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Rechts­an­walt muss kei­ne Auf­sto­ckungs­leis­tun­gen er­stat­ten

Kla­ge des Job­cen­ters Ober­spree­wald-Lau­sitz ge­gen Rechts­an­walt L. ab­ge­wie­sen: Ar­beits­ge­richt Cott­bus, Kam­mern Senf­ten­berg, Ur­tei­le vom 09.04.2014, 13 Ca 10477/13 und 13 Ca 10478/13

10.04.2014. Job­cen­ter, die ge­ring be­zahl­ten Ar­beit­neh­mern Auf­sto­ckungs­leis­tun­gen ge­wäh­ren, kön­nen die­se vom Ar­beit­ge­ber teil­wei­se zu­rück­ver­lan­gen, falls die vom Ar­beit­ge­ber ge­zahl­ten Löh­ne "sit­ten­wid­rig" sind.

Denn Löh­ne, die um mehr als ein Drit­tel un­ter dem orts­üb­li­chen Ta­rif­lohn oder un­ter dem orts­üb­li­chen Ver­gleichs­lohn lie­gen (falls es ei­nen Ta­rif­lohn nicht gibt), sind "sit­ten­wid­rig" im Sin­ne von § 138 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

Das be­deu­tet, dass die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung über den Lohn nich­tig ist und der Ar­beit­neh­mer da­her ge­mäß § 612 BGB ei­nen An­spruch auf den (vol­len) orts­üb­li­chen Lohn hat.

Da der Ar­beit­ge­ber aber die­sen orts­üb­li­chen Lohn nur teil­wei­se zahlt, ob­wohl er müss­te, be­fin­det er sich in Ver­zug, und dem­ent­spre­chend ist das Job­cen­ter für den Ar­beit­ge­ber in Vor­leis­tung ge­gan­gen. Denn hät­te der Ar­beit­ge­ber statt des sit­ten­wid­rig ge­rin­gen den vol­len orts­üb­li­chen Lohn ge­zahlt, hät­te das Job­cen­ter für die­sen Dif­fe­renz­be­trag nicht ein­sprin­gen müs­sen. Dann kann das Job­cen­ter ge­mäß § 115 Abs.1 Zehn­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB X) beim Ar­beit­ge­ber Re­gress neh­men.

So ist es im Sep­tem­ber 2013 ei­nem Piz­za-Lie­fer­ser­vice er­gan­gen, der sei­nen Ar­beit­neh­mern St­un­den­löh­ne zwi­schen 1,65 ERU und 3,46 EUR zahl­te und da­für vom Ar­beits­ge­richt Ebers­wal­de zur Rück­erstat­tung von Auf­sto­ckungs­leis­tun­gen an das Job­cen­ter ver­ur­teilt wur­de (Ar­beits­ge­richt Ebers­wal­de, Ur­teil vom 10.09.2013, 2 Ca 428/13 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/385 Bil­lig-Piz­za in der Ucker­mark mit freund­li­cher Un­ter­stüt­zung des Job­cen­ters).

In den ver­gan­ge­nen Wo­chen war auf­grund ei­ner ent­spre­chen­den Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Cott­bus dar­über spe­ku­liert wor­den, ob es als nächs­ten "Schmud­del-Ar­beit­ge­ber" ei­nen Rechts­an­walt tref­fen wür­de, der pi­kan­ter­wei­se in der Lau­sitz vie­le Hartz-IV-Ver­fah­ren ge­gen Job­cen­ter an­ge­strengt ha­ben soll. Vor Ge­richt war ihm sei­tens des kla­gen­den Job­cen­ters vor­ge­wor­fen wor­den, er hät­te zwei Aus­hilfs­kräf­te für nur 1,54 EUR bzw. 1,65 EUR pro St­un­de bei sich ar­bei­ten las­sen.

Ges­tern hat das Ar­beits­ge­richt Cott­bus, Kam­mern Senf­ten­berg, die bei­den Kla­gen des Job­cen­ters ge­gen Rechts­an­walt L. ab­ge­wie­sen. Zur Be­grün­dung heißt es in der knap­pen Pres­se­mel­dung des Ge­richts:

"Nach An­sicht der Kam­mer lag zwar ein Miss­ver­hält­nis zwi­schen der er­brach­ten Ar­beits­leis­tung zwei­er Mit­ar­bei­ter des Be­klag­ten und dem je­weils da­für ent­rich­te­ten Ent­gelt vor. Al­ler­dings konn­te die Kam­mer we­gen der be­son­de­ren Um­stän­de des Ein­zel­falls kei­ne ver­werf­li­che Ab­sicht zur Aus­nut­zung ei­ner Zwangs­la­ge der Mit­ar­bei­ter er­ken­nen. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer muss­ten aus die­sem Grund die Kla­gen ab­ge­wie­sen wer­den."

Da­mit folg­te das Ge­richt der Ar­gu­ment des An­walts. Er hat­te sich ge­gen die Rück­for­de­rungs­kla­ge mit der Be­haup­tung ver­tei­digt, dass er die Bü­ro­kräf­te aus Ge­fäl­lig­keit be­schäf­tigt ha­be, da­mit sie wie­der Fuß auf dem Ar­beits­markt fas­sen kön­nen. Da­her, so das Ge­richt, ha­be der An­walt nicht aus­beu­te­risch ge­han­delt.

Wie die Nach­rich­ten­agen­tur dpa heu­te mel­de­te, rief das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Cott­bus viel­fa­ches Kopf­schüt­teln her­vor.

"Die­se Rechts­auf­fas­sung ist für uns in kei­ner Wei­se nach­voll­zieh­bar", sag­te der Chef der Re­gio­nal­di­rek­ti­on Ber­lin-Bran­den­burg der Bun­des­agen­tur für Ar­beit, Die­ter Wa­gon, am heu­ti­gen Don­ners­tag. Das Ur­teil ent­wer­te nicht nur die Leis­tun­gen ar­bei­ten­der Men­schen, es sei auch für an­de­re Ar­beit­ge­ber An­reiz zum Lohn­dum­ping.

Die zwei Bü­ro­kräf­te sei­en doch erst we­gen der "sit­ten­wid­rig nied­ri­gen Be­zah­lung" auf die zu­sätz­li­che Zah­lung von Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen durch das Job­cen­ter an­ge­wie­sen ge­we­sen, kri­ti­sier­te Wa­gon. Er be­kräf­tig­te, dass das Job­cen­ter ge­gen das Ge­richts­ur­teil in Be­ru­fung ge­hen wer­de.

Nächs­te In­stanz wä­re das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg. "Ge­schäfts­mo­del­len ein­zel­ner Ar­beit­ge­ber, sit­ten­wid­ri­ge Löh­ne zu zah­len und sich durch den Steu­er­zah­ler zu sub­ven­tio­nie­ren, muss be­geg­net wer­den", er­klär­te Wa­gon.

Ähn­lich äu­ßer­te sich Bran­den­burgs So­zi­al­mi­nis­ter Gün­ter Baas­ke (SPD): Lohn­dum­ping dür­fe nicht sa­lon­fä­hig wer­den, sag­te Baas­ke der Nach­rich­ten­agen­tur dpa.

1,54 Eu­ro als St­un­den­lohn und "Ge­fäl­lig­keit" recht­lich zu ak­zep­tie­ren, er­zeu­ge "nur Kopf­schüt­teln", mein­te Baas­ke. Aber der künf­ti­ge Min­dest­lohn von 8,50 Eu­ro wer­de "sol­chem Ge­ba­ren ei­nen Rie­gel vor­schie­ben". Die Bun­des­re­gie­rung plant ab 2015 ei­nen ge­setz­li­chen Min­dest­lohn. Es soll al­ler­dings Aus­nah­men ge­ben, un­ter an­de­rem für Lang­zeit­ar­beits­lo­se.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: 

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt die bei­den Ur­tei­le schrift­lich be­grün­det und ver­öf­fent­licht. Die Ur­tei­le im Voll­text fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg die bei­den Ur­tei­le des Ar­beits­ge­richts Cott­bus auf­ge­ho­ben und den An­walt zur Zah­lung ver­ur­teilt: In­for­ma­tio­nen zu den Ur­tei­len des LAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 16. September 2016

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