Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Mitbestimmung: Verhaltenskodex, Ethikrichtlinie, Whistleblower
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 5 TaBV 31/06
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 18.01.2007
   
Leit­sätze:

Enthält ei­ne Ethik­richt­li­nie ei­ne ver­bind­li­che Ver­pflich­tung, Verstöße an­de­rer Mit­ar­bei­ter ge­gen die­ses Re­gel­werk zu mel­den ("Whist­leb­lo­wer-Klau­sel"), so ist sie re­gelmäßig ins­ge­samt gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG mit­be­stim­mungs­pflich­tig, un­abhängig da­von, ob die in der Richt­li­nie auf­geführ­ten Pflich­ten des Ord­nungs­ver­hal­ten oder das Ar­beits­ver­hal­ten be­tref­fen oder nur ge­setz­lich be­ste­hen­den Ver­pflich­tun­gen wie­der­ho­len.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Offenbach
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hes­sen
Be­schl. v. 18.01.2007, Az.: 5 TaBV 31/06

 

Te­nor:

Auf die Be­schwer­de des Bet. zu 1) wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach am Main vom 24. No­vem­ber 2005 – 3 BV 44/04 – ab­geändert.

Es wird fest­ge­stellt, dass die Einführung und An­wen­dung des A der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Bet. zu 1) un­ter­liegt.

Die An­schluss­be­schwer­de der Bet. zu 2) bis 13) wird zurück­ge­wie­sen. Die Rechts­be­schwer­de wird zu­ge­las­sen.

 

Gründe

I.

Die Be­tei­lig­ten strei­ten um Mit­be­stim­mungs­rech­te bei der Einführung und An­wen­dung ei­nes „Code of Busi­ness Con­duct“ (im Fol­gen­den: Ver­hal­tens­ko­dex).

Die Be­tei­lig­ten zu 2. - 13. (im Fol­gen­den: Ar­beit­ge­be­rin) sind deut­sche Toch­ter­un­ter­neh­men der US-ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft B, die an der C ge­lis­tet ist. Der Be­tei­lig­te zu 2. ist der für die in den ein­zel­nen Be­trie­ben und Kon­zern­un­ter­neh­men der Ar­beit­ge­be­rin durch die Be­tei­lig­ten zu 14. - 34. so­wie 37. - 41. ge­bil­de­te Kon­zern­be­triebs­rat (im Fol­gen­den: Kon­zern­be­triebs­rat). Nach Sec. 202 A Zif­fer 10 des C ist die US-ame­ri­ka­ni­sche Mut­ter­ge­sell­schaft der Ar­beit­ge­be­rin zur Veröffent­li­chung ei­nes „Code of busi­ness con­duct and ethics“ ver­pflich­tet, der Re­ge­lun­gen zur Ver­hin­de­rung von und

- 2 -

dem Um­gang mit In­ter­es­sen­kon­flik­ten, zur Ver­schwie­gen­heits­pflicht, zu lau­te­rem und fai­rem Geschäfts­ge­ba­ren, zum Schutz von Un­ter­neh­mens­ei­gen­tum, zur Ver­pflich­tung der Mit­ar­bei­ter zu ge­set­zes­kon­for­mem Ver­hal­ten und zur Er­mu­ti­gung der Mit­ar­bei­ter, Ge­set­zes­verstöße und Verstöße ge­gen den Ko­dex zu mel­den, ent­hal­ten soll. Zur Erfüllung die­ser Ver­pflich­tung er­stell­te die Mut­ter­ge­sell­schaft für al­le welt­weit bei ihr beschäftig­ten Mit­ar­bei­ter im Jahr 2004 ei­nen Ver­hal­tens­ko­dex, der auch für die bei der Ar­beit­ge­be­rin beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer gel­ten soll. Ihm ging un­ter dem Ti­tel „A Ver­hal­tens­ko­dex und Geschäfts­prak­ti­ken“ ei­ne Richt­li­nie vom 01.01.1995 vor­aus, die ih­rer­seits weit­ge­hend mit ei­ner frühe­ren Veröffent­li­chung vom 01.01.1993 übe­rein­stimmt (Bl. 153 - 175 d.A.). Ei­ne wei­te­re Ver­si­on un­ter dem Na­men „Ver­hal­tens­ko­dex und Geschäfts­prak­ti­ken“ stammt aus dem Jahr 1998 (Bl. 176 - 197 d.A.). Sch­ließlich exis­tiert aus dem Jahr 2002 ein Text un­ter dem Ti­tel „Ihr Leit­fa­den für kor­rek­tes Ver­hal­ten im Geschäfts­le­ben - Ver­hal­tens­ko­dex“ (Bl. 198 - 226 d.A.).

Der streit­ge­genständ­li­che Ver­hal­tens­ko­dex aus dem Jahr 2004 glie­dert sich in meh­re­re Ab­schnit­te, de­ren ers­ter „Un­se­re Be­zie­hun­gen zum Un­ter­neh­men und un­ter­ein­an­der“ re­gelt. Dort heißt es u.a.:

„Wir le­ben nach un­se­ren Wer­ten.

Als Ver­tre­ter des Un­ter­neh­mens ge­genüber der Außen­welt ... wer­den wir ver­ant­wort­lich und in ei­ner Wei­se han­deln, die ei­nen gu­ten Ein­druck von uns und un­se­rem Un­ter­neh­men hin­terlässt. ...“

Ein wei­te­rer Ab­schnitt re­gelt „Un­se­re Be­zie­hun­gen zu un­se­ren Kun­den“. Dar­in ist u.a. der Um­gang mit Kun­den­be­wir­tun­gen und Ge­schen­ken ge­re­gelt. Der Ab­schnitt „Un­se­re Be­zie­hun­gen zu un­se­ren Lie­fe­ran­ten“ enthält u.a. das Pos­tu­lat:

„Wir las­sen uns nicht von Ge­schen­ken be­ein­flus­sen.“

Un­ter der Über­schrift „Un­se­re Be­zie­hun­gen zu an­de­ren“ ver­langt der Ko­dex u.a.:

„Wir er­war­ten von al­len, die das Un­ter­neh­men ver­tre­ten, ein Ver­hal­ten mit ho­her In­te­grität.“

Ein wei­te­rer Ab­schnitt trägt die Über­schrift: „Un­ser Pro­gramm zur Ein­hal­tung der Ver­hal­tens­re­geln´und zur Wah­rung der In­te­grität (I&C-Pro­gramm). Dar­in heißt es u.a.:

„Die Ein­hal­tung der Ver­hal­tens­re­geln ist die ers­te und wich­tigs­te Auf­ga­be je­des Mit­ar­bei­ters. Je­der lei­ten­de An­ge­stell­te und Mit­ar­bei­ter des Un­ter­neh­mens ist persönlich dafür ver­ant­wort­lich, dass er die­sen Ver­hal­tens­ko­dex und die an­de­ren Richt­li­ni­en des Un­ter­neh­mens, die für sei­ne Ar­beit und Stel­lung re­le­vant sind, kennt und ver­steht.

...
Al­le A-Mit­ar­bei­ter müssen die­sen Ver­hal­tens­ko­dex so­wie die Grundsätze und Ver­fah­ren des Un­ter­neh­mens ge­nau be­fol­gen und mut­maßli­che Verstöße um­ge­hend mel­den.

...
Um die Um­set­zung die­ses Ver­hal­tens­ko­dex zu ver­ein­fa­chen, sind die Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet, un­ein­ge­schränkt im Rah­men ei­nes Un­ter­su­chungs­ver­fah­rens des Un­ter­neh­mens zu ko­ope­rie­ren ...

...
Die Nich­terfüllung jeg­li­cher der in die­sem Ver­hal­tens­ko­dex auf­ge­stell­ten Ver­pflich­tun­gen kann ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren bis hin zur Kündi­gung nach sich zie­hen ...“

Der Ver­hal­tens­ko­dex en­det mit ei­nem Ab­schnitt „A Ver­hal­tens­wei­sen“. Dar­in heißt es u.a.:

„Die Be­ur­tei­lung von Per­so­nen ba­siert so­wohl auf den von Ih­nen er­ziel­ten Er­geb­nis­sen als auch dar­auf, in­wie­weit Sie A Ver­hal­tens­wei­sen verkörpern.

- 3 -

...
Al­le Mit­ar­bei­ter müssen den Ver­hal­tens­ko­dex und al­le Ge­set­ze ein­hal­ten. Aus­nah­men wer­den nicht ge­macht.

Wachs­tum und Kun­den­fo­kus be­deu­ten, dass wir nur dann ex­pan­die­ren können, wenn wir un­se­re Denk­wei­se ändern. ..

...
Glo­ba­le Denk­wei­se be­deu­tet, das Geschäft aus al­len re­le­van­ten Blick­win­keln zu be­trach­ten und die Welt als in­te­grier­te Wertschöpfungs­ket­ten auf­zu­fas­sen.“

We­gen des vollständi­gen Wort­lauts des Ver­hal­tens­ko­dex wird ergänzend auf Bl. 14 - 47 d.A. Be­zug ge­nom­men.

Nach­dem die Ar­beit­ge­be­rin be­gon­nen hat­te, den Ver­hal­tens­ko­dex 2004 an die Ar­beit­neh­mer zu ver­tei­len und sich ihr Ein­verständ­nis mit des­sen In­halt schrift­lich bestäti­gen zu las­sen, kam es zu ei­nem ge­mein­sa­men Schrei­ben des Kon­zern­be­triebs­rats so­wie des Geschäftsführers der Be­tei­lig­ten zu 2. vom 19.07.2004, das an al­le Per­so­nal­lei­ter und Be­triebsräte ge­rich­tet wur­de. In ihm heißt es u.a., dass es be­kannt­lich „zwi­schen Geschäfts­lei­tung und Kon­zern­be­triebs­rat im Hin­blick auf Mit­be­stim­mungs­rech­te bei der Einführung des „Codes of Con­duct“ un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ge­be. Der Kon­zern­be­triebs­rat ha­be zu die­ser The­ma­tik ein Ver­hand­lungs- und Ab­schluss­man­dat von al­len Be­triebsräten er­hal­ten. Wei­ter heißt es, dass man sich auf fol­gen­de prag­ma­ti­sche Vor­ge­hens­wei­se verständigt ha­be:

„Der Kon­zern­be­triebs­rat to­le­riert oh­ne Auf­ga­be sei­ner Rechts­po­si­ti­on die Einführung des Codes. Dies be­inhal­tet die Ver­tei­lung der Broschüre, der ein ge­mein­sam ab­ge­stimm­tes Vor­wort bei­gefügt wird.

...
Den Er­halt und das Verständ­nis der Broschüre kann sich der Ar­beit­ge­ber schrift­lich bestäti­gen las­sen, ei­ne Ver­pflich­tungs­erklärung auf den Code er­folgt da­durch nicht.

...
Um die Rechts­la­ge im Hin­blick auf Mit­be­stim­mungs­rech­te endgültig zu klären, wird der Kon­zern­be­triebs­rat ein ar­beits­ge­richt­li­ches Be­schluss­ver­fah­ren ein­lei­ten.“

We­gen des vollständi­gen In­halts des Schrei­bens wird ergänzend auf Bl. 49 d.A. Be­zug ge­nom­men. We­gen des In­halts des dar­in an­ge­spro­che­nen ge­mein­sa­men Vor­wor­tes wird ergänzend auf Bl. 228 d.A. Be­zug ge­nom­men.

Der Kon­zern­be­triebs­rat hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, mit dem ge­sam­ten Ver­hal­tens­ko­dex re­ge­le die
Ar­beit­ge­be­rin Fra­gen der Ord­nung des Be­triebs, so­dass ein Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Zif­fer 1 Be­trVG eröff­net sei. So­weit Fra­gen der Da­ten­ver­ar­bei­tung und des Da­ten­schut­zes an­ge­spro­chen würden, sei wei­ter­hin das Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Zif­fer 6 Be­trVG be­trof­fen. Zur nähe­ren Be­gründung hat sich der Kon­zern­be­triebs­rat ins­be­son­de­re auf die in sei­nem Hilfs­an­trag in Be­zug ge­nom­me­nen Pas­sa­gen gestützt.

Der Kon­zern­be­triebs­rat hat be­an­tragt:

Es wird fest­ge­stellt, dass die Einführung und An­wen­dung des A Code of Busi­ness Con­duct der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Kon­zern­be­triebs­rats, hilfs­wei­se der ein­zel­nen Be­triebsräte/des Ge­samt­be­triebs­rats, un­ter­liegt;
hilfs­wei­se:

- 4 -

Kon­zern­be­triebs­rats, hilfs­wei­se der ein­zel­nen Be­triebsräte/ des Ge­samt­be­triebs­rats, un­ter­lie­gen:

Sei­te 6: Wir ver­mei­den In­ter­es­sen­kon­flik­te“:

„Wir wer­den al­le not­wen­di­gen Maßnah­men er­grei­fen, um un­gebühr­li­che Vor­ge­setz­ten­verhält­nis­se zu ver­mei­den und Per­so­nen, mit de­nen wir fa­mi­liäre oder en­ge persönli­che Ver­bin­dun­gen ha­ben, nicht di­rekt oder in­di­rekt über- oder un­ter­ge­ord­net zu sein.

Soll­te ein tatsäch­li­cher oder schein­ba­rer In­ter­es­sen­kon­flikt ent­ste­hen, muss der be­tref­fen­de Mit­ar­bei­ter das Pro­blem der Rechts­ab­tei­lung oder dem A-Kon­trollbüro („In­te­gri­ty and Com­p­li­an­ce Of­fice“) und ei­nem Mit­glied des Führungs­teams in dem Geschäfts­be­reich, in dem der Kon­flikt ent­steht, schrift­lich mit­tei­len, da­mit der Fall ge­prüft und ge­ge­be­nen­falls Maßnah­men zur Be­sei­ti­gung des In­ter­es­sen­kon­flikts er­grif­fen wer­den können.“

Sei­te 6 „Wir sind für vol­le Gleich­be­rech­ti­gung und be­grüßen Un­ter­schie­de“:

„... Wir sind der Über­zeu­gung und er­ken­nen an, dass al­le Men­schen für ih­re in­di­vi­du­el­len Fähig­kei­ten und Beiträge re­spek­tiert wer­den soll­ten. Ziel des Un­ter­neh­mens ist es, al­len Mit­ar­bei­tern her­aufor­dern­de, sinn­vol­le und loh­nen­de Möglich­kei­ten zur persönli­chen und be­ruf­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung zu bie­ten, und zwar un­abhängig von Ge­schlecht, Ras­se, eth­ni­scher Zu­gehörig­keit, se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung, körper­li­cher oder geis­ti­ger Be­hin­de­rung, Al­ter, Schwan­ger­schaft, Re­li­gi­on, Ve­te­ra­nen­sta­tus, Her­kunfts­land oder jeg­li­chem an­de­ren ge­setz­lich geschütz­ten Sta­tus.“

Sei­te 7 „Wir ar­bei­ten in ei­nem po­si­ti­ven Um­feld“:

„Ins­be­son­de­re ver­bie­tet das Un­ter­neh­men un­will­kom­me­ne se­xu­el­le Zu­dring­lich­kei­ten oder Körper­kon­tak­te, Ges­ten und Aus­sa­gen se­xu­el­len In­halts so­wie das Zei­gen oder Ver­brei­ten von Bil­dern, Ka­ri­ka­tu­ren oder Wit­zen se­xu­el­ler Na­tur. Eben­falls ver­bo­ten sind Re­pres­sa­li­en ge­gen Mit­ar­bei­ter, die sich ge­wehrt und über se­xu­el­le Belästi­gun­gen be­schwert ha­ben. Zur Mel­dung von se­xu­el­len Belästi­gun­gen steht den Mit­ar­bei­tern ein ein­schlägi­ges Be­schwer­de­ver­fah­ren zur Verfügung.“

Sei­te 9 „Wir schützen Un­ter­neh­mens­ei­gen­tum und Da­ten“:

„Mit­ar­bei­ter oder Ver­tre­ter, die Ar­bei­ten im Na­men von A durchführen, sind bezüglich Res­sour­cen der A In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy nicht zum Schutz ih­rer Pri­vat­sphäre be­rech­tigt, außer wenn dies durch die ört­li­chen Ge­set­ze vor­ge­se­hen ist. Al­le Com­pu­ter­da­ten, die un­ter Ver­wen­dung von Res­sour­cen der A In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy er­stellt, emp­fan­gen oder über­tra­gen wer­den, gel­ten nicht als pri­va­te In­for­ma­tio­nen des Be­nut­zers. A behält sich das Recht vor, al­le Da­ten aus jed­we­dem Grund oh­ne Vor­ankündi­gung zu un­ter­su­chen, wenn Verstöße ge­gen die­sen Ver­hal­tens­ko­dex oder an­de­re Richt­li­ni­en von A ver­mu­tet wer­den. Durch die Ver­wen­dung von Res­sour­cen der A In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy erklären sich Be­nutz­ter mit die­ser Über­wa­chung ein­ver­stan­den ...“

Die Ar­beit­ge­be­rin hat be­an­tragt,

die Anträge zurück­zu­wei­sen.

Sie hat den Haupt­an­trag für un­zulässig ge­hal­ten. Es sei schon nicht klar, wel­chen „Code of Con­duct“ der Kon­zern­be­triebs­rat mei­ne. Es blei­be auch un­klar, ob auch et­wai­ge zukünf­ti­ge Ver­hal­tens­ko­di­zes um­fasst sein soll­ten. Sch­ließlich ge­be es auch kein pau­scha­les ge­setz­li­ches Mit­be­stim­mungs­recht bei der Einführung ei­nes Ver­hal­tens­ko­de­xes. Für die Zulässig­keit des An­trags feh­le wei­ter­hin das er­for­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se, da der Kon­zern­be­triebs­rat aus­weis­lich des ge­mein­sa­men Schrei­bens vom 19.07.2004 die Einführung des Ver­hal­tens­ko­de­xes aus­drück­lich

- 5 -

to­le­rie­re. Je­den­falls, so hat die Ar­beit­ge­be­rin ge­meint, sei der An­trag un­be­gründet. Sämt­li­che Ver­hal­tens­ko­di­zes sei­en nämlich stets nach Rück­spra­che und Be­tei­li­gung der ein­zel­nen Be­triebsräte/Ge­samt­be­triebsräte bzw. des Kon­zern­be­triebs­rats ein­geführt wor­den. Mit der To­le­rie­rung der Einführung des Codes ent­spre­chend dem Schrei­ben vom 19.07.2004 sei ein et­wai­ges Mit­be­stim­mungs­recht des Kon­zern­be­triebs­rats aus­geübt und ver­braucht wor­den. Wei­ter hat die Ar­beit­ge­be­rin ge­meint, den Ar­beit­neh­mern würden durch den Ver­hal­tens­ko­dex kei­ne Hand­lungs­pflich­ten auf­er­legt. Er be­inhal­te kei­ne ver­bind­li­che Ver­hal­tens­ord­nung, son­dern ge­be le­dig­lich Leit­li­ni­en. Auch das ge­mein­sa­me Vor­wort stel­le klar, dass die ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen stets Vor­rang hätten. Et­wai­ge Mit­be­stim­mungs­rech­te könn­ten auch kei­nes­falls den ge­sam­ten Ver­hal­tens­ko­dex er­fas­sen, da die­ser kei­nes­wegs ein ge­schlos­se­nes Ge­samt­kon­zept um­set­ze. Schon die ein­zel­nen Ab­schnit­te mach­ten deut­lich, wie un­ter­schied­lich die Re­ge­lungs­be­rei­che sei­en. Dies gel­te un­abhängig da­von, dass ihr Ziel die ein­heit­li­che Einführung des Ver­hal­tens­ko­dex in Deutsch­land sei. Im Übri­gen hat die Ar­beit­ge­be­rin im Ein­zel­nen dar­ge­legt, aus wel­chen Gründen sie ein Mit­be­stim­mungs­recht auch bezüglich der im Hilfs­an­trag des Kon­zern­be­triebs­rats zi­tier­ten Pas­sa­gen des Ver­hal­tens­ko­dex nicht sieht.

Mit am 24.11.2005 verkünde­tem Be­schluss hat das Ar­beits­ge­richt Of­fen­bach am Main - 3 BV 44/04 - den Haupt­an­trag des Kon­zern­be­triebs­rats zurück­ge­wie­sen und dem Hilfs­an­trag bezüglich drei­er Pas­sa­gen, wie sie sich aus dem Te­nor des Be­schlus­ses er­ge­ben (Bl. 380 d.A.) un­ter Zurück­wei­sung im Übri­gen statt­ge­ge­ben. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, der Kon­zern­be­triebs­rat sei für die strei­ti­gen Re­ge­lungs­be­rei­che gem. § 58 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG zuständig. We­gen des zwin­gen­den Cha­rak­ters der Ethik-Richt­li­nie für al­le Be­trie­be und Ar­beit­neh­mer könne nur ei­ne kon­zern­ein­heit­li­che Re­ge­lung er­fol­gen. Auch ha­be der Kon­zern­be­triebs­rat sein Mit­be­stim­mungs­recht durch die schrift­li­che Ver­ein­ba­rung vom 19. Ju­li 2004 nicht ab­sch­ließend aus­geübt. Bezüglich der te­n­o­rier­ten Pas­sa­ge hin­sicht­lich der „un­gebühr­li­chen Vor­ge­setz­ten­verhält­nis­se“ so­wie hin­sicht­lich der „se­xu­el­len Zu­dring­lich­kei­ten“ hat das Ar­beits­ge­richt ein Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG be­jaht. Die te­n­o­rier­te Pas­sa­ge hin­sicht­lich des Schut­zes der Pri­vat­sphäre hat es für gem. § 87 Abs. 1 Nr. 6 Be­trVG mit­be­stim­mungs­pflich­tig ge­hal­ten. Den Haupt­an­trag hat das Ar­beits­ge­richt für zulässig, nicht aber für be­gründet er­ach­tet. Es hat dar­in ei­nen hin­rei­chend be­stimm­ten Glo­balan­trag ge­se­hen, der al­ler­dings des­halb ab­zu­wei­sen sei, weil er Pas­sa­gen um­fas­se, für die kei­nes­falls ein Mit­be­stim­mungs­recht be­ste­he. We­gen der vollständi­gen Gründe des an­ge­foch­te­nen Be­schlus­ses wird im Übri­gen ergänzend auf sei­ne S. 2 - 22 (Bl. 381 - 401 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen die­sen ihm am 26. Ja­nu­ar 2006 zu­ge­stell­ten Be­schluss hat der Kon­zern­be­triebs­rat am 23. Fe­bru­ar 2006 Be­schwer­de ein­ge­legt und die­ses Rechts­mit­tel am Mon­tag, dem 27. März 2006 be­gründet. Er meint, das Ar­beits­ge­richt ha­be über­se­hen, dass die Ar­beit­ge­be­rin selbst die streit­ge­genständ­li­che Ethik-Richt­li­nie als ge­schlos­se­nes Ge­samt­werk an­se­he, das sie un­verändert einführen wol­le und müsse. We­sent­li­che dar­in fest­ge­leg­te Ver­hal­tens­re­geln, die der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung un­terlägen, könn­ten nicht her­aus­gelöst wer­den, oh­ne dass da­durch der Ge­samt­ko­dex sinn­ent­leert würde. So heiße es be­reits im Vor­wort der Ar­beit­ge­be­rin, es wer­de er­war­tet, dass die Richt­li­nie „buch­sta­ben­ge­treu be­folgt“ wer­de. Die Ver­bind­lich­keit und Un­teil­bar­keit der kon­zern­ein­heit­li­chen Ethik-Richt­li­nie er­ge­be sich auch aus der Ver­pflich­tung, den Vor­ga­ben des C ge­recht zu wer­den. Die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zum Glo­balan­trag könne auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung nicht an­ge­wandt wer­den. Ein­schlägig sei­en viel­mehr die Grundsätze, nach de­nen bei Teil­nich­tig­keit ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung die Wirk­sam­keit des rest­li­chen Re­ge­lungs­wer­kes zu be­ur­tei­len ist. We­gen des vollständi­gen Vor­trags wird auf die Be­schwer­de­be­gründung vom 17.03.2006 ins­ge­samt Be­zug ge­nom­men (Bl. 476 - 486 d.A.).

Der Kon­zern­be­triebs­rat be­an­tragt,

1. den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach vom 24. No­vem­ber 2005 - 3 BV 44/04 - teil­wei­se ab­zuändern so­weit dem An­trags­be­geh­ren nicht statt­ge­ge­ben wur­de;

2. fest­zu­stel­len, dass die Einführung und An­wen­dung des A Code of Busi­ness Con­duct der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Kon­zern­be­triebs­rats, hilfs­wei­se der ein­zel­nen Be­triebsräte/des Ge­samt­be­triebs­rats, un­ter­liegt;

- 6 -

hilfs­wei­se fest­zu­stel­len, dass auch fol­gen­de Re­ge­lung des A Code of Busi­ness Con­duct der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Kon­zern­be­triebs­ra­tes, hilfs­wei­se der ein­zel­nen Be­triebsräte/des Ge­samt­be­triebs­rats, un­ter­liegt:

Sei­te 6 „Wir sind für vol­le Gleich­be­rech­ti­gung und be­grüßten Un­ter­schie­de“:

„... Wir sind der Über­zeu­gung und er­ken­nen an, dass al­le Men­schen für ih­re in­di­vi­du­el­len Fähig­kei­ten und Beiträge re­spek­tiert wer­den soll­ten. Ziel des Un­ter­neh­mens ist es, al­len Mit­ar­bei­tern her­aus­for­dern­de, sinn­vol­le und loh­nen­de Möglich­kei­ten zur persönli­chen und be­ruf­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung zu bie­ten, und zwar un­abhängig von Ge­schlecht, Ras­se, eth­ni­scher Zu­gehörig­keit, se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung, körper­li­cher und geis­ti­ger Be­hin­de­rung, Al­ter, Schwan­ger­schaft, Re­li­gi­on, Ve­te­ra­nen­sta­tus, Her­kunfts­land oder jeg­li­chem an­de­ren ge­setz­lich geschütz­ten Sta­tus“.

Mit Be­schluss vom 28.03.2006 hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt der Ar­beit­ge­be­rin ei­ne Frist zur Äußerung auf die Be­schwer­de­be­gründung bis zum 05.08.2006 ge­setzt (Bl. 487 d.A.). Die­se hat mit am Mon­tag, dem 07.08.2006 beim Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­ner
„Be­schwer­de­an­schluss­schrift“ be­an­tragt,

1. die Be­schwer­de des Be­tei­lig­ten zu Zif­fer 1. ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach, Az.: 3 BV 44/04 vom 24.11.2005 wird zurück­ge­wie­sen;

2. auf die An­schluss­be­schwer­de der Be­tei­lig­ten zu Zif­fer 2. - 13. wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach, Az.: 3 BV 44/04, vom 24.11.2005 ab­geändert und wer­den die Anträge zurück­ge­wie­sen.

Sie meint, die Be­tei­lig­ten zu 14. - 41. sei­en aus dem Ver­fah­ren zu ent­las­sen, da sie kei­ne Be­tei­lig­ten­stel­lung im Sinn von § 83 Abs. 3 Be­trVG be­an­spru­chen könn­ten. Zur Be­gründung be­ruft sie sich auf den Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 28.03.2006 (Az.: 1 ABR 59/04 , NZA 2006, S. 1367). Im Übri­gen wie­der­holt und ver­tieft die Ar­beit­ge­be­rin ih­re Ar­gu­men­ta­ti­on zur Un­zulässig­keit des Haupt­an­trags des Kon­zern­be­triebs­rats. Sie hält die­sen An­trag auch wei­ter für un­be­gründet. Sämt­li­che Ver­hal­tens­ko­di­zes seit dem Jahr 1995 sei­en „stets nach Rück­spra­che und Be­tei­li­gung der ein­zel­nen Be­triebsräte/Ge­samt­be­triebsräte bzw. des Kon­zern­be­triebs­rats ein­geführt“ wor­den (Zeug­nis Eber­hard Schütt­pelz). Ein et­wai­ges Mit­be­stim­mungs­recht des Kon­zern­be­triebs­rats hält die Ar­beit­ge­be­rin da­her wei­ter­hin für ver­braucht. Im Übri­gen un­ter­lie­ge der Ver­hal­tens­ko­dex we­der als Gan­zes noch in ein­zel­nen Tei­len der Mit­be­stim­mungs­pflicht. Der Kon­zern­be­triebs­rat ha­be nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt, in­wie­fern der Ver­hal­tens­ko­dex in sei­ner Ge­samt­heit sinn­ent­leert würde, wenn ein­zel­ne Be­stim­mun­gen weg­zu­las­sen wären. Im ge­mein­sa­men Vor­wort sei übe­rein­stim­mend fest­ge­hal­ten wor­den, dass be­stimm­te Tei­le des Ver­hal­tens­ko­dex im Wi­der­spruch oder in ei­nem Span­nungs­verhält­nis zur Rechts­si­tua­ti­on in Deutsch­land stünden. In­so­weit be­ste­he Ei­nig­keit, dass das na­tio­na­le Recht Vor­rang ha­be. Folg­lich ha­be Ei­nig­keit darüber be­stan­den, dass das Re­ge­lungs­werk teil­bar sei. Auch sei­en wei­te Tei­le des Ver­hal­tens­ko­dex als Pro­grammsätze und Selbst­ver­pflich­tun­gen for­mu­liert. Durch sie wer­de das Geschäfts­ver­hal­ten der Ar­beit­ge­be­rin, nicht aber das der ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter ge­re­gelt. Ei­ne Be­fol­gungs­pflicht und ein Mit­be­stim­mungs­recht könne da­her nicht be­ste­hen. Ein Ver­hal­tens­druck wer­de durch den Ko­dex eben­so we­nig aus­gelöst, da bis zum heu­ti­gen Tag kei­ner­lei Dis­zi­pli­nar­maßnah­men oder sons­ti­ge in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Schrit­te we­gen et­wai­ger Verstöße ge­gen den Ver­hal­tens­ko­dex durch­geführt oder in Aus­sicht ge­nom­men wor­den sei­en.

Zur Be­gründung ih­rer An­schluss­be­schwer­de ver­tieft die Ar­beit­ge­be­rin ih­ren Vor­trag aus dem ers­ten Rechts­zug. We­gen des vollständi­gen Vor­brin­gens der Ar­beit­ge­be­rin wird auf ih­re
Be­schwer­de­an­schluss­schrift vom 07.08.2006 ins­ge­samt (Bl. 580 - 608 d.A.) so­wie auf ih­ren Schrift­satz vom 16.01.2007 (Bl. 777 - 787 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Der Kon­zern­be­triebs­rat be­an­tragt,

- 7 -

die An­schluss­be­schwer­de zurück­zu­wei­sen.

Er hegt Be­den­ken ge­gen die Zulässig­keit, da die Ar­beit­ge­be­rin ihr Rechts­mit­tel außer­halb der 5-Mo­nats­frist des § 66 Abs. 1 Satz 2 ArbGG ein­ge­legt ha­be. Im Übri­gen weist er dar­auf hin, dass mit dem ge­mein­sa­men Schrei­ben vom 19.07.2004 aus­drück­lich sei­ne Rechts­po­si­ti­on auf­recht­er­hal­ten wor­den sei. Der Ver­hal­tens­ko­dex von 2004 sei als neue Re­ge­lung an die Stel­le al­ler vor­an­ge­gan­ge­nen ge­tre­ten. Aus dem ge­mein­sa­men Vor­wort er­ge­be sich, dass man übe­rein­stim­mend Tei­le des Ver­hal­tens­ko­dex als rechts­wid­rig an­ge­se­hen ha­be. We­gen des vollständi­gen In­halts der An­schluss­be­schwer­de­be­ant­wor­tung wird auf den Schrift­satz des Kon­zern­be­triebs­rats vom 11.12.2006 (Bl. 668 - 672 d.A.) ergänzend Be­zug ge­nom­men.

Der Be­tei­lig­te zu 14. so­wie der Be­tei­lig­te zu 37. ha­ben sich den Anträgen des Kon­zern­be­triebs­rats an­ge­schlos­sen. Hin­sicht­lich der ent­spre­chen­den Be­gründun­gen wird auf die Schriftsätze vom 02.11.2006 (Bl. 653 - 658 d.A.) bzw. vom 14.12.2006 (Bl. 709 - 733 d.A.) ergänzend Be­zug ge­nom­men. Hin­sicht­lich der Er­wi­de­run­gen der Ar­beit­ge­be­rin hier­auf wird auf de­ren Schriftsätze vom 21.12.2006 (Bl. 691 - 708 d.A.) so­wie er­neut auf den­je­ni­gen vom 16.01.2007 (Bl. 777 - 787 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

II.

Die Be­schwer­den des Kon­zern­be­triebs­rats und der Ar­beit­ge­be­rin sind zulässig. Be­gründet ist je­doch nur ers­te­re.

Die Einführung und An­wen­dung des A Code of Busi­ness Con­duct (Ver­hal­tens­ko­dex) un­ter­liegt der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Kon­zern­be­triebs­rats gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG . Der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach am Main vom 24.11.2005 - 3 BV 44/04 - ist da­her ab­zuändern.

A.

Das Rechts­mit­tel des Kon­zern­be­triebs­rats ist be­gründet.

Im anhängi­gen Be­schluss­ver­fah­ren wa­ren gem. § 83 Abs. 3 ArbGG auch die Be­tei­lig­ten zu 14. - 41. als Ge­samt­be­triebs­rat bzw. Ein­zel­be­triebsräte zu hören. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. jüngst: Be­schluss vom 28.03.2006 - 1 ABR 59/04 - NZA 2006, S. 1367 ff., zu B. I. 1. d.Gr.) sind in ei­nem ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren ne­ben dem An­trag­stel­ler die­je­ni­gen Stel­len zu be­tei­li­gen, die durch die be­gehr­te Ent­schei­dung in ih­rer be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­stel­lung un­mit­tel­bar be­trof­fen sind. Die­se Be­trof­fen­heit hat­te die Kam­mer zu be­ja­hen, weil der Kon­zern­be­triebs­rat im Rah­men sei­nes Haupt­an­trags hilfs­wei­se gel­tend ge­macht hat­te, dass das um­strit­te­ne Mit­be­stim­mungs­recht dem Ge­samt­be­triebs­rat oder den ein­zel­nen Be­triebsräten zu­ste­he. Die­se An­trags­fas­sung konn­te auch nicht als of­fen­kun­dig un­be­gründet oder gar rechts­miss­bräuch­lich an­ge­se­hen wer­den, da die Ar­beit­ge­be­rin ih­rer­seits so­wohl im ers­ten Rechts­zug (S. 3 ih­res Schrift­sat­zes vom 28.07.2005, Bl. 132 d.A.) als auch im Be­schwer­de­rechts­zug (S. 4 der Be­schwer­de­an­schluss­schrift vom 07.08.2006, Bl. 583 d.A.) be­haup­tet hat, dass der je­wei­li­ge Ver­hal­tens­ko­dex stets nach Rück­spra­che und Be­tei­li­gung „der ein­zel­nen Be­triebsräte/Ge­samt­be­triebsräte bzw. des Kon­zern­be­triebs­rats ein­geführt“ wor­den sei. Die Kam­mer konn­te dem­nach nicht von vorn­her­ein aus­sch­ließen, dass auch die ge­nann­ten Be­tei­lig­ten als Rechts­in­ha­ber in Fra­ge kämen. Aus dem Ver­fah­ren zu ent­las­sen wa­ren le­dig­lich die Be­tei­lig­ten zu 35. und 36., nach­dem sie un­strei­tig nicht mehr exis­tie­ren.

1. Der als Fest­stel­lungs­an­trag for­mu­lier­te Haupt­an­trag des Kon­zern­be­triebs­rats ist zulässig.

a) Der An­trag ist hin­rei­chend be­stimmt. Es be­steht zwi­schen den Be­tei­lig­ten kein Streit darüber, für die Einführung und An­wen­dung wel­ches Ver­hal­tens­ko­de­xes der Kon­zern­be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht gel­tend macht.

- 8 -

So­wohl An­trags­for­mu­lie­rung als auch sei­ne Be­gründung ma­chen zwei­fels­frei deut­lich, dass es aus­sch­ließlich um ein Mit­be­stim­mungs­recht bezüglich des­je­ni­gen Ver­hal­tens­ko­dex geht, auf den sich das ge­mein­sa­me Schrei­ben vom 19. Ju­li 2004 (Bl. 49 d.A.) be­zieht, al­so den im Jahr 2004 mit der Auf­for­de­rung zur schrift­li­chen Ein­verständ­nis­erklärung an die Mit­ar­bei­ter ver­teil­ten Text.

Der Ein­wand der Ar­beit­ge­be­rin, der An­trag er­stre­cke sich sei­nem Wort­laut nach auch auf sämt­li­che zukünf­ti­ge Ver­hal­tens­ko­di­zes, ist un­be­gründet. Der An­trag be­zeich­net ei­nen be­stimm­ten Ver­hal­tens­ko­dex, um des­sen Mit­be­stim­mungs­pflich­tig­keit al­lein die Be­tei­lig­ten seit Ein­lei­tung des Ver­fah­rens im De­zem­ber 2004 strei­ten.

b) Der Kon­zern­be­triebs­rat hat auch das gem. § 256 Abs. 1 ZPO für sein Fest­stel­lungs­be­geh­ren er­for­der­li­che Rechts­schutz­in­ter­es­se.

Zwi­schen den Be­tei­lig­ten ist das vom Kon­zern­be­triebs­rat re­kla­mier­te Mit­be­stim­mungs­recht um­strit­ten. Ge­ra­de im Hin­blick dar­auf ha­ben Kon­zern­be­triebs­rat und Geschäfts­lei­tung der Be­tei­lig­ten zu 2. in ei­nem ge­mein­sa­men Schrei­ben vom 19. Ju­li 2004 al­len Per­so­nel­lei­tern und Be­triebsräten mit­ge­teilt, dass der Kon­zern­be­triebs­rat zur Klärung die­ser Fra­ge ein ar­beits­ge­richt­li­ches Be­schluss­ver­fah­ren ein­lei­ten wer­de. Es ist da­her nicht recht verständ­lich, wenn die Ar­beit­ge­be­rin aus der To­le­rie­rung der Einführung des Codes ent­spre­chend die­sem Schrei­ben auf den Ver­lust des Rechts­schutz­bedürf­nis­ses des Kon­zern­be­triebs­rats für das anhängi­ge Ver­fah­ren schließen will. Aus­drück­lich heißt es in dem ge­mein­sa­men Schrei­ben nämlich, dass der Kon­zern­be­triebs­rat hier­zu le­dig­lich „oh­ne Auf­ga­be sei­ner Rechts­po­si­ti­on“ be­reit war.

2. Der An­trag ist auch be­gründet.

a) Der Kon­zern­be­triebs­rat hat bezüglich des streit­ge­genständ­li­chen Ver­hal­tens­ko­dex ins­ge­samt ein Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG , da er Fra­gen der Ord­nung des Be­triebs und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb im Sin­ne die­ser Vor­schrift re­gelt.

aa) Der Kon­zern­be­triebs­rat ist für die Gel­tend­ma­chung des in An­spruch ge­nom­me­nen Mit­be­stim­mungs­rechts gem. § 58 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Be­trVG zuständig.

Dies hat das Ar­beits­ge­richt auf den S. 12 f. (Bl. 391 f. d.A.) zu­tref­fend fest­ge­stellt und be­gründet. Auf die­se Ausführun­gen wird in ent­spre­chen­der An­wen­dung von § 69 Abs. 2 ArbGG Be­zug ge­nom­men. In bei­den Rechtszügen hat die Ar­beit­ge­be­rin deut­lich ge­macht, dass es ihr dar­um geht, den Ver­hal­tens­ko­dex, „wie in al­len an­de­ren Ländern auch, in Deutsch­land ein­heit­lich ein­zuführen“ (S. 5 ih­res Schrift­sat­zes vom 28.07.2005, Bl. 134 d.A. so­wie S. 6 der An­schluss­be­schwer­de­schrift vom 07.08.2006, Bl. 585 d.A.). Im Übri­gen ist zwi­schen den Be­tei­lig­ten un­strei­tig, dass der Kon­zern­be­triebs­rat vor­sorg­lich auch gem. § 58 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG be­auf­tragt wur­de.

bb) Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ( Be­schlüsse vom 28.05.2002 - 1 ABR 32/01 - NZA 2003, S. 166 ff. und vom 11.06.2002 - 1 ABR 46/01 - NZA 2002, S. 1299 f.) ist Ge­gen­stand des Mit­be­stim­mungs­rechts gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG das be­trieb­li­che Zu­sam­men­le­ben und Zu­sam­men­wir­ken der Ar­beit­neh­mer. Da die Ar­beit­neh­mer ih­re ver­trag­lich ge­schul­de­te Leis­tung in­ner­halb ei­ner vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­ge­be­nen Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on er­brin­gen, ist die­ser auch be­rech­tigt, Re­ge­lun­gen vor­zu­ge­ben, die das Ver­hal­ten der Be­leg­schaft im Be­trieb be­ein­flus­sen und ko­or­di­nie­ren. Bei sol­chen Maßnah­men soll der Be­triebs­rat mit­be­stim­men. Dies soll gewähr­leis­ten, dass die Ar­beit­neh­mer gleich­be­rech­tigt an der Ge­stal­tung des be­trieb­li­chen Zu­sam­men­le­bens teil­ha­ben können. Das Mit­be­stim­mungs­recht be­steht bezüglich sol­cher Maßnah­men, die das Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb be­tref­fen. Nur sol­che An­ord­nun­gen un­ter­lie­gen nicht dem Mit­be­stim­mungs­recht, mit de­nen die Ar­beits­pflicht un­mit­tel­bar kon­kre­ti­siert wird. An­ord­nun­gen, die da­zu die­nen, das sons­ti­ge Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer zu ko­or­di­nie­ren, be­tref­fen die Ord­nung des Be­triebs. Über de­ren Einführung und über de­ren In­halt hat der Be­triebs­rat mit­zu­be­stim­men.

- 9 -

cc) Bei An­wen­dung die­ser zu­tref­fen­den Grundsätze auf den streit­ge­genständ­li­chen Ver­hal­tens­ko­dex er­gibt sich Fol­gen­des:

Auf S. 29 der Richt­li­nie (Bl. 42 d.A.) heißt es:

„Al­le A-Mit­ar­bei­ter müssen den Ver­hal­tens­ko­dex so­wie die Grundsätze und Ver­fah­ren des Un­ter­neh­mens ge­nau be­fol­gen und mut­maßli­che Verstöße um­ge­hend mel­den.“

Mit die­ser Ver­pflich­tung (Whist­leb­lo­wer-Klau­sel) wird ei­ne Re­ge­lung des be­trieb­li­chen Zu­sam­men­le­bens und Zu­sam­men­wir­kens auf­ge­stellt. Es soll das Ver­hal­ten der Be­leg­schaft im Be­trieb be­ein­flusst und ko­or­di­niert wer­den. Die­se Mel­de­pflicht, die für den Fall der Nich­terfüllung mit „Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren bis hin zur Kündi­gung“ ge­ahn­det wer­den kann (S. 30 des Ko­de­xes, Bl. 43 d.A.), löst da­her zunächst als sol­che den Mit­be­stim­mungs­tat­be­stand gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG aus. Die auf­ge­stell­te Ver­pflich­tung be­trifft das Ord­nungs- und nicht nur das Ar­beits­ver­hal­ten, denn sie geht weit über das hin­aus, was zur un­mit­tel­ba­ren Kon­kre­ti­sie­rung der Ar­beits­pflicht er­for­der­lich ist. Die auf­ge­stell­te Ver­pflich­tung be­schränkt sich eben nicht dar­auf, die Treue­pflicht der Ar­beit­neh­mer da­hin­ge­hend zu kon­kre­ti­sie­ren, dass dem Ar­beit­ge­ber kon­kret dro­hen­des schädi­gen­des Ver­hal­ten durch an­de­re Ar­beit­neh­mer mit­zu­tei­len ist. Da die an­ge­spro­che­ne Klau­sel Teil ei­nes gan­zen Pro­gramms zur Ein­hal­tung der Ver­hal­tens­re­geln und zur Wah­rung der In­te­grität ist (Bl. 27 - 31 des Ver­hal­tens­ko­de­xes, Bl. 40 - 44 d.A.), ord­net die Ar­beit­ge­be­rin da­mit ein stan­dar­di­sier­tes Vor­ge­hen ih­rer Ar­beit­neh­mer an, das durch die zu erfüllen­de ar­beits­ver­trag­li­che Ne­ben­pflicht selbst nicht zwin­gend vor­ge­ge­ben ist. Ein sol­cher Sach­ver­halt un­ter­liegt als sol­cher dem Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG (vgl. auch BAG, Be­schluss vom 28.05.2002, a.a.O., zu B. III. 2. a) d.Gr.).

Die im Ver­hal­tens­ko­dex nor­mier­te Mel­de­pflicht ist je­doch nicht nur ei­ne Ver­fah­rens­re­ge­lung. Ih­re Wir­kun­gen be­schränken sich nicht auf das Verhält­nis des zur Mel­dung ver­pflich­te­ten Ar­beit­neh­mers ge­genüber sei­nem Vor­ge­setz­ten als Adres­sa­ten ei­ner sol­chen Mel­dung. Viel­mehr wird durch die auf das Ver­hal­ten der Ar­beits­kol­le­gen be­zo­ge­ne Mel­de­pflicht auch de­ren Verhält­nis zu­ein­an­der ge­prägt. Die Of­fen­heit im Um­gang mit­ein­an­der, die Un­be­fan­gen­heit des Zu­sam­men­wir­kens und Zu­sam­men­le­bens in ei­nem Be­trieb wer­den durch ei­ne „Whist­leb­lo­wer-Pflicht“ im Kern ge­trof­fen. Die­ser Ein­fluss ei­ner Mel­de­pflicht auf die Be­triebskul­tur wird um­so gra­vie­ren­der sein, je wei­ter der Nor­men­ka­ta­log reicht, des­sen Ver­let­zung die Mel­de­pflicht auslösen soll. Wenn das Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG gewähr­leis­ten soll, dass die Ar­beit­neh­mer gleich­be­rech­tigt an der Ge­stal­tung des be­trieb­li­chen Zu­sam­men­le­bens teil­ha­ben sol­len (BAG, a.a.O., zu B. I. 2. a) d.Gr.), so muss es sich auf die Ge­stal­tung des Ver­hal­tens­ko­de­xes er­stre­cken, über des­sen Ver­let­zung durch an­de­re Ar­beit­neh­mer ei­ne Mel­de­pflicht be­gründet wer­den soll. Die Mel­de­pflicht als der das Mit­be­stim­mungs­recht auslösen­de Tat­be­stand kann nicht los­gelöst vom In­halt des zu Mel­den­den gewürdigt wer­den. Ei­ne Mel­de­pflicht als Ver­fah­rens­re­ge­lung oh­ne Ge­gen­stand wäre sinn­los. Erst durch ei­nen be­stimm­ten Ka­ta­log von zu mel­den­den In­hal­ten wird die Ge­stal­tung des be­trieb­li­chen Zu­sam­men­le­bens be­wirkt, an der die Ar­beit­neh­mer über Be­triebsräte gleich­be­rech­tigt teil­ha­ben sol­len.

Dar­aus er­gibt sich für den vor­lie­gen­den Fall, dass durch die gleich­sam „vor die Klam­mer ge­zo­ge­ne“ Mel­de­pflicht bezüglich sei­ner Ver­let­zun­gen der ge­sam­te Ver­hal­tens­ko­dex dem Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG un­ter­liegt. Auch so­weit er nicht das Ord­nungs­ver­hal­ten, son­dern un­mit­tel­bar das Ar­beits­ver­hal­ten re­gelt oder le­dig­lich ge­setz­lich oh­ne­hin be­ste­hen­de Ver­pflich­tun­gen wie­der­holt, wird durch die Ver­pflich­tung zur Mel­dung ent­spre­chen­der Verstöße das Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer ge­re­gelt und da­mit das Mit­be­stim­mungs­recht aus­gelöst. Dies gilt schließlich auch für die zahl­rei­chen Pro­grammsätze und Selbst­ver­pflich­tun­gen des Un­ter­neh­mens, die der Ko­dex for­mu­liert. Denn auch ih­nen wer­den al­le Mit­ar­bei­ter mit ih­rer ge­sam­ten Per­son ver­pflich­tet. Dies er­gibt sich schon dar­aus, dass sämt­li­che ent­spre­chen­den Pos­tu­la­te in den ers­ten vier Ab­schnit­ten des Ver­hal­tens­ko­de­xes mit der For­mu­lie­rung der ers­ten Per­son plu­ral be­gin­nen („Wir re­spek­tie­ren ...“; Wir le­ben ...“; Wir schützen ...“). Wei­ter wer­den un­ter der Über­schrift „Wir le­ben nach un­se­ren Wer­ten“ al­le Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet, „als Ver­tre­ter des Un­ter­neh­mens ge­genüber der Außen­welt“ ei­nen „gu­ten Ein­druck von uns und un­se­rem Un­ter­neh­men“ zu hin­ter­las­sen (S. 5 des Ko­de­xes, Bl. 18 d.A.). Auf der­sel­ben

- 10 -

Sei­te wird „je­der“ da­zu ver­pflich­tet, Si­tua­tio­nen zu ver­mei­den, die ei­nen Kon­flikt zwi­schen sei­nen persönli­chen In­ter­es­sen und de­nen des Un­ter­neh­mens schaf­fen könn­te. Auf S. 27 der Richt­li­nie heißt es, dass de­ren Ein­hal­tung die ers­te und wich­tigs­te Auf­ga­be je­des Mit­ar­bei­ters sei. Mit wel­cher To­ta­lität Persönlich­keit, Denk­wei­se und Welt­sicht durch das Un­ter­neh­men ge­prägt wer­den sol­len, macht schließlich fol­gen­de For­mu­lie­run­gen auf S. 33 (Bl. 46 d.A.) des Ko­de­xes deut­lich:

„Die Be­ur­tei­lung von Per­so­nen ba­siert so­wohl auf den von ih­nen er­ziel­ten Er­geb­nis­sen als auch
dar­auf, in­wie­weit sie A Ver­hal­tens­wei­sen verkörpern.

...
Wachs­tum und Kun­den­fo­kus be­deu­ten, dass wir nur dann ex­pan­die­ren können, wenn wir un­se­re Denk­wei­se ändern. ...

...
Glo­ba­le Denk­wei­se be­deu­tet, das Geschäft aus al­len re­le­van­ten Blick­win­keln zu be­trach­ten und die Welt als in­te­grier­te Wertschöpfungs­ket­ten auf­zu­fas­sen.“

Auch so­weit der Ver­hal­tens­ko­dex da­her Selbst­ver­pflich­tun­gen des Un­ter­neh­mens for­mu­liert, wer­den die Ar­beit­neh­mer auf die dar­ge­stell­te Wei­se mit ih­nen iden­ti­fi­ziert und für ih­re Um­set­zung in An­spruch ge­nom­men. Ei­ne Mel­de­pflicht bezüglich auch mut­maßli­cher Verstöße ge­gen ei­nen sol­chen Ver­hal­tens­ko­dex soll und wird das Ver­hal­ten der Be­leg­schaft im Be­trieb be­ein­flus­sen und un­ter­liegt da­her nach deut­schem Be­triebs­ver­fas­sungs­recht der Mit­be­stim­mung.

b) Die hier­ge­gen ge­rich­te­ten Einwände der Ar­beit­ge­be­rin grei­fen nicht durch.

aa) Ih­re Einschätzung, der Ver­hal­tens­ko­dex ent­hal­te kei­ne ver­bind­lich zu ver­fol­gen­den Re­geln und sol­le le­dig­lich ei­ne Ori­en­tie­rungs­hil­fe und Leit­li­nie ab­ge­ben (S. 18 ih­res Schrift­sat­zes vom 28.07.2005, Bl. 147 d.A.; S. 24 f. der Be­schwer­de­an­schluss­schrift vom 07.08.2006, Bl. 306 f. d.A.), ist un­zu­tref­fend. Dem steht der ein­deu­ti­ge Wort­laut des Ver­hal­tens­ko­dex ent­ge­gen, wenn es auf S. 27 (Bl. 40 d.A.) heißt, dass die Ein­hal­tung des Ver­hal­tens­ko­de­xes die ers­te und wich­tigs­te Auf­ga­be je­des Mit­ar­bei­ters ist. Auch auf S. 33 wird noch ein­mal klar­ge­stellt (Bl. 46 d.A.), dass al­le Mit­ar­bei­ter den Ver­hal­tens­ko­dex ein­hal­ten müssen und dass kei­ne Aus­nah­men ge­macht wer­den. Sch­ließlich heißt es auch in ei­nem von der Mut­ter­ge­sell­schaft stam­men­den An­schrei­ben an al­le Mit­ar­bei­ter (Bl. 15 d.A.), dass von je­dem Mit­ar­bei­ter er­war­tet wer­de, dass er die Richt­li­nie „so­wohl sinn­gemäß als auch buch­sta­ben­ge­treu be­folgt“.

bb) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Ar­beit­ge­be­rin liegt dem Ver­hal­tens­ko­dex ein Ge­samt­kon­zept zu­grun­de, auch wenn er sich in un­ter­schied­li­che Ab­schnit­te glie­dert. Aus den oben un­ter 2. a) cc n ) dar­ge­leg­ten Gründen be­schränkt sich das zu be­ja­hen­de Mit­be­stim­mungs­recht nicht et­wa nur auf den Ab­schnitt „Un­se­re Be­zie­hun­gen zum Un­ter­neh­men und un­ter­ein­an­der“. Die auf den ge­sam­ten Ver­hal­tens­ko­dex be­zo­ge­ne Mel­de­ver­pflich­tung macht ihn aus den dort ge­nann­ten Gründen auch ins­ge­samt mit­be­stim­mungs­pflich­tig.

cc) Zu Un­recht will die Ar­beit­ge­be­rin aus dem ge­mein­sa­men Vor­wort (Bl. 228 d.A.) her­lei­ten, es ha­be Ein­verständ­nis über ei­ne nur teil­wei­se Gel­tung des Ver­hal­tens­ko­de­xes ge­ge­ben, da dort aus­drück­lich die Wirk­sam­keit be­stimm­ter Pas­sa­gen aus­ge­schlos­sen wor­den sei. Das ge­nann­te Vor­wort hat nämlich schon des­halb kei­nen Ein­fluss auf den Ge­halt des Ver­hal­tens­ko­de­xes, weil es nicht sein Be­stand­teil ist. Dem ge­mein­sa­men Vor­wort ist auch nicht zu ent­neh­men, dass der Kon­zern­be­triebs­rat dar­in - ggf. teil­wei­se - sein Mit­be­stim­mungs­recht aus­geübt hätte. Ei­ner sol­chen An­nah­me steht schon das ge­mein­sa­me Schrei­ben vom 19.07.2004 (Bl. 49 d.A.) ent­ge­gen, wo­nach der Ver­hal­tens­ko­dex im Hin­blick auf die Mit­be­stim­mungs­pflich­tig­keit ar­beits­ge­richt­lich über­prüft wer­den soll­te.

Nichts an­de­res er­gibt sich auch aus der „Einführung“ auf S. 3 f. (Bl. 16 f. d.A.) des Ver­hal­tens­ko­de­xes. Dort wird der Vor­rang des ört­lich gel­ten­den Rechts so­wie et­wai­ger ar­beits­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen an­er­kannt. Dar­aus er­gibt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der

- 11 -

Ar­beit­ge­be­rin (S. 21 f. ih­res Schrift­sat­zes vom 07.08.2006, Bl. 600 f. d.A.) je­doch nicht, dass der Ko­dex teil­bar sein soll­te. Die­se For­mu­lie­rung führt le­dig­lich für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zu zusätz­li­cher Un­klar­heit darüber, wel­che Tei­le des Ver­hal­tens­ko­de­xes un­ter Umständen un­be­acht­lich sein könn­ten. An ih­rer Ver­pflich­tung, auch mut­maßli­che Verstöße ge­gen den Ver­hal­tens­ko­dex zur Ver­mei­dung dis­zi­pli­na­ri­scher Kon­se­quen­zen zu mel­den, ändert dies nichts. Dies aber ist der das Mit­be­stim­mungs­recht des Kon­zern­be­triebs­rats auslösen­de Um­stand.

dd) Sch­ließlich ist das Mit­be­stim­mungs­recht des Kon­zern­be­triebs­rats auch we­der durch To­le­rie­rung noch durch sein Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit aus­geübt und da­mit ver­braucht wor­den.

Die Ar­beit­ge­be­rin be­haup­tet hier­zu, in sämt­li­chen Ein­z­elfällen sei der Ko­dex stets „nach Rück­spra­che und Be­tei­li­gung der ein­zel­nen Be­triebsräte/Ge­samt­be­triebsräte bzw. des Kon­zern­be­triebs­rats ein­geführt“ wor­den (S. 3 ih­res Schrift­sat­zes vom 28.07.2005, Bl. 132 d.A. so­wie S. 4 ih­res Schrift­sat­zes vom 07.08.2006, Bl. 583 d.A.). Aus die­sem Vor­trag ist we­der der Ab­schluss ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung noch der­je­ni­ge ei­ner form­lo­sen Re­ge­lungs­ab­re­de zu ent­neh­men, durch die das Mit­be­stim­mungs­recht gem. § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG hätte aus­geübt wer­den können (Fit­ting, 23. Aufl. 2006, § 87 Rn 579 - 582). Über die ent­spre­chen­de Be­haup­tung der Ar­beit­ge­be­rin muss­te da­her kein Be­weis er­ho­ben wer­den. Eben­so we­nig be­durf­te es ei­ner Prüfung, in­wie­weit der streit­ge­genständ­li­che Ver­hal­tens­ko­dex mit et­wai­gen Vorgänger­tex­ten in­halt­lich übe­rein­stimmt.

Die An­nah­me der Ar­beit­ge­be­rin, der Kon­zern­be­triebs­rat ha­be durch die im ge­mein­sa­men Schrei­ben vom 19.07.2004 zum Aus­druck ge­brach­te To­le­rie­rung des Ver­hal­tens­ko­de­xes sein Mit­be­stim­mungs­recht aus­geübt, trifft nicht zu. Mit die­sem Verständ­nis des Schrei­bens rückt die Ar­beit­ge­be­rin von der dar­in „auf der Ba­sis kon­struk­ti­ver Gespräche“ ge­fun­de­nen ge­mein­sa­men Lösung ab. In dem Schrei­ben heißt es nämlich aus­drück­lich, dass der Kon­zern­be­triebs­rat „oh­ne Auf­ga­be sei­ner Rechts­po­si­ti­on die Einführung des Codes“ to­le­rie­re. Wei­ter wird dar­in klar­ge­stellt, dass mit der schrift­li­chen Bestäti­gung des Er­halts der Broschüre kei­ne Ver­pflich­tungs­erklärung der Ar­beit­neh­mer auf den Code er­fol­ge. Sch­ließlich kündigt der Kon­zern­be­triebs­rat dar­in an, zur endgülti­gen Klärung der Rechts­la­ge im Hin­blick auf Mit­be­stim­mungs­rech­te ein ar­beits­ge­richt­li­ches Be­schluss­ver­fah­ren - nämlich das vor­lie­gen­de - ein­lei­ten zu wol­len.

B.

Da auf­grund der Ausführun­gen oben un­ter A. dem wei­ter­ge­hen­den Haupt­an­trag des Kon­zern­be­triebs­rats statt­ge­ge­ben wur­de, ist die An­schluss­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin ge­gen die ar­beits­ge­richt­li­che Ent­schei­dung, mit der den Hilfs­anträgen des Kon­zern­be­triebs­rats teil­wei­se statt­ge­ge­ben wur­de, zurück­zu­wei­sen.

Die­se Ent­schei­dung er­geht gem. § 2 Abs. 2 GKG ge­richts­kos­ten­frei.

Die Rechts­be­schwer­de ist gem. § 92 Abs. 1 i.V.m. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG zu­zu­las­sen.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 5 TaBV 31/06  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880