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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Sozialplan
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Akten­zeichen: 14 Sa 201/07
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 04.06.2007
   
Leit­sätze:

Es verstößt nicht ge­gen § 75 Be­trVG, wenn in ei­nem So­zi­al­plan für Ar­beit­neh­mer, die un­mit­tel­bar nach ih­rem Aus­schei­den in den vor­ge­zo­ge­nen Ru­he­stand ge­hen können, ge­rin­ge­re So­zi­al­plan­leis­tun­gen vor­ge­se­hen wer­den.

Nach § 10 Nr 6 AGG ist ei­ne ent­spre­chen­de Dif­fe­ren­zie­rung in So­zi­alplänen zulässig.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Köln
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 14 Sa 201/07

 

Te­nor:

1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 22.12.2006 – 11 Ca 2183/06 – wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe der dem Kläger zu­ste­hen­den So­zi­al­plan­ab­fin­dung.

Der am 23.11.1945 ge­bo­re­ne Kläger war seit dem 01.10.1979 bei der Be­klag­ten als Bau­ma­schi­nenführer beschäftigt.

Sein mo­nat­li­cher Brut­to­ver­dienst be­trug zu­letzt 2.616,00 €. 

Seit dem 07.02.2002 ist der Kläger als Schwer­be­hin­der­ter mit ei­ne Grad der Be­hin­de­rung von 90 % an­er­kannt.

Die Be­klag­te schloss mit dem bei ihr be­ste­hen­den Ge­samt­be­triebs­rat am 16.12.2004 ei­nen Rah­men­so­zi­al­plan, der für al­le Be­triebsände­run­gen gel­ten soll­te (Blatt 23 bis 31 d. A.).

In Zif­fer 1 des Rah­men­so­zi­al­plans war ge­re­gelt, dass der So­zi­al­plan un­ter an­de­rem kei­ne An­wen­dung fin­den soll­te auf Ar­beit­neh­mer, die im Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf ei­ne un­ge­min­der­te Al­ters­ren­te (ge­setz­lich oder

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gleich­ge­stellt) ha­ben.

Für die Möglich­keit, vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te in An­spruch zu neh­men, enthält der Rah­men­so­zi­al­plan fol­gen­de Re­ge­lung in Nr. 4.5:

Nr. 4.5.1 Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sig­keit 

Ar­beit­neh­mer, die nach ei­nem in un­mit­tel­ba­rem An­schluss an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fol­gen­den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld nach § 127 SGB III – sog. Ar­beits­lo­sen­geld 1 – An­spruch auf Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sig­keit ha­ben, er­hal­ten 50 % der Ab­fin­dung nach Ziff. 4.3, ggf. zzgl. der Stei­ge­rungs­beträge nach Ziff. 4.4 ( )

Außer­dem er­hal­ten die­se Ar­beit­neh­mer für je­den Mo­nat der vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me der Al­ters­ren­te zum Aus­gleich von Ren­ten­ab­schlägen ei­nen Be­trag von
160,00 €. ( )

4.5.2 Al­ters­ren­te nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses 

Ar­beit­neh­mer, die in un­mit­tel­ba­rem Ab­schluss an die Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te (ge­setz­lich oder gleich­ge­stellt) mit Ab­schlägen ha­ben, er­hal­ten für je­den Mo­nat der vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me ei­ner sol­chen Al­ters­ren­te zum Aus­gleich der Ren­tenkürzung ei­ne Ab­fin­dungs­pau­scha­le in Höhe von 160,00 €, höchs­tens je­doch 9.600,00 € brut­to.

Die Re­gel­ab­fin­dung würde für den Kläger an­ge­sichts der Dau­er sei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit sei­nes Al­ters und sei­nes Mo­nats­ein­kom­mens grundsätz­lich 47.747,23 € (gem. Ziff. 4.3 des So­zi­al­plans) be­tra­gen und sich auf­grund sei­ner Schwer­be­hin­de­rung um zusätz­li­che 4.000,00 € erhöhen (gem. Ziff. 4.4 des Rah­men­so­zi­al­plans).

Mit Schrei­ben vom 25.05.2005 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis im Rah­men ei­ner Be­triebsände­rung auf­grund der Sch­ließung ei­ner Nie­der­las­sung zum 31.12.2005 (Bl. 34 d. A.).

Vom 02.01.2006 bis zum 31.07.2006 war der Kläger ar­beits­los ge­mel­det und er­hielt bis zum die­sem Zeit­punkt Ar­beits­lo­sen­geld (sie­he Auf­he­bungs­be­scheid der Bun­des­agen­tur für Ar­beit – Bl. 69 f. d. A.). Seit dem 01.08.2006 be­zieht der Kläger vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te mit ei­nem Ab­schlag von 7,5 %.

Ab dem 01.12.2008 wird der Kläger An­spruch auf un­ge­min­der­te Al­ters­ren­te ha­ben. 

Die Be­klag­te hat dem Kläger ei­nen Ab­fin­dungs­an­spruch in Höhe von 5.600,00 € gemäß Zif­fer 4.5.2 des Rah­men­so­zi­al­plans zu­er­kannt, in­dem sie dem Kläger für ins­ge­samt 35 Mo­na­te vom Be­ginn sei­nes Aus­schei­dens bis zum Be­ginn des An­spruchs auf un­ge­min­der­te Al­ters­ren­te am 01.12.2008 je­weils 160,00 € Ab­fin­dungs­pau­scha­le zu­er­kannt hat.

Dem ge­genüber hat der Kläger den Stand­punkt ver­tre­ten, ihm ste­he ein höhe­rer Ab­fin­dungs­be­trag zu.

Mit sei­ner Kla­ge hat der Kläger erst­in­stanz­lich gel­tend ge­macht, er könne den vol­len Re­gel­ab­fin­dungs­be­trag von 51.747,23 € (Re­gel­ab­fin­dung in Höhe von 47.747,23 € plus Stei­ge­rungs­be­trag für Schwer­be­hin­de­rung in Höhe von 4.000,00 €) ver­lan­gen. Abzüglich des von der Be­klag­ten zu­er­kann­ten Be­tra­ges ha­be er da­her ei­nen An­spruch auf 46.147,23 € brut­to.

Der Kläger hat be­an­tragt, 

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 46.147,23 € brut­to nebst 5 % Zin­sen über

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dem Ba­sis­zins­satz seit dem 22.03.2006 (Rechtshängig­keit) zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 

Die Be­klag­te hat den Stand­punkt ver­tre­ten, dass dem Kläger nur So­zi­al­plan­ansprüche nach 25 Ziff. 4.5.2 des Rah­men­so­zi­al­plans zustünden, da er un­mit­tel­bar nach sei­nem Aus­schei­den An­spruch auf die vor­zei­ti­ge Al­ters­ren­te mit Ab­schlägen ge­habt ha­be.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge durch Ur­teil vom 22.12.2006 (Bl. 50 ff. d. A.) ab­ge­wie­sen. 

Es hat zur Be­gründung dar­auf ab­ge­stellt, dass der Kläger kei­nen An­spruch auf die Re­gel­ab­fin­dung ha­be, da für ihn in die Son­der­re­ge­lung der Zif­fer 4.5.2 des Rah­men­so­zi­al­plans gel­te. Der Rah­men­so­zi­al­plan sei so aus­zu­le­gen, dass die Vor­schrift der Zif­fer 4.5.2 als Spe­zi­al­vor­schrift den übri­gen Ab­fin­dungs­re­ge­lun­gen des Rah­men­so­zi­al­plans vor­ge­he.

Ge­gen die­ses dem Kläger am 23.01.2007 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger durch am 22.02.2007 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­le­gen und die­se mit am 22.03.2007 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz be­gründen las­sen.

In der Be­ru­fungs­in­stanz hat der Kläger sei­nen An­spruch re­du­ziert auf 23.073,61 € brut­to. Der Kläger be­ruft sich in­so­weit auf die Re­ge­lung in Zif­fer 4.5.1 des Rah­men­so­zi­al­plans. Da­nach ha­be der Kläger An­spruch auf die Hälf­te des Re­gel­ab­fin­dungs­be­tra­ges.

Der Kläger erfülle die Vor­aus­set­zun­gen der Zif­fer 4.5.1 des Rah­men­so­zi­al­plans. Nach Zif­fer 4.5.1 be­ste­he ein 50 %iger An­spruch auf Ab­fin­dung für die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer, die nach ei­nem in un­mit­tel­ba­rem An­schluss an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fol­gen­den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld An­spruch auf Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sig­keit ha­ben. Da der Kläger tatsächlich zunächst nach Wirk­sam­wer­den der Kündi­gung sich ar­beits­los ge­mel­det ha­be und tatsächlich auch Ar­beits­lo­sen­geld be­kom­men ha­be und erst an­sch­ließend den An­spruch auf vor­ge­zo­ge­nes Al­ters­ru­he­geld rea­li­siert ha­be, sei Zif­fer 4.5.1 des Rah­men­so­zi­al­pla­nes ein­schlägig.

Es han­de­le sich hier so­mit um ei­nen Fall von An­spruch auf Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sen­geld­be­zug, so dass 50 % des Re­gel­ab­fin­dungs­be­tra­ges er­hal­ten blie­ben.

Der Kläger be­an­tragt, un­ter teil­wei­ser Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 22.12.2006 – 11 Ca 2183/06 -,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len an den Kläger 23.073,61 € brut­to nebst 5 % über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 22.03.2006 (Rechtshängig­keit) zu zah­len.

Die Be­klag­te be­an­tragt, 

die Be­ru­fung kos­ten­pflich­tig zurück­zu­wei­sen. 

Die Be­klag­te macht gel­tend, die auf­grund der Re­du­zie­rung der Kla­ge­for­de­rung vor­ge­nom­me­ne Kla­geände­rung sei nicht nach­voll­zieh­bar, die Ansprüche auch nicht un­strei­tig.

Über den zu­er­kann­ten Be­trag hin­aus stünden dem Kläger kei­ne So­zi­al­plan­ansprüche mehr zu.

Der Rah­men­so­zi­al­plan se­he von sei­nem Re­ge­lungs­cha­rak­ter her ein nach so­zia­ler Schutzwürdig­keit ab­ge­stuf­tes Ab­fin­dungs­sys­tem vor, wo­bei sich die Ab­fin­dungshöhe nach den aus­zu­glei­chen­den Nach­tei­len rich­te.

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In­ner­halb ih­res Er­mes­sens­spiel­raums sei­en die Be­triebs­par­tei­en da­von aus­ge­gan­gen, dass Per­so­nen, die zunächst ei­ne Zeit der Ar­beits­lo­sig­keit über­brücken müssen, größere Nach­tei­le hätten, als Per­so­nen mit im An­schluss an das Ar­beits­verhält­nis un­mit­tel­bar an­sch­ließen­der Al­ters­ren­te, auch wenn die­se gg­fls. ge­min­dert sei.

Un­strei­tig ha­be der Kläger zum Zeit­punkt sei­nes Aus­schei­dens ei­nen un­mit­tel­bar an­sch­ließen­den An­spruch auf Al­ters­ren­te ge­habt. Nicht ent­schei­dend sei, dass der Kläger die­sen ge­setz­li­chen An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te zunächst nicht gel­tend ge­macht ha­be, son­dern sich ent­schie­den ha­be, zunächst Ar­beits­lo­sen­geld zu be­an­tra­gen. Denn der Rah­men­so­zi­al­plan ent­hal­te ei­ne abs­trak­te Re­ge­lung. Er un­ter­schei­de nicht da­nach, ob der An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ner Al­ters­ren­te tatsächlich gel­tend ge­macht wor­den sei. Dem So­zi­al­plan lie­ge die Über­le­gung zu­grun­de, dass Per­so­nen, die ei­ne Ar­beits­lo­sig­keit zu über­brücken hätten, größere so­zia­le Nach­tei­le in Kauf zu neh­men hätten, als sol­che, die un­mit­tel­bar in den vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ru­he­stand wech­seln könn­ten.

An­sons­ten würde die Re­ge­lung in 4.5.2 des Rah­men­so­zi­al­plans auch leer lau­fen, da je­der Ar­beit­neh­mer, der ei­gent­lich An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te ha­be, sich dann ent­schei­den könne, zunächst für ei­nen Tag Ar­beits­lo­sen­geld zu be­an­spru­chen und erst dann in den vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ru­he­stand zu ge­hen und auf die­se Wei­se ei­nen we­sent­lich höhe­ren Ab­fin­dungs­be­trag rea­li­sie­ren könn­te.

We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe:

Die zulässi­ge Be­ru­fung ist nicht be­gründet. So­zi­al­plan­ansprüche über den zu­er­kann­ten Um­fang hin­aus können dem Kläger nicht zu­ge­spro­chen wer­den.

I. Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist statt­haft gemäß § 64 ArbGG. Sie ist auch frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den.

Kei­nen Be­den­ken be­geg­net es, dass die Kläger­sei­te ih­re Be­ru­fung in­so­weit be­schränkt hat, als sie in der Be­ru­fungs­in­stanz an­stel­le des vol­len Re­gel­ab­fin­dungs­be­tra­ges nur noch 50 % des Re­gel­ab­fin­dungs­be­tra­ges nach dem Rah­men­so­zi­al­plan ver­langt. Ei­ne sol­che Re­du­zie­rung der Kla­ge­for­de­rung ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten­sei­te be­reits we­gen § 264 Ziff. 2 ZPO kei­ne Kla­geände­rung. Dies gilt auch, wenn die Re­du­zie­rung in der Be­ru­fungs­in­stanz vor­ge­nom­men wird, (vgl. Baum­bach/Lau­ter­bach/Al­bers/Hart­mann, ZPO 64. Auf­la­ge § 533 ZPO Rnd-Ziff. 2).

II. Die Be­ru­fung ist nicht be­gründet. Ihr muss­te der Er­folg ver­sagt blei­ben. 

1. Im Er­geb­nis zu Recht ist das Ar­beits­ge­richt da­von aus­ge­gan­gen, dass auf den vor­lie­gen­den Fall Ziff. 4.5.2 des Rah­men­so­zi­al­plans als die spe­zi­el­le­re Norm an­zu­wen­den ist.

Da­nach steht An­spruchs­be­rech­tig­ten, die in un­mit­tel­ba­rem An­schluss an die Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te mit Ab­schlägen ha­ben, nur ei­ne Ab­fin­dungs­pau­scha­le in Höhe von 160,00 € pro Mo­nat zum Aus­gleich der mo­nat­li­chen Ren­tenkürzung zu. Den sich hier­aus er­ge­ben­den Be­trag hat der Kläger un­strei­tig er­hal­ten.

Zu­tref­fend ist al­ler­dings der An­satz der Kläger­sei­te, dass vom Wort­laut des Rah­men­so­zi­al­plans auch Zif­fer 4.5.1 ein­schlägig wäre. Die­se Va­ri­an­te setzt vor­aus, dass Ar­beit­neh­mer, die nach ei­nem in un­mit­tel­ba­rem An­schluss an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fol­gen­den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld An­spruch auf Al­ters­ren­te mit Ren­ten­ab­schlägen ha­ben. Vom Wort­laut her erfüllt der Kläger auch die­se Vor­aus­set­zun­gen,

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da er nach dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses bei der Be­klag­ten zunächst 7 Mo­na­te Ar­beits­lo­sen­geld be­zo­gen hat und erst da­nach den An­spruch auf Al­ters­ren­te mit Ab­schlägen rea­li­siert hat.

Aus­ge­hend vom Wort­laut des Rah­men­so­zi­al­plans ist da­her fest­zu­hal­ten, dass der Kläger so­wohl die Va­ri­an­te 4.5.1, die ihm 50 % der Re­gel­ab­fin­dung ver­schaf­fen würde, als auch die Va­ri­an­te 4.5.2, die nur ei­nen er­heb­lich nied­ri­ge­ren Ab­fin­dungs­be­trag er­bringt, erfüllt.

Vom Sinn und Zweck der Vor­schrif­ten des Rah­men­so­zi­al­plans muss al­ler­dings in Fällen wie dem Vor­lie­gen­den Zif­fer 4.5.2 als die spe­zi­el­le­re und da­mit ein­schlägi­ge Norm an­ge­se­hen wer­den.

Denn Ziff. 4.5.2 stellt dar­auf ab, ob der Ar­beit­neh­mer nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te hat, nicht dar­auf ob der An­spruch auch so­fort rea­li­siert wird oder zunächst ei­ne Pha­se des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zu­ges vor­ge­schal­tet wird. Es spricht auch viel dafür, dass die Be­triebs­part­ner die So­zi­al­plan­leis­tun­gen an die ob­jek­ti­ve An­spruchs­la­ge und nicht an die in­di­vi­du­el­len Ge­stal­tungsmöglich­kei­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer an­knüpfen woll­ten.

Die bes­se­re Ab­si­che­rung der­je­ni­gen, die un­ter Zif­fer 4.5.1 des Rah­men­so­zi­al­plans fal­len, lässt sich nur mit der Be­gründung recht­fer­ti­gen, dass die­se ein größeres Bedürf­nis beim Aus­gleich so­zia­ler Nach­tei­le ha­ben, weil sie zunächst ei­ne Pha­se der Ar­beits­lo­sig­keit bis zum vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ru­he­geld­be­zug über­brücken müssen.

An­ders ist es in Fällen wie de­nen des Klägers, weil sich hier die Not­wen­dig­keit der Über­brückung ei­ner Pha­se der Ar­beits­lo­sig­keit nicht stellt, da die Be­tref­fen­den so­fort vor­ge­zo­ge­nes Al­ters­ru­he­geld in An­spruch neh­men können.

Im Er­geb­nis muss es da­her da­bei ver­blei­ben, dass Zif­fer 4.5.2 des Rah­men­so­zi­al­plans auf die Fall­kon­stel­la­ti­on des Klägers als spe­zi­el­le­re Norm An­wen­dung fin­det, mit der Fol­ge, dass le­dig­lich die Ab­fin­dungs­pau­scha­le zum Aus­gleich der Ren­tenkürzung in Höhe von 160,00 € pro Mo­nat ver­langt wer­den kann, die der Kläger un­strei­tig er­hal­ten hat.

2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat fer­ner er­wo­gen, ob der Kläger zu­min­dest zusätz­lich den Ab­fin­dungs­be­trag für Schwer­be­hin­der­te gemäß Zif­fer 4.4 des Rah­men­so­zi­al­plans ver­lan­gen kann. Hierfür spricht im­mer­hin, dass der durch die Schwer­be­hin­de­rung be­ding­te Nach­teil bei An­wen­dung der Zif­fer 4.5.2 über­haupt nicht mehr in Rech­nung ge­stellt wird. Der Wort­laut des Rah­men­so­zi­al­plans steht ei­ner mögli­chen ergänzen­den Aus­le­gung je­doch ent­ge­gen. Denn der Ab­fin­dungs­be­trag für Schwer­be­hin­der­te nach Ziff 4.4 des Rah­men­so­zi­al­plans wird als Stei­ge­rungs­be­trag zur Re­gel­ab­fin­dung be­zeich­net. Zu­dem wird die­ser Be­trag aus­drück­lich in die Be­rech­nung der 50 %igen Ab­fin­dung nach Ziff. 4.5.1 ein­be­zo­gen, hin­ge­gen in der Va­ri­an­te 4.5.2 nicht erwähnt.

Da der Wil­le der Be­triebs­par­tei­en ein­deu­tig da­hin­geht, Ar­beit­neh­mern, die un­mit­tel­bar vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te be­an­spru­chen können, über die mo­nat­li­che Ab­fin­dungs­pau­scha­le in Höhe von 160,00 € kei­ne wei­te­ren Leis­tun­gen zu­kom­men zu las­sen, kann ei­ne aus­le­gungs­bedürf­ti­ge Re­ge­lungslücke im Er­geb­nis nicht an­ge­nom­men wer­den.

3. Die Re­ge­lun­gen des Rah­men­so­zi­al­plans können we­gen Ver­s­toßes ge­gen höher­ran­gi­ges Ge­set­zes­recht letzt­lich nicht be­an­stan­det wer­den.

Maßstab für die Be­ur­tei­lung ist § 75 Be­trVG, der die sach­wid­ri­ge Un­gleich­be­hand­lung ver­schie­de­ner Ar­beit­neh­mer­grup­pen ver­bie­tet. Da­zu gehört auch, dass kei­ne Be­nach­tei­li­gung un­ter an­de­rem we­gen des Al­ters vor­ge­nom­men wer­den darf.

In­so­weit ist in der Rechts­spre­chung an­er­kannt, dass es nicht ge­gen § 75 Be­trVG verstößt, wenn die Be­triebs­part­ner sol­che Ar­beit­neh­mer von So­zi­al­plan­leis­tun­gen aus­neh­men, die

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zum Zeit­punkt der Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses die Vor­aus­set­zun­gen für ein vor­ge­zo­ge­nes Al­ters­ru­he­geld erfüllen, (sie­he BAG Ur­teil vom 26.07.1988 – 1 AZR 156/87 –, NZA 1989, Sei­te 25 ff; BAG Ur­teil vom 31.07.1986 – 10 AZR 45/96 –, NZA 1997, Sei­te 165 ff.; LAG Köln vom 25.11.1998 – 7 Sa 654/98 -, NZA – RR 1999, Sei­te 588 f.).

Un­ter An­wen­dung die­ses in der Recht­spre­chung an­er­kann­ten Maßsta­bes kann es je­den­falls als nicht willkürlich und un­sach­gemäß ge­wer­tet wer­den, wenn die Ar­beit­neh­mer, die un­mit­tel­bar im An­schluss an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in den vor­ge­zo­ge­nen Ru­he­stand ge­hen können, als So­zi­al­plan­leis­tung nur ei­ne mo­nat­li­che Ab­fin­dungs­pau­scha­le in Höhe von 160,00 € pro Mo­nat er­hal­ten.

Die­ser An­satz wird durch das all­ge­mei­ne Gleich­stel­lungs­ge­setz (AGG) bestätigt. Denn § 10 Nr. 6 AGG lässt Dif­fe­ren­zie­run­gen von Leis­tun­gen in So­zi­alplänen im Sin­ne des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes zu, wenn die Par­tei­en ei­ne nach Al­ter oder Be­triebs­zu­gehörig­keit ge­staf­fel­te Ab­fin­dungs­re­ge­lung ge­schaf­fen ha­ben, in der die we­sent­lich vom Al­ter abhängen­den Chan­cen auf dem Ar­beits­markt durch ei­ne verhält­nismäßig star­ke Be­to­nung des Le­bens­al­ters er­kenn­bar berück­sich­tigt wor­den sind, oder Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­ge­schlos­sen ha­ben, die wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie, ge­ge­be­nen­falls nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld, Ren­ten­be­rech­tigt sind. Die in die­ser Be­stim­mung lie­gen­de Dif­fe­ren­zie­rungsmöglich­keit wird zwar als nicht un­pro­ble­ma­tisch an­ge­se­hen, (sie­he Er­fur­ter Kom­men­tar/Schlach­ter 7. Aufl. § 10 AGG Rd.-Ziff. 10). Letzt­lich wird ei­ne sol­che Dif­fe­ren­zie­rung aber als zulässig be­ur­teilt (so z.B. Bau­er NJW 2001, Sei­te 2672 ff., 2673.).

Da­bei ist zu be­ach­ten, dass die ge­setz­li­che Be­stim­mung des § 10 Nr. 6 AGB nicht nur ein­ge­schränk­te Leis­tun­gen an sol­che Ar­beit­neh­mer, die ge­ge­be­nen­falls erst nach ei­ner Pha­se der Ar­beits­lo­sig­keit vor­zei­tig Ren­te be­zie­hen können, zulässt, son­dern so­gar den vollständi­gen Aus­schluss. Die Dif­fe­ren­zie­rung ist al­ler­dings nur zulässig, wenn sie gemäß § 10 Satz 1 AGB ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist und wenn nach § 10 Satz 2 AGB die Mit­tel zur Er­rei­chung des Ziels an­ge­mes­sen und
er­for­der­lich sind.

Vor die­sem Hin­ter­grund geht die Kam­mer da­von aus, dass das AGG ei­ne Bestäti­gung der vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts enthält und es möglich macht, die So­zi­al­plan­leis­tun­gen an Ar­beit­neh­mer, die im An­schluss an ein Ar­beits­verhält­nis – ge­ge­be­nen­falls nach ei­ner Pha­se der Ar­beits­lo­sig­keit – vor­zei­ti­ges Al­ters­ru­he­geld in An­spruch zu neh­men, aus­zu­sch­ließen oder deut­lich nied­ri­ger zu be­mes­sen.

Nicht zu ver­ken­nen ist al­ler­dings, dass die Ab­gren­zung, die die Be­triebs­par­tei­en in Zif­fer 4.5.1 ei­ner­seits und 4.5.2 an­de­rer­seits ge­trof­fen ha­ben, im Ein­zel­fall zu we­nig sach­ge­rech­ten Er­geb­nis­sen führen kann. Denn nach die­ser Re­ge­lung enthält ein Ar­beit­neh­mer, der nur we­ni­ge Ta­ge ar­beits­los sein muss, um an­sch­ließend vor­ge­zo­ge­nes Al­ters­ru­he­geld in An­spruch neh­men zu können, ei­ne dras­tisch höhe­re Ab­fin­dung als ein sol­cher, der so­fort vor­ge­zo­ge­nes Al­ters­ru­he­geld in An­spruch neh­men kann.

Dies ver­deut­licht auch der vor­lie­gen­de Fall. Wäre der Kläger 2 Mo­na­te jünger, könn­te er statt des er­hal­te­nen Ab­fin­dungs­be­tra­ges von 5.600,00 € et­wa das Vier­fa­che die­ses Be­tra­ges als Ab­fin­dung ver­lan­gen. Dies liegt dar­an, dass die Re­ge­lung des 4.5.1 kei­ner­lei Dif­fe­ren­zie­rung hin­sicht­lich der Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit, die ein Ar­beit­neh­mer in Kauf neh­men muss, enthält. Denn nach der Re­ge­lung er­hal­ten die Ar­beit­neh­mer den 50 %igen Re­gel­ab­fin­dungs­be­trag un­abhängig da­von, ob sie nur we­ni­ge Ta­ge oder bei­spiels­wei­se 2 Jah­re Ar­beits­lo­sig­keit in Kauf neh­men müssen. Dies lässt sich nur – mit Be­den­ken - auf­recht er­hal­ten bei An­wen­dung ei­ner pau­scha­lier­ten Durch­schnitts­be­trach­tung, die dar­auf ab­stellt, die durch­schnitt­li­che wirt­schaft­li­che Be­trof­fen­heit durch Ar­beits­lo­sig­keit pau­schal ab­zu­gel­ten.

An­ge­sichts des­sen konn­ten letzt­lich die Be­stim­mun­gen der Zif­fer 4.5 nicht als Verstöße 

- 7 -

ge­gen § 75 Be­trVG ver­wor­fen wer­den.

III. Der Be­ru­fung des Klägers muss­te da­her der Er­folg ver­sagt blei­ben. Die Kos­ten­ent­schei­dung folg­te aus § 97 Abs. 1 ZPO.

Die Kam­mer hat die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen. Im Hin­blick dar­auf, dass bis­her noch kei­ne höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung zu § 10 AGG vor­liegt.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der kla­gen­den Par­tei 

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den. 

Die Re­vi­si­on muss 

in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat

schrift­lich beim 

Bun­des­ar­beits­ge­richt 

Hu­go-Preuß-Platz 1 

99084 Er­furt 

Fax: (0361) 2636 - 2000

ein­ge­legt wer­den. 

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, 

spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

(Dr. Grie­se)

(Fran­ke)

(Kau­lertz)

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