Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Weisungsrecht
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 2 AZR 606/08
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 23.06.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Hannover, Urteil vom 11.05.2007, 1 Ca 82/07
Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 03.06.2008, 3 Sa 1041/07
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


2 AZR 606/08
3 Sa 1041/07
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nie­der­sach­sen

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

23. Ju­ni 2009

UR­TEIL

Schmidt, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23. Ju­ni 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Fi­scher­mei­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmitz-
 


- 2 -

Scho­le­mann, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ber­ger so­wie die eh­ren-amt­li­chen Rich­ter Söller und Löll­gen für Recht er­kannt:


Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 3. Ju­ni 2008 - 3 Sa 1041/07 - wird auf Kos­ten der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner Ab­mah­nung


Die Kläge­rin trat 1982 in die Diens­te der Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten. Sie ist als Al­ten­pfle­ge­rin beschäftigt.

Für das Ka­len­der­jahr 2005 hat­te die Be­klag­te bei der für die AVR-K zuständi­gen ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­si­on we­gen er­heb­li­cher wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­ten ei­ne Not­la­gen­re­ge­lung er­wirkt, auf­grund der das 13. Mo­nats­ge­halt mit Aus­nah­me der Mit­ar­bei­ter mit BAT-Verträgen um 46 % ver­min­dert wur­de. Für das Ka­len­der­jahr 2006 streb­te die Be­klag­te ei­ne ähn­li­che Re­ge­lung an. Da­bei woll­te sie die Mit­ar­bei­ter mit BAT-Verträgen, zu de­nen auch die Kläge­rin zählt, ein­be­zie­hen. Zu die­sem Zweck fand am 1. No­vem­ber 2006 ein ge­mein­sa­mes Gespräch mit al­len Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern mit BAT-Verträgen statt. Die­ses Gespräch führ­te nicht zu dem von der Be­klag­ten gewünsch­ten Er­geb­nis. Mit Schrei­ben vom 3. No­vem­ber 2006 lud die Be­klag­te die Kläge­rin für Mon­tag, den 13. No­vem­ber 2006, zu ei­nem Per­so­nal­gespräch in An­we­sen­heit der Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung im Büro des Per­so­nal­lei­ters ein.


Das Schrei­ben hat­te fol­gen­den Wort­laut: 

„Per­so­nal­gespräch

Sehr ge­ehr­te Frau I,

die im ver­gan­ge­nen Jahr auf Grund der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on der D ab­ge­schlos­se­ne Not­la­gen­dienst­ver­ein­ba­rung muss zur wirt­schaft­li­chen Kon­so­li­die­rung fort-

- 3 -

ge­setzt wer­den.


Geschäftsführung und Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung der D ha­ben sich da­her über ei­ne Fortführung der Not­la­gen­re­ge­lung verständigt.
Mit­ar­bei­ter mit BAT-Verträgen wer­den von die­ser Dienst­ver­ein­ba­rung zwar nicht er­fasst, über 75% der BAT-Mit­ar­bei­ter ha­ben al­ler­dings be­reits ei­ner ent­spre­chen­den ein­zel­ver­trag­li­chen Re­ge­lung zu­ge­stimmt.

Ich möch­te mit Ih­nen da­her ein Gespräch führen und la­de Sie in Ab­stim­mung mit der Geschäftsführung der D für

Mon­tag, den 13. No­vem­ber 2006

um 10.45 Uhr

in mein Büro im Per­so­nal­ser­vice

ein.


Die Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung wird eben­falls an dem Gespräch teil­neh­men.

Die Teil­nah­me an dem Gespräch ist Dienst­zeit und ver­bind­lich.

Vie­len Dank.“

Die Kläge­rin er­schien zwar zu dem vor­ge­ge­be­nen Zeit­punkt im Büro des Per­so­nal­lei­ters. Eben­so wie an­de­re Mit­ar­bei­ter mach­te sie aber deut­lich, dass sie nur be­reit sei, ein ge­mein­sa­mes Gespräch zu führen. Dies lehn­te die Geschäfts­lei­tung der Be­klag­ten ab. Nach­dem sie der Kläge­rin Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben hat­te, er­teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin un­ter dem 3. Ja­nu­ar 2007 ei­ne Ab­mah­nung. Dar­in wirft sie der Kläge­rin vor, sie ha­be ge­gen Ih­re all­ge­mei­nen Dienst­pflich­ten ver­s­toßen und die ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung (hier in Form ei­nes Per­so­nal­gesprächs) ver­wei­gert, oh­ne dass dafür Recht­fer­ti­gungs­gründe be­stan­den hätten.


Die Kläge­rin ver­langt die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te. Sie hat die An­sicht ver­tre­ten, in ih­rem Ver­hal­ten lie­ge kei­ne Ver­let­zung der Dienst­pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag. Das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­bers be­zie­he sich nur auf die Ar­beits­in­hal­te und nicht auf die Aus­ge­stal­tung der ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen. Das Gespräch am 13. No­vem­ber 2006 ha­be mit der Ausführung des Ar­beits­verhält­nis­ses nichts zu tun ge­habt.
 


- 4 -

Die Kläge­rin hat be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die am 3. Ja­nu­ar 2007 aus­ge­spro­che­ne Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.


Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat die An­sicht ver­tre­ten, das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­bers um­fas­se nach § 106 Ge­wO In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung. Die­se sei­en durch die Ein­la­dung zum Per­so­nal­gespräch in zulässi­ger Wei­se kon­kre­ti­siert wor­den. Zu berück­sich­ti­gen sei auch, dass die Be­klag­te das Gespräch im Bei­sein der Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung ha­be führen wol­len. Außer­dem fol­ge aus der Ein­la­dung nicht, dass es aus­sch­ließlich um ei­ne Ver­tragsände­rung ha­be ge­hen sol­len. Der­ar­ti­ge Gespräche ent­wi­ckel­ten sich häufig mit der Fol­ge, dass im Rah­men der Erörte­run­gen auch über wei­te­re Punk­te ge­spro­chen wer­de.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat nach dem Kla­ge­an­trag er­kannt. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on er­strebt die Be­klag­te die Wie­der­her­stel­lung des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils.

Ent­schei­dungs­gründe


Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge zu Recht ent­spro­chen. Die Kläge­rin hat ge­gen die Be­klag­te An­spruch auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung vom 3. Ja­nu­ar 2007 aus der Per­so­nal­ak­te.

I. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann der Ar­beit­neh­mer in ent­spre­chen­der An­wen­dung der §§ 242, 1004 BGB die Ent­fer­nung ei­ner zu Un­recht er­teil­ten Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te ver­lan­gen (zu­letzt 27. No­vem­ber 2008 - 2 AZR 675/07 - AP BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 33 = EzA BGB 2002 § 314 Nr. 4; 22. Fe­bru­ar 2001 - 6 AZR 398/99 - Ez­BAT BAT § 11 Nr. 10; 30. Mai 1996 - 6 AZR 537/95 - AP BGB § 611
 


- 5 -

Ne­bentätig­keit Nr. 2 = EzA BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 34; 27. No­vem­ber 1985 - 5 AZR 101/84 - BA­GE 50, 202; vgl. Klei­ne­brink Ab­mah­nung 2. Aufl. Rn. 562 ff.).


1. Bei der Ab­mah­nung, die nun­mehr in § 314 Abs. 2 BGB ge­setz­lich ver­an­kert wur­de, han­delt es sich um die Ausübung ei­nes ar­beits­ver­trag­li­chen Gläubi­ger­rechts durch den Ar­beit­ge­ber. Als Gläubi­ger der Ar­beits­leis­tung weist er den Ar­beit­neh­mer als sei­nen Schuld­ner auf des­sen ver­trag­li­che Pflich­ten hin und macht ihn auf die Ver­let­zung die­ser Pflich­ten auf­merk­sam (Rüge­funk­ti­on). Zu­gleich for­dert er ihn für die Zu­kunft zu ei­nem ver­trags­treu­en Ver­hal­ten auf und kündigt, wenn ihm dies an­ge­bracht er­scheint, in­di­vi­du­al­recht­li­che Kon­se­quen­zen für den Fall ei­ner er­neu­ten Pflicht­ver­let­zung an (Warn­funk­ti­on) (vgl. BAG 22. Fe­bru­ar 2001 - 6 AZR 398/99 - Ez­BAT BAT § 11 Nr. 10; 30. Mai 1996 - 6 AZR 537/95 - mwN, AP BGB § 611 Ne­bentätig­keit Nr. 2 = EzA BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 34; 15. Ju­li 1992 - 7 AZR 466/91 - BA­GE 71, 14).


2. Ei­ne sol­che miss­bil­li­gen­de Äußerung des Ar­beit­ge­bers in Form ei­ner Ab­mah­nung ist ge­eig­net, den Ar­beit­neh­mer in sei­nem be­ruf­li­chen Fort­kom­men und sei­nem Persönlich­keits­recht zu be­ein­träch­ti­gen. Des­halb kann der Ar­beit­neh­mer die Be­sei­ti­gung die­ser Be­ein­träch­ti­gung ver­lan­gen, wenn die Ab­mah­nung for­mell nicht ord­nungs­gemäß zu­stan­de ge­kom­men ist (vgl. BAG 16. No­vem­ber 1989 - 6 AZR 64/88 - BA­GE 63, 240), un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält (vgl. BAG 27. No­vem­ber 1985 - 5 AZR 101/84 - BA­GE 50, 202), auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers be­ruht (vgl. BAG 22. Fe­bru­ar 2001 - 6 AZR 398/99 - Ez­BAT BAT § 11 Nr. 10), den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ver­letzt (vgl. BAG 31. Au­gust 1994 - 7 AZR 893/93 - AP Be­trVG 1972 § 37 Nr. 98 = EzA BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 33) oder kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers am Ver­bleib der Ab­mah­nung in der Per­so­nal­ak­te mehr be­steht (vgl. BAG 30. Mai 1996 - 6 AZR 537/95 - AP BGB § 611 Ne­bentätig­keit Nr. 2).


II. Von die­sen Grundsätzen ist auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­ge­gan­gen und hat sie auf den Streit­fall zu­tref­fend an­ge­wandt. Die Ab­mah­nung vom 3. Ja­nu­ar 2007 ist zu Un­recht er­folgt. Die Kläge­rin hat da­durch, dass sie

- 6 -

der Auf­for­de­rung der Be­klag­ten zur Teil­nah­me an dem Per­so­nal­gespräch am 13. No­vem­ber 2006 nicht in der von der Be­klag­ten gewünsch­ten Wei­se folg­te, kei­ne Ver­trags­pflicht ver­letzt.


1. Die Kläge­rin war zur Teil­nah­me an dem Gespräch nicht auf­grund wirk­sa­mer Wei­sung der Be­klag­ten ver­pflich­tet.

a) Der Ar­beit­ge­ber kann nach § 106 Satz 1, 2, § 6 Ge­wO ge­genüber al­len Ar­beit­neh­mern In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung nach bil­li­gem Er­mes­sen näher be­stim­men, so­weit die­se Ar­beits­be­din­gun­gen nicht durch den Ar­beits-ver­trag, Be­stim­mun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, ei­nes an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­tra­ges oder ge­setz­li­che Vor­schrif­ten fest­ge­legt sind. Dies gilt auch hin­sicht­lich der Ord­nung und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb. Das Wei­sungs­recht be­trifft da­nach zum ei­nen die Kon­kre­ti­sie­rung der Haupt­leis­tungs­pflicht. Es ermöglicht dem Ar­beit­ge­ber, dem Ar­beit­neh­mer be­stimm­te Auf­ga­ben zu­zu­wei­sen und den Ort und die Zeit ih­rer Er­le­di­gung ver­bind­lich fest­zu­le­gen. Dar­in erschöpft sich das Wei­sungs­recht je­doch nicht. Viel­mehr tritt, wie auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­se­hen hat, ei­ne nicht ab­sch­ließend aufzähl­ba­re, je nach den Umständen näher zu be­stim­men­de Viel­zahl von Pflich­ten hin­zu, de­ren Erfüllung un­umgäng­lich ist, um den Aus­tausch der Haupt­leis­tun­gen sinn­voll zu ermögli­chen (sog. leis­tungs­si­chern­de Ver­hal­tens-pflich­ten, vgl. DFL/Löwisch 2. Aufl. § 241 BGB Rn. 3). Auch hier­auf kann sich das Wei­sungs­recht be­zie­hen. Sch­ließlich kann das Wei­sungs­recht auch den in fast al­len Ar­beits­verhält­nis­sen be­ste­hen­den kol­lek­ti­ven Be­reich be­tref­fen, in dem es um die­je­ni­gen Re­ge­lungs­bedürf­nis­se geht, die durch das Zu­sam­men­wir­ken meh­re­rer Ar­beit­neh­mer im Be­trieb ent­ste­hen. Auch auf die­se Be­rei­che können Wei­sun­gen be­zo­gen sein. Da­ge­gen er­streckt sich das Wei­sungs­recht nicht auf die Be­stand­tei­le des Aus­tausch­verhält­nis­ses, al­so die Höhe des Ent­gelts und den Um­fang der ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung (ErfK/Preis 9. Aufl. § 106 Ge­wO Rn. 2; APS/Künzl 3. Aufl. § 2 KSchG Rn. 51). Da Wei­sun­gen re­gelmäßig kei­nem Form­zwang un­ter­lie­gen, muss dem Ar­beit­ge­ber auch die Möglich­keit zur Verfügung ste­hen, sie münd­lich zu er­tei­len. Das be­inhal­tet die Be­rech­ti­gung, den Ar­beit­neh­mer zur Teil­nah­me an Gesprächen zu ver­pflich­ten,
 


- 7 -

in de­nen der Ar­beit­ge­ber Wei­sun­gen in ei­nem der oben ge­nann­ten Be­rei­che vor­be­rei­ten, er­tei­len oder ih­re Nich­terfüllung be­an­stan­den will. Stets muss der Ar­beit­ge­ber bei Wei­sun­gen bil­li­ges Er­mes­sen wal­ten las­sen. Das schließt die Ach­tung grund­recht­lich geschütz­ter In­ter­es­sen ein (ErfK/Preis § 106 Ge­wO Nr. 6; DFL/Kle­beck § 106 Ge­wO Rn. 36).

b) Ge­mes­sen an die­sen Grundsätzen ist die Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die Kläge­rin sei zur Teil­nah­me an dem Gespräch vom 13. No­vem­ber 2006 nicht nach § 106 Ge­wO ver­pflich­tet ge­we­sen, nicht zu be­an­stan­den.

aa) Die Wei­sung der Be­klag­ten im Schrei­ben vom 3. No­vem­ber 2006 war, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt hat, aus­sch­ließlich auf ei­ne Ver­hand­lung zur Ver­tragsände­rung ge­rich­tet. Die Re­vi­si­on hat in­so­weit kei­ne zulässi­gen und be­gründe­ten Ver­fah­rensrügen er­ho­ben. Sie zeigt auch nicht auf, in­wie­fern das Lan­des­ar­beits­ge­richt das Schrei­ben vom 3. No­vem­ber 2006 un­zu­tref­fend aus­ge­legt ha­ben soll. So­weit die Re­vi­si­on meint, Gespräche die­ser Art könn­ten sich stets ent­wi­ckeln und es sei im Ein­la­dungs­schrei­ben auch nicht aus­ge­schlos­sen wor­den, dass man auf an­de­re The­men als den Wunsch der Be­klag­ten nach Ab­schluss ei­ner Ver­ein­ba­rung zur Vergütungs­re­du­zie­rung zu spre­chen kom­men wer­de, ist ihr ge­wiss zu­zu­ge­ste­hen, dass dies grundsätz­lich zu­trifft, al­ler­dings nur in dem Sinn, in dem sich schlecht­hin je­des Gespräch stets in je­de mögli­che Rich­tung ent­wi­ckeln kann und bei Gesprächen von vorn­her­ein nie aus­ge­schlos­sen ist, dass sie auch un­vor­her­ge­se­he­ne Ge­genstände berühren. Ent­schei­dend ist aber, dass die Kläge­rin das Schrei­ben vom 3. No­vem­ber 2006 nur in dem Sin­ne ver­ste­hen konn­te, dass die Be­klag­te mit ihr ei­ne Ver­ein­ba­rung zur Re­du­zie­rung des 13. Ge­halts ab­sch­ließen woll­te, wie sie von 75 vH der Be­trof­fe­nen be­reits ak­zep­tiert wor­den war. Ge­nau so hat die Be­klag­te im ers­ten Rechts­zug den Sinn der Ein­la­dung eben­falls ge­kenn­zeich­net. Das lag auch na­he, weil die Be­klag­te aus ih­rer Sicht ein­zel­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen die­ses In­halts mit na­he­zu al­len Mit­ar­bei­tern drin­gend brauch­te, um ih­re Sa­nie­rungs­bemühun­gen zum Er­folg führen zu können.
 


- 8 -

bb) Die Wei­sung be­zog sich da­mit auf kei­nen der von § 106 Satz 1, 2 Ge­wO ab­ge­deck­ten Be­rei­che.

(1) Sie hat­te kei­nen Be­zug zur Ar­beits­pflicht der Kläge­rin. Das sieht of­fen­bar auch die Be­klag­te so.

(2) Sie be­traf auch kei­ne leis­tungs­si­chern­den Ne­ben­pflich­ten. Das The­ma des Gesprächs hat­te kei­nen in­halt­li­chen Be­zug zu den Ar­beits­pflich­ten der Kläge­rin. Es be­traf die Vergütung, nicht die Ar­beits­leis­tung.

(3) Eben­so we­nig war die kol­lek­ti­ve oder dis­zi­pli­na­ri­sche Sei­te der Ar­beits­pflicht be­trof­fen. Es ging nicht um Ver­ein­ba­run­gen von Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren Ar­beit­neh­mern in zeit­li­cher, räum­li­cher oder an­de­rer Hin­sicht. Fra­gen der be­trieb­li­chen Ord­nung stan­den nicht zur De­bat­te.

(4) Die Wei­sung wur­de auch nicht des­halb zu ei­ner auf die Ar­beits­leis­tung be­zo­ge­nen An­ord­nung, weil die Be­klag­te die Zeit des Gesprächs als Ar­beits­zeit de­kla­rier­te. Ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­neh­mers, zu jed­we­dem Gespräch mit dem Ar­beit­ge­ber zur Verfügung zu ste­hen, be­steht nach § 106 Satz 1, 2 Ge­wO ge­ra­de nicht. Viel­mehr be­grenzt das Ge­setz das Wei­sungs­recht auf „In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung“ so­wie auf „Ord­nung und Ver­hal­ten im Be­trieb“. Gespräche, die mit die­sen Zie­len in kei­nem Zu­sam­men­hang ste­hen, können da­nach nicht durch ein­sei­ti­ge An­ord­nung zu nach § 106 Satz 1, 2 Ge­wO ver­bind­li­chen Dienst­pflich­ten er­ho­ben wer­den. Et­was an­de­res er­gibt sich nicht aus der Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 23. Mai 2001 (- 14 Sa 497/01 - MDR 2001, 1361). Das Be­ru­fungs­ge­richt hat zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es in dem der Ent­schei­dung zu­grun­de lie­gen­den Fall um die Ar­beits­pflicht und die Möglich­keit ih­rer Erfüllung ging. Eben dar­an fehlt es hier.

cc) Selbst wenn man ent­ge­gen den vor­ste­hen­den Ausführun­gen ei­ne Pflicht des Ar­beit­neh­mers zur Teil­nah­me an Gesprächen zur Ver­tragsände­rung grundsätz­lich an­er­ken­nen woll­te, müss­te für die hier ge­ge­be­ne Fall­ge­stal­tung je­den­falls et­was an­de­res gel­ten, weil die Kläge­rin schon deut­lich ge­macht hat­te, dass sie der von der Be­klag­ten be­ab­sich­tig­ten Ver­tragsände­rung nicht zu-
 


- 9 -

stim­men woll­te und weil sie sich über­dies be­reit erklärt hat­te, ein Gespräch un­ter Teil­nah­me wei­te­rer Ar­beit­neh­mer zu führen. Un­ter die­sen be­son­de­ren Be­din­gun­gen wi­der­sprach es je­den­falls bil­li­gem Er­mes­sen, wenn die Be­klag­te auf ih­rem Gesprächs­wunsch be­harr­te. Wie aus­geführt, muss der Ar­beit­ge­ber bei Wei­sun­gen auch die grund­recht­lich geschütz­ten In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers berück­sich­ti­gen. Nach Art. 2 Abs. 1 GG ist auch die Ver­trags­frei­heit geschützt. Für Ar­beits­verhält­nis­se gilt Art. 12 Abs. 1 GG (DLF/Hof­mann/Wahlhäuser 2. Aufl. Art. 12 GG Rn. 36). Die Ver­trags­frei­heit von Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber um­fasst - je­den­falls im Grund­satz - auch das Recht, Verträge nicht ab­zu­sch­ließen. Mit um­fasst ist das Recht der Ver­trags­par­tei­en, Ver­tragsände­run­gen ab­zu­leh­nen. Auch § 2 KSchG setzt vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer das Recht hat, so­gar so­zi­al ge­recht­fer­tig­te Ver­tragsände­run­gen ab­zu­leh­nen.

2. Die Wei­sung der Be­klag­ten war nicht nach an­de­ren Vor­schrif­ten wirk­sam.


a) Son­der­in­ter­es­sen der Be­klag­ten, die es ihr nach § 8 BAT ge­stat­tet hätten, die Wei­sung vom 3. No­vem­ber 2006 zu er­tei­len, sind nicht er­sicht­lich.


b) So­weit sich die Be­klag­te auf spe­zi­al­ge­setz­lich nor­mier­te Be­ra­tungs- und Erörte­rungs­rech­te des Ar­beit­neh­mers so­wie auf et­wa be­ste­hen­de Ob­lie­gen­hei­ten des Ar­beit­ge­bers be­ruft, dem Ar­beit­neh­mer vor Aus­spruch ei­ner Ände­rungskündi­gung ein Ände­rungs­an­ge­bot zu un­ter­brei­ten, und dar­aus ei­ne et­wa nach § 241 BGB be­ste­hen­de Pflicht des Ar­beit­neh­mers zur Teil­nah­me an Dienst­gesprächen ab­lei­ten möch­te, kann dies zu kei­nem güns­ti­ge­ren Er­geb­nis der Be­klag­ten führen.

aa) Das von der Be­klag­ten an­geführ­te Erörte­rungs­recht des Ar­beit­neh­mers nach § 82 Be­trVG ver­pflich­tet ge­ra­de nicht den Ar­beit­neh­mer; außer­dem be­trifft § 82 Be­trVG kei­ne Ver­trags­ver­hand­lun­gen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer und gibt dem Ar­beit­neh­mer kei­nen An­spruch auf ver­bind­li­che Zu­sa­gen (vgl. DKK/Busch­mann Be­trVG 11. Aufl. § 82 Rn. 11). Glei­ches gilt für § 8 Abs. 3 Tz­B­fG und die ge­nann­ten Vor­schrif­ten des TVöD. Über­dies zeigt die Nor­mie­rung die­ser Gesprächs­pflich­ten, dass der Ge­setz­ge­ber ge­ra­de nicht
 


- 10 -

da­von aus­geht, Gespräche über Ver­tragsände­run­gen könn­ten ein­sei­tig durch Wei­sungs­recht an­ge­ord­net wer­den.

bb) Die von der Be­klag­ten her­an­ge­zo­ge­ne und in­zwi­schen weit­ge­hend auf­ge­ge­be­ne Recht­spre­chung des Se­nats zum „Wo­chen­gespräch“ (vgl. 21. April 2005 - 2 AZR 132/04 - BA­GE 114, 243) be­traf kei­ne Pflicht des Ar­beit­neh­mers, son­dern ei­ne Ob­lie­gen­heit des Ar­beit­ge­bers. Aus ei­ner Ob­lie­gen­heit ei­ner Ver­trags­par­tei er­ge­ben sich aber kei­ne Ver­pflich­tun­gen, son­dern al­len­falls (bei Nich­terfüllung) Ansprüche der Ge­gen­par­tei.


III. Die Kos­ten der er­folg­los blei­ben­den Re­vi­si­on fal­len der Be­klag­ten nach § 97 Abs. 1 ZPO zur Last.

Fi­scher­mei­er 

Ber­ger 

Schmitz-Scho­le­mann

Söller 

Löll­gen

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 2 AZR 606/08  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880