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Schein­werk­ver­trä­ge bei der Hein­rich-Böll-Stif­tung

Par­tei­na­he Stif­tung von Bünd­nis 90/Die Grü­nen un­ter­liegt vor Ge­richt we­gen il­le­ga­ler Ar­beit­neh­mer­über­las­sung: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Teil­ur­teil vom 04.09.2013, 33 Ca 5347/13

09.09.2013. Schlaue Un­ter­neh­men um­ge­hen die läs­ti­gen Pflich­ten, die mit Ar­beits­ver­hält­nis­sen ver­bun­den sind, in­dem sie an­stel­le ei­ge­ner Ar­beit­neh­mer Leih­ar­beit­neh­mer ein­set­zen.

Denn wo­zu sich mit Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall, Ur­laub oder am En­de gar mit Kün­di­gungs­schutz­kla­gen ab­mü­hen, wenn man all das um­ge­hen kann, in­dem man auf Leih­ar­beit setzt?

Leih­ar­beit hat aber in den letz­ten Jah­ren kei­nen gu­ten Ruf mehr, und sie funk­tio­niert auch nur, wenn der Ver­lei­her ei­ne Ge­neh­mi­gung zur Ar­beit­neh­mer­über­las­sung hat.

Noch "schlau­er" als Leih­ar­beit ist da­her der Ein­satz von Fremd­fir­men, die auf der Grund­la­ge von Werk­ver­trä­gen ih­re ei­ge­nen Leu­te ein­set­zen und die­sen dem­zu­fol­ge auch Wei­sun­gen er­tei­len.

Die­se Stra­te­gie zur Ver­mei­dung des Ar­beits­rechts geht al­ler­dings mach­mal in die Ho­se, wenn die Wei­sun­gen fak­tisch vom Auf­trag­ge­ber er­teilt wer­den und der an­geb­li­che Fremd­fi­men­mit­ar­bei­ter da­her wie ein Ar­beit­neh­mer des Auf­trag­ge­bers ein­ge­setzt wird. Dann liegt Schein­selb­ständ­keit vor und der ver­meint­li­che Mit­ar­bei­ter des Werk­un­ter­neh­mers kann sich beim Auf­trag­ge­ber hin­ein­kla­gen.

So ist es vo­ri­ge Wo­che der Hein­rich-Böll-Stif­tung er­gan­gen, ei­ner par­tei­na­hen Stif­tung von Bünd­nis 90/Die Grü­nen: Am 05.09.2013 gab das Ar­beits­ge­richt Ber­lin der Kla­ge ei­nes bei der Hein­rich-Böll-Stif­tung ein­ge­setz­ten Mit­ar­bei­ters statt, der we­gen un­er­laub­ter Ar­beit­neh­mer­über­las­sung ge­gen die Hein­rich-Böll-Stif­tung ge­klagt hat­te mit dem Ziel der ge­richt­li­chen Fest­stel­lung, dass ein Ar­beits­ver­hält­nis zwi­schen ihm und der Stif­tung be­steht (Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Teil­ur­teil vom 04.09.2013, 33 Ca 5347/13).

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war of­fi­zi­ell bei ei­nem Un­ter­neh­men für Be­su­cher­ser­vice an­ge­stellt und wur­de bei der Hein­rich-Böll-Stif­tung ein­ge­setzt. Dort ver­rich­te­te er seit Jah­ren wie ein ei­ge­ner Ar­beit­ne­mer der Böll-Stif­tung Um­bau­ar­bei­ten zur Vor­be­rei­tung von Ver­an­stal­tun­gen im Kon­fe­renz­zen­trum der Stif­tung.

Vor dem Ar­beits­ge­richt hat­te sich die Hein­rich-Böll-Stif­tung ver­geb­lich dar­auf be­ru­fen, der Klä­ger sei auf­grund ei­nes Werk­ver­trags der Böll-Stif­tung mit dem Un­ter­neh­men für Be­su­cher­ser­vice ein­ge­setzt wor­den. Das Ar­beits­ge­richt sah das an­ders.

Denn die ein­zi­ge "Leis­tung" der Be­su­cher­ser­vice-Fir­ma be­stand letzt­lich dar­in, der Stif­tung Per­so­nal für den Be­su­cher- und Ver­an­stal­tungs­ser­vice zu über­las­sen, so das Ge­richt. Das er­gab sich aus der Leis­tungs­be­schrei­bung und den tat­säch­li­chen Um­stän­den der Ver­trags­durch­füh­rung. Die Ar­bei­ten der über­las­se­nen Kräf­te di­ri­gier­te da­ge­gen die Stif­tung und nicht die Be­su­cher­ser­vice-Fir­ma.

Da­her war der zwi­schen der Böll-Stif­tung und der Be­su­cher­ser­vice-Fir­ma ge­schlos­se­ne Ver­trag in Wahr­heit kein Werk- oder Dienst­ver­trag, son­dern ein Ar­beit­neh­mer­über­las­sungs­ver­trag, so das Ar­beits­ge­richt.

Da das Be­su­cher­ser­vice-Un­ter­neh­men aber nicht die er­for­der­li­che Er­laub­nis für die Ar­beit­neh­mer­über­las­sung hat­te, war die Ar­beit­neh­mer­über­las­sung il­le­gal. Der Ar­beitssver­trag zwi­schen die­sem Un­ter­neh­men und dem kla­gen­den Ar­beit­neh­mer war da­her ge­mäß § 9 Nr.1 Ar­beit­neh­mer­über­las­sungs­ge­setz (AÜG) un­wirk­sam. An Stel­le die­ses un­wirk­sa­men Ver­trags trat ge­mäß § 10 Abs.1 Satz 1 AÜG ein Ar­beits­ver­hält­nis des Klä­gers mit der Hein­rich-Böll-Stif­tung.

Ei­ne ähn­li­che ge­richt­li­che Nie­der­la­ge wie die Hein­rich-Böll-Stif­tung muss­te vor ei­ni­gen Wo­chen die Daim­ler AG hin­neh­men, die Schein­selb­stän­di­ge als IT-Fach­kräf­te ein­ge­setzt hat­te, um EDV-Ar­beits­plät­ze be­treu­en zu las­sen. Die­se IT-Kräf­te wa­ren tat­säch­lich Ar­beit­neh­mer der Daim­ler AG, da sie in die be­trieb­li­chen Ab­läu­fe wie Daim­ler-Mit­ar­bei­ter ein­ge­bun­den wa­ren und von Daim­ler-Mit­ar­bei­tern Wei­sun­gen er­hiel­ten (Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 01.08.2013, 2 Sa 6/13 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/225 Schein­werk­ver­trag und Schein­selb­stän­dig­keit).

Fa­zit: Auf ei­ner Ska­la der po­li­ti­schen Pein­lich­kei­ten zwi­schen null und zehn liegt die­ser Vor­fall bei min­des­tens 9,9. Wer wie die Grü­nen im­mer wie­der ge­gen den Miss­brauch von Leih­ar­beit durch raff­gie­ri­ge Pri­vat­un­ter­neh­men zu Fel­de zieht, soll­te erst ein­mal vor der ei­ge­nen Tür keh­ren. Il­le­ga­le Ar­beit­neh­mer­über­las­sung als Mit­tel ei­ner "smar­ten" Per­so­nal­pla­nung soll­te für lin­ke Par­tei­en und Stif­tun­gen ta­bu sein.

Au­ßer­dem kann il­le­ga­le Ar­beit­neh­mer­über­las­sung im Er­geb­nis teu­er sein, denn wenn ver­meint­lich "freie" Mit­ar­bei­ter in Wahr­heit Ar­beit­neh­mer sind, d.h. Schein­selb­stän­di­ge, muss der Auf­trag­ge­ber mög­li­cher­wei­se rück­stän­di­ge So­zi­al­ab­ga­ben ab­füh­ren und ist dann letzt­lich der Dum­me.Nä­he­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 27. September 2016

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