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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung: Fristlos, Diebstahl
   
Gericht: Arbeitsgericht Lörrach
Akten­zeichen: 4 Ca 248/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 16.10.2009
   
Leit­sätze: Der Dieb­stahl von 6 Maul­ta­schen aus übrig­ge­blie­be­ner Be­woh­ner­ver­pfle­gung durch ei­ne Al­ten­pfle­ge­rin ist ge­eig­net ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen, wenn ein aus­drück­li­ches und der Ar­beit­neh­me­rin auch be­kann­tes Ver­bot hin­sicht­lich der Ver­wer­tung von Res­ten durch das Per­so­nal be­steht.
Vor­ins­tan­zen:
   

Te­nor

1. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

2. Die Kläge­rin trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

3. Der Streit­wert wird auf 6.808,11 € fest­ge­setzt.

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kündi­gung.

Die 58-jähri­ge, ver­hei­ra­te­te Kläge­rin ist seit 01.11.1992 bei der Be­klag­ten, ei­ner rechtsfähi­gen Stif­tung öffent­li­chen Rechts, als Al­ten­pfle­ge­rin im Um­fang von 80 % ei­ner Voll­zeit­stel­le im Haus T beschäftigt. Das durch­schnitt­li­che Brut­to­mo­nats­ent­gelt nach Ent­gelt­grup­pe 7 a TVöD be­trug zu­letzt 2.269,37 €.

Es be­steht ein schrift­li­cher Ar­beits­ver­trag, we­gen des­sen ge­sam­ten In­halts auf An­la­ge K1, Ak­ten­blatt 4-5 ver­wie­sen wird. Un­ter Da­tum vom 23.05.2008 wur­de zwi­schen den Par­tei­en ein Al­ters­teil­zeit­ver­trag ge­schlos­sen, der im Block­mo­dell die Ar­beits­pha­se vom 01.06.2008 bis 31.05.2011 und die Frei­zeit­pha­se vom 01.06.2011 bis 31.05.2014 vor­sieht (vgl. An­la­ge K3, ABl. 7). Der Al­ters­teil­zeit­ver­trag ist un­ter­zeich­net vom Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung Herrn W.

Bei der Be­klag­ten ist ein Per­so­nal­rat ge­bil­det.

Am 21.04.2009 kam es - in­so­weit un­strei­tig - zu fol­gen­dem Vor­fall:

Die Kläge­rin hat­te Frühschicht von 06.30 bis 13.00 Uhr mit ei­ner 30-minüti­gen Pau­se zwi­schen 9.45 und 10.45 Uhr. Ab 14.15 Uhr war ei­ne Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tung im Kran­ken­haus K an­ge­setzt, zu der die Kläge­rin mit dem Bus fah­ren muss­te. In der Zeit zwi­schen 11.30 Uhr und 12.30 Uhr war die Kläge­rin auf der Sta­ti­on 2 des Pfle­ge­be­reichs (im 2. Stock des Hau­ses T) mit der Es­sens­aus­ga­be beschäftigt. Die Küche be­fin­det sich im 1. Stock des Gebäudes, das Es­sen wird von dort aus in die ein­zel­nen Sta­tio­nen ge­bracht. Es herrscht das so­ge­nann­te Schöpf-Prin­zip, das heißt, das Es­sen kommt in Warm­hal­te­behältern in die Sta­ti­onsküchen und wird für die Be­woh­ner auf Tel­ler geschöpft und an­ge­rich­tet. An die­sem Tag gab es un­ter an­de­rem Maul­ta­schen, die in der Brühe schwim­mend in ei­nem Behälter warm ge­hal­ten wur­den. Nach Er­le­di­gung der Es­sens­aus­ga­be und der Aufräum­ar­bei­ten schöpfte sich die Kläge­rin ei­ni­ge Maul­ta­schen aus dem Behälter, ih­rer Schätzung nach 3-4 Stück, und füll­te sie in ei­ne in der Sta­ti­onsküche übli­cher­wei­se ver­wen­de­te Por­zel­lan­gemüse­scha­le. Später, et­wa ge­gen 13.15 Uhr, steck­te sie die­se Scha­le mit den Maul­ta­schen in ei­ne Stoff­ta­sche. 

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Die Kläge­rin woll­te so­dann von der Sta­ti­on im 2. Stock in den 1. Stock ge­hen, als sie ih­rer Vor­ge­setz­ten, der Zeu­gin E, be­geg­ne­te. Frau E ging ihr nach und for­der­te die Kläge­rin im 1. Stock - in An­we­sen­heit der Zeu­gin R (sei­ner­zeit S) - auf, ihr den In­halt der Stoff­ta­sche zu zei­gen. Die Kläge­rin pack­te die Scha­le mit den Maul­ta­schen aus und be­ließ sie letzt­lich in der Sta­ti­onsküche im 1. Stock.

Am 23.04.2009 fand ein Per­so­nal­gespräch we­gen die­ses Vor­gangs statt, an dem ne­ben der Kläge­rin und de­ren Toch­ter die Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­de Frau W, die Hlei­te­rin Frau B, die Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin Frau K und Frau E teil­nah­men. Die Kläge­rin be­haup­te­te, die Maul­ta­schen ge­nom­men zu ha­ben um sie zu es­sen, da sie großen Hun­ger ge­habt und am Nach­mit­tag noch zu der Schu­lung ge­musst ha­be. Die Kläge­rin räum­te ein, dass ei­ne Er­stat­tung der Kos­ten von ihr nicht be­ab­sich­tigt war und mach­te gel­tend, dass sie sich nichts wei­ter da­bei ge­dacht ha­be.

Am 24.04.2009 hörte die Be­klag­te gemäß § 77 Ab­satz 3 LPVG den Per­so­nal­rat zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung we­gen Dieb­stahls an. We­gen des Anhörungs­schrei­bens im Ein­zel­nen wird auf die An­la­ge B2, Ak­ten­sei­te 41-43, Be­zug ge­nom­men. Im Rah­men der Anhörung ging die Be­klag­te auf­grund der von ihr ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se von ins­ge­samt 6 mit­ge­nom­me­nen Maul­ta­schen aus und wies ins­be­son­de­re dar­auf hin, dass der Kläge­rin die Pra­xis im Hau­se be­kannt sei, wo­nach es Beschäftig­ten aus grundsätz­li­chen Erwägun­gen her­aus nicht ge­stat­tet ist, Res­te aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung zu ver­zeh­ren. Dies­bezüglich wur­de auf ei­nen der Anhörung bei­gefügten Aus­hang vom 20.09.2002 des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung W aus­drück­lich Be­zug ge­nom­men (vgl. An­la­ge B1, ABl. 40), der der Kläge­rin im Rah­men des Per­so­nal­gesprächs am 23.4.2009 auch vor­ge­hal­ten wor­den war. Die­ser Hin­weis zur Per­so­nal­ver­pfle­gung lau­tet wie folgt:

Sehr ge­ehr­te Mit­ar­bei­terIn­nen,

bei ei­nem Gespräch mit den Heim­lei­tun­gen ha­ben wir un­ter an­de­rem den Punkt „Res­tees­sen“, d. h. den Ver­zehr von Res­ten aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung durch das Per­so­nal be­spro­chen. Aus ganz grundsätz­li­chen Erwägun­gen her­aus er­in­ne­re ich Sie dar­an, dass die Res­te aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung im­mer an die aus­lie­fern­de Küche zurück­zu­ge­ben sind. Ein Ver­zehr durch die Mit­ar­bei­terIn­nen kann nicht ge­stat­tet wer­den.

Für al­le Mit­ar­bei­terIn­nen steht un­se­re Per­so­nal­ver­pfle­gung zur Verfügung und ich emp­feh­le Ih­nen, bei Be­darf da­von Ge­brauch zu ma­chen. Die Kos­ten für die Per­so­nal­ver­pfle­gung sind durch ei­nen Zu­schuss des Ar­beit­ge­bers re­du­ziert.

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Der Per­so­nal­rat wi­der­sprach der Kündi­gungs­ab­sicht der Be­klag­ten un­ter Da­tum vom 28.04.2009 und er­such­te die Be­klag­te, „auf ei­ne ju­ris­tisch kor­rek­te, aber men­sch­lich un­verständ­li­che“ Kündi­gung zu ver­zich­ten. Der Per­so­nal­rat bat „trotz des Dieb­stahls, um den es sich hand­le“, ins­be­son­de­re um Wah­rung der Verhält­nismäßig­keit, mahn­te den christ­li­chen Ge­sichts­punkt der Ver­ge­bung an und ver­wies auf die Möglich­keit ei­ner schrift­li­chen Ab­mah­nung (vgl. Anl. B3, ABl. 44 - 45).

Am 30.04.2009 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich; das Kündi­gungs­schrei­ben hat­te der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung, Herr W, un­ter­zeich­net. Die Kündi­gung ging der Kläge­rin am glei­chen Tag zu. Mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 06.05.2009 ließ die Kläge­rin die Kündi­gungs­erklärung gemäß § 174 BGB zurück­wei­sen, weil ihr kei­ne Ori­gi­nal­voll­macht für Herrn W bei­gefügt war. Außer­dem wur­de die Kündi­gungs­erklärung vor­sorg­lich we­gen feh­len­der oder nicht aus­rei­chen­der Ver­tre­tungs­macht des Herrn W gemäß §§ 177, 180 BGB zurück­ge­wie­sen. Dass dies un­verzüglich ge­schah, wur­de zwi­schen­zeit­lich un­strei­tig ge­stellt.

Am 07.05.2009 reich­te die Kläge­rin Kündi­gungs­schutz­kla­ge zum er­ken­nen­den Ge­richt ein.

Die Kläge­rin be­strei­tet die Wirk­sam­keit der Kündi­gung in for­ma­ler Hin­sicht da­mit, dass sich aus der Sat­zung der Be­klag­ten le­dig­lich er­ge­be, dass der Oberbürger­meis­ter der Stadt K die Stif­tung ver­tre­te. Ei­ne ge­setz­li­che oder ge­set­zesähn­li­che Ver­tre­tungs­be­rech­ti­gung des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung W fol­ge dar­aus hin­ge­gen nicht. Die Zuständig­keits­ord­nung, die die Be­klag­te als An­la­ge B2 (ABl. 46-57) vor­ge­legt ha­be in Ver­bin­dung mit der An­la­ge zur Zuständig­keits­ord­nung sei in ih­rer recht­li­chen Qua­lität zwei­fel­haft. Es dürf­te sich da­bei al­len­falls um ei­ne ein­sei­ti­ge Dienst­an­wei­sung des Oberbürger­meis­ters han­deln. Die­se be­gründe je­doch kei­ne ge­setz­li­che oder ge­set­zesähn­li­che, et­wa sat­zungsmäßige Ver­tre­tungs­macht. Der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung könne - wenn über­haupt - al­len­falls rechts­geschäft­lich be­vollmäch­tig­ter Ver­tre­ter sein, für den § 174 BGB gel­te. § 174 Satz 2 BGB sei je­doch nicht ein­schlägig, denn der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung sei ge­ra­de nicht in ei­ne Stel­lung be­ru­fen wor­den, die - für je­der­mann er­kenn­bar - die Ver­tre­tungs­be­rech­ti­gung im Zu­sam­men­hang mit dem Aus­spruch von ar­beits­recht­li­chen Kündi­gun­gen be­inhal­te. Schon die von der Be­klag­ten vor­ge­leg­te An­la­ge zur Zuständig­keits­ord­nung spre­che ge­gen die­se Ver­si­on: Die dor­ti­ge Nr. 22 dif­fe­ren­zie­re bezüglich der Per­so­nal­ent­schei­dun­gen nach den je­wei­li­gen Ent­gelt­grup­pen. 

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Bis Ent­gelt­grup­pe 8 sol­le die Spi­tal­stif­tung als Dienst­stel­le zuständig sein, für Ent­gelt­grup­pe 9-11 hin­ge­gen der De­zer­nent. Da­nach ge­be es al­so kei­ne um­fas­sen­de oder all­ge­mei­ne Kündi­gungs­be­fug­nis des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung. Die Kläge­rin hat darüber hin­aus be­strit­ten, dass am En­de des Per­so­nal­gesprächs vom 23.04.2009 dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den sei, dass die endgülti­ge Kündi­gungs­ent­schei­dung Herrn W ob­lie­ge. Sie ha­be da­her zu Recht die Kündi­gungs­erklärung zurück­ge­wie­sen, weil kei­ne Ori­gi­nal­voll­macht bei­gefügt ge­we­sen sei.

In ma­te­ri­ell­recht­li­cher Hin­sicht hat die Kläge­rin be­strit­ten, dass ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 BGB vor­lie­ge, der der Be­klag­ten die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum 31.05.2014 un­zu­mut­bar ma­che. Ent­ge­gen den Be­haup­tun­gen der Be­klag­ten ha­be die Kläge­rin nicht 6 son­dern le­dig­lich 3-4 Maul­ta­schen ge­nom­men, um sie zu ver­zeh­ren. Kei­nes­wegs hätte sie die­se Maul­ta­schen zur Be­vor­ra­tung ge­nom­men, son­dern hätte sie viel­mehr zunächst in die Mi­kro­wel­le der Sta­ti­onsküche im 2. Stock ge­stellt, um sie bis zum Ar­beits­en­de um 13.00 Uhr warm zu hal­ten. Sie hätte dann die Maul­ta­schen in der Sta­ti­onsküche des 1. Stocks ver­zeh­ren wol­len, um dort zu­gleich auf ei­ne Kol­le­gin zu war­ten, die mit ihr die Fort­bil­dung be­su­chen woll­te. Die Kläge­rin ha­be star­ken Hun­ger ge­habt und kei­ne Möglich­keit, sich außer Haus et­was zum Es­sen zu kau­fen. Sie sei seit 05.00 Uhr mor­gens un­ter­wegs ge­we­sen und um die Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tung pünkt­lich zu er­rei­chen, hätte sie um 13.37 Uhr den Bus neh­men müssen. Zur be­ab­sich­tig­ten Ein­nah­me der Mahl­zeit sei­en ihr al­so ca. 20 Mi­nu­ten ver­blie­ben. We­der ha­be sie die Scha­le mit den Maul­ta­schen mit ei­ner Frisch­hal­te­fo­lie ab­ge­deckt noch ha­be sie ei­ne Zei­tung darüber ge­legt, um sie in der Stoff­ta­sche zu ver­ber­gen. So­weit die Be­klag­te be­haup­te, die Kläge­rin hätte ein nervöses und des­halb auffälli­ges Ver­hal­ten an den Tag ge­legt, das ih­re Vor­ge­setz­te Frau E be­merkt ha­be, sei sie le­dig­lich we­gen der Fort­bil­dung un­ter Zeit­druck ge­we­sen. Die Maul­ta­schen ha­be sie in der Sta­ti­onsküche zwi­schen 13.15 und 13.30 Uhr ver­spei­sen wol­len, um ih­ren Hun­ger zu stil­len. Die mit­ge­nom­me­ne Men­ge ha­be in et­wa ei­ner Mahl­zeit und nicht weit mehr als ei­ner sol­chen ent­spro­chen. Es hätte auch gar kei­nen Sinn ge­macht, die Maul­ta­schen mit nach Hau­se zu neh­men, da die Kläge­rin zu­vor noch die Fort­bil­dung zu ab­sol­vie­ren ge­habt ha­be. Das be­haup­te­te Ver­bot vom 20.09.2002, Res­te zu ver­zeh­ren sei der Kläge­rin nur vom Hören­sa­gen über Kol­le­gen be­kannt ge­we­sen. Die An­la­ge B1 (Hin­weis zur Per­so­nal­ver­pfle­gung) ha­be die Kläge­rin bis zum Vor­halt durch Frau K im Per­so­nal­gespräch vom 23.4.2009 nicht ge­kannt.

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Von Sei­ten der Köche sei­en mehr­fach Auf­for­de­run­gen an das Per­so­nal aus­ge­spro­chen wor­den, Res­te zu es­sen. Es sei auch in der ge­sam­ten Be­leg­schaft des Hau­ses T gang und gäbe, dass Res­te der Be­woh­ner­ver­pfle­gung vom Per­so­nal ge­ges­sen würden. Die Maul­ta­schen hätten ma­xi­mal ei­nen Ma­te­ri­al­wert von 1,20 € ge­habt und wären im übri­gen als Ab­fall weg­ge­wor­fen wor­den. Die übrig ge­blie­be­nen Maul­ta­schen hätten al­so für die Be­klag­te über­haupt kei­nen wirt­schaft­li­chen Wert mehr dar­ge­stellt. Dies wer­de auch dar­an deut­lich, dass sich im Nach­gang zum Aus­pa­cken der Maul­ta­schen aus der Stoff­ta­sche dann nie­mand mehr für de­ren Ver­bleib in­ter­es­siert hätte. Vor die­sem Hin­ter­grund sei ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­reits nicht verhält­nismäßig. Die Kläge­rin sei 58 Jah­re alt, na­he­zu 17 Jah­re beschäftigt und be­fin­de sich im Al­ters­teil­zeit­verhält­nis. In die­ser Si­tua­ti­on hätte es die Be­klag­te bei ei­ner Er­mah­nung oder Ab­mah­nung be­las­sen müssen.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis durch die frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 30.04.2009 nicht auf­gelöst wur­de.
2. Es wird fest­ge­stellt, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis bis zum 31.05.2014 fort­be­steht.


Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.


Die Be­klag­te hat die Ver­tre­tungs­be­fug­nis und Zuständig­keit des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung W auf Zif­fer 2.1 der Zuständig­keits­ord­nung (im fol­gen­den: ZO) für die Stadt­ver­wal­tung K vom 24.11.2006 in Ver­bin­dung mit Nr. 22 der An­la­ge zur ZO gestützt. Der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung sei da­nach qua De­le­ga­ti­on rechtmäßiger Ver­tre­ter des Oberbürger­meis­ters für al­le Per­so­nal­ent­schei­dun­gen ein­sch­ließlich Kündi­gung bis zur Ent­gelt­grup­pe 8. § 174 BGB sei da­her nicht an­wend­bar. Im übri­gen sei die Zurück­wei­sung aber gemäß § 174 Satz 2 BGB aus­ge­schlos­sen, da Herr W als Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung ei­ne der­art her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung ha­be, dass für je­den ob­jek­ti­ven Be­ob­ach­ter von der Ge­wiss­heit sei­ner Kündi­gungs­be­fug­nis aus­zu­ge­hen sei. Auch den Al­ters­teil­zeit­ver­trag der Kläge­rin ha­be er un­ter­zeich­net so­wie ei­ne Fülle von Kündi­gun­gen oder Ab­mah­nun­gen in an­de­ren Fällen. 

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Nicht zu­letzt sei die Kläge­rin im Ver­lauf des Per­so­nal­gesprächs am 23.04.2009 auch dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass Herr W die Kündi­gungs­ent­schei­dung zu tref­fen ha­ben wer­de.

Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung sei auch verhält­nismäßig. Die Ent­wen­dung von 6 Maul­ta­schen in ei­ner Ke­ra­mik­scha­le stel­le ei­nen voll­ende­ten Dieb­stahl gemäß § 242 StGB dar. Aus­ge­hend da­von, dass ein (be­zu­schuss­tes) Stan­dard­mit­tag­es­sen für Mit­ar­bei­ter zum Preis von 3,35 € ab­ge­ge­ben wer­de, sei der Wert ei­ner Maul­ta­sche in der hier her­ge­stell­ten Größe mit ca. 2,00 € an­zu­set­zen. Nor­ma­ler­wei­se stell­ten ein bis zwei Stück (mit Sa­lat­bei­la­ge) ei­ne vollständi­ge Mahl­zeit dar. Trotz des verhält­nismäßig ge­rin­gen Sach­werts sei in­so­weit ent­schei­dend, dass die Kläge­rin deut­lich mehr Maul­ta­schen ge­nom­men ha­be, als sie ih­rer Be­haup­tung nach zum Mit­tag­es­sen am 21.04.2009 hätte ver­zeh­ren können. Es han­de­le sich um ei­ne zusätz­li­che ver­trau­ens­ver­let­zen­de Schutz­be­haup­tung, die be­son­ders schwer wie­ge, weil die Maul­ta­schen mit ei­ner Fo­lie ab­ge­deckt ge­we­sen sei­en und die Kläge­rin ei­ne Zei­tung darüber ge­legt ha­be. Auch dar­aus könne nur der Schluss ge­zo­gen wer­den, dass die Maul­ta­schen zur Be­vor­ra­tung hätten mit­ge­nom­men wer­den sol­len. Die Kläge­rin hätte über­dies in der Mit­tags­pau­se oh­ne wei­te­res die zur Verfügung ste­hen­de Per­so­nal­ver­pfle­gung in An­spruch neh­men können. Der Ver­trau­ens­ver­lust auf Sei­ten der Be­klag­ten sei unüber­brück­bar und auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­triebs­zu­gehörig­keit der Kläge­rin von über­wie­gen­dem Ge­wicht. Bezüglich der Be­woh­ner­ver­pfle­gung müsse ein ab­so­lut kor­rek­ter Um­gang vor­aus­ge­setzt wer­den und dem ent­spre­che auch die Be­kannt­ma­chung der Be­klag­ten vom 20.09.2002 mit dem aus­drück­li­chen Ver­bot. Bis vor cir­ca ei­nem Jahr sei­en die­se Hin­wei­se in den Sta­ti­onsküchen aus­gehängt ge­we­sen. Die Kläge­rin ha­be im Rah­men der Anhörung vom 23.04.2009 auf Vor­halt die­ses Pa­piers vom 20.09.2002 durch Frau K auch ein­geräumt, dass ihr das Ver­bot be­kannt ge­we­sen sei. We­der sei gang und gäbe, dass die Mit­ar­bei­ter Res­te äßen noch wer­de da­zu vom Küchen­per­so­nal auf­ge­for­dert. Aus den Sta­tio­nen an die Küche zurück­ge­hen­de Ess­wa­ren sei­en auch in­so­weit von Be­deu­tung, als die je­wei­li­ge Men­ge künf­ti­ge Bud­ge­tie­rung und Kal­ku­la­ti­on der Es­sens­men­gen er­lau­be.

Das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus grundsätz­li­chen und präven­ti­ven Erwägun­gen über­wie­ge das In­ter­es­se der Kläge­rin an der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Das tatsächli­che Ver­hal­ten der Kläge­rin ge­be An­lass zu der Sor­ge, dass schon in der Ver­gan­gen­heit der­lei Ta­ten vor­ge­kom­men und auch in Zu­kunft zu befürch­ten sei­en. 

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Mit ei­ner Ab­mah­nung sei es an­ge­sichts der Ge­samt­umstände des Fal­les und auch im Hin­blick auf die ein­schlägi­ge Recht­spre­chung nicht ge­tan.

Die Be­klag­te hat im übri­gen dar­auf hin­ge­wie­sen, die Kläge­rin ha­be un­ter dem 30.10.2008 ei­ne Ab­mah­nung we­gen Schlecht­leis­tung (Miss­ach­tung der Vor­schrif­ten des BTM-Ge­set­zes am 30.05.2008) er­hal­ten so­wie ei­ne Er­mah­nung we­gen Schlecht­leis­tung in 4 ver­schie­de­nen Fällen im Zeit­raum vom 11.05.2008 bis 29.06.2008, eben­falls da­tiert vom 30.10.2008 (vgl. An­la­ge B5, ABl. 116 und An­la­ge B6, ABl. 117-118).

Die Kläge­rin hat den Er­halt der Ab­mah­nung vom 30.10.2008 gemäß der An­la­ge B5 be­strit­ten.

We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze, die An­la­gen und das nicht an­gekündig­te münd­li­che Par­tei­vor­brin­gen im Güte­ter­min vom 30.06.2009 und im Kam­mer­ter­min vom 22.09.2009 Be­zug ge­nom­men. Die Kam­mer hat Be­weis er­ho­ben durch un­eid­li­che Ver­neh­mung der Zeu­gin­nen Frau E, Frau K und Frau R (sei­ner­zeit S) so­wie des Zeu­gen Herrn H. We­gen des In­halts ih­rer Aus­sa­gen wird auf das Pro­to­koll der Kam­mer­ver­hand­lung vom 22.09.2009 ABl. 159-170 voll­umfäng­lich Be­zug ge­nom­men.

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Ent­schei­dungs­gründe

A) Die Kla­ge ist zulässig, aber un­be­gründet und dem­gemäß ab­zu­wei­sen. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 30.04.2009 hat das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin mit ih­rem Zu­gang am glei­chen Tag be­en­det. Auch das Wei­ter­beschäfti­gungs­be­geh­ren der Kläge­rin bis zum 31.05.2014 ist da­mit un­be­gründet.

Die Kündi­gung wur­de be­rech­tig­ter­maßen durch den Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung Herrn W aus­ge­spro­chen (da­zu un­ter I.).

Das Kündi­gungs­schutz­ge­setz fin­det vor­lie­gend An­wen­dung, da die Kläge­rin länger als 6 Mo­na­te beschäftigt ist und die Be­klag­te ins­ge­samt et­wa 220 Mit­ar­bei­ter hat, §§ 1 Abs. 1, 23 KSchG. Nach § 2 des Ar­beits­ver­tra­ges fin­den auf das Ar­beits­verhält­nis der Bun­des­an­ge­stell­ten-Ta­rif­ver­trag und die die­sen ergänzen­den, ändern­den oder er­set­zen­den Ta­rif­verträge in der je­weils gel­ten­den Fas­sung An­wen­dung. Da­her gilt § 34 TV-L für die Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Die Kläge­rin ist gemäß § 34 Abs. 2 TV-L or­dent­lich unkünd­bar, da sie das 40. Le­bens­jahr voll­endet hat und mehr als 15 Jah­re im Sin­ne des § 34 Abs. 3 Satz 1 und 2 TV-L beschäftigt ist. Die Be­klag­te hat je­doch das Ar­beits­verhält­nis be­rech­tig­ter­maßen gemäß § 626 Abs. 1 BGB außer­or­dent­lich gekündigt, da Tat­sa­chen vor­lie­gen, die un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände des Ein­zel­fal­les der Be­klag­ten die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum En­de des Al­ters­teil­zeit­ver­tra­ges am 31.05.2014 un­zu­mut­bar ma­chen (da­zu un­ter II.).

I. Die Kündi­gung ist form­wirk­sam; der Vor­la­ge ei­ner Ori­gi­nal­voll­macht durch den Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung W be­durf­te es ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin nicht - sie konn­te da­her die Kündi­gungs­erklärung nicht nach § 174 BGB zurück-wei­sen.

1. § 174 Satz 1 BGB gilt nach sei­nem Wort­laut und sei­ner Stel­lung im Ge­setz nur für rechts­geschäft­lich be­vollmäch­tig­te Ver­tre­ter (vgl. BAG Ur­teil vom 10.02.2005, 2 AZR 584/03 - ju­ris) Be­ruht die Ver­tre­tungs­macht nicht auf der Er­tei­lung ei­ner Voll­macht durch den Ver­tre­te­nen son­dern auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge, schei­det ei­ne Zurück­wei­sung aus. 

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Die ge­setz­li­che Ver­tre­tungs­macht be­ruht nämlich nicht auf ei­ner Wil­lens­ent­schei­dung des Ver­tre­te­nen; sie kann auch nicht durch ei­ne Voll­macht nach­ge­wie­sen wer­den.

2. Ge­mes­sen an den vor­ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen kommt vor­lie­gend ei­ne Zurück­wei­sung der Kündi­gung gemäß § 174 Satz 1 BGB nicht in Be­tracht. Bei der Be­klag­ten han­delt es sich um ei­ne rechtsfähi­ge ört­li­che Stif­tung des öffent­li­chen Rechts im Sin­ne des § 31 Stif­tungs­ge­setz für Ba­den-Würt­tem­berg und des § 101 Ge­mein­de­ord­nung Ba­den-Würt­tem­berg. § 6 Abs. 2 der Sat­zung der Be­klag­ten aus dem Jahr 2007 weist den Oberbürger­meis­ter der Stadt K als Vor­sit­zen­den des Stif­tungs­ra­tes als Ver­tre­ter der Stif­tung aus. Er kann Auf­ga­ben auf den für die Spi­tal­stif­tung zuständi­gen De­zer­nen­ten de­le­gie­ren (vgl. Sat­zung der Spi­tal­stif­tung An­la­ge K12, ABl. 94/95). Nach dem De­zer­nats­ver­tei­lungs­plan aus dem April 2009 gehört die Spi­tal­stif­tung - auf­ge­glie­dert in Kli­ni­kum K und Stif­tungs­ver­wal­tung - zum De­zer­nat II. Nach der Zuständig­keits­ord­nung für die Stadt­ver­wal­tung K, die nach ih­rer Zif­fer 1 auch für die Spi­tal­stif­tung K gilt, re­gelt die­se auch die Be­fug­nis der De­zer­nen­ten und der Dienst­stel­len, die Stif­tung nach außen zu ver­tre­ten. In der An­la­ge zur Zuständig­keits­ver­ord­nung für die Stadt­ver­wal­tung K sind un­ter Nr. 22 nach der Ta­bel­le zu § 5 der Haupt­sat­zung aus­drück­lich fol­gen­de Auf­ga­ben der Spi­tal­stif­tung über­tra­gen: Per­so­nal­ent­schei­dun­gen bei Beschäftig­ten (Ein­stel­lung, Über­tra­gung höher­wer­ti­ger Tätig­kei­ten, Um­grup­pie­rung, Kündi­gung) bis Ent­gelt­grup­pe 8. Für die Ent­gelt­grup­pen 9 - 11 ist die Zuständig­keit auf den De­zer­nen­ten über­tra­gen; al­so für die Spi­tal­stif­tung auf den Lei­ter des De­zer­nats II. Da­mit ist der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung W mit sat­zungsmäßiger Ver­tre­tungs­be­fug­nis aus­ge­stat­tet, so­dass er auch ei­ne Kündi­gungs­erklärung oh­ne den Nach­weis sei­ner Be­vollmäch­ti­gung ab­ge­ben kann. Die recht­li­chen Zwei­fel, die die Kläge­rin an der Wirk­sam­keit der Zuständig­keits­ord­nung und an de­ren recht­li­cher Qua­lität geäußert hat, wa­ren man­gels ent­spre­chen­der wei­terführen­der An­ga­ben und ge­ge­be­nen­falls an­ders lau­ten­der, später wirk­sam ge­wor­de­ner Re­ge­lun­gen nicht rechts­er­heb­lich.

3. Selbst bei Ver­nei­nung sat­zungsmäßiger Ver­tre­tungs­be­fug­nis und An­wen­dung des § 174 BGB ist je­doch die Zurück­wei­sung der Kündi­gung gem. § 174 Satz 2 BGB aus­ge­schlos­sen. 

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Nach § 174 Satz 1 BGB ist ein ein­sei­ti­ges Rechts­geschäft ei­nes Be­vollmäch­tig­ten un­wirk­sam, wenn der Be­vollmäch­tig­te ei­ne Voll­machts­ur­kun­de nicht vor­legt und der an­de­re das Rechts­geschäft aus die­sem Grun­de un­verzüglich zurück­weist. Die Zurück­wei­sung ist aus­ge­schlos­sen, wenn der Voll­macht­ge­ber den an­de­ren von der Be­vollmäch­ti­gung in Kennt­nis ge­setzt hat (§ 174 Satz 2 BGB). § 174 BGB gilt bei al­len emp­fangs­bedürf­ti­gen ein­sei­ti­gen Wil­lens­erklärun­gen, ins­be­son­de­re auch für die Kündi­gung. Ein Zurück­wei­sungs­recht be­steht nur dann, wenn der Kündi­gungs­empfänger kei­ne Ge­wiss­heit hat, ob der Erklären­de wirk­lich be­vollmäch­tigt ist und der Ver­tre­te­ne die Erklärung ge­gen sich gel­ten las­sen muss (BAG, Ur­teil vom 29.10.1992, 2 AZR 460/92 - ju­ris). Ei­ne Un­ge­wiss­heit, ob der Erklären­de wirk­lich be­vollmäch­tigt ist und der Ver­tre­te­ne die­se Erklärung wirk­lich ge­gen sich gel­ten las­sen muss, kann bei Aus­spruch ei­ner ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kündi­gung dann nicht be­ste­hen, wenn der Ar­beit­ge­ber die Ar­beit­neh­mer all­ge­mein darüber in Kennt­nis ge­setzt hat, dass ein be­stimm­ter Mit­ar­bei­ter zu der­ar­ti­gen Erklärun­gen wie ei­ner Kündi­gung be­vollmäch­tigt ist. Dies kann ins­be­son­de­re da­durch ge­sche­hen, dass der be­tref­fen­de Mit­ar­bei­ter in ei­ne Stel­lung be­ru­fen wird, mit der das Kündi­gungs­recht re­gelmäßig ver­bun­den ist. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des BAG be­deu­tet die Be­ru­fung ei­nes Mit­ar­bei­ters zum Bei­spiel in die Stel­lung als Lei­ter der Per­so­nal­ab­tei­lung, als Pro­ku­rist oder als Ge­ne­ral­be­vollmäch­tig­ter in der Re­gel, dass die Ar­beit­neh­mer des Be­trie­bes auch im Sin­ne des § 174 Satz 2 BGB da­von in Kennt­nis ge­setzt sind, dass der Be­tref­fen­de zur Kündi­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen be­rech­tigt ist. Un­abhängig von der je­wei­li­gen Be­zeich­nung ist da­bei stets auf der Grund­la­ge der Umstände des Ein­zel­fal­les fest­zu­stel­len, wie sich die Po­si­ti­on des Erklären­den für ei­nen ob­jek­ti­ven Be­trach­ter dar­stellt, ob al­so mit ei­ner der­ar­ti­gen Stel­lung die Kündi­gungs­be­fug­nis ver­bun­den zu sein pflegt. Das In-Kennt­nis-Set­zen ist in­so­weit ein gleich­wer­ti­ger Er­satz für die Vor­la­ge der Voll­machts­ur­kun­de. Ei­ne der­ar­ti­ge Be­kannt­ma­chung ist bei­spiels­wei­se wie­der­um dann zu be­ja­hen, wenn die ent­spre­chen­de Ver­tre­tungs­re­ge­lung in ei­nem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan nie­der­ge­legt ist, wel­cher von den je­wei­li­gen Ar­beit­neh­mern zur Kennt­nis ge­nom­men wer­den kann (vgl. BAG Ur­teil vom 20.08.1997, 2 AZR 518/96; BAG Ur­teil vom 03.07.2003, 2 AZR 235/02 - bei­de ju­ris). 

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4. Die­sen Grundsätzen fol­gend wäre selbst dann, wenn man den Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung als rechts­geschäft­lich be­vollmäch­tig­ten Ver­tre­ter an­se­hen würde und § 174 BGB An­wen­dung fände, je­den­falls da­von aus­zu­ge­hen, dass der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung ei­ne Stel­lung in­ne hat, die - für je­der­mann er­kenn­bar - die Ver­tre­tungs­be­rech­ti­gung im Zu­sam­men­hang mit dem Aus­spruch von ar­beits­recht­li­chen Kündi­gun­gen be­inhal­tet. Die ent­spre­chen­de Ver­tre­tungs­re­ge­lung ist in der Zuständig­keits­ord­nung und der An­la­ge da­zu auch in hin­rei­chen­der Form be­kannt ge­macht und je­der­zeit zugäng­lich. Die in­so­weit von der Kläge­rin be­an­stan­de­te Ein­schränkung aus Ziff. 22 der An­la­ge zur Zuständig­keits­ord­nung „bis Ent­gelt­grup­pe 8“ ver­mag hier­an nichts zu ändern: Die Ab­gren­zung hin­sicht­lich der je­wei­li­gen Zuständig­kei­ten des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung und des Lei­ters des De­zer­nats II ist zwei­fels­frei, nicht aus­le­gungs­bedürf­tig und ein­deu­tig. Die Kläge­rin mit Ent­gelt­grup­pe 7 un­terfällt der Zuständig­keit des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung. Die Kläge­rin hat auch of­fen ge­las­sen, wel­che an­de­re Per­son denn ih­rer persönli­chen Wahr­neh­mung nach be­fugt ge­we­sen sein soll­te, ei­ne Kündi­gung aus­zu­spre­chen. Sämt­li­che aus der vor­lie­gen­den Ak­te er­sicht­li­chen, sie persönlich be­tref­fen­den ar­beits­recht­li­chen Maßnah­men hat­te im Vor­feld je­weils der Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung un­ter­zeich­net - den Al­ters­teil­zeit­ver­trag der Kläge­rin, die Ab­mah­nung vom 30.10.2008 so­wie die Er­mah­nung vom 30.10.2008.

5. Nicht zu­letzt war die Kläge­rin im Rah­men des Per­so­nal­gesprächs am 23.04.2009 nach Aufklärung des ge­sam­ten Sach­ver­halts und Anhörung der Kläge­rin zum Vor­fall vom 21.04.2009 von der Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin, der Zeu­gin K, aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass die endgülti­ge Ent­schei­dung über ar­beits­recht­li­che Kon­se­quen­zen bis hin zu ei­ner Kündi­gung von dem Lei­ter der Stif­tungs­ver­wal­tung Herrn W ge­trof­fen wer­de. Dies hat die Zeu­gin K im Rah­men ih­rer Zeu­gen­ein­ver­nah­me im Kam­mer­ter­min am 22.09.2009 bestätigt. Das dies­bezügli­che Be­strei­ten der Kläge­rin hat die Kam­mer in Würdi­gung der ent­ge­gen­ste­hen­den Aus­sa­ge der Zeu­gin K für wi­der­legt er­ach­tet. Die Zeu­gin hat im Rah­men der Schil­de­rung des Ab­laufs die­ses Per­so­nal­gesprächs deut­lich be­kun­det, dass die Ar­beit­ge­ber­sei­te sich nach den ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­sen noch zu­sam­men­set­zen müsse und ei­ne Be­spre­chung mit Herrn W er­fol­gen wer­de. 

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Außer­dem war dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass dann Herr W die Ent­schei­dung ob­lie­ge, wel­che Maßnah­me letzt­end­lich er­grif­fen wer­de. Das Ge­richt hat­te kei­nen Grund, an der Rich­tig­keit der Aus­sa­ge der Zeu­gin Zwei­fel zu he­gen. Die Zeu­gin als Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin hat­te erklärter­maßen die Auf­ga­be, den Vor­gang vom 21.04.2009 auf­zu­ar­bei­ten, wei­ter­ge­hend auf­zuklären und ei­ne ent­spre­chen­de Per­so­nal­maßnah­me vor­zu­be­rei­ten. Dass dies und nicht et­wa ei­ne endgülti­ge Ent­schei­dung ih­re Auf­ga­be war, hat sie dann ih­ren An­ga­ben zu­fol­ge auch ge­genüber der Kläge­rin be­kun­det, die sich ja im Rah­men der Anhörung ent­schul­digt hat­te und na­tur­gemäß ei­ne Er­war­tungs­hal­tung heg­te, zu er­fah­ren, was nun mit ihr ge­sche­hen wer­de. Dass in die­sem Zu­sam­men­hang auf die Ver­ant­wort­lich­keit des al­lein zu Kündi­gungs­maßnah­men be­rech­tig­ten Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung aus­drück­lich und na­ment­lich ver­wie­sen wird, ist nach­voll­zieh­bar und ent­spricht auch der tatsächli­chen und recht­li­chen Sach­la­ge. In­so­fern war die Kläge­rin -spätes­tens - ei­ne Wo­che vor Zu­gang der von Herrn W un­ter­zeich­ne­ten Kündi­gung aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass die Ent­schei­dung hierüber und die ent­spre­chen­de Um­set­zung ei­ner ar­beits­recht­li­chen Maßnah­me ihm ob­lag. Auf Un­kennt­nis im Sin­ne des § 174 Satz 2 BGB kann sich die Kläge­rin hier­nach zwei­fels­frei nicht mehr be­ru­fen.

II. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 30.4.2009 ist auch be­gründet, da der Be­klag­ten ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 Abs.1 BGB zur Sei­te steht, der es ihr un­ter Berück­sich­ti­gung al­le Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le un­zu­mut­bar macht, das Ar­beits­verhält­nis bis zum vor­ge­se­he­nen En­de der Al­ters­teil­zeit am 31.05.2014 fort­zu­set­zen.

1. Nach der ständi­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung recht­fer­ti­gen von Ar­beit­neh­mern zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers be­gan­ge­ne Vermögens­de­lik­te in der Re­gel ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung (vgl. BAG, Ur­teil vom 17. Mai 1984, 2 AZR 3/83; Ur­teil vom 20. Sep­tem­ber 1984, 2 AZR 633/82; Ur­teil vom 11. De-zem­ber 2003, 2 AZR 36/03; Be­schluss vom 16. De­zem­ber 2004, 2 ABR 7/04; BAG, Ur­teil vom 13.12.2007, 2 AZR 537/06 - al­le ju­ris). Ein Ar­beit­neh­mer, der während sei­ner Ar­beits­zeit straf­recht­lich re­le­van­te Hand­lun­gen be­geht, die sich ge­gen das Vermögen sei­nes Ar­beit­ge­bers rich­ten, ver­letzt da­mit schwer­wie­gend sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen (Loya­litäts-) Pflich­ten und miss­braucht das in ihn ge­setz­te Ver­trau­en in er­heb­li­cher Wei­se. 

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Der Ar­beit­neh­mer bricht durch ei­ne Ei­gen­tums­ver­let­zung un­abhängig vom Wert des Scha­dens in er­heb­li­cher Wei­se das Ver­trau­en des Ar­beit­ge­bers (vgl. BAG Ur­teil vom 12.08.1999, 2 AZR 923/98 - ju­ris). Das Ei­gen­tum des Ar­beit­ge­bers kann auch nicht zu ei­nem Bruch­teil zur Dis­po­si­ti­on der bei ihm beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ste­hen.

Erst die Würdi­gung, ob dem Ar­beit­ge­ber des­halb die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist be­zie­hungs­wei­se der ver­trags­gemäßen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le un­zu­mut­bar ist (Prüfung auf der 2. Stu­fe des § 626 Abs. 1 BGB) kann zu der Fest­stel­lung der Nicht­be­rech­ti­gung der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung führen (vgl. BAG vom 11.12.2003, 2 AZR 36/03 - ju­ris).

2. Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung hält ei­ner Über­prüfung an die­sem Maßstab stand. Un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten In­halts der Ver­hand­lung vom 22.09.2009 und nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me steht nämlich zur Über­zeu­gung der Kam­mer fest, dass die Kläge­rin am 21.04.2009 nicht le­dig­lich 3-4 son­dern 6 Maul­ta­schen aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung ent­nom­men hat, um sie sich rechts­wid­rig zu­zu­eig­nen und dies, ob­wohl ein ent­spre­chen­des Ver­bot des Ar­beit­ge­bers be­stand, das die Kläge­rin auch kann­te. Die­se Maul-ta­schen woll­te die Kläge­rin auch nicht in der ver­blei­ben­den Mit­tags­pau­se ver-zeh­ren, son­dern woll­te sie mit außer Haus neh­men.

a) Nach der Ein­ver­nah­me der Zeu­gin­nen E und R ist die Kam­mer zu der Über­zeu­gung ge­langt, dass die Kläge­rin nicht, wie von ihr geschätzt, 3-4 Maul­ta­schen ge­nom­men hat­te, son­dern dass es sich ins­ge­samt um 6 Stück ge­han­delt hat. Die bei­den Zeu­gin­nen ha­ben hin­sicht­lich eben die­ser Stück­zahl kei­nen Zwei­fel ge­habt und kei­ner­lei Un­si­cher­heit ge­zeigt. Viel­mehr war auch für die Kam­mer, die ei­ne ent­spre­chen­de Gemüse­scha­le mit dem In­halt von 6 Maul­ta­schen im Kam­mer­ter­min in Au­gen­schein neh­men konn­te, ganz deut­lich er­kenn­bar, dass ein ein­zi­ger Blick in die­se Scha­le genügt, um die An­zahl der dar­in be­find­li­chen Maul­ta­schen zu er­ken­nen. Ei­ne „Zählung“ ist nicht er­for­der­lich, da die Scha­le so viel Platz für die

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Maul­ta­schen lässt, dass sie ein­zeln er­kenn­bar, von­ein­an­der un­ter­scheid­bar und in ih­rer Zahl er­fass­bar sind. 

 

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Bei­de Zeu­gin­nen hat­ten die Scha­le an­ge­se­hen, nach­dem die Kläge­rin sie aus ih­rer Stoff­ta­sche her­aus­ge­nom­men hat­te und in­so­weit ka­men auch kei­ne wei­ter­ge­hen­den, et­wa ab­len­ken­den oder ver­wir­ren­den zusätz­li­chen Er­eig­nis­se hin­zu, die in ir­gend­ei­ner Form die Wahr­neh­mung hätten be­ein­träch­ti­gen können. Die Si­cher­heit der Zeu­gin­nen, mit der sie die An­zahl der ent­nom­me­nen Maul­ta­schen auf sechs be­zif­fert ha­ben, war für das Ge­richt über­zeu­gend. Eben­so hat die Kam­mer den Um­stand für er­wie­sen er­ach­tet, dass die Gemüse­scha­le, in der sich die Maul­ta­schen be­fan­den, mit ei­ner Fo­lie ab­ge­deckt war. Klar­sicht­fo­lie ist in der Sta­ti­onsküche des Hau­ses T vor­han­den und bei­de Zeu­gin­nen ha­ben sich kon­kret dar­an er­in­nert und auch hier­an kei­ner­lei Zwei­fel ge­las­sen, dass die Scha­le mit Fo­lie ab­ge­deckt war.

b) Wei­ter war die Kam­mer nach den An­ga­ben der Zeu­gin­nen E und R auch da­von über­zeugt, dass die Kläge­rin nicht vor­hat­te, die Maul­ta­schen in der Sta­ti­onsküche im 1. Stock so­fort zu ver­zeh­ren, weil sie Hun­ger hat­te, drin­gend zu ei­ner Fort­bil­dung muss­te und kei­ne an­de­re Ge­le­gen­heit hat­te, sich zu ver­pfle­gen. Die­se Ein­las­sun­gen der Kläge­rin hat die Kam­mer als Schutz­be­haup­tung ge­wer­tet, die da­zu die­nen soll­te, glau­ben zu ma­chen, es ha­be sich le­dig­lich um ei­ne Art harm­lo­sen (lai­en­haft aus­ge­drückt) “Mund­raub“ ge­han­delt. Hier­ge­gen sprach zum ei­nen die glaub­haf­te, in sich wi­der­spruchs­freie und übe­rein­stim­men­de Schil­de­rung bei­der Zeu­gin­nen, dass die Kläge­rin mit den Maul­ta­schen in der Stoff­ta­sche das Haus T ver­las­sen woll­te: Die Zeu­gin E hat­te nach­voll­zieh­bar und plas­tisch ge­schil­dert, wie sie der Kläge­rin nach de­ren auffälli­gem Ver­hal­ten im 2. Stock zunächst in den 1. Stock nach­ge­gan­gen war und nach den dor­ti­gen wei­te­ren Ver­rich­tun­gen der Kläge­rin fest­stel­len muss­te, dass die­se sich nun ver­ab­schie­de­te und das Haus ver­las­sen woll­te. Die Zeu­gin hat in eben die­ser Si­tua­ti­on ei­nen so­for­ti­gen Hand­lungs­be­darf ge­se­hen, weil ihr - so wört­lich - „die Si­tua­ti­on an­sons­ten ent­glei­ten“ würde. Auch die Zeu­gin R hat bestätigt, dass die Kläge­rin sich nach dem mit ihr geführ­ten Überg­a­be­gespräch mit ei­nem Gruß in den Raum hin­ein ver­ab­schie­det hat­te und ge­hen woll­te. Erst dann war sie von ih­rer Vor­ge­setz­ten Frau E auf­ge­for­dert wor­den, in die Sta­ti­onsküche zu kom­men und die Ta­sche mit­zu­brin­gen. 

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Zum an­de­ren stützt sich die Über­zeu­gung der Kam­mer, von ei­ner “be­vor­ra­ten­den Mit­nah­me­hand­lung“ der Kläge­rin aus­ge­hen zu müssen auf fol­gen­de Erwägun­gen: Auf die vor Ein­tritt in die Be­weis­auf­nah­me an die Kläge­rin ge­stell­te Fra­ge, wes­halb sie die Maul­ta­schen nicht ein­fach in der Gemüse­scha­le in die Sta­ti­onsküche im 1. Stock ge­tra­gen hat­te um sie zu ver­zeh­ren - wenn es doch „gang und gäbe“ war, dass das Per­so­nal sich so verhält - son­dern das Es­sen in ei­ner Stoff­ta­sche trans­por­tie­ren woll­te, hat­te die Kläge­rin die An­ga­be ge­macht, dass sie zunächst noch wei­te­re Tätig­kei­ten im Sta­ti­ons­zim­mer und auf der Sta­ti­on im 2. Stock ver­rich­tet ha­be und da­bei die Schüssel nicht ständig in der Hand ha­ben woll­te. Selbst wenn man dies als plau­si­ble Erklärung hin­neh­men woll­te, ist je­doch nicht nach­voll­zieh­bar, dass die Kläge­rin sich be­reits ver­ab­schie­det hat­te und das Haus ver­las­sen woll­te, als sie zum Vor­zei­gen der Stoff­ta­sche auf­ge­for­dert wur­de. Kei­nes­wegs hat­te sie sich nämlich zu­vor in die Sta­ti­onsküche be­ge­ben in der Ab­sicht, die Maul­ta­schen aus­zu­pa­cken und zu es­sen. Nach der ständig wie­der­hol­ten Be­haup­tung der Kläge­rin, es sei üblich, übrig ge­blie­be­ne Be­woh­ner­ver­pfle­gung zu ver­zeh­ren und das Küchen­per­so­nal for­de­re da­zu so­gar auf, hätte es für sie ei­gent­lich mit dem Ver­zehr gar kein Pro­blem ge­ben dürfen. Die­se, wenn auch voll­kom­men pau­scha­le, un­sub­stan­ti­ier­te und da­mit nicht im Ein­zel­nen ein­las­sungsfähi­ge und über­prüfba­re Be­haup­tung der Kläge­rin würde nämlich - ih­re Rich­tig­keit un­ter­stellt -kon­se­quen­ter­wei­se be­deu­ten, dass ein dann an sich natürli­cher Um­gang (auch ih­rer ei­ge­nen Per­son) mit Res­ten möglich ge­we­sen wäre. Dann aber hätte sich der Vor­gang am 21.04.2009 gar nicht in der Form ab­ge­spielt, wie er sich für die Zeu­gin­nen E und R dar­ge­stellt hat.

Die Zeu­gin E hat erläutert, dass die Kläge­rin so­fort beim Aus­pa­cken der Ta­sche schon geäußert hat „Ich weiß schon, wor­auf du hin­aus willst“. Des wei­te­ren hat die Zeu­gin R be­kun­det, dass sie sich über­haupt nicht erklären konn­te, war­um die­se Maul­ta­schen sich in der Ta­sche der Kläge­rin be­fan­den - wo doch be­kannt sei, dass man kein Es­sen neh­men dürfe. Schon die Ausführun­gen der Kläge­rin in ih­ren Schriftsätzen ha­ben ein sehr kar­ges Bild von der Kon­troll­si­tua­ti­on am 21.04.2009 ge­zeich­net: 

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In Übe­rein­stim­mung mit den An­ga­ben der Zeu­gin­nen ist fest­zu­stel­len, dass die Kläge­rin kei­ner­lei tie­fer­ge­hen­de Dis­kus­si­on geführt hat, sich recht­fer­tig­te oder gar dar­auf hin­wies, dass das doch ganz üblich sei und was man denn über­haupt von ihr wol­le. Ge­nau ei­ne sol­che Re­ak­ti­on wäre je­doch den­knot­wen­dig die Rich­ti­ge, wenn denn tatsächlich übrig ge­blie­be­nes Be­woh­ner­es­sen für die Mit­ar­bei­ter - wenn auch nur aus de­ren Sicht - zur frei­en Verfügung stünde. Tatsächli­ches Ver­hal­ten der Kläge­rin und von ihr be­haup­te­te übli­che Pra­xis ha­ben al­so in kei­ner Wei­se zu­sam­men­ge­passt.

Da­hin­ge­stellt blei­ben konn­te letzt­lich, ob die Kläge­rin die un­strei­tig in der Ta­sche be­find­li­che Zei­tung auch noch über die Maul­ta­schen ge­legt hat­te oder ob sich die Zei­tung ein­fach außer­dem in der Ta­sche be­fand. Das er­wie­se­ne Ab­de­cken mit der Fo­lie so­wie das an­ge­streb­te Ver­las­sen des Hau­ses genügten hinläng­lich zur An­nah­me ei­nes Be­vor­ra­tungs­wil­lens und -han­delns.

c) Zur Über­zeu­gung des Ge­richts steht fer­ner fest, dass die Kläge­rin den im Be­trieb bis vor cir­ca ei­nem Jahr aushängen­den Hin­weis auf Per­so­nal­ver­pfle­gung vom 20.09.2002 sehr wohl kann­te und ihr des­sen In­halt auch ab­so­lut be­wusst war. Zwei­fels­frei hat die Zeu­gin K bestätigt, dass die Kläge­rin im Per­so­nal­gespräch am 23.04.2009 auf ih­ren kon­kre­ten Vor­halt und die Vor­la­ge des Aus­hangs vom 20.09.2002 hin bestätigt hat­te, die­sen zu ken­nen. Die Zeu­gin hat im Ein­zel­nen ge­schil­dert, aus wel­chen Gründen sie sich im Vor­feld des Gesprächs die­ses Pa­pier her­aus­ge­sucht hat­te und es dann in das Per­so­nal­gespräch mit­ge­nom­men hat­te. Die Zeu­gin hat sich auf die­ses Gespräch vor­be­rei­tet und den ent­spre­chen­den Aus­hang mit­ge­nom­men, um zu er­war­ten­den, in die­se Rich­tung ge­hen­den Aus­flüch­ten der Kläge­rin be­geg­nen zu können. Dass sich zwar die Zeu­gin K an den Vor­halt die­ses Aus­hangs er­in­nern konn­te, nicht aber die Zeu­gin E, die nicht mit Be­stimmt­heit sa­gen konn­te, ob die Kläge­rin ih­re Kennt­nis des ent­spre­chen­den Hin­wei­ses zu­ge­ge­ben hat­te, ist für das Ge­richt nach­voll­zieh­bar und macht bei­de Aus­sa­gen nicht we­ni­ger glaub­haft: Die Zeu­gin E hat­te im Anhörungs­gespräch am 23.04.2009 ih­ren Part zu leis­ten, in­dem sie den Vor­fall vom 21.04., die Kon­trol­le der Kläge­rin und das Auf­fin­den der Maul­ta­schen zu be­schrei­ben hat­te. 

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Aus die­ser für sie si­cher­lich nicht sehr an­ge­neh­men Si­tua­ti­on kon­zen­trier­te sich ihr Er­in­ne­rungs­vermögen vor al­lem auf die­sen Teil des Per­so­nal­gesprächs. Die Zeu­gin K als Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin hin­ge­gen war letzt­lich dafür zuständig, den ge­sam­ten Sach­ver­halt wei­ter­ge­hend auf­zuklären und zu erörtern und ei­ne Ent­schei­dung des Lei­ters der Stif­tungs­ver­wal­tung vor­zu­be­rei­ten. Da­durch, dass sie sich auf das Gespräch vor­be­rei­tet und den Hin­weis zur Per­so­nal­ver­pfle­gung auch ex­tra mit­ge­nom­men hat­te, re­sul­tiert natürli­cher­wei­se auch ih­re Er­in­ne­rung an die da­mit dann im Zu­sam­men­hang ste­hen­den von der Kläge­rin ab­ge­ge­be­nen Erklärun­gen.

d) Aus dem Hin­weis zur Per­so­nal­ver­pfle­gung vom 20.09.2002 er­gibt sich auch mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit, dass es nicht ge­stat­tet ist, Res­te aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung zu ver­zeh­ren. Zu­gleich wur­de aus­drück­lich auf die Per­so­nal­ver­pfle­gungsmöglich­keit hin­ge­wie­sen. Mit die­sem Hin­weis hat die Be­klag­te ganz ein­deu­tig ein Ver­bot aus­ge­spro­chen, das sie in sei­ner Sinn­haf­tig­keit auch nicht im Ein­zel­nen zu be­gründen ver­pflich­tet ist. Wenn in an­de­ren Ein­rich­tun­gen mit Es­sens­res­ten an­ders ver­fah­ren wird, sie zur frei­en Verfügung der Mit­ar­bei­ter ge­stellt wer­den oder zu mi­ni­ma­len Geld­beträgen ab­ge­ge­ben wer­den, ist das ein an­de­rer und vom hier vor­lie­gen­den Sach­ver­halt ab­wei­chen­der Fall. Es steht im Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers, wie er mit sei­nem Ei­gen­tum verfährt und wel­che Re­ge­lun­gen er auch trifft für die Ver­wer­tung von Res­ten, selbst wenn sie letzt­lich nichts An­de­res als Ab­fall dar­stel­len. Der Ar­beit­ge­ber hat sich auch nicht dafür zu recht­fer­ti­gen, war­um er ei­ne sol­che Ent­schei­dung trifft und es ist nicht zu dis­ku­tie­ren, ob es mögli­cher­wei­se sinn­vol­ler wäre, Nah­rungs­mit­tel, die oh­ne­hin ent­sorgt wer­den, dem Per­so­nal un­ent­gelt­lich zur Verfügung zu stel­len. Die Vor­ge­setz­te der Kläge­rin, die Zeu­gin E, hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sämt­li­chen langjährig beschäftig­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen die­ser Hin­weis zur Per­so­nal­ver­pfle­gung hinläng­lich be­kannt ist und der Aus­hang des­halb ent­fernt wur­de, weil es seit et­wa ein bis zwei Jah­ren ei­ne Check­lis­te bei Ein­stel­lun­gen gibt, nach der sie verfährt und im Rah­men de­rer sie den neu ein­zu­stel­len­den Mit­ar­bei­te­rin­nen die­ses bei der Be­klag­ten be­ste­hen­de Ver­bot je­weils in­di­vi­du­ell mit­teilt und es da­mit zum Be­stand­teil der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen macht. 

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e) Die Tat­sa­che, dass Res­te von Be­woh­ner­ver­pfle­gung, die aus den Sta­ti­onsküchen zurück­kom­men, als Ab­fall und auf­grund le­bens­mit­tel­recht­li­cher Vor­schrif­ten ent­sorgt wer­den müssen, ver­mag nichts dar­an zu ändern, dass auch die­se zum Ar­beit­ge­ber­ei­gen­tum gehören­den Be­stand­tei­le der Dis­po­si­ti­on der Mit­ar­bei­ter ent­zo­gen sind. Nach den An­ga­ben des als Koch beschäftig­ten Zeu­gen H wären al­le Maul­ta­schen, die am 21.04.2009 aus der Sta­ti­onsküche im 2. Stock in die Küche zurück­ge­kom­men wären, als Bio-Ab­fall ent­sorgt wor­den. Die von der Kläge­rin in der Sta­ti­onsküche im 1. Stock­werk letzt­lich zurück­ge­las­se­nen Maul­ta­schen sind eben­so - wohl - in den Müll­ei­mer ge­wan­dert. Ei­ne wei­ter­ge­hen­de Ver­wen­dung der Maul­ta­schen durch den Ar­beit­ge­ber hätte al­so nicht statt­ge­fun­den; es ist da­her bei der Be­ur­tei­lung der Ge­samt­umstände des vor­lie­gen­den Fal­les der Ma­te­ri­al­wert in der Größen­ord­nung zwi­schen 2,00 und 3,00 € zu­grun­de zu le­gen. Hätte die Kläge­rin am 21.04.2009 Per­so­nal­ver­pfle­gung in An­spruch ge­nom­men (be­ste­hend aus zwei Maul­ta­schen mit Sa­lat­bei­la­ge) hätte sie dafür 3,35 € zu be­zah­len ge­habt. Der Zeu­ge H hat ent­ge­gen dem Be­strei­ten der Kläge­rin aus­geführt, dass täglich et­wa 4-5 Per­so­na­les­sen in An­spruch ge­nom­men wer­den; wenn die Vor­be­stel­lung nicht am Tag vor­her er­fol­ge, sei ein Es­sen auch bei Be­stel­lung am sel­ben Tag verfügbar. Die­ses Es­sen wird im Ta­blett­sys­tem für die Mit­ar­bei­ter her­ge­rich­tet. Das am 21.04.2009 mögli­che rechtmäßige Al­ter­na­tiv­ver­hal­ten der Kläge­rin hätte al­so dar­in be­stan­den, sich ent­we­der am Tag zu­vor oder auch noch am glei­chen Tag ein Per­so­na­les­sen zu be­stel­len, das sie in der ihr ver­blei­ben­den Mit­tags­pau­se vor An­tritt der Fort­bil­dung hätte ver­zeh­ren können. Selbst wenn sie al­so am 21.04.2009 ih­re Woh­nung um 5.00 Uhr mor­gens ver­las­sen muss­te, um zur Dienstüberg­a­be um 6.15 Uhr ih­re Ar­beit an­zu­tre­ten und bis um 13.00 Uhr kei­ner­lei Möglich­keit hat­te, sich et­was zu es­sen zu kau­fen, hat sie den­noch zur Fra­ge der Nicht­i­n­an­spruch­nah­me von Per­so­nal­ver­pfle­gung im Hau­se kei­ner­lei Erklärung ab­zu­ge­ben ver­mocht.

f) Gemäß § 286 ZPO kann das Ge­richt im We­ge der frei­en Be­weiswürdi­gung ei­ne Be­haup­tung als be­wie­sen an­se­hen, wenn es von ih­rer Wahr­heit über­zeugt ist. 

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Hierfür genügt, da ei­ne ab­so­lu­te Ge­wiss­heit nicht zu er­rei­chen und die Möglich­keit des Ge­gen­teils nicht aus­zu­sch­ließen ist, ein für das prak­ti­sche Le­ben brauch­ba­rer Grad von Ge­wiss­heit, ein für ei­nen vernünf­ti­gen, den Le­bens­sach­ver­halt klar über­schau­en­den Men­schen so ho­her Grad von Wahr­schein­lich­keit, dass er den Zwei­feln Schwei­gen ge­bie­tet, oh­ne sie völlig aus­zu­sch­ließen (vgl. BGHZ 53, 254 (256); Tho­mas - Putzo, ZPO, 21. Auf­la­ge § 286 Rn. 2).

Ei­nen sol­chen Grad von Ge­wiss­heit vom Vor­lie­gen der Hand­lungs­abläufe und der Vor­ge­hens­wei­se der Kläge­rin am 21.04.2009 ver­moch­te sich die Kam­mer zu ver­schaf­fen, weil die dies­bezügli­chen Aus­sa­gen der Zeu­gin­nen E, R und K bei Her­an­zie­hen der übli­chen ver­neh­mungs­tech­ni­schen Er­kennt­nis­me­tho­den ei­ne Rei­he be­acht­li­cher An­halts­punk­te für ih­re Glaubwürdig­keit, aber kei­ne Lügen­si­gna­le auf­wei­sen. Die Zeu­gin E ist Vor­ge­setz­te der Kläge­rin und 17 Jah­re jünger als die­se; die Zeu­gin R ist eben­falls Vor­ge­setz­te der Kläge­rin und 24 Jah­re jünger als die­se. Bei­den Zeu­gin­nen war noch im Rah­men ih­rer Be­fra­gung deut­lich an­zu­mer­ken, dass ih­nen die ge­sam­te Si­tua­ti­on ge­genüber ih­rer älte­ren Kol­le­gin am 21.04.2009 un­an­ge­nehm war und von kei­ner­lei - wie auch im­mer ge­ar­te­tem - Tri­umph­ge­ha­be be­glei­tet war. Bei­den Zeu­gin­nen war das völli­ge Un­verständ­nis über die Hand­lungs­wei­se der Kläge­rin im­mer noch an­zu­mer­ken und ihr ge­sam­tes Aus­sa­ge­ver­hal­ten hat in kei­nem Punkt den Ein­druck ver­mit­telt, man ha­be nun end­lich ei­ne Mit­ar­bei­te­rin bei ei­nem kündi­gungs­re­le­van­ten Vor­ge­hen er­wischt, die man oh­ne­hin ha­be los­wer­den wol­len. Die von der Kläge­rin im Kam­mer­ter­min (va­ge) auf­ge­stell­te Be­haup­tung, man ha­be sich le­dig­lich auf ein­fa­che Wei­se ei­ner teu­ren, älte­ren Mit­ar­bei­te­rin ent­le­di­gen wol­len, konn­te die Kam­mer we­der bei den Zeu­gin­nen E und R noch bei der Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin K auch nur an­satz­wei­se fest­stel­len. Die Zeu­gin E hat auf Fra­ge des Kläger­ver­tre­ters im Zu­sam­men­hang mit dem ge­rin­gen Wert der Maul­ta­schen die ganz kla­re und schlich­te Erklärung ab­ge­ge­ben, dass es sich nach ih­rer Sicht­wei­se um Dieb­stahl ge­han­delt ha­be. Den glei­chen un­mit­tel­ba­ren Ein­druck an­ge­sichts des Ta­schen­in­halts der Kläge­rin hat­te die Zeu­gin R und war auch ge­ra­de des­halb so ge­schockt, wie sie es aus­drück­te. 

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Bei­de Zeu­gin­nen ha­ben in kei­ner Wei­se dra­ma­ti­siert, über­trie­ben oder er­kenn­bar den Abläufen erst nachträglich ei­ne Be­deu­tung bei­ge­mes­sen, die auf ent­spre­chen­dem Hin­weis und Rück­spra­che mit den Vor­ge­setz­ten be­ruh­te. Hierfür gab es kei­ne An­halts­punk­te. Die Zeu­gin­nen ha­ben kei­ne blühen­den Schil­de­run­gen und weit­schwei­fig aus­ge­schmück­ten Be­schrei­bun­gen über das Ver­hal­ten Kläge­rin ge­lie­fert, statt des­sen aber au­then­ti­sche und da­mit um­so glaub­haf­te­re For­mu­lie­run­gen ge­fun­den. Die durch­aus wich­ti­ge Fra­ge et­wa, wel­cher kon­kre­te Grund denn die Zeu­gin E zur ab­so­lu­ten Aus­nah­me­hand­lung der Ta­schen­kon­trol­le bei ei­ner Kol­le­gin ver­an­lasst hat­te, hat sie zu­sam­men­fas­send da­mit be­ant­wor­tet: „Das war nicht die Wal­traud, die ich kann­te“. Ver­ge­genwärtigt man sich, in wel­chen Bruch­tei­len von Se­kun­den sich die Wahr­neh­mung ab­spielt, dass ein an­de­rer et­was tut, das nicht so­fort ein­zu­ord­nen ist, aber ir­ri­tiert, ist eben­so schlüssig die wei­te­re Re­ak­ti­on: sich zu fra­gen, „Was war das denn“ und der Sa­che im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes nach­zu­ge­hen. Ge­ra­de ih­re knap­pe, aber ein­prägsa­me Schil­de­rung des Ge­sche­hens­be­ginns im 2. Stock führ­te da­zu, dass die Kam­mer sich den Ab­lauf bild­lich vor­stel­len konn­te.

Dem Aus­sa­ge­ver­hal­ten der Zeu­gin­nen war auch in kei­ner Wei­se zu ent­neh­men, dass es ir­gend­wel­che Vor­be­hal­te sons­ti­ger Art ge­genüber der Kläge­rin ge­ge­ben hat. Die Zeu­gin­nen wa­ren we­der von An­ti­pa­thi­en ge­genüber der Kläge­rin be­stimmt noch ha­ben sie ih­re Schil­de­run­gen in ei­nem vor­wurfs­vol­len oder an­kla­gen­den Ton vor­ge­bracht. Es gab kei­ner­lei An­halts­punk­te für die Kam­mer, aus de­nen hätte ge­schlos­sen wer­den können, dass bei den Vor­ge­setz­ten der Kläge­rin oder der Per­so­nal­sach­be­ar­bei­te­rin ein wie auch im­mer ge­ar­te­tes In­ter­es­se dar­an be­stan­den ha­ben könn­te, die Kläge­rin los­wer­den zu wol­len. Die Aus­sa­gen der Zeu­gin­nen E und R, die un­mit­tel­bar mit der Ent­de­ckung der mit­ge­nom­me­nen Maul­ta­schen be­fasst wa­ren, wirk­ten nicht ab­ge­spro­chen oder ko­or­di­niert son­dern ent­spra­chen dem je­wei­li­gen Er­in­ne­rungs­vermögen der Zeu­gin­nen, das in Ein­zel­hei­ten und Klei­nig­kei­ten durch­aus von­ein­an­der ab­wich. Ge­ra­de die­se Tat­sa­che mach­te für die Kam­mer die Aus­sa­gen der Zeu­gin­nen um­so glaub­haf­ter; in der für sie außer­gewöhn­li­chen Si­tua­ti­on ha­ben die Zeu­gin­nen un­ter­schied­li­che Schwer­punk­te in ih­ren Wahr­neh­mun­gen ge­habt. 

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Auch der Zeu­ge H hat auf das Ge­richt ei­nen sehr glaubwürdi­gen Ein­druck ge­macht; er ist erst seit et­wa ei­nem Jahr bei der Be­klag­ten als Koch beschäftigt und hat den­noch zwei­fels­frei ver­neint, dass Res­te der Be­woh­ner­ver­pfle­gung vom Per­so­nal ver­zehrt würden. Der Zeu­ge hat die Ge­pflo­gen­hei­ten in der Küche, die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben und die Abläufe im Rah­men der Per­so­nal­ver­pfle­gung in sich stim­mig, wi­der­spruchs­frei und of­fen ge­schil­dert; we­der sei­ne Körper­spra­che noch sei­ne Ausführun­gen ha­ben zu ir­gend­ei­nem Zeit­punkt der Kam­mer den Ein­druck ver­mit­telt, die Küche hand­le ge­ge­be­nen­falls ver­bots­wid­rig und er müsse dies nun im Rah­men sei­ner Aus­sa­ge ver­tu­schen. An­ge­sichts der vom Zeu­gen ge­schil­der­ten stren­gen le­bens­mit­tel­recht­li­chen Vor­ga­ben hätte er sich nämlich bei Rich­tig­keit der pau­scha­len Be­haup­tung der Kläge­rin, das Küchen­per­so­nal for­de­re zum Res­te­ver­zehr aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung aus­drück­lich auf, durch­aus in ei­ner für sich selbst und auch das an­de­re Küchen­per­so­nal sehr kri­ti­schen Si­tua­ti­on be­fun­den. Von ei­ner solch zwiespälti­gen Aus­gangs­si­tua­ti­on im Rah­men sei­ner Aus­sa­ge war dem Zeu­gen je­doch nichts an­zu­mer­ken. Die Persönlich­keit des Zeu­gen - nicht ein Mann des Wor­tes son­dern eher der Tat - ließ nach Einschätzung der Kam­mer ein sol­ches „win­kelzügi­ges“ Aus­sa­ge­ver­hal­ten auch nicht zu.

3. In An­se­hung des in­so­weit für die Kam­mer fest­ge­stell­ten und zu be­wer­ten­den Sach­ver­halts er­gab ei­ne Ge­samtwürdi­gung al­ler Umstände und die Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­part­ner, dass die außer­or­dent­li­che Kündi­gung verhält­nismäßig war.

a) Für ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gun­gen gilt das so­ge­nann­te Pro­gno­se­prin­zip. Der Zweck der Kündi­gung ist nicht ei­ne Sank­ti­on für die Ver­trags­pflicht­ver­let­zung in der Ver­gan­gen­heit, son­dern dient der Ver­mei­dung des Ri­si­kos wei­te­rer Pflicht­ver­let­zun­gen in der Zu­kunft. Dem ent­spricht im Rah­men der Verhält­nismäßig­keitsprüfung, dass ei­ne Kündi­gung we­gen Ver­trags­pflicht­ver­let­zung grundsätz­lich ei­ne Ab­mah­nung vor­aus­setzt, die an sich das ge­eig­ne­te mil­de­re Mit­tel dar­stellt, um künf­ti­ge gleich­ar­ti­ge Ver­tragsstörun­gen zu ver­mei­den. 

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Ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ist je­doch aus­nahms­wei­se dann ent­behr­lich, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft trotz Ab­mah­nung nicht er­war­tet wer­den kann oder es sich um ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, de­ren Rechts­wid­rig­keit für den Ar­beit­neh­mer oh­ne wei­te­res er­kenn­bar ist und de­ren Hin­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist (BAG, Ur­teil vom 12.01.2006, 2 AZR 179/05).

b) Die Kläge­rin hat trotz der kon­kre­ten und ein­deu­ti­gen Hand­lungs­an­wei­sung der Be­klag­ten ge­gen ein be­reits be­ste­hen­des Ver­bot ver­s­toßen und hat sich zwar für ihr Ver­hal­ten ent­schul­digt, hat die­ses aber den­noch ba­ga­tel­li­siert. Die Kläge­rin hat in den Vor­der­grund ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on ge­stellt, dass die Maul­ta­schen oh­ne­hin weg­ge­wor­fen wor­den wären, al­so letzt­lich Ab­fall dar­ge­stellt hätten und sich so­mit die Weg­nah­me­hand­lung an sich auf et­was ge­rich­tet ha­be, das für den Ar­beit­ge­ber kei­ner­lei Wert besäße. Mit die­ser Hal­tung setzt sich die Kläge­rin aber über den aus­drück­lich erklärten Wil­len des Ar­beit­ge­bers hin­weg und setzt ih­ren ei­ge­nen Wil­len so­wie ih­re persönli­che Einschätzung an des­sen Stel­le. Die grundsätz­li­che Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers, dem Ab­fall zu­ge­dach­tes Es­sen der Dis­po­si­ti­ons­frei­heit der Mit­ar­bei­ter zu ent­zie­hen, ha­ben die Ar­beit­neh­mer zu re­spek­tie­ren. Die Ver­bots­re­ge­lung spricht außer­dem nicht nur von „Be­woh­ner­ver­pfle­gung“ son­dern aus­drück­lich von de­ren „Res­ten“, nimmt al­so die Qua­li­fi­zie­rung als Ab­fall durch­aus selbst vor. Aus der ein sol­ches Ver­bot ne­gie­ren­den Hal­tung der Kläge­rin ist die Be­klag­te zu fol­gern be­rech­tigt, dass die Ge­fahr be­steht, dass die Kläge­rin sich auch in Zu­kunft ei­genmäch­tig über die­ses oder an­de­re Ver­bo­te, de­ren Sinn­haf­tig­keit sie persönlich nicht zu er­ken­nen ver­mag, hin­weg­set­zen wird. Der Kläge­rin sind zwar - an­ders als et­wa Kas­sie­re­rin­nen oder Verkäufe­r­in­nen - nicht un­mit­tel­bar Wa­ren des Ar­beit­ge­bers an­ver­traut. Den­noch muss der Ar­beit­ge­ber in sei­ne Ar­beit­neh­mer un­be­ding­tes Ver­trau­en set­zen können so­wohl im Um­gang mit den Be­triebs­mit­teln, der Be­woh­ner­ver­pfle­gung als auch letzt­end­lich mit dem Ei­gen­tum der Be­woh­ner, das in den Be­trieb ein­ge­bracht wird. Die­ses Ver­trau­en hat die Kläge­rin be­wusst aufs Spiel ge­setzt, wis­send, dass der Ar­beit­ge­ber die Hand­lungs­wei­se der Mit­nah­me von 6 Maul­ta­schen aus den Res­ten der Be­woh­ner­ver­pfle­gung nicht dul­den würde. 

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Hätte sie An­de­res an­ge­nom­men, so hätte sie in An­se­hung ih­rer knap­pen Mit­tags­pau­se auch ei­ne Vor­ge­setz­te fra­gen können, ob ge­ge­be­nen­falls ei­ne Aus­nah­me ge­macht wer­den könne. Die­ses dann schlicht rechtmäßige Al­ter­na­tiv­ver­hal­ten hat die Kläge­rin gar nicht erst in Erwägung ge­zo­gen. Dar­aus konn­te das Ge­richt nur fol­gern, dass sie sich der Ab­leh­nung ih­res Wun­sches im Hin­blick auf die Per­so­nal­an­wei­sung vom 20.09.2002 si­cher war. Die pau­scha­le und oh­ne jeg­li­che Nen­nung von Bei­spielsfällen un­ter­mau­er­te Be­haup­tung der Kläge­rin zur Üblich­keit ih­res Vor­ge­hens auch durch an­de­re Mit­ar­bei­terIn­nen stellt ei­nen zusätz­li­chen ver­trau­ens­ver­let­zen­den Um­stand dar. Die Kläge­rin nennt der Ar­beit­ge­ber­sei­te nicht nur kei­ne Na­men, was un­ter dem Ge­sichts­punkt des Schut­zes an­de­rer Kol­le­gin­nen noch verständ­lich wäre son­dern auch kei­ne kon­kre­ten von ihr be­ob­ach­te­ten Sach­ver­hal­te, die Rück­schlüsse dar­auf zu­ge­las­sen hätten, dass in der Tat nicht nur Kol­le­gin­nen aus der glei­chen Hier­ar­chie­ebe­ne son­dern auch Vor­ge­setz­te der Kläge­rin bei­spiel­ge­bend und die Sit­ten ver­der­bend ei­ne ent­spre­chen­de Vor­ge­hens­wei­se pfle­gen. Auf­fal­lend in die­sem Zu­sam­men­hang war für die Kam­mer vor al­lem, dass die Kläge­rin of­fen­sicht­lich auch nicht in der La­ge ist, sol­che Bei­spie­le un­ter Be­zug­nah­me auf be­stimm­te Ess­wa­ren zu schil­dern. Wenn dies­bezüglich ei­ne dau­ern­de Wahr­neh­mung möglich wäre, müss­te die Kläge­rin an­de­rer­seits auch in der La­ge sein, sol­che Bei­spie­le an­schau­lich zu schil­dern. Die rein pau­scha­le Be­haup­tung der Kläge­rin in­des­sen trägt le­dig­lich zu ei­ner Stei­ge­rung des Miss­trau­ens durch den Ar­beit­ge­ber bei, oh­ne dass er kon­kre­ten Ver­dachts­mo­men­ten nach­ge­hen und dann ge­ge­be­nen­falls auch das streit­ge­genständ­li­che Ver­hal­ten der Kläge­rin an­ders ge­wich­ten und ein­ord­nen kann.

Auch der Per­so­nal­rat hat le­dig­lich aus so­zia­len Erwägun­gen her­aus der Kündi­gung wi­der­spro­chen, nicht aber das Ver­hal­ten der Kläge­rin als ein „durch­aus Übli­ches“ qua­li­fi­ziert. Aus dem Ge­samtüber­blick, den Per­so­nal­rats­mit­glie­der zu ha­ben pfle­gen, hätte sich aber ein Hin­weis auf an­sons­ten nicht so streng ge­ahn­de­te Ver­gleichsfälle oder auf ins­ge­samt be­kann­ten la­xen Um­gang mit dem Res­te­ver­wen­dungs­ver­bot an­ge­bo­ten und wäre durch­aus ge­eig­net ge­we­sen, das Ver­hal­ten der Kläge­rin beim Ar­beit­ge­ber in ei­nem mil­de­ren Licht er­schei­nen zu las­sen. 

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Nach­dem sich der Per­so­nal­rat nach­drück­lich für die Kläge­rin ver­wen­det hat­te, wäre ein solch ge­wich­ti­ges Ar­gu­ment si­cher zu er­war­ten ge­we­sen - wenn es denn Grund­la­gen dafür ge­ge­ben hätte.

c) Die Tat­sa­che, dass die Maul­ta­schen nur ei­nen sehr ge­rin­gen ma­te­ri­el­len Wert im Rah­men von et­wa 2,00 bis 3,00 € ha­ben, ist zwar im Rah­men der Ge­samt­umstände und der Verhält­nismäßig­keitsprüfung zu berück­sich­ti­gen, kann aber nicht von vorn­her­ein die Verhält­nismäßig­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung aus­sch­ließen. Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in zahl­rei­chen Ent­schei­dun­gen be­reits aus­geführt, (vgl. nur BAG, 12.08.1999, 2 AZR 923/98 - ju­ris). Ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Ge­ringfügig­keits­gren­ze grundsätz­lich „frei­zu­ge­ben“ und ei­nem ge­ne­rel­len vor­he­ri­gen Ab­mah­nungs­er­for­der­nis zu un­ter­wer­fen, würde auch be­deu­ten, Rechts­un­si­cher­heit im Um­gang mit Be­triebs­mit­teln zu er­zeu­gen. Wer­tig­keits­gren­zen wer­den in­di­vi­du­ell un­ter­schied­lich ge­zo­gen, nicht nur durch Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, son­dern auch in­ner­halb von Ar­beit­neh­mer­grup­pen je nach Bran­che und be­nutz­ten Be­triebs­mit­teln.

d) Zu­guns­ten der Kläge­rin war ei­ner­seits zu berück­sich­ti­gen, dass sie zum Tat­zeit­punkt be­reits 16,5 Jah­re bei der Be­klag­ten beschäftigt war und da­mit ei­nen ho­hen Be­stands­schutz ge­nießt, der sie über­dies or­dent­lich unkünd­bar macht. Die Kläge­rin ist 58 Jah­re alt und ih­re Chan­cen auf dem Ar­beits­markt dürf­ten -selbst im Per­so­nal su­chen­den Pfle­ge­be­reich - schlecht sein. Der auf­grund des er­heb­li­chen Me­di­en­in­ter­es­ses außer­dem nun­mehr ein­ge­tre­te­ne Um­stand, dass die Kläge­rin zu­min­dest im Land­kreis K „ein­schlägig be­kannt“ sein dürf­te, er­leich­tert die Ar­beits­su­che mit Si­cher­heit nicht. Bei der Prüfung der Fra­ge, ob ein wich­ti­ger Grund zur frist­lo­sen Kündi­gung des Ar­beit­neh­mers vor­liegt, geht es al­lein um die Abwägung, ob die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der bei ei­nem or­dent­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mer fik­ti­ven Kündi­gungs­frist dem Ar­beit­ge­ber noch zu­ge­mu­tet wer­den kann. Bei die­ser Prüfung be­steht kein hin­rei­chen­der An­lass, ne­ben dem Al­ter und der Beschäfti­gungs­dau­er die Tat­sa­che der or­dent­li­chen Unkünd­bar­keit des Ar­beit­neh­mers er­neut zu des­sen Guns­ten zu berück­sich­ti­gen und da­mit den or­dent­lich unkünd­ba­ren Ar­beit-

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neh­mer bes­ser zu stel­len als ei­nen Ar­beit­neh­mer oh­ne die­sen Son­derkündi­gungs­schutz bei ent­spre­chen­den Ein­zel­fal­l­umständen und bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen (BAG Ur­teil vom 24.07.2006, 2 AZR 386/05; BAG Ur­teil vom 10.
Ok­to­ber 2002, 2 AZR 418/01 - bei­de ju­ris). Die In­ter­es­sen­abwägung hat sich da­mit dar­an zu ori­en­tie­ren, ob bei ei­nem ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mer oh­ne den Son­derkündi­gungs­schutz nach § 34 TV-L un­ter den­sel­ben Umständen und bei ent­spre­chen­der In­ter­es­sen­la­ge ein wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung oh­ne Ein­hal­tung der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist an­zu­neh­men wäre. Die fik­ti­ve or­dent­li­che Kündi­gungs­frist der Kläge­rin be­lie­fe sich im vor­lie­gen­den Fall gemäß § 34 Abs. 1 Satz 2 TV-L auf 6 Mo­na­te zum Schluss ei­nes Ka­len­der­vier­tel­jah­res. Dies hätte am 30.04.2009 ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Ein­hal­tung der or­dent­li­chen Frist bis zum 31.12.2009 be­deu­tet. Die­se Fort­set­zungs­dau­er hat die Kam­mer für un­zu­mut­bar er­ach­tet, vor al­lem un­ter dem Ge­sichts­punkt der Präven­ti­on. Die Be­klag­te hat mit ih­rer Wei­sung vom 20.09.2002, die auch al­len neu ein­ge­stell­ten Mit­ar­bei­tern ge­genüber ein­zel­ver­trag­lich als ver­bind­li­che Ver­hal­tens­maßre­gel auf­er­legt wird, Maßstäbe ge­setzt, wird zu­ge­stan­den, die­ses Ver­bot un­ter­lau­fen zu können, würde dies den Um­gang mit Res­ten aus der Be­woh­ner­ver­pfle­gung ei­ner ge­wis­sen Be­lie­big­keit öff­nen. Die Vor­bild­rol­le ei­ner langjährig beschäftig­ten Mit­ar­bei­te­rin ge­ra­de auch für jünge­re Kol­le­gin­nen ist da­bei nicht zu un­terschätzen - eben­so darf bei gleich­alt­ri­gen und eben­falls lan­ge beschäftig­ten Kol­le­gin­nen nicht der Ein­druck er­weckt wer­den, sol­che persönli­chen Umstände er­laub­ten ei­nen großzügi­ge­ren Um­gang mit den vom Ar­beit­ge­ber auf­ge­stell­ten Re­geln. Die Kläge­rin ist ver­hei­ra­tet, hat aber an­sons­ten kei­ne wei­ter­ge­hen­den Un­ter­halts­pflich­ten. Mit der frist­lo­sen Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses erfährt sie zwar persönlich ei­nen schwer­wie­gen­den Ein­griff in ih­re Le­bens­verhält­nis­se und wirt­schaft­li­chen Umstände, wei­te­re von ihr abhängi­ge Per­so­nen sind da­von je­doch nicht be­trof­fen.

Die Kam­mer hat sich auch vor dem Hin­ter­grund der im we­sent­li­chen be­an­stan­dungs­frei­en Tätig­keit der Kläge­rin über 16 ½ Jah­re die Ent­schei­dung nicht leicht ge­macht. Hat es sich - was zu­guns­ten der Kläge­rin als ge­ge­ben zu un­ter­stel­len ist - um ei­nen erst­ma­li­gen Ver­s­toß ge­gen das von der Be-

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klag­ten ein­deu­tig aus­ge­spro­che­ne Ver­bot ge­han­delt, muss aus Sicht der Kläge­rin die frist­lo­se Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses in der Tat ei­ne große Härte dar­stel­len.

An­de­rer­seits darf nicht ver­kannt wer­den, dass seit ei­ni­gen Mo­na­ten ei­ne - auch in der Öffent­lich­keit und nicht nur in ju­ris­ti­schen Krei­sen - breit an­ge­leg­te Dis­kus­si­on über die Fra­ge geführt wird, ob un­ter Umständen auch ge­ring­wer­ti­ge Vermögens­de­lik­te or­dent­li­che oder außer­or­dent­li­che Kündi­gun­gen (im­mer noch) recht­fer­ti­gen können. Ei­ne Sen­si­bi­li­sie­rung für die The­ma­tik als sol­che ist da­her an sich von je­dem Ar­beit­neh­mer zu er­war­ten und auch ei­ne in­ne­re Über­prüfung sei­ner bis­he­ri­gen Hal­tung in An­se­hung et­wa im Be­trieb be­ste­hen­der Ge­bo­te oder Ver­bo­te. Zu­guns­ten der Kläge­rin hat das Ge­richt auch ge­wer­tet, dass sie sich so­wohl bei ih­rer Vor­ge­setz­ten als auch im Anhörungs­gespräch vom 23.04.2009 ent­schul­digt hat. Ei­ne Ent­schul­di­gung setzt ei­ne ge­wis­se Ein­sicht in ent­stan­de­ne Schuld vor­aus. Die gleich­wohl ba­ga­tel­li­sie­ren­de Ar­gu­men­ta­ti­on der Kläge­rin und ins­be­son­de­re die im Rah­men der Be­weis­auf­nah­me er­folg­te Wi­der­le­gung ih­rer Be­haup­tung, sie ha­be nur 3-4 Maul­ta­schen ge­nom­men, nämlich die­je­ni­ge Men­ge, die man auch bei großem Hun­ger höchs­tens es­sen kann, hat für die Kam­mer die­se Ent­schul­di­gung in ih­rer Ernst­haf­tig­keit wie­der­um ent­wer­tet. Der auf Sei­ten der Be­klag­ten ent­stan­de­ne Ver­trau­ens­ver­lust wiegt ge­genüber den In­ter­es­sen der Kläge­rin schwe­rer. Die Be­klag­te kann über das von ihr grundsätz­lich seit lan­gem aus­ge­spro­che­ne Ver­bot hin­aus nicht ständi­ge Kon­trol­len durchführen, um die Ein­hal­tung des Ver­bots zu über­prüfen und si­cher­zu­stel­len. Auf­grund der ge­sam­ten Sach­ver­halts­umstände konn­te die Be­klag­te auch der Kläge­rin nicht zu­gu­te hal­ten, dass sie le­dig­lich aus ei­ner Au­gen­blicks­si­tua­ti­on her­aus ih­ren Hun­ger stil­len woll­te, et­wa weil be­stell­te Per­so­nal­ver­pfle­gung nicht be­reit ge­stellt wor­den war und ei­ne Vor­ge­setz­te zur aus­nahms­wei­sen Er­laub­nis­er­tei­lung be­tref­fend die vor­han­de­nen Res­te nicht an­we­send war. Sol­che Umstände et­wa hätten die Be­klag­te durch­aus befähigt, ei­ne Aus­nah­me­si­tua­ti­on an­zu­er­ken­nen und ei­ne sol­che (auch an­de­ren Mit­ar­bei­tern ge­genüber) hin­rei­chend plau­si­bel ent­we­der gänz­lich zu ent­schul­di­gen oder die Kläge­rin des­halb le­dig­lich zu er­mah­nen oder ab­zu­mah­nen. 

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All sol­che Ent­las­tungs­gründe stan­den aber der Be­klag­ten in An­se­hung der Präven­tiv­funk­ti­on, auf die zu ach­ten sie durch­aus be­rech­tigt ist, nicht zur Sei­te.

4. Der Per­so­nal­rat wur­de nach § 77 Abs. 3 LPVG zur be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ord­nungs­gemäß an­gehört; über­prüfba­re und berück­sich­ti­gungsfähi­ge Ein­wen­dun­gen der Kläge­rin hin­sicht­lich des In­halts der Anhörung hat­te die Kam­mer nicht zu prüfen.

So­weit die Kläge­rin im Rah­men der Kam­mer­ver­hand­lung nach Durchführung der Be­weis­auf­nah­me in Würdi­gung der Aus­sa­ge der Zeu­gin K be­an­stan­det hat­te, dass die For­mu­lie­rung in Ab­satz 2 Sei­te 2 der Anhörung nicht zu­tref­fend for­mu­liert sei, konn­te sich die Kam­mer die­sen Erwägun­gen nicht an­sch­ließen. Viel­mehr hat die Zeu­gin K ge­nau das be­kun­det, was in der Per­so­nal­rats­anhörung auch Nie­der­schlag ge­fun­den hat: die Kennt­nis der Kläge­rin von der im Haus be­ste­hen­den Re­ge­lung zum Res­te­ver­zehr der Be­woh­ner­ver­pfle­gung. Die Not­wen­dig­keit ei­ner wort­ge­treu­en Wie­der­ga­be des­sen, was im Anhörungs­gespräch am 23.04.2009 dies­bezüglich erörtert wur­de, hat sich schon des­halb erübrigt, weil die Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­de Frau W persönlich an­we­send war und so­mit ei­nen un­mit­tel­ba­ren und di­rek­ten Ein­druck von den Äußerun­gen der Kläge­rin und den Vor­hal­ten der Frau K hat­te ge­win­nen können.

Nach al­lem ist die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 30.04.2009 wirk­sam und hat das Ar­beits­verhält­nis mit dem Zeit­punkt ih­res Zu­gangs am 30.04.2009 be­en­det.

 

B. Nach­dem die Kla­ge ab­ge­wie­sen wur­de, hat die Kläge­rin die Kos­ten des Ver­fah­rens zu tra­gen gemäß §§ 46 Abs. 2 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 91 Abs. 1 ZPO.

 

C. Der Streit­wert für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren er­gab sich aus §§ 61 Abs. 1 ArbGG in Ver­bin­dung mit 42 Abs. 4 GKG. Der Be­trag ent­spricht dem 3-fa­chen Brut­to­mo­nats­ent­gelt der Kläge­rin.

 

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