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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Weiterbeschäftigung, Arbeitsvertrag, Befristung, Kündigungsschutzprozess
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Mecklenburg-Vorpommern
Akten­zeichen: 2 Sa 152/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 21.10.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Neubrandenburg, Urteil vom 09.04.2009, 2 Ca 786/08
   

Te­nor

I. Un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Neu­bran­den­burg vom 09.04.2009 wird fest­ge­stellt,

1. dass zwi­schen den Par­tei­en ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­steht.

2. Die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Kläge­rin über den 09.06.2008 hin­aus zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen als Leh­re­rin wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Die Kos­ten des Rechts­streits wer­den dem be­klag­ten Land auf­er­legt.

II. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Kläge­rin ist seit 1998 bei dem be­klag­ten Land als Leh­re­rin beschäftigt. Mit Schrei­ben vom 09.11.2006 kündig­te das be­klag­te Land das Ar­beits­verhält­nis zum 31.07.2007.

Durch Ur­teil vom 23.05.2007 hat das Ar­beits­ge­richt Neu­bran­den­burg fest­ge­stellt, dass die Kündi­gung un­wirk­sam ist und das be­klag­te Land ver­ur­teilt, die Kläge­rin bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens zu un­veränder­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen als Leh­re­rin wei­ter­zu­beschäfti­gen. Die­ses Ur­teil ist auf­grund ei­ner Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des durch ei­ne Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (3 Sa 195/07) ab­geändert und die Kla­ge ab­ge­wie­sen wor­den. Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt zwi­schen­zeit­lich zurück­ge­wie­sen wor­den (2 AZR 532/08).

Nach Verkündung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Neu­bran­den­burg vom 23.05.2007 wand­te sich das zuständi­ge Schul­amt mit Schrei­ben vom 05.06.2007 an den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Kläge­rin und erklärte Fol­gen­des:

Wie Ih­nen be­kannt ist, hat das Ar­beits­ge­richt Neu­bran­den­burg, die Ih­rer Man­dan­tin aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung für un­wirk­sam erklärt und das be­klag­te Land zur Wei­ter­beschäfti­gung ver­ur­teilt.

Bis­lang hat Ih­re Man­dan­tin ih­re Ar­beits­leis­tung nicht an­ge­bo­ten.

Aus die­sem Grund for­dern wir Ih­re Man­dan­tin auf, um­ge­hend ih­ren Dienst in der Be­ruf­li­chen Schu­le des Land­krei­ses M.-S. wie­der auf­zu­neh­men. Wir er­war­ten von Ih­rer Man­dan­tin, dass sie sich am Mitt­woch, den 6. Ju­ni 2007 um 10:30 Uhr bei der Schul­lei­te­rin Frau K. im Haupt­haus mel­det.

Die Kläge­rin hat dar­auf ih­ren Dienst wie­der an­ge­tre­ten. Nach­dem das Ur­teil durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt ab­geändert wor­den war, wur­de die Kläge­rin am 09.06.2008 durch die Schul­lei­te­rin dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie nicht wei­ter­beschäftigt wer­de.

Ei­ne un­ter dem 23.06.2008 er­ho­be­ne Kla­ge mit fol­gen­den Anträgen;

1. es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die münd­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 09.06.2008 nicht be­en­det wur­de.

2. Es wird fest­ge­stellt, dass zwi­schen den Par­tei­en ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­steht.

3. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, die Kläge­rin auch über den 09.06.2008 hin­aus zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen als Leh­re­rin wei­ter­zu­beschäfti­gen.

hat das Ar­beits­ge­richt Neu­bran­den­burg durch Ur­teil vom 09.04.2009 - 2 Ca 786/08 - ab­ge­wie­sen. In den Ent­schei­dungs­gründen hat es aus­geführt, mit dem Schrei­ben vom 05.06.2007 ha­be das be­klag­te Land kei­ne ver­trag­li­che Bin­dung her­stel­len wol­len. Die Kam­mer ge­he da­von aus, dass die Auf­for­de­rung zur Tätig­keit an der Stamm­dienst­stel­le zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung er­fol­ge. Im Übri­gen wird auf die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung Be­zug ge­nom­men.

Die­ses Ur­teil ist an die Kläge­rin am 20.04.2009 zu­ge­stellt wor­den. Sie hat da­ge­gen Be­ru­fung ein­ge­legt, die am 18.05.2009 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen ist. Nach­dem die Be­ru­fungs­be­gründungs­frist auf­grund ei­nes frist­gemäß ein­ge­gan­ge­nen An­tra­ges bis zum 20.07.2009 verlängert wor­den ist, ist die Be­ru­fungs­be­gründung am 17.07.2009 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen.

Die Kläge­rin ist der Auf­fas­sung, an kei­ner Stel­le sei deut­lich ge­wor­den, dass das be­klag­te Land die Kläge­rin le­dig­lich zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung wei­ter­beschäftigt ha­be. Die Kläge­rin ha­be je­den­falls ih­ren Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch nach Verkündung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung nicht gel­tend ge­macht.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­rich­tes Neu­bran­den­burg vom 09.04.2009 fest­zu­stel­len,

dass zwi­schen den Par­tei­en ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­steht,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Kläge­rin über den 09.06.2008 hin­aus zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen als Leh­re­rin wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Hilfs­wei­se wird be­an­tragt,

fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis auf­grund der Be­fris­tung vom Ju­ni 2007 nicht be­en­det wur­de.

Das be­kla­ge Land be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Es tritt der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung bei.

Aus dem zeit­li­chen und in­halt­li­chen Zu­sam­men­hang des Schrei­bens sei deut­lich er­sicht­bar, dass die Beschäfti­gung aus­sch­ließlich auf der Ba­sis der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Neu­bran­den­burg er­fol­ge. Auch sei es dem be­klag­ten Land nicht zu­zu­mu­ten ge­we­sen, das Vor­lie­gen der Voll­stre­ckungs­vor­aus­set­zun­gen ab­zu­war­ten. Die Kläge­rin hätte nämlich An­nah­me­ver­zugs­lohn gel­tend ma­chen können.

Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die vor­be­rei­ten­den Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Be­ru­fung ist be­gründet.

Zwi­schen den Par­tei­en be­steht auf­grund des Schrei­bens des be­klag­ten Lan­des vom 05.06.2007 in Ver­bin­dung mit dem Um­stand, dass die Kläge­rin am dar­auf­fol­gen­den Ta­ge ih­re Ar­beit wie­der auf­ge­nom­men hat, ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis.

Das Schrei­ben vom 05.06.2007 kann in zwei­er­lei Hin­sicht ver­stan­den wer­den. Man kann es so ver­ste­hen, dass das be­klag­te Land mit der Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Neu­bran­den­burg vom 13. Mai 2007 ein­ver­stan­den ist und da­her die Kläge­rin auf­for­dert, nun­mehr ih­re Ar­beit wie­der auf­zu­neh­men. Eben­so ist es an­ge­sichts des Um­stan­des, dass am 05.06.2007 noch kein aus­ge­fer­tig­tes Ur­teil vor­lag, auch ver­tret­bar, dass ein be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Rechts­streits ge­wollt war. Letz­te­res ist al­ler­dings zwei­fel­haft, da ein der­ar­ti­ger Vor­be­halt in dem Schrei­ben nicht ent­hal­ten ist. Ei­ne Ent­schei­dung zwi­schen die­sen bei­den Möglich­kei­ten kann je­doch da­hin­ste­hen.

Auch in der zwei­ten Al­ter­na­ti­ve ist ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis zu­stan­de ge­kom­men, da die Ver­ein­ba­rung nicht schrift­lich er­folgt ist. Ver­ein­ba­ren die Par­tei­en nach Aus­spruch ei­ner Kündi­gung die be­fris­te­te Wei­ter­beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses, be­darf die Be­fris­tung nach § 14 Abs. 4 Teil­zeit­be­fris­tungs­ge­setz der Schrift­form (BAG vom 22.10.2003 - 7 AZR 113/03 -).

Das be­klag­te Land kann sich nicht dar­auf be­ru­fen, die Auf­for­de­rung zur Tätig­keit sei le­dig­lich er­folgt, um ei­ne dro­hen­de Zwangs­voll­stre­ckung ab­zu­wen­den. Ob ei­ne ver­trag­li­che Beschäfti­gung ge­wollt war, oder ob der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer zur Tätig­keit auf­for­dert, um ei­ne dro­hen­de Zwangs­voll­stre­ckung ab­zu­wen­den, ist durch Aus­le­gung zu er­mit­teln.

Hier­bei ist im vor­lie­gen­den Fall von we­sent­li­cher Be­deu­tung, dass die Kläge­rin nach Er­lass der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung kei­ne Wei­ter­beschäfti­gung ver­langt hat. Der Um­stand, dass in der Kla­ge­schrift ein Hin­weis er­folgt war, dass der An­trag auf Wei­ter­beschäfti­gung ge­stellt wer­de, da­mit die­ser dann später im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung gel­tend ge­macht wer­den könne, ist un­er­heb­lich. Al­le Kla­ge­anträge wer­den ge­stellt, da­mit ge­ge­be­nen­falls aus ih­nen die Zwangs­voll­stre­ckung be­trie­ben wer­den kann. Es gibt auch kei­nen Er­fah­rungs­satz, dass ein Ar­beit­neh­mer, der ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers zur Wei­ter­beschäfti­gung er­langt hat, hier­von auch im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung Ge­brauch macht.

So­weit er­sicht­lich, ist in al­len Fällen, in de­nen ei­ne Beschäfti­gung zum Zweck der Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung ge­richt­lich be­jaht wor­den ist, ein Beschäfti­gungs­ver­lan­gen des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers nach Er­lass der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung er­folgt. Darüber hin­aus er­gibt sich aus dem Schrei­ben vom 05.06.2007 auch nicht, dass die Auf­for­de­rung zur Ar­beits­auf­nah­me le­dig­lich er­folgt, um ei­ne Zwangs­voll­stre­ckung ab­zu­wen­den. Der Ein­gangs­satz, wo­nach die Kündi­gung für un­wirk­sam erklärt, und das be­klag­te Land zur Wei­ter­beschäfti­gung ver­ur­teilt wor­den sei, enthält le­dig­lich die Fak­ten, nicht je­doch, ei­ne ent­spre­chen­de Wil­lensäußerung des be­klag­ten Lan­des.

Ge­gen die An­nah­me ei­ner Beschäfti­gung zur Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung spricht auch das von dem be­klag­ten Land selbst an­geführ­te Mo­tiv der Scha­dens­min­de­rung. Ge­ra­de die Re­du­zie­rung des An­nah­me­ver­zugs­ri­si­kos ist nämlich häufi­ges Mo­tiv für das An­ge­bot ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges bis zur rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung durch den Ar­beit­ge­ber. Mit der Ab­wen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung hat dies nichts zu tun.

Zur Zu­las­sung der Re­vi­si­on gem. § 72 Abs. 2 ArbGG be­stand kein An­lass.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 64 Abs. 6 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 91 ZPO.

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