Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Kündigung: Krankheitsbedingt
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 16 Sa 389/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 25.01.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Darmstadt, Urteil vom 15.01.2009, 12 Ca 246/08
   


Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt


Ak­ten­zei­chen: 16 Sa 389/09

(Ar­beits­ge­richt Darm­stadt: 12 Ca 246/08)

Verkündet am:

25. Ja­nu­ar 2010

gez.
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Rechts­streit


 

Be­klag­te und

Be­ru­fungskläge­rin

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:


ge­gen

Kläger und

Be­ru­fungs­be­klag­ter

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 16,

auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 25. Ja­nu­ar 2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­den
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
als Bei­sit­zer
für Recht er­kannt:


Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Darm­stadt vom 15.01.2009 – 12 Ca 246/088 – wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

- 2 -


Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung mit so­zia­ler Aus­lauf­frist, die Ver­pflich­tung der Be­klag­ten zur Wei­ter­beschäfti­gung so­wie über An­nah­me­ver­zugs­lohn­ansprüche.

Die Be­klag­te ist ein Au­to­mo­bil­her­stel­ler und beschäftigt re­gelmäßig (weit­aus) mehr als 20 Ar­beit­neh­mer. Der am 17. Mai 1951 ge­bo­re­ne Kläger ist bei der Be­klag­ten seit 5. Sep­tem­ber 1977, zu­letzt als Mon­ta­ge­ar­bei­ter, beschäftigt. Die Höhe der vom Kläger in der Zeit vom 1. Ju­ni 2007 bis 31. Mai 2009 be­zo­ge­nen Vergütung er­gibt sich aus den von der Be­klag­ten er­stell­ten Ar­beits­be­schei­ni­gun­gen (Blatt 182 bis 185 der Ak­ten). Das Ar­beits­verhält­nis des Klägers wird ab 1. Ju­li 2009 als Al­ters­teil­zeit­ar­beits­verhält­nis bis 31. Mai 2011 fort­geführt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det der Man­tel­ta­rif­ver­trag für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie für das Land Hes­sen An­wen­dung. Des­sen § 23 Nr. 4 lau­tet: In Be­trie­ben mit in der Re­gel min­des­tens 20 wahl­be­rech­tig­ten Beschäftig­ten kann ei­nem Beschäftig­ten, der das fünf­undfünf­zigs­te, aber noch nicht das fünf­und­sech­zigs­te Le­bens­jahr voll­endet und des­sen Ar­beits­verhält­nis in dem Un­ter­neh­men zu die­sem Zeit­punkt min­des­tens 10 Jah­re un­un­ter­bro­chen be­stan­den hat, das Ar­beits­verhält­nis nur noch aus wich­ti­gem Grund gekündigt wer­den.

Mit Be­scheid vom 26. Fe­bru­ar 2008 (Blatt 10,11 der Ak­ten) stell­te das hes­si­sche Amt für Ver­sor­gung und So­zia­les Darm­stadt bei dem Kläger ei­nen Grad der Be­hin­de­rung von 30 fest. Hier­ge­gen leg­te der Kläger Wi­der­spruch und so­dann Kla­ge vor dem So­zi­al­ge­richt Darm­stadt (Ak­ten­zei­chen S 8 SB 365/08) ein. Mit Wir­kung vom 9. März 2009 stell­te die Bun­des­agen­tur für Ar­beit den Kläger mit Be­scheid vom 28. Mai 2009 (Blatt 331 der Ak­ten) ei­nem Schwer­be­hin­der­ten gleich.

Der Kläger wur­de in der Mo­to­ren­end­aufrüstung ein­ge­setzt. In der Zeit vom 28. Au­gust 2007 bis 23. Sep­tem­ber 2007 und vom 28. Sep­tem­ber 2007 bis 9. No­vem­ber 2007 war der Kläger ar­beits­unfähig krank. Bis 11. De­zem­ber 2007 wur­de der Kläger mit leich­ten Rei­ni­gungs- und Kehrtätig­kei­ten be­traut. Ei­ne Ar­beits­platz­be­ge­hung am 11. De­zem­ber 2007 führ­te hin­sicht­lich der Tätig­keit "Mo­to­ren auf­set­zen" zu der Be­ur­tei­lung "nicht OK". Das At­test der Werksärz­tin Dr. med. Ege­rer (Blatt 70 der Ak­ten) enthält fol­gen­de Ein­schränkun­gen hin­sicht­lich der wei­te­ren Ver­wen­dung des Klägers:
- kein ständi­ges oder wie­der­hol­tes tie­fes Bücken,
- kei­ne Be­an­spru­chung der Bauch­mus­ku­la­tur,
- kei­ne ständi­ge He­be-/Tra­ge­leis­tung über 5 kg.

- 3 -


Ein Ar­beits­ver­such des Klägers an der Ope­ra­ti­on "Se­quen­zie­rung Stoßstan­ge" schei­ter­te, da der Kläger auch bei die­ser Tätig­keit über Be­schwer­den klag­te. Man­gels an­de­rer Ein­satzmöglich­keit stell­te die Be­klag­te den Kläger so­dann zunächst von der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung frei. Nach­dem ei­ne Stand­ort­ab­fra­ge er­folg­los ge­blie­ben war, un­ter­nahm der Kläger ab 6. Fe­bru­ar 2008 ei­nen Ar­beits­ver­such in der In­te­gra­ti­ons­ab­tei­lung auf ei­nem so ge­nann­ten Schon­ar­beits­platz. Auf­grund sei­ner Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten wur­de der Kläger aus­sch­ließlich bei der "Se­quen­zie­rung Kraft­stoff­lei­tung" und der "Se­quen­zie­rung Mo­tor­la­ger" ein­ge­setzt. Der Kläger ord­ne­te Kraft­stoff­lei­tun­gen in so ge­nann­te Se­quen­zier­wa­gen ein. Das Befüllen ei­nes Se­quen­zier­wa­gens mit Kraft­stoff­lei­tun­gen benötigt et­wa 45 bis 60 Mi­nu­ten. An­sch­ließend ist der gefüll­te Se­quen­zier­wa­gen, der nun ein Ge­wicht von 250 bis 300 kg auf­weist, über ei­ne Weg­stre­cke von 5 bis 6 m an die Ab­fol­ge der Pro­duk­ti­ons­li­nie zu schie­ben. Während die­ses Ar­beits­ver­suchs wur­de dem Kläger die Möglich­keit ein­geräumt, den Schicht- und Ko­lon­nenführer, so­fern die­ser verfügbar war, beim Schie­ben der Se­quen­zier­wa­gen (Dol­lies) um Hil­fe zu bit­ten. Die­ser über­nahm so­dann zeit­wei­se das Schie­ben der Dol­lies, wenn er kei­ne an­de­ren Tätig­kei­ten durch­zuführen hat­te. Da der Kläger auch bei die­sen Tätig­kei­ten über Schmer­zen klag­te, fand am 19. Fe­bru­ar 2008 ei­ne Be­ge­hung die­ses Ar­beits­plat­zes un­ter Teil­nah­me des werksärzt­li­chen Diens­tes statt. Die­se führ­te zu dem Er­geb­nis, dass die Tätig­keit "Se­quen­zie­rung Kraft­stoff­lei­tung" aus ar­beits­me­di­zi­ni­scher Sicht ei­nen leis­tungs­ge­rech­ten Ein­satz dar­stellt, nicht je­doch das Schie­ben der Dol­lies. Die Tätig­keit in der Mo­tor­la­ger­se­quen­zie­rung wur­de als "zu­mut­bar bis nicht OK" be­wer­tet (Blatt 85 der Ak­ten). Zwi­schen den Par­tei­en ist strei­tig, ob der Kläger anläss­lich die­ser Ar­beits­platz­be­ge­hung jeg­li­che Se­quen­ziertätig­keit ab­lehn­te und ei­ne Wei­ter­ar­beit un­ter die Be­din­gung stell­te, dass ihm sit­zen­de Tätig­kei­ten zu­ge­wie­sen würden. Die Be­klag­te stell­te den Kläger so­dann von der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung frei. Sie führ­te am 28. März 2008 -oh­ne Er­geb­nis- ei­ne Stand­ort­ab­fra­ge für ei­nen at­test­ge­rech­ten Ein­satz des Klägers durch.

Mit Schrei­ben vom 22. April 2008 hörte die Be­klag­te den bei ihr ge­bil­de­ten Be­triebs­rat zum Aus­spruch ei­ner be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist an (Blatt 108 bis 111 der Ak­ten). Die­ser Maßnah­me wi­der­sprach der Be­triebs­rat un­ter dem 25. April 2008 (Blatt 112 der Ak­ten). Mit Schrei­ben vom 30. April 2008 (Blatt 16 der Ak­ten) kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist zum 30. No­vem­ber 2008. Hier­ge­gen wen­det sich der Kläger mit sei­ner am 21. Mai 2008 beim

- 4 -



Arb­Ger ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge.

Vom 28. April 2008 bis 23. Mai 2008 war der Kläger er­neut ar­beits­unfähig er­krankt. Am 26. Mai 2008 stell­te er sich er­neut dem werksärzt­li­chen Dienst der Be­klag­ten vor, der fol­gen­de Ein­schränkun­gen fest­stell­te:
- kein ständi­ges oder wie­der­hol­tes tie­fes Bücken,
- kei­ne Be­an­spru­chung der Bauch­mus­ku­la­tur,
- kei­ne ständi­ge He­be-/Tra­ge­leis­tung über 7 kg,
- Ar­beit im Wech­sel von Ge­hen, Ste­hen und Sit­zen bzw. Steh­hil­fe oder ge­le­gent­li­che Sitz­ge­le­gen­heit.

So­dann be­gab sich der Kläger zur Per­so­nal­ab­tei­lung der Be­klag­ten und sprach dort mit Frau A . Die­se ver­merk­te auf der ar­beits­me­di­zi­ni­schen Stel­lung­nah­me (Bl. 115 d.A.): "B. sprach heu­te mit sei­ner Toch­ter hier vor. Ihm wur­de mit­ge­teilt, dass zur Zeit kein ent­spre­chen­der Ar­beits­platz vor­han­den ist und ei­ne er­neu­te Stand­ort­ab­fra­ge ein­ge­lei­tet wird. B. wur­de nach Rück­spra­che mit T. B wie­der nach Hau­se ge­schickt.
26.5.2008 Ra."

Seit 1. Ju­ni 2008 zahl­te die Be­klag­te dem Kläger kei­ne Ar­beits­vergütung mehr.

Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Kündi­gung sei un­wirk­sam. Er könne lei­dens­ge­recht an der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen ein­ge­setzt wer­den; le­dig­lich das Schie­ben der Dol­lies könne er nicht ausführen. Es sei der Be­klag­ten je­doch möglich und zu­mut­bar, dies durch ei­nen an­de­ren Mit­ar­bei­ter er­le­di­gen zu las­sen. Sei­ne ge­sund­heit­li­chen Ein­schränkun­gen be­ruh­ten auf der mehr als 30 jähri­gen Tätig­keit für die Be­klag­te. Der Kläger hat die Kündi­gung nach § 174 BGB zurück­ge­wie­sen und be­strit­ten, dass der Be­triebs­rat ord­nungs­gemäß an­gehört wur­de. Die Be­klag­te be­fin­de sich in An­nah­me­ver­zug. Der Kläger ha­be anläss­lich der Ar­beits­platz­be­ge­hung am 19. Fe­bru­ar 2008 nicht jeg­li­che Se­quen­ziertätig­keit ab­ge­lehnt und die Wei­ter­ar­beit un­ter die Be­din­gung ei­ner sit­zen­den Tätig­keit ge­stellt. Viel­mehr ha­be er le­dig­lich geäußert, dass er die Dol­lies nicht be­schwer­de­frei schie­ben kann und an­sons­ten den Ar­beits­platz gern ausfüllt.

Der Kläger hat be­an­tragt,

1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 30. April 2008 mit Ab­lauf des 30. No­vem­ber 2008

- 5 -


sein En­de ge­fun­den hat,

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn als Ar­bei­ter zu un­veränder­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses wei­ter zu beschäfti­gen,

3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 2837,16 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. Ju­li 2008, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 € zu zah­len,

4. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 3558,85 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. Au­gust 2008, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 €, zu zah­len,

5. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 2944,16 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. Sep­tem­ber 2008, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 €, zu zah­len,

6. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 2778,52 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. Ok­to­ber 2008, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 €, zu zah­len,

7. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 2806,50 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. No­vem­ber 2008, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 €, zu zah­len,

8. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 2924,80 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. De­zem­ber 2008, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 €, zu zah­len,

9. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 5.137,45 € brut­to nebst fünf Pro­zent­punk­ten Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz ab 1. Ja­nu­ar 2009, abzüglich be­reits er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 1409,19 €, zu zah­len,

hilfs­wei­se

- 6 -


für den Fall des Un­ter­lie­gens mit dem An­trag zu 1

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, dem Kläger ein wohl­wol­lend for­mu­lier­tes qua­li­fi­zier­tes Ar­beits­zeug­nis zu er­tei­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die außer­or­dent­li­che Kündi­gung sei wirk­sam. Dem Kläger sei die Ausübung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Tätig­keit dau­er­haft unmöglich ge­wor­den. Hin­sicht­lich des Ar­beits­plat­zes an der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen könne der Kläger le­dig­lich ei­ne Teiltätig­keit, nämlich das Se­quen­zie­ren von Kraft­stoff­lei­tun­gen als sol­ches, nicht je­doch das Schie­ben der Dol­lies ausführen. Die Be­klag­te hat be­haup­tet, aus ar­beits­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Gründen sei die­ser Ar­beits­platz nicht teil­bar. We­der der Ko­lon­nenführer noch an­de­re Mit­ar­bei­ter könn­ten dau­er­haft für den Kläger das Schie­ben der Dol­lies über­neh­men. Die Be­klag­te hat be­haup­tet, der Kläger ha­be sich anläss­lich der Ar­beits­platz­be­ge­hung am 19. Fe­bru­ar 2008 strikt ge­wei­gert, die Se­quen­ziertätig­kei­ten wei­ter aus­zuführen und auf ei­ner sit­zen­den Tätig­keit be­stan­den. Die Be­klag­te hat die Kündi­gung auch da­mit ge­recht­fer­tigt, dass der Kläger wie­der­holt dem werksärzt­li­chen Dienst kei­ne Be­fund­un­ter­la­gen vor­ge­legt ha­be.

Das Arb­Ger hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Ge­gen die­ses Ur­teil hat die Be­klag­te Be­ru­fung ein­ge­legt.

Die Be­klag­te ver­tieft ihr erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen, ei­ne Um­or­ga­ni­sa­ti­on der "Se­quen­zie­rung Kraft­stoff­lei­tun­gen" da­hin­ge­hend, dass ein an­de­rer Mit­ar­bei­ter das Schie­ben der Dol­lies über­neh­me, sei nicht möglich. Der ge­naue Zeit­punkt des An­fal­lens die­ser Teiltätig­keit in­ner­halb des be­trieb­li­chen Ab­laufs sei nicht plan­bar, weil er da­von abhängig sei, wie schnell der Mit­ar­bei­ter die ihm ob­lie­gen­den Se­quen­ziertätig­kei­ten durchführt. Von weit­aus größerem Ge­richt sei zu­dem die Tat­sa­che, dass nicht plan­bar sei, ob der Ko­lon­nenführer auf­grund sei­ner Ko­or­di­na­ti­ons- und Über­wa­chungs­auf­ga­ben zu ge­nau dem Zeit­punkt zur Verfügung ste­he, wenn das Schie­ben des Se­quen­zier­wa­gens er­for­der­lich ist. Für die Fort­set­zung der Pro­duk­ti­on sei es un­umgäng­lich, dass der Se­quen­zier­wa­gen zum rich­ti­gen Zeit­punkt zur Li­nie trans­por­tiert wird. Das glei­che gel­te, wenn man das Schie­ben der Se­quen­zier­wa­gen ei­nem an­de­ren Mit­ar­bei­ter über­tra­gen würde. Letzt­lich müsse die Be­klag­te ei­nen
 

- 7 -


Mit­ar­bei­ter zusätz­lich ein­stel­len, was ihr nicht zu­zu­mu­ten sei. Auch vor dem Hin­ter­grund der strik­ten Wei­ge­rung des Klägers den Ar­beits­platz an der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen aus­zufüllen, sei­en ihr wei­ter­ge­hen­de Um­or­ga­ni­sa­ti­ons­maßnah­men nicht zu­mut­bar. Ei­ne an­der­wei­ti­ge lei­dens­ge­rech­te Tätig­keit lie­ge bei der Be­klag­ten nicht vor. Der Kläger tra­ge auch selbst nicht vor, wie er sich ei­ne lei­dens­ge­rech­te Beschäfti­gung vor­stel­le. Die be­harr­li­che Wei­ge­rung des Klägers vom 19. Fe­bru­ar 2008, jeg­li­che wei­te­re Se­quen­ziertätig­keit durch­zuführen, zei­ge, dass ei­ne Ab­mah­nung kei­nen Er­folg ge­habt hätte. Die Kündi­gung sei auch un­ter dem Ge­sichts­punkt be­gründet, dass der Kläger die ihm ob­lie­gen­den Mit­wir­kungs­pflich­ten in er­heb­li­chem Maße ver­letzt ha­be, in­dem er sich nicht der me­di­zi­nisch in­di­zier­ten Ope­ra­ti­on sei­nes Leis­ten­bruchs un­ter­zo­gen ha­be. Die Be­klag­te sei auch nicht zur Ent­gelt­zah­lung auf­grund An­nah­me­ver­zu­ges ver­pflich­tet. Dem Vor­brin­gen des Klägers las­se sich nicht ent­neh­men, dass er sei­ne Ar­beits­leis­tung in aus­rei­chen­der Form an­ge­bo­ten hat. Der Kläger be­haup­te le­dig­lich, dass er am 26. Mai 2008 sei­ne Ar­beit persönlich an­ge­bo­ten ha­be. Dar­aus könne ent­ge­gen den Fest­stel­lun­gen des Ar­beits­ge­richts nicht ge­schlos­sen wer­den, dass er, so­fern er sei­ne Ar­beits­leis­tung am 26. Mai 2008 tatsächlich an­ge­bo­ten ha­be, was be­strit­ten wer­de, sämt­li­che Tätig­kei­ten an­ge­bo­ten hat, die mit sei­ner körper­li­chen Kon­sti­tu­ti­on zu ver­ein­ba­ren sind. Auf­grund der Tat­sa­che, dass der Kläger sich noch im Fe­bru­ar 2008 strikt ge­wei­gert ha­be, jeg­li­che Se­quen­ziertätig­keit durch­zuführen, könne nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass so­fern er am 26. Mai 2008 tatsächlich sei­ne Ar­beits­leis­tung an­ge­bo­ten hat, sich die­ses An­ge­bot auf jeg­li­che lei­dens­ge­rech­te Tätig­keit er­streck­te. Viel­mehr fol­ge aus den Äußerun­gen des Klägers vom Fe­bru­ar 2008, dass er le­dig­lich ei­ne sit­zen­de Tätig­keit als lei­dens­ge­recht ak­zep­tie­ren wer­de und die Ausübung jeg­li­cher an­de­rer Tätig­keit, ins­be­son­de­re der Se­quen­ziertätig­keit ab­leh­nen wer­de. Höchst vor­sorg­lich sei zu berück­sich­ti­gen dass der Kläger An­nah­me­ver­zugs­vergütung nicht in der gel­tend ge­mach­ten Höhe be­an­spru­chen könne. Der Kläger er­hal­te ein ver­ste­tig­tes Mo­nats­ein­kom­men in Höhe von 2670,75 €, be­ste­hend aus ta­rif­li­chen Grun­dent­gelt, der Opel-Zu­la­ge und re­gelmäßigen be­trieb­li­chen Zu­la­gen. Die Höhe der von ihm gel­tend ge­mach­ten Beträge ha­be der Kläger nicht im Ein­zel­nen dar­ge­legt.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Darm­stadt vom 15. Ja­nu­ar 2009,12 Ca 246/08, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

- 8 -


die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Das Arb­Ger ha­be rich­tig er­kannt, dass die Ar­gu­men­te der Be­klag­ten, das Schie­ben der Se­quen­zier­wa­gen müsse plan­bar sein und könne nicht von ei­nem an­de­ren Mit­ar­bei­ter über­nom­men wer­den, nicht nach­voll­zieh­bar und wi­dersprüchlich sei­en. Der Kläger ha­be auch nicht sei­ne Mit­wir­kungs­pflich­ten ver­letzt, son­dern sich 1997 und im Herbst 2007 den er­for­der­li­chen Ope­ra­tio­nen un­ter­zo­gen.

We­gen des bei­der­sei­ti­gen Par­tei­vor­brin­gens wird im Übri­gen auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie die Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

I. Die Be­ru­fung ist statt­haft, § 8 Abs. 2 ArbGG, § 511 Abs. 1 ZPO, § 64 Abs. 2 c Ar­beits­ge­richts­ge­setz. Sie ist auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, § 66 Abs. 1 ArbGG, § 519, § 520 ZPO und da­mit ins­ge­samt zulässig.

II. Die Be­ru­fung ist nicht be­gründet.

1. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten ist nach § 626 BGB -wie das Arb­Ger zu­tref­fend er­kannt hat- un­wirk­sam.

a) Zwar ist ei­ne Krank­heit als wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 BGB nicht grundsätz­lich un­ge­eig­net. An ei­ne Kündi­gung we­gen Er­kran­kung ei­nes Ar­beit­neh­mers ist zwar schon bei ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung ein stren­ger Maßstab an­zu­le­gen. Dies schließt es je­doch nicht aus, dass in eng zu be­gren­zen­den Aus­nah­mefällen die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses dem Ar­beit­ge­ber auch un­zu­mut­bar im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB sein kann. Da die Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist dem Ar­beit­ge­ber re­gelmäßig zu­mut­bar sein dürf­te, wird ei­ne Kündi­gung aus wich­ti­gem Grund aber nur ganz aus­nahms­wei­se zum Bei­spiel bei ei­nem Aus­schluss der or­dent­li­chen Kündi­gung auf­grund ta­rif­ver­trag­li­cher oder ein­zel­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung in Be­tracht kom­men können, wo­bei grundsätz­lich die der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist ent­spre­chen­de Aus­lauf­frist ein­zu­hal­ten ist (BAG, 27. No­vem­ber 2003-2 AZR 601/02, Rand­num­mer 50 mit wei­te­ren Nach­wei­sen). Mit die­ser Maßga­be ist die krank­heits­be­ding­te dau­ern­de Unfähig­keit, die ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung zu er­brin­gen, "an sich" ge­eig­net, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. Et­was an­de­res gilt für die

- 9 -


krank­heits­be­ding­te Min­de­rung der Leis­tungsfähig­keit des Ar­beit­neh­mers. Schon nach dem Ul­ti­ma-ra­tio-Grund­satz muss der Ar­beit­ge­ber vor Aus­spruch ei­ner sol­chen Kündi­gung vor al­lem bei älte­ren Ar­beit­neh­mern prüfen, ob der Min­de­rung ih­rer Leis­tungsfähig­keit nicht durch or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men (Ände­rung des Ar­beits­ab­laufs, Um­ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes, Um­ver­tei­lung der Auf­ga­ben be­geg­net wer­den kann (BAG 12. Ju­li 1995-2 AZR 762/94 Rn. 16). Die Unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers, ei­nen Teil der ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung zu er­brin­gen kann al­len­falls in Aus­nah­mefällen ei­ne außer­or­dent­li­che krank­heits­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen (BAG 12. Ju­li 1995-2 AZR 762/94 Rand­num­mer 17).

b) Das Ar­beits­verhält­nis des Klägers kann nach § 23 Nr. 4 des Man­tel­ta­rif­ver­trags der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie für das Land Hes­sen nur noch aus wich­ti­gem Grund gekündigt wer­den, da in dem Be­trieb der Be­klag­ten min­des­tens 20 wahl­be­rech­tig­te Beschäftig­te tätig sind und der Kläger zum Kündi­gungs­zeit­punkt das fünf­undfünf­zigs­te, aber noch nicht das fünf­und­sech­zigs­te Le­bens­jahr voll­endet und das Ar­beits­verhält­nis in dem Un­ter­neh­men zu die­sem Zeit­punkt min­des­tens 10 Jah­re un­un­ter­bro­chen be­stan­den hat.

Wie das Arb­Ger zu­tref­fend er­kannt hat, liegt bei dem Kläger -ob­wohl er sei­ne bis zur Ar­beits­unfähig­keit im Herbst 2007 aus­geübte Tätig­keit in der Mo­to­ren­end­aufrüstung nicht mehr ausführen kann- kei­ne dau­ern­de Leis­tungs­unmöglich­keit vor, weil ihm die Ausübung der Teiltätig­keit in der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen möglich ist. Zwar kann er die Teiltätig­keit des Schie­bens der Dol­lies nicht ausüben. Es ist der Be­klag­ten je­doch möglich und zu­mut­bar den Ar­beits­ab­lauf da­hin­ge­hend um­zu­or­ga­ni­sie­ren, dass ein an­de­rer Mit­ar­bei­ter dies über­nimmt. Auch un­ter Berück­sich­ti­gung des ver­tief­ten Vor­brin­gens der Be­klag­ten in der Be­ru­fungs­in­stanz er­sch­ließt sich der Kam­mer nicht, aus wel­chen Gründen dies aus­ge­schlos­sen sein soll­te. Un­strei­tig fällt das Schie­ben des Se­quen­zier­wa­gens le­dig­lich al­le 45 bis 60 Mi­nu­ten an. Der Wa­gen muss über ei­ne Stre­cke von fünf bis 6 m an die Pro­duk­ti­ons­li­nie ge­scho­ben wer­den, was nur we­ni­ge Se­kun­den in An­spruch nimmt. Zwar kann ein befüll­ter Se­quen­zier­wa­gen nicht zunächst am Ar­beits­platz des Klägers ste­hen ge­las­sen wer­den, bis ein an­de­rer Mit­ar­bei­ter Zeit hat, die­sen nach vor­ne zu schie­ben, da der Wa­gen an der Pro­duk­ti­ons­li­nie zeit­ge­nau benötigt wird. Auch un­ter Berück­sich­ti­gung des Be­klag­ten­vor­brin­gens in der Be­ru­fungs­in­stanz er­sch­ließt sich der Kam­mer nicht, war­um nicht bei­spiels­wei­se der Ko­lon­nenführer oder ein sons­ti­ger Ar­beits­kol­le­ge auf Zu­ruf des Klägers den Wa­gen nach vor­ne schie­ben kann. Zwar muss die be­tref­fen­de Per­son in die­ser -we­ni­ge Se­kun­den dau­ern­den Zeit- ih­ren Ar­beits­platz

- 10 -

ver­las­sen. Es ist je­doch die Auf­ga­be des Ko­lon­nenführers, Mit­ar­bei­ter sei­nes Be­reichs bei kurz­zei­ti­gen Ver­hin­de­run­gen, bei­spiels­wei­se bei Toi­lett­engängen, zu ver­tre­ten. Für das Schie­ben des befüll­ten Se­quen­zier­wa­gens über die Stre­cke von fünf bis 6 m bis fällt deut­lich we­ni­ger Zeit an, als für die Ver­tre­tung ei­nes Mit­ar­bei­ters während ei­nes Toi­let­ten­gan­ges. Im Hin­blick dar­auf, dass der be­tref­fen­de Vor­gang nur al­le 45 bis 60 Mi­nu­ten anfällt und nur we­ni­ge Se­kun­den dau­ert und Ar­beits­kol­le­gen im Ar­beits­be­reich des Klägers vor­han­den sind, die ein­sprin­gen können, ist es aus Sicht der Kam­mer un­er­heb­lich, dass das Schie­ben des befüll­ten Se­quen­zier­wa­gens nicht im Vor­hin­ein hin­sicht­lich sei­ner zeit­li­chen La­ge ge­nau plan­bar ist. Der Be­klag­ten muss­te kein Schrift­satz­nach­lass zu der Fra­ge ein­geräumt wer­den, ob es möglich ist durch ei­ne An­wei­sung des Vor­ge­setz­ten den Ar­beits­ab­lauf da­hin­ge­hend um­zu­or­ga­ni­sie­ren, dass das Schie­ben des Wa­gens des Klägers von ei­nem an­de­ren Kol­le­gen über­nom­men wird. Die Fra­ge der Um­or­ga­ni­sa­ti­on des Ar­beits­ab­laufs in der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen war be­reits erst­in­stanz­lich Ge­gen­stand des bei­der­sei­ti­gen Par­tei­vor­brin­gens. So­wohl das Ar­beits­ge­richt be­fass­te sich ein­ge­hend in dem Ur­teil mit die­ser Fra­ge, wie auch die Be­ru­fungs­be­gründung. Wei­te­rer Hin­wei­se sei­tens der Be­ru­fungs­kam­mer be­durf­te es da­her nicht.

Zur Ver­mei­dung ei­ner Kündi­gung hätte die Be­klag­te da­her dem Kläger die Teiltätig­keit des Se­quen­zie­rens der Kraft­stoff­lei­tun­gen zu­wei­sen müssen. So­fern der Kläger sich bei der Ar­beits­platz­be­ge­hung im Fe­bru­ar 2008 -was er be­strei­tet- ge­ne­rell ge­wei­gert ha­ben soll­te, die­sen Ar­beits­platz aus­zufüllen, wäre es -wor­auf das Arb­Ger wie­der­um zu­tref­fend hin­weist- er­for­der­lich ge­we­sen, den Kläger ab­zu­mah­nen. Dar­an fehlt es. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten war ei­ne Ab­mah­nung auch nicht ent­behr­lich, weil der Kläger sich am 19. Fe­bru­ar 2008 strikt ge­wei­gert ha­be, jeg­li­che Se­quen­ziertätig­keit aus­zuüben. Ei­ne Kündi­gung we­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung setzt re­gelmäßig ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung vor­aus, da ein mögli­cher ein­ma­li­ger Pflich­ten­ver­s­toß noch kei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se recht­fer­tigt. Ei­ne Ab­mah­nung ist aus­nahms­wei­se ent­behr­lich, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft trotz Ab­mah­nung nicht er­war­tet wer­den kann oder es sich um solch ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, de­ren Rechts­wid­rig­keit dem Ar­beit­neh­mer oh­ne wei­te­res er­kenn­bar ist und bei der ei­ne Hin­nah­me des Ver­hal­tens durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist (BAG, 12.1.2006 - 2 AZR 21/06 Rn. 55). Dar­an fehlt es hier. Selbst wenn der Kläger bei der Ar­beits­platz­be­ge­hung sich strikt ge­wei­gert ha­ben soll­te, jeg­li­che Se­quen­ziertätig­keit aus­zuführen und auf ei­ner sit­zen­den Tätig­keit be­stan­den ha­ben soll­te, zeigt der Ge­samt­zu­sam­men­hang die­ses Er­eig­nis­ses, in dem es dar­um ging, die­sen Ar­beits­platz dar­auf zu über­prüfen, ob er für den Kläger
 


- 11 -

lei­dens­ge­recht ist, dass der Kläger le­dig­lich zum Aus­druck brin­gen woll­te, aus sei­ner Sicht sei die Tätig­keit in der Se­quen­zie­rung nicht lei­dens­ge­recht. Auch wenn dies aus ar­beits­me­di­zi­ni­scher Sicht ei­ne Fehl­einschätzung war, war dem Kläger die Rechts­wid­rig­keit sei­nes Ver­hal­tens nicht oh­ne wei­te­res er­kenn­bar.

Auch hin­sicht­lich der Nicht­vor­la­ge der Be­fund­un­ter­la­gen wäre ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung er­for­der­lich ge­we­sen.

Der Kläger hat sei­ne Mit­wir­kungs­pflicht nicht da­durch ver­letzt, dass er nach dem Vor­trag der Be­klag­ten – ent­ge­gen dem Rat sei­ner Vor­ge­setz­ten und Kol­le­gen – sich nicht ei­ner Ope­ra­ti­on un­ter­zo­gen ha­be. Zum ei­nen trägt der Kläger in der Be­ru­fungs­er­wi­de­rung (S. 6, Bl. 326 d.A.) vor, dass er 1997 und im Herbst 2007 ope­riert wur­de. Zum an­de­ren ist es ei­ne höchst­persönli­che Ent­schei­dung des Ar­beit­neh­mers, die ent­schei­dend un­ter me­di­zi­ni­schen Ge­sichts­punk­ten zu tref­fen ist, ob ei­ne Ope­ra­ti­on durch­geführt wer­den soll. Vor­ge­setz­te und Ar­beits­kol­le­gen können dies re­gelmäßig nicht be­ur­tei­len. Ent­schei­dend ist hier, dass selbst un­ter Berück­sich­ti­gung des be­ste­hen­den Ge­sund­heits­zu­stands des Klägers (oh­ne –wei­te­re?- Ope­ra­ti­on) nach zu­mut­ba­rer Um­or­ga­ni­sa­ti­on des Ar­beits­ab­laufs für die Be­klag­te die Möglich­keit be­steht, den Kläger ver­trags­gemäß zu beschäfti­gen.

2. Der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­trag ist be­gründet, da die Kündi­gung un­wirk­sam ist und der Kläger mit der Teiltätig­keit in der Se­quen­zie­rung der Kraft­stoff-Lei­tun­gen beschäftigt wer­den kann.

3. Der Kläger kann nach § 611 BGB in Ver­bin­dung mit § 615 S. 1 BGB die Zah­lung von An­nah­me­ver­zugs­vergütung für die Zeit von Ju­ni bis De­zem­ber 2008 ver­lan­gen. Im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis hat der Ar­beit­neh­mer die Ar­beits­leis­tung tatsächlich an­zu­bie­ten. Un­terlässt der Ar­beit­ge­ber die ihm mögli­che und zu­mut­ba­re Zu­wei­sung lei­dens­ge­rech­ter und ver­trags­gemäßer Ar­beit, steht die Ein­schränkung der Leis­tungsfähig­keit des Ar­beit­neh­mers dem An­nah­me­ver­zug des Ar­beit­ge­bers nicht ent­ge­gen. Der Leis­tungs­wil­le fehlt dann, wenn der Ar­beit­neh­mer die be­tref­fen­de Ar­beit ab­ge­lehnt hat. So­fern der Ar­beit­neh­mer je­doch all­ge­mein die Ar­beit an­ge­bo­ten hat, ist da­von aus­zu­ge­hen, dass er al­le ver­trags­gemäßen Tätig­kei­ten an­ge­bo­ten hat (BAG 27. Au­gust 2008 -5 AZR 16/08 Rand­num­mer 14,15).

Es kann da­hin­ste­hen, ob der Kläger am 19. Fe­bru­ar 2008 jeg­li­che Se­quen­ziertätig­keit ab­ge­lehnt hat. Er hat am 26. Mai 2008 ge­genüber der Mit­ar­bei­te­rin der

- 12 -


Per­so­nal­ab­tei­lung der Be­klag­ten, Frau A , die Tätig­kei­ten, die er ge­sund­heit­lich aus­zuüben im Stan­de ist, an­ge­bo­ten. Zwar be­strei­tet die Be­klag­te in der Be­ru­fungs­be­gründung (Sei­te 17, Blatt 301 der Ak­ten) dass der Kläger am 26. Mai 2008 sei­ne Ar­beit persönlich an­ge­bo­ten ha­be. Die wei­te­ren Ausführun­gen zei­gen je­doch, dass da­mit nicht be­strit­ten wer­den soll, dass der Kläger am 26. Mai 2008 beim werksärzt­li­chen Dienst der Be­klag­ten vor­stel­lig ge­wor­den ist und so­dann Frau A auf­ge­sucht hat. Die Be­klag­te wen­det sich viel­mehr ge­gen die vom Arb­Ger vor­ge­nom­me­ne recht­li­che Wer­tung, hier­in ein tatsächli­ches Ar­beits­an­ge­bot zu er­ken­nen, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die strei­ti­gen Äußerun­gen des Klägers aus dem Fe­bru­ar 2008. Aus dem Ak­ten­ver­merk von Frau A vom 26. Mai 2008 (Bl. 115 d.A.), des­sen Rich­tig­keit die Be­klag­te nicht in Ab­re­de stellt und den sie selbst als An­la­ge zu ih­rem Schrift­satz vom 1. Sep­tem­ber 2008 in das Ver­fah­ren ein­geführt hat, er­gibt sich, dass der Kläger an die­sem Tag bei ihr vor­ge­spro­chen hat und sie ihm mit­teil­te, dass zur Zeit kein ent­spre­chen­der, d.h. den ar­beits­me­di­zi­ni­schen Vor­ga­ben, die an die­sem Tag fest­ge­stellt wur­den, Ar­beits­platz vor­han­den ist. Dies zeigt, dass sie den Kläger sinn­gemäß da­hin ver­stan­den hat, er wol­le nach Maßga­be der ar­beits­me­di­zi­ni­schen Stel­lung­nah­me vom 26. Mai 2008 beschäftigt wer­den. Dies er­gibt sich aus der For­mu­lie­rung ih­rer dem Kläger ge­ge­be­nen Ant­wort: "kein ent­spre­chen­der Ar­beits­platz vor­han­den". Un­ter Berück­sich­ti­gung des ob­jek­ti­ven Empfänger­ho­ri­zonts konn­te der Kläger auch nur so ver­stan­den wer­den. Da­mit war klar, dass der Kläger an die­sem Tag all­ge­mein ei­ne lei­dens­ge­rech­te Beschäfti­gung be­gehr­te. Da hier­un­ter auch die Teiltätig­keit in der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen fällt, wur­de die­se von sei­nem tatsächli­chen An­ge­bot um­fasst. Selbst wenn der Kläger am 19. Fe­bru­ar 2008 die Se­quen­ziertätig­keit vor­be­halt­los ab­ge­lehnt und ei­ne sit­zen­de Tätig­keit ge­for­dert ha­ben soll­te, muss­te er am 26. Mai 2008 nicht aus­drück­lich klar­stel­len, dass er von die­ser Hal­tung abrückt. Dies ist nämlich je­den­falls still­schwei­gend dar­in zu se­hen, dass er im Zu­sam­men­hang mit der so­eben er­folg­ten ar­beits­me­di­zi­ni­schen Stel­lung­nah­me ei­nen "ent­spre­chen­den Ar­beits­platz" er­bat, der ge­ra­de nicht ei­ne aus­sch­ließlich sit­zen­de Tätig­keit ver­langt und des­halb auch die Teiltätig­keit in der Se­quen­zie­rung von Kraft­stoff­lei­tun­gen ein­sch­ließt.

Dem Kläger steht die An­nah­me­ver­zugs­vergütung auch in der be­gehr­ten Höhe zu. In­so­weit gilt das Lohn­aus­fall­prin­zip. Der Ar­beit­neh­mer ist so zu vergüten, als ob er ge­ar­bei­tet hätte. Der An­spruch um­fasst da­her das Brut­to­ge­halt ein­sch­ließlich Pro­vi­sio­nen, Zu­la­gen, Prämi­en, Gra­ti­fi­ka­tio­nen. Wie sich aus den vom Kläger ein­ge­reich­ten Ar­beits­be­schei­ni­gun­gen er­gibt, un­ter­lag sei­ne Vergütung star­ken Schwan­kun­gen. So­weit die Be­klag­te vorträgt, der Kläger ha­be ein ver­ste­tig­tes
 

- 13 -


Mo­nats­ent­gelt in Höhe von 2670,75 € er­hal­ten, steht dies im Wi­der­spruch hier­zu. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der An­halts­punk­te ist nicht er­sicht­lich, aus wel­chen Gründen der Kläger im An­spruchs­zeit­raum im Fal­le sei­ner Beschäfti­gung we­ni­ger ver­dient ha­ben würde als im Jahr zu­vor.

Der An­spruch auf Zah­lung von Ver­zugs­zin­sen folgt aus § 286 Abs. 2 Nr. 1, § 288 Abs. 1 BGB.

III. Gemäß § 97 Abs. 1 ZPO hat die Be­klag­te die Kos­ten ih­res er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels zu tra­gen.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 16 Sa 389/09  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880