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Reiz­the­ma Ta­rif­ein­heit

Ar­beit­ge­ber for­dern ge­setz­li­che Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit
03.04.2012. Mit der von der Recht­spre­chung ge­schaf­fe­nen "Ta­rif­ein­heit" ist das Prin­zip "Ein Be­trieb - Ein Ta­rif­ver­trag" ge­meint. Es be­güns­tigt gro­ße, eta­blier­te Ge­werk­schaf­ten und be­ein­träch­tigt die ver­fas­sungs­recht­lich ge­schütz­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit klei­ner Mit­be­wer­ber und ih­rer Mit­glie­der. Sie wur­de des­halb vom Bun­des­ar­beits­ge­richt Mit­te 2010 ab­ge­schafft.

Dar­auf­hin wur­den vie­ler­orts chao­ti­sche Zu­stän­de mit Dau­er­streiks und zer­strit­te­nen Be­leg­schaf­ten be­fürch­tet. Doch die Apo­ka­lyp­se blieb aus. Und auch die jüngs­ten Streiks rund um den Frank­fur­ter Flug­ha­fen be­le­gen nicht, dass es für die nun wie­der ein­mal pu­bli­kums­wirk­sam ge­for­der­te ge­setz­li­che Re­ge­lung der Ta­rif­ein­heit ein prak­ti­sches oder recht­li­ches Be­dürf­nis gibt: Ple­nar­pro­to­koll 17/164, Sei­te 19479: Ak­tu­el­le St­un­de des Deut­schen Bun­des­ta­ges vom 07.03.2012 zum The­ma "Ta­rif­ein­heit si­cher­stel­len - Ta­rif­zer­split­te­rung ver­mei­den".

Berufsgruppengewerkschaften und Tarifpluralität

Der Ta­rif­kon­flikt zwi­schen der Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) und dem Flug­ha­fen Frank­furt hat der Öffent­lich­keit wie­der vor Au­gen geführt, wel­che Macht Ar­beit­neh­mer ha­ben, die an zen­tra­len Dienst­leis­tungs- oder Pro­duk­ti­ons­punk­ten ar­bei­ten. Spe­zi­ell der Be­reich der Grund­ver­sor­gung („Da­seins­vor­sor­ge“), al­so die Be­reit­stel­lung von öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen und In­fra­struk­tu­ren wie Ver­kehrs­net­zen oder Me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung, ist we­sent­lich von ei­ni­gen we­ni­gen Be­rufs­trägern („Funk­ti­ons­eli­ten“) abhängig und da­mit strei­k­anfällig.

Da­her wird der öffent­li­che Nah- und Flug­ver­kehr durch Streiks we­ni­ger Ar­beit­neh­mer oft stark be­ein­träch­tigt. Dann ist schnell dra­ma­ti­sie­rend da­von die Re­de, dass klei­ne Spar­ten­ge­werk­schaf­ten die All­ge­mein­heit in Gei­sel­haft nähmen, um ih­re In­ter­es­sen durch­zu­set­zen.

Im nächs­ten Schritt wird be­haup­tet, es bestünde po­li­ti­scher Hand­lungs­be­darf, d.h. neue recht­li­che Re­ge­lun­gen müss­ten her. In die­ser Wei­se wur­de der Streik der Vor­feld-An­ge­stell­ten des Flug­ha­fens Frank­furt als Sym­ptom ei­ner Krank­heit mit der Be­zeich­nung „Ta­rifp­lu­ra­lität“ in­ter­pre­tiert. Als Heil­mit­tel wird die ge­setz­li­che Re­ge­lung der „Ta­rif­ein­heit“ ge­for­dert.

Arbeitskampf ist ein Grundrecht, Tarifeinheit nicht

Dass ei­ne ge­setz­li­che Fest­schrei­bung der Ta­rif­ein­heit schwer mach­bar wäre, folgt aus Ver­fas­sungs­grund­la­gen des Ta­rif- und Streik­rechts.

Aus­gangs­punkt ist nämlich ein wich­ti­ges Grund­recht - die in Art.9 Abs.3 des Grund­ge­set­zes (GG) ga­ran­tier­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Da­nach ist das Recht, zur Wah­rung und Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen (al­so in ers­ter Li­nie Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­verbände) zu bil­den, für „je­der­mann“ und „für al­le Be­ru­fe“ gewähr­leis­tet.

Ei­nes der wich­tigs­ten Teil­as­pek­te die­ses Grund­rechts ist das Recht der Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­verbände, frei von staat­li­chen Ein­grif­fen (au­to­nom) Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen aus­zu­han­deln und das Er­geb­nis die­ser Ver­hand­lun­gen durch Ta­rif­verträge für die Ver­ei­ni­gun­gen und ih­re Mit­glie­der ver­bind­lich wer­den zu las­sen. Auf wel­che Wei­se und mit wel­chen Mit­teln die Ver­hand­lun­gen geführt wer­den, ist Teil die­ser „Ta­rif­au­to­no­mie“ und da­mit eben­falls nach der Ver­fas­sung Sa­che der Ta­rif­part­ner. Da­her lässt das Grund­ge­setz Ar­beits­kampf­maßnah­men aus­drück­lich zu.

Dem­zu­fol­ge gibt es auf der Grund­la­ge von Art.9 Abs.3 GG ein Grund­recht auf Streik. Da­mit sind Streiks natürlich nicht un­be­grenzt recht­lich zulässig. Aber wenn die die von der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ent­wi­ckel­ten recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Streiks erfüllt sind, ist die Ent­schei­dung über das Ob und das Wie ei­nes Streiks Ausübung ei­nes Grund­rechts.

Im we­sent­li­chen be­ste­hen die­se An­for­de­run­gen an ei­nen rechtmäßigen Streik dar­in, dass er von ei­ner Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert ist und den Ab­schluss ei­nes (recht­li­che zulässi­gen) Ta­rif­ver­trags zum Ziel hat, und dass die Frie­dens­pflicht ab­ge­lau­fen ist, die sich aus der Gel­tung älte­rer, d.h. noch lau­fen­der Ta­rif­verträge er­gibt.

Problem Tarifpluralität

Ta­rif­verträge gel­ten ähn­lich wie ein Ge­setz, nämlich „un­mit­tel­bar und zwin­gend“, al­ler­dings nur für die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en (§ 4 Abs.1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz - TVG). Ar­beit­ge­ber, die di­rekt oder per Mit­glied­schaft in ei­nem Ar­beit­ge­ber­ver­band ta­rif­ge­bun­den sind, müssen des­halb je­den Ar­beit­neh­mer nach dem Ta­rif be­han­deln, den „sei­ne“ Ge­werk­schaft aus­ge­han­delt hat. Das kann da­zu führen, dass in ei­nem Be­trieb für ver­schie­de­ne Ar­beits­verhält­nis­se ver­schie­de­ne Ta­rif­verträge gel­ten.

Die­se „Ta­rifp­lu­ra­lität“ kann die Per­so­nal­ver­wal­tung unüber­sicht­lich und auf­wen­dig ma­chen. Jahr­zehn­te­lang un­terstütze das BAG an die­ser Stel­le die Ar­beit­ge­ber durch das Prin­zip der Ta­rif­ein­heit.

Die­sem Prin­zip zu­fol­ge soll­te nur ein Ta­rif­ver­trag für al­le Ar­beit­neh­mer­grup­pen ei­nes Be­triebs an­ge­wandt wer­den, auch wenn die­se in ver­schie­de­nen Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert wa­ren. Und die Fra­ge, wel­cher Ta­rif­ver­trag die­se pri­vi­le­gier­te Rol­le spie­len soll­te, wur­de be­ant­wor­tet, in­dem man sich den Ta­rif­ver­trag her­aus­such­te, der dem Be­trieb räum­lich, fach­lich und persönlich am nächs­ten stand und da­her den Ei­gen­ar­ten des Be­triebs am bes­ten ge­recht wur­de.

Letzt­lich ver­dräng­te so der „spe­zi­el­le­re“ Ta­rif­ver­trag al­le an­de­ren. Und da die großen, im Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) ver­tre­te­nen Ge­werk­schaf­ten auf­grund ih­rer vie­len Mit­glie­der und ih­rer jahr­zehn­te­lan­gen er­folg­rei­chen Ta­rif­tra­di­ti­on prak­tisch im­mer mit ei­nem sol­chen „spe­zi­el­le­ren“ Ta­rif­ver­trag auf­war­ten konn­ten, guck­ten die klei­ne­ren Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten in die Röhre. Die von ih­nen aus­ge­han­del­ten Ta­rif­verträge wur­den schlicht bei­sei­te ge­wischt, und mit ih­nen auch § 4 Abs.1 TVG, der die ge­set­zes­glei­che Gel­tung der Ta­rif­verträge für die bei­der­seits ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en vor­schreibt.

Tarifeinheit: Für große Gewerkschaften gut, für kleine schlecht

Als Zwi­schen­fa­zit kann man fest­hal­ten: Das Recht, Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen und dafür zu strei­ken, ist „für je­der­mann und al­le Be­ru­fe“ ein Grund­recht, dem § 4 Abs.1 TVG Rech­nung trägt und da­her die au­to­ma­ti­sche ge­set­zes­glei­che Wir­kung von Ta­rif­verträgen für die Ar­beits­verhält­nis­se der Ge­werk­schafts­mit­glie­der vor­schreibt.

Im Un­ter­schied da­zu ist der Grund­satz der „Ta­rif­ein­heit“ ein Kunst­griff der Recht­spre­chung, um der Per­so­nal­ver­wal­tung die prak­ti­sche Um­set­zung ver­schie­de­ner Ta­rif­verträge zu er­leich­tern.

Die­se Er­leich­te­rung hat al­ler­dings ei­nen ho­hen recht­li­chen Preis: Wenn spe­zia­li­sier­te klei­ne Ge­werk­schaf­ten da­mit rech­nen müssen, dass die von ih­ren aus­ge­han­del­ten und not­falls so­gar er­streik­ten Ta­rif­verträge in der Ab­la­ge lan­den, ist die Mit­glied­schaft in ei­ner sol­chen Ge­werk­schaft für Ar­beit­neh­mer un­in­ter­es­sant. Das ver­letzt die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der klei­nen Ge­werk­schaf­ten.

Ist das Prinzip der "Tarifeinheit" verfassungswidrig?

Die Ta­rif­ein­heit wur­de da­her von vie­len ar­beits­recht­li­chen Au­to­ren für ver­fas­sungs­recht­lich un­zulässig ge­hal­ten. In zwei Ent­schei­dun­gen aus dem Jah­re 2010 ist das BAG die­ser Kri­tik ge­folgt und hat den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit of­fi­zi­ell auf­ge­ge­ben (BAG, Be­schluss vom 27.01.2010, 4 AZR 549/08 (A), und BAG, Be­schluss vom 23.06.2010, 10 AS 3/10 -wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/134 Ab­schied vom Grund­satz der Ta­rif­ein­heit).

Denn das TVG und die Ta­rif­au­to­no­mie ent­hal­ten kei­nen „Grund­satz der Ta­rif­ein­heit“, und außer­dem ist der mit ei­nem sol­chen Grund­satz ver­bun­de­ne Ein­griff in die Rech­te klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten ver­fas­sungs­wid­rig, so das BAG.

Forderungen nach der gesetzlichen Regelung der Tarifeinheit kommen und gehen

Als Re­ak­ti­on auf die­se Kehrt­wen­de der BAG-Recht­spre­chung mach­ten der DGB und die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) um­ge­hend Vor­schläge für ei­ne ge­setz­li­che Fest­schrei­bung der Ta­rif­ein­heit. Die­se Vor­schläge gin­gen so­gar noch über die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung hin­aus und woll­te die Rech­te klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten noch stärker be­schränken als das BAG in sei­ner al­ten Recht­spre­chung (BDA, DGB: Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie si­chern - Ta­rif­ein­heit ge­setz­lich re­geln). Nach­dem das selbst in ei­ge­nen Rei­hen auf Kri­tik stieß, ließen die DGB-Ge­werk­schaf­ten das Pro­jekt Mit­te 2011 fal­len (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/114 BDA-DGB-Ge­set­zes­in­itia­ti­ve zur Ta­rif­ein­heit be­en­det).

Kaum hat­te der DGB zurück­ge­ru­dert, presch­te die SPD vor und nahm den Streik der Vor­feld-Mit­ar­bei­ter des Frank­fur­ter Flug­ha­fens zum An­lass, An­fang März 2012 ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit zu for­dern (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/095 SPD schlägt Ge­set­zes­in­itia­ti­ve ge­gen die Zer­split­te­rung der Ta­ri­fland­schaft vor). In der kurz dar­auf am 07.03.2012 ab­ge­hal­te­nen „Ak­tu­el­len St­un­de“ im Bun­des­tag stell­te sich dann al­ler­dings her­aus, dass die SPD mit die­ser For­de­rung po­li­tisch ziem­lich al­lein da­steht, da al­le an­de­ren Frak­tio­nen deut­lich mach­ten, der SPD in die­ser Fra­ge nicht fol­gen zu wol­len (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/103 Streit um Ta­rif­ein­heit).

Führt die Tarifpluralität zu Dauerstreiks und zu chaotischen Verhältnissen?

An­ge­sichts der mas­si­ven Be­ein­träch­ti­gung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit klei­ne­rer Be­rufs­ge­werk­schaf­ten, die mit ei­ner ge­setz­li­chen Einführung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit ver­bun­den wäre, braucht es star­ke Ar­gu­men­te, um an ei­nem so ra­bia­ten Vor­ha­ben fest­zu­hal­ten. Befürwor­ter des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit be­haup­ten da­her, oh­ne die­sen Grund­satz kom­me es zu Dau­er­streiks und letzt­lich zu chao­ti­schen Verhält­nis­sen. Ge­ra­de wenn ei­ne klei­ne Be­rufs­grup­pe ih­ren Ta­rif­ver­trag durch­ge­boxt hat, kommt schon die nächs­te Be­rufs­grup­pe mit ih­ren For­de­run­gen, so das Schre­ckens­sze­na­rio: Erst strei­ken die Pi­lo­ten und dann die Ste­war­des­sen und dann wie­der die Flug­lot­sen, so dass der Flug­ver­kehr letzt­lich zum Er­lie­gen kommt...

Wahr­lich ei­ne schau­rig-schöne Vor­stel­lung, die aber mit der Wirk­lich­keit eben­so­we­nig zu tun hat wie Zom­bie- oder Vam­pir­fil­me. Tatsächlich lässt sich bis­lang durch kei­ner­lei Tat­sa­chen be­le­gen, dass die Auf­ga­be des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit Mit­te 2010 zu ver­mehr­ten Streiks geführt hätte.

Zu die­sem Er­geb­nis kommt ei­ne 2011 vor­ge­stell­te wis­sen­schaft­li­che Stu­die des Rhei­nisch-Westfäli­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (RWI), die im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft und Tech­no­lo­gie (BM­Wi) die Aus­wir­kun­gen un­ter­such­te, die die Ta­rifp­lu­ra­lität auf das deut­sche Ta­rif­ver­trags­sys­tem und auf die Häufig­keit von Ar­beitskämp­fen hat. Fa­zit die­ser Stu­die (S.33):

„Es lässt sich ... fest­hal­ten, dass das BAG-Ur­teil bis­her kei­ne mess­ba­ren Spu­ren bei den Streik­ak­ti­vitäten hin­ter­las­sen hat. Von ei­nem star­ken Hand­lungs­druck sei­tens des Ge­setz­ge­bers in dem Sin­ne, dass nur ei­ne ra­sche ge­setz­li­che Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit ei­nen star­ken An­stieg der Ar­beits­kampf­ak­ti­vitäten würde ver­hin­dern können, kann so­mit ei­gent­lich kaum ei­ne Re­de sein.“

Muss der Staat Streiks kleiner "Funktionseliten" mit großen Schäden für die Allgemeinheit unterbinden?

Was für Streiks von Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten gilt, gilt auch für Streiks in be­stimm­ten Bran­chen, z.B. im Ver­kehr.

Natürlich sind Streiks von Bus­fah­rern, Lokführern oder Flug­lot­sen lästig für al­le die­je­ni­gen, die ge­ra­de auf die be­streik­ten Ver­kehrs­mit­tel an­ge­wie­sen sind. Das heißt aber noch lan­ge nicht, dass sol­che Streiks mit kri­mi­nel­len Ma­chen­schaf­ten ver­gli­chen wer­den könn­ten, wie es das Ge­re­de von der „Gei­sel­haft“ sug­ge­riert, in die die Strei­ken­den an­geb­lich die All­ge­mein­heit neh­men würden.

Streiks sind in Deutsch­land sel­ten und wenn es zu Streiks kommt, dau­ern sie meist nur we­ni­ge Ta­ge. Das ist in Ländern wie Frank­reich, Eng­land oder Ita­li­en an­ders. Da­her soll­te man die we­ni­gen und kur­zen Streiks, die auch in Deutsch­land hin und wie­der geführt wer­den, als not­wen­di­gen Teil der Ta­rif­au­to­no­mie hin­neh­men.

Vor die­sem Hin­ter­grund wird es vor­aus­sicht­lich auch künf­tig kei­ne ge­setz­li­chen Son­der­re­ge­lun­gen zu Streiks in be­stimm­ten Bran­chen ge­ben. Der im März 2012 un­ter dem Ein­druck des Flug­lot­sen­streiks vor­ge­leg­te, von den Ju­ra-Pro­fes­so­ren Fran­zen, Thüsing und Wald­hoff er­ar­bei­te­te Ge­set­zes­ent­wurf zum „Ar­beits­kampf in der Da­seins­vor­sor­ge“ (vom 19.03.2012) wird da­her ei­ne Außen­sei­ter­mei­nung blei­ben.

Würde eine gesetzliche Regelung der "Tarifeinheit" kleineren Gewerkschaften das Streiken erschweren?

Po­li­ti­ker, die das al­les nicht über­zeugt, soll­ten schließlich fol­gen­des be­den­ken: Der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit be­ant­wor­tet erst ein­mal nur die Fra­ge, wel­cher von ver­schie­de­nen Ta­rif­verträgen in ei­nem Be­trieb bzw. auf die dor­ti­gen Ar­beits­verhält­nis­se An­wen­dung fin­den soll.

Wenn man hier die eta­blier­ten (DGB-)Ge­werk­schaf­ten pri­vi­le­giert, heißt das noch nicht, dass die klei­ne­ren Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten, die die ar­beits­recht­li­che Be­deu­tungs­lo­sig­keit ih­rer Ta­rif­verträge hin­neh­men müssen, nun auf ein­mal auch nicht mehr strei­ken dürf­ten. Will man den klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten das Strei­ken ver­bie­ten, muss man das ge­zielt re­geln. Und mit recht­li­chen Streik­ver­bo­ten wird sich wohl kei­ne po­li­ti­sche Par­tei die Fin­ger ver­bren­nen wol­len.

Fazit: Eine gesetzliche Regelung der "Tarifeinheit" ist wenig wahrscheinlich

Deutsch­land ist von Streiks kaum be­las­tet, und die we­ni­gen und kur­zen Streiks der letz­ten zwölf bis 18 Mo­na­te kann man nicht ernst­haft dar­auf zurückführen, dass das BAG den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit 2010 auf­ge­ge­ben hat. Es ist auch künf­tig nicht zu er­war­ten, dass die­se Ände­rung des Ta­rif­rechts Aus­wir­kun­gen auf das Streik­ge­sche­hen hat.

Würde man den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit trotz­dem ge­setz­lich fest­schrei­ben, würden die da­von be­trof­fe­nen klei­ne­ren Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten mit Si­cher­heit vor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zie­hen, denn der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit ist in sei­nen bis­her dis­ku­tier­ten Va­ri­an­ten schlicht ver­fas­sungs­wid­rig.

Und selbst wenn man über die­se recht­li­chen Hürden hin­wegkäme, würde dies den „po­li­tisch un­erwünsch­ten“ Streiks von Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten kei­nen Rie­gel vor­schie­ben. Es spricht da­her nicht viel dafür, dass der Ge­setz­ge­ber, der ei­ne Re­gu­lie­rung des Ar­beits­kampf­rechts scheut wie der Teu­fel das Weih­was­ser, die­ses The­ma auf ein­mal ernst­haft an­packt.

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Letzte Überarbeitung: 1. Dezember 2015

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