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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Sozialplan, Abfindung: Diskriminierung, Diskriminierung: Abfindung, Schwerbehinderung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Akten­zeichen: C-152/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 06.12.2012
   
Leit­sätze:

1. Art. 2 Abs. 2 und Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit nicht ent­ge­gen­ste­hen, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist.

2. Art. 2 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit ent­ge­gen­steht, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist und bei der An­wen­dung der al­ter­na­ti­ven Be­rech­nungs­me­tho­de auf die Möglich­keit, ei­ne vor­zei­ti­ge Al­ters­ren­te we­gen ei­ner Be­hin­de­rung zu er­hal­ten, ab­ge­stellt wird.

Vor­ins­tan­zen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Zwei­te Kam­mer)

6. De­zem­ber 2012(*)

„Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf – Richt­li­nie 2000/78/EG – Ver­bot je­der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und ei­ner Be­hin­de­rung – Ent­las­sungs­ab­fin­dung – So­zi­al­plan, der die Min­de­rung des Ab­fin­dungs­be­trags für be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer bei Ent­las­sung vor­sieht“

In der Rechts­sa­che C‑152/11

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Ar­beits­ge­richt München (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 17. Fe­bru­ar 2011, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 28. März 2011, in dem Ver­fah­ren

Jo­hann Odar

ge­gen

Bax­ter Deutsch­land GmbH

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Zwei­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Rich­ters A. Ro­sas in Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben der Präsi­den­tin der Zwei­ten Kam­mer so­wie der Rich­ter U. Lõhmus, A. Ó Cao­imh, A. Ara­b­ad­jiev (Be­richt­er­stat­ter) und C. G. Fern­lund,

Ge­ne­ral­anwältin: E. Sharps­ton,

Kanz­ler: K. Ma­lacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. April 2012,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– von Herrn Odar, ver­tre­ten durch die Rechts­anwälte S. Sal­ler und B. Renkl,

– der Bax­ter Deutsch­land GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­anwältin C. Grund­mann,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze, J. Möller und N. Graf Vitzt­hum als Be­vollmäch­tig­te,

– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch J. En­e­gren und V. Kreu­schitz als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 12. Ju­li 2012

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 2 und Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Odar und sei­nem frühe­ren Ar­beit­ge­ber, der Bax­ter Deutsch­land GmbH (im Fol­gen­den: Bax­ter), über den Be­trag der Ent­las­sungs­ab­fin­dung, die er auf­grund des zwi­schen die­sem Un­ter­neh­men und des­sen Be­triebs­rat ge­schlos­se­nen Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans er­hal­ten hat.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3

In den Erwägungs­gründen 8, 11, 12 und 15 der Richt­li­nie 2000/78 heißt es:

„(8) In den vom Eu­ropäischen Rat auf sei­ner Ta­gung am 10. und 11. De­zem­ber 1999 in Hel­sin­ki ver­ein­bar­ten beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en für 2000 wird die Not­wen­dig­keit un­ter­stri­chen, ei­nen Ar­beits­markt zu schaf­fen, der die so­zia­le Ein­glie­de­rung fördert, in­dem ein gan­zes Bündel auf­ein­an­der ab­ge­stimm­ter Maßnah­men ge­trof­fen wird, die dar­auf ab­stel­len, die Dis­kri­mi­nie­rung von be­nach­tei­lig­ten Grup­pen, wie den Men­schen mit Be­hin­de­rung, zu bekämp­fen. Fer­ner wird be­tont, dass der Un­terstützung älte­rer Ar­beit­neh­mer mit dem Ziel der Erhöhung ih­res An­teils an der Er­werbs­bevölke­rung be­son­de­re Auf­merk­sam­keit gebührt.

(11) Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung können die Ver­wirk­li­chung der im EG-Ver­trag fest­ge­leg­ten Zie­le un­ter­mi­nie­ren, ins­be­son­de­re die Er­rei­chung ei­nes ho­hen Beschäfti­gungs­ni­veaus und ei­nes ho­hen Maßes an so­zia­lem Schutz, die He­bung des Le­bens­stan­dards und der Le­bens­qua­lität, den wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Zu­sam­men­halt, die So­li­da­rität so­wie die Freizügig­keit.

(12) Da­her soll­te je­de un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in den von der Richt­li­nie ab­ge­deck­ten Be­rei­chen ge­mein­schafts­weit un­ter­sagt wer­den. …

(15) Die Be­ur­tei­lung von Tat­beständen, die auf ei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung schließen las­sen, ob­liegt den ein­zel­staat­li­chen ge­richt­li­chen In­stan­zen oder an­de­ren zuständi­gen Stel­len nach den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten; in die­sen ein­zel­staat­li­chen Vor­schrif­ten kann ins­be­son­de­re vor­ge­se­hen sein, dass mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung mit al­len Mit­teln, ein­sch­ließlich sta­tis­ti­scher Be­wei­se, fest­zu­stel­len ist.“

4 Gemäß Art. 1 der Richt­li­nie ist ihr „Zweck … die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten“. 
5

Die Abs. 1 und 2 von Art. 2 („Der Be­griff ‚Dis­kri­mi­nie­rung‘“) der Richt­li­nie se­hen vor:

„(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­deu­tet ‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe ge­ben darf.

(2) Im Sin­ne des Ab­sat­zes 1

a) liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde;

b) liegt ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen mit ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner be­stimm­ten Be­hin­de­rung, ei­nes be­stimm­ten Al­ters oder mit ei­ner be­stimm­ten se­xu­el­len Aus­rich­tung ge­genüber an­de­ren Per­so­nen in be­son­de­rer Wei­se be­nach­tei­li­gen können, es sei denn:

i) die­se Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt, und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich, oder

ii) der Ar­beit­ge­ber oder je­de Per­son oder Or­ga­ni­sa­ti­on, auf die die­se Richt­li­nie An­wen­dung fin­det, ist im Fal­le von Per­so­nen mit ei­ner be­stimm­ten Be­hin­de­rung auf­grund des ein­zel­staat­li­chen Rechts ver­pflich­tet, ge­eig­ne­te Maßnah­men ent­spre­chend den in Ar­ti­kel 5 ent­hal­te­nen Grundsätzen vor­zu­se­hen, um die sich durch die­se Vor­schrift, die­ses Kri­te­ri­um oder die­ses Ver­fah­ren er­ge­ben­den Nach­tei­le zu be­sei­ti­gen.“

6 Art. 3 („Gel­tungs­be­reich“) der Richt­li­nie 2000/78 be­stimmt in Abs. 1:

„Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf

c) die Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Ar­beits­ent­gelts;

…“

7 Art. 6 („Ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters“) der Richt­li­nie sieht in Abs. 1 vor:

„Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

…“

8

Art. 16 der Richt­li­nie be­stimmt:

„Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um si­cher­zu­stel­len, dass

a) die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu­wi­der­lau­fen, auf­ge­ho­ben wer­den;

b) die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen … für nich­tig erklärt wer­den oder erklärt wer­den können oder geändert wer­den.“

Deut­sches Recht

Deut­sche Rechts­vor­schrif­ten

9

Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de durch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14. Au­gust 2006 (BGBl I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG) in die deut­sche Rechts­ord­nung um­ge­setzt. § 1 („Ziel des Ge­set­zes“) AGG sieht vor:

„Ziel des Ge­set­zes ist, Be­nach­tei­li­gun­gen aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität zu ver­hin­dern oder zu be­sei­ti­gen.“

10

§ 10 („Zulässi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters“) AGG be­stimmt:

„Un­ge­ach­tet des § 8 ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters auch zulässig, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels müssen an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein. Der­ar­ti­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

6. Dif­fe­ren­zie­run­gen von Leis­tun­gen in So­zi­alplänen im Sin­ne des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes, wenn die Par­tei­en ei­ne nach Al­ter oder Be­triebs­zu­gehörig­keit ge­staf­fel­te Ab­fin­dungs­re­ge­lung ge­schaf­fen ha­ben, in der die we­sent­lich vom Al­ter abhängen­den Chan­cen auf dem Ar­beits­markt durch ei­ne verhält­nismäßig star­ke Be­to­nung des Le­bens­al­ters er­kenn­bar berück­sich­tigt wor­den sind, oder Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­ge­schlos­sen ha­ben, die wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie, ge­ge­be­nen­falls nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld, ren­ten­be­rech­tigt sind.“

11 Die §§ 111 bis 113 des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes in der Fas­sung vom 25. Sep­tem­ber 2001 (BGBl. I S. 2518) schrei­ben Maßnah­men vor, die zur Mil­de­rung der für Ar­beit­neh­mer aus der Um­struk­tu­rie­rung ei­nes Un­ter­neh­mens ent­ste­hen­den Nach­tei­le zu er­grei­fen sind. Ar­beit­ge­ber und Be­triebsräte sind ver­pflich­tet, zu die­sem Zweck So­zi­alpläne ab­zu­sch­ließen.
12 § 112 („In­ter­es­sen­aus­gleich über die Be­triebsände­rung, So­zi­al­plan“) des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes sieht in Abs. 1 vor:

„Kommt zwi­schen Un­ter­neh­mer und Be­triebs­rat ein In­ter­es­sen­aus­gleich über die ge­plan­te Be­triebsände­rung zu­stan­de, so ist die­ser schrift­lich nie­der­zu­le­gen und vom Un­ter­neh­mer und Be­triebs­rat zu un­ter­schrei­ben. Das Glei­che gilt für ei­ne Ei­ni­gung über den Aus­gleich oder die Mil­de­rung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le, die den Ar­beit­neh­mern in­fol­ge der ge­plan­ten Be­triebsände­rung ent­ste­hen (So­zi­al­plan). Der So­zi­al­plan hat die Wir­kung ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung. …“ 

13 Gemäß § 127 des Drit­ten Bu­ches des So­zi­al­ge­setz­buchs er­folgt die Zah­lung von Re­gel­ar­beits­lo­sen­geld für ei­ne be­grenz­te Dau­er, die vom Al­ter des Ar­beit­neh­mers und der Länge des Zeit­raums abhängt, in dem Beiträge ge­leis­tet wur­den. Ein Ar­beit­neh­mer hat vor Voll­endung des 50. Le­bens­jahrs An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 12 Mo­nats­gehältern, nach Voll­endung des 50. Le­bens­jahrs in Höhe von 15 Mo­nats­gehältern, nach Voll­endung des 55. Le­bens­jahrs in Höhe von 18 Mo­nats­gehältern und mit Voll­endung des 58. Le­bens­jahrs in Höhe von 24 Mo­nats­gehältern.

Vor­sorg­li­cher So­zi­al­plan und Ergänzen­der So­zi­al­plan

14 Bax­ter schloss mit dem Ge­samt­be­triebs­rat am 30. April 2004 ei­nen Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plan. In § 6 Abs. 1 Punk­te 1.1 bis 1.5 die­ses Plans heißt es:

„1. Ab­fin­dun­gen bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (außer ‚Frühver­ren­tung‘)

1.1 Mit­ar­bei­tern, de­nen trotz al­ler Bemühun­gen kein zu­mut­ba­rer Ar­beits­platz bei Bax­ter in Deutsch­land an­ge­bo­ten wer­den kann, bei de­nen auch ei­ne vor­zei­ti­ge Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nach § 5 nicht in Fra­ge kommt und die das Un­ter­neh­men ver­las­sen (durch be­triebs­be­ding­te Kündi­gung oder ein­ver­nehm­li­che Be­en­di­gung), er­hal­ten ei­ne zu ver­steu­ern­de Brut­to­ab­fin­dung in Eu­ro nach fol­gen­der For­mel:

Ab­fin­dung = Al­ters­fak­tor x Be­triebs­zu­gehörig­keit x Brut­to­mo­nats­ent­gelt [im Fol­gen­den: Stan­dard­for­mel]

1.2 Al­ters­fak­to­ren­ta­bel­le

 

Le­bens-

al­ter

Al­ters-

fak­tor

Le­bens-

al­ter

Al­ters-

fak­tor

Le­bens-

al­ter

Al­ters-

fak­tor

 

  18 0,35  34 0,90 50 1,40
  19 0,35  35 0,90 51 1,45
  20 0,35  36 1,00 52 1,50
  21 0,35  37 1,00 53 1,55
  22 0,40 38 1,05 54 1,60
  23 0,40  39 1,05 55 1,65
  24 0,40 40 1,10 56 1,70
  25 0,40 41 1,10 57 1,70  
  26 0,50 42 1,15 58 1,70  
  27 0,50  43 1,15 59 1,50  
  28 0,60  44 1,20 60 1,30  
  29 0,60 45 1,20 61 1,10  
  30 0,70 46 1,25 62 0,90  
  31 0,70 47 1,25 63 0,60  
  32 0,80 48 1,30 63 0,30  
  33 0,80 49 1,35    
 

1.5 Bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und be­triebs­be­dingt gekündigt wer­den oder ein­ver­nehm­lich das Ar­beits­verhält­nis be­en­den, wird die gemäß § 6 Abs. 1 Punkt 1.1 er­rech­ne­te Ab­fin­dung fol­gen­der Be­rech­nung ge­genüber­ge­stellt:

Mo­na­te bis zum frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt x 0,85 x Brut­to­mo­nats­ent­gelt [im Fol­gen­den: Son­der­for­mel]

Soll­te die [Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung] größer sein als die [Son­der­for­mel-Ab­fin­dung], so kommt die ge­rin­ge­re Sum­me zur Aus­zah­lung. Die­se ge­rin­ge­re Sum­me darf je­doch die Hälf­te der [Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung] nicht un­ter­schrei­ten.

Ist das Er­geb­nis [der Son­der­for­mel] gleich null, kommt die Hälf­te der [Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung] zur Aus­zah­lung.“  

15 Am 13. März 2008 schloss Bax­ter mit dem Ge­samt­be­triebs­rat ei­nen Ergänzen­den So­zi­al­plan. In § 7 die­ses Plans, der die Ab­fin­dun­gen be­trifft, heißt es:

„Mit­ar­bei­ter, die in den Gel­tungs­be­reich die­ses So­zi­al­plans fal­len und de­ren Ar­beits­verhält­nis we­gen der Be­triebsände­rung en­det, er­hal­ten die fol­gen­den Leis­tun­gen:

7.1 Ab­fin­dung. Die Mit­ar­bei­ter er­hal­ten die ein­ma­li­ge Ab­fin­dung, die sich aus § 6 [Abs.] 1 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans er­gibt.

7.2 Klar­stel­lung. Zu § 6 [Punkt] 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans ei­ni­gen sich die Par­tei­en auf fol­gen­de Klar­stel­lung: Un­ter ‚frühestmögli­chem Ren­ten­ein­tritt‘ wird ver­stan­den der Zeit­punkt, zu dem der Mit­ar­bei­ter erst­mals ei­ne der ge­setz­li­chen Al­ters­ren­ten, auch ei­ne sol­che mit Ab­schlägen we­gen vor­zei­ti­ger In­an­spruch­nah­me, in An­spruch neh­men kann.

…“

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

16 Der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, Herr Odar, ist öster­rei­chi­scher Staats­an­gehöri­ger und 1950 ge­bo­ren. Er ist ver­hei­ra­tet, hat zwei un­ter­halts­be­rech­tig­te Kin­der und ist als Schwer­be­hin­der­ter an­er­kannt; der Grad sei­ner Be­hin­de­rung beträgt 50 %. Herr Odar war seit dem 17. April 1979 bei Bax­ter bzw. de­ren Rechts­vorgänge­rin­nen beschäftigt, zu­letzt als Mar­ke­ting-Ma­na­ger.
17 Bax­ter kündig­te das Ar­beits­verhält­nis von Herrn Odar mit Schrei­ben vom 25. April 2008 und bot ihm die Fortführung des Ar­beits­verhält­nis­ses am Stand­ort München-Un­ter­sch­leißheim (Deutsch­land) an. Herr Odar nahm die­ses An­ge­bot an und be­schloss dann, sei­ner­seits zum 31. De­zem­ber 2009 zu kündi­gen, nach­dem die Par­tei­en ver­ein­bart hat­ten, dass die­se Kündi­gung sei­nen Ab­fin­dungs­an­spruch nicht schmälern wer­de.
18 Wie sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung er­gibt, hat Herr Odar ge­genüber der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung mit Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs, d. h. ab dem 1. Au­gust 2015, An­spruch auf ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te und mit Voll­endung des 60. Le­bens­jahrs, d. h. ab dem 1. Au­gust 2010, An­spruch auf ei­ne Al­ters­ren­te für Schwer­be­hin­der­te.
19 Bax­ter zahl­te Herrn Odar auf­grund des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans ei­ne Brut­to­ab­fin­dung in Höhe von 308 253,31 Eu­ro. Nach der Stan­dard­for­mel hätte die ihm zu zah­len­de Ab­fin­dung 616 506,63 Eu­ro brut­to be­tra­gen. Aus­ge­hend von ei­nem frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt nach der Son­der­for­mel, d. h. zum 1. Au­gust 2010, er­rech­ne­te Bax­ter ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von 197 199,09 Eu­ro brut­to. Sie zahl­te ihm da­her den ga­ran­tier­ten Min­dest­be­trag, der der Hälf­te von 616 506,63 Eu­ro ent­spricht.
20 Mit Schrei­ben vom 30. Ju­ni 2010 er­hob Herr Odar beim Ar­beits­ge­richt München Kla­ge. Er be­an­trag­te, Bax­ter zur Zah­lung ei­ner wei­te­ren Brut­to­ab­fin­dung in Höhe von 271 988,22 Eu­ro zu ver­ur­tei­len. Die­ser Be­trag ent­spricht der Dif­fe­renz zwi­schen der ihm tatsächlich ge­zahl­ten Ab­fin­dung und dem Be­trag, den er er­hal­ten hätte, wenn er bei glei­cher Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses 54 Jah­re alt ge­we­sen wäre. Herr Odar ist der An­sicht, dass er durch die Be­rech­nung der im Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plan vor­ge­se­he­nen Ab­fin­dung we­gen sei­nes Al­ters und sei­ner Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wer­de.
21 Das vor­le­gen­de Ge­richt fragt sich, ob § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG und die Re­ge­lung des § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans mit der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar sind. Es führt aus, wenn die ers­te die­ser bei­den na­tio­na­len Be­stim­mun­gen nicht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht ste­he und da­her kei­ne An­wen­dung fin­de, sei der von Herrn Odar bei ihm er­ho­be­nen Kla­ge statt­zu­ge­ben. Die Re­ge­lung der zwei­ten Be­stim­mung könne nämlich nicht auf ei­ne mit die­ser Richt­li­nie un­ver­ein­ba­re Vor­schrift gestützt wer­den.
22 Un­ter die­sen Umständen hat das Ar­beits­ge­richt München be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Verstößt ei­ne in­ner­staat­li­che Re­ge­lung, die vor­sieht, dass ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters zulässig sein kann, wenn die Be­triebs­par­tei­en im Rah­men ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­ge­schlos­sen ha­ben, die wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie, ge­ge­be­nen­falls nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld, ren­ten­be­rech­tigt sind, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gemäß Art. 1 und Art. 16 der Richt­li­nie 2000/78, oder ist ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung gemäß Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie ge­recht­fer­tigt?

2. Verstößt ei­ne in­ner­staat­li­che Re­ge­lung, die vor­sieht, dass ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters zulässig sein kann, wenn die Be­triebs­par­tei­en im Rah­men ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­ge­schlos­sen ha­ben, die wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie, ge­ge­be­nen­falls nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld, ren­ten­be­rech­tigt sind, ge­gen das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung gemäß Art. 1 und Art. 16 der Richt­li­nie 2000/78?

3. Verstößt ei­ne Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und be­triebs­be­dingt gekündigt wer­den, ei­ne al­ter­na­ti­ve Be­rech­nung der Ab­fin­dung auf Grund­la­ge des frühes­tens mögli­chen Ren­ten­be­ginns vor­ge­nom­men wird und im Ver­gleich zur re­guläre­ren Be­rech­nungs­me­tho­de, wel­che ins­be­son­de­re an die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit an­knüpft, der ge­rin­ge­re Ab­fin­dungs­be­trag, je­doch min­des­tens die Hälf­te der re­gulären Ab­fin­dungs­sum­me, zu zah­len ist, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gemäß Art. 1 und Art. 16 der Richt­li­nie 2000/78, oder ist ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung gemäß Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie ge­recht­fer­tigt?

4. Verstößt ei­ne Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und be­triebs­be­dingt gekündigt wer­den, ei­ne al­ter­na­ti­ve Be­rech­nung der Ab­fin­dung auf Grund­la­ge des frühes­tens mögli­chen Ren­ten­be­ginns vor­ge­nom­men wird und im Ver­gleich zur re­guläre­ren Be­rech­nungs­me­tho­de, wel­che ins­be­son­de­re an die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit an­knüpft, der ge­rin­ge­re Ab­fin­dungs­be­trag, je­doch min­des­tens die Hälf­te der re­gulären Ab­fin­dungs­sum­me, zu zah­len ist und bei der al­ter­na­ti­ven Be­rech­nungs­me­tho­de auf ei­ne Al­ters­ren­te we­gen ei­ner Be­hin­de­rung ab­ge­stellt wird, ge­gen das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung gemäß Art. 1 und Art. 16 der Richt­li­nie 2000/78?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zu den ers­ten bei­den Fra­gen

23

Mit sei­nen ers­ten bei­den Fra­gen, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 2 Abs. 2 und Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner in­ner­staat­li­chen Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, die vor­sieht, dass ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters zulässig sein kann, wenn die Be­triebs­par­tei­en im Rah­men ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­ge­schlos­sen ha­ben, die wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie, ge­ge­be­nen­falls nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld, ren­ten­be­rech­tigt sind.

24 In die­sem Zu­sam­men­hang ist so­gleich auf die ständi­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs hin­zu­wei­sen, nach der ei­ne Ver­mu­tung für die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­gen des na­tio­na­len Ge­richts spricht, die es zur Aus­le­gung des Uni­ons­rechts in dem recht­li­chen und tatsächli­chen Rah­men stellt, den es in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung fest­ge­legt und des­sen Rich­tig­keit der Ge­richts­hof nicht zu prüfen hat. Der Ge­richts­hof darf die Ent­schei­dung über ein Er­su­chen ei­nes na­tio­na­len Ge­richts nur dann ver­wei­gern, wenn die er­be­te­ne Aus­le­gung des Uni­ons­rechts of­fen­sicht­lich in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht, wenn das Pro­blem hy­po­the­ti­scher Na­tur ist oder wenn der Ge­richts­hof nicht über die tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben verfügt, die für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen er­for­der­lich sind (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 22. Ju­ni 2010, Mel­ki und Ab­de­li, C‑188/10 und C‑189/10, Slg. 2010, I‑5667, Rand­nr. 27, vom 29. März 2012, SAG ELV Sl­ovens­ko u. a., C‑599/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 15, so­wie vom 12. Ju­li 2012, VA­LE Építési, C‑378/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 18).
25 Ge­nau dies ist hier der Fall.
26 Die ers­ten bei­den Fra­gen be­ru­hen nämlich auf der Prämis­se von § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG, dass die Be­triebs­par­tei­en Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­sch­ließen, die wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie, ge­ge­be­nen­falls nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld, ren­ten­be­rech­tigt sind.
27 In der Vor­la­ge­ent­schei­dung deu­tet je­doch nichts dar­auf hin, dass das Aus­gangs­ver­fah­ren ei­nen sol­chen Fall be­trifft. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat viel­mehr aus­geführt, dass Ar­beit­neh­mer, die kurz vor dem Ren­ten­ein­tritt stünden, nach dem Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plan, im Un­ter­schied zu der in der AGG-Be­stim­mung vor­ge­se­he­nen Möglich­keit, nicht von der Ent­las­sungs­ab­fin­dung aus­ge­schlos­sen wer­den könn­ten und der An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Ar­beits­lo­sen­geld auch nicht berück­sich­tigt wer­de. Wie aus den Ak­ten her­vor­geht, hat Herr Odar ei­ne Ent­las­sungs­ab­fin­dung er­hal­ten, die je­doch gemäß § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans in Ver­bin­dung mit § 7 Punkt 7.2 des Ergänzen­den So­zi­al­plans ge­min­dert wur­de, was er mit sei­ner Kla­ge beim ge­nann­ten Ge­richt an­greift.
28 Die Fra­ge der Ver­ein­bar­keit von § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG mit der Richt­li­nie 2000/78 hat da­her im Hin­blick auf den Ge­gen­stand des Aus­gangs­ver­fah­rens of­fen­sicht­lich abs­trak­ten und rein hy­po­the­ti­schen Cha­rak­ter.
29 Des­halb sind die ers­te und die zwei­te vom vor­le­gen­den Ge­richt ge­stell­te Fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.

Zur drit­ten Fra­ge

30 Mit sei­ner drit­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 2 Abs. 2 und Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit ent­ge­gen­ste­hen, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und die­sen Ar­beit­neh­mern im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist.
31 Was zunächst die Fra­ge be­trifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de in­ner­staat­li­che Re­ge­lung in den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78 fällt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­se Richt­li­nie, wie sich so­wohl aus ih­rem Ti­tel und ih­ren Erwägungs­gründen als auch aus ih­rem In­halt und ih­rer Ziel­set­zung er­gibt, ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men schaf­fen soll, der gewähr­leis­tet, dass je­de Per­son „in Beschäfti­gung und Be­ruf“ gleich­be­han­delt wird, in­dem ihr ein wirk­sa­mer Schutz vor Dis­kri­mi­nie­run­gen aus ei­nem der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Gründe – dar­un­ter auch das Al­ter – ge­bo­ten wird.
32 Im Ein­zel­nen er­gibt sich aus Art. 3 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2000/78, dass die­se im Rah­men der auf die Eu­ropäische Uni­on über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten „für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len“, u. a. in Be­zug auf „die Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Ar­beits­ent­gelts“ gilt.
33 § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans sieht für Ar­beit­neh­mer, die älter als 54 Jah­re sind, ei­ne Min­de­rung des Ab­fin­dungs­be­trags bei Ent­las­sung vor und be­trifft so­mit die Ent­las­sungs­be­din­gun­gen die­ser Ar­beit­neh­mer im Sin­ne von Art. 3 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2000/78. Ei­ne sol­che in­ner­staat­li­che Be­stim­mung fällt da­her in den Gel­tungs­be­reich die­ser Richt­li­nie.
34 Wie sich aus der ständi­gen Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs er­gibt, müssen die So­zi­al­part­ner, wenn sie Maßnah­men tref­fen, die in den Gel­tungs­be­reich der das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters für Beschäfti­gung und Be­ruf kon­kre­ti­sie­ren­den Richt­li­nie 2000/78 fal­len, un­ter Be­ach­tung die­ser Richt­li­nie vor­ge­hen (Ur­tei­le vom 13. Sep­tem­ber 2011, Prig­ge u. a., C‑447/09, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 48, so­wie vom 7. Ju­ni 2012, Ty­ro­le­an Air­ways Ti­ro­ler Luft­fahrt, C‑132/11, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 22).
35 Zur Fra­ge, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Re­ge­lung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters im Sin­ne von Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 enthält, ist fest­zu­stel­len, dass § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans für Ar­beit­neh­mer, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird oder die das Ar­beits­verhält­nis ein­ver­nehm­lich be­en­den, zur Fol­ge hat, dass die Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung der Son­der­for­mel-Ab­fin­dung ge­genüber­ge­stellt wird. Dem be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer wird der ge­rin­ge­re Be­trag gewährt; er hat je­doch die Ga­ran­tie, ei­nen der Hälf­te der Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung ent­spre­chen­den Be­trag zu er­hal­ten.
36 Nach die­sen Be­stim­mun­gen wur­de Herrn Odar ein Be­trag von 308 357,10 Eu­ro ge­zahlt, der der Hälf­te der Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung ent­spricht. Wenn Herr Odar bei sei­ner Ent­las­sung 54 Jah­re alt ge­we­sen wäre, hätte er, un­ter sonst glei­chen Umständen, An­spruch auf ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von 580 357,10 Eu­ro ge­habt. Dass er älter als 54 Jah­re war, hat da­her zur An­wen­dung der Ver­gleichs­me­tho­de und zur Zah­lung ei­nes ge­rin­ge­ren als des Be­trags geführt, auf den er An­spruch ge­habt hätte, wenn er die­ses Al­ter noch nicht über­schrit­ten ge­habt hätte. Die im Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plan vor­ge­se­he­ne Be­rech­nungs­me­tho­de bei be­triebs­be­ding­ter Kündi­gung stellt so­mit ei­ne un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung dar.
37 Es ist zu prüfen, ob die­se Un­gleich­be­hand­lung gemäß Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt wer­den kann. Nach die­ser Be­stim­mung stellt nämlich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ist und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.
38 Zum Ziel der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den na­tio­na­len Maßnah­men führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, dass der Wort­laut des § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans kei­nen Hin­weis auf die ver­folg­ten Zie­le ent­hal­te. Aus den dem Ge­richts­hof vor­ge­leg­ten Ak­ten geht je­doch her­vor, dass die­se mit dem Ziel der Re­ge­lung des § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG übe­rein­stim­men. Wie das vor­le­gen­de Ge­richt ausführt, müssen die von den So­zi­al­part­nern im Rah­men des So­zi­al­plans gewähl­ten Mo­da­litäten ge­eig­net sein, das in die­ser Be­stim­mung des AGG ge­nann­te Ziel tatsächlich zu fördern, und dürfen die In­ter­es­sen der be­nach­tei­lig­ten Al­ters­grup­pen nicht un­verhält­nismäßig be­ein­träch­ti­gen.
39 Gemäß § 112 des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes in der Fas­sung vom 25. Sep­tem­ber 2001 sei es Sinn und Zweck ei­nes So­zi­al­plans, die Fol­gen struk­tu­rel­ler Verände­run­gen im be­tref­fen­den Un­ter­neh­men aus­zu­glei­chen oder zu ver­rin­gern. In ih­ren schrift­li­chen Erklärun­gen hat die deut­sche Re­gie­rung hier­zu aus­geführt, dass Ab­fin­dun­gen auf­grund ei­nes Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans nicht spe­zi­fisch dar­auf ge­rich­tet sei­en, die Wie­der­ein­glie­de­rung in das Er­werbs­le­ben zu er­leich­tern.
40 Ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach dem Al­ter bei Ab­fin­dun­gen auf­grund ei­nes Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans ver­fol­ge ein Ziel, das auf der Fest­stel­lung be­ru­he, dass, weil es um in der Zu­kunft lie­gen­de wirt­schaft­li­che Nach­tei­le ge­he, be­stimm­te Ar­beit­neh­mer, bei de­nen sol­che sich aus dem Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes er­ge­ben­den Nach­tei­le nicht oder we­ni­ger als bei an­de­ren ein­träten, ge­ne­rell von die­sen Ansprüchen aus­ge­schlos­sen wer­den könn­ten.
41 Die deut­sche Re­gie­rung be­tont in die­sem Zu­sam­men­hang, ein So­zi­al­plan müsse die Ver­tei­lung be­grenz­ter Mit­tel so vor­se­hen, dass er sei­ne „Über­brückungs­funk­ti­on“ in Be­zug auf al­le Ar­beit­neh­mer und nicht nur die älte­ren erfülle. Ein sol­cher Plan dürfe grundsätz­lich nicht da­zu führen, den Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens oder die ver­blei­ben­den Ar­beitsplätze zu gefähr­den. § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG er­lau­be es auch, die Möglich­kei­ten ei­nes Miss­brauchs zu be­gren­zen, der dar­in bestünde, dass ein Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung bezöge, die da­zu be­stimmt sei, ihn bei sei­ner Su­che nach ei­ner neu­en Beschäfti­gung zu un­terstützen, ob­wohl er in den Ru­he­stand tre­te.
42 Die in­ner­staat­li­che Be­stim­mung be­zwe­cke da­her die Gewährung ei­nes Aus­gleichs für die Zu­kunft, den Schutz der jünge­ren Ar­beit­neh­mer so­wie die Un­terstützung bei ih­rer be­ruf­li­chen Wie­der­ein­glie­de­rung und tra­ge zu­gleich der Not­wen­dig­keit ei­ner ge­rech­ten Ver­tei­lung der be­grenz­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel ei­nes So­zi­al­plans Rech­nung.
43 Sol­che Zie­le können, als Aus­nah­me vom Grund­satz des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, u. a. Un­gleich­be­hand­lun­gen in Zu­sam­men­hang mit der „Fest­le­gung be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen [und] älte­ren Ar­beit­neh­mern … zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len“, im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 recht­fer­ti­gen.
44 Darüber hin­aus ist das Ziel, zu ver­mei­den, dass ei­ne Ent­las­sungs­ab­fin­dung Per­so­nen zu­gu­te­kommt, die kei­ne neue Stel­le su­chen, son­dern ein Er­satz­ein­kom­men in Form ei­ner Al­ters­ren­te be­zie­hen wol­len, als le­gi­tim an­zu­se­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ok­to­ber 2010, In­ge­niørfo­re­nin­gen i Dan­mark, C‑499/08, Slg. 2010, I‑9343, Rand­nr. 44). 
45

Un­ter die­sen Umständen ist an­zu­er­ken­nen, dass Zie­le wie die mit § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans ver­folg­ten grundsätz­lich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters, wie in Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 vor­ge­se­hen, als „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ „im Rah­men des na­tio­na­len Rechts“ recht­fer­ti­gen können.

46 Fer­ner muss ge­prüft wer­den, ob die zur Er­rei­chung die­ser Zie­le ein­ge­setz­ten Mit­tel an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind und ob sie nicht über das zur Er­rei­chung des ver­folg­ten Ziels Er­for­der­li­che hin­aus­ge­hen.
47 In die­sem Zu­sam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten und ge­ge­be­nen­falls die So­zi­al­part­ner auf na­tio­na­ler Ebe­ne über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum nicht nur bei der Ent­schei­dung über die Ver­fol­gung ei­nes be­stimm­ten so­zi­al- und beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Ziels, son­dern auch bei der Fest­le­gung der für sei­ne Er­rei­chung ge­eig­ne­ten Maßnah­men verfügen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 5. Ju­li 2012, Hörn­feldt, C‑141/11, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 32).
48 Zur An­ge­mes­sen­heit der in Re­de ste­hen­den Be­stim­mun­gen des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans und des Ergänzen­den So­zi­al­plans ist fest­zu­stel­len, dass die Min­de­rung des Ab­fin­dungs­be­trags bei Ent­las­sung, den Ar­beit­neh­mer er­hal­ten, die zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, im Hin­blick auf das Ziel sol­cher So­zi­alpläne, auf­grund ih­rer be­grenz­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel Ar­beit­neh­mer, für die sich der Über­gang in ei­ne neue Beschäfti­gung als schwie­rig er­weist, stärker zu schützen, nicht un­an­ge­mes­sen er­scheint.
49 So­mit er­scheint ei­ne Be­stim­mung wie § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans nicht of­fen­sicht­lich un­an­ge­mes­sen, um das le­gi­ti­me Ziel ei­ner Beschäfti­gungs­po­li­tik wie der vom deut­schen Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten zu er­rei­chen.
50 Zur Er­for­der­lich­keit die­ser Be­stim­mun­gen ist zwar fest­zu­stel­len, dass gemäß § 7 Punkt 7.2 des Ergänzen­den So­zi­al­plans der frühestmögli­che Ren­ten­ein­tritt im Sin­ne von § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans dem Zeit­punkt ent­spricht, zu dem der Mit­ar­bei­ter erst­mals ei­ne der ge­setz­li­chen Al­ters­ren­ten, auch ei­ne sol­che mit Ab­schlägen we­gen vor­zei­ti­ger In­an­spruch­nah­me, in An­spruch neh­men kann.
51 Wie in Rand­nr. 27 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt, sieht der Vor­sorg­li­che So­zi­al­plan für die­se Ar­beit­neh­mer je­doch le­dig­lich die Min­de­rung des Ab­fin­dungs­be­trags bei Ent­las­sung vor.
52 Da­bei ent­spricht zum ei­nen die Ab­fin­dung für den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer gemäß § 6 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans dem ge­rin­ge­ren nach der Stan­dard­for­mel oder der Son­der­for­mel er­rech­ne­ten Be­trag; der Empfänger hat je­doch die Ga­ran­tie, dass ihm zu­min­dest die Hälf­te des sich nach der Stan­dard­for­mel er­ge­ben­den Be­trags tatsächlich ge­zahlt wird. Wie aus der in Rand­nr. 14 des vor­lie­gen­den Ur­teils wie­der­ge­ge­be­nen Ta­bel­le her­vor­geht, steigt zu­dem der Al­ters­fak­tor, der ein Ko­ef­fi­zi­ent der Stan­dard­for­mel und der Son­der­for­mel ist, schritt­wei­se ab dem Al­ter von 18 Jah­ren (0,35) bis zum Al­ter von 57 Jah­ren (1,70). Erst bei ei­nem Al­ter von 59 Jah­ren be­ginnt die­ser Fak­tor ab­zu­neh­men (1,50) und er­reicht beim Al­ter von 64 Jah­ren sein Mi­ni­mum (0,30). Zum an­de­ren hat der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer gemäß § 6 Punkt 1.5 Un­terabs. 3, auch wenn das Er­geb­nis nach der Son­der­for­mel gleich null ist, An­spruch auf Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung, die der Hälf­te der Stan­dard­for­mel-Ab­fin­dung ent­spricht.
53 Hin­sicht­lich der Be­ur­tei­lung durch das vor­le­gen­de Ge­richt ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans die Frucht ei­ner von den Ar­beit­neh­mer- und den Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­rung ist, die da­mit ihr als Grund­recht an­er­kann­tes Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen aus­geübt ha­ben. Dass es da­mit den So­zi­al­part­nern über­las­sen ist, ei­nen Aus­gleich zwi­schen ih­ren In­ter­es­sen fest­zu­le­gen, bie­tet ei­ne nicht un­er­heb­li­che Fle­xi­bi­lität, da je­de der Par­tei­en ge­ge­be­nen­falls die Ver­ein­ba­rung kündi­gen kann (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ok­to­ber 2010, Ro­sen­bladt, C‑45/09, Slg. 2010, I‑9391, Rand­nr. 67).
54 Nach al­le­dem ist auf die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 2 Abs. 2 und Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit nicht ent­ge­gen­ste­hen, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und die­sen Ar­beit­neh­mern im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist.

Zur vier­ten Fra­ge

55 Mit sei­ner vier­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 2 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit ent­ge­gen­steht, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist und bei der An­wen­dung der al­ter­na­ti­ven Be­rech­nungs­me­tho­de auf die Möglich­keit, ei­ne vor­zei­ti­ge Al­ters­ren­te we­gen ei­ner Be­hin­de­rung zu er­hal­ten, ab­ge­stellt wird.
56 Was ers­tens die Fra­ge be­trifft, ob § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans in Ver­bin­dung mit § 7 Punkt 7.2 des Ergänzen­den So­zi­al­plans ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Be­hin­de­rung im Sin­ne von Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 enthält, ist fest­zu­stel­len, dass der Ab­fin­dungs­be­trag für den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer bei Ent­las­sung gemäß § 7 Punkt 7.2 un­ter Berück­sich­ti­gung des frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritts ge­min­dert wird. Der Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te setzt je­doch ein Min­dest­al­ter vor­aus, und die­ses Al­ter ist bei Schwer­be­hin­der­ten an­ders.
57 Wie die Ge­ne­ral­anwältin in Nr. 50 ih­rer Schluss­anträge aus­geführt hat, wird die ers­te Kom­po­nen­te bei der Be­rech­nungs­me­tho­de nach der Son­der­for­mel für ei­nen schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer im­mer nied­ri­ger sein als für ei­nen gleich­alt­ri­gen nicht­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer. Dass die­ser Be­rech­nung das Ren­ten­ein­tritts­al­ter dem An­schein nach neu­tral zu­grun­de liegt, führt im vor­lie­gen­den Fall zu dem Er­geb­nis, dass schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer, die die Möglich­keit ha­ben, früher, und zwar mit 60 Jah­ren statt mit 63 Jah­ren wie nicht­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer, in Ren­te zu ge­hen, we­gen ih­rer Schwer­be­hin­de­rung ei­ne ge­rin­ge­re Ent­las­sungs­ab­fin­dung er­hal­ten.
58 Wie aus den Ausführun­gen von Herrn Odar her­vor­geht und wie Bax­ter in der münd­li­chen Ver­hand­lung ein­geräumt hat, hätte die Ent­las­sungs­ab­fin­dung, die er er­hal­ten hätte, wenn er nicht schwer­be­hin­dert wäre, 570 839,47 Eu­ro be­tra­gen.
59 Folg­lich er­gibt sich aus § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans in Ver­bin­dung mit § 7 Punkt 7.2 des Ergänzen­den So­zi­al­plans, wo­nach ei­nem schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer bei Ent­las­sung ein ge­rin­ge­rer Ab­fin­dungs­be­trag zu zah­len ist als ei­nem nicht­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer, ei­ne mit­tel­bar auf dem Kri­te­ri­um der Be­hin­de­rung im Sin­ne von Art. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung.
60 Zwei­tens ist zu prüfen, ob sich schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer, die ei­ner kurz vor dem Ren­ten­ein­tritt ste­hen­den Al­ters­grup­pe an­gehören, in ei­nem Kon­text, wie er von der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Be­stim­mung ge­re­gelt wird, in ei­ner Si­tua­ti­on be­fin­den, die mit der nicht­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer, die der­sel­ben Al­ters­grup­pe an­gehören, im Sin­ne von Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 ver­gleich­bar ist. Die deut­sche Re­gie­rung macht nämlich gel­tend, dass die­se bei­den Grup­pen von Ar­beit­neh­mern sich in Be­zug auf ih­ren Ren­ten­an­spruch in ob­jek­tiv ver­schie­de­nen Aus­gangs­si­tua­tio­nen befänden.
61 Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass sich Ar­beit­neh­mer, die kurz vor dem Ren­ten­ein­tritt ste­hen­den Al­ters­grup­pen an­gehören, in ei­ner Si­tua­ti­on be­fin­den, die mit der der an­de­ren vom So­zi­al­plan be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ver­gleich­bar ist, da ihr Ar­beits­verhält­nis mit ih­rem Ar­beit­ge­ber aus dem­sel­ben Grund und un­ter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen en­det.
62 Der schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern gewähr­te Vor­teil, der dar­in be­steht, dass sie ab Er­rei­chen ei­nes Al­ters, das drei Jah­re nied­ri­ger ist als bei nicht­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern, ei­ne Al­ters­ren­te in An­spruch neh­men können, kann sie nämlich ge­genüber die­sen Ar­beit­neh­mern nicht in ei­ne be­son­de­re Si­tua­ti­on brin­gen.
63 Gemäß Art. 2 Abs. 2 Buchst. b der Richt­li­nie 2000/78 ist zu prüfen, ob die Un­gleich­be­hand­lung die­ser bei­den Grup­pen von Ar­beit­neh­mern durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt ist, ob die zu des­sen Er­rei­chung ein­ge­setz­ten Mit­tel an­ge­mes­sen sind und ob sie nicht über das hin­aus­ge­hen, was zur Er­rei­chung des vom deut­schen Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Ziels er­for­der­lich ist.
64 Hier­zu ist zum ei­nen in den Rand­nrn. 43 bis 45 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt wor­den, dass Zie­le wie die mit § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans ver­folg­ten grundsätz­lich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters, wie in Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 vor­ge­se­hen, als „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ „im Rah­men des na­tio­na­len Rechts“ recht­fer­ti­gen können. Zum an­de­ren er­scheint ei­ne sol­che na­tio­na­le Vor­schrift, wie aus Rand­nr. 49 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, nicht of­fen­sicht­lich un­an­ge­mes­sen, um das le­gi­ti­me Ziel ei­ner Beschäfti­gungs­po­li­tik wie der vom deut­schen Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten zu er­rei­chen.
65 Zur Prüfung, ob § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans in Ver­bin­dung mit § 7 Punkt 7.2 des Ergänzen­den So­zi­al­plans über das zur Er­rei­chung der ver­folg­ten Zie­le Er­for­der­li­che hin­aus­geht, ist die­se Vor­schrift in dem Kon­text zu be­trach­ten, in den sie sich einfügt, und sind die Nach­tei­le zu berück­sich­ti­gen, die sie für die Be­trof­fe­nen be­wir­ken kann.
66 Bax­ter und die deut­sche Re­gie­rung ma­chen im We­sent­li­chen gel­tend, die Min­de­rung des Be­trags der Ent­las­sungs­ab­fin­dung, die Herr Odar er­hal­ten ha­be, sei durch den Schwer­be­hin­der­ten gewähr­ten Vor­teil ge­recht­fer­tigt, der dar­in be­ste­he, dass sie ab ei­nem Al­ter, das drei Jah­re nied­ri­ger sei als bei nicht­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern, ei­ne Al­ters­ren­te in An­spruch neh­men könn­ten.
67 Die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on kann je­doch nicht ge­folgt wer­den. Zum ei­nen liegt ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Be­hin­de­rung vor, wenn die strei­ti­ge Maßnah­me nicht durch ob­jek­ti­ve Fak­to­ren, die nichts mit die­ser Dis­kri­mi­nie­rung zu tun ha­ben, ge­recht­fer­tigt ist (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 6. April 2000, Jørgen­sen, C‑226/98, Slg. 2000, I‑2447, Rand­nr. 29, vom 23. Ok­to­ber 2003, Schönheit und Be­cker, C‑4/02 und C‑5/02, Slg. 2003, I‑12575, Rand­nr. 67, so­wie vom 12. Ok­to­ber 2004, Wip­pel, C‑313/02, Slg. 2004, I‑9483, Rand­nr. 43). Zum an­de­ren lie­fe die­se Ar­gu­men­ta­ti­on dar­auf hin­aus, die prak­ti­sche Wirk­sam­keit der na­tio­na­len Vor­schrif­ten, die den ge­nann­ten Vor­teil vor­se­hen, zu be­ein­träch­ti­gen, de­ren Da­seins­be­rech­ti­gung all­ge­mein dar­in be­steht, den Schwie­rig­kei­ten und be­son­de­ren Ri­si­ken Rech­nung zu tra­gen, mit de­nen schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer kon­fron­tiert sind.  
68 So­mit ha­ben die So­zi­al­part­ner bei der Ver­fol­gung des le­gi­ti­men Ziels ei­ner ge­rech­ten Ver­tei­lung der be­grenz­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel, die für ei­nen So­zi­al­plan zur Verfügung ste­hen, ent­spre­chend den Bedürf­nis­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer re­le­van­te Ge­sichts­punk­te, die ins­be­son­de­re die schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer be­tref­fen, un­berück­sich­tigt ge­las­sen. 
69 Sie ha­ben nämlich so­wohl das Ri­si­ko für Schwer­be­hin­der­te, die im All­ge­mei­nen größere Schwie­rig­kei­ten als nicht­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer ha­ben, sich wie­der in den Ar­beits­markt ein­zu­glie­dern, als auch die Tat­sa­che ver­kannt, dass die­ses Ri­si­ko steigt, je mehr sie sich dem Ren­ten­ein­tritts­al­ter nähern. Die­se Per­so­nen ha­ben je­doch spe­zi­fi­sche Bedürf­nis­se im Zu­sam­men­hang so­wohl mit dem Schutz, den ihr Zu­stand er­for­dert, als auch mit der Not­wen­dig­keit, des­sen mögli­che Ver­schlech­te­rung zu berück­sich­ti­gen. Wie die Ge­ne­ral­anwältin in Nr. 68 ih­rer Schluss­anträge aus­geführt hat, ist dem Ri­si­ko Rech­nung zu tra­gen, dass Schwer­be­hin­der­te un­ab­weis­ba­ren fi­nan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen im Zu­sam­men­hang mit ih­rer Be­hin­de­rung aus­ge­setzt sind und/oder dass sich die­se fi­nan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen mit zu­neh­men­dem Al­ter erhöhen.
70 Die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Maßnah­me be­wirkt folg­lich da­durch, dass sie bei be­triebs­be­ding­ter Kündi­gung zur Zah­lung ei­nes Ab­fin­dungs­be­trags an ei­nen schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer führt, der ge­rin­ger ist als die Ab­fin­dung, die ein nicht­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer erhält, ei­ne übermäßige Be­ein­träch­ti­gung der le­gi­ti­men In­ter­es­sen schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer und geht da­her über das hin­aus, was zur Er­rei­chung der vom deut­schen Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten so­zi­al­po­li­ti­schen Zie­le er­for­der­lich ist.
71 Die sich aus § 6 Abs. 1 Punkt 1.5 des Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plans er­ge­ben­de Un­gleich­be­hand­lung kann des­halb nicht gemäß Art. 2 Abs. 2 Buchst. b Ziff. i der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt wer­den.
72 Nach al­le­dem ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 2 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit ent­ge­gen­steht, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist und bei der An­wen­dung der al­ter­na­ti­ven Be­rech­nungs­me­tho­de auf die Möglich­keit, ei­ne vor­zei­ti­ge Al­ters­ren­te we­gen ei­ner Be­hin­de­rung zu er­hal­ten, ab­ge­stellt wird.

Kos­ten

73 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Zwei­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Art. 2 Abs. 2 und Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit nicht ent­ge­gen­ste­hen, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist.

2. Art. 2 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner Re­ge­lung ei­nes be­trieb­li­chen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit ent­ge­gen­steht, die vor­sieht, dass bei Mit­ar­bei­tern, die älter als 54 Jah­re sind und de­nen be­triebs­be­dingt gekündigt wird, die ih­nen zu­ste­hen­de Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns be­rech­net wird und im Ver­gleich zur Stan­dard­be­rech­nungs­me­tho­de, nach der sich die Ab­fin­dung ins­be­son­de­re nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit rich­tet, ei­ne ge­rin­ge­re als die sich nach der Stan­dard­me­tho­de er­ge­ben­de Ab­fin­dungs­sum­me, min­des­tens je­doch die Hälf­te die­ser Sum­me, zu zah­len ist und bei der An­wen­dung der al­ter­na­ti­ven Be­rech­nungs­me­tho­de auf die Möglich­keit, ei­ne vor­zei­ti­ge Al­ters­ren­te we­gen ei­ner Be­hin­de­rung zu er­hal­ten, ab­ge­stellt wird.

Un­ter­schrif­ten


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* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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