Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Steuerfreiheit, Tarifvertrag
   
Gericht: Bundesfinanzhof
Akten­zeichen: VI R 16/06
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 13.09.2007
   
Leit­sätze: Beiträge zur Zu­kunfts­si­che­rung des Ar­beit­neh­mers, zu de­ren Leis­tung der Ar­beit­ge­ber auf­grund ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung gemäß § 5 TVG ver­pflich­tet ist, sind steu­er­frei (§ 3 Nr. 62 Satz 1 Al­ter­na­ti­ve 3 EStG).
Vor­ins­tan­zen: Thüringer Finanzgericht, Urteil vom 17.11.2005, II 1177/03
   

Bun­des­fi­nanz­hof, Ur­teil vom 13.09.2007 VI R 16/06

Gründe

I.

I. Die Kläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te (Kläge­rin) be­treibt ei­nen land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons- und Han­dels­be­trieb. Sie führ­te in den Streit­jah­ren 1998 bis 2001 für je­den Ar­beit­neh­mer mo­nat­lich 10 DM an die Zu­satz­ver­sor­gungs­kas­se für Ar­beit­neh­mer in der Land- und Forst­wirt­schaft (ZLA), ei­ner An­stalt des öffent­li­chen Rechts, im Auf­trag des Zu­satz­ver­sor­gungs­wer­kes für Ar­beit­neh­mer in der Land- und Forst­wirt­schaft (ZLF) e.V., ab. Die Kläge­rin, die selbst nicht ta­rif­ge­bun­den ist, kam da­mit ei­ner Ver­pflich­tung aus dem zwi­schen der Ge­werk­schaft Gar­ten­bau, Land-und Forst­wirt­schaft und den land- und forst­wirt­schaft­li­chen Ar­beit­ge­ber­verbänden ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag (TV) nach. Nach § 2 Abs. 3 i.V.m. § 3 Abs. 1 des Ver­trags ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, ei­nen Be­trag von 10 DM mo­nat­lich für je­den ständig beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer an das ZLF zu leis­ten. Der Bun­des­mi­nis­ter für Ar­beit und So­zi­al­ord­nung hat die Be­stim­mun­gen des erwähn­ten TV über das Zu­satz­ver­sor­gungs­werk gemäß § 5 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (TVG) für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt.

Die Kläge­rin un­ter­warf die Leis­tun­gen nicht der Lohn­steu­er. Im An­schluss an ei­ne Lohn­steu­er-Außen­prüfung er­fass­te der Be­klag­te und Re­vi­si­onskläger (das Fi­nanz­amt --FA--) die Beträge als steu­er­pflich­ti­gen Ar­beits­lohn und er­hob pau­schal Lohn­steu­er nach. Der Ein­spruch, mit dem die Kläge­rin die Steu­er­frei­heit gemäß § 3 Nr. 62 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (EStG) in An­spruch nahm, blieb oh­ne Er­folg.

Das Fi­nanz­ge­richt (FG) gab der Kla­ge mit den in Ent­schei­dun­gen der Fi­nanz­ge­rich­te 2006, 1038 veröffent­lich­ten Gründen statt.

Mit der Re­vi­si­on rügt das FA die Ver­let­zung des § 3 Nr. 62 EStG.

Das FA be­an­tragt, die Kla­ge un­ter Auf­he­bung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt, die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.

II.

- 2 -

II. Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet; sie war da­her zurück­zu­wei­sen (§ 126 Abs. 2 der Fi­nanz­ge­richts­ord­nung --FGO--). Die Bei­trags­leis­tun­gen der Kläge­rin an die ZLA sind nicht lohn­steu­er­pflich­tig.

Die Bei­trags­leis­tun­gen sind gemäß § 3 Nr. 62 Satz 1 EStG steu­er­frei.

a) Wie sich aus dem Ur­teil des Bun­des­fi­nanz­hofs (BFH) vom 27. Ju­ni 2006 IX R 77/01 (BFH/NV 2006, 2242) er­gibt, ist der An­wen­dungs­be­reich des § 3 Nr. 62 Satz 1 EStG auf­grund der Ge­set­zesände­rung durch das Steu­erände­rungs­ge­setz 1992 deut­lich er­wei­tert wor­den. Zur Steu­er­frei­heit führen nun­mehr nicht nur ei­ne so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che, son­dern auch ei­ne an­de­re ge­setz­li­che so­wie ei­ne auf ge­setz­li­cher Ermäch­ti­gung be­ru­hen­de Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, Aus­ga­ben für die Zu­kunfts­si­che­rung der Ar­beit­neh­mer zu leis­ten. Das hat zur Fol­ge, dass auch Zwangs­beiträge, die auf­grund ei­ner durch vor­kon­sti­tu­tio­nel­les Ge­setz ent­stan­de­nen und als Bun­des­recht fort­gel­ten­den Ta­rif­ord­nung ge­leis­tet wer­den, steu­er­frei sind. Ent­spre­chen­des gilt für Beiträge, zu de­ren Leis­tung der Ar­beit­ge­ber auf­grund ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ei­nes Ta­rif­ver­trags gemäß § 5 TVG ver­pflich­tet ist.

b) Für die Steu­er­be­frei­ung nach § 3 Nr. 62 Satz 1 EStG ist ei­ne auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge be­ru­hen­de Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, Aus­ga­ben für die Zu­kunfts­si­che­rung des Ar­beit­neh­mers zu er­brin­gen, er­for­der­lich (BFH-Ur­teil vom 18. Mai 2004 VI R 11/01, BFHE 206, 158, BSt­Bl II 2004, 1014). Leis­tun­gen, die auf­grund ei­ner frei­wil­lig be­gründe­ten Rechts­pflicht er­bracht wer­den, sind nicht steu­er­be­freit. Es kann hier da­hin­ste­hen, ob Leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers, zu de­nen er ta­rif­ge­bun­den ver­pflich­tet ist (vgl. da­zu § 4 TVG), in die­sem Sin­ne frei­wil­lig er­bracht und des­halb von der Steu­er­be­frei­ung nicht er­fasst wer­den (so von Be­ckerath, in: Kirch­hof/Söhn/ Mel­ling­hoff, EStG, § 3 Nr. 62 Rz B 62/35 un­ter Hin­weis auf BFH-Ur­teil vom 6. No­vem­ber 1970 VI 385/65, BFHE 100, 320, BSt­Bl II 1971, 22 zu § 2 Abs. 3 Nr. 2 Satz 6 der Lohn­steu­er-Durchführungs­ver­ord­nung --LSt­DV--). Denn § 3 Nr. 62 Satz 1 EStG kommt zu­min­dest für den Ar­beit­ge­ber in Be­tracht, der nicht ta­rif­ge­bun­den und auf­grund der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ei­nes TV gemäß § 5 TVG zur Zah­lung ver­pflich­tet ist. Dies er­gibt sich aus den Be­son­der­hei­ten, die die au­to­no­me Ord­nung des Ar­beits­le­bens durch die Ta­rif­par­tei­en aus­zeich­net.

aa) Art. 9 Abs. 3 des Grund­ge­set­zes (GG) gewähr­leis­tet ei­ne Ord­nung des Ar­beits- und Wirt­schafts­le­bens, bei der der Staat sei­ne Zuständig­keit zur Recht­set­zung weit­ge­hend zurück­ge­nom­men und die Be­stim­mung der re­ge­lungs­bedürf­ti­gen Ein­zel­hei­ten des Ar­beits­ver­trags grundsätz­lich den Ta­rif­par­tei­en über­las­sen hat. Der Ge­setz­ge­ber hat den Ta­rif­par­tei­en auf der Grund­la­ge der Be­deu­tung des Grund­rechts der Ko­ali­ti­ons­frei­heit im TVG das Mit­tel des Ta­rif­ver­trags an die Hand ge­ge­ben. Bei der Norm­set­zung durch die Ta­rif­par­tei­en han­delt es sich um Ge­setz­ge­bung im ma­te­ri­el­len Sin­ne, die Nor­men im rechts­tech­ni­schen Sin­ne er­zeugt

- 3 -

(Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts --BVerfG-- vom 24. Mai 1977 2 BvL 11/74, BVerfGE 44, 322, 341).

Die "Norm­set­zungs­präro­ga­ti­ve" der Ta­rif­par­tei­en gilt nicht schran­ken­los. Es ist Sa­che des sub­si­diär für die Ord­nung des Ar­beits­le­bens wei­ter­hin zuständi­gen staat­li­chen Ge­setz­ge­bers, die Betäti­gungs­ga­ran­tie der Ta­rif­par­tei­en in ei­ner den be­son­de­ren Er­for­der­nis­sen des je­wei­li­gen Sach­be­reichs ent­spre­chen­den Wei­se näher zu re­geln. In die­sem recht­li­chen Zu­sam­men­hang steht die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung gemäß § 5 TVG. So­weit ein öffent­li­ches In­ter­es­se dar­an be­steht, dass im Gel­tungs­be­reich ei­nes TV al­le Ar­beits­verhält­nis­se in ih­ren Min­dest­be­din­gun­gen in­halt­lich gleich ge­stal­tet sind, be­wirkt sie, dass die von den Ta­rif­par­tei­en aus­ge­han­del­ten Rechts­nor­men auch für Nicht­ver­bands­mit­glie­der durch staat­li­chen Ho­heits­akt ver­bind­lich wer­den. Die­ser staat­li­che Ho­heits­akt hat nicht nur die Be­deu­tung ei­ner bloßen un­selbständi­gen Zu­stim­mungs­erklärung zur au­to­no­men Norm­set­zung der Ta­rif­par­tei­en auch ge­genüber sog. Außen­sei­tern. Viel­mehr han­delt es sich um ei­nen dem Staat vor­be­hal­te­nen Gel­tungs­be­fehl, der die Außen­sei­ter an die Ta­rif­norm bin­det (BVerfG in BVerfGE 44, 322, 346).

bb) Zwar ist die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von Ta­rif­verträgen kein Ge­setz im for­mel­len Sinn, al­so auch kei­ne Rechts­ver­ord­nung. Viel­mehr ist sie im Verhält­nis zu den oh­ne sie nicht ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern ein Recht­set­zungs­akt ei­ge­ner Art zwi­schen au­to­no­mer Re­ge­lung und staat­li­cher Recht­set­zung, der sei­ne ei­genständi­ge Rechts­grund­la­ge in Art. 9 Abs. 3 GG fin­det (BVerfG in BVerfGE 44, 322, 338 f.; Be­schluss vom 15. Ju­li 1980 1 BvR 24/74 und 439/79, BVerfGE 55, 7, 20; Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 28. März 1990 4 AZR 536/89, Der Be­trieb 1991, 180). Dies steht je­doch der Steu­er­be­frei­ung nicht ent­ge­gen. Maßgeb­lich ist, dass der nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber ma­te­ri­ell ge­setz­lich ver­pflich­tet ist, Zu­kunfts­si­che­rungs­leis­tun­gen zu er­brin­gen. Es ist nicht ge­recht­fer­tigt, die in­so­weit ge­setz­lich auf­er­leg­ten Zwangs­beiträge aus dem An­wen­dungs­be­reich der Be­frei­ungs­vor­schrift aus­zu­sch­ließen.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht VI R 16/06  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880