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Scha­dens­er­satz und Mit­ver­schul­den des Ar­beit­ge­bers

Kon­trol­liert der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer nicht we­nigs­tens stich­pro­ben­ar­tig, kann er ihn nur an­tei­lig für Schä­den haft­bar ma­chen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.05.2015, 8 AZR 116/14
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30.11.2015. Ar­beit­neh­mer schlie­ßen in Deutsch­land meist kei­ne be­son­de­re Haft­pflicht­ver­si­che­rung ab, um sich ge­gen das Ri­si­ko ab­zu­si­chern, von ih­rem Ar­beit­ge­ber auf Scha­dens­er­satz be­langt zu wer­den.

Da­bei be­steht die Ge­fahr ei­ner Scha­dens­haf­tung für Ar­beit­neh­mer durch­aus. Denn wenn man bei der Ar­beit pflicht­wid­rig Feh­ler macht und den Ar­beit­ge­ber schä­digt, sind Er­satz­an­sprü­che we­der ge­ne­rell aus­ge­schlos­sen noch von vorn­her­ein auf be­stimm­te Höchst­sum­men be­schränkt.

Al­ler­dings er­ken­nen die Ar­beits­ge­rich­te sol­che Er­satz­an­sprü­che nur sel­ten und dann auch nur in en­gen Gren­zen an, wie ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) deut­lich macht. Hier hat­te der Ar­beit­neh­mer zwar Feh­ler ge­macht, der Ar­beit­ge­ber aber sei­ner­seits kei­ne Kon­trol­len durch­ge­führt. Da­her war sein Er­satz­an­spruch be­schränkt: BAG, Ur­teil vom 21.05.2015, 8 AZR 116/14.

Wodurch ist die Haftung von Arbeitnehmern auf Schadensersatz begrenzt?

Wer als Ar­beit­neh­mer mit teu­ren Ma­schi­nen, EDV-An­la­gen oder weit­rei­chen­den be­triebs­wirt­schaft­li­chen Kal­ku­la­tio­nen be­fasst ist, kann durch klei­ne Feh­ler große Schäden an­rich­ten. Und dann haf­tet er sei­nem Ar­beit­ge­ber mögli­cher­wei­se auf Scha­dens­er­satz.

Da­mit das Ar­beits­verhält­nis für den Ar­beit­neh­mer nicht zu ei­nem scha­dens­recht­li­chen Mi­nen­feld wird, be­gren­zen die Ar­beits­ge­rich­te seit je­her die Scha­dens­er­satz­haf­tung des Ar­beit­neh­mers. Ab­wei­chend vom all­ge­mei­nen Scha­dens­recht haf­ten Ar­beit­neh­mer nach die­ser Recht­spre­chung für leich­tes­te Fahrlässig­keit gar nicht und bei mitt­le­rer Fahrlässig­keit nur an­tei­lig, wo­bei es auf al­le Umstände des Scha­dens­fal­les an­kommt. Meist kommt der Ar­beit­neh­mer mit ei­ner (sehr) ge­rin­gen Scha­dens­quo­te da­von.

Aber auch das all­ge­mei­ne Scha­dens­er­satz­recht des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs (BGB) enthält Grundsätze, die sich zu­guns­ten des Schädi­gers aus­wir­ken, in­dem sie den Um­fang sei­ner Er­satz­pflicht be­gren­zen. Die wich­tigs­te Vor­schrift ist hier der Mit­ver­schul­dens-Pa­ra­graph (§ 254 BGB).

Nach § 254 Abs.1 BGB muss sich der Geschädig­te nämlich ei­ge­nes Mit­ver­schul­den an der Ent­ste­hung des Scha­dens auf sei­nen Er­satz­an­spruch an­rech­nen las­sen. Wer als Geschädig­ter an der Scha­dens­ent­ste­hung mit­ge­wirkt hat, kann vom Schädi­ger nicht ver­lan­gen, dass die­ser für den vol­len Scha­den auf­kommt.

Auf das Ar­beits­verhält­nis über­tra­gen heißt das: Ar­beit­ge­ber, die ih­re Ar­beit­neh­mer nicht aus­rei­chend kon­trol­lie­ren, müssen sich die­sen Or­ga­ni­sa­ti­ons­man­gel scha­dens­min­dernd an­rech­nen las­sen, wenn die nicht aus­rei­chend über­wach­ten Ar­beit­neh­mer Schäden an­rich­ten.

Im Streit: Arbeitgeber macht gegen Arbeitnehmer Schadensersatzansprüche in Höhe von 23.281,71 EUR geltend

Der ver­klag­te Ar­beit­neh­mer ar­bei­te­te für ei­nen Au­to­tei­l­e­her­stel­ler. Da sein Ar­beit­ge­ber die Pro­duk­ti­on be­stimm­ter Tei­le in Heim­ar­beit fer­ti­gen ließ, muss­ten die zeit­li­chen Vor­ga­ben für die Er­le­di­gung der ein­zel­nen Ar­beits­vorgänge durch die Heim­ar­bei­ter re­gelmäßig über­prüft und an­ge­passt wer­den, und das war die Auf­ga­be des Ar­beit­neh­mers. Die von dem Ar­beit­neh­mer er­rech­ne­ten Vor­ga­be­zei­ten für die Heim­ar­bei­ter wa­ren Grund­la­ge für de­ren Be­zah­lung.

Nach­dem dem Ar­beit­ge­ber be­reits im Jah­re 2007 Ar­beitsmängel des Be­klag­ten auf­ge­fal­len wa­ren, kam es En­de 2009 zu ei­nem ernst­haf­ten Streit. Der Au­to­tei­l­e­her­stel­ler be­haup­te­te, der Ar­beit­neh­mer hätte jah­re­lang und in meh­re­ren hun­dert Fällen zu lan­ge Vor­ga­be­zei­ten in das Sys­tem ein­ge­tra­gen. Da­durch sol­len an­geb­lich überhöhte Kos­ten für die Heim­ar­bei­ter so­wie für die unnöti­ge Be­schaf­fung von Ma­schi­nen ent­stan­den sein, ins­ge­samt ein im­men­ser Scha­den. 

Nach­dem sich der Ar­beit­neh­mer ge­gen meh­re­re Kündi­gun­gen des Ar­beit­ge­bers mit Er­folg ge­richt­lich zur Wehr ge­setzt hat­te, strit­ten die Par­tei­en zu­letzt noch über ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch des Ar­beit­ge­bers in Höhe von 23.281,71 EUR.

Das Ar­beits­ge­richt wies den Scha­dens­er­satz­an­spruch ab, während das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Bre­men ihm in Höhe von 11.662,89 EUR statt­gab, denn in die­ser Höhe wa­ren dem Ar­beit­ge­ber unnütze Per­so­nal­kos­ten für die Heim­ar­bei­ter ent­stan­den. Den an­geb­li­chen Scha­den für unnöti­ge Ma­schi­nen wies das LAG da­ge­gen ab (LAG Bre­men, Ur­teil vom 19.06.2013, 2 Sa 91/11).

Da­ge­gen leg­ten bei­de Par­tei­en Re­vi­si­on zum BAG ein. Der Ar­beit­neh­mer woll­te ei­ne vollständi­ge Klag­ab­wei­sung er­rei­chen, der Ar­beit­ge­ber die vol­len 23.281,71 EUR ti­tu­liert se­hen.

BAG: Kontrolliert der Arbeitgeber den Arbeitnehmer nicht wenigstens stichprobenartig, kann er ihn nur anteilig für Schäden haftbar machen

Das BAG wies die Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers ab und ver­wies den Fall auf die Re­vi­si­on des Ar­beit­neh­mers hin zum LAG Bre­men zurück. Denn mit der Be­gründung des LAG konn­te der Ar­beit­neh­mer nicht zum Scha­dens­er­satz ver­ur­teilt wer­den, so das BAG.

Das LAG war nämlich der Ar­gu­men­ta­ti­on des Ar­beit­ge­bers weit­ge­hend ge­folgt und hat­te da­her dar­auf ab­ge­stellt, dass der be­klag­te Ar­beit­neh­mer ei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung im Be­trieb in­ne­hat­te und dass ei­ne Über­prüfung wirt­schaft­lich nicht sinn­voll ge­we­sen wäre. Das genügte den Er­fur­ter Rich­tern nicht.

Denn den Ar­beit­ge­ber tref­fen, so das BAG, ei­ge­ne Or­ga­ni­sa­ti­ons- und Über­wa­chungs­pflich­ten. Die­se Pflich­ten hat­te der Ar­beit­ge­ber hier ver­nachlässigt, da er trotz der von ihm selbst vor­ge­tra­ge­nen Ar­beitsmängel des be­klag­ten Ar­beit­neh­mers im Jah­re 2007 kei­ne Kon­trol­len vor­ge­nom­men hat­te. Da­her war hier zu prüfen, in wel­chem Um­fang der Er­satz­an­spruch des Ar­beit­ge­bers gemäß § 254 Abs.1 BGB zu min­dern wäre.

Fa­zit: Dass kaufmänni­sche oder tech­ni­sche An­ge­stell­te mit ei­nem Ge­halt von gut 4.500,00 EUR brut­to recht selbständig ar­bei­ten können (wie hier im Streit­fall), heißt noch lan­ge nicht, dass der Ar­beit­ge­ber kei­ne Kon­troll­pflich­ten mehr hat. Viel­mehr ist man­geln­de Kon­trol­le als Or­ga­ni­sa­ti­ons­man­gel zu be­wer­ten und führt im Scha­dens­fall zu ei­ner Min­de­rung von Er­satz­ansprüchen des Ar­beit­ge­bers.

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Letzte Überarbeitung: 25. Oktober 2016

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