er­kenn­bar, dass der In­ter­es­sen­aus­gleich vor dem Aus­spruch der Kündi­gung un­ter­zeich­net wor­den sei. Im Übri­gen ha­be der Be­klag­te noch vor Ab­lauf der Kündi­gungs­frist in der Gläubi­ger­ver­samm­lung be­kannt ge­ge­ben, dass es vier In­ter­es­sen­ten ge­be. Un­ter den Ge­sichts­punk­ten feh­ler­haf­ter Be­triebs­rats­anhörung und nicht ord­nungs­gemäßer Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ist die Wirk­sam­keit der Kündi­gung erst­in­stanz­lich durch die Kläge­rin nicht be­an­stan­det wor­den.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die Kündi­gung vom 25. Ju­ni 2009 nicht auf­gelöst wur­de.

 

- 6 -

Der Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Er ha­be be­reits am 10. Ju­ni 2009 die Ab­sicht ge­habt, den Be­trieb so­fort und nicht nur vorüber­ge­hend still­zu­le­gen. Das Bemühen, ei­nen In­ves­tor zu fin­den, ha­be al­ler­dings fort­be­stan­den. Vier Ar­beit­neh­me­rin­nen sei­en zur Ab­wick­lung ins­be­son­de­re der Per­so­nal­sach­be­ar­bei­tung wei­ter benötigt wor­den, ein Ar­beit­neh­mer, um die vor­han­de­nen Ma­schi­nen und tech­ni­schen An­la­gen in ei­nem gu­ten Zu­stand zu hal­ten, um Bo­ten­diens­te durch­zuführen und ty­pi­sche Haus­meis­tertätig­kei­ten. Ein sechs­ter Ar­beit­neh­mer ha­be die an­ge­ar­bei­te­ten Außenstände (Fer­tighäuser) bei den Kun­den auf­neh­men sol­len, um so noch Teil­a­b­rech­nun­gen die­ser Ge­wer­ke gewähr­leis­ten zu können. Ei­ne So­zi­al­aus­wahl sei nicht durch­zuführen ge­we­sen, da sämt­li­che Ar­beit­neh­mer die be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen auf Grund­la­ge des In­ter­es­sen­aus­gleichs vom 24. Ju­ni 2009 er­hal­ten hätten.

Be­reits am 24. Ju­ni 2009 sei bei ihm in St­ein­heim der durch den stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den K. un­ter­zeich­ne­te In­ter­es­sen­aus­gleich per E-Mail ein­ge­gan­gen. Er ha­be die­sen un­mit­tel­bar nach Ein­gang der E-Mail ge­gen­ge­zeich­net. Der Be­triebs­rat ha­be am 25. Ju­ni 2009 vor Überg­a­be der Kündi­gung an den Post­be­diens­te­ten noch ein­mal aus­drück­lich erklärt, kei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me ab­ge­ben zu wol­len. Die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge sei am 25. Ju­ni 2009 ge­genüber der Agen­tur für Ar­beit um 12:37 Uhr per Fax er­folgt. Bei­gefügt sei der am 24. Ju­ni 2009 un­ter­zeich­ne­te In­ter­es­sen­aus­gleich ge­we­sen. In der Be­ru­fungs­ver­hand­lung war in­so­weit un­strei­tig, dass das Schrei­ben an die Agen­tur für Ar­beit, ver­se­hen mit dem In­ter­es­sen­aus­gleich, zum an­ge­ge­be­nen Zeit­punkt dort ein­ge­gan­gen ist, nach­dem dem Kläger­ver­tre­ter Ein­sicht in die bei­ge­zo­ge­nen Ak­ten der Bun­des­agen­tur gewährt wor­den war.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen und das im We­sent­li­chen mit der Still­le­gungs­ent­schei­dung des Be­klag­ten und de­ren Um­set­zung be­gründet. Die wirt­schaft­li­che Ak­ti­vität wer­de durch den Be­klag­ten nicht fort­ge­setzt. Er ver­wer­te nur noch das Vermögen.

Die Kläge­rin hat ge­gen das ihr am 6. Ja­nu­ar 2010 zu­ge­stell­te Ur­teil vom 3. De­zem­ber 2009 am 5. Fe­bru­ar 2010 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit ei­nem am 4. März 2010 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet. Sie be­strei­tet auch in der Be­ru­fungs­in­stanz ei­ne vollständi­ge Still­le­gungs­ab­sicht. Außer­dem be­strei­tet sie, dass über den 30. Sep­tem­ber 2009 hin­aus kei­ne Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit be­stan­den ha­be. Auch sei ei­ne So­zi­al­aus­wahl nicht ent­behr­lich ge­we­sen. Die vier durch die Be­klag­te be­nann­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen würden noch während des Be­ru­fungs­ver­fah­rens wei­ter beschäftigt, so auch der Haus­meis­ter. Der In­ter­es­sen­aus­gleich könne an­ge­sichts der nicht ge­wahr­ten Schrift­form we­der die Wir­kun­gen des § 125 In­sO ent­fal­ten noch den An­for­de­run­gen des § 17 KSchG genügen. Auch sei der Be­triebs­rat nicht ord­nungs­gemäß nach § 102 Be­trVG be­tei­ligt wor­den. So sei die Kläge­rin in dem Schrei­ben an den Be­triebs­rat

 

- 7 -

vom 25. Ju­ni 2009 nicht ge­nannt. Ei­ne Sam­me­l­anhörung sei aber nicht aus­rei­chend. Der Be­triebs­rat hätte zu je­der ein­zel­nen Kündi­gung ge­son­dert be­tei­ligt wer­den müssen. Auf die Re­ge­lung un­ter § 4 des In­ter­es­sen­aus­gleichs könne sich der Be­klag­te we­gen der feh­len­den Schrift­form nicht be­ru­fen. Die Re­ge­lung sei auch nicht ge­eig­net, die Anhörung zu er­set­zen. Die Be­triebs­par­tei­en könn­ten nicht wirk­sam ver­ein­ba­ren, das Anhörungs­ver­fah­ren ha­be sich mit der Durchführung des In­ter­es­sen­aus­gleichs er­le­digt. Im Übri­gen sei auch kei­ne aus­drück­li­che Erklärung des Be­triebs­rats er­kenn­bar, ei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me nicht ab­ge­ben zu wol­len. Der Be­klag­te ha­be in­so­weit in ver­schie­de­nen Ver­fah­ren un­ter­schied­li­che Stel­lung­nah­men vor­ge­legt. Sie be­strei­te, dass die hand­schrift­li­che An­mer­kung des Herrn St. auf der Stel­lung­nah­me vom 25. Ju­ni 2009 durch den stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den an die­sem Tag ver­an­lasst wor­den und die­ser Ver­merk dem Be­klag­ten vor Ab­sen­dung der Kündi­gun­gen zu­ge­gan­gen sei. Da­mit sei die Anhörungs­frist nicht ge­wahrt.

Außer­dem feh­le es an ei­ner ord­nungs­gemäßen Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge. Zunächst sei in dem Schrei­ben an die Agen­tur für Ar­beit vom 25. Ju­ni 2009 auf ei­nen fal­schen In­ter­es­sen­aus­gleich, nämlich den vom 2. Ju­ni 2009, Be­zug ge­nom­men wor­den. Auch feh­le es an der bei­gefügten Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats. Der Be­klag­te ha­be auch nicht dar­ge­legt, dass er den Be­triebs­rat min­des­tens zwei Wo­chen vor Er­stat­tung der An­zei­ge un­ter­rich­tet und der Agen­tur für Ar­beit den Stand der Be­ra­tung mit­ge­teilt ha­be. Nur ein den for­ma­len An­for­de­run­gen des Ge­set­zes genügen­der In­ter­es­sen­aus­gleich könne aber die Vor­aus­set­zun­gen des § 17 KSchG erfüllen. Auch den An­for­de­run­gen des § 17 Abs. 2 Satz 2 KSchG sei die Be­klag­te nicht nach­ge­kom­men.

Ih­re Be­haup­tung, der In­ter­es­sen­aus­gleich sei so­wohl durch den stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den als auch durch den Be­klag­ten erst nach der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge un­ter­zeich­net wor­den, hielt die Kläge­rin nach Vor­la­ge der Ak­ten der Agen­tur für Ar­beit in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung nicht auf­recht.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bran­den­burg an der Ha­vel vom 3. De­zem­ber 2009 2 Ca 834/09 ab­zuändern und fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 25. Ju­ni 2009 nicht auf­gelöst wor­den ist.
Der Be­klag­te be­an­tragt, die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. Er ist der An­sicht, auf den for­mal wirk­sa­men Ab­schluss des In­ter­es­sen­aus­gleichs kom­me es für § 125 In­sO nicht an. Die vier Per­so­nal­buch­hal­te­rin­nen und der Haus­meis­ter sei­en le­dig­lich noch da­mit beschäftigt, in­sol­venz­spe­zi­fi­sche Tätig­kei­ten aus­zuführen. Für ei­ne Kon­struk­teu­rin ha­be es seit der Be­triebs­ein­stel­lung im Ju­ni 2009 kei­ne Ar­beits­auf­ga­ben mehr ge­ge­ben, was die Kläge­rin nicht be­strei­tet. Der Be­triebs­rat sei be­reits vor dem 24. Ju­ni 2009 aus­rei­chend über die so­for­ti­ge Still­le­gung des Be­trie­bes so­wie die be­ab­sich­tig­te Kündi­gung der Be­leg­schaft

 

- 8 -

in­for­miert ge­we­sen. Außer­dem hätten ihm sämt­li­che maßgeb­li­chen Per­so­nen­da­ten vor­ge­le­gen. Er ha­be dem­nach be­reits mit der Un­ter­zeich­nung des In­ter­es­sen­aus­glei­ches zu den be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen ab­sch­ließend Stel­lung ge­nom­men. Am 25. Ju­ni 2009 hätten auch die Mit­glie­der des Be­triebs­rats St. und W. be­reits vor 12:37 Uhr den Er­halt des Anhörungs­schrei­bens vom 25. Ju­ni 2009 nebst vier­sei­ti­ger An­la­ge bestätigt. Erst da­nach sei auf­ge­fal­len, dass noch die aus­drück­li­che Erklärung des Be­triebs­rats feh­le, wo­nach kei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me ab­ge­ge­ben wer­den sol­le. Die ent­spre­chen­de Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats­mit­glieds St. sei auf Ver­an­las­sung des stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den an­ge­bracht wor­den und noch vor 15:45 Uhr in sei­nem Büro per E-Mail ein­ge­gan­gen. Bei dem Hin­weis auf den In­ter­es­sen­aus­gleich vom 2. Ju­ni 2009 in dem Anhörungs­schrei­ben an die Agen­tur für Ar­beit han­de­le es sich um ein Büro­ver­se­hen. Bei­gefügt ge­we­sen sei dem Schrei­ben an die Agen­tur für Ar­beit vom 25. Ju­ni 2009 nicht ein In­ter­es­sen­aus­gleich vom 2. Ju­ni, son­dern der vom 24. Ju­ni 2009, was in­so­weit nicht strei­tig ist.

We­gen der Ein­zel­hei­ten wird Be­zug ge­nom­men auf die Schriftsätze der Par­tei­en vom 2. und 29. März so­wie vom 22. und 28. April 2010 Be­zug ge­nom­men und auf den In­halt des Pro­to­kolls der Be­ru­fungs­ver­hand­lung am 5. Mai 2010. Die Kam­mer hat die Ak­te der Agen­tur für Ar­beit Pots­dam zum Ak­ten­zei­chen 141.1 (Ver­fah­ren nach §§ 17 ff. KSchG) zu Be­weis­zwe­cken bei­ge­zo­gen und zum Ge­gen­stand der Be­ru­fungs­ver­hand­lung ge­macht.

Ent­schei­dungs­gründe:

I. Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist statt­haft so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den.

II. Die Be­ru­fung ist je­doch un­be­gründet, da die Kla­ge un­be­gründet ist.

1) Die Kündi­gung ist so­zi­al ge­recht­fer­tigt (§ 1 Abs. 1, Abs. 2 KSchG). Sie ist durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se, die ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers in dem Be­trieb ent­ge­gen­ste­hen, be­dingt (§ 1 Abs. 2 KSchG) und auch nicht we­gen ei­ner feh­ler­haf­ten so­zia­len Aus­wahl iSv. § 1 Abs. 3 KSchG so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt.

a) Zu den drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen gehört die Still­le­gung des ge­sam­ten Be­triebs durch den Ar­beit­ge­ber. Die bloße Ein­stel­lung der Pro­duk­ti­on be­deu­tet al­ler­dings noch kei­ne Be­triebs­still­le­gung. Un­ter Be­triebs­still­le­gung ist viel­mehr die Auflösung der zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer be­ste­hen­den Be­triebs- und Pro­duk­ti­ons­ge­mein­schaft zu ver­ste­hen, die ih­re Ver­an­las­sung und zu­gleich ih­ren un­mit­tel­ba­ren Aus­druck dar­in fin­det, dass der Un­ter­neh­mer die bis­he­ri­ge wirt­schaft­li­che Betäti­gung in der ernst­li­chen Ab­sicht ein­stellt, die Ver­fol­gung des bis­he­ri­gen Be­triebs­zwecks

 

- 9 -

dau­ernd oder für ei­ne ih­rer Dau­er nach un­be­stimm­te, wirt­schaft­lich nicht un­er­heb­li­che Zeit­span­ne nicht wei­ter zu ver­fol­gen. Der Ar­beit­ge­ber muss endgültig ent­schlos­sen sein, den Be­trieb still­zu­le­gen. Für die so­zia­le Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung fehlt es am endgülti­gen Ent­schluss zur Be­triebs­still­le­gung, wenn der Ar­beit­ge­ber im Zeit­punkt der Kündi­gung noch in Ver­hand­lun­gen über ei­ne Be­triebs­veräußerung steht. Ist bei Zu­gang der Kündi­gung die Be­triebs­still­le­gung endgültig ge­plant und be­reits ein­ge­lei­tet, hat sich je­doch der Ar­beit­ge­ber ei­ne Be­triebs­veräußerung vor­be­hal­ten, die dann später doch noch ge­lingt, bleibt es bei der so­zia­len Recht­fer­ti­gung der Kündi­gung. Zu prüfen ist nur, ob der vor­ge­tra­ge­ne Kündi­gungs­grund ei­ner be­ab­sich­tig­ten Still­le­gung die Kündi­gung so­zi­al recht­fer­tigt. Der Ar­beit­ge­ber ist nicht ge­hal­ten, ei­ne Kündi­gung erst nach Durchführung der Still­le­gung aus­zu­spre­chen. Es kommt auch ei­ne Kündi­gung we­gen be­ab­sich­tig­ter Still­le­gung in Be­tracht. Grundsätz­lich brau­chen be­trieb­li­che Gründe noch nicht tatsächlich ein­ge­tre­ten zu sein; es genügt viel­mehr, wenn sie sich kon­kret und greif­bar ab­zeich­nen. Sie lie­gen dann vor, wenn im Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung auf Grund ei­ner vernünf­ti­gen, be­triebs­wirt­schaft­li­chen Be­trach­tung da­von aus­zu­ge­hen ist, zum Zeit­punkt des Kündi­gungs­ter­mins sei mit ei­ni­ger Si­cher­heit der Ein­tritt ei­nes die Ent­las­sung er­for­der­lich ma­chen­den be­trieb­li­chen Grun­des ge­ge­ben. Be­ruft sich der Ar­beit­neh­mer im Rah­men ei­nes Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses dar­auf, der Be­trieb sei von dem bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber nicht still­ge­legt, son­dern an ei­nen neu­en In­ha­ber über­tra­gen und aus die­sem Grund sei ihm gekündigt wor­den, so hat der Ar­beit­ge­ber die Tat­sa­chen zu be­wei­sen, die die Kündi­gung be­din­gen; es ist sei­ne Auf­ga­be vor­zu­tra­gen und nach­zu­wei­sen, dass die Kündi­gung so­zi­al ge­recht­fer­tigt ist. Fehlt es dar­an, ist der Kündi­gungs­schutz­kla­ge statt­zu­ge­ben, oh­ne dass es der Fest­stel­lung be­darf, dass der tra­gen­de Be­weg­grund für die Kündi­gung ein Be­triebsüber­gang ist. An der Ver­tei­lung die­ser Dar­le­gungs- und Be­weis­last ändert sich durch § 125 In­sO nichts. Die in § 125 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 In­sO ent­hal­te­ne Ver­mu­tung der so­zia­len Recht­fer­ti­gung kommt nur zum Tra­gen, wenn der In­sol­venz­ver­wal­ter ei­ne Be­triebsände­rung und die Exis­tenz des In­ter­es­sen­aus­gleichs mit Na­mens­lis­te dar­legt und ggf. be­weist. § 125 In­sO kann nicht auf Vorgänge er­streckt wer­den, die sich nicht als Be­triebsände­rung dar­stel­len und da­mit außer­halb des An­wen­dungs­be­reichs des § 111 Be­trVG lie­gen. Da­her kommt es auch im Rah­men des § 125 In­sO zunächst dar­auf an, in­wie­weit ei­ne Still­le­gung des Be­triebs und nicht ei­ne Be­triebs­veräußerung ge­plant war. Ein Be­triebsüber­gang gem. § 613a BGB stellt nämlich kei­ne Be­triebsände­rung iSd. § 111 Be­trVG dar (vgl. BAG 26. April 2007 – 8 AZR 695/05 – AP Nr. 4 zu § 125 In­sO = ZIP 2007, 2136, zu B I, II der Gründe).

d) Bei Zu­grun­de­le­gung die­ser Grundsätze ist die Kündi­gung so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Der Be­klag­te ist sei­ner Dar­le­gungs­last nach­ge­kom­men.

aa) Die Dar­le­gungs­last des Be­klag­ten rich­tet sich hier al­ler­dings schon des­halb nicht nach § 125 In­sO, da zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gun­gen ein form­wirk­sa­mer

 

- 10 -

In­ter­es­sen­aus­gleich im Sin­ne der Vor­schrift nicht vor­lag. Das ist un­ter den Par­tei­en un­strei­tig.

bb) Der Be­klag­te be­ab­sich­tig­te zum Zeit­punkt des Aus­spruchs Kündi­gun­gen aber, den Be­trieb still­zu­le­gen. Zu die­sem Zeit­punkt gab es kei­ne In­ter­es­sen­ten mehr für ei­ne Über­nah­me des Be­triebs. Ver­hand­lun­gen mit po­ten­ti­el­len Er­wer­bern wa­ren ge­schei­tert. Ei­ner Still­le­gungs­ab­sicht steht es nach den dar­ge­leg­ten Grundsätzen nicht ent­ge­gen, wenn der In­sol­venz­ver­wal­ter sich auch nach Zu­gang der Kündi­gung wei­ter um In­ter­es­sen­ten für ei­ne Fortführung des Be­trie­bes bemüht. So­lan­ge es ent­spre­chen­de An­ge­bo­te nicht gibt, wi­der­spre­chen sol­che Bemühun­gen der Still­le­gungs­ab­sicht zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung nicht. All­ge­mei­ne Vorüber­le­gun­gen im Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung scha­den nicht. Der Be­klag­te hat durch die Kündi­gung sämt­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se mit den dafür vor­ge­se­he­nen Kündi­gungs­fris­ten ei­ne recht­lich an­er­kann­te Form der Be­triebs­still­le­gung durch Auflösung der Be­triebs­ge­mein­schaft gewählt. Die Pro­duk­ti­on wur­de auf un­ab­seh­ba­re Zeit ein­ge­stellt.

e) Die Kündi­gung verstößt auch nicht ge­gen § 1 Abs. 3 KSchG. Die So­zi­al­aus­wahl ist al­ler­dings man­gels ei­nes form­wirk­sa­men In­ter­es­sen­aus­gleichs nicht nur ein­ge­schränkt über­prüfbar. Die Kläge­rin hat aber nicht dar­ge­legt, dass sie hin­sicht­lich der aus­zuüben­den Tätig­keit mit ei­nem nicht gekündig­ten Be­leg­schafts­mit­glied ver­gleich­bar beschäftigt wor­den ist. Die Dar­le­gungs- und Be­weis­last im Rah­men des § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG liegt gemäß Satz 3 die­ser Vor­schrift letzt­lich beim Ar­beit­neh­mer. Zwar ist auch hier un­ter Berück­sich­ti­gung des Aus­kunfts­an­spruchs des Ar­beit­neh­mers von ei­ner ab­ge­stuf­ten Dar­le­gungs- und Be­weis­last aus­zu­ge­hen. Nach­dem der Be­klag­te vor­ge­tra­gen hat­te, dass für die Kläge­rin als Kon­struk­teu­rin ei­ne Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­keit nicht be­stand und die ver­blie­be­nen Be­leg­schafts­mit­glie­der gänz­lich an­de­re Tätig­kei­ten ausübten, hätte es kon­kre­ten Vor­trags der Kläge­rin zur Ver­gleich­bar­keit hin­sicht­lich der aus­zuüben­den Tätig­keit be­durft. Dar­an fehlt es. An­ge­sichts der durch den Be­klag­ten dar­ge­stell­ten Tätig­kei­ten die­ser Mit­ar­bei­ter gibt es für ei­ne Ver­gleich­bar­keit kei­ne An­halts­punk­te.

2) Die Wirk­sam­keit der Kündi­gung schei­tert auch we­der an ei­ner feh­ler­haf­ten Be­triebs­rats­anhörung noch an ei­ner un­zu­rei­chen­den Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge. Die Kläge­rin kann sich dar­auf schon des­halb nicht be­ru­fen, weil sie die­se Un­wirk­sam­keits­gründe nicht recht­zei­tig nach §§ 4, 6 KSchG gel­tend ge­macht hat. Die Kläge­rin hat erst­mals in der Be­ru­fungs­be­gründung Be­den­ken ge­gen die Wirk­sam­keit un­ter die­sen Ge­sichts­punk­ten vor­ge­tra­gen.

a) Nach § 6 Satz 1 KSchG in der zum 1. Ja­nu­ar 2004 er­folg­ten Neu­fas­sung durch Art. 1 Nr. 4 des Ge­set­zes zu Re­for­men am Ar­beits­markt vom 24. De­zem­ber 2003 (BGBl. I S. 3002) (im Fol­gen­den: § 6 nF. KSchG) kann sich ein Ar­beit­neh­mer, der in­ner­halb der Kla­ge­frist des

 

- 11 -

§ 4 KSchG die Rechts­un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung im Kla­ge­we­ge gel­tend ge­macht hat, in die­sem Ver­fah­ren bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter In­stanz zur Be­gründung der Un­wirk­sam­keit auch auf in­ner­halb der Kla­ge­frist noch nicht gel­tend ge­mach­te Gründe be­ru­fen. Die Re­ge­lung er­fasst ge­ra­de auch den Fall, dass ein Ar­beit­neh­mer form- und frist­ge­recht Kla­ge ge­gen die von ihm als so­zi­al­wid­rig an­ge­se­he­ne Kündi­gung er­ho­ben hat und nach Ab­lauf der Kla­ge­frist wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe nach­schie­ben will, wie zB. die un­ter­blie­be­ne oder mit Mängeln be­haf­te­te Anhörung des Be­triebs­rats (vgl. BAG 8. No­vem­ber 2007 - 2 AZR 314/06 - AP Nr. 63 zu § 4 KSchG 1969 = NZA 2008, 936 = EzA § 4 nF KSchG Nr. 81, zu B I 3 b der Gründe).

b) Die Kläge­rin hat in die­sem Sin­ne den sons­ti­gen Un­wirk­sam­keits­grund der feh­ler­haf­ten Be­triebs­rats­anhörung und der nicht mit § 17 KSchG im Ein­klang ste­hen­den Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge für die von ihr mit ei­ner frist­ge­rech­ten Kündi­gungs­schutz­kla­ge nach § 4 nF KSchG an­ge­grif­fe­ne or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten nicht recht­zei­tig nach § 6 Satz 1 nF KSchG gel­tend ge­macht.

aa) Die Kläge­rin hat sich auf die­se Un­wirk­sam­keits­gründe erst in der Be­ru­fungs­in­stanz be­ru­fen. Die­ser Zeit­punkt liegt außer­halb des nach § 6 Satz 1 KSchG zulässi­gen Rah­mens.
bb) Dem steht auch § 6 Satz 2 nF. KSchG nicht ent­ge­gen. Das Ar­beits­ge­richt ist sei­ner Ver­pflich­tung nach § 6 Satz 2 nF. KSchG nach­ge­kom­men, die Kläge­rin auf ih­re Rech­te aus § 6 Satz 1 nF. KSchG hin­zu­wei­sen. Es hat die Kläge­rin und de­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­te aus­weis­lich Bl. 15 und 16 dA. mit der La­dung aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass „nur bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der 1. In­stanz auch wei­te­re Un­wirk­sam­keits­gründe gel­tend ge­macht wer­den können (§ 6 KSchG)“.

cc) Wel­che Rechts­fol­gen ei­ner Ver­let­zung der Hin­weis­pflicht nach § 6 Satz 2 KSchG als Ver­fah­rens­feh­ler nach § 139 Abs. 2 ZPO durch das Ar­beits­ge­richt zu­kommt, be­darf da­her hier kei­ner Ent­schei­dung; ins­be­son­de­re kann of­fen­blei­ben, ob das Lan­des­ar­beits­ge­richt in ei­nem der­ar­ti­gen Fall bei ei­ner Gel­tend­ma­chung sons­ti­ger Un­wirk­sam­keits­gründe in der Be­ru­fungs­in­stanz trotz des Zurück­wei­sungs­ver­bots des § 68 ArbGG das erst­in­stanz­li­che Ur­teil auf­zu­he­ben und die Sa­che zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen hat (so zu § 6 aF KSchG: BAG 30. No­vem­ber 1961 - 2 AZR 295/61 - AP Nr. 3 zu § 5 KSchG = NJW 1962, 1587; zu § 6 nF KSchG: of­fen­ge­las­sen BAG 12. Mai 2005 - 2 AZR 426/04 - AP Nr. 53 zu § 4 KSchG 1969 = NZA 2005, 1259 = EzA KSchG § 4 nF Nr. 70, zu B II 1 der Gründe) oder ob es zu ei­ner ei­ge­nen Ent­schei­dung be­fugt ist (so wohl BAG 8. No­vem­ber 2007 - 2 AZR 314/06 - AP Nr. 63 zu § 4 KSchG 1969 = NZA 2008, 936 = EzA § 4 nF KSchG Nr. 81, zu B I 3 d cc der Gründe, im Er­geb­nis al­ler­dings dort wie­der­um of­fen­ge­las­sen).

 

- 12 -

3) Die Kündi­gung war im Übri­gen aber auch nicht we­gen ei­ner feh­ler­haf­ten Be­triebs­rats­be­tei­li­gung nach § 102 Be­trVG oder nach § 17 Abs. 2 KSchG un­wirk­sam.

a) Der Ar­beit­ge­ber ist auch bei Vor­lie­gen ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs iSd. § 125 In­sO ver­pflich­tet, den Be­triebs­rat nach § 102 Be­trVG zu ei­ner be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung an­zuhören. Die Be­triebs­rats­anhörung un­ter­liegt in­so­weit kei­nen er­leich­ter­ten An­for­de­run­gen. Al­ler­dings muss er die dem Weg­fall des Ar­beits­plat­zes und der So­zi­al­aus­wahl zu­grun­de lie­gen­den Tat­sa­chen, die dem Be­triebs­rat be­reits aus den Ver­hand­lun­gen zum Ab­schluss ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs be­kannt sind, im Anhörungs­ver­fah­ren nicht er­neut mit­tei­len. Dies gilt zu­min­dest dann, wenn zwi­schen den Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich und der Anhörung - wie hier - ein über­schau­ba­rer Zeit­raum liegt (vgl. BAG 5. No­vem­ber 2009 - 2 AZR 676/08 - NZA 2010, 457 = NJW 2010, 1395 = EzA-SD 2010, Nr. 7, 3, zu II 1 a der Gründe; 22. Ja­nu­ar 2004 - 2 AZR 111/02 - AP Nr. 1 zu § 112 Be­trVG 1972 Na­mens­lis­te = EzA KSchG § 1 In­ter­es­sen­aus­gleich Nr. 11, zu C VII der Gründe mwN.).

Der Ar­beit­ge­ber kann aber das Anhörungs­ver­fah­ren nach § 102 Be­trVG mit den In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen ver­bin­den (vgl. BAG 28. Au­gust 2003 - 2 AZR 377/02 - AP Nr. 134 zu § 102 Be­trVG 1972 = EzA § 102 Be­trVG 2001 Nr. 4, zu B II 1 der Gründe; 20. Sep­tem­ber 2006 - 6 AZR 219/06 - AP Nr. 24 zu § 17 KSchG 1969, zu II 1 a der Gründe). Die Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, ne­ben den Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te nach § 112 Be­trVG auch den Be­triebs­rat zu den aus­zu­spre­chen­den Kündi­gun­gen nach § 102 Be­trVG an­zuhören, macht kei­ne Ver­dop­pe­lung des Be­tei­li­gungs­ver­fah­ren not­wen­dig. Es ist viel­mehr zulässig und meist so­gar zweckmäßig, dass bei­de Ver­fah­ren zu­sam­men­ge­fasst wer­den, da­mit der Be­triebs­rat gleich­zei­tig mit dem Ab­schluss des In­ter­es­sen­aus­gleichs auch zu den be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen Stel­lung neh­men kann. Die Möglich­keit, bei­de Ver­fah­ren mit­ein­an­der zu ver­bin­den, be­deu­tet al­ler­dings nicht, dass in den Ver­hand­lun­gen mit dem Be­triebs­rat über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te zu­gleich die Anhörung des Be­triebs­rats nach § 102 Be­trVG zu den aus­zu­spre­chen­den Kündi­gun­gen zu se­hen wäre. Die Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens un­ter Be­ach­tung der in § 102 Abs. 1 Be­trVG um­schrie­be­nen Er­for­der­nis­sen ist Auf­ga­be des Ar­beit­ge­bers. Da­zu ist stets er­for­der­lich, dass der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat um die Stel­lung­nah­me zu ei­ner kon­kre­ten Kündi­gungs­ab­sicht er­sucht. Sol­len des­halb In­ter­es­sen­aus­gleich und Be­triebs­rats­anhörung mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den, so ist dies schon bei der Ein­lei­tung des Be­tei­li­gungs­ver­fah­rens klar­zu­stel­len. Außer­dem ist es dann zweckmäßig, dass die Be­triebs­part­ner im Wort­laut des In­ter­es­sen­aus­gleichs zum Aus­druck brin­gen, mit der Un­ter­zeich­nung des In­ter­es­sen­aus­gleichs sol­le auch das Anhörungs­ver­fah­ren nach § 102 Be­trVG hin­sicht­lich sämt­li­cher aus­zu­spre­chen­der Kündi­gun­gen ab­ge­schlos­sen sein (vgl. BAG 20. Mai 1999 - 2

 

- 13 -

AZR 532/98 - AP Nr. 5 zu § 1 KSchG 1969 Na­mens­lis­te = NZA 1999, 1101 = EzA § 102 Be­trVG 1972 Nr. 102, zu II 2 der Gründe).

Der Ar­beit­ge­ber muss al­ler­dings im Pro­zess hin­rei­chend kon­kret dar­le­gen und ggf. be­wei­sen, dass der Be­triebs­rat über die not­wen­di­gen Kennt­nis­se verfügte (vgl. BAG 22. Ja­nu­ar 2004 2 AZR 111/02 - AP Nr. 1 zu § 112 Be­trVG 1972 Na­mens­lis­te = EzA KSchG § 1 In­ter­es­sen­aus­gleich Nr. 11, zu C VII der Gründe mwN).

b) Der Be­triebs­rat hat in § 4 des In­ter­es­sen­aus­gleichs aus­drück­lich erklärt, dass ihm die Kündi­gungs­gründe und die re­le­van­ten So­zi­al­da­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer be­kannt ge­we­sen sei­en. Der Be­klag­te hat darüber hin­aus vor­ge­tra­gen, dass dem Be­triebs­rat die be­ab­sich­tig­te so­for­ti­ge Be­triebs­still­le­gung so­wie die von den Kündi­gun­gen be­trof­fe­nen und die wei­ter­zu­beschäfti­gen­den Be­leg­schafts­mit­glie­der mit ih­ren So­zi­al­da­ten be­kannt ge­we­sen sei­en. Auch sei dem Be­triebs­rat der Um­stand be­kannt ge­we­sen, dass al­le Kündi­gun­gen mit den maßgeb­li­chen Kündi­gungs­fris­ten aus­ge­spro­chen wer­den soll­ten. Die Kläge­rin hat nicht vor­ge­tra­gen, von wel­chen be­deut­sa­men Umständen der Be­triebs­rat gleich­wohl kei­ne Kennt­nis ge­habt ha­ben soll. Der Um­stand, dass der In­ter­es­sen­aus­gleich man­gels Erfüllung des Schrift­for­mer­for­der­nis­ses als sol­cher noch nicht wirk­sam zu­stan­de ge­kom­men war, steht der ord­nungs­gemäßen Anhörung nach § 102 Be­trVG nicht ent­ge­gen. Zum ei­nen hat­te der Be­triebs­rat mit sei­ner Un­ter­schrift vor Zu­gang der Kündi­gun­gen sei­ner­seits be­reits al­les für die Wirk­sam­keit Er­for­der­li­che ge­tan. Für ihn gab es kein „Zurück“ mehr. Außer­dem han­delt es sich bei dem In­halt des § 4 des In­ter­es­sen­aus­gleichs um ei­ne Wis­sens­mit­tei­lung, nicht um ei­ne Wil­lens­erklärung.

Der Be­triebs­rat hat mit Un­ter­zeich­nung des In­ter­es­sen­aus­gleichs zu­gleich erklärt, dass die Anhörung nach § 102 Be­trVG als er­folgt gel­ten sol­le. Außer­dem hat er dort erklärt, dass er kei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me ab­ge­ben wer­de und das Anhörungs­ver­fah­ren als ab­ge­schlos­sen an­se­he. Es konn­te da­her da­hin­ste­hen, ob noch vor Ver­sen­dung der Kündi­gung durch den Be­klag­ten darüber hin­aus auf Ver­an­las­sung des stell­ver­tre­ten­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den ei­ne wei­te­re ab­sch­ließen­de Erklärung auf die vor­sorg­li­che noch­ma­li­ge Anhörung vom 25. Ju­ni 2009 ab­ge­ge­ben wor­den ist.

c) Der Wirk­sam­keit der Kündi­gung steht außer­dem auch nicht ei­ne Ver­let­zung der Mit­tei­lungs­pflicht nach § 17 Abs. 2 Be­trVG ent­ge­gen.

Es kann da­hin­ste­hen, ob ein Ver­s­toß des Ar­beit­ge­bers ge­gen § 17 Abs. 2 KSchG zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung führt (zwei­felnd: BAG 24. Ok­to­ber 1996 - 2 AZR 895/95 - AP Nr. 8 zu § 17 KSchG 1969 = NZA 1997, 373 = EzA KSchG § 17 Nr. 6, zu B II 2 b der Gründe; of­fen­ge­las­sen durch BAG 28. Mai 2009 - 8 AZR 273/08 - AP Nr. 370 zu § 613a BGB = NZA 2009, 1267 = EzA § 17 KSchG Nr 20, zu B II 3 der Gründe).

 

- 14 - 

Hier ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der Be­klag­te sei­ne Ver­pflich­tun­gen nach § 17 Abs. 2 KSchG ge­genüber dem Be­triebs­rat erfüllt hat. Der Be­triebs­rat hat den Er­halt der Un­ter­la­gen nach § 17 KSchG in dem durch ihn un­ter­zeich­ne­ten In­ter­es­sen­aus­gleich aus­drück­lich bestätigt. Auch wird durch des­sen In­halt deut­lich, dass der Be­triebs­rat über die we­sent­li­chen in­so­weit not­wen­di­gen An­ga­ben in­for­miert und Sinn und Zweck der Vor­schrift da­mit genügt war.

4) Die Wirk­sam­keit der Kündi­gung schei­tert auch nicht an § 17 Abs. 3 Satz 1 bis 3 KSchG.

a) Da­nach hat der Ar­beit­ge­ber der Agen­tur für Ar­beit die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge und mit die­ser ei­ne Ab­schrift der Mit­tei­lung an den Be­triebs­rat zu­zu­lei­ten, die zu­min­dest die in § 17 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis 5 KSchG vor­ge­schrie­be­nen An­ga­ben enthält (§ 17 Abs. 3 Satz 1 KSchG). Die­ses Er­for­der­nis hat die Be­klag­te da­durch erfüllt, dass sie aus­weis­lich der bei­ge­zo­ge­nen Ak­te der Agen­tur für Ar­beit die­ser am 25. Ju­ni 2009 um 12:37 Uhr und da­mit vor Ver­sen­dung der Kündi­gun­gen - was in der Be­ru­fungs­in­stanz zu­letzt un­strei­tig war – die in der Vor­schrift ge­nann­ten Un­ter­la­gen über­sandt hat. Auch in­so­weit war dem mitüber­sand­ten In­ter­es­sen­aus­gleich zu ent­neh­men, dass der Be­triebs­rat den Er­halt der Un­ter­la­gen nach § 17 KSchG aus­drück­lich bestätigt hat­te. Darüber hin­aus ist dem Be­triebs­rat aus­weis­lich des In­halts der Ak­te der Agen­tur für Ar­beit am 25. Ju­ni 2009 mit den übri­gen er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen auch ein ent­spre­chen­des In­for­ma­ti­ons­schrei­ben über­sandt wor­den. Das in Ko­pie bei­gefügte Schrei­ben ist mit ei­nem Ein­gangs­ver­merk des Be­triebs­rats vom 25. Ju­ni 2009 ver­se­hen.

b) Al­ler­dings war der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht - wie von § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG ge­for­dert – ei­ne ge­son­der­te Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats zu den Ent­las­sun­gen bei­gefügt. Auch hat der Be­klag­te nicht nach § 17 Abs. 3 Satz 3 KSchG glaub­haft ge­macht, dass er den Be­triebs­rat min­des­tens zwei Wo­chen vor Er­stat­tung der An­zei­ge nach § 17 Abs. 3 Satz 1 KSchG un­ter­rich­tet hat. Durch die Beifügung des durch den Be­triebs­rat im Ori­gi­nal und den Be­klag­ten auf der Ko­pie un­ter­zeich­ne­ten In­ter­es­sen­aus­gleichs hat er le­dig­lich den Stand der Ver­hand­lun­gen mit­ge­teilt.

Den An­for­de­run­gen des § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG ist aber auch genügt, wenn der An­zei­ge ein durch den Be­triebs­rat un­ter­zeich­ne­ter In­ter­es­sen­aus­gleich bei­gefügt ist. Dar­aus lässt sich der Stand­punkt des Be­triebs­rats mit aus­rei­chen­der Deut­lich­keit ab­lei­ten, ins­be­son­de­re wenn sich aus die­sem – wie hier – auch der not­wen­di­ge Kennt­nis­stand er­gibt. Mit der Un­ter­zeich­nung des In­ter­es­sen­aus­gleichs hat der Be­triebs­rat sei­nen Stand­punkt kund­ge­tan. Das kommt auch durch § 125 In­sO zum Aus­druck. Aus der Vor­schrift lässt sich nicht ab­lei­ten, dass nur ein form­wirk­sam gülti­ger In­ter­es­sen­aus­gleich den An­for­de­run­gen des § 17

 

- 15 -

Abs. 3 Satz 2 KSchG genügt. Dar­in ist nur fest­ge­stellt, dass die An­for­de­run­gen die­ser Norm bei Vor­lie­gen ei­nes sol­chen In­ter­es­sen­aus­gleichs in je­dem Fall erfüllt sind.

Darüber hin­aus führt das Feh­len be­stimm­ter Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 3 KSchG nach der Recht­spre­chung des BAG (28. Mai 2009 - 8 AZR 273/08 - AP Nr. 370 zu § 613a BGB = NZA 2009, 1267 = EzA § 17 KSchG Nr. 20, zu B II 3 der Gründe) nach Sinn und Zweck der Vor­schrift nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung, wenn die Agen­tur für Ar­beit die Dar­le­gung selbst nicht als zwin­gend er­for­der­li­che Vor­aus­set­zung für die Ent­schei­dun­gen im Rah­men der §§ 17 ff. KSchG be­trach­tet hat, d.h. wenn die Agen­tur für Ar­beit nachträglich zu er­ken­nen ge­ge­ben hat, dass sie auf­grund der vom Ar­beit­ge­ber ge­mach­ten An­ga­ben und der von ihm mit­ge­teil­ten Un­ter­rich­tung des Be­triebs­rats in der La­ge war, sich ein aus­rei­chen­des Bild von den ge­plan­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ma­chen, um er­for­der­li­che ar­beits­markt­po­li­ti­sche Maßnah­men zu er­grei­fen und/oder Ent­schei­dun­gen nach § 18 Abs. 1 oder Abs. 2 KSchG zu tref­fen. Stel­le ei­ne Behörde ent­ge­gen ei­ner ge­setz­li­chen Vor­ga­be für die Wirk­sam­keit ei­ner An­zei­ge nur ge­rin­ge­re als die ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen, so könne dies nicht da­zu führen, dass ein Drit­ter, hier die Kläge­rin, sich mit Er­folg auf die Un­wirk­sam­keit der An­zei­ge be­ru­fen könne, da die ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen an die An­zei­ge in ers­ter Li­nie da­zu dien­ten, der Behörde ei­ne ord­nungs­gemäße Er­le­di­gung ih­rer Auf­ga­ben zu ermögli­chen oder die­se zu­min­dest zu er­leich­tern. Ob dem für die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on ge­folgt wer­den kann, kann aus den oben dar­ge­leg­ten Gründen da­hin­ste­hen. Die Bun­des­agen­tur hat sich aus­weis­lich der bei­ge­zo­ge­nen Ak­te und der sich dar­in be­find­li­chen Check­lis­te zu ih­rer Ent­schei­dung oh­ne die An­for­de­rung wei­te­rer Un­ter­la­gen in der La­ge ge­se­hen. Sie ist da­bei auch vom Vor­han­den­sein ei­ner Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats aus­ge­gan­gen.

5) Das nach § 17 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG er­for­der­li­che Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren war je­den­falls mit Un­ter­zeich­nung des In­ter­es­sen­aus­gleichs durch den Be­triebs­rat ab­ge­schlos­sen (vgl. da­zu die die ge­rin­ge­ren An­for­de­run­gen der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ak­zep­tie­ren­de Ent­schei­dung des BVerfG 25. Fe­bru­ar 2010 - 1 BvR 230/09 - NZA 2010, 439, zu II 1 b bb der Gründe).

6) Die Kündi­gungs­frist des § 113 Satz 2 In­sO ist ge­wahrt.

III. Die Ent­schei­dung über die Kos­ten be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.

IV. Die Kam­mer hat die Re­vi­si­on im Hin­blick auf die grund­le­gen­de Be­deu­tung der ent­schei­dungs­re­le­van­ten Rechts­fra­gen (An­for­de­run­gen an die Be­leh­rung nach § 6 Satz 2 KSchG, Vor­aus­set­zun­gen ei­ner wirk­sa­men Be­triebs­rats­be­tei­li­gung nach § 17 Abs. 2 KSchG und ei­ner wirk­sa­men Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge) zu­guns­ten der Kläge­rin zu­ge­las­sen.

 

- 16 -


Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der Kläge­rin bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt,

Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt

(Post­adres­se: 99113 Er­furt),

Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­den. Für den Be­klag­ten ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb

ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat

schrift­lich beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Sie ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb

ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten

schrift­lich zu be­gründen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­setz­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss die Be­zeich­nung des Ur­teils, ge­gen das die Re­vi­si­on ge­rich­tet wird und die Erklärung ent­hal­ten, dass ge­gen die­ses Ur­teil Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­de.

Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen durch ei­nen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein.

Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind in­so­weit zu­ge­las­sen:

• Rechts­anwälte,

• Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der, wenn die­se durch Per­so­nen mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­deln,

• ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der im vor­ste­hen­den Punkt be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet, wenn die­se durch Per­so­nen mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­deln.

Der Schrift­form wird auch durch Ein­rei­chung ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments i. S. d. § 46b ArbGG genügt. Nähe­re In­for­ma­tio­nen da­zu fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts un­ter www.bun­des­ar­beits­ge­richt.de.


K.

W.

G

 

 

 

 

 

 


 

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 26 Sa 263/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880