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Rechts­wid­ri­ger Streik - Scha­dens­er­satz

Ge­werk­schaft muss we­gen rechts­wid­ri­gen Warn­streiks Scha­dens­er­satz leis­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.06.2012, 1 AZR 775/10

20.06.2012. Streiks sol­len den be­streik­ten Ar­beit­ge­ber wirt­schaft­lich schä­di­gen, sonst wä­ren sie sinn­los.

Dass sol­che ziel­ge­rich­te­ten schä­di­gen­den "Ein­grif­fe in den Ge­wer­be­trieb" nicht schran­ken­los mög­lich sind, ver­steht sich da­her von selbst.

Mit dem Streik­recht der Ge­werk­schaf­ten ist da­her die Pflicht ver­bun­den, die recht­li­chen Gren­zen des Streik­rechts ein­zu­hal­ten.

Ei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) vom gest­ri­gen Tag zeigt, dass Ge­werk­schaf­ten in Aus­nah­me­fäl­len zum Scha­dens­er­satz we­gen der Or­ga­ni­sa­ti­on rechts­wid­ri­ger Streiks ver­pflich­tet sein kön­nen: BAG, Ur­teil vom 19.06.2012, 1 AZR 775/10.

Dürfen Arbeitgeber, die bei laufender Tarifverhandlungen in eine OT-Mitgliedschaft wechseln, trotzdem zur Durchsetzung eines Verbandstarifs bestreikt werden?

Ei­ne Schran­ke des Streik­rechts be­steht dar­in, dass Ge­werk­schaf­ten im All­ge­mei­nen nur sol­che Ar­beit­ge­ber be­strei­ken dürfen, die auch da­zu in der La­ge sind, die mit dem Streik er­ho­be­ne Ta­rif­for­de­rung zu erfüllen.

Das ist zum ei­nen der Fall, wenn dem Ar­beit­ge­ber ein Fir­men­ta­rif­ver­trag bzw. Haus­ta­rif ab­ge­trotzt wer­den soll, denn dann ist der be­streik­te Ar­beit­ge­ber Ta­rif­par­tei, wenn er auf die Streik­for­de­run­gen ein­geht.

Zum an­de­ren kann der be­streik­te Ar­beit­ge­ber auch auf die strei­ken­de Ge­werk­schaft zu­ge­hen, wenn er Mit­glied ei­nes Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des ist, von dem die Ge­werk­schaft et­was ha­ben will, denn dann kann er sei­nen Ein­fluss im Ver­band nut­zen, um der Ge­werk­schaft zu dem gewünsch­ten Flächen­ta­rif­ver­trag ("Ver­bands­ta­rif") zu ver­hel­fen.

Aber kann man auch Ar­beit­ge­ber­ver­bands­mit­glie­der be­strei­ken, die als Mit­glie­der oh­ne Ta­rif­bin­dung dem Ver­band an­gehören? Das BAG hat da­zu vor ei­ni­gen Jah­ren klar­ge­stellt, dass das je­den­falls dann nicht geht, wenn der Ar­beit­ge­ber die Ge­werk­schaft so recht­zei­tig über sei­nen Sta­tus als "OT-Mit­glied" in­for­miert hat, dass sich die Ge­werk­schaft in be­vor­ste­hen­den oder be­reits lau­fen­den Ta­rif­ver­hand­lun­gen dar­auf ein­stel­len kann (BAG, Ur­teil vom 04.06.2008, 4 AZR 419/07).

Bis­lang nicht klar ent­schie­den hat das BAG al­ler­dings, ob es nicht viel­leicht möglich ist, ei­nen Sym­pa­thie­streik ("Un­terstützungs­streik", "So­li­da­ritäts­streik") ge­gen OT-Mit­glie­der zu führen. Sol­che Streiks sind ei­ne Aus­nah­me von dem Prin­zip, dass der be­streik­te Ar­beit­ge­ber zur Erfüllung oder Un­terstützung der ge­werk­schaft­li­chen Ta­rif­for­de­run­gen in der La­ge sein muss. Da­her dürfen Sym­pa­thie­streiks auch nur "maßvoll" ein­ge­setzt wer­den.

Die Sat­zun­gen der meis­ten Ar­beit­ge­ber­verbände se­hen die Möglich­keit vor, Mit­glied oh­ne Ta­rif­bin­dung ("OT-Mit­glied") zu sein. OT-Mit­glie­der können die Ser­vice­leis­tun­gen des Ver­ban­des nut­zen, sind aber an die Ver­bands­ta­ri­fe nicht ge­bun­den. Al­ler­dings muss die Sat­zung si­cher­stel­len, dass OT-Mit­glie­der kei­nen Ein­fluss auf die Ta­rif­po­li­tik des Ver­ban­des neh­men können, d.h. die Rech­te von Voll­mit­glie­dern und OT-Mit­glie­dern müssen klar ge­trennt sein.

Vie­le Sat­zun­gen er­lau­ben wei­ter­hin ei­nen ra­schen Wech­sel von ei­ner re­gulären Mit­glied­schaft zur OT-Mit­glied­schaft. Oft ist so­gar ein frist­lo­ser Wech­sel ("Blitz­wech­sel") möglich. Ma­chen Ar­beit­ge­ber da­von bei lau­fen­den Ta­rif­ver­hand­lun­gen Ge­brauch und voll­zie­hen ein Blitz­wech­sel, um nicht mehr an den "dro­hen­den" Ver­bands­ta­rif ge­bun­den zu sein, müssen sie die­sen Sta­tus­wech­sel aber wie erwähnt der Ge­werk­schaft so recht­zei­tig mit­tei­len, dass sie sich dar­auf bei den Ta­rif­ver­hand­lun­gen noch ein­stel­len­kann.

Hält sich der "ta­rifflüch­ti­ge" Ar­beit­ge­ber an die­se Re­geln, ist er in­fol­ge sei­nes Wech­sels in die OT-Mit­glied­schaft nicht mehr an den neu­en Ver­bands­ta­rif ge­bun­den. Aber da­mit ist die Fra­ge noch nicht be­ant­wor­tet, ob der recht­zei­ti­ge bzw. ta­rif­recht­lich wirk­sa­me Sta­tus­wech­sel auch zwin­gend be­deu­tet, dass der OT-Ar­beit­ge­ber im Rah­men des Ver­bands­ta­rif­kon­flikts nicht mehr be­streikt wer­den kann.

Der Berliner Streitfall: Arbeitgeber wechselt in OT-Mitgliedschaft seines bisherigen Verbandes und wird Vollmitglied eines anderen Verbandes

Im Streit­fall wan­del­te ein Ar­beit­ge­ber sei­ne Voll­mit­glied­schaft in ei­ne OT-Mit­glied­schaft um, nach­dem die Ge­werk­schaft ver.di den Ver­bands­ta­rif gekündigt hat­te. Außer­dem wur­de er Voll­mit­glied in ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber­ver­band.

Das teil­ten der Ar­beit­ge­ber und sein neu­er Ver­band der ver.di auch rasch mit, doch ließ sich der "al­te" Ar­beit­ge­ber­ver­band ei­ni­ge Mo­na­te Zeit, bis auch er der ver.di mit­teil­te, dass der Ar­beit­ge­ber in ei­ne OT-Mit­glied­schaft ge­wech­selt war.

In der Zwi­schen­zeit war es zu ei­nem eintägi­gen Warn­streik bei dem Ar­beit­ge­ber ge­kom­men. Die Pro­duk­ti­on fiel aus und der Ar­beit­ge­ber ver­klag­te die ver.di auf Scha­dens­er­satz in Höhe von knapp 35.000 EUR. Er mein­te, der Streik sei we­gen sei­ner weg­ge­fal­le­nen Bin­dung an den Ver­bands­ta­rif rechts­wid­rig, auch weil er ja sei­nen Sta­tus­wech­sels der Ge­werk­schaft mit­ge­teilt hat­te.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin (Ur­teil vom 07.01.2010, 33 Ca 14015/09) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg wie­sen die Kla­ge ab (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 26.11.2010, 8 Sa 446/10 - wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/050 OT-Mit­glied­schaft: Streik trotz feh­len­der Ta­rif­bin­dung möglich). Das LAG mein­te, der eintäti­ge Streik sei je­den­falls als Sym­pa­thie- bzw. So­li­da­ritäts­streik in Ord­nung ge­we­sen. Da­her hat­te sich die Ge­werk­schaft nicht rechts­wid­rig ver­hal­ten, so das LAG.

BAG: Wechselt ein Arbeitgeber in eine OT-Mitgliedschaft und informiert die Gewerkschaft rechtzeitig darüber, kann er später nicht mehr zum Abschluss eines Verbandstarifvertrags bestreikt werden

Ges­tern hat das BAG den Fall an­ders ent­schie­den, nämlich zu­guns­ten des kla­gen­den Ar­beit­ge­bers. Der Warn­streik war rechts­wid­rig und ver­pflich­tet ver.di nach § 823 Abs. 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) zum Scha­dens­er­satz, so das BAG.

Der Ar­beit­ge­ber gehörte sei­nem ursprüng­li­chen Ver­band zum Zeit­punkt des Streiks nur noch als OT-Mit­glied an. Der Wech­sel in die­se OT-Mit­glied­schaft war für die ver.di "hin­rei­chend trans­pa­rent und da­mit ta­rif­recht­lich wirk­sam".

Auch ei­ne "Um­deu­tung des Warn­streiks in ei­nen Un­terstützungs­streik" woll­te das BAG nicht mit­ma­chen. Die Gründe hierfür sind al­ler­dings der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mit­tei­lung nicht zu ent­neh­men und wer­den sich erst aus den Ur­teils­gründen er­ge­ben.

Da noch wei­te­re Fest­stel­lun­gen zur Scha­denshöhe zu tref­fen wa­ren, hob das BAG die LAG-Ent­schei­dung auf und ver­wies den Rechts­streit an das LAG zurück.

Fa­zit: Wech­selt ein Ar­beit­ge­ber von ei­ner Voll­mit­glied­schaft in ei­ne OT-Mit­glied­schaft und in­for­miert er die Ge­werk­schaft recht­zei­tig über die­sen Sta­tus­wech­sel, kann er später nicht mehr zum Ab­schluss ei­nes Ver­bands­ta­rif­ver­trags be­streikt wer­den. Ein sol­cher Streik ist im All­ge­mei­nen rechts­wid­rig. Mögli­cher­wei­se ist dann aber trotz­dem ein Sym­pa­thie- bzw. So­li­da­ritäts­streik zulässig.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ur­teils­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 27. Juli 2016

Bewertung: Rechts­wid­ri­ger Streik - Scha­dens­er­satz 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

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