Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Urlaubsabgeltung, Beamter
   
Gericht: Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz
Akten­zeichen: 2 A 11321/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 30.03.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Verwaltungsgericht Koblenz, Urteil vom 21.07.2009, 6 K 1253/08.KO
   

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt
Rhein­land-Pfalz

Ur­teil

Im Na­men des Vol­kes

In dem Ver­wal­tungs­rechts­streit

…,

- Kläger und Be­ru­fungskläger -

 

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte JR Jan­sen, Ross­bach & Schel­le­wald, Fried­rich­s­traße 71, 56564 Neu­wied,

 

ge­gen

 

das Land Rhein­land-Pfalz, ver­tre­ten durch den Po­li­zei­präsi­den­ten in Ko­blenz, Mo­sel­ring 10-12, 56068 Ko­blenz,

- Be­klag­ter und Be­ru­fungs­be­klag­ter -

 

 

we­gen Be­sol­dung

 

hat der 2. Se­nat des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Rhein­land-Pfalz in Ko­blenz auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 30. März 2010, an der teil­ge­nom­men ha­ben

Präsi­dent des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Prof. Dr. Mey­er
Rich­ter am Ober­ver­wal­tungs­ge­richt St­einkühler
Rich­ter am Ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Schu­ma­cher
eh­ren­amt­li­cher Rich­ter Land­rat a.D. Schra­der
eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schönheits­pfle­ge­rin Stof­fel

für Recht er­kannt:

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Ko­blenz vom 21. Ju­li 2009 wird zurück­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens trägt der Kläger.

Das Ur­teil ist we­gen der Kos­ten vorläufig voll­streck­bar.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

 

T a t b e s t a n d

 

Der Kläger be­gehrt die fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung von Ur­laubs­ansprüchen.

 

Der Kläger, Be­am­ter im Dienst des be­klag­ten Lan­des und seit dem 6. Ju­li 2007 un­un­ter­bro­chen dienst­unfähig er­krankt, trat mit Ab­lauf des 31. Ju­li 2008 we­gen Dienst­unfähig­keit vor­zei­tig in den Ru­he­stand. Be­reits mit Schrei­ben vom 10. Ju­ni 2008 be­an­trag­te er, ihm die aus den Jah­ren 2007 und 2008 zu­ste­hen­den Ur­laubs­ansprü­che – ins­ge­samt 62 Ta­ge – als Er­satz dafür zu vergüten, dass er den Ur­laub krank­heits­be­dingt nicht an­tre­ten konn­te. Dies lehn­te der Be­klag­te mit Be­scheid vom 13. Ju­ni 2008 ab und wies den hier­ge­gen ge­rich­te­ten Wi­der­spruch des Klägers mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 9. Ok­to­ber 2008 zurück.

 

In sei­ner Kla­ge hat der Kläger gel­tend ge­macht, Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 (ABl. L 299 vom 18. No­vem­ber 2003, S. 9) be­gründe gemäß der Aus­le­gung durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof auch für Be­am­te ei­nen An­spruch auf die Ab­gel­tung von Ur­laub, der krank­heits­be­dingt vor der Zur­ru­he­set­zung nicht mehr ge­nom­men wer­den konn­te. Dem müsse durch ei­ne ge­mein­schafts­rechts­kon­for­me Aus­le­gung der Fürsor­ge­pflicht des Dienst­herrn Rech­nung ge­tra­gen wer­den. Die Höhe des An­spruchs be­lau­fe sich in sei­nem Fall auf 9.980,17 €.

 

Der Kläger hat be­an­tragt,

 

das be­klag­te Land un­ter Auf­he­bung des Be­schei­des vom 13. Ju­ni 2008 in Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 9. Ok­to­ber 2008 zu ver­pflich­ten, ihn für krank­heits­be­dingt nicht in An­spruch ge­nom­me­nen Er­ho­lungs­ur­laub der Jah­re 2007 und 2008 in Höhe von ins­ge­samt 62 Ka­len­der­ta­gen fi­nan­zi­ell zu entschädi­gen.

 

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

 

Er hat dar­auf ver­wie­sen, das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip schließe ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub aus.

 

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Kla­ge mit Ur­teil vom 21. Ju­li 2007 ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung aus­geführt, die Ur­laubs­ansprüche des Klägers sei­en mit des­sen Pen­sio­nie­rung er­lo­schen. Die Vor­schrift des § 101 Lan­des­be­am­ten­ge­setz – LBG – set­ze ein ak­ti­ves Be­am­ten­verhält­nis vor­aus. Des Wei­te­ren wer­de Ur­laub nicht als Ge­gen­leis­tung für er­brach­te Ar­beit gewährt, son­dern die­ne dem Er­halt der Ar­beits­kraft. Die­ser Zweck könne nach dem Aus­schei­den aus dem ak­ti­ven Dienst nicht mehr er­reicht wer­den. Darüber hin­aus schei­de ein Ab­gel­tungs­an­spruch auf­grund des im Be­am­ten­recht gel­ten­den Ge­set­zes­vor­be­halts aus. Die für Ar­beit­neh­mer gel­ten­de Re­ge­lung des § 7 Abs. 4 BUrlG sei in Er­man­ge­lung ei­ner Re­ge­lungs­lücke nicht an­wend­bar. Sch­ließlich sei­en die Erwägun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs zur Aus­le­gung von Art. 7 Abs. 2 RL 2003/88/EG auf das Be­am­ten­verhält­nis we­gen des­sen Be­son­der­heit nicht über­trag­bar.

 

In sei­ner vom Se­nat zu­ge­las­se­nen Be­ru­fung führt der Kläger aus, die be­gehr­te Ent­schädi­gung sei kei­ne – gemäß § 2 Abs. 2 Be­am­ten­be­sol­dungs­ge­setz (BBesG) un­zulässi­ge – Erhöhung der Be­sol­dung, son­dern le­dig­lich die Gel­tend­ma­chung der im Ur­laubs­an­spruch be­inhal­te­ten vermögens­wer­ten Leis­tung. Die An­nah­me ei­nes struk­tu­rel­len Un­ter­schie­des zwi­schen dem Be­am­ten- und dem Ar­beit­neh­mer­verhält­nis ver­s­toße ge­gen Art. 48 des Ver­tra­ges zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft. Auch der Eu­ropäische Ge­richts­hof ge­he von ei­nem ein­heit­li­chen Beschäfti­gungs­be­griff aus. Der gel­tend ge­mach­te An­spruch er­ge­be sich ne­ben ei­ner un­mit­tel­ba­ren An­wen­dung von Art. 7 Abs. 2 RL 2003/88/EG so­wie ei­ner eu­ro­pa­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Be­am­ten­rechts aus un­ge­recht­fer­tig­ter Be­rei­che­rung, dem Grund­satz von Treu und Glau­ben so­wie als Scha­dens­er­satz für das Un­ter­las­sen der Um­set­zung der Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Lan­des­recht.

 

Der Kläger be­an­tragt,

 

den Be­klag­ten un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ver­wal­tungs­ge­richts Ko­blenz vom 21. Ju­li 2009 zu ver­pflich­ten, den Kläger un­ter Auf­he­bung des Be­sch­ei­des vom 13. Ju­ni 2008 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 9. Ok­to­ber 2008 für krank­heits­be­dingt nicht in An­spruch ge­nom­me­nen Ur­laub der Jah­re 2007 und 2008 in Höhe von ins­ge­samt 62 Ka­len­der­ta­gen fi­nan­zi­ell zu entschä­di­gen.

 

Der Be­klag­te be­an­tragt,

 

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

 

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird auf die Schrift­sätze der Be­tei­lig­ten und die Ver­wal­tungs­vorgänge (1 Heft) ver­wie­sen, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung ge­we­sen sind.

 

 

 


Ent­schei­dungs­gründe

 

Die Be­ru­fung hat kei­nen Er­folg.

 

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf die fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung des krank­heits­be­dingt nicht in An­spruch ge­nom­me­nen Ur­laubs, wes­halb die Ab­leh­nung im an­ge­foch­te­nen Be­scheid so­wie der hier­zu er­gan­ge­ne Wi­der­spruchs­be­scheid rechtmäßig sind und den Kläger nicht in sei­nen Rech­ten ver­let­zen (vgl. § 113 Abs. 5 Satz 1 Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung – Vw­GO –).

 

1. We­der Bun­des- noch Lan­des­recht se­hen für Be­am­te ei­ne Ab­fin­dung für nicht ge­nom­men­en Er­ho­lungs­ur­laub vor.

 

a) Gemäß § 44 Be­am­ten­sta­tus­ge­setz – Be­am­tStG –, § 101 Abs. 1 Lan­des­beam­ten­ge­setz – LBG – steht den Be­am­tin­nen und Be­am­ten jähr­li­cher Er­ho­lungs­ur­laub un­ter Fort­gewährung der Dienst­bezüge zu. Ei­ne Re­ge­lung für ei­ne Vergütung von Ur­laubs­ansprüchen ist dar­in eben­so we­nig ent­hal­ten wie in der Ur­laubs­ver­ord­nung vom 17. März 1971 (GVBl. S. 125) in der Fas­sung der Ver­ord­nung vom 29. Ja­nu­ar 2008 (GVBl. S. 45) – Url­VO –. Die Vor­schrift des § 11 Abs. 1 Url­VO be­stimmt le­dig­lich, Ur­laub sol­le im Ur­laubs­jahr ver­braucht wer­den und ver­fal­le, wenn er nicht bis zum 30. Sep­tem­ber des Fol­ge­jah­res ab­ge­wi­ckelt wer­de. Zei­ten der Dienst­unfähig­keit wir­ken sich gemäß § 13 Abs. 1 Url­VO nur in­so­weit aus, als sie nicht auf den Er­ho­lungs­ur­laub an­ge­rech­net wer­den, wenn der Be­am­te wäh­rend sei­nes Ur­laubs er­krankt.

 

b) Ei­ner ana­lo­gen An­wen­dung des un­mit­tel­bar nur für Ar­beit­neh­mer gel­ten­den § 7 Abs. 4 Bun­des­ur­laubs­ge­setz – BUrlG –, dem zu­fol­ge Ur­laub ab­zu­gel­ten ist, so­weit er we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr gewährt wer­den kann, ste­hen die struk­tu­rel­len Un­ter­schie­de des Be­am­ten- und des Ar­beit­neh­mer­verhält­nis­ses ent­ge­gen.

 

So­wohl der Sta­tus als auch die Vergütungs­sys­te­me von Be­am­ten und Ar­beit­neh­mern un­ter­schei­den sich grund­le­gend, wes­halb es an ei­ner Ver­gleich­bar­keit der Sach­ver­hal­te fehlt. Ihr ste­hen ins­be­son­de­re das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip so­wie die das Be­am­ten­verhält­nis prägen­de Pflicht des Be­am­ten ent­ge­gen, sei­ne gan­ze Per­sönlich­keit für den Dienst­herrn ein­zu­set­zen und die­sem – grundsätz­lich auf Le­bens­zeit – sei­ne vol­le Ar­beits­kraft zur Verfügung zu stel­len. In­fol­ge des­sen knüpft der Be­sol­dungs­an­spruch des Be­am­ten nicht an die kon­kre­te Dienst­leis­tung an und un­ter­schei­det sich da­mit we­sent­lich von dem pri­vat­recht­li­chen Ar­beits­ver­hält­nis des An­ge­stell­ten, wel­ches auf ei­nen wirt­schaft­li­chen Aus­tausch von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung aus­ge­rich­tet ist.

 

In Letz­te­rem be­steht ein Ent­gelt­an­spruch grund­sätz­lich nur für tat­säch­lich er­brach­te Leis­tun­gen (vgl. Lei­ne­mann/Linck, Ur­laubs­recht, 2. Aufl., § 1 BUrlG Rn. 29). Mit der Ver­gütungs­pflicht während des Ur­laubs wird da­her ein zusätz­li­cher, dem dar­auf ent­fal­len­den Zeit­raum kon­kret zu­or­den­ba­rer Ver­mögens­vor­teil des Ar­beit­neh­mers be­gründet, des­sen Er­halt § 17 Abs. 4 BUrlG be­zweckt. Im Be­am­ten­verhält­nis hin­ge­gen erhält der Be­am­te, so­lan­ge er nicht un­ent­schul­digt dem Dienst fern­bleibt, auf­grund des ver­fas­sungs­recht­lich in Art. 33 Abs. 5 Grund­ge­setz – GG – ver­an­ker­ten Ali­men­ta­ti­ons­prin­zips sei­ne Be­sol­dung un­ab­hängig von sei­ner Ar­beits­leis­tung und da­mit auch während sei­ner ur­laubs­be­ding­ten Ab­we­sen­heit. Die Vor­schrif­ten der § 44 Be­am­tStG, § 101 Abs. 1 LBG be­grün­den da­her, so­weit dar­in die Fort­gewährung der Dienst­bezüge an­ge­ord­net wird, für ihn kei­nen ei­genständi­gen Vermögens­vor­teil (vgl. OVG RP, NVwZ 1984, 52 [53]), son­dern be­frei­en ihn le­dig­lich von der Ar­beits­pflicht. Zu­gleich folgt aus dem Ali­men­ta­ti­ons­grund­satz, dass die Be­sol­dung nicht im Sin­ne ei­nes Aus­tausch­verhält­nis­ses von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ein­zel­nen Ta­gen zu­ge­ord­net wer­den kann. Ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung des § 17 Abs. 4 BUrlG wi­der­spräche da­mit den das Be­am­ten­recht prägen­den Grund­sätzen (vgl. BVerwG, Buchh 232 § 89 BBG Nr. 1; Be­schluss vom 31.07.1997 – 2 B 138.96 –, ju­ris Rn. 8; Hess­VGH, Ur­teil vom 19.06.1996 – 1 UE 1395/93 –, ju­ris Rn. 32). Sie ver­stieße darüber hin­aus ge­gen den für die Be­sol­dung der Be­am­ten gel­ten­den Ge­set­zes­vor­be­halt gemäß § 2 Abs. 1 BBesG i.V.m. Art. 125a Abs. 1 GG.

 

c) Ein An­spruch auf die fi­nan­zi­el­le Vergütung von Ur­laubs­ansprüchen kann dem­nach auch nicht auf den Rechts­ge­dan­ken der un­ge­recht­fer­tig­ten Be­rei­che­rung gestützt wer­den. Ins­be­son­de­re wur­de der Be­klag­te da­durch, dass der Kläger sei­nen Ur­laub krank­heits­be­dingt nicht an­tre­ten konn­te, we­der von sei­ner Zah­lungs­pflicht be­freit noch kommt dem Er­ho­lungs­ur­laub ein Vermögens­wert zu, den er zum Nach­teil des Klägers er­langt hätte.

 

d) Ge­gen den Aus­schluss ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs für krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­nen Ur­laub be­ste­hen kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken.

 

Hier­in liegt zunächst kein Ver­s­toß ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz der Art. 3 Abs. 1 GG, Art. 17 Abs. 1 und 2 Ver­fas­sung für Rhein­land-Pfalz. Die vors­te­hend auf­ge­zeig­ten struk­tu­rel­len Un­ter­schie­de recht­fer­ti­gen auch in ver­fas­sungs­recht­li­cher Hin­sicht die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern und Be­am­ten. Des Wei­te­ren kann sich der Kläger nicht auf die durch Art. 33 Abs. 5 GG ga­ran­tier­te Für­sor­ge­pflicht des Be­klag­ten be­ru­fen. Hier­aus können grundsätz­lich kei­ne Ansprüche her­ge­lei­tet wer­den, die über die­je­ni­gen hin­aus­ge­hen, die ein­fach­recht­lich in Kon­kre­ti­sie­rung der Fürsor­ge­pflicht – wie auf dem Ge­biet der Ur­laubs­re­ge­lung (vgl. BVerwG, Be­schluss vom 27.10.1982 – 2 B 95.81 –, ju­ris Rn. 3) – spe­zi­ell und ab­sch­ließend ge­re­gelt sind. Auf die Fürsor­ge­pflicht kann al­len­falls dann zurück­ge­grif­fen wer­den, wenn die­se an­dern­falls in ih­rem We­sens­kern ver­letzt wäre (vgl. BVerwG, Buchh 262 § 1 TGV Nr. 2). An­halts­punk­te hierfür sind vor­lie­gend je­doch nicht er­sicht­lich.

 

2. Die Re­ge­lung des Art. 7 Abs. 2 RL 2003/88/EG, der zu­fol­ge der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­n­an­ziel­le Vergütung er­setzt wer­den darf, be­gründet auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Be­am­te kei­nen An­spruch auf ei­ne Ab­gel­tung krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs.

 

a) Al­ler­dings gilt die Richt­li­nie gemäß Art. 1 Abs. 3 RL 2003/88/EG i.V.m. Art. 2 Abs. 1 RL 89/391/EWG des Ra­tes vom 12. Ju­ni 1989 (ABl. L 183 vom 29.06.1989, S. 1) grundsätz­lich auch im Be­am­ten­verhält­nis. Da­nach fin­det sie An­wen­dung auf al­le öffent­li­chen Tätig­keits­be­rei­che. Aus der Vor­schrift des Art. 2 Abs. 2 RL 89/391/EWG, die ein­zel­ne Funk­tio­nen im öffent­li­chen Dienst wie bei­spiels­wei­se bei der Po­li­zei aus dem Gel­tungs­be­reich her­aus­nimmt, folgt im Um­kehr­schluss, dass von ihr grundsätz­lich auch Be­am­te er­fasst wer­den.

 

Der Kläger un­terfällt den Vor­ga­ben der Richt­li­nie, ob­wohl er vor sei­ner Pen­sio­nie­rung im Po­li­zei­dienst des be­klag­ten Lan­des stand. Art. 2 Abs. 2 RL 89/391/EWG nimmt nicht al­le, son­dern nur be­stimm­te Tätig­kei­ten bei der Po­li­zei von der An­wen­dung aus. Maßgeb­lich ist da­nach nicht die Zu­gehörig­keit zu den dort ge­nann­ten Tätig­keits­be­rei­chen, son­dern aus­sch­ließlich die spe­zi­fi­sche Na­tur be­stimm­ter in die­sen Sek­to­ren wahr­ge­nom­me­ner be­son­de­rer Auf­ga­ben, die we­gen der un­be­ding­ten Not­wen­dig­keit, ei­nen wirk­sa­men Schutz des Ge­mein­we­sens zu gewähr­leis­ten, ei­ne Aus­nah­me von den Vor­schrif­ten der Richt­li­nie recht­fer­tigt. Hier­un­ter fal­len le­dig­lich Na­tur- oder Tech­no­lo­gie­ka­ta­stro­phen, At­ten­ta­te, schwe­re Unglücksfälle oder an­de­re Er­eig­nis­se glei­cher Art, de­ren Schwe­re und Aus­maß Maßnah­men er­for­dern, die zum Schutz des Le­bens, der Ge­sund­heit und der Si­cher­heit des Ge­mein­we­sens un­erläss­lich sind und de­ren ord­nungs­gemäße Durchführung in Fra­ge ge­stellt wäre, wenn al­le Vor­schrif­ten der Richt­li­ni­en be­ach­tet wer­den müss­ten (vgl. EuGH, NVwZ 2005, 1049 [1051] – Per­so­nal­rat der Feu­er­wehr Ham­burg).

 

b) Den­noch be­gründet Art. 7 Abs. 2 RL 2003/88/EG kei­nen Zah­lungs­an­spruch des Klägers.

 

Zwar ist die Vor­schrift da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen für nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung ge­zahlt wird, wenn der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs- und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums krank­ge­schrie­ben war und des­halb sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ausüben konn­te (vgl. EuGH, NJW 2009, 495 [498 f.] – Schultz-Hoff u.a.).

 

In­so­weit ist aber zu berück­sich­ti­gen, dass die Richt­li­nie 2003/88/EG zwar kei­ne aus­drück­li­che Ab­wei­chung von de­ren Art. 7 zulässt. Je­doch bleibt das Recht der Mit­glied­staa­ten, für die Si­cher­heit und den Ge­sund­heits­schutz der Ar­beit­neh­mer günsti­ge­re Rechts­vor­schrif­ten an­zu­wen­den, gemäß Art. 15 RL 2003/88/EG un­be­rührt. Bei den für den Fall ei­ner dienst­unfähi­gen Er­kran­kung gel­ten­den be­am­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten han­delt es sich um sol­cher­art für den Be­am­ten vor­teil­haf­te­re Re­ge­lun­gen. Ihm muss da­her in den Fällen, in de­nen er krank­heits­be­dingt an der In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs ge­hin­dert war und die­sen we­gen sei­nes Aus­schei­dens aus dem ak­ti­ven Dienst­verhält­nis auch nicht nachträglich neh­men konn­te, kein Ab­gel­tungs­an­spruch ein­geräumt wer­den.

 

Da­bei ist der Ge­genüber­stel­lung der eu­ro­pa­recht­li­chen so­wie der na­tio­na­len Schutz­vor­schrif­ten nicht ei­ne punk­tu­el­le, son­dern ei­ne struk­tu­rel­le Be­trach­tung zu­grun­de zu le­gen. Ein al­lein auf die Fra­ge der nachträgli­chen Ur­laubs­vergütung ab­stel­len­der Ver­gleich ließe an­de­re zu­guns­ten des Be­am­ten in der kon­kre­ten Si­tua­ti­on grei­fen­de güns­ti­ge­re Schutz­maßnah­men un­berück­sich­tigt. Fol­ge des­sen wäre, dass mit der Zu­er­ken­nung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs die den Min­dest­stan­dard der Richt­li­nie ins­ge­samt oh­ne­hin über­schrei­ten­de Si­tua­ti­on des Be­am­ten so­wohl ge­genüber den eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben wie auch im Ver­gleich mit Ar­beit­neh­mern zusätz­lich ver­bes­sert würde.

 

Der vor­ste­hend wie­der­ge­ge­be­ne Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs lag der Fall ei­nes Ar­beit­neh­mers zu­grun­de, der im letz­ten Jahr vor der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durchgängig ar­beits­unfähig er­krankt und des­halb ge­hin­dert war, sei­nen Er­ho­lungs­ur­laub an­zu­tre­ten. Ei­ne der­art lang­fris­ti­ge Krank­schrei­bung führt bei Ar­beit­neh­mern zu nicht un­er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Ver­lus­ten. Der Lohn­an­spruch ge­gen den Ar­beit­ge­ber en­det gemäß § 3 Abs. 1 Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz nach sechs Wo­chen. Nach­fol­gend erhält der Ar­beit­neh­mer gemäß § 44 So­zi­al­ge­setz­buch Fünf­tes Buch – SGB V – le­dig­lich Kran­ken­geld, wel­ches nach § 47 Abs. 1 SGB V nur 70 v.H. des Re­ge­l­ent­gelts beträgt und des­sen Dau­er durch § 48 SGB V be­grenzt ist. In die­ser Si­tua­ti­on soll der Ar­beit­neh­mer, dem zu­dem die krank­heits­be­ding­te Kündi­gung droht, zu­min­dest in fi­n­an­ziel­ler Form in den Ur­laubs­ge­nuss kom­men (vgl. EuGH, NJW 2009, 495 [498 f.] – Schultz-Hoff u.a.). Der Be­am­te hin­ge­gen erhält un­abhängig von der Dau­er der Er­kran­kung die vol­le Be­sol­dung durch sei­nen Dienst­herrn wei­ter­ge­zahlt. Er kann darüber hin­aus nicht we­gen sei­ner Dienst­unfähig­keit ent­las­sen, son­dern al­len­falls in den vor­zei­ti­gen Ru­he­stand ver­setzt wer­den. Auch in die­sem Fall wird je­doch das Be­am­ten­verhält­nis nicht be­en­det und bleibt der Dienst­herr zur Wei­ter­zah­lung der (nun­mehr: Ver­sor­gungs-) Bezüge ver­pflich­tet. An­ders als im Fal­le ei­nes Ar­beit­neh­mers ent­ste­hen da­her we­der für den Dienst­herrn fi­nan­zi­el­le Vor­tei­le durch ein Frei­wer­den von der Ent­gelt­pflicht noch für den Be­am­ten Nach­tei­le in­fol­ge ei­ner Ver­rin­ge­rung der Be­sol­dung. So­mit be­steht kei­ne Not­wen­dig­keit zu de­ren Aus­gleich durch die Gewäh­rung ei­nes Vergütungs­an­spruchs für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub (vgl. Plog/Wie­dow, BBG, § 89 Rn. 13a).

 

c) Darüber hin­aus kann sich der Kläger auch des­halb nicht auf Art. 7 Abs. 2 RL 2003/88/EG be­ru­fen, weil dem Ur­laubs­an­spruch des Be­am­ten – wie vor­ste­hend dar­ge­legt – kein Vermögens­wert zu­kommt.

 

Der Ab­fin­dungs­an­spruch nach Art. 7 Abs. 2 RL 2003/88/EG soll, ver­gleich­bar § 7 Abs. 4 BUrlG, ei­nen et­wai­gen Vermögens­wert er­hal­ten. Die Norm setzt ihn da­her vor­aus, oh­ne ihn zu be­gründen. Auch aus Art. 7 Abs. 1 RL 2003/88/EG folgt kei­ne Ver­pflich­tung des na­tio­na­len Ge­setz­ge­bers, die Ent­gelt­fort­zah­lung während des Ur­laubs der­art aus­zu­ge­stal­ten, dass sie die­sem Zeit­raum kon­kret zu­ge­ord­net wer­den kann. Art. 7 Abs. 1 RL 2003/88/EG legt den Mit­glied­staa­ten le­dig­lich hin­sicht­lich des zu er­rei­chen­den Ziels – die Wei­ter­gewährung des Ar­beits­ent­gelts wäh­rend des Ur­laubs – Ver­pflich­tun­gen auf, überlässt ih­nen je­doch die Art und Wei­se der Durch­führung des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs (vgl. EuGH, EuZW 2001, 605 [606 ff.] – BEC­TU). Gewähr­leis­tet sein muss le­dig­lich, dass der Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum in Be­zug auf sei­nen Lohn in ei­ne La­ge ver­setzt wird, die mit den Zei­ten ge­leis­te­ter Ar­beit ver­gleich­bar ist, und er über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügen kann, da­mit ein wirk­sa­mer Schutz sei­ner Si­cher­heit und Ge­sund­heit si­cher­ge­stellt ist (vgl. EuGH, EuZW 2006, 244 [246] – Ro­bin­son-Stee­le u.a.). Die­sen An­for­de­run­gen genügt die Ali­men­ta­ti­on der Be­am­ten.

 

Hin­zu kommt, dass der Be­klag­te auf­grund der Er­kran­kung des Klägers nicht von sei­ner Pflicht zur Fort­zah­lung der Bezüge frei wur­de. Die­ser hat folg­lich die auf den Ur­laubs­zeit­raum ent­fal­len­de Vergütung er­hal­ten und muss­te le­dig­lich
– krank­heits­be­dingt – auf ei­nen Er­ho­lungs­zeit­raum ver­zich­ten. Ein et­wai­ger Ver­mögens­wert des Ur­laubs könn­te aber, wenn über­haupt, nicht in der Er­ho­lung, son­dern al­lein in der Wei­ter­gewährung des Ar­beits­ein­kom­mens lie­gen. Er­ach­te­te man auch im Be­am­ten­verhält­nis den Ab­gel­tungs­an­spruch als Sur­ro­gat des Ur­laubs, so hätte der Be­klag­te die­sen be­reits erfüllt. Auch in­so­weit gilt, dass der Dienst­herr in­fol­ge der Er­kran­kung und der da­mit ein­her­ge­hen­den Unmöglich­keit der In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs kei­nen Vermögens­vor­teil, der Be­am­te kei­nen fi­nan­zi­el­len Nach­teil er­lei­det. Die Gewährung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs führ­te des­halb zu ei­ner zusätz­li­chen Begüns­ti­gung des Klägers so­wie ei­ner wei­te­ren Be­las­tung des Be­klag­ten, für die ei­ne sach­li­che Recht­fer­ti­gung nicht er­kenn­bar ist.

 

3. Die Be­ru­fung war dem­nach mit der Kos­ten­fol­ge des § 154 Abs. 2 Vw­GO zurück­zu­wei­sen. Der Aus­spruch zur vorläufi­gen Voll­streck­bar­keit des Ur­teils we­gen der Kos­ten er­gibt sich aus § 167 Abs. 2 Vw­GO. Die Re­vi­si­on war gemäß § 132 Abs. 2 Nr. 1 Vw­GO zu­zu­las­sen.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

 

 

 


 


 

 

gez. Prof. Dr. Mey­er
 

gez. St­einkühler
 

gez. Dr. Schu­ma­cher

 

 

 

 

 

B e s c h l u s s

Der Streit­wert wird für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren auf 9.980,17 € fest­ge­setzt (§ 47 Abs. 1, § 52 Abs. 1 Ge­richts­kos­ten­ge­setz).

 

 

gez. Prof. Dr. Mey­er
 

gez. St­einkühler
 

gez. Dr. Schu­ma­cher

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 2 A 11321/09  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880