Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Unfallversicherung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Akten­zeichen: C-350/07
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 05.03.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Vorabentscheidungsersuchen eingereicht vom Sächsischen Landessozialgericht (Deutschland)
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Drit­te Kam­mer)

5. März 2009(*)

„Wett­be­werb – Art. 81 EG, 82 EG und 86 EG – Pflicht­ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten – Be­griff ‚Un­ter­neh­men‘ – Miss­brauch ei­ner be­herr­schen­den Stel­lung – Frei­er Dienst­leis­tungs­ver­kehr – Art. 49 EG und 50 EG – Be­schränkung – Recht­fer­ti­gung – Er­heb­li­che Gefähr­dung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts des Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit“

In der Rechts­sa­che C‑350/07

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 25. Ju­li 2007, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 30. Ju­li 2007, in dem Ver­fah­ren

Katt­ner Stahl­bau GmbH

ge­gen

Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Drit­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten A. Ro­sas, der Rich­ter A. Ó Cao­imh (Be­richt­er­stat­ter), J. Klučka und U. Lõhmus so­wie der Rich­te­rin P. Lindh,

Ge­ne­ral­an­walt: J. Mazák,

Kanz­ler: R. Grass,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– der Katt­ner Stahl­bau GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt R. Mau­er,

– der Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt H. Pla­ge­mann,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

– der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch V. Kreu­schitz und O. We­ber als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 18. No­vem­ber 2008

fol­gen­des

Ur­teil

Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 49 EG und 50 EG so­wie der Art. 81 EG, 82 EG und 86 EG. 

2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Katt­ner Stahl­bau GmbH (im Fol­gen­den: Katt­ner) und der Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft (im Fol­gen­den: MMB) über die Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner bei die­ser Be­rufs­ge­nos­sen­schaft im Rah­men der ge­setz­li­chen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten.

Na­tio­na­les Recht

3

In Deutsch­land ist das ge­setz­li­che Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten im Sieb­ten Buch des So­zi­al­ge­setz­buchs (Ge­setz vom 7. Au­gust 1996, BGBl 1998 I S. 1254, im Fol­gen­den: SGB VII) ge­re­gelt, das am 1. Ja­nu­ar 1997 in Kraft trat. § 1 SGB VII sieht vor, dass die­se Ver­si­che­rung zur Auf­ga­be hat,

„1. mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie ar­beits­be­ding­te Ge­sund­heits­ge­fah­ren zu verhüten,

2. nach Ein­tritt von Ar­beits­unfällen oder Be­rufs­krank­hei­ten die Ge­sund­heit und die Leis­tungsfähig­keit der Ver­si­cher­ten mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln wie­der­her­zu­stel­len und sie oder ih­re Hin­ter­blie­be­nen durch Geld­leis­tun­gen zu entschädi­gen“.

4

Aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen geht her­vor, dass die­ses Sys­tem ins­be­son­de­re auf fol­gen­den Be­stand­tei­len be­ruht.

Pflicht­mit­glied­schaft

5

Im Rah­men des ge­nann­ten Sys­tems sind al­le Un­ter­neh­men ver­pflich­tet, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten, die sach­lich und ört­lich für sie zuständig ist. Die ver­schie­de­nen Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten ha­ben den Sta­tus öffent­lich-recht­li­cher Körper­schaf­ten und ver­fol­gen kei­ne Ge­winn­ab­sicht. Nach den An­ga­ben der deut­schen Re­gie­rung und der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten gibt es zur­zeit 25 Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Je­de Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ist nach den ent­spre­chen­den Tätig­keits­sek­to­ren in meh­re­re Zwei­ge auf­ge­teilt.

Beiträge

6

§ 152 SGB VII („Um­la­ge“) be­stimmt in Abs. 1:

„Die Beiträge wer­den nach Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res, in dem die Bei­trags­ansprüche dem Grun­de nach ent­stan­den sind, im We­ge der Um­la­ge fest­ge­setzt. Die Um­la­ge muss den Be­darf des ab­ge­lau­fe­nen Ka­len­der­jah­res ein­sch­ließlich der zur An­samm­lung der Rück­la­ge nöti­gen Beträge de­cken. Darüber hin­aus dürfen Beiträge nur zur Zuführung zu den Be­triebs­mit­teln er­ho­ben wer­den.“

7

§ 153 SGB VII („Be­rech­nungs­grund­la­gen“) sieht vor:

„(1) Be­rech­nungs­grund­la­gen für die Beiträge sind, so­weit sich aus den nach­fol­gen­den Vor­schrif­ten nicht et­was an­de­res er­gibt, der Fi­nanz­be­darf (Um­la­ge­soll), die Ar­beits­ent­gel­te der Ver­si­cher­ten und die Ge­fahr­klas­sen.

(2) Das Ar­beits­ent­gelt der Ver­si­cher­ten wird bis zur Höhe des Höchst­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu­grun­de ge­legt.

(3) Die Sat­zung kann be­stim­men, dass der Bei­trags­be­rech­nung min­des­tens das Ar­beits­ent­gelt in Höhe des Min­dest­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes für Ver­si­cher­te, die das 18. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, zu­grun­de ge­legt wird. Wa­ren die Ver­si­cher­ten nicht während des gan­zen Ka­len­der­jah­res oder nicht ganztägig beschäftigt, wird ein ent­spre­chen­der Teil die­ses Be­tra­ges zu­grun­de ge­legt.

(4) Bei der Bei­trags­be­rech­nung kann von der Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr in den Un­ter­neh­men ganz oder teil­wei­se ab­ge­se­hen wer­den, so­weit Auf­wen­dun­gen für Ren­ten, Ster­be­geld und Ab­fin­dun­gen

1. auf Ver­si­che­rungsfällen in sol­chen Un­ter­neh­men be­ru­hen, die vor dem vier­ten dem Um­la­ge­jahr vor­aus­ge­gan­ge­nen Jahr ein­ge­stellt wor­den sind, oder

2. auf Ver­si­che­rungsfällen be­ru­hen, bei de­nen der Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Fest­stel­lung vor dem vier­ten dem Um­la­ge­jahr vor­aus­ge­gan­ge­nen Jahr liegt.

Der Ge­samt­be­trag der Auf­wen­dun­gen, die nach Satz 1 oh­ne Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr auf die Un­ter­neh­men um­ge­legt wer­den, darf 30 vom Hun­dert der Ge­samt­auf­wen­dun­gen für Ren­ten, Ster­be­geld und Ab­fin­dun­gen nicht über­stei­gen. Das Nähe­re be­stimmt die Sat­zung.“

8

§ 157 SGB VII („Ge­fahr­tarif“) be­stimmt:

„(1) Der Un­fall­ver­si­che­rungs­träger setzt als au­to­no­mes Recht ei­nen Ge­fahr­tarif fest. In dem Ge­fahr­tarif sind zur Ab­stu­fung der Beiträge Ge­fahr­klas­sen fest­zu­stel­len. …

(2) Der Ge­fahr­tarif wird nach Ta­rif­stel­len ge­glie­dert, in de­nen Ge­fah­ren­ge­mein­schaf­ten nach Gefähr­dungs­ri­si­ken un­ter Berück­sich­ti­gung ei­nes ver­si­che­rungsmäßigen Ri­si­ko­aus­gleichs ge­bil­det wer­den. …

(3) Die Ge­fahr­klas­sen wer­den aus dem Verhält­nis der ge­zahl­ten Leis­tun­gen zu den Ar­beits­ent­gel­ten be­rech­net.

…“

9

Nach den An­ga­ben von Katt­ner er­laubt § 161 SGB VII den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, in ih­rer Sat­zung ei­nen ein­heit­li­chen Min­dest­bei­trag fest­zu­set­zen.

10

§ 176 SGB VII („Aus­gleichs­pflicht“) be­stimmt in Abs. 1:

„So­weit

1. der Ren­ten­last­satz ei­ner ge­werb­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft das 4,5fache des durch­schnitt­li­chen Ren­ten­last­sat­zes der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten,

2. der Ren­ten­last­satz ei­ner ge­werb­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, die min­des­tens 20 und höchs­tens 30 vom Hun­dert ih­rer Auf­wen­dun­gen für Ren­ten, Ster­be­geld und Ab­fin­dun­gen nach § 153 Abs. 4 oh­ne Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr auf die Un­ter­neh­men um­legt, das Drei­fa­che des durch­schnitt­li­chen Ren­ten­last­sat­zes der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten oder

3. der Entschädi­gungs­last­satz ei­ner ge­werb­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft das Fünf­fa­che des durch­schnitt­li­chen Entschädi­gungs­last­sat­zes der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten

über­steigt, glei­chen die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten den über­stei­gen­den Las­ten­an­teil un­ter­ein­an­der aus. Über­steigt der Aus­gleichs­be­trag nach Satz 1 Nr. 2 den Be­trag, den die Be­rufs­ge­nos­sen­schaft nach Satz 1 Nr. 2 oh­ne Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr auf die Un­ter­neh­men um­legt, wird er auf die­sen Be­trag gekürzt.“

Leis­tun­gen

11

Die Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen un­mit­tel­ba­ren Leis­tungs­an­spruch ge­gen ih­re Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, oh­ne die Haf­tung des Ar­beit­ge­bers gel­tend ma­chen zu müssen (§§ 104 bis 109 SGB VII).

12

Die Lis­te der Leis­tun­gen und die Vor­aus­set­zun­gen für ih­re Gewährung sind in den §§ 26 bis 103 SGB VII nie­der­ge­legt. Der An­spruch auf die ent­spre­chen­den Leis­tun­gen ent­steht un­abhängig da­von, ob der Ar­beit­ge­ber im­stan­de ist, sei­nen Bei­trag zu zah­len. Nach § 85 SGB VII wer­den für die Be­rech­nung der Leis­tun­gen nur Ar­beits­ent­gel­te zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­ver­dienst berück­sich­tigt.

Aus­gangs­rechts­streit und Vor­la­ge­fra­gen

13 Katt­ner ist ei­ne Ge­sell­schaft mit be­schränk­ter Haf­tung deut­schen Rechts, die am 13. No­vem­ber 2003 ge­gründet wur­de und am 1. Ja­nu­ar 2004 ih­re Tätig­keit im Be­reich des Stahl-, Trep­pen- und Bal­kon­baus auf­nahm.
14

Am 27. Ja­nu­ar 2004 teil­te die MMB Katt­ner mit, dass sie der gemäß den Vor­schrif­ten des SGB VII für Katt­ner ge­setz­lich zuständi­ge Träger der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten sei und sie die­ses Un­ter­neh­men da­her als Mit­glied der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft auf­ge­nom­men und ihm im Übri­gen be­stimm­te Ge­fahr­klas­sen zu­ge­teilt ha­be.

15 Mit Schrei­ben vom 1. No­vem­ber 2004 teil­te Katt­ner der MMB ih­re Ab­sicht mit, sich pri­vat ge­gen die be­ste­hen­den Ri­si­ken ab­zu­si­chern, und kündig­te ih­re Pflicht­mit­glied­schaft zum Jah­res­en­de 2004.
16

Am 15. No­vem­ber 2004 teil­te die MMB Katt­ner mit, dass ein Aus­tritt bzw. ei­ne Kündi­gung der Mit­glied­schaft recht­lich nicht möglich sei, weil sie der für Katt­ner ge­setz­lich zuständi­ge Träger der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten sei, und dass ei­ne Ent­las­sung von Katt­ner aus der Mit­glied­schaft da­her ab­ge­lehnt wer­de. Mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 20. April 2005 er­hielt die MMB die­se Ent­schei­dung auf­recht.

17 Am 21. No­vem­ber 2005 wies das So­zi­al­ge­richt Leip­zig die von Katt­ner er­ho­be­ne Kla­ge ab.
18 Katt­ner leg­te beim Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt Be­ru­fung ein und macht vor die­sem Ge­richt zunächst gel­tend, dass die Zwangs­mit­glied­schaft bei der MMB die Dienst­leis­tungs­frei­heit gemäß den Art. 49 EG und 50 EG be­schränke. Katt­ner legt dafür ein An­ge­bot ei­ner däni­schen Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft vor, sie zu den­sel­ben Be­din­gun­gen wie die MMB ge­gen Ar­beits­unfälle, Be­rufs­krank­hei­ten und We­ge­unfälle zu ver­si­chern. Über­dies entsprächen die von die­ser Ge­sell­schaft er­brach­ten Leis­tun­gen den Leis­tun­gen, die das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge deut­sche Sys­tem vor­se­he. So­dann ver­s­toße die Aus­sch­ließlich­keits­stel­lung der MMB ge­gen die Art. 82 EG und 86 EG. Es ge­be kei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses, der ei­ne Mo­no­pol­stel­lung der deut­schen Träger der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten in ih­rem je­wei­li­gen Be­reich recht­fer­ti­gen könne.
19

Das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt legt in sei­ner Vor­la­ge­ent­schei­dung dar, dass grundsätz­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Sys­tem und dem im Ur­teil vom 22. Ja­nu­ar 2002, Ci­sal (C‑218/00, Slg. 2002, I‑691), be­han­del­ten ita­lie­ni­schen Sys­tem der ge­setz­li­chen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bestünden, so dass nicht al­le Fra­gen, die sich in dem bei ihm anhängi­gen Rechts­streit stell­ten, an­hand der vom Ge­richts­hof in die­sem Ur­teil ge­ge­be­nen Hin­wei­se be­ant­wor­tet wer­den könn­ten.

20 

Nach An­sicht des vor­le­gen­den Ge­richts ist nämlich zunächst frag­lich, ob die MMB ei­ne Ein­rich­tung ist, die durch Ge­setz mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der ob­li­ga­to­ri­schen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten be­traut ist. Ein we­sent­li­cher Un­ter­schied des ita­lie­ni­schen Sys­tems ge­genüber dem deut­schen be­ste­he in­so­weit dar­in, dass das Isti­tu­to na­zio­na­le per l’as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (INAIL) (Staat­li­che Un­fall­ver­si­che­rungs­an­stalt), um das es in der Rechts­sa­che Ci­sal ge­gan­gen sei, ein Mo­no­pol in­ne­ha­be, während das deut­sche Sys­tem auf ei­ner Oli­go­pol­struk­tur be­ru­he. Außer­dem sei die MMB nicht mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der ob­li­ga­to­ri­schen Ver­si­che­rung be­traut, son­dern bie­te die­se Ver­si­che­rung selbst an. Die Ver­wal­tungstätig­keit der MMB ent­spre­che im We­sent­li­chen der von Wirt­schafts­teil­neh­mern, ins­be­son­de­re der Tätig­keit von Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten.

21 Im Übri­gen meint das vor­le­gen­de Ge­richt, dass die Pflicht­mit­glied­schaft bei dem deut­schen Sys­tem ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten auch nicht für des­sen fi­nan­zi­el­les Gleich­ge­wicht oder die Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität un­erläss­lich sei. Da sich die Bei­tragshöhe aus von je­der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft au­to­nom fest­ge­setz­ten Re­ge­lun­gen er­ge­be und der Tätig­keits­be­reich der ein­zel­nen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft geändert wer­den könne, führe nämlich die Bil­dung von Fach- und Ge­biets­mo­no­po­len oh­ne Be­zug zu dem ent­spre­chen­den Ri­si­ko je nach willkürlich ge­bil­de­ter Ge­fah­ren­ge­mein­schaft zu un­ter­schied­li­chen Ta­ri­fen bei glei­chem Ri­si­ko. Außer­dem ge­be es kei­ne Re­ge­lung, nach der der Bei­trag bei ho­hen Ri­si­ken ei­nen be­stimm­ten Höchst­be­trag nicht über­schrei­ten dürfe. Über­dies sei der Min­dest­ver­dienst, der nach § 153 Abs. 3 SGB VII für die Bei­trags­be­rech­nung berück­sich­tigt wer­den könne, nicht zwin­gend vor­ge­se­hen, son­dern könne durch die Sat­zung fest­ge­legt wer­den. Nach den §§ 81 ff. so­wie § 153 Abs. 2 SGB VII rich­te sich auch die Fest­le­gung des Höchst­ver­diensts im Sin­ne der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift, der so­wohl für die Leis­tungs- als auch für die Bei­trags­be­rech­nung her­an­ge­zo­gen wer­de, nach der Sat­zung. Sch­ließlich sei­en die Leis­tun­gen, je­den­falls die meis­ten un­ter ih­nen, von der Höhe des Ar­beits­ent­gelts der Ver­si­cher­ten abhängig. Dar­aus fol­ge, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge deut­sche Sys­tem kei­nen so­zi­al­po­li­tisch in­ten­dier­ten Um­ver­tei­lungs­me­cha­nis­mus ken­ne.
22

Un­ter die­sen Umständen hat das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Han­delt es sich bei der MMB um ein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 EG und 82 EG?

2. Verstößt die Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner bei der MMB ge­gen ge­mein­schafts­recht­li­che Vor­schrif­ten?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur Zulässig­keit

23 Die MMB und die Kom­mis­si­on tra­gen zur ers­ten Fra­ge vor, dass das vor­le­gen­de Ge­richt zum ei­nen um ei­ne Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts er­su­che und zum an­de­ren nicht an­ge­be, auf­grund wel­cher Umstände ei­ne Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 EG und 82 EG dar­stel­len könne. Die Kom­mis­si­on ergänzt zur zwei­ten Fra­ge, dass das vor­le­gen­de Ge­richt die aus­zu­le­gen­den Nor­men des Ge­mein­schafts­rechts nicht hin­rei­chend ge­nau be­zeich­ne. Im Übri­gen macht die MMB gel­tend, dass die bei­den vor­ge­leg­ten Fra­gen nicht zu ei­ner für das vor­le­gen­de Ge­richt nütz­li­chen Ant­wort führen könn­ten, da die­ses die Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner des­halb nicht be­en­den könne, weil die ursprüng­li­che Ent­schei­dung vom 27. Ja­nu­ar 2004 über die Mit­glied­schaft nicht an­ge­foch­ten wor­den sei.
24

Was ers­tens den Wort­laut der Vor­la­ge­fra­gen be­trifft, ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof im Ver­fah­ren nach Art. 234 EG nicht be­fugt ist, die Nor­men des Ge­mein­schafts­rechts auf ei­nen Ein­zel­fall an­zu­wen­den, und so­mit auch nicht dafür zuständig ist, Be­stim­mun­gen des in­ner­staat­li­chen Rechts un­ter ei­ne sol­che Norm ein­zu­ord­nen. Er kann aber dem in­ner­staat­li­chen Ge­richt al­le Hin­wei­se zur Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts ge­ben, die die­sem bei der Be­ur­tei­lung der Wir­kun­gen die­ser Be­stim­mun­gen dien­lich sein können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 24. Sep­tem­ber 1987, Coe­nen, 37/86, Slg. 1987, 3589, Rand­nr. 8, und vom 5. Ju­li 2007, Fendt Ita­lia­na, C‑145/06 und C‑146/06, Slg. 2007, I‑5869, Rand­nr. 30). Hier­zu hat der Ge­richts­hof die ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen ge­ge­be­nen­falls um­zu­for­mu­lie­ren (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 8. März 2007, Cam­pi­na, C‑45/06, Slg. 2007, I‑2089, Rand­nr. 30, und vom 11. März 2008, Ja­ger, C‑420/06, Slg. 2008, I‑1315, Rand­nr. 46).

25

Im vor­lie­gen­den Fall trifft es zwar zu, dass das vor­le­gen­de Ge­richt den Ge­richts­hof mit sei­ner ers­ten Fra­ge er­sucht, die Art. 81 EG und 82 EG auf den Aus­gangs­rechts­streit an­zu­wen­den und selbst zu ent­schei­den, ob die MMB ein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten dar­stellt, und dass es die für ei­ne sol­che Qua­li­fi­zie­rung er­heb­li­chen Umstände nicht ge­nau be­zeich­net, doch hin­dert nichts die Um­for­mu­lie­rung die­ser Fra­ge, um dem ge­nann­ten Ge­richt ei­ne Aus­le­gung der ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten zu ge­ben, die ihm für die Ent­schei­dung des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits dien­lich ist.

26

Im Übri­gen ist auch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof, wenn in ei­ner Vor­la­ge­fra­ge nur auf das Ge­mein­schafts­recht ver­wie­sen wird, oh­ne die Vor­schrif­ten die­ses Rechts, auf die Be­zug ge­nom­men wird, zu nen­nen, nach der Recht­spre­chung aus dem ge­sam­ten von dem vor­le­gen­den Ge­richt über­mit­tel­ten Ma­te­ri­al, ins­be­son­de­re aus der Be­gründung der Vor­la­ge­ent­schei­dung, die­je­ni­gen Vor­schrif­ten des Ge­mein­schafts­rechts her­aus­zu­ar­bei­ten hat, die un­ter Berück­sich­ti­gung des Ge­gen­stands des Rechts­streits ei­ner Aus­le­gung bedürfen (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­teil vom 20. April 1988, Be­ka­ert, 204/87, Slg. 1988, 2029, Rand­nrn. 6 und 7).

27

Im vor­lie­gen­den Fall wer­den die aus­zu­le­gen­den Vor­schrif­ten des Ge­mein­schafts­rechts zwar im Text der zwei­ten Fra­ge nicht be­zeich­net, doch geht aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung klar her­vor, dass mit die­ser Fra­ge geklärt wer­den soll, ob die Pflicht­mit­glied­schaft bei ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft wie der MMB ent­spre­chend dem Vor­brin­gen von Katt­ner im Aus­gangs­rechts­streit ei­ne nach den Art. 49 EG und 50 EG ver­bo­te­ne Be­schränkung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs oder ein nach Art. 82 EG, ge­ge­be­nen­falls in Ver­bin­dung mit Art. 86 EG, un­ter­sag­ter Miss­brauch sein kann, so dass sich die Fra­ge in die­sem Sin­ne um­for­mu­lie­ren lässt.

28

Was zwei­tens die Nütz­lich­keit der von dem vor­le­gen­den Ge­richt ge­stell­ten Fra­gen be­trifft, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es im Rah­men der durch Art. 234 EG ge­schaf­fe­nen Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen dem Ge­richts­hof und den na­tio­na­len Ge­rich­ten al­lein Sa­che des mit dem Rechts­streit be­fass­ten na­tio­na­len Ge­richts ist, in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die zu er­las­sen­de ge­richt­li­che Ent­schei­dung fällt, im Hin­blick auf die Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung zum Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem Ge­richts­hof von ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen zu be­ur­tei­len. Be­tref­fen al­so die vor­ge­leg­ten Fra­gen die Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts, so ist der Ge­richts­hof grundsätz­lich ge­hal­ten, darüber zu be­fin­den (vgl. u. a. Ur­teil vom 23. No­vem­ber 2006, As­nef‑Equi­fax und Ad­mi­nis­tra­ción del Esta­do, C‑238/05, Slg. 2006, I‑11125, Rand­nr. 15 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

29

Aus­nahms­wei­se hat der Ge­richts­hof al­ler­dings zur Prüfung sei­ner ei­ge­nen Zuständig­keit die Umstände zu un­ter­su­chen, un­ter de­nen er von dem in­ner­staat­li­chen Ge­richt an­ge­ru­fen wird. Denn der Geist der Zu­sam­men­ar­beit, in dem das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren durch­zuführen ist, ver­langt auch, dass das na­tio­na­le Ge­richt auf die dem Ge­richts­hof über­tra­ge­ne Auf­ga­be Rück­sicht nimmt, zur Rechts­pfle­ge in den Mit­glied­staa­ten bei­zu­tra­gen, nicht aber Gut­ach­ten zu all­ge­mei­nen oder hy­po­the­ti­schen Fra­gen ab­zu­ge­ben. Die Zurück­wei­sung des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens ei­nes na­tio­na­len Ge­richts ist al­ler­dings nur möglich, wenn of­fen­sicht­lich ist, dass die er­be­te­ne Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht, wenn das Pro­blem hy­po­the­ti­scher Na­tur ist oder der Ge­richts­hof nicht über die tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben verfügt, die für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen er­for­der­lich sind (Ur­teil As­nef‑Equi­fax und Ad­mi­nis­tra­ción del Esta­do, Rand­nrn. 16 und 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

30

Im vor­lie­gen­den Fall er­gibt sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung, dass es im Aus­gangs­rechts­streit um die Rechtmäßig­keit der Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner bei der MMB für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten geht. In die­sem Rah­men fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt ins­be­son­de­re, ob die­se Pflicht­mit­glied­schaft zum ei­nen mit den Art. 49 EG und 50 EG und zum an­de­ren mit den Art. 82 EG und 86 EG ver­ein­bar ist.

31

Un­ter die­sen Umständen ist nicht of­fen­sicht­lich, dass die er­be­te­ne Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streits steht, der ganz of­fen­sicht­lich nicht hy­po­the­tisch ist.

32

Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist so­mit zulässig.

Zur Be­ant­wor­tung der Fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

33

Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 81 EG und 82 EG da­hin aus­zu­le­gen sind, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die MMB, der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bei­tre­ten müssen, ein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten ist.

34

Nach ständi­ger Recht­spre­chung um­fasst der Be­griff des Un­ter­neh­mens im Rah­men des Wett­be­werbs­rechts je­de ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit ausüben­de Ein­heit, un­abhängig von ih­rer Rechts­form und der Art ih­rer Fi­nan­zie­rung (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 23. April 1991, Höfner und El­ser, C‑41/90, Slg. 1991, I‑1979, Rand­nr. 21, und vom 11. De­zem­ber 2007, ETI u. a., C‑280/06, Slg. 2007, I‑10893, Rand­nr. 38).

35

Im vor­lie­gen­den Fall ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie die MMB als öffent­lich-recht­li­che Körper­schaf­ten an der Ver­wal­tung des deut­schen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit mit­wir­ken und in­so­weit ei­ne so­zia­le Auf­ga­be wahr­neh­men, die oh­ne Ge­winn­erzie­lungs­ab­sicht aus­geübt wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2004, AOK Bun­des­ver­band u. a., C‑264/01, C‑306/01, C‑354/01 und C‑355/01, Slg. 2004, I‑2493, Rand­nr. 51).

36 

Wie nämlich der Ge­richts­hof in Be­zug auf das ita­lie­ni­sche ge­setz­li­che Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten ent­schie­den hat, gehört der Schutz ge­gen die­se Ri­si­ken seit lan­ger Zeit zum so­zia­len Schutz, den die Mit­glied­staa­ten ih­rer ge­sam­ten Bevölke­rung oder ei­nem Teil der­sel­ben gewähren (Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 32).

37  Nach ständi­ger Recht­spre­chung lässt das Ge­mein­schafts­recht die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 28. April 1998, Kohll, C‑158/96, Slg. 1998, I‑1931, Rand­nr. 17, vom 12. Ju­li 2001, Smits und Peer­booms, C‑157/99, Slg. 2001, I‑5473, Rand­nr. 44, und vom 16. Mai 2006, Watts, C‑372/04, Slg. 2006, I‑4325, Rand­nr. 92).
38

Im Übri­gen ver­folgt ein ge­setz­li­ches Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten wie das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge in­so­fern, als es ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche so­zia­le Si­che­rung für al­le Ar­beit­neh­mer vor­sieht, ei­nen so­zia­len Zweck (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 34).

39

Nach § 1 SGB VII hat die­ses Sys­tem nämlich zur Auf­ga­be, zum ei­nen mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie ar­beits­be­ding­te Ge­sund­heits­ge­fah­ren zu verhüten und zum an­de­ren die Ge­sund­heit und die Leis­tungsfähig­keit der Ver­si­cher­ten mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln wie­der­her­zu­stel­len und sie oder ih­re Hin­ter­blie­be­nen durch Geld­leis­tun­gen zu entschädi­gen.

40 Außer­dem geht aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor, dass die­ses Sys­tem al­len geschütz­ten Per­so­nen ei­ne De­ckung ge­gen die Ri­si­ken ei­nes Ar­beits­un­falls und von Be­rufs­krank­hei­ten gewähren soll, un­abhängig von je­der Pflicht­ver­let­zung des Geschädig­ten oder des Ar­beit­ge­bers und da­mit oh­ne dass der­je­ni­ge zi­vil­recht­lich haft­bar ge­macht wer­den müss­te, der die Vor­tei­le aus der ge­fahr­ge­neig­ten Tätig­keit zieht (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 35).
41 Der so­zia­le Zweck ei­nes sol­chen Sys­tems zeigt sich über­dies dar­an, dass die Leis­tun­gen, wie aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen her­vor­geht, auch dann gewährt wer­den, wenn die fälli­gen Beiträge nicht ent­rich­tet wur­den; dies trägt of­fen­sicht­lich zum Schutz al­ler Ver­si­cher­ten ge­gen die wirt­schaft­li­chen Fol­gen von Ar­beits­unfällen bei (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 36).
42 Al­ler­dings genügt der so­zia­le Zweck ei­nes Ver­si­che­rungs­sys­tems als sol­cher nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht, um ei­ne Ein­stu­fung der be­tref­fen­den Tätig­keit als wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­zu­sch­ließen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 21. Sep­tem­ber 1999, Al­ba­ny, C‑67/96, Slg. 1999, I‑5751, Rand­nr. 86, vom 12. Sep­tem­ber 2000, Pavlov u. a., C‑180/98 bis C‑184/98, Slg. 2000, I‑6451, Rand­nr. 118, und Ci­sal, Rand­nr. 37).
43

Zu prüfen bleibt ins­be­son­de­re, ob die­ses Sys­tem als Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität an­ge­se­hen wer­den kann und in wel­chem Um­fang es staat­li­cher Auf­sicht un­ter­liegt; die­se Umstände können den wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter ei­ner Tätig­keit aus­sch­ließen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Ci­sal, Rand­nrn. 38 bis 44).

– Zur Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität

44

Was an ers­ter Stel­le die Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität be­trifft, so er­gibt sich ers­tens aus ei­ner Ge­samt­be­trach­tung des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Sys­tems, dass es eben­so wie das Sys­tem, das in der Rechts­sa­che Ci­sal in Re­de stand (vgl. Ur­teil Ci­sal, des­sen Rand­nr. 39), durch Beiträge fi­nan­ziert wird, de­ren Höhe nicht streng pro­por­tio­nal zum ver­si­cher­ten Ri­si­ko ist.

45 Die Höhe der Beiträge hängt nämlich nicht nur vom ver­si­cher­ten Ri­si­ko ab, son­dern, wie sich aus § 153 Abs. 1 bis 3 SGB VII er­gibt, auch – in den Gren­zen ei­nes Höchst- und ge­ge­be­nen­falls ei­nes Min­dest­be­trags – vom Ar­beits­ent­gelt der Ver­si­cher­ten (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 39).
46

Außer­dem hängt die Bei­tragshöhe nach § 152 Abs. 1 und § 153 Abs. 1 SGB VII auch von dem Fi­nanz­be­darf ab, der sich aus den von der be­tref­fen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft im je­weils ver­gan­ge­nen Ka­len­der­jahr er­brach­ten Leis­tun­gen er­gibt. Die Berück­sich­ti­gung des Fi­nanz­be­darfs er­laubt es, die mit der Tätig­keit der Mit­glie­der ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ver­bun­de­nen Ge­fah­ren über ih­ren je­wei­li­gen Ge­wer­be­zweig hin­aus auf al­le Mit­glie­der zu ver­tei­len, und schafft so ei­ne Ge­fah­ren­ge­mein­schaft auf der Ebe­ne der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft.

47 

Im Übri­gen wird für die Bei­trags­be­rech­nung vor­be­halt­lich be­stimm­ter mögli­cher An­pas­sun­gen in Ver­bin­dung mit der Tätig­keit in­di­vi­du­el­ler Un­ter­neh­men über nach § 157 SGB VII fest­ge­setz­te Ge­fahr­klas­sen auf die Ge­fah­ren des Ge­wer­be­zweigs ab­ge­stellt, dem die Mit­glie­der ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft in­ner­halb der­sel­ben an­gehören, so dass die Mit­glie­der ent­spre­chend den in die­sem Ge­wer­be­zweig be­ste­hen­den Gefähr­dungs­ri­si­ken ei­ne Ge­fah­ren­ge­mein­schaft bil­den.

48

Über­dies sind die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten nach § 176 SGB VII un­ter­ein­an­der zum Aus­gleich ver­pflich­tet, wenn die Aus­ga­ben ei­ner von ih­nen die durch­schnitt­li­chen Aus­ga­ben al­ler Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten er­heb­lich über­stei­gen. Dar­aus folgt, dass der Grund­satz der So­li­da­rität auf die­se Wei­se auch auf na­tio­na­ler Ebe­ne zwi­schen al­len Ge­wer­be­zwei­gen um­ge­setzt wird, da die ver­schie­de­nen Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten ih­rer­seits in ei­ner Ge­fah­ren­ge­mein­schaft zu­sam­men­ge­schlos­sen sind, die es ih­nen ermöglicht, un­ter­ein­an­der ei­nen Kos­ten- und Ri­si­ko­aus­gleich vor­zu­neh­men (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 17. Fe­bru­ar 1993, Poucet und Pist­re, C‑159/91 und C‑160/91, Slg. 1993, I‑637, Rand­nr. 12, und AOK Bun­des­ver­band, Rand­nr. 53).

49 Zwar weist das vor­le­gen­de Ge­richt dar­auf hin, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge deut­sche Sys­tem an­ders als das ita­lie­ni­sche Sys­tem, das in der Rechts­sa­che Ci­sal be­trof­fen war, zum ei­nen für die Beiträge kei­ne Ober­gren­ze vor­sieht und zum an­de­ren nicht von ei­ner ein­zi­gen Ein­rich­tung mit Mo­no­pol­stel­lung um­ge­setzt wird, son­dern von meh­re­ren Ein­rich­tun­gen, die sich nach den An­ga­ben die­ses Ge­richts in ei­ner Oli­go­pol­si­tua­ti­on be­fin­den.
50 

Die­se bei­den Umstände stel­len al­ler­dings den so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter der Fi­nan­zie­rung ei­nes Sys­tems wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht in Fra­ge, der sich im Rah­men ei­ner Ge­samt­be­trach­tung die­ses Sys­tems aus den Fest­stel­lun­gen in den Rand­nrn. 44 bis 48 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt.

51  In Be­zug auf den ers­ten Um­stand ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Exis­tenz ei­ner Ober­gren­ze zwar zur Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität beiträgt, ins­be­son­de­re dann, wenn der Fi­nan­zie­rungs­sal­do von al­len Un­ter­neh­men der­sel­ben Klas­se ge­tra­gen wird (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 39), dass al­lein ihr Feh­len aber nicht zur Fol­ge hat, dass ein Sys­tem mit den ge­nann­ten Merk­ma­len sei­nen so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter ver­liert.
52 

Da § 153 Abs. 2 SGB VII aus­drück­lich vor­sieht, dass „[d]as Ar­beits­ent­gelt der Ver­si­cher­ten … bis zur Höhe des Höchst­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu­grun­de ge­legt [wird]“, hat das vor­le­gen­de Ge­richt, in des­sen Ent­schei­dung im Übri­gen aus­drück­lich auf die­se Vor­schrift Be­zug ge­nom­men wird, außer­dem in je­dem Fall zu prüfen, ob die­se Vor­schrift, wie die deut­sche Re­gie­rung gel­tend macht und auch aus den Erklärun­gen von Katt­ner her­vor­geht, nicht den so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter des im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Sys­tems da­durch verstärkt, dass die Bei­tragshöhe bei ei­nem ho­hen ver­si­cher­ten Ri­si­ko in­di­rekt be­grenzt wird.

53 

In Be­zug auf den zwei­ten Um­stand, den das vor­le­gen­de Ge­richt anführt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Ge­mein­schafts­recht, wie be­reits in Rand­nr. 37 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten zur Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt. Wenn sich ein Mit­glied­staat in Ausübung die­ser Zuständig­keit dafür ent­schei­det, die Durchführung ei­nes Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit auf sek­t­o­ri­el­ler und/oder geo­gra­fi­scher Grund­la­ge auf meh­re­re Träger zu ver­tei­len, dann setzt er tatsächlich den Grund­satz der So­li­da­rität um, auch wenn er den Rah­men be­schränkt, in dem die­ser Grund­satz an­ge­wandt wird. Das gilt um­so mehr, wenn die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, wie es in dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Sys­tem der Fall ist, un­ter­ein­an­der auf na­tio­na­ler Ebe­ne ei­nen Kos­ten- und Ri­si­ko­aus­gleich vor­neh­men.

54

Sch­ließlich wird der so­li­da­ri­sche Cha­rak­ter der Fi­nan­zie­rung ei­nes Sys­tems wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen dem Vor­brin­gen von Katt­ner auch nicht da­durch be­ein­träch­tigt, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten nach § 161 SGB VII be­sch­ließen könn­ten, ei­nen ein­heit­li­chen Min­dest­bei­trag fest­zu­set­zen. Viel­mehr kann die Fest­set­zung ei­nes der­ar­ti­gen Bei­trags, selbst wenn man an­nimmt, dass da­durch, wie Katt­ner gel­tend macht, der auf­zu­tei­len­de Fi­nanz­be­darf re­du­ziert wird, ih­rer­seits zum so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter des Sys­tems bei­tra­gen. Bei Ver­si­cher­ten, de­ren Ar­beits­ent­gelt un­ter dem Ent­gelt liegt, dem der Min­dest­bei­trag ent­spricht, führt des­sen Exis­tenz nämlich da­zu, dass ein Bei­trag er­ho­ben wird, der nicht nur für al­le die­se Ver­si­cher­ten der be­tref­fen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ein­heit­lich ist, son­dern zu­dem nicht vom ver­si­cher­ten Ri­si­ko und da­mit von dem Ge­wer­be­zweig abhängt, dem die ent­spre­chen­den Ver­si­cher­ten an­gehören.

55

Zwei­tens ist – eben­falls ent­spre­chend den Ausführun­gen des Ge­richts­hofs im Ur­teil Ci­sal (Rand­nr. 40) – fest­zu­stel­len, dass der Wert der von den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB er­brach­ten Leis­tun­gen nicht not­wen­di­ger­wei­se pro­por­tio­nal zum Ar­beits­ent­gelt des Ver­si­cher­ten ist.

56

Auch wenn die Höhe des Ar­beits­ent­gelts bei der Bei­trags­be­rech­nung berück­sich­tigt wird, geht nämlich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor, dass die Sach­leis­tun­gen wie Präven­ti­ons- und Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­leis­tun­gen völlig un­abhängig vom Ar­beits­ent­gelt sind. Die­se Leis­tun­gen sind er­heb­lich, da sie nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts rund 12 % der Ge­samt­aus­ga­ben der MMB im Jahr 2002 bzw. nach den An­ga­ben der MMB und der deut­schen Re­gie­rung so­gar zwi­schen 25 % und 30 % die­ser Aus­ga­ben aus­ma­chen.

57

Hin­sicht­lich der Geld­leis­tun­gen, mit de­nen ein Teil des Ent­gelt­ver­lusts in­fol­ge ei­nes Ar­beits­un­falls oder ei­ner Be­rufs­krank­heit aus­ge­gli­chen wer­den soll, geht fer­ner aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und den Erklärun­gen ge­genüber dem Ge­richts­hof her­vor, dass nach § 85 SGB VII nur die Ar­beits­ent­gel­te zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­be­trag – dem „Min­dest­jah­res­ar­beits­ver­dienst“ und dem „Höchst­jah­res­ar­beits­ver­dienst“ – berück­sich­tigt wer­den, was al­ler­dings vom vor­le­gen­den Ge­richt zu bestäti­gen ist. Außer­dem ha­ben so­wohl die deut­sche Re­gie­rung als auch die Kom­mis­si­on vor­ge­tra­gen, dass die Höhe des Pfle­ge­gelds völlig un­abhängig von den ge­zahl­ten Beiträgen sei, was das vor­le­gen­de Ge­richt eben­falls zu prüfen hat.

58

Un­ter die­sen Umständen führt die Zah­lung ho­her Beiträge wie im Rah­men des Sys­tems, das in der Rechts­sa­che Ci­sal in Re­de stand, mögli­cher­wei­se nur zu be­grenz­ten Leis­tun­gen, und um­ge­kehrt kann die Zah­lung verhält­nismäßig nied­ri­ger Beiträge, wie Katt­ner in ih­ren Erklärun­gen selbst aus­geführt hat, zu ei­nem An­spruch auf Leis­tun­gen führen, die nach ei­nem höhe­ren Ar­beits­ent­gelt be­rech­net wer­den.

59

Das Feh­len ei­nes un­mit­tel­ba­ren Zu­sam­men­hangs zwi­schen den ent­rich­te­ten Beiträgen und den gewähr­ten Leis­tun­gen be­wirkt so­mit ei­ne So­li­da­rität zwi­schen den am bes­ten be­zahl­ten Ar­beit­neh­mern und den­je­ni­gen, die in An­be­tracht ih­rer nied­ri­gen Einkünf­te kei­ne an­ge­mes­se­ne so­zia­le Ab­si­che­rung hätten, wenn ein sol­cher Zu­sam­men­hang bestünde (vgl. Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 42).

– Zur staat­li­chen Auf­sicht

60

Was an zwei­ter Stel­le die vom Staat aus­geübte Auf­sicht an­be­langt, geht aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung her­vor, dass das deut­sche Ge­setz den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB zwar die Durchführung der ge­setz­li­chen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten über­tra­gen hat, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten aber in ih­rer Sat­zung zum ei­nen be­stim­men können, dass gemäß § 153 Abs. 3 SGB VII der Bei­trags­be­rech­nung min­des­tens der Be­trag des Min­dest­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu­grun­de ge­legt wird, und zum an­de­ren, wie Katt­ner in ih­ren Erklärun­gen mit Nach­druck be­tont, den Be­trag des Höchst­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes, der nach § 153 Abs. 2 SGB VII für die Be­rech­nung der Beiträge und nach § 85 SGB VII für die Be­rech­nung der Leis­tun­gen her­an­ge­zo­gen wird, her­auf­set­zen können. Außer­dem er­gibt sich aus den Erklärun­gen von Katt­ner, die in­so­weit durch die Erklärun­gen der deut­schen Re­gie­rung bestätigt wer­den, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten nach § 157 Abs. 1 SGB VII den Ge­fahr­tarif und die Ge­fahr­klas­sen, die ein Fak­tor für die Bei­trags­be­rech­nung sind, au­to­nom fest­set­zen.

61 Dass Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB im Rah­men ei­nes Selbst­ver­wal­tungs­sys­tems ein sol­cher Hand­lungs­spiel­raum gewährt wird, um Fak­to­ren fest­zu­set­zen, die für die Höhe der Beiträge und der Leis­tun­gen aus­schlag­ge­bend sind, kann je­doch als sol­ches die Na­tur der von den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten aus­geübten Tätig­keit nicht ändern (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil AOK Bun­des­ver­band u. a., Rand­nr. 56).
62

Aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen geht nämlich her­vor, dass die­ser Hand­lungs­spiel­raum, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 54 sei­ner Schluss­anträge fest­ge­stellt hat, durch das Ge­setz vor­ge­se­hen ist und strikt be­grenzt wird, da das SGB VII zum ei­nen die Fak­to­ren be­zeich­net, die für die Be­rech­nung der Beiträge her­an­zu­zie­hen sind, die nach dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ge­setz­li­chen Sys­tem ge­schul­det wer­den, und zum an­de­ren ein ab­sch­ließen­des Ver­zeich­nis der nach die­sem Sys­tem er­brach­ten Leis­tun­gen enthält und die Mo­da­litäten für ih­re Gewährung re­gelt.

63

In­so­weit er­gibt sich aus den von Katt­ner, der deut­schen Re­gie­rung und der Kom­mis­si­on ein­ge­reich­ten Erklärun­gen, dass die an­wend­ba­ren Rechts­vor­schrif­ten, was das vor­le­gen­de Ge­richt al­ler­dings zu über­prüfen hat, den Min­dest- und den Höchs­tent­gelt­be­trag fest­le­gen, der bei der Be­rech­nung der Beiträge bzw. der Leis­tun­gen zu berück­sich­ti­gen ist, wo­bei nur der Höchst­be­trag ge­ge­be­nen­falls in der Sat­zung der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten her­auf­ge­setzt wer­den kann.

64

Außer­dem un­ter­lie­gen die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten of­fen­sicht­lich, was je­doch wie­der­um vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist, in Be­zug auf die Aus­ar­bei­tung ih­rer Sat­zung und ins­be­son­de­re die Fest­set­zung der Höhe der Beiträge und der Leis­tun­gen im Rah­men des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ge­setz­li­chen Sys­tems der Kon­trol­le der Bun­des­re­pu­blik, die in­so­weit nach den Vor­schrif­ten des SGB VII als Auf­sichts­behörde tätig wird.

65

Aus dem Vor­ste­hen­den er­gibt sich so­mit, dass in ei­nem ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tem wie dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen zum ei­nen mit der Höhe der Beiträge und dem Wert der Leis­tun­gen – den bei­den we­sent­li­chen Ele­men­ten ei­nes sol­chen Sys­tems – vor­be­halt­lich der vom vor­le­gen­den Ge­richt vor­zu­neh­men­den Prüfun­gen der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird, der im­pli­ziert, dass die er­brach­ten Leis­tun­gen nicht streng pro­por­tio­nal zu den ge­zahl­ten Beiträgen sind, und dass die­se Ele­men­te zum an­de­ren staat­li­cher Auf­sicht un­ter­lie­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 44).

66

Un­ter die­sen Umständen ist vor­be­halt­lich ei­ner vom vor­le­gen­den Ge­richt vor­zu­neh­men­den Prüfung die­ser bei­den Ele­men­te hin­sicht­lich des Grund­sat­zes der So­li­da­rität und der staat­li­chen Auf­sicht fest­zu­stel­len, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die MMB durch ih­re Mit­wir­kung an der Ver­wal­tung ei­nes der tra­di­tio­nel­len Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit, der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr­nimmt, so dass ih­re Tätig­keit kei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit im Sin­ne des Wett­be­werbs­rechts und die­se Ein­rich­tung so­mit kein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 EG und 82 EG ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 45).

67 Die­ser Schluss wird nicht durch den vom vor­le­gen­den Ge­richt her­vor­ge­ho­be­nen Um­stand in Fra­ge ge­stellt, dass ei­ne Be­rufs­ge­nos­sen­schaft wie die MMB im Ge­gen­satz zu der Si­tua­ti­on im Rah­men des ita­lie­ni­schen Sys­tems, das in der Rechts­sa­che Ci­sal in Re­de stand, nicht die Ver­wal­tung des be­tref­fen­den ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tems gewähr­leis­tet, son­dern un­mit­tel­bar Ver­si­che­rungs­dienst­leis­tun­gen er­bringt. Da das Ge­mein­schafts­recht die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt, kann nämlich, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 61 sei­ner Schluss­anträge im We­sent­li­chen aus­geführt hat, al­lein die­ser Um­stand als sol­cher nichts am rein so­zia­len Cha­rak­ter der von ei­ner der­ar­ti­gen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft aus­geübten Tätig­keit ändern, da er we­der den so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter des ent­spre­chen­den Sys­tems noch die vom Staat darüber aus­geübte Auf­sicht, so wie die­se Umstände aus der vor­ste­hen­den Ana­ly­se her­vor­ge­hen, be­ein­träch­tigt.
68

Folg­lich ist auf die ers­te Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 81 EG und 82 EG da­hin aus­zu­le­gen sind, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bei­tre­ten müssen, kein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten ist, son­dern ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr­nimmt, so­weit sie im Rah­men ei­nes Sys­tems tätig wird, mit dem der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird und das staat­li­cher Auf­sicht un­ter­liegt, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.

Zur zwei­ten Fra­ge

69

Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 49 EG und 50 EG ei­ner­seits und die Art. 82 EG und 86 EG an­de­rer­seits da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­ste­hen, nach der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, ver­pflich­tet sind, ei­ner Ein­rich­tung wie der MMB bei­zu­tre­ten.

70  In­so­weit ist ein­gangs dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die zwei­te Fra­ge an­ge­sichts der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge in­so­weit nicht zu be­ant­wor­ten ist, als sie sich auf die Aus­le­gung der Art. 82 EG und 86 EG be­zieht, da die An­wend­bar­keit die­ser Vor­schrif­ten von der Exis­tenz ei­nes Un­ter­neh­mens abhängt.
71

Was die Aus­le­gung der Art. 49 EG und 50 EG be­trifft, ist dar­an zu er­in­nern, dass in Er­man­ge­lung ei­ner Har­mo­ni­sie­rung auf Ge­mein­schafts­ebe­ne das Recht je­des be­trof­fe­nen Mit­glied­staats be­stimmt, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Recht auf An­schluss an ein Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit oder die Ver­pflich­tung hier­zu be­steht, da das Ge­mein­schafts­recht, wie be­reits in Rand­nr. 37 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 18, Smits und Peer­booms, Rand­nr. 45, und Watts, Rand­nr. 92).

72 

Die Kom­mis­si­on und im We­sent­li­chen auch die deut­sche Re­gie­rung fol­gern aus die­ser Recht­spre­chung, dass die Ein­rich­tung ei­ner Pflicht­mit­glied­schaft in ei­nem Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit wie die mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Re­ge­lung vor­ge­se­he­ne in die al­lei­ni­ge Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten fal­le, so dass die­se Re­ge­lung vom An­wen­dungs­be­reich der Art. 49 EG und 50 EG nicht er­fasst wer­de. Über die Pflicht­mit­glied­schaft hin­aus sei nämlich kei­ne Be­schränkung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs an­ge­spro­chen, da nur die Art der Fi­nan­zie­rung ei­nes Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit, nicht aber die Er­brin­gung von Leis­tun­gen nach dem Ein­tritt des ver­si­cher­ten so­zia­len Ri­si­kos in Fra­ge ste­he.

73  Die­ser The­se kann nicht ge­folgt wer­den.
74

Zwar ist es nach der in Rand­nr. 71 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten ständi­gen Recht­spre­chung in Er­man­ge­lung ei­ner ge­mein­schaft­li­chen Har­mo­ni­sie­rung Sa­che des Rechts je­des Mit­glied­staats, ins­be­son­de­re die Vor­aus­set­zun­gen der Ver­pflich­tung, sich bei ei­nem Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit zu ver­si­chern, und da­mit die Art der Fi­nan­zie­rung die­ses Sys­tems fest­zu­le­gen, doch müssen die Mit­glied­staa­ten bei der Ausübung die­ser Be­fug­nis gleich­wohl das Ge­mein­schafts­recht be­ach­ten (vgl. u. a. Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 19, und Smits und Peer­booms, Rand­nr. 46). Die ent­spre­chen­de Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten ist al­so nicht un­be­grenzt (Ur­teil vom 3. April 2008, De­rou­in, C‑103/06, Slg. 2008, I‑0000, Rand­nr. 25).

75

Dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge nur die Fi­nan­zie­rung ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit be­trifft, im vor­lie­gen­den Fall der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, in­dem sie die Pflicht­mit­glied­schaft der von dem frag­li­chen Sys­tem er­fass­ten Un­ter­neh­men bei Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten vor­sieht, de­nen das Ge­setz die Durchführung die­ser Ver­si­che­rung über­tra­gen hat, kann dem­nach die An­wen­dung der Vor­schrif­ten des EG-Ver­trags, ins­be­son­de­re der­je­ni­gen über den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr, nicht aus­sch­ließen (vgl. Ur­teil vom 26. Ja­nu­ar 1999, Ter­hoeve, C‑18/95, Slg. 1999, I‑345, Rand­nr. 35).

76

Das Sys­tem der Pflicht­mit­glied­schaft, das die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge na­tio­na­le Re­ge­lung vor­sieht, muss so­mit mit den Art. 49 EG und 50 EG ver­ein­bar sein.

77

Zu prüfen ist da­her, ob, wie Katt­ner vor dem vor­le­gen­den Ge­richt und in ih­ren beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen gel­tend ge­macht hat, der freie Dienst­leis­tungs­ver­kehr im Sin­ne von Art. 49 EG da­durch be­schränkt wer­den kann, dass ein Mit­glied­staat ein ge­setz­li­ches Ver­si­che­rungs­sys­tem wie das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ein­rich­tet, das die Pflicht­mit­glied­schaft von Un­ter­neh­men bei Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB zur Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten vor­sieht. Zum ei­nen ist dem­nach zu prüfen, ob da­durch die Möglich­keit von in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nie­der­ge­las­se­nen Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten be­schränkt wird, auf dem Markt des erst­ge­nann­ten Mit­glied­staats ih­re Diens­te hin­sicht­lich der Ver­si­che­rung der be­tref­fen­den Ri­si­ken oder ei­ni­ger die­ser Ri­si­ken an­zu­bie­ten, und zum an­de­ren, ob da­durch die in die­sem ers­ten Mit­glied­staat nie­der­ge­las­se­nen Un­ter­neh­men als Dienst­leis­tungs­empfänger da­von ab­ge­hal­ten wer­den, sich bei sol­chen Ge­sell­schaf­ten zu ver­si­chern.

78

Da­zu ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der freie Dienst­leis­tungs­ver­kehr nach der Recht­spre­chung nicht nur die Be­sei­ti­gung je­der Dis­kri­mi­nie­rung des in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat ansässi­gen Dienst­leis­ten­den auf­grund sei­ner Staats­an­gehörig­keit, son­dern auch die Auf­he­bung al­ler Be­schränkun­gen – selbst wenn sie un­ter­schieds­los für inländi­sche Dienst­leis­ten­de wie für sol­che aus an­de­ren Mit­glied­staa­ten gel­ten – ver­langt, so­fern sie ge­eig­net sind, die Tätig­kei­ten des Dienst­leis­ten­den, der in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat ansässig ist und dort rechtmäßig ähn­li­che Dienst­leis­tun­gen er­bringt, zu un­ter­bin­den, zu be­hin­dern oder we­ni­ger at­trak­tiv zu ma­chen (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­tei­le vom 20. Fe­bru­ar 2001, Ana­lir u. a., C‑205/99, Slg. 2001, I‑1271, Rand­nr. 21, vom 5. De­zem­ber 2006, Ci­pol­la u. a., C‑202/04 und C‑94/04, Slg. 2006, I‑11421, Rand­nr. 56, und vom 11. Ja­nu­ar 2007, ITC, C‑208/05, Slg. 2007, I‑181, Rand­nr. 55).

79

Außer­dem steht Art. 49 EG nach ständi­ger Recht­spre­chung der An­wen­dung je­der na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen, die die Leis­tung von Diens­ten zwi­schen Mit­glied­staa­ten im Er­geb­nis ge­genüber der Leis­tung von Diens­ten im In­ne­ren ei­nes Mit­glied­staats er­schwert (Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 33, und Smits und Peer­booms, Rand­nr. 61).

80

Im vor­lie­gen­den Fall mag es zwar, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 72 sei­ner Schluss­anträge im We­sent­li­chen dar­legt, zwei­fel­haft er­schei­nen, ob die von dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tem ab­ge­deck­ten Ri­si­ken oder je­den­falls ei­ni­ge die­ser Ri­si­ken bei pri­va­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten ver­si­chert wer­den könn­ten, da die­se grundsätz­lich nicht nach ei­nem Sys­tem tätig wer­den, das die in den Rand­nrn. 44 bis 59 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten So­li­da­r­ele­men­te um­fasst.

81

Da das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ge­setz­li­che Ver­si­che­rungs­sys­tem, wie aus den Rand­nrn. 57 und 58 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, nur be­grenz­te Leis­tun­gen und da­mit ei­ne Min­dest­ab­de­ckung vor­sieht, steht es den die­sem Sys­tem un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men, wie das vor­le­gen­de Ge­richt an­gibt und Katt­ner einräumt, über­dies frei, zusätz­li­che Ver­si­che­rungs­verträge mit so­wohl in Deutsch­land als auch in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nie­der­ge­las­se­nen pri­va­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten ab­zu­sch­ließen (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 22. Mai 2003, Fres­kot, C‑355/00, Slg. 2003, I‑5263, Rand­nr. 62).

82 Das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Ver­si­che­rungs­sys­tem kann aber, da es, wie der Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens zeigt, of­fen­bar auch Ri­si­ken ab­de­cken soll, die sich bei nicht nach dem Grund­satz der So­li­da­rität ar­bei­ten­den Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ver­si­chern las­sen, ein Hin­der­nis für die freie Er­brin­gung von Dienst­leis­tun­gen durch in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nie­der­ge­las­se­ne Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten, die Ver­si­che­rungs­verträge für der­ar­ti­ge Ri­si­ken in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat an­bie­ten möch­ten, in­so­weit dar­stel­len, als es die Ausübung die­ser Frei­heit be­hin­dert oder we­ni­ger at­trak­tiv macht, ja so­gar un­mit­tel­bar oder mit­tel­bar ver­hin­dert (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Fres­kot, Rand­nr. 63).
83

Außer­dem kann ein sol­ches Sys­tem auch die ihm un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men da­von ab­schre­cken oder so­gar dar­an hin­dern, sich an sol­che in an­de­ren Mit­glied­staa­ten als dem ih­rer Mit­glied­schaft nie­der­ge­las­se­ne Ver­si­che­rungs­dienst­leis­ter zu wen­den, und stellt auch für die­se Un­ter­neh­men ein Hemm­nis für den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr dar (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 31. Ja­nu­ar 1984, Lui­si und Car­bo­ne, 286/82 und 26/83, Slg. 1984, 377, Rand­nr. 16, Kohll, Rand­nr. 35, so­wie Smits und Peer­booms, Rand­nr. 69).

84

Ei­ne sol­che Be­schränkung kann al­ler­dings ge­recht­fer­tigt sein, wenn sie zwin­gen­den Gründen des All­ge­mein­wohls ent­spricht, ge­eig­net ist, die Er­rei­chung des mit ihr ver­folg­ten Ziels zu gewähr­leis­ten, und nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung die­ses Ziels er­for­der­lich ist (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 5. Ju­ni 1997, SETTG, C‑398/95, Slg. 1997, I‑3091, Rand­nr. 21, Ci­pol­la u. a., Rand­nr. 61, und vom 13. De­zem­ber 2007, United Pan‑Eu­ro­pe Com­mu­ni­ca­ti­ons Bel­gi­um u. a., C‑250/06, Slg. 2007, I‑11135, Rand­nr. 39).

85

In­so­weit kann nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ei­ne er­heb­li­che Gefähr­dung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts des Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit als sol­che ei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stel­len, der ei­ne Be­schränkung des Grund­sat­zes des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs recht­fer­ti­gen kann (vgl. u. a. Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 41, Smits und Peer­booms, Rand­nr. 72, und vom 19. April 2007, Sta­ma­telaki, C‑444/05, Slg. 2007, I‑3185, Rand­nr. 30).

86

Wie aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor­geht, be­zweckt ei­ne Pflicht­mit­glied­schaft in ei­nem ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tem, wie sie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge na­tio­na­le Re­ge­lung vor­sieht, die Gewähr­leis­tung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts ei­nes der tra­di­tio­nel­len Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit, hier der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten.

87

In­dem die­se Ver­pflich­tung den Zu­sam­men­schluss al­ler dem ent­spre­chen­den Sys­tem un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men in­ner­halb von Ge­fah­ren­ge­mein­schaf­ten gewähr­leis­tet, er­laubt sie es nämlich, dass die­ses Sys­tem, mit dem, wie aus Rand­nr. 38 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, ein so­zia­les Ziel ver­folgt wird, so funk­tio­niert, dass der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird, in­dem ins­be­son­de­re die Fi­nan­zie­rung über Beiträge er­folgt, de­ren Höhe nicht streng pro­por­tio­nal zu den ver­si­cher­ten Ri­si­ken ist, und Leis­tun­gen er­bracht wer­den, de­ren Wert nicht streng pro­por­tio­nal zu den Beiträgen ist.

88

Da­her kann ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge, so­weit sie ei­ne Pflicht­mit­glied­schaft vor­sieht, durch ei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses, nämlich das Ziel, das fi­nan­zi­el­le Gleich­ge­wicht ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit zu gewähr­leis­ten, ge­recht­fer­tigt wer­den, da die­se Ver­pflich­tung ge­eig­net ist, die Ver­wirk­li­chung die­ses Ziels zu gewähr­leis­ten.

89 

Was die Fra­ge an­be­langt, ob ei­ne sol­che Re­ge­lung nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels er­for­der­lich ist, er­gibt sich, wie be­reits in Rand­nr. 81 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt, aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ge­setz­li­che Sys­tem ei­ne Min­dest­ab­de­ckung bie­tet, so dass es den ihr un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men trotz der da­mit ver­bun­de­nen Pflicht­mit­glied­schaft frei­steht, die­se Ab­de­ckung da­durch zu ergänzen, dass sie zusätz­li­che Ver­si­che­run­gen ab­sch­ließen, so­fern die­se auf dem Markt an­ge­bo­ten wer­den. Die­ser Um­stand stellt ei­nen Fak­tor dar, der für die Verhält­nismäßig­keit ei­nes ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tems wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen spricht (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Fres­kot, Rand­nr. 70).

90

Was im Übri­gen den Um­fang der Ab­de­ckung be­trifft, wie sie die­ses Sys­tem vor­sieht, lässt sich, wie die MMB in ih­ren Erklärun­gen ausführt, nicht aus­sch­ließen, dass sich Un­ter­neh­men, die bei­spiels­wei­se ein jun­ges und ge­sun­des Per­so­nal mit un­gefähr­li­chen Tätig­kei­ten beschäfti­gen, bei pri­va­ten Ver­si­che­rern um güns­ti­ge­re Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen bemühen würden, wenn die Ver­si­che­rungs­pflicht auf be­stimm­te Leis­tun­gen, et­wa die sich aus dem Ziel der Präven­ti­on er­ge­ben­den, zu be­schränken wäre, wie es Katt­ner als Möglich­keit in ih­ren Erklärun­gen an­deu­tet. Das fort­schrei­ten­de Aus­schei­den die­ser „gu­ten“ Ri­si­ken könn­te den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB ei­nen wach­sen­den An­teil von „schlech­ten“ Ri­si­ken be­las­sen, was zu ei­ner Erhöhung der Kos­ten für die Leis­tun­gen, ins­be­son­de­re für Un­ter­neh­men mit ei­nem älte­ren, gefähr­li­che Tätig­kei­ten ausüben­den Per­so­nal, führen würde, de­nen die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten zu an­nehm­ba­ren Kos­ten kei­ne Leis­tun­gen mehr an­bie­ten könn­ten. Dies würde um­so mehr gel­ten, wenn das be­tref­fen­de ge­setz­li­che Ver­si­che­rungs­sys­tem, wie es im Aus­gangs­ver­fah­ren der Fall ist, in Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität durch das Feh­len ei­ner stren­gen Pro­por­tio­na­lität zwi­schen den Beiträgen und den ver­si­cher­ten Ri­si­ken ge­kenn­zeich­net ist (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Al­ba­ny, Rand­nrn. 108 und 109).

91

Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits und der in den Rand­nrn. 89 und 90 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­ge­be­nen Hin­wei­se zu prüfen, ob das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ge­setz­li­che Ver­si­che­rungs­sys­tem im Hin­blick auf das da­mit ver­folg­te Ziel des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts der so­zia­len Si­cher­heit er­for­der­lich ist.

92 

Folg­lich ist auf die zwei­te Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 49 EG und 50 EG da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, ver­pflich­tet sind, ei­ner Ein­rich­tung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten, so­weit die­ses Sys­tem nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung des Ziels der Gewähr­leis­tung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit er­for­der­lich ist, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.

Kos­ten

93

Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Drit­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Die Art. 81 EG und 82 EG sind da­hin aus­zu­le­gen, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bei­tre­ten müssen, kein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten ist, son­dern ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr­nimmt, so­weit sie im Rah­men ei­nes Sys­tems tätig wird, mit dem der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird und das staat­li­cher Auf­sicht un­ter­liegt, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.

2. Die Art. 49 EG und 50 EG sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, ver­pflich­tet sind, ei­ner Ein­rich­tung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten, so­weit die­ses Sys­tem nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung des Ziels der Gewähr­leis­tung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit er­for­der­lich ist, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht C-350/07  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880